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Der chemische Krieg. Der Einsatz von Gas im Ersten Weltkrieg

Zwischen Abwehr und Kampfstoffforschung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 32 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der Weg in den Gaskrieg
1.1. Der Weg in den Stellungskrieg
1.2. Die ersten Schritte in den Gaskrieg

2. Ypern, 22. April 1915 – Der Beginn des Gaskrieges

3. Das chemische Wettrüsten 1915-1918

4. Gasschutz und medizinische Versorgung
4.1. Gasschutz
4.2. Medizinische Versorgung

5. Der Gaskrieg – Eine unritterliche aber humane Art der Kriegführung?

Fazit

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

Anhang

Einleitung

“Gas! Gas! Quick, boys! – An ecstasy of fumbling,

Fitting the clumsy helmets just in time;

But someone still was yelling out and stumbling.

And flound’ring like a man in fire or lime…

Dim, through the misty panes and thick green light.

As under a green sea, I saw him drowning.

In all my dreams, before my helpless sight,

He plunges at me, guttering, choking, drowning.

If in some smothering dreams you too could pace

Behind the wagon that we flung him in,

And watch the white eyes writhing in his face,

His hanging face, like a devil´s sick of sin;

If you could hear, at every jolt, the blood

Come gargling from the froth-corrupted lungs,

Obscene as cancer, bitter as the cud

Of vile incurable sores on innocent tongues, -

My friend, you would not tell with such high zest

To children ardent for some desperate glory,

The old Lie: Dulce et decorum est

Pro patria mori.“[1]

Der 22. April 1915, der Tag des ersten massiven Angriffs mit Giftgas in der Geschichte, markiert den Beginn der chemischen Kriegsführung. Auch wenn es vorher schon Versuche mit chemischen Kampfmitteln gab, die Büchse der Pandora wurde an diesem Tag geöffnet. Jener Angriff entfesselte eine verhängnisvolle Ereigniskette, löste ein chemisches Wettrüsten ungeahnten Ausmaßes aus. Das Gas wurde eingesetzt, um den festgefahrenen Krieg rasch zu beenden. Stattdessen verursachte es unsägliches Leid bei hunderttausenden von Soldaten. Nach dem Krieg stahlen sich Wissenschaftler und Offiziere, die maßgeblich daran beteiligt waren, dieses Inferno zu entfesseln, aus ihrer Verantwortung, behaupteten gar, der chemische Krieg sei eine sehr humane Art einer zivilisierten Kriegsführung.

Ziel dieser Arbeit ist, die Hintergründe des Einsatzes chemischer Kampfmittel während des Ersten Weltkrieges zu beleuchten. Wie entstand der Gaskrieg und mit welchen Mitteln wurde er geführt? Welche Maßnahmen traf man, um sich vor Gas zu schützen und wie wurden die betroffenen Soldaten medizinisch versorgt? Und schließlich: Wie wurde der Gaskrieg während des Krieges und danach gesehen? Um diese Fragen zu beantworten, soll zunächst auf die Ereignisse vor dem 22. April 1915 und die ersten Experimente mit chemischen Reizstoffen eingegangen werden. Anschließend folgt eine Beschreibung der Ereignisse, die zu jenem Apriltag des Jahres 1915 führten und was an diesem Datum geschah. Das darauffolgende chemische Wettrüsten bis Kriegsende wird im nächsten Abschnitt behandelt. In diesem Zusammenhang werden auch Wirkung und Eigenschaften der wichtigsten chemischen Kampfstoffe, die während dieses Zeitraumes verwendet wurden, beschrieben. Danach sollen die Gasschutzmaßnahmen und die medizinische Versorgung der Gasverletzten behandelt werden. Schließlich folgt eine völkerrechtliche Beurteilung des ersten deutschen Gaseinsatzes.

