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Polemik und Prophetie bei Liutprand von Cremona

Untersuchungen zu Liutprands Gesandtschaftsreise Kapitel 39-41

Seminararbeit 2008 13 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Die Relatio de Legatione Constantinopolitana und ihre Einbettung in die Historie

3. Kapitel 37-38 – Der Tiergarten und das Geschenk des Kaisers

4. Leo et catulus contra onagrum – Die Prophetien in den Kapiteln 39-41
4.1. Kapitel 39 – Nikephoros' Krieg gegen die Araber
4.2. Kapitel 40 – Der Löwe und sein Welpe
4.3. Kapitel 41 – Liutprandi Cremonensis episcopi interpretationem

5. Nachwort

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Leo et catulus simul exterminabunt onagrum - „Der Löwe und sein Welpe werden gemeinsam den Wildesel vertreiben.“

In der Relatio de legatione Constantinopolitana des Liutprand von Cremona spielt dieser Satz eine entscheidende Rolle und bildet zugleich die Spitze einer thematischen Klimax, die die Niedertracht des byzantinischen Kaisers auf der einen, die Glorie des liudolfingisch-ottonischen Herrscherhauses auf der anderen Seite darzulegen beabsichtigt.

Was auf den ersten Blick trivial erscheint, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als überaus vielschichtig und fassettenreich. Bischof Liutprand, der zwecks der Vermittlung einer kaiserlichen Heirat nach Konstantinopel geschickt worden war, gibt in den Kapitel 39-41 nicht nur einen weiteren unmissverständlichen Eindruck seiner politischen Loyalität, sondern transferiert eine byzantinische Apokalyptik in den katholischen Westen, die dort bis dahin weitgehend unbekannt war.

Seit dem neunzehnten Jahrhundert wurde der Gesandtschaftsbericht des Cremonenser Bischofs unter dem Gesichtspunkt seiner historischen Authentizität betrachtet. Zeitweise sogar, als für die Geschichtswissenschaft nicht zu gebrauchen, abgetan, fand in diesem vornehmlich die Polemik des Verfassers gegen den byzantinischen Kaiser Nikephoros II. Phokas Beachtung. Allzu häufig wurden hierbei Liutprands Beschwerden über die byzantinischen Speisen als pars pro toto zitiert.

Die Darlegung, Kommentierung und Interpretation griechischer und römischer Visiones fanden in der Forschung dagegen wenig Aufmerksamkeit. Einzig Johannes Koder und Thomas Weber (Liutprand von Cremona in Konstantinopel. Untersuchungen zum griechischen Sprachschatz und zu realienkundlichen Aussagen in seinen Werken), sowie der 2000 erschienener Aufsatz von Wolfgang Brandes „Liudprand von Cremona (Legatio Cap. 39-41) und eine bisher unbeachtete west-östliche Korrespondenz über die Bedeutung des Jahres 1000 A. D.“ beschäftigten sich eingehender mit der Problematik der Prophetie.

Die vorgelegte Arbeit hat sich der Analyse der Kapitel 39-41 verschrieben. Neben der Interpretation der Quelle, als historisches Zeugnis für Sichtweisen und Intention des Autors, sollen die von

Liutprand angeführten Weissagungen und deren Deutung nähere Betrachtung erfahren. Folgende Fragestellungen sind der Untersuchung zu Grunde gelegt worden:

1. Wie werden die Prophezeiungen gedeutet? Inwieweit werden sie von Liutprand prononciert?
2. Welche Deutung gibt der Verfasser selbst?
3. Welche Motive desselben lassen sich aus der Darlegung und Interpretation dieser Weissagungen herauslesen?

2. Die Relatio de legatione Constantinopolitana und ihre Einbettung in die Historie

Liutprand von Cremona[1] entstammte einer Familie von Diplomaten. Schon sein Vater unternahm 927, im Auftrag des italienischen Königs Hugo von der Provençe, eine Gesandtschaftsreise an den byzantinischen Hof nach Konstantinopel. Als nach dessen Tod Liutprands Stiefvater die Erziehung des Knaben übernahm, führte er die diplomatische Tradition der Familie fort. Auch er weilte im Jahre 942 als Abgesandter in Byzanz, wohin er den Stiefsohn mitnahm[2].

Dennoch dauerte es weitere sechs Jahre bis der junge Liutprand seine eigene Diplomatenkarriere begann[3].

Als er schließlich 968 von Otto I.[4] den Befehl erhielt, an den byzantinischen Kaiserhof zu reisen, konnte er sich bereits mit zwei diplomatischen Missionen eben dorthin empfehlen.

