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Der letzte deutsche Dichterfürst Paul Heyse

Vom Glückskind zum fast vergessenen Nobelpreisträger

Seminararbeit 2008 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 „Paul? Wer war eigentlich Paul?“
2.2 Heyses Falkentheorie
2.3 „L`Arrabbiata“ - Die Widerspenstige

3. Schluss

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ich entsinne mich, daß ich hier oft gesessen und in das langsam vorbeifließende Wasser gestarrt habe, ja als ein noch sehr kindlicher kleiner Idealist mich darüber grämte, daß es mir nicht möglich war, das Gold herauszufischen, das die Abendsonne in einzelnen breiten Flecken auf die schwarze Flut streute.[1]

In dem autobiografischen Werk „Jugenderinnerungen und Bekenntnisse“ erinnert sich Paul Johann Ludwig von Heyse unter anderem an seine Knabenjahre in der Berliner Wohnung am Weidendamm, die in der Nähe eines trüben Kanals lag, der in die Spree mündete. Heyse berichtet, dass er dort von einem kleinen Treppchen hinter einem Wirtshaus aus den Schiffern oft bei ihrer Arbeit zugesehen habe. In dem oben angeführten Auszug aus seiner Autobiografie zeichnet er ein anekdotisches Bild von dieser Jugendzeit, das ihn und sein Werk zutreffend charakterisiert. Diese Hausarbeit beschäftigt sich zuerst mit dem Lebenslauf, den Lebensumständen und künstlerischen Beziehungen von Paul Heyse. Der heute fast vergessene Nobelpreisträger nahm als Dichterfürst in der Nachfolge Goethes zu Lebzeiten eine herausragende Stellung im literarischen Leben ein. Während seiner Zeit in München als freier Schriftsteller im Auftrag des Königs genoss das „Glückskind“ finanzielle Sorgenfreiheit sowie die Gesellschaft und Gespräche in den damals elitären Dichter- und Gelehrtenkreisen. Für sein umfangreiches Werk und Leben für die „Kunst“, wie sie in den Salons gepflegt wurde, erhielt er 1910 als erster deutscher Autor für sein belletristisches Werk den Nobelpreis für Literatur - „als Huldigungsbeweis für das vollendete und von idealer Auffassung geprägte Künstlertum, das er während einer langen und bedeutenden Wirksamkeit als Lyriker, Dramatiker, Romanschriftsteller und Dichter von weltberühmten Novellen an den Tag gelegt hat“ (Begründung des Nobelpreiskomitees). Paul Heyse galt damals als „Modedichter“ und verkörpert „in hohem Maße zumindest einen Teil des geistigen Lebens seiner Zeit“, wie Karl Pörnbacher in einem Nachwort zu zwei von ihm im Reclam-Verlag herausgegebenen Novellen des Dichters anführt (S.103). Sein Werk zeichnet sich weniger durch Innovationen aus, vielmehr gilt es als Erbe der Klassiker. Heyse hatte die Begabung, Altes und Vorgefundenes zu verarbeiten und meisterlich zu verfeinern. Dennoch geriet es an den Rand der Vergessenheit. Im Gegensatz zu seinen Werken, blieb seine Falkentheorie, in der er gattungstheoretische Ansichten zur Novelle formulierte, auch nach seinem Tod beständig im literaturwissenschaftlichen Gedächtnis. Bis heute beschäftigen sich besonders Literaturwissenschaftler, Schulklassen im Deutschunterricht und Studenten in Universitäten mit ihr. In dieser Hausarbeit wird sie unter Punkt 2.2 vorgestellt und im darauf folgenden Kapitel am Beispiel der Erstlingsnovelle „L`Arrabiata“ näher erläutert. Heyses Zeitgenossen schenkten der Falkentheorie weitaus weniger Beachtung wie es heute der Fall ist.

In der Schlussbemerkung soll der Frage, warum Heyses Werke in der heutigen Zeit nicht mehr viel gelesen werden, nicht näher nachgegangen werden. Stattdessen wird versucht aufzuzeigen, was den modernen Leser an seinen Werken heute noch reizen könnte. Denn Heyse lesen, muss nicht zwangsläufig heißen „ein Mensch ohne Geschmack“ zu sein, wie damalige Vertreter des Naturalismus verlauten ließen, sondern es kann auch bedeuten, eine Auszeit von der Realität zu nehmen, um Einzutauchen in eine literarische Welt des Idealismus und des Schönen.

1. Hauptteil

1.1 „Paul? Wer war eigentlich Paul?“

Paul Heyse wurde am 15. März 1830 in Berlin geboren. Er war der zweite Sohn von Julie Saaling, eine Hofjuwelierstochter, und Karl Wilhelm Ludwig Heyse, ein Professor für klassische Sprachen und vergleichende Sprachwissenschaften. In „Jugenderinnerungen und Bekenntnisse“ findet er für seine Eltern viele Worte des Lobes. Vor allem seinen Vater, für den stets das Wohl der Familie an erster Stelle gestanden habe, bewunderte er für seine gewissenhafte, selbstlose und pflichtbewusste Art. Ein schweres, wissenschaftliches Erbe wurde dem Vater aufgebürdet. Er gab seine ursprünglichen Ambitionen auf und arbeitete, wie vom Vater letztwillig gewünscht, am Ausbau und der Vervollständigung der Grammatiken, Wörter – und Lehrbücher. Er musste viele Demütigungen und Kränkungen im Berufsleben einstecken.

Ein tragisches Lebenslos, unter dessen Schwere manche robustere Kraft erlegen wäre. Und doch widerstand die zart angelegte Natur meines Vaters dreißig Jahre lang diesem Druck, weil in dem schwachen Körper ein stählerner Wille, ein unerschütterliches Pflichtgefühl lebten“.[2]

Für Heyse war er stets ein Vorbild. Seine pädagogischen Fähigkeiten schätzte er sehr und dennoch entwickelte sich mit der Zeit zwischen den beiden eine Freundschaft, in der beide sich auf einer gleichgestellten Ebene begegneten. Die „unverwüstliche Frische“ und „Liebenswürdigkeit“ des „Naturells“ der „orientalischen Mutter“[3] stellt für Paul Heyse den harmonisierenden Gegenpol zum Vater dar. Die Beziehung der beiden Elternteile beschrieb er als ausgeglichen. Die Atmosphäre im Elternhaus wird von Heyse als durchweg harmonisch und freundlich geschildert. Einen Schatten auf diese Familienidylle warf lediglich der zwei Jahre ältere Bruder Ernst Hermann, der eine geistige Entwicklungsschwäche hatte. Das Sorgenkind war im Alltag und der Schule unbeholfen. Dem jüngeren Bruder wurde von den Eltern die Beschützerrolle auf dem gemeinsamen Schulweg zugedacht. Er verteidigte Ernst Hermann, wenn er von Schulkameraden gehänselt und geärgert wurde. Zudem ordnete seine Mutter an, dass er den Bruder zu Verabredungen mit Freunden mitnehmen soll. Oft lehnte er Einladungen ab, weil er den geliebten Bruder in der Gesellschaft von aufgeweckten Gleichaltrigen untergehen sah und ihn diese Situation schmerzlich traf. In seinen eigenen Emanzipations- und Sozialisationsbestrebungen schränkte ihn die Rolle als jüngerer „älterer Bruder“ ein. Hinzu kam noch, dass er durch seine für Gleichaltrige schwer verständlichen Prinzipien in der Schule Anpassungsschwierigkeiten hatte. Der von seinen Eltern und seinem Hauslehrer sorgfältig ausgebildete und wohlerzogene[4] Heyse galt als Musterschüler und war dementsprechend beliebt bei seinen Lehrern, denen er stets mit Ehrfurcht und Respekt gegenübertrat. Sogar zum Tee bei den Lehrern zuhause wurde er gelegentlich eingeladen. Er war als Frühreifer seinen Mitschülern geistig überlegen und „die moralischen Gebote der Erwachsenenwelt bestimmten sein Verhältnis zu den Kameraden“.[5] Seine Eltern hielten ihn stets „zur unbedingten Wahrhaftigkeit“[6] an. Heyse verriet beispielsweise Anstifter von Streichen, wenn der Lehrer ihn dazu aufforderte. Er ließ seine Mitschüler auch nicht von sich abschreiben oder verweigerte ihnen seine Hilfe bei der Erledigung von schwierigen Aufgaben, weil er dies als nicht gebührlich empfunden hätte. Durch dieses Verhalten hatte er in der Klassengemeinschaft keinen guten Stand und Sanktionen blieben ihm nicht erspart. Der junge Heyse isolierte sich zeitweise von gleichaltrigen Kameraden und orientierte sich früh geistig an der Erwachsenenwelt. Dennoch war er mit der Zeit bezüglich seiner Prinzipien zu Kompromissen bereit und zeigte die Willigkeit sich mit seinen Gleichaltrigen zu arrangieren und zu versöhnen.

Heyse haftete der Ruf eines „Glückskindes“ an. Er wuchs, wie bereits angedeutet, relativ wohlbehütet auf. Von Kindesbeinen auf war es für ihn selbstverständlich, sich sowohl in kultivierter Geselligkeit zu befinden, einen regelmäßigen geistig-literarischen Austausch zu pflegen, als auch sich mit Musik und bildender Kunst zu beschäftigen. Die Mutter war verwandt mit der Familie Mendelssohn-Bartholdy. Die Familie stand mit den führenden jüdischen Salons in Berlin in freundschaftlichem Kontakt. Schon während seiner Schulzeit begann er am Friedrich-Willhelms-Gymnasium seine ersten literarischen Versuche. Krausnick erwähnt in „Paul Heyse und der Münchner Dichterkreis“, dass in diesen frühen Manuskripten, entsprechend der „Überfülle und Vielfalt der literarischen Anregungen, die er von seiner Umwelt erhielt“ (S.42), nahezu alle im literarischen Biedermeier lebendigen Vorbilder von Klassik bis hin zu den Dichtern des Jungen Deutschland nachweisbar seien.

(…) in der Lyrik, die in seinem Jugendwerk an erster Stelle steht, war Heinrich Heine weitaus am stärksten wirksam, in den Märchen und Novellen sind die Anlehnungen an Brentano und Eichendorff unübersehbar, in den Balladen und Romanen schwankt er zwischen Heine und Uhland, während die ersten Dramen Anklänge an Goethe und Schiller aufweisen.[7]

[...]


[1] Paul Heyse: Jugenderinnerungen und Bekenntnisse. In: Ders.: Gesammelte Werke, Reihe 3, Bnd.1, Hildesheim 1985, S.14. (Nachdruck der Ausgabe Stuttgart 1924)

[2] Heyse: Jugenderinnerungen und Bekenntnisse, S.16.

[3] Heyse: Jugenderinnerungen und Bekenntnisse, S.6.

[4] Vgl. Heyse: Jugenderinnerungen und Bekenntnisse, S.26.

[5] Michail Krausnick: Paul Heyse und der Münchner Dichterkreis, Bonn 1974, S.31.

[6] Heyse: Jugenderinnerungen und Bekenntnisse, S.27.

[7] Krausnick: Paul Heyse und der Münchner Dichterkreis, S. 42.

Details

Seiten
16
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640219827
ISBN (Buch)
9783640220021
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v118610
Institution / Hochschule
Universität Karlsruhe (TH) – Literaturwissenschaft
Note
2,3
Schlagworte
Dichterfürst Paul Heyse Novellen Realismus

Autor

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Titel: Der letzte deutsche Dichterfürst  Paul Heyse