Obwohl auch von anderen Kriegsparteien Gas verwendet wurde, behandelt diese Arbeit hauptsächlich den Einsatz chemischer Kampfmittel durch Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Russland und die USA werden nur am Rande erwähnt. Auf andere Kriegsbeteiligte einzugehen, würde den Rahmen der Arbeit sprengen.

1. Der Weg in den Gaskrieg

„Mit der Entstehung des Stellungkrieges mußte das Bedürfnis aufwachen, […] das Bedürfnis nach Kampfmitteln, die hinter die Schutzwehr des Verteidigers hinterfaßten, und ihn aus der Deckung verjagten, in der er für die Geschosse des Angreifers nicht genügend erreichbar war.“[2]

1.1. Der Weg in den Stellungskrieg

Alfred von Schlieffen, Chef des Generalstabs von 1890 bis 1905, entwarf während seiner Amtszeit einen Plan, um im Falle eines Zweifrontenkriegs gegen Frankreich und Russland einen schnellen Sieg zu erringen. Dieser Plan beinhaltete in der ersten Phase des Krieges eine Offensive im Westen, da Schlieffen davon ausging, dass die russische Mobilmachung zunächst nur langsam anlaufen würde. Daher sollte ein großer Teil der deutschen Armee durch Belgien nach Frankreich vorstoßen, um die Festungen des Gegners an der deutsch-französischen Grenze zu umgehen. Ziel dieser Operation sollte es sein, die französische Armee durch beinahe minutiös geplante Truppenbewegungen einzukreisen und schließlich innerhalb kürzester Zeit zu vernichten. Jedoch warnte Schlieffen bereits 1905 vor einem langwierigen Stellungskrieg, falls die deutschen Streitkräfte von den französischen gestoppt würden. Zudem plante er für diese Operation mehr Truppen ein, als Deutschland am Anfang des 20. Jahrhunderts besaß.[3]

Am 4. August 1914, wenige Tage nach Beginn des Ersten Weltkriegs, überschritten die deutschen Truppen die Grenze zu Belgien. Der Nachfolger Schlieffens im Amt des Generalstabschefs Helmuth von Moltke ging im Prinzip gemäß dem Plan seines Vorgängers vor, modifizierte ihn jedoch in einigen Punkten. Die deutschen Truppen rückten zunächst planmäßig vor und stießen dabei kaum auf Widerstand. Sie eroberten die Festung von Liège, wenig später marschierten sie in Brüssel ein. Allerdings kam dieser schnelle deutsche Vormarsch bald ins Stocken. Die noch kaum motorisierten Truppen waren nur unter größten Anstrengungen in der Lage, mit der Geschwindigkeit vorzurücken, wie der Schlieffen-Plan es verlangte. Zudem wurde die Versorgung der Soldaten und der mitgeführten Pferde zunehmend schwieriger ebenso wie die Kommunikation miteinander und dem Hauptquartier. Diese Faktoren, gepaart mit Fehlentscheidungen der deutschen Heeresleitung und der Tatsache, dass Großbritannien und Frankreich begonnen hatten ihre Armeen östlich von Paris neu zu formieren und sich den deutschen Truppen zu stellen, führten Anfang September 1914 zu einer Wende des bisherigen Kriegsverlaufs. Nach heftigen Kämpfen an der Marne war der deutsche Vorstoß gestoppt. In den folgenden Wochen drängten die Kämpfe bis an den Ärmelkanal. Es entstand nun eine Frontlinie aus einem Geflecht von Schützengräben, die sich über 700 Kilometer, vom Ärmelkanal an der belgischen Küste bis zur Grenze der Schweiz zog – der Stellungskrieg, der bis 1918 andauern sollte, hatte begonnen.[4]

1.2. Die ersten Schritte in den Gaskrieg

Zu Beginn des Krieges plante keiner der Kriegsparteien einen Einsatz chemischer Kampfstoffe. Im Herbst 1914 schien es so, als ob man den festgefahrenen Stellungskrieg mit konventionellen Waffen nicht lösen könne. Daher begann man sowohl auf deutscher als auch auf alliierter Seite über Alternativen nachzudenken. Der deutsche Major a. D. Julius Meyer schrieb 1925 hierzu:

„Erst vom Beginn dieses Stellungskrieges an zählen auch die deutschen Versuche, die Gaswaffe auszubilden und zu versuchen, damit den Gegner aus seinen Gräben und Deckungen herauszuwerfen, um so wieder in den Bewegungskrieg übergehen zu können.“[5]

Die Voraussetzungen für die Produktion chemischer Kampfmittel waren besonders in Deutschland gegeben. Die im Ersten Weltkrieg als Kampfstoffe verwendeten Substanzen waren aus der chemischen Industrie bereits bekannt. Deutschland war schon in der Vorkriegszeit führend in der Herstellung von Farbstoffen; 90% der weltweit erzeugten Farben kamen aus deutscher Produktion. Daher verfügte die deutsche Industrie zu Beginn des Krieges über einen entscheidenden technologischen Vorsprung sowohl in der Produktion und Handhabung chemischer Stoffe als auch in arbeitsmedizinischen Fragen. Letzterer Punkt spielte im Verlauf des Krieges für die Entwicklung von Gasschutzmaßnahmen und der Verbesserung der medizinischen Versorgung eine Rolle.[6]

Frankreich produzierte bereits 1912 Gewehrpatronen, die 19 ml Bromessigsäureethylester enthielten. Diese sogenannten „cartouches suffocantes“ wurden anfänglich für die französische Polizei zur Erstürmung von Gebäuden entwickelt. Die Gaspatronen sollten ursprünglich durch ein Fenster in einen geschlossenen Raum geschossen werden und die sich dort aufhaltenden Personen kampfunfähig machen. Einen ähnlichen Effekt erwartete man auch beim Einsatz dieser Waffen im Grabenkrieg, sie sollten den Gegner aus den Schützengräben treiben oder zumindest ihre Einsatzbereitschaft vermindern. Bromessigsäureethylester wirkt reizend auf die Augen und oberen Atemwege, in sehr hohen Konzentrationen verursacht dieser Stoff Lungenschäden, die zum Tod führen können. Zu Beginn des Stellungskrieges begann Frankreich mit der Produktion von Gasgranaten, die, da es zu dem Zeitpunkt an Brom mangelte, mit dem ähnlich wirkenden Chloraceton gefüllt waren. Bald jedoch stellte sich heraus, dass sowohl die ursprünglich für den Häuserkampf entwickelten Gasgewehrpatronen als auch die mit einer etwas größeren Menge Chloraceton gefüllten Gasgranaten im offenen Gelände nahezu wirkungslos waren, da die in ihnen enthaltene Gasmenge zu gering war.[7]