Die politische Landschaft hatte sich seit seinem letzten Aufenthalt aber merklich verändert. Es waren nun nicht mehr die an einem Ausgleich mit dem Westen interessierten Anhänger Konstantins

VII. an der Macht, sondern die Parteigänger Nikephoros II. Phokas[5], der das Kaisertum seit 963 usurpiert hatte[6]. Durch militärische Erfolge gestärkt, trat dieser dem ottonischen Emissär mit großem Selbstbewusstsein gegenüber. Der Byzantiner fühlte sich durch Ottos I. Agitationen in Süditalien provoziert. Der sächsische König hatte nicht nur die im Einvernehmen mit Byzanz stehenden Herzogtümer angegriffen, weil er der Meinung war, die Herrschaft über Italien stehe, mit dem Erwerb der Kaiserkrone, ihm allein zu. Er bedrohte auch die letzten Überreste der griechischen Besitzungen in Apulien und Kalabrien. Permanent attackierte er diese, um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen[7].

Liutprands Gesandtschaft verfolgte drei wichtige Ziele: Er hatte die Anerkennung Ottos als Kaiser der Römer einzuholen. Damit verbunden, war die Heimführung einer „purpurgeborenen“ Prinzessin als Gemahlin für Otto II. Ferner sollte der Bischof von Cremona dem Oströmer das Zugeständnis abringen, die Herrschaft über Mittelitalien, einschließlich Roms, den Ottonen zu überlassen[8].

Nikephoros II. war zu solchen Zugeständnissen aber keineswegs bereit. Er setzte alles daran, die vermessenen sächsischen Okkupanten zu vertreiben: Bereits 967 hatte er ein Herr gerüstet und schickte im Sommer des Folgejahres eine Flotte zur Unterstützung von Ottos Gegnern nach Süditalien[9].

Liutprand von Cremona bekam die Aversionen des byzantinischen Usurpators freilich zu spüren. Nach orientalischem Habitus begegnete man ihm, einem erfahrenen Konstantinopelreisenden, mit äußerstem Misstrauen und behandelte ihn mehr als Spion, denn als Gast. Nach über sechs Monaten in der byzantinischen Hauptstadt musste er unverrichteter Dinge nach Hause zurückkehren.

3. Kapitel 37-38 – Der Tiergarten und das Geschenk des Kaisers

Die Kapitel 39-41 betten sich in den Aufenthalt der Hofgesellschaft, zu denen auch Gesandte wie Liutprand gehörten, im kaiserlichen Tierpark nahe der Palastanlage ein. Nachdem Liutprand die Speisetafel wegen eines Eklats wütend verlassen hatte[10], konnte er durch einen griechischen Diener zur Rückkehr bewogen werden.

Als sich der italienische Bischof auf dem Weg zur Tafel befand, kamen ihm unter einer Herde Rehe, einige Wildesel entgegen. Weil er solche Tiere nie gesehen hatte, verglich er sie spontan mit den heimischen Hauseseln[11].

Interessant ist Liutprands Reaktion auf das Angebot seines byzantinischen Begleiters, seinem Herrn diese Tiere zum Geschenk zu machen, zeige sich jener willig, Nikephoros gefügig zu sein.

Leichtsinnig lehnt er das Geschenk ab und bietet dem Griechen seinerseits an, sein Mitbruder und coepiscopus Antonius könne Nikephoros viel nutzbringendere Tiere angedeihen lassen. Gemeint waren die domestizierten Esel Cremonas. Liutprand bemühte sich redlich, die Vorzüge dieser Tiere den Nachteilen der anderen in Antithese gegenüber zu stellen[12]. Damit diskreditierte er die großzügigen Gaben des byzantinischen Kaisers, indem er behauptete, dass im lateinischen Westen selbst jemand, der im Rang um einiges niedriger, über weitaus brauchbarere Geschenke verfüge als der höchste Würdenträger des Ostens. Zugleich könnten die Esel auch als pars pro toto für die Vorzüge des Westens und die Nachteile des Ostens stehen. Wenn man dieser Interpretation folgen wollte, würde der onagrus die Nutz- und Zügellosigkeit des byzantinischen Kaisertums Nikephoros'

II. Phokas im engeren Sinne, der asinus domesticus dagegen Nützlichkeit und Legitimität des ottonischen Kaisertums verkörpern. Ob Liutprand nun genau diesen Gegensatz auszudrücken suchte, bleibt Spekulation.

Sicher ist jedoch, dass er sich größte Mühe gab, den hohen Prestigewert der byzantinischen Wildesel als kaiserliches Geschenk herunterzuspielen.

4.Leo et catulus contra onagrum – Die Prophetien in Kapitel 39-41

4.1. Kapitel 39 – Nikephoros' Krieg gegen die Araber

Wie Liutprand von Cremona zu Ende des 38. Kapitels äußerst prägnant dargelegt hat, bekam er von Nikephoros die Erlaubnis, an den Hof Ottos I. zurückzukehren[13]. Den Grund für die unerwartete Heimkehr fügte Liutprand gleich im Folgesatz an. Dort heißt es, der byzantinische Kaiser sei nach Syrien aufgebrochen[14].

Aus dieser Stelle lässt sich das Misstrauen Nikephoros' herauslesen, dem es vermutlich Unbehagen bereitete, den Legaten seines Feindes an seinem Hof zu behalten, wenn er ihn nicht selbst überwachen konnte.

