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Das Thema Großstadt im Expressionismus. Untersucht an vier Gedichten

Städter (Alfred Wolfenstein), Der Gott der Stadt (Georg Heym), Die Stadt (Alfred Lichtenstein), Punkt (Alfred Lichtenstein)

Studienarbeit 2008 28 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Thema der Großstadt

3 Gedichtinterpretationen
3.1 Städter, Alfred Wolfenstein
Interpretation:
3.2 Der Gott der Stadt, Georg Heym
3.3 Die Stadt, Alfred Lichtenstein
Interpretation
3.4 Punkt, Alfred Lichtenstein
Interpretation

4 Abschlussbetrachtungen

5 Literatur

1 Einleitung

Die Epoche des Expressionismus ging ungefähr von 1910-1920/25. Der Begriff 'Expressionismus' stammt vom lateinischen Wort expressio (Ausdruck) und bedeutet 'Ausdruckskunst'. Die Dichter dieser Zeit lehnten sich gegen die Tradition des 19. Jahrhunderts auf, das schon lange kritisiert wurde, aber bisher nicht in einer solchen Schärfe[1]. Sie kritisierten aktuelle zeitliche Entwicklungen wie die Industrialisierung, die Urbanisierung, die Zivilisation und das wilhelminische Bürgertum.

Expressionistische Themen waren die Großstadt, der Weltuntergang, der Krieg und der Ich-Zerfall. Viele Dichter wendeten sich in ihren Texten provozierend gegen bürgerliche Geschmacksnormen und einen künstlerischen Schönheitsbegriff, der bestimmte Bereiche ausschloss[2]. So griffen sie häufig hässliche Motive auf, wie Verfall, Tod, Wahnsinn, Krankheit und Verwesung[3], weshalb man auch von der Ästhetik des Hässlichen spricht . Dabei wurden hässliche mit schönen Elementen verschränkt oder traditionelle lyrische Bereiche wie die idyllische Mondpoesie ironisiert. Georg Heym lässt beispielsweise sein Kriegsmonster in Der Krieg den Mond zerdrücken, während Georg Trakls Sonne in Grodek dunkel und bedrohlich über den Himmel rollt. Die Dichtersprache wurde auch zerschlagen, weil sie nicht mehr als Ausdrucksmittel der neuen Wirklichkeit taugte[4]. Es handelt sich um Provokation, Spielerei und um ein Aufbegehren gegen die ästhetischen Werte der Bürger.

Im Folgenden soll zunächst das Thema der Großstadt allgemein genauer beleuchtet werden, wobei unterschiedliche Darstellungsformen des Motivs eine Rolle spielen. Anschließend wird das Thema anhand der Gedichte Städter von Alfred Wolfenstein , Der Gott der Stadt von Georg Heym und Alfred Lichtensteins Texten Die Stadt und Punkt genauer untersucht und herausgearbeitet, wie die drei Autoren mit dem Motivkreis umgingen.

2 Das Thema der Großstadt

In der Zeit des Expressionismus entstanden in der Gruppe der Großstadtlyrik die meisten Texte. Dieses Thema war damals auch in anderen literarischen Strömungen beliebt. Es gab naturalistische Vorläufer, impressionistische und symbolistische Großstadtgedichte, aber das Motiv erlebte erst unter den Expressionisten eine Blütezeit[5].

Die in der Zeit zunehmende Bedeutung der Großstadtthematik ist bedingt durch das Wachsen und die Ausbreitung der Städte, was mit einer Landflucht einherging. Seit der Reichsgründung 1871 durchliefen deutsche Städte eine später einsetzende und dafür schneller verlaufende Industrialisierung und Urbanisierung, in der Berlin Ende des 19. Jahrhunderts zu der am schnellsten wachsenden Stadt Europas avancierte[6]. Teils wurden sehr schnell neue Stadtviertel für die Zuwanderer vom Land gebaut, in denen die Arbeiter auf engem Raum und unter erbärmlichen Umständen lebten. Zu dieser neuen, ungewohnten Konzentration von Menschenmassen kamen technische Entwicklungen wie die Eisenbahn, das Automobil und die Straßenbahn, die das Lebenstempo der Menschen beschleunigten. Ferner wurden die Städter nun mit Verkehrslärm, Abgasen und neuen irritierenden Sinneseindrücken wie elektrischer Beleuchtung oder Neonreklamen konfrontiert.

Den Menschen blieb kaum Zeit, sich allmählich an die neuen Lebensformen zu gewöhnen. Sie nahmen diese neuen Eindrücke teils zunächst mit großer Skepsis auf. Viele fühlten sich von der Großstadt und den neuen Entwicklungen bedroht. Diese Umwälzungen um die Jahrhundertwende gaben den Menschen teilweise das Gefühl, einem verselbständigten System gegenüberzustehen und einer fremden Macht ausgeliefert zu sein, weshalb es zunächst zu kritischen Tönen in der Literatur kam. Manche versuchten sich durch die künstlerische Produktion vom Druck der Verhältnisse zu befreien[7].