Auch das deutsche Militär experimentierte bereits vor dem Krieg mit chemischen Reizstoffen. Diese Versuche wurden jedoch mangels positiver Ergebnisse bald wieder aufgegeben.[8] Die ersten Überlegungen auf deutscher Seite im Herbst 1914, chemische Kampfmittel im festgefahrenen Krieg einzusetzen, beschreibt Oberst Max Bauer in seinem 1919 erschienenen „Denkschrift betreffend den Gaskampf und Gasschutz“. Bauer beschreibt die Verluste der deutschen Truppen bei Angriffen auf französische Dörfer, die daraus resultierten, dass sich die gegnerischen Soldaten in Kellern verschanzen konnten. Um diese Verluste zu senken, „sollten […] Brand-, Rauch-, Reiz- oder Stinkstoffe konstruiert werden, die entweder das Haus gründlich in Brand setzten oder durch ihre unerträgliche Wirkung auf den Menschen den Aufenthalt in dem beschossenen Hause […] unmöglich machten.“[9] Das Resultat dieser Überlegungen war das sogenannte NI-Geschoss, das mit einem feinen Staub mit augen- und atemwegreizender Wirkung gefüllt war. Der erhoffte Erfolg blieb jedoch aus, denn „die vereinzelte Anwendung der Munition ging unbeachtet vorüber.“[10] Ende des Jahres 1914 wurde die Produktion der NI-Geschosse wieder eingestellt. Stattdessen begann man nun mit 15 cm Granaten zu experimentieren, die mit dem ebenfalls augenreizenden Xylylbromid[11] gefüllt waren. Diese sogenannte Granate T konnte mit vier Litern Kampfstoff gefüllt werden und erzeugte nach der Explosion einen feinen Nebel aus Xylylbromidtröpfchen.[12] Der erste Einsatz dieses Stoffes auf dem Schlachtfeld erfolgte in der Nähe von Lodz und Bolimow an der Ostfront gegen russische Truppen im Januar 1915. Allerdings schlug der Einsatz fehl, denn aufgrund der tiefen Temperaturen konnte der Stoff nicht verdampfen. Im Laufe des Frühjahres 1915 folgten weitere Versuche an der Westfront mit Xylybromid und anderen Reizstoffen. Sie brachten jedoch allesamt keinen Durchbruch im festgefahrenen Stellungskrieg. Die deutsche Militärführung kam zu dem Schluss, dass nur ein groß angelegter chemischer Angriff mit Stoffen höherer Toxizität einen Erfolg bringen würde.[13]

2. Ypern, 22. April 1915 – Der Beginn des Gaskrieges

„Es zeigte sich nun, daß die Anwendung dieser Reizstoffe durchaus nicht genügte, um einen durchschlagenden Erfolg zu erzielen. Ein Durchbruch durch die feindlichen Stellungen konnte nicht erreicht werden, da die Verteidigungskraft des Gegners […] nicht erschüttert wurde. […] Neben der Anwendung der Gaskampfstoffe wurde als weitere und sehr wichtige Bedingung für den gewünschten Erfolg der Masseneinsatz von Gaskampfstoffen erkannt. Es musste eine große, viele Quadratkilometer große Fläche mit einer Gaswolke bedeckt werden.“[14]

Gegen Ende des Jahres 1914 war die deutsche Militärführung somit auf der Suche nach einem Stoff für den Masseneinsatz. Die Lösung bot Fritz Haber, Leiter des Kaiser-Wilhelm-Instituts für physikalische Chemie in Berlin. Haber schlug vor, Chlorgas einzusetzen. Da die Granatenproduktionskapazitäten zu dem Zeitpunkt nicht ausreichten, um genügend Gasgeschosse für einen massiven Angriff herzustellen, sollte das Gas bei günstigen Windverhältnissen in großem Umfang aus Stahlzylindern abgeblasen und so eine ausreichend hohe Konzentration erreicht werden. Der Einsatz von Chlorgas lag schon deswegen nahe, weil die deutsche Farbindustrie diesen Stoff innerhalb kürzester Zeit in großen Mengen herstellen konnte. Zudem ließ es sich verflüssigt und in Stahlflaschen abgefüllt leicht transportieren. In den folgenden Wochen unternahm man zahlreiche Tierversuche, um die benötigte Konzentration zu ermitteln und das Blasverfahren zu testen. Die Vorbereitungen liefen unter strenger Geheimhaltung, um die Alliierten nicht vor dem bevorstehenden Angriff zu warnen. Es wurde ein neues aus drei Pionierkompanien sowie Wissenschaftlern bestehendes Regiment mit dem Tarnnamen „Desinfektionskompanien“ aufgestellt, dessen Aufgabe die Vorbereitung des Fronteinsatzes war. Als Einsatzort wurde ein Frontabschnitt in der Nähe des belgischen Ypern ausgewählt. Das Chlorgas wurde in Stahlflaschen an die Front transportiert. Um sie vor Artilleriebeschuss zu schützen, mussten sie zunächst in Batterien in die Sohle der Schützengräben eingegraben und anschließend mit Sandsäcken bedeckt werden. An den Flaschen waren Bleischläuche angebracht, die aus dem Graben hinausführten und das Gas in die gewünschte Richtung leiten sollten. Um zu vermeiden, dass die Alliierten diese Vorbereitungen bemerkten, erfolgten die Arbeiten nachts. Insgesamt wurden bis zum 10. März 1915 5.730 Gasflaschen in zwei verschiedenen Größen installiert, die je zwanzig bzw. vierzig Kilogramm verflüssigtes Chlor enthielten. Alles in allem standen etwa 150 Tonnen Chlorgas zum Einsatz bereit.[15]