Doch dies sei nur am Rande erwähnt. Um den plötzlichen Aufbruch des Kaisers verstehen zu können, ist ein Blick in das nächste Kapitel notwendig. Dort legt Liutprand glaubwürdig dar, dass Nikephoros einen Feldzug gegen die Assyrer, d. i. die Araber, anführte[15]. Mit der Verwendung der Bezeichnung Assyrii erlaubte sich der Autor den Rückgriff auf eine alte Tradition griechischer Literatur. Bereits der antike Geschichtsschreiber Herodot meinte damit die Bewohner Syriens[16].

Häufiger noch taucht diese Benennung im apokalyptischen Schriftgut des Mittelalters, besonders in den Sibyllinischen Weissagungen, auf[17]. Aus dieser Überlieferung heraus avancierte der Begriff Assyrii zu der gebräuchlichen Bezeichnung der syrischen und afrikanischen Araber[18].

[...]


[1] 920-972; Bischof von Cremona seit 961. Vgl. dazu LexMA, Sp. 2041.

[2] Vgl. Brandes, W.: Liutprand von Cremona (Legatio Cap. 39-41), S. 438.

[3] 949 reiste Liutprand im Auftrag Berengars II. nach Konstantinopel.

[4] 912-973, Kg. seit 936, Ks. seit 962. Vgl. dazu Genealogie der Ottonen bei Nitschke, August: Frühe christliche Reiche, in: Propyläen Weltgeschichte, Bd. 5, hg. v. G. Mann/A. Nitschke, 2. Aufl., Berlin/Frankfurt a. M. 1991, S. 326f.

[5] Ks. 963-969, 969 unter Mithilfe seiner Gemahlin ermordet; vgl. hierzu Ostrogorsky, G.: Geschichte des byzantinischen Staates, in: Handbuch der Altertumswissenschaften, Bd. 12, 1, 2, 3. Aufl., München 1963, S. 243.

[6] Vgl. wie Anm. 2.

[7] Vgl. Nischke, A.: Frühe christliche Reiche, S. 344.

gloria, cum ipse possidebit, quod nemo dominorum decessorum suorum vidit“. Sed mihi credite, domini mei augusti, confrater et coepiscopus meus domini Antonius potest non inferiores dare, ut commercia testantur, quae fiunt Cremonae, atque ipsi non onagri, sed domestici, non vacui, sed onerati procedunt. Ebenda, Cap. 38.

[8] Vgl. Ebenda, S. 344.

[9] Vgl. Lintzel, M.: Studien über Liudprand von Cremona, S. 39.

[10] Nikephoros soll süditalienische Abgesandte zu Schmähungen Ottos I., der Lateiner und Deutschen aufgefordert haben: Cumque abirem, iussit interpreti me sibi convivam fieri accitisque eorundem principium fratre et Bysantio Barisiano magnas in vos gentemque Latinam et Teutonicam contumelias evomere iussit. Liutprand: Relatio de legatione Constantinopolitana, Cap. 37.

[11] Quod cum facerem, occurrunt mihi commisti capreis, quos ipsi dicunt, onagri. Sed, queso, quales onagri? Quales sunt Cremonae domestici. Ebenda, Cap. 38.

[12] „Si“, inquit, „dominus tuus sancto imperatori morigeratus fuerit, multos illi huiusmodi dabit, eritque illi non parva gloria, cum ipse possidebit, quod nemo dominorum decessorum suorum vidit“. Sed mihi credite, domini mei augusti, confrater et coepiscopus meus domini Antonius potest non inferiores dare, ut commercia testantur, quae fiunt Cremonae, atque ipsi non onagri, sed domestici, non vacui, sed onerati procedunt. Ebenda, Cap. 38.

[13] Sed cum ea superius scripta verba idem Nicephoro nuntiasset, transmissis mihi duabus capreis, ut abirem, licentiam dedit. Liutprand: Relatio de legatione Constantinopolitana, Cap. 38.

[14] In crastinum autem Syriam versus profectus. Ebenda, Cap. 38.

[15] Sed cur exercitum nunc in Assyrios duxerit, quaeso advertite. Ebenda, Cap. 39. 16 Vgl. Herodot VII, 63.

[16] Vgl. Herodot VII, 63.

[17] So z. Bsp. in 59 (III, 207), 95 (IV, 49), 120 (V, 336), 191 (XII, 42), 195 (XII, 135), 196 (XII, 154), 205 (XIII, 54); vgl. entsprechende Stellen in Gauger, Jörg-Dieter/Kurfess, Alfons (Hg.): Oracula Sibyllina. Sibyllinische Weissagungen, 2. Aufl., Düsseldorf 2002.

[18] Vgl. Brandes: Liudprand von Cremona, S. 439, Anm. 19.

Details

Seiten
13
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640221301
ISBN (Buch)
9783640223282
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v118804
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte
Note
1,0
Schlagworte
Polemik Prophetie Liutprand Cremona Quellenseminar Ottonen Frühmittelalter Byzanz Konstantinopel Otto I. Nikephoros Kaiser Römisches Reich Deutschland

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