Expressionisten verbanden ihre Stadttexte mit viel Fantasie, Visionen sowie grotesken und extravaganten Elementen[8]. Sie versuchten besonders die Atmosphäre der Großstadt und die Wahrnehmungsfülle zu erfassen. In den Gedichten wurde die Anziehungskraft des neuen Lebensraums und dessen verderbende Wirkung dargestellt, wodurch sich teilweise eine ambivalente Wahrnehmung ergab. Dichter stellten häufig das Bewegungschaos, die Reizempfindlichkeit und Gefühle dar, wie Angst, Faszination und Beklemmung, Einsamkeit, Entfremdung und das Gefühl in der Masse unterzugehen.

In den expressionistischen Gedichten überwog neben einer gewissen Faszination die skeptische Einstellung zur Stadt und Zivilisation und so wurden überwiegend deren Schattenseiten hervorgehoben[9]. Expressionisten waren teilweise der Ansicht, dass die Stadt das Ich durch die vielen Eindrücke, die Hektik, Unübersichtlichkeit, Anonymität, Kälte und Gleichgültigkeit zerstört[10]. Sie tritt dem ich als etwas Fremdes entgegen und „entfremdet das Ich sich selbst, seiner Umwelt und seinem Nächsten und zerstört die Gemeinschaft“[11]. Dementsprechend vermitteln viele Texte das Gefühl eines in der Stadt einsam gewordenen Ichs oder eines Ichs, das als Objekt hilflos einer zum Subjekt gewordenen Objektwelt gegenüber steht. Diese Tendenzen lassen sich auch in den vier untersuchten Gedichten beobachten.

3 Gedichtinterpretationen

3.1 Städter, Alfred Wolfenstein

Dicht wie die Löcher eines Siebes stehn

Fenster beieinander, drängend fassen

Häuser sich so dicht an, dass die Straßen

Grau geschwollen wie Gewürgte sehn.

Ineinander dicht hineingehakt

Sitzen in den Trams die zwei Fassaden

Leute, ihre nahen Blicke baden

Ineinander, ohne Scheu befragt.

Unsre Wände sind so dünn wie Haut,

Dass ein jeder teilnimmt, wenn ich weine.

Unser Flüstern, Denken ... wird Gegröle ...

- Und wie still in dick verschlossner Höhle

Ganz unangerührt und ungeschaut

Steht ein jeder fern und fühlt: alleine.

Interpretation:

Städter ist von Alfred Wolfenstein, stammt aus dem Jahr 1914 und thematisiert die Großstadt. Das Gedicht ist in der traditionellen lyrischen Form des Sonetts verfasst, das häufiger im Expressionismus verwendet wurde. Die beiden Quartette heben sich nicht nur optisch von den Terzetten ab, auch inhaltlich lässt sich eine Zäsur[12] ausmachen. Die ersten beiden Strophen beschreiben die geballte Situation in der Stadt und deren Einwohner, während das lyrische Ich in den Zeilen 9 bis 14 auf sein Leid durch die Stadt zu sprechen kommt. Dabei bilden die ersten beiden Strophen umarmende Reime. Die Zeilen der dritten Strophe reimen sich jeweils auf eine der vierten Strophe. Die Reimabfolge ist also in den Quartetten gewöhnlich und in den Terzetten ungewöhnlich. Der umarmende Reim verstärkt den Eindruck der Enge in der Stadt und die unübersichtlichen Reime der Terzette stehen für die widersprüchlichen Gefühle, die das lyrische Ich in diesem Raum erlebt. Die formalen Merkmale passen also gut zum Inhalt. Der Inhalt wird noch durch eine Fülle weiterer künstlerischer Mittel unterstützt. Typisch expressionistisch sind die Personifikationen von Objekten (Fenster, Häuser, Straßen), während Menschen verdinglicht werden (Menschen = Fassaden). Am Anfang finden sich viele Enjambements, besonders in der ersten Strophe, die den Lesefluss beschleunigen. Sehr ausdrucksstark und gut vorstellbar sind die teils extremen Vergleiche ("wie die Löcher eines Siebes“ (1,1), „wie Gewürgte" (1,4), „wie Haut“ (3,1), „wie in dick verschlossner Höhle“ (4,1)), die Metaphern (Häuser "fassen sich ... an" (1, 2-3), die Blicke baden ineinander (2, 3-4)) und die damit häufig verbundenen Personifizierungen. Auch die Alliteration „Grau geschwollen wie Gewürgte“ (1,4) unterstreicht anschaulich die inhaltliche Aussage. Zum Ende des Textes verwendet Wolfenstein weniger Enjambements, wodurch sich der Lesefluss verlangsamt und ins Stocken gerät, was durch Verzögerungen in Form von mehreren Punkten (3,3) und einen Gedankenstrich (4,1) gestützt wird. Dies passt zum resignierenden Ton am Ende und könnte dafür sprechen, dass die Äußerungen dem Sprecher schwer fallen.

Der Inhalt und die formalen Mittel ergänzen sind also im ganzen Text sehr stimmig. Es besteht eine Diskrepanz zwischen den traditionellen lyrischen Mitteln und den neuen Motiven einer Großstadtlyrik, was in mehreren expressionistischen Texten der Fall ist, wie auch in Der Gott der Stadt.

