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Antiochia 1098: Die Auffindung der Heiligen Lanze in den Augen der Zeitgenossen

Hausarbeit 2008 12 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Die Kreuzfahrer in Antiochia
2. 1. Die Situation nach der Eroberung der Stadt und das Auftreten eines Visionärs
2. 2. Ostendam lanceam - Die Suche nach der Heiligen Lanze
2. 3. Mit göttlicher Hilfe zum Sieg

3. Nachwort

4. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Die Reliquienverehrung hat das gesamte Mittelalter hindurch eine herausragende Bedeutung. Zahlreiche Translationsberichte künden vom Wunsch geistlicher und weltlicher Institutionen, Körper(-teile) und Gegenstände von Heiligen in ihren Besitz zu bringen. In der damaligen Vorstellungswelt waren solche Reliquien von großer sakraler Wirkmächtigkeit. In teilweise obskur anmutenden Zeremonien wurden die sterblichen Überreste vermeintlicher Heiliger verehrt, um sich deren Heilkraft und göttlicher Fürbitte zu versichern. Der Thüringer Landgräfin Elisabeth riss man nach ihrem Tod Zehen- und Fußnägel aus und trug sogar die abgeschnittenen Brustwarzen der Frau als kostbare Reliquien davon.

Neben den Körpern von Heiligen standen bestimmte Kleinodien in hohem Ansehen. Unter diesen war die Heilige Lanze von herausragender Bedeutsamkeit. Nicht umsonst kannte das Mittelalter eine Reihe jener Lanzen, von denen die Besitzer stets behaupteten, die eine echte in Händen zu halten. Noch heute ist in der Wiener Schatzkammer ein Lanzenkopf zu bewundern, der im 10. Jahrhundert von den Ottonen zur Reichsreliquie erhoben wurde. Eine ähnliche Wertschätzung erreichte der legendäre Lanzenfund in Antiochia während des Ersten Kreuzzuges. Die dort gefundene Lanze unterschied sich von der des Römischen Reiches maßgeblich. Sie wurde nicht allein wegen eines Nagels vom Kreuze Christi für heilig befunden, sondern deshalb, weil sie mit dem Blut des Heilands selbst getränkt gewesen sein sollte. In den Augen vieler Zeitgenossen war es die Waffe, mit welcher der Römer Longinus Christus die Seite geöffnet hatte[1]. Mittels dieser Reliquie -so stand es für deren Entdecker fest- war es gelungen die muslimische Übermacht vor Antiochia zu bezwingen und die Stadt in christlichen Besitz zu bringen. Aber nicht alle waren von der Echtheit der Lanze überzeugt. Nicht nur der Feind vermutete einen Betrug, der Streit um die Authentizität der Lanze spaltete das Kreuzfahrerlager selbst und ihr Finder sah im Gottesurteil die einzige Möglichkeit, seine Glaubwürdigkeit zu retten.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Entdeckung jener Heiligen Lanze. Hierbei ist die Klärung der Frage nach der Echtheit des Fundes nicht von Belang. Vielmehr soll untersucht werden, wie die Zeitgenossen -allen voran die Teilnehmer des Kreuzzugs- die Umstände der Auffindung, die Bedeutung der Reliquie und die Visionen ihres Finders beurteilt haben.

Die Quellenlage ist für den Ersten Kreuzzug sehr günstig. Über die Ereignisse im Outremer des späten 11. Jahrhunderts existieren mannigfache Schilderungen, was eine intensive Erforschung zu diesem Thema möglich gemacht hat. Um den Rahmen dieser Hausarbeit nicht unnötig zu sprengen, war es notwendig, eine Auswahl im Quellenmaterial zu treffen: Als Textgrundlage dienen daher in der Hauptsache die Chroniken zweier Augenzeugen. Es ist dies zum einen die Historia Francorum qui ceperunt Jerusalem des Raimund von Agiles[2], der als Kaplan des südfranzösischen Grafen Raimund IV. von Toulouse am Ersten Kreuzzug teilgenommen hatte[3]. Als zweite Quelle, insbesondere für den Kampf der Kreuzfahrer mit Kerbogha, ist die anonyme Gesta Francorum et aliorum Hieroslymitanorum von Relevanz. Ihr Verfasser ist namentlich weder genannt, noch lässt sich etwas Sicheres über die Rolle, die er während des ersten Kreuzzuges gespielt hat, sagen. Allein der Tatsache nachgehend, dass der Autor des Lateinischen mächtig war und Partei für den apulischen Normannen Bohemund von Tarrent ergreift, kann man die Vermutung wagen, dass der Anonymus Kleriker im Gefolge jenes Heerführers gewesen ist.

