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Das sozialkonstruktivistische Paradigma in der Lernbehindertenpädagogik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 15 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhalt

1.0. Theoretischer Hintergrund und Erklärung zentraler Begriffe
1.1. Der Begriff „Paradigma“
1.2. Begriffsbestimmung von Konstruktivismus
1.3. Begriffsklärung von Sozialkonstruktivismus und Ko- Konstruktion

2. Theoretische Zugänge und Hauptvertreter

3. Lernbehindertenpädagogik aus sozialkonstruktivistischer Sicht

4. Praktische Konsequenzen für Schule und Unterricht

5. Literaturangaben

1.0. Theoretischer Hintergrund und Erklärung zentraler Begriffe

Bevor das sozialkonstruktivistische Paradigma in Bezug auf die Lernbehindertenpädagogik dargestellt wird, muss zunächst der theoretische Hintergrund geklärt werden. Dazu werden anfangs die Begriffe Paradigma und Paradigmenwechsel, Konstruktivismus, Sozialkonstruktivismus und Ko- Konstruktion dargestellt und näher erläutert. Im Anschluss daran werden dann die theoretischen Zugänge des sozialen Konstruktivismus beschrieben, bevor die Lernbehindertenpädagogik aus sozialkonstruktivistischer Sicht abgebildet wird. Abschließend sollen dann noch Möglichkeiten aufgezeigt werden, wie soziale Interaktionen in der Schule umgesetzt werden können bzw. welche praktischen Konsequenzen sich daraus für den Unterricht in der Schule ergeben.

1.1. Der Begriff „Paradigma“

Bevor man sich mit dem sozialkonstruktivistischen Paradigma auseinandersetzen kann, muss zunächst einmal geklärt werden, was der Begriff Paradigma im allgemeinen und auch im Zusammenhang mit der Lernbehindertenpädagogik bedeutet.

Paradigma kommt aus dem Griechischen und bedeutet ursprünglich Beispiel, Beweis, Vorbild oder Urbild. Über den eigentlichen Wortsinn hinaus bezeichnet dieser Begriff heute ein Denkmuster, das das wissenschaftliche Weltbild oder die Weltsicht einer Zeit überhaupt prägt. In der modernen Wissenschaftstheorie ist Paradigma ein von Thomas S. Kuhn 1962 eingeführter Begriff, der die Gesamtheit aller eine Disziplin in einem Zeitabschnitt beherrschenden Grundauffassungen bezeichnet und somit festlegt, was als wissenschaftlich befriedigende Lösung angesehen werden soll (vgl. Meyers 1995, Bd. 16, 263).

Auf Behinderung bzw. Lernbehinderung bezogen bilden Paradigmen, nach Bleidick

( 1999, 24), Zugangsweisen zum komplexen Phänomen Behinderung ( bzw. Lernbehinderung, U. Heimlich); sie stellen Perspektiven dar, die nicht auf Vollständigkeit hin angelegt, untereinander nicht klar abgegrenzt und mehrfach gebrochen sind, sie sind jeweils für sich einzelne Theorien mit mittlerer Reichweite.

In der Wissenschaftstheorie lassen sich nach Kuhn auch wissenschaftliche Revolutionen im Sinne von Paradigmenwechsel feststellen. Demnach sind

Paradigmen vielfältigen Veränderungen unterworfen und somit nur von vorübergehender Dauer (vgl. Meyers 1995, Bd. 16, 263).

1.2. Begriffsbestimmung von Konstruktivismus

Nachdem der Begriff Paradigma nun geklärt ist, soll im Folgenden auf die Begriffe Konstruktivismus bzw. radikaler Konstruktivismus und Sozialkonstruktivismus näher eingegangen und erläutert werden.

Der Ursprung des Konstruktivismus liegt im sog. radikalen Konstruktivismus, der auf die beiden chilenischen Biologen Humberto Maturana und Francisco Varela zurückzuführen ist. Beim radikalen Konstruktivismus gibt es keine Welt außerhalb des Bewusstseins. Demnach ist die Welt, wie wir sie wahrnehmen von uns selbst konstruiert, d.h. jeder bringt seine eigene Welt hervor und lebt in dieser, denn nur diese ist für den Menschen handlungsrelevant. Es handelt sich also um einen Prozess, den jeder Mensch selbst vollbringen muss. Die Grundlage des radikalen Konstruktivismus bildet somit die Auffassung von der Subjektabhängigkeit aller Wirklichkeitserkenntnis (Meyers 1995, 113).

Nach Gerstenmaier/ Mandl (1995, 868) steht im Mittelpunkt der radikal- konstruktivistischen Perspektive die Auffassung, daß Wahrnehmung, Konstruktion und Interpretation ist [...]und Objektivität, subjektunabhängiges Denken und Verstehen unmöglich ist. Wirklichkeit ist damit immer kognitiv konstruierte Wirklichkeit, die dann für Individuen verbindlich ist, wenn sie von anderen geteilt wird. Somit kommt hier der Tätigkeit des Menschen eine wesentliche konstruktive Bedeutung zu.

Konstruktivismus im wissenschaftlichen Sinn meint alle Strömungen, bei denen die Anteile, die das Subjekt an der Erkenntnisleistung hat, in den Vordergrund gestellt werden. Es geht dabei um die Frage, wie wir die Erscheinungen, der uns umgebenden Welt, wahrnehmen und strukturieren( Meyers 1995, Bd.12, 112). Nach Gudjons (2001, 46) knüpft der Konstruktivismus als Erkenntnis- und auch Wissenschaftstheorie an die systemtheoretische Pädagogik an. Demnach ist im Konstruktivismus das Subjekt (als lebendes System) alleiniger Urheber des Wissens, seiner Konstitution und Konstruktion. Der Mensch konstruiert seine Welt, in der er lebt, selbstreferentiell und autopoietisch, d.h. der Mensch kann sich auf sich selbst beziehen und sich auch immer wieder selbst hervorbringen. Er wird somit als autark gedacht. Nach dieser Theorie ist eine objektiv existierende Außenwelt einer Fiktion gleichzusetzen. Das Subjekt- Objekt- Verhältnis wird hier also auf die reine Subjektivität reduziert. ( vgl. Lenzen 1992/96 in Gudjons 2001, 46f).

1.3. Begriffsklärung von Sozialkonstruktivismus und Ko- Konstruktion

Abschließend soll nun der Begriff des Sozialkonstruktivismus erklärt und näher erläutert werden. Beim Sozialkonstruktivismus, geht es schwerpunktmäßig darum, Wege aufzuzeigen, wie die soziale Wirklichkeit und einzelne soziale Phänomene konstruiert werden. Nach Benkmann setzen Lernen und Entwicklung soziale Interaktion voraus und beruhen auf Kooperation und Kommunikation. „Lernen und Entwicklung sind weitgehend, durch Kooperation sozial konstruierter Prozesse, in denen mindestens zwei Personen in eine Beziehung treten, in der explizit oder implizit inhaltliches Wissen und Kompetenz vermittelt werden und dabei unterstellt wird, dass Heranwachsende diese Angebote in ihre kognitiven und emotionalen Strukturen integrieren“( Benkmann 1998, 167). Lernen und Entwicklung sind vom Kind aktiv vollzogene Konstruktionsprozesse, d.h. das Kind organisiert sein Wissen und seine Umwelt selbst. Die primäre Entwicklungsvoraussetzung liegt somit beim Kind selbst. Diese Konstruktionsprozesse finden im Rahmen sozialer Interaktionen, im sozialen Austausch statt und beruhen auf Kooperation und Kommunikation. Das bedeutet, dass nicht jeder seine eigene Welt konstruiert, sondern dass wir gemeinsam mit anderen eine Welt konstruieren. Und diese Konstruktionen finden im kulturellen und zwischenmenschlichen Kontext satt. Nach Gergen trägt der soziale Konstruktivismus somit zu neuen und freundlicheren Formen des menschlichen Zusammenlebens bei( Gergen 2002, 15).

Eng verbunden mit dem sozialen Konstruktivismus steht der Begriff der Ko- Konstruktion. Ko- Konstruktion bedeutet, dass auf der einen Seite das Handeln des Kindes durch das Verhalten der Personen und Objekte beeinflusst wird, aber andererseits das Handeln des Kindes ebenso auch Einfluss auf das Verhalten der Personen und Objekte ausübt. Aus diesem wechselseitigen Prozess ergeben sich Konstruktionen des Kindes, die letztlich Ko- Konstruktionen des Kindes und der Personen und Objekte sind. Somit wird durch gegenseitige Beeinflussung eine gemeinsame Welt hervorgebracht (vgl. Benkmann 1998, 167).

[...]

Details

Seiten
15
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640220816
ISBN (Buch)
9783640229963
Dateigröße
406 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v118686
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Lehrstuhl Lernbehindertenpädagogik
Note
1,0
Schlagworte
Paradigma Lernbehindertenpädagogik Theorien Methoden

Autor

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Titel: Das sozialkonstruktivistische Paradigma in der Lernbehindertenpädagogik