Lade Inhalt...

Konversion und Apostasie in den abrahamitischen Religionen

Seminararbeit 2008 34 Seiten

Theologie - Vergleichende Religionswissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Was man unter abrahamitischer Religionen verstehen könnte
2.a Judentum
2.b. Christentum
2.c. Islam

3. Der Begriff Konversion

4. Der Begriff Apostasie

5. Die rechtlichen Folgen von Konversion und Apostasie

6. Konversion und Apostasie in Österreich – ein kurzer statistischer Einblick

7. Konversion und Apostasie in den abrahamitischen Religionen
7.a Konversion ins Judentum
7.b Apostasie im Judentum
7.c Konversion ins Christentum
7.d Apostasie im Christentum
7.e Konversion zum Islam
7.f Apostasie im Islam

8. Zusammenfassung: Gemeinsames und Trennendes

9. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Eine Muslima im Kosovo konvertiert vom Islam zum katholischen Glauben und heiratet einen Katholiken. Ihre Herkunftsfamilie bedroht sie und ihren Mann mit dem Tod. Die Familie flüchtet nach Österreich. Hier integriert sie sich, muss aber Jahre auf einen Asylbescheid warten. Es droht die Abschiebung, die letzten rechtlichen Schachzüge werden gezogen – der Ausgang ist noch offen. Meine Frau kennt diese Familie, sie hat mir die Geschichte erzählt, die mich derart fesselte, dass ich zwei Schritte beschloss: Erstens wollte ich wissen, wie mit Konvertiten grundsätzlich in den abrahamitischen Religionen verfahren wird. Zweitens möchte ich verstehen, wie sich in dieser Geschichte religiöse, kulturelle, historische, rechtliche und gesellschaftliche Aspekte so weit miteinander verwoben haben, dass es zu einer derartigen Drohung überhaupt kommen konnte. Gerade im Kosovo spielt die historische Dimension eine große Rolle, vor allem auch in der Entwicklung des Kanun als Gewohnheitsrecht. Dieser zweite Punkt soll nicht Inhalt dieser Arbeit sein, damit werde ich mich u.a. in meiner Diplomarbeit auseinandersetzen.

In dieser Seminararbeit soll es um die Konversion in den abrahamitischen Religionen gehen. Während der Arbeit wurde mir klar, dass sie oftmals mit Apostasie verbunden ist. Beide Aspekte sollen daher auch in dieser Arbeit beleuchtet werden.

Konversionen gibt es in allen drei abrahamitischen Religionen, ob es die Konversion der Chasaren zum Judentum im frühen Mittelalter ist, die Konversion des Augustinus vom Mänichäismus zum Christentum im Zeitalter des Umbruchs von der späten Antike zum frühen Mittelalter oder die Konversion des bekannten Sängers Cat Stevens zu Yusuf Islam im 20. Jahrhundert. Dies sind nur drei x-beliebige Beispiele, die durch viele andere ergänzt werden können. In letzter Zeit tauchte in den Medien auch immer wieder die Behauptung auf, dass Konvertiten zum Islam besonders gefährlich seien. Konversion wurde so auch zu einem politischen Thema. In dieser Arbeit gehe ich dieser Behauptung aber nicht auf den Grund.

In dieser Arbeit werden nach der Definition der abrahamitischen Religionen und ihrer Vertretern die Begriffe Konversion und Apostasie erklärt, danach ein kurzer rechtlicher und statistischer Einblick in die Materie gegeben, um im Kapitel 7 zum Hauptthema zu gelangen und Konversion und Apostasie in den drei abrahamitischen Religionen zu bearbeiten. In Kapitel 8 wird abschließend das Verbindende und Trennende zusammengefasst.

2. Was man unter abrahamitischer Religionen verstehen könnte

Der biblische Patriarch Abraham hat für die jüdische, christliche und muslimische Identität größte Bedeutung. Er ist der Ahnherr Israels, der Prototyp des rechten Glaubens im Christentum und im Koran macht Allah ihn als Hanifen zum „Imam für die Menschheit“. Die drei abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam sind trotz vieler trennender Unterschiede durch große Gemeinsamkeiten verbunden:

1 Der gemeinsame semitische Ursprung der Sprachen, denn sowohl Arabisch als auch Hebräisch und Aramäisch sind semitisch.
2 Der Glaube an einen und denselben Gott Abrahams.
3 Eine zielgerichtete und nicht zyklische Geschichtsschau in Form einer Heilsgeschichte, die zur Vollendung durch Gott führt.
4 Die prophetische Verkündigung und die Offenbarung, die in der Heiligen Schrift niedergelegt sind.
5 Ein auf Gott begründeter Ethos, der sich im Dekalog ausdrückt.

Neben diesen Gemeinsamkeiten gibt es wesentliche Unterschiede, die hier nicht angeführt werden können. Stark vereinfacht könnte man bei Betonung eines zentralen Elementes mit Khoury sagen: Judentum ist die Religion der Hoffnung, Christentum der Liebe, Islam die Religion des Glaubens. Die Begriffe Judentum, Christentum und Islam sind Konstrukte, die u. a. auch das religionswissenschaftliche Arbeiten erleichtern sollen. In logischer Konsequenz ist auch der Begriff abrahamitische Religion ein Konstrukt. In diesem Sinne sollen auch die folgenden kurzen Definitionen verstanden werden.

2.a Judentum

Das Judentum ist eine Religion, die sich genealogisch auf Abraham und Sara und religiös auf Mose beruft, der am Berg Sinai die Gesetzestafel erhalten habe, die die monotheistische Theologie und das besondere Verhältnis von Jahwe zum jüdischen Volk regeln. Neben dieser allgemeinen Bestimmung lässt sich das Judentum nicht genau definieren, da stets eine Vielzahl von Judentümern vorhanden waren, die auch keiner autoritativen Instanz untergeordnet waren. Judentum kann aber auch ethnisch verstanden werden, denn jedes Kind einer jüdischen Mutter wird von der Gemeinde als Jude angesehen. Heute können vor allem das Reform-Judentum, das konservative und das orthodoxe Judentum als Hauptströmungen unterschieden werden. „Quantitativ gesehen sind die Juden eine quantité négligeable, religiös gesehen jedoch eine Großmacht.“

2.b. Christentum

„Mit dem allgemeinen Namen Christentum bezeichnet man die Gesamtheit der Riten, die sich darauf berufen, dass Jesus ihr Stifter sei und behaupten, dass sie sich mittelbar oder unmittelbar von ihm herleiten.“ Als die drei Hauptgruppen können unterschieden werden: die katholische Kirche, die Orthodoxie des Ostens und der Protestantismus.

„Der Begriff „Christentum“ geht sprachlich und sachlich zurück auf die für das Neue Testament zentrale Bezeichnung Jesu als des Christus (der Gesalbte, Messias). Die Christusgläubigen erhielten schon früh den Namen Christianer. Dieser ihnen zuerst wohl von außen her beigelegte Name (wahrscheinlich in Antiochien, vgl. Apg 11,26) setzt voraus, dass man im Christusbekenntnis das Charakteristikum der Jesusanhänger erblickte. Der Name wurde alsbald als geeignete Selbstbezeichnung angesehen und setzte sich intern und extern rasch durch (vgl. 1 Petr. 4,16)“

Die Bezeichnung Christentum geht also von seinem Stifter, Christus, aus, der für Christen der Erlöser, der Messias, ist. Christen sind also jene, die den Weg Christi folgen wollen. Auch im Christentum gibt es verschiedene Religionsgemeinschaften und Ausprägungen. In der hier vorliegenden Arbeit werde ich mich beim Christentum auf die römisch-katholische Kirche konzentrieren.

2.c. Islam

Der Islam beruft sich auf die Offenbarung des Korans, welcher einen strengen Monotheismus, vor allem auch in Abgrenzung zum Polytheismus zur Zeit Mohammeds, verkündet. Bedeutend wurde der Begriff Islam in Form des Partizips muslim während der mekkanischen Offenbarung des Korans. Ein Muslim ist jemand, der die Sendung des Propheten Muhammad und die Offenbarung des Korans für wahr hält. Ein Muslim überantwortet sich selbst jemanden, er ergibt sich Gott. Das kommt im Wort Muslim zum Ausdruck. Der Muslim, die Muslima unterwirft sich dem einen und einzigen Gott, so wie es im ersten Teil der Schahada zum Ausdruck kommt:لا إله إلا الل (lā ´ilāha ´illā llāhu). Mohammed überbringt die Offenbarung Gottes und ist der Siegel der Propheten. Dies wird im zweiten Teil der Schahada ausgedrückt: محمد رسول الله (Mu ḥammadun rasūlu ´llāh(i)).

Der Koran schließt an die früheren Offenbarungen des Einen Gottes im Judentum und im Christentum an. Die wesentlichsten Glaubensgrundsätze sind der Schöpfergott, das Jüngste Gericht und die Auferstehung. Gemeinhin wird die Erfüllung der religiösen Pflichten, die so genannten fünf Pfeiler des Islams als Ausdruck der Islamität gewertet. Eine besondere Rolle spielt auch die Umma, die Gemeinschaft aller Muslimen, denn diese gewährt das Heil. Neben dem Koran kommen der Sunna (die überlieferte Tradition in Form von Hadithen) und der Scharia (dem Recht) große Bedeutung zu. Vor allem in der Auslegung und Wertigkeit von Koran, Sunna und Scharia vor dem jeweiligen gesellschaftlichen und kulturellen Kontext unterscheiden sich die verschiedenen Ausprägungen des Islams, denn es gibt, so wie im Judentum, auch keine zentrale religiöse (Lehr-)Autorität. „Eine absolute Definition von Islam außerhalb des hist[orisch]-kulturellen Kontextes ist daher unmöglich (anders aber z.B. Gardet).“

3. Der Begriff Konversion

Das lateinische Wort „conversio“ bedeutet „Umwandlung“ oder „Umwälzung“, also Glaubenswechsel, Bekehrung von einem Glauben zu einem anderen; moralische und geistliche Umkehr. Es wird in der Forschung immer deutlicher, dass Konversion kein abrupter, sondern ein allmählicher, aus mehreren Stufen bestehender Prozess ist. Es scheint, dass der Konversionsprozess nicht aus der Gesamtbiographie eines Menschen herausgelöst werden kann, also ein Teil von ihr ist und von gesellschaftlichen und individuellen, wie z.B. lebenszyklischen und seelischen Faktoren abhängig ist.

„Convertere“ bezieht sich sowohl im Griechischen, Hebräischen und Lateinischen auf eine Bewegung oder Veränderung: „The Hebrew root is hub; the Greek [s]trephein; the Latin [con]vertere. All three point directly to a physical or material move or change, yet indirectly to a change of spirit or mind, specifically to a change of conviction and way of life.“ Die Konversion erfolgt allgemein aus dem Unvermögen des bestehenden persönlichen Glaubenssystems heraus, die aktuellen Umstände zu erklären. Die Suche nach neuen Erklärungsmodellen oder –mustern passiert nicht nur dann, wenn die alten Paradigmen nicht mehr greifen, sondern auch, wenn sich das soziale Umfeld rasch ändert oder das soziale Milieu heterogen wird. Konversion ist nicht nur ein intellektueller Vorgang sondern auch eine soziologische Transformation, die das Eingehen von neuen Bindungen erfordert. Konversion ist auch Partizipation an einer neuen Gruppe und damit auch Resozialisation.

Lawrence zeigt in seinem Aufsatz die verschiedenen Bedeutungen des Wortes Konversion auf. Dabei geht er von einer Matrix mit neun Feldern, die er nicht zeichnet sondern lediglich beschreibt, aus. Aufgrund seiner Beschreibung stelle ich eine Matrix dar, in der ich auch die wesentlichsten Aussagen plakativ eintrage (siehe Matrix 1):

Matrix 1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Conversion, II (Theology of). R. T. LAWRENCE.

New Catholic Encyclopedia. Vol. 4. 2nd ed. Detroit: Gale, 2003. p234-238. 15 vols.

Eigene Darstellung.

Lawrence geht davon aus, dass es drei Arten von Konversionen gibt: intellektuelle, moralische und religiöse. Diese drei Arten sind grundsätzlich voneinander unabhängig und können daher separat vollzogen werden. Andererseits kann es aber auch vorkommen, dass gleichzeitig zwei oder alle drei Arten gleichzeitig auftreten. Diese drei Arten der Konversion können auf drei Ebenen erfolgen:

Eine fundamentale Konversion ist ein einschneidendes Erlebnis, das einen Horizont eröffnet, der vorher nicht da war.

Eine revolutionäre Konversion kann als ein vertikaler Akt gesehen werden, der eine weitere Realität eröffnet und damit einen neuen Horizont auftut.

Eine evolutionäre Konversion ist ein ständiger Prozess, das Leben auf den erweiterten Horizont auszurichten.

Durch die Kombination der drei Niveaus mit den drei Arten der Konversion ergibt sich eine Matrix mit neun Feldern, die kurz so beschreiben werden können:

Feld „Insight“: Fundamentale intellektuelle Konversion geschieht, wenn die betroffene Person erkennt, dass die Dinge nicht so sind, wie sie zu sein scheinen. Die Person erlangt einen Einblick, Einsicht und Erkenntnis (für diese drei Worte steht auch das englische Wort insight), der ihr vorher verschlossen war.

Feld „Paradigm shift“: Revolutionäre intellektuelle Konversion beschreibt das Erkennen einer neuen intellektuellen Perspektive. So entsteht ein neuer Zugang, der auch neue Fragen aufwirft. Es handelt sich also um einen Paradigmenwechsel.

Feld „Lifelong process“: Evolutionäre intellektuelle Konversion ist ein ständiger Prozess, der darauf abzielt, eigene Vorurteile und eigene Sichtweisen so weit auszuräumen, dass sie nicht den Erwerb von Wissen stören können.

Feld „Realizing that satisfaction is not value”: Fundamentale moralische Konversion geschieht, wenn eine Person erkennt, dass Bedürfnisbefriedigung und Werte zwei verschiedene Größen sind. Werte können daher etwas von Bedürfnissen völlig Losgelöstes sein.

Feld „Moral paradigm shift“: Revolutionäre moralische Konversion führt zu einem neuen moralischen Horizont. Es tritt ein moralischer Paradigmenwechsel ein. Werte bekommen dadurch eine neue Ausrichtung.

Feld „Everyday struggle: value versus temptation”: Evolutionäre moralische Konversion ist den meisten Menschen bekannt. Es beschreibt das täglichen Bemühen, Handlungen unter den realen Lebensumständen so zu setzen, dass sie den idealen Wertvorstellungen entsprechen. An diesem Verhalten wird auch gemessen, ob eine Person gut ist oder böse.

Feld „Sanctifying grace“: Mit diesem Feld beginnt die Betrachtung der religiösen Konversion. Die fundamentale religiöse Konversion wird als Gnade, als Geschenk gesehen. Rahner spricht davon, dass eine fundamentale religiöse Erfahrung gemacht wird, die zur Ausrichtung hin auf ein Mysterium führt, das wir Gott nennen. Allerdings ist der Kausalzusammenhang nach Lonergan ein im Vergleich zu den bisher erwähnten Konversionen verkehrt: Konversion ist Gottes Geschenk.

Feld „New experience who god is“: Revolutionäre religiöse Konversion öffnet einen neuen Horizont in der Betrachtung des Mysteriums. Dies geschieht, wenn eine Person eine völlig neue Erfahrung macht, wie Gott ist. So kann aus dem eifersüchtigen Gott der liebende Vater werden.

Feld „Complete transformation of one’s being and living”: Evolutionäre religiöse Konversion ist die ständige Aufgabe, in der Beziehung zum Absoluten zu wachsen, die in der fundamentalen und revolutionären Konversion ihre Grundlage hatte. Das führt dann auch dazu, dass sich der Mensch in seinem Sein und Leben ändern wird.

In dieser Arbeit wird ausschließlich auf die fundamentale religiöse Konversion eingegangen.

4. Der Begriff Apostasie

„Apostasy, term applied by members of the deserted faith for the change of one faith, set of loyalities, and worship for another.“ Apostasie konnte in einer Atmosphäre des gelebten Polytheismus in der Antike erst mit dem Hellenismus auftauchen. In der Bibel wird mehrmals das Anbeten anderer Gottheiten als abscheuliche Sünde verurteilt – es fehlt aber der Tatbestand der Apostasie. In der Zeit Antiochus IV Epiphanes (2. Jhd v. Z.) bildete sich die Gruppe der Metyavvenim (Hellenisierer), die den hellenistischen Lebensstil und die religiöse Verehrung annahmen. Einige Gelehrte sehen in ihnen die Anstifter zur Verfolgung der jüdischen Religion durch Antiochus IV Epihanes. In den Makkabäerbüchern werden Juden, die Seleukiden unterstützten, als Abtrünnige oder Apostaten bezeichnet.

Mit der Entstehung des Christentums wurde die Apostasie im Judentum zu einem ständigen Phänomen, vor allem nachdem die Judenchristen weder bei den Juden noch bei den Christen Anerkennung fanden. Die Annahme des Christentums durch Juden und die damit verbundene Aufgabe des jüdischen Gesetzes wurde als Apostasie im umfassendsten Sinn verstanden. Inkarnation und Trinität wurden zu unüberbrückbaren Hürden zwischen den beiden Religionen und damit die Hinwendung zur jeweils anderen Religion zur Konversion bzw. Apostasie. Heute wird der Begriff Apostasie besonders im christlichen Sprachgebrauch verwendet. Aber auch im Islam spielt der Abfall von der Religion (arab. ridda) eine Rolle und steht unter schwerer Strafe.

[...]

Details

Seiten
34
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640218134
ISBN (Buch)
9783640218158
Dateigröße
793 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v118715
Institution / Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz – Institut für Religionswissenschaft
Note
1
Schlagworte
Konversion Apostasie Religionen Seminar Gemeinsames Unterscheidendes

Autor

Zurück

Titel: Konversion und Apostasie in den abrahamitischen Religionen