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„Man opfert uns dem Staat, Und wer aus Sehnsucht liebt, begeht den Hochverrat“

Die Verknüpfung von Liebeskonzeptionen, Tugendhaftigkeit und Politik in Johann Christoph Gottscheds ‚Sterbender Cato‘

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Politische Konstellation und Tugendhaftigkeit im ‚Sterbender Cato‘
2.1. innenpolitischer Konflikt
2.1.1. Cato als tugendhafter Republikaner mit Fehler
2.1.2. Cäsar als ehrsüchtiger Monarch
2.2. außenpolitischer Konflikt
2.2.1. Pharnaces als lasterhafter Gegenspieler Catos
2.3. Zusammenfassung

3. Inhaltliche Verknüpfung von Liebeskonzeptionen der Frühaufklärung und der Politik im ‚Sterbender Cato‘
3.1. Das Konzept der vernünftigen Liebe
3.2. Verbot der zärtlichen Liebe durch die Politik- Cäsar und Arsene
3.3. Verurteilung der triebhaften Liebe- Pharnaces
3.3. Väterliche Liebe vs. Liebe zur Republik- Vernünftige Liebe als Gradmesser zwischenmenschlicher Beziehungen

4. Sprachliche Verknüpfung von Liebe und Politik
4.1. Netze und Stricke- Gefangenschaft
4.2. Liebesbeziehung als kriegerische Auseinandersetzung
4.3. Feuer und Glut

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Beginnend mit der frühen Neuzeit entwickelte sich ein von der bisherigen Auffassung von Liebe und Ehe differierendes Konzept. War die Liebe bzw. die Ehe bis dato nur ein „Mittel zu den Zwecken der Zeugung, Lebenssicherung und Rangbewahrung“[1] bzw. Rangverbesserung, so wurde ihr im Folgenden ein eigener Wert zugedacht. Die Bedeutung der emotionalen Zuneigung zum Partner und die wechselseitige Liebe rücken mehr in den Fokus der frühaufklärerischen Liebeskonzeption. Zusätzlich dazu verstanden sich die Dichter der Frühaufklärung auch als Pädagogen bzw. als Vermittler ihrer neuen Liebeskonzeption und versuchten diese durch ihre Werke dem vorwiegend adligen Publikum bzw. den Lesern zu vermitteln. Doch nicht nur die Liebeskonzeption sondern auch die damalige politische Umbruchssituation nahm in den Dramen der Frühaufklärung eine wichtige Rolle ein, da diese Phase in Deutschland wichtige politische Umwälzungen mit sich brachte, die die Literatur maßgeblich beeinflussten.

Johann Christoph Gottscheds ‚Sterbender Cato‘ spielt als erste deutsche Aufklärungstragödie in diesem Zusammenhang eine sehr wichtige Rolle, da er in seinem Werk die entscheidenden Diskurse seiner Zeit, verkörpert durch Tugend, Politik und Liebe, in die Bürgerkriegssituation gegen Ende der römischen Republik transferiert und durch seine Charaktere austragen lässt. Seine Lehrsatzdramaturgie im ‚Sterbender Cato‘ befördert die pädagogische Funktion des Helden Cato und dient dem Publikum „als Wunsch zur Nacheiferung“[2]. Dieses gilt, was in dieser Hausarbeit gezeigt werden soll, sowohl für die stoisch- tugendhafte politische Einstellung Catos als auch für das Konzept der „vernünftigen Liebe“, das seinen Liebesbeziehungen zugrunde liegt. Bewunderung und Schrecken erzeugt im ‚Sterbender Cato‘ jedoch nicht nur die Tugendhaftigkeit Catos und sein durch Fanatismus ausgelöster Tod sondern auch die Skrupellosigkeit der lasterhaften Charaktere, die mit dem Helden nicht nur politische sondern auch Konflikte, die durch unterschiedliche Liebes- bzw. Tugendkonzeptionen ausgelöst werden, austragen.

Das Ziel meiner Hausarbeit soll sein, die Konfliktebenen von Liebe, Tugend und Politik sowie ihre parallel angelegten Zusammenhänge innerhalb des ‚Sterbender Cato‘ darzustellen.

Zu diesem Zweck möchte ich zunächst die parallele Ausrichtung der politischen Einstellung der Protagonisten zur Darstellung der Tugendhaftigkeit derselben darstellen. Hierzu werde ich den innenpolitischen Konflikt und den außenpolitischen Konflikt mit den dazugehörigen Protagonisten Cato, Cäsar und Pharnaces schildern und daraufhin zeigen, wie Gottsched den einzelnen Protagonisten in Abhängigkeit ihrer politischen Einstellung Tugendhaftigkeit oder Untugendhaftigkeit zuschreibt.

Darauffolgend möchte ich zeigen, wie Gottsched die Liebeskonzeptionen der Frühaufklärung inhaltlich mit der politischen Konfliktsituation verknüpft. Hierbei sollen die Liebeskonzeptionen dargestellt und mit konkreten Beispielen aus dem ‚Sterbender Cato‘ nachgewiesen sowie ihre inhaltliche Darstellung bewertet werden.

Wie die einzelnen Charaktere zum pädagogischen Lehrsatz des Dramas- mangelnde Affektkontrolle in Liebe und Politik führt zum zwangsläufigen Scheitern- beitragen, soll Inhalt meiner Schlussbetrachtung sein.

2. Politische Konstellation und Tugendhaftigkeit im ‚Sterbender Cato‘

Die politische Konstellation des ‚Sterbender Cato‘ ist durch zwei grundlegende Konflikte gekennzeichnet, den innenpolitischen sowie den außenpolitischen Konflikt. Beide Konflikte beeinflussen sich wechselseitig.

Die Charaktere im ‚Sterbender Cato‘ sind „in starkem Maße der Wolffschen Argumentationslogik“[3] unterlegen, d.h. in ihrer Darstellung gilt das Prinzip der „kausalen Herleitung aller Behauptungen aus einem ‚zureichenden Grund‘“[4]. Für die politische Konstellation bedeutet das, dass die Protagonisten ihre politische Überzeugung und ihre tugend- oder lasterhafte Gesinnung von Beginn bis zum Ende des Dramas konsequent einnehmen. Durch diese Regel bedingt, kann man die politische Konstellation und die Tugendhaftigkeit der Charaktere anhand vieler Textbelege parallel untersuchen, da die positiven politischen Einstellungen wie Freiheit und Republik den tugendhaften Charakteren Arsene, Portius und insbesondere Cato zugeordnet sind, die politisch negativ- konnotierten Alleinherrschaftsformen den lasterhaften Charakteren Cäsar und Pharnaces zugeschrieben werden. Die politischen Konflikte sind also zugunsten des erwähnten kausalen Zusammenhangs parallel zum Tugenddiskurs im ‚Sterbender Cato‘ angelegt. Im folgenden Abschnitt möchte ich anhand mehrerer Textstellen diese Parallelität belegen.

2.1. innenpolitischer Konflikt

Beim innenpolitischen Konflikt handelt es sich um die Bürgerkriegssituation im Jahre 49 v. Christus, in der die römische Republik ihr Ende fand. Entsprechend finden sich im ‚Sterbender Cato‘ die Vertreter der zwei Bürgerkriegsparteien nämlich Cato als Republikaner und Cäsar als Monarchist, der die Alleinherrschaft anstrebt. Diese historische Umbruchssituation wird im ‚Sterbender Cato‘ mit den Worten:

„Rom seufzet, und es steht das Capitol in Flammen!

Hier zieht die Freiheit noch die letzte Kraft zusammen

Mit der die Republik gewiss zugrunde geht,

Und wenn sie einmal fällt, wohl niemals aufersteht“

(Sterbender Cato, V. 125- 128).[5]

beschrieben.

2.1.1. Cato als tugendhafter Republikaner mit Fehler

Gottsched selbst bewertet seinen Cato als ein „ganz besonderes Muster der stoischen Standhaftigkeit und der patriotischen Liebe zur Freiheit“[6].

Gleich zu Beginn der Tragödie wird Cato als der Held der Freiheit und der Republik eingeführt, wenn Arsene zu Phenice sagt:

„er ist der große Mann,

auf den das freie Rom noch einzig bauen kann“ (Sterbender Cato, V. 4f.).

Da Arsene dieses äußert, wird auch klar, dass er sowohl den republikanischen Römern als auch den Parthern als letzte Hoffnung auf Freiheit und Frieden gilt.

Zudem wird seine Tugendhaftigkeit, Standhaftigkeit und Weisheit in besonderer Weise hervorgehoben:

„Doch Cato kömmt bereits. Phenice siehst du nicht,

Daß seiner Weisheit Strahl durch Schmerz und Kummer bricht.

Bewundre doch den Held! Er hat nicht seinesgleichen,

Die Götter haben ihn mit vielen Unglücksstreichen

Bisher umsonst versucht. Er steht noch immer fest:

Weil ihn sein starker Mut nicht einmal wanken lässt“

(Sterbender Cato, V.63- 68).

Diese Äußerung kennzeichnet Cato als Stoiker. Ziel eines solchen ist, „seinen Platz in dieser Ordnung zu erkennen und auszufüllen, indem er durch die Einübung emotionaler Selbstbeherrschung sein Los zu akzeptieren lernt und mit Hilfe von Gelassenheit und Seelenruhe zur Weisheit strebt“[7]. Meier merkt dazu allerdings an, dass der Cato in Gottscheds Tragödie nicht der klassischen antiken Stoa folgt, „sondern der Neustoizismus zur philosophischen Fundierung gedient hat“[8], der postuliert, dass es neben der richtigen auch eine falsche Standhaftigkeit gibt. Dieses ist in dem Zusammenhang wichtig, dass Cato nicht wie bei Addison als „godlike hero“ gezeichnet ist, sondern von Gottsched als „Held mit Fehler“ charakterisiert wurde, der in der entscheidenden Situation „seine Liebe zur Freiheit zu hoch“ treibt, „so daß sie sich in Eigensinn verwandelt“[9] und er sich sein Leben nimmt. Dieses werde ich später in diesem Abschnitt noch konkretisieren.

Die emotionale Selbstbeherrschung verliert Cato trotzdem nur selten. Nur vereinzelt lässt er sich in Situationen von hohem emotionalen Gehalt, die sich insbesondere im privaten familiären Bereich abspielen, zur mangelnden Affektkontrolle verleiten, was sich zum Beispiel an der erhöhten Anzahl von Satzzeichen in der Szene, in der er von der wahren Identität Arsenes als seine Tochter Portia erfährt, zeigt:

„Wie? Was? Mein Kind am Leben? Was sagst du?“ (Sterbender Cato, V. 168f.)

Catos Tugendhaftigkeit zeigt sich überdies auch darin, dass nach seiner Auffassung sowohl Mittel zum Erreichen seines Zieles, der Erhaltung der Republik, als auch Taten tugendhaft sein müssen. So benutzt er die royale Position seiner Tochter nicht zu militärischen Zwecken, wie Phocas es ihm rät, mit der Begründung:

„Welch unerhörter Rat! Meinst du, daß Freveltaten

In einer Tugend Dienst auch tugendhaft geraten?“

(Sterbender Cato, V. 237f.).

Und weiter:

„Der lehrt mich, Rom sei nur zur Freiheit auserkoren

