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Von Wagner zu Hitler - Wagner-Rezeption bis in die Anfänge des Dritten Reichs

Seminararbeit 2006 15 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Neuere Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorbedingungen
2.1 Der deutsche Kulturpessimismus
2.2 Die Entstehung des Wagnerismus

3. Nach dem Tode des „Meisters“
3.1 Der Bayreuther Kreis und die Fortspinnung des deutschen Gedankens
3.2 Die Bayreuther Blätter – Propaganda im Geiste Richard Wagners

4. Schlussbetrachtungen
4.1 Wagner – Hitlers Mentor?
4.2 Resümee

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Menschheit teilt sich in Bezug auf Richard Wagner (geb. 22. 5. 1813, gest. 13. 2. 1883) in zwei Parteien auf – die Wagnerianer und die Anti-Wagnerianer. Von den einen wird er unkritisch verehrt, von den anderen fast schon verachtet, wobei es natürlich beiderseits auch „Gemäßigte“ gibt. Es gibt wohl kaum einen Komponisten oder Künstler, bei dem es so etwas in vergleichbarer Weise gibt oder gegeben hat und kein Künstler war so „ideologisch aufgeladen“[1] wie Richard Wagner. Nicht nur von denjenigen Rezipienten, die Wagner auf unwissenschaftliche Weise beurteilen, sondern auch in der Forschung gibt es diese Polarität. Dabei beschränkt sich die Forschung über Richard Wagner keineswegs auf die Musikwissenschaft. Die Beschäftigung mit Richard Wagner ist in den unterschiedlichsten Forschungsbereichen aufzufinden, sei es in der Germanistik, der Geschichtswissenschaft oder auch der Psychologie, um nur einige zu nennen[2]. Wagner war eben nicht nur Komponist, sondern auch Dichter und Regisseur, außerdem hat er bereits zu seinen Lebzeiten stark polarisiert, unter anderem durch seinen verschwenderischen Lebensstil, seinen unverhohlenen Antisemitismus, seinen manchmal sehr lockeren Umgang mit der Ehe, sowie seine eigene Art der Kompositionstechnik.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Rezeption der Wagnerschen Werke und seiner theoretischen Schriften. Es soll herausgearbeitet werden, wie die so genannten Wagnerianer vor allem nach dem Tod Wagners systematisch seine „Lehren“ verbreitet, gedeutet und teilweise auch versucht haben, sie umzusetzen. Dabei soll untersucht werden, welche Gesellschaftsschicht zu diesen Kreisen zählte und welche medialen Mittel von ihnen genutzt wurden, um ihre Gedanken zu verbreiten. Richtungspunkt der Arbeit wird sein, den Weg von Wagner zu Hitler nachzuvollziehen, zu ergründen, wie die Wagnerianer vor Hitler diesen Weg vorbereiteten, inwieweit Wagner Hitler als Vorbild gedient haben könnte und welche Parallelitäten und Gemeinsamkeiten hervorstechen.

Als Bezugspunkte dienen mir, neben verschiedenen geschichtswissenschaftlichen Texten (siehe Literaturverzeichnis, S. 16) zwei Schriften über Richard Wagner, die dessen Schwiegersohn, der Rassentheoretiker Houston Steward Chamberlain verfasst hat[3], außerdem diverse Schriften Wagners, die 1938 in zwei Bänden erschienen sind[4].

2. Vorbedingungen

2.1 Der deutsche Kulturpessimismus

Ende des 19. Jahrhunderts fand in Deutschland mit der Bildung zum Nationalstaat eine Wendung hin zum modernen, weg vom traditionellen Denken statt. Diese Ansicht war jedenfalls im Bildungsbürgertum weit verbreitet, welches befürchtete, dass aufgrund der Modernisierung in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft die alten Werte und Normen aufgelöst würden. In anderen europäischen Staaten fand zwar ebenfalls eine solche Modernisierung statt, es ist aber spezifisch für Deutschland, dass sie in einem so dichten Zeitraum und so rasant erfolgte[5].