Dieser erste massive Gaseinsatz war bei Offizieren und Wissenschaftlern nicht unumstritten. Neben völkerrechtlichen und moralischen Fragen, auf die später näher eingegangen werden soll, gab es vor allem praktische Bedenken bezüglich des Blasverfahrens und der Abhängigkeit von den Windverhältnissen. Rupprecht von Bayern, Oberbefehlshaber der 6. Armee, brachte diese in seinem Kriegstagebuch zum Ausdruck:

„Da jedoch in Flandern wie Nordfrankreich fast nie Südostwind weht, glaube ich nicht, daß ein von dem Chemiker Dr. Haber erfundenes Kampfverfahren, das baldmöglichst zur Wegnahme von Ypern versucht werden soll, Aussicht auf Erfolg verspricht. […] Als Dr. Haber mit General v. Falkenhayn vor der ersten Anwendung bei mir weilte, verhehlte ich nicht, daß mir das neue Kampfmittel des Gases nicht nur unsympathisch erscheine, sondern auch verfehlt, denn es sei sicher anzunehmen, daß, wenn es sich als wirksam erwiese, der Feind zum gleichen Mittel greifen würde und bei den vorherrschenden westöstlichen Windrichtung zehnmal öfter gegen uns Gas abblasen könne, als wir gegen ihn.“[16]

Da bei feindlichen Angriffen immer wieder Flaschen beschädigt wurden, lebten die Soldaten in den betreffenden Abschnitten in ständiger Bedrohung vor dem eigenen Gas. General Berthold von Deimling, in dessen Frontabschnitt die Flaschen installiert waren, erwähnt mehrere Unfälle, bei denen es auch einige Todesopfer gab:

„Anfang März wurde mit dem Einbau der unheimlichen Stahlflaschen im vordersten Graben begonnen. Wenige Tage später kamen zwei Gasflaschen durch Granattreffer zur Explosion. Die in der Nähe befindlichen Leute erkrankten schwer. Einer starb an Lungenbluten. Bald darauf wiederholte sich dieser Unglücksfall durch feindliche Gewehrschüsse. Drei Leute wurden durch Gasvergiftung getötet und fünfzig erkrankten. […] Das Vertrauen der Truppen zu dem grausamen Kampfmittel wurde durch diese Vorkommnisse schwer erschüttert.“[17]

Die Bedenken bezüglich der ungünstigen Windverhältnisse sollten sich bald bestätigen, so dass vom Ende März bis Anfang April 1915 ein Teil der bereits installierten Batterien wieder ausgegraben und an eine günstigere Stelle nordöstlich von Ypern verlegt werden mussten. Am 14. April wurde schließlich der erste Einsatzbefehl erteilt, der Angriff wurde jedoch aufgrund der ungünstigen Windverhältnisse nicht ausgeführt. Dies wiederholte sich mehrmals in den folgenden Tagen. Am 22. April gegen 18 Uhr wurde schließlich der erste massive Chlorgasangriff in der Geschichte gestartet. Die Pioniereinheiten der „Desinfektionstruppe“ öffneten die Verschlüsse der beinahe 6.000 Gasflaschen gleichzeitig. Der günstige Wind trieb 150 Tonnen Chlorgas auf etwa sechs Kilometer Breite auf die französischen Gräben zu. Hinter den Gaswolken rückten deutsche Infanterieeinheiten vor. Als das Gas die gegnerischen Stellungen erreichte, brachen dort Panik und Chaos aus. Die unvorbereiteten französischen Soldaten, die keinerlei Schutzausrüstung gegen einen derartigen Angriff besaßen, flohen aus ihren Gräben. Die Gaswolke riss eine sechs Kilometer breite Lücke in die französische Front.[18]