Um die Bedeutung der Auffindung der Heiligen Lanze und deren Einfluss auf die belagerten Kreuzfahrer in vollem Maße erfassen zu können, wird es überdies nötig sein, die Hauptquellen mit christlichen und muslimischen Quellen ergänzend zu flankieren.

2. Die Kreuzfahrer in Antiochia

2.1. Die Situation nach der Eroberung der Stadt und das Auftreten eines Visionärs

Nach einer entbehrungsreichen mehrmonatigen Belagerung[4] fiel Antiochia im Sommer 1098 in die Hände der Kreuzfahrer. Durch einen Verräter, der mit der Bewachung des Stadttores betraut war, hatten sich die Christen Einlass verschafft. Bereits kurze Zeit nachdem man sich in der Stadt eingerichtet hatte, merkten die Eroberer wie materiell ausgeblutet Antiochia war. Die Vorräte waren aufgebraucht und es gab nur wenig Trinkwasser. Das Kreuzheer befand sich in desolatem Zustand: Die Gesta Francorum dokumentiert, dass der Hunger so groß gewesen ist, dass die Männer gezwungen waren, sich an dem Fleisch ihrer Pferde und Esel zu vergreifen[5]. Zu allem Übel rückte nun auch ein gewaltiges seldschukisches Endsatzheer unter Kerbogha, dem Atabeg von Mossul, auf die Stadt vor. Aus den Belagerten waren also bald selbst Belagerte geworden. Als Verhandlungen mit dem Feind gescheitert waren[6], blieb den Kreuzfahrern nichts anderes übrig als einem baldigen Angriff zu harren.

Aber die Christen sollten nicht verloren sein, wie Raimund von Agiles darstellt. Verheißungsvoll schreibt er nämlich, dass Gott einen Bauern erwählt habe, der die verzweifelten Kreuzfahrer wieder aufrichten sollte[7]. Bei diesem Auserwählten handelte es sich um Petrus Bartholomäus, einem Gemeinen, der vom Heiligen Andreas mit der Bergung der verloren gegangenen lancea domini beauftragt worden sein sollte.

Visionen waren zur Zeit des Ersten Kreuzzuges alles andere als ungewöhnlich. Die Quellen sind voll von solchen Schilderungen. Der deutsche Chronist Robert von Aachen beispielsweise schildert in seiner Historia Hierosolymitanae expeditionis die Vision eines Priesters namens Stephan[8] und auch die anonyme Gesta Francorum weiß eine Vielzahl solcher Berichte wiederzugeben[9].