Es entwickelte sich deshalb eine Art von „Kulturpessimismus“. Von der Suche nach undeutschen, fremden Einflüssen, die dafür verantwortlich gemacht wurden, kam man schließlich dazu einen Sündenbock zu suchen. So wurde alles, was als nicht spezifisch deutsch definiert wurde, den Juden zugeordnet, die die ideale Besetzung für die Rolle des Sündenbocks waren. Es wurde daher konkret der Kampf Deutschtum (=traditionelle Werte und Normen) gegen Judentum (=Modernismus) zu gefordert[6].

Wagner war vielleicht der prominenteste und einflussreichste „Kulturpessimist“, der seine Meinung schonungslos in seinen Schriften kundtat: „Nicht schroff genug kann man sein gegen alles was unsere moderne Welt ausmacht[7].“ Auch der Aufsatz „Modern“, der 1878 in den Bayreuther Blättern erschienen ist, behandelt u. a. dieses Thema[8]. Wagner war gegen alles Neue: Gegen die Presse, Parteien, Naturwissenschaften und Großstädte[9]. Wagners Werk, sein Deutschtumsgedanke und sein unverhohlener Antisemitismus[10], führten daher letztendlich dazu, dass Bayreuth zu einem Kulminationspunkt der „Kulturpessimisten“ und zum Sammelpunkt einer „neuen Idee“ wurde[11]. Seine Schöpfungen wurden als Anhaltspunkte deutsch-germanischer Identität verstanden[12]. Nach Wagners Tod lag das Schicksal der Wagnerschen Kunst und damit auch des deutschen Volkes gewissermaßen in den Händen der Wagnerianer in Bayreuth[13]. Die germanisierende Ausstaffierung der Werke Wagners wurde dabei nationalistisch interpretiert und ausgebeutet[14], worauf unten noch genauer eingegangen wird.

2.2 Die Entstehung des Wagnerismus

Ende des 19. Jahrhunderts ist der Terminus Wagnerismus oder auch Wagnerianismus entstanden, der im Französischen (Wagnérisme) seinen Ursprung hat und auch in den englischen Sprachgebrauch (Wagnerism) übernommen wurde. Die weit verbreitete Wagner-Begeisterung war wahrscheinlich die Grundlage dafür, außerdem war er vielleicht auch eine Gegenreaktion auf die ebenfalls sehr stark verbreiteten Anti-Wagnerianer[15][16]. Der Begriff ist nie konkret definiert worden und bereits von Anfang an sehr kritisch betrachtet worden, dennoch hat Erwin Koppen zwei wesentliche Charakteristika für diesen Begriff konstatiert: Wagnerismus ist in erster Linie die Rezeption der nicht-musikalischen Werke Wagners[17]. Des weiteren unterscheidet sich der Wagnerismus von der bloßen Begeisterung der Wagnerianer, was allerdings nicht unbedingt auf besserer Fachkenntnis und intellektuellerer Reflexion fundiert, sondern oftmals darauf, dass die Wagnersche Kunst in Verbindung mit geistigen oder literarischen Strömungen gebracht wird, wo es nicht selten dazu kommt, dass spezielle Programme und Ideologien auf Wagner projiziert werden[18], wie auch im vorigen Abschnitt schon kurz angedeutet wurde. Die Bayreuther Festspiele trugen dazu bei, dass Wagner nicht nur in Deutschland, sondern vor allem auch in Frankreich zu einem wesentlichen Bestandteil des Geisteslebens der Bourgeoisie und der Aristokratie geworden war. Dabei war es nicht nur das Interesse an der Kunst, sondern es ging bereits damals schon oftmals um das Prinzip sehen und gesehen werden[19], denn in Bayreuth verkehrten die höchsten Kreise. Schließlich besuchten so bedeutende Persönlichkeiten, wie unter anderem der deutsche Kaiser, der König von Bayern, sowie diverse Vertreter der Aristokratie und des gehobenen Bürgertums[20] die Festspiele.

[...]


[1] HANISCH, ERNST: Die politisch ideologische Wirkung und >>Verwendung<< Wagners, in: MÜLLER, ULRICH/WAPNESKI, PETER (Hrsg.): Wagner-Handbuch, Stuttgart 1986, S. 625.