Chlorgas entfaltet seine Wirkung beim Einatmen in den Lungen. Bei Kontakt mit Wasser spaltet es Salzsäure ab, die zu einer Verätzung des Lungengewebes führt. Als Folge tritt Flüssigkeit in die Lunge ein, es entsteht ein Lungenödem. Die betroffene Person droht zu ersticken. Zudem erfolgt durch den massenhaften Austritt von Blutplasma in die Lunge eine Eindickung des Blutes. Das Herz wird dadurch immer stärker belastet, die Folge kann der Tod durch Herzversagen sein.[19]

Ein französischer Offizier, Augenzeuge des deutschen Gasangriffs bei Ypern, schildert die Wirkung von Chlogas wie folgt:

„In der anbrechenden Dunkelheit dieser schrecklichen Nacht kämpften sie mit ihrer Angst, rannten blind in die Gaswolke und stürzten, mit im Todeskampf keuchender Brust. […] Hunderte von ihnen fielen hin und starben; andere lagen hilflos da, Schaum vor den sterbenden Lippen, ihre gemarterten Körper in kurzen Abständen von heftigen Brechkrämpfen geschüttelt, Tränen der Anstrengung in den Augen. Auch sie würden später sterben, einen langsamen sicheren Tod von unbeschreiblicher Qual.“[20]

[...]


[1] Wilfred Owen, Dulce et Decorum Est, zitiert in: Harris, Geschichte, S. 276.

[2] Bauer, Denkschrift, S. 71.

[3] Stevenson, Weltkrieg, S. 65f.; Chickering, Reich, S. 33-36.

[4] Stevenson, Weltkrieg, S. 73-85; Chickering, Reich, S. 35-41.

[5] Meyer, Gaskampf, S. 41.

[6] Gradmann, Medizin, S. 139.

[7] Martinetz, Gaskrieg, S. 9f.; Ders., Giftpfeil, S. 55-58; Trumpener, Ypres, S. 461-463.

[8] Trumpener, Ypres, S. 463f.

[9] Bauer, Denkschrift, S. 71.

[10] Ebenda.

[11] Auch T-Stoff genannt, nach dem Chemiker Hans Tappen, der den Einsatz des Stoffes angeregt hatte. Trumpener, Ypres, S. 465.

[12] Bauer, Denkschrift, S. 72; Martinetz, Gaskrieg, S. 16.

[13] Trumpener, Ypres, S. 469f.; Martinetz, Giftpfeil, S. 57f.; Ders., Gaskrieg, S. 16-18.

[14] Meyer, Gaskampf, S. 42.

[15] Martinetz, Gaskrieg, S. 18-23; Ders., Giftpfeil, S. 58-66; Trumpener, Ypres, S. 466-472.

[16] Rupprecht von Bayern, Kriegstagebuch, S. 305.

[17] Deimling, Zeit, S. 202.

[18] Martinetz, Gaskrieg, S. 23f.; Ders., Giftpfeil, S. 65-67; Trumpener, Ypres, S. 474-477.

[19] Gradmann, Medizin, S. 139f.

[20] Schilderung eines französischen Offiziers, zitiert in: Martinetz, Giftpfeil, S. 68.

Details

Seiten
32
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640221110
ISBN (Buch)
9783640223169
Dateigröße
616 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v118760
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Institut für Geschichte der Medizin / Historisches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
Krieg Hauptseminar Medizin Gesellschaft Deutschland Gaskrieg Gas chemische Kriegsführung chemische Waffen Chemiewaffen Erster Weltkrieg

Autor

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