Es ist jedoch kein Zufall, dass Raimund von Agiles die Visionen des Petrus Bartolomäus so ausführlich berichten kann. Raimund gibt sich nicht nur als Augenzeuge, sondern auch als Landsmann des Visionärs. Aus der Sicht eines Provençalen ist deshalb nicht verwunderlich, dass Petrus Bartholomäus die Audienz ausgerechnet bei Raimund von Toulouse und Bischof Adhémar von LePuy suchte[10]. Wer im Mittelalter den Umgang mit Heiligen pflegte, lief stets Gefahr, als Lügner oder gar als anmaßender Ketzer betrachtet und bestraft zu werden. Dass Petrus Bartholomäus gerade bei Bischof Adhémar von LePuy auf Ablehnung stößt, ist daher nicht ungewöhnlich[11]. Diese Haltung mag aber gleichfalls mit der Kritik, die der Heilige Andreas durch den Mund des einfachen Mannes am päpstlichen Legaten geäußert haben soll, zusammenhängen[12]. Der Oberhirte würde nämlich Predigt und Segnung vernachlässigen und somit seiner pastoralen Pflichten nur bedingt nachkommen. Eine nähere Betrachtung verdient an dieser Stelle die Wortgruppe cum cruce signare. Vom Kontext ausgehend kann man diese Formulierung zurecht auf die Segenshandlung eines Geistlichen beziehen. Es lässt sich aber eine interessante Parallele zu der ab dem 12. Jahrhundert gebräuchlichen Bezeichnung crucesignatus ziehen, die den Kreuzfahrer selbst -weil er sich nach abgelegten Gelübde zur Kennzeichnung des neuen Status ein Stoffkreuz auf die Kleidung heftete- meint[13]. Handelt es sich bei der Formulierung Raimunds von Agiles bereits um einen Vorgriff oder gar ein Vorbild jener späteren Personenbenennung? Diese Frage lässt sich nicht zweifelsfrei beantworten, da ungewiss ist, ob es sich lediglich um eine Metapher des Segensgestus handelt oder ob der Autor, in einer Situation die wieder aufflammenden Mut und Tatendrang nötig hatte, das Bedürfnis nach einer Erneuerung des Kreuzzugsgelübdes durch eine wiederholte symbolische Kennzeichnung der Teilnehmer äußern wollte.

[...]


[1] Vgl. Joh. 19, 34, sowie Matt. 27, 54 und Mk. 15, 39.

[2] Auch Raimund von Aguilers.

[3] Vgl. Art. Raimund von Aguilers, in: Bautz, Sp. 1311.

[4] Dauer der Belagerung: Oktober 1097-03. Juni 1098.

[5] Interea tanta oppressione fuimus oppressi, ut equos et asinos nostros manducaremus. Gesta Francorum, Lib. IX, Cap. XXIII; vgl. auch Ibn-al-Atir: al-Kâmil fî 't-Ta´rîch, S. 194.

[6] Vgl. Gesta Francorum, Lib. IX, Cap. XXVIII.

[7] Igitur quum capta esset civitas Antiochię, usus sua potentia et benignitate dominus, pauperem quendam rusticum elegit, provincialem genere, per quem omnes nos confortav it[...]. Historia Francorum qui ceperunt Jerusalem, Cap. X.

[8] Vgl. Albert von Aachen: Historia Hierosolymitanae expeditionis, Lib. III. Siehe auch Chalandon, F.: Histoire de la Primière Croisade, S. 215.

[9] Vgl. Gesta Francorum, Lib. IX, Cap. XXIV.

[10] [...] et comiti (a) et Podiensi epicopo (b) , hęc verba mandavit. Historia Francorum qui ceperunt Jerusalem, Cap. X.

(a) comes Sancti Egidii – Graf Raimund IV. von Toulouse (ca. 1141-1105); (b) Bischof Adhémar von LePuy († 01. August 1098).

[11] Episcopus autem ni[c]hil esse preter verba putavit. Ebenda, Cap. X.

[12] Congrega episcopum Podiensem et comitem Sancti Egidii [...] et hoc dices ad illos: cur neglegit episcopus predicare et commonere et cum cruce quam prefert cotidie signare populum? Ebenda, Cap. X; vgl. auch Zöllner, W.: Geschichte der Kreuzzüge, S. 70.

[13] Vgl. Jaspert, N.: Die Kreuzzüge, S. 21; siehe auch: Eo anno (d. i. 1186) Fridericus imperator iam cruce signatus conventum pirincipum apud Nurimberg coadunavit, ubi de pace terre disposuit et in litteras redigi iussit, quas

Details

Seiten
12
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640221660
ISBN (Buch)
9783640223558
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v118906
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte
Note
1,0
Schlagworte
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Titel: Antiochia 1098: Die Auffindung der Heiligen Lanze in den Augen der Zeitgenossen