[2] Vgl. KOPPEN, ERWIN: Der Wagnerismus - Begriff und Phänomen in: MÜLLER, ULRICH/WAPNESKI, PETER (Hrsg.): Wagner-Handbuch, Stuttgart 1986, S. 609.

[3] CHAMBERLAIN, HOUSTON: Mein Weg nach Bayreuth, mit einer Einleitung von Paul Bülow, München 1937 (Sonderdruck aus: ders.: „Lebenswege meines Denkens“, 1. Auflage 1919, 2. Auflage 1923); ders.: Richard Wagner, München 19074.

[4] LORENZ, ALFRED (Hrsg.): Richard Wagner. Ausgewählte Schriften und Briefe, Bd. 2 (Klassiker der Musik in ihren Schriften und Briefen, hrsg. v. Dr. habil. HERBERT GERIGT), Berlin 1938.

[5] ALTGELD, WOLFGANG: Wagner, der ‚Bayreuther Kreis’ und die Entwicklung des völkischen Denkens, in: MÜLLER, ULRICH/HUNDSCHNURER, FRANZ/SOMMER, CORNELIUS (Hrsg.): Richard Wagner 1883-1983. Die Rezeption im 19. und 20. Jahrhundert. Gesammelte Beiträge des Salzburger Symposions, Stuttgart 1984, S. 38f; vgl. außerdem HANISCH, ERNST: Die politisch-ideologische Wirkung (wie Anm. 1), S. 629.

[6] Vgl. HANISCH, ERNST: Die politisch ideologische Wirkung (wie Anm. 1), S. 629-631; außerdem ALTGELD, WOLFGANG: Wagner (wie Anm. 5), S. 42f.

[7] ALTGELD, WOLFGANG: Wagner (wie Anm. 5), S. 46, zitiert nach: WAGNER, RICHARD: Briefe 1835-1865. Die Sammlung Burell, hrsg. v. J. N. BURK, Frankfurt 1953, S. 257.

[8] Abgedruckt in: LORENZ, ALFRED (Hrsg.): Richard Wagner (wie Anm. 4), S. 345-351.

[9] Ebd.; Eine tabellarische Darstellung von Wagners Vorstellung typisch deutscher bzw. undeutscher Charakteristika findet sich bei: HANISCH, ERNST: Die politisch ideologische Wirkung (wie Anm. 1), S. 631.

[10] Hier allem voran die Schrift „Das Judentum in der Musik“ von 1850.

[11] Vgl. ALTGELD, WOLFGANG: Wagner (wie Anm. 5), S. 50.

[12] Ebd., S. 52.

[13] Ebd., S. 53, zitiert nach: J.H. LÖFFLER: Parsifal Nachklänge IV. Volk und Kunst Richard Wagner’s in: Bayreuther Blätter. 1984, S. 259.

[14] ZELINSKY, HARTMUT: Richard Wagner. Ein deutsches Thema. Eine Dokumentation zur Wirkungsgeschichte Richard Wagners 1876-1976, Frankfurt am Main 1976, S. 8.

[15] Bei der folgenden Darstellung des Terminus Wagnerismus handelt es sich im Wesentlichen um ein Exzerpt des Artikels von Erwin Koppen (siehe Anm. 2).

[16] Vgl. KOPPEN, ERWIN: Der Wagnerismus (wie Anm. 2), S. 610.

[17] Ebd., S. 609.

[18] Ebd., S. 609.

[19] Ebd., S. 612.

[20] Vgl. HANISCH, ERNST: Die politisch ideologische Wirkung (wie Anm. 1), S. 628.

Details

Seiten
15
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640217922
ISBN (Buch)
9783640218042
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v118721
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Historisches Seminar
Note
2,0
Schlagworte
Wagner Hitler Wagner-Rezeption Anfänge Dritten Reichs Juden Jahrhundert

Autor

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Titel: Von Wagner zu Hitler - Wagner-Rezeption bis in die Anfänge des Dritten Reichs