In der ersten Versgruppe überwiegt wie bereits erwähnt der Eindruck der Enge in der Stadt, was durch ausdruckstarke Bilder, den umarmenden Reim und die Enjambements unterstützt wird. Die Fenster stehen "[d]icht wie die Löcher eines Siebes" (1,1), was die gedrängte Situation bildlich beschreibt. Der Vergleich erweckt den Eindruck, als ob die eng stehenden Häuser keinen Raum mehr für Parks oder Grünflächen zulassen würden. Fenster und Häuser verbindet man hier nicht mit einem Heim, sondern sie werden belebt, stehen scheinbar eigenständig und fassen sich an, was einen bedrohlichen Eindruck schafft, weil der Autor den Objekten eine gewisse Eigendynamik zuspricht. Um diese Wirkung zu verstärken, verwendet Wolfenstein eine Alliteration („Grau geschwollen wie Gewürgte“ (1,4)), die das Beengende der Häuser auf geradezu beängstigende Weise deutlich hervorhebt, indem es so scheint, als würden die Straßen von den Häusern gewürgt werden. Die Enge der Stadt wird also äußerst ausdrucksstark mit einem gewaltsamen Übergriff verglichen. Die Gebäude stehen derart gedrängt, dass sie sogar eine Bedrohung für die Straßen - und damit auch für die Menschen - darstellen. Alle wichtigen Erscheinungen der Stadt (Fenster, Häuser, Straßen) werden personifiziert, was einen grotesken, unheimlichen und beengenden Eindruck des neuen Lebensraums Stadt schafft, der dadurch kritisiert wird.

Nachdem der Sprecher die Erscheinungsformen der Stadt beschrieben hat, kommt er erst in der zweiten Strophe auf deren Einwohner zu sprechen, als ob sie unbedeutender als ihr Lebensraum wären. Durch die Erwähnung der Menschen wird zum erstem Mal ein Bezug zum Titel Städter hergestellt. Er beschreibt kritisch die enge Atmosphäre in den Trams, was ebenfalls durch den umarmenden Reim formal unterstützt wird. Auffallend ist, dass sowohl die erste als auch die vierte Zeile mit dem Wort "ineinander" beginnen, wodurch der Eindruck des Platzmangels verstärkt wird: Die Städter sitzen nicht nebeneinander, sondern ineinander und auch ihre Blicke „baden [i]ineinander“ (2,3-4). Auch die Wendung „dicht hineingehakt“ (2,1) verstärkt hyperbolisch die Enge in diesem Verkehrsmittel. Die einander gegenüber sitzenden Reihen von Menschen werden mit „zwei Fassaden“ (2,2) verglichen und dadurch depersonifiziert, während die Erscheinungsformen der Stadt personifiziert werden, was einen paradoxen und grotesken Eindruck schafft sowie einen Kontrast zwischen dem ersten und dem zweiten Quartett. Der Vergleich mit den Häuserfassaden zeigt, dass die Menschen sich bereits entfremdet haben und schon wie die Stadt geworden sind. Sie wirken kalt, leblos und vor allem oberflächlich. Die Fahrgäste sind nur äußerlich anwesend und sitzen gedrängt, aber sie zeigen keine Gefühle oder Wärme. Paradoxerweise führt diese Nähe in den Trams nicht zu einem sozialen Austausch, sondern es baden lediglich die „nahen Blicke“ (2,3) ineinander. Wolfenstein verdeutlicht eine Atmosphäre, die man noch heute in Verkehrsmitteln vorfinden kann, in denen sich fremde Menschen gegenseitig mustern. Im Text scheint dadurch die Privatsphäre der Menschen zu leiden, sie haben zu wenig Platz und werden dementsprechend von den Blicken der anderen „ohne Scheu befragt“ (2,4). Dieser Satz verdeutlicht aber auch, dass als Folge der emotionalen Kälte nur noch eine eingeschränkte Kommunikation stattfindet, obwohl sich die Städter nach mehr Nähe zu sehnen scheinen, da ihre „nahen Blicke“ (2,3-4) sonst nicht ineinander baden würden.

[...]


[1] Vgl. Martini: 1948: 21.

[2] Vgl. ebd: 68.

[3] Vgl. ebd: 72.

[4] Vgl. Schneider, 1967: 41-42.

[5] Vgl. Bekes, 2002: 72.

[6] Vgl. Viette, 1976: 30.

[7] Vgl. Bekes, 2002: 10.

[8] Vgl. Große, 2007: 73.

[9] Vgl. ebd.: 33.

[10] Vgl. Große, 1988: 58.

[11] Große, 2007: 73.

[12] Trennung, Einschnitt.

Details

Seiten
28
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640220885
ISBN (Buch)
9783640223039
Dateigröße
783 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v118696
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin
Schlagworte
Thema Großstadt Expressionismus Untersucht Gedichten Heym Stadt Lichtenstein Georg Alfred

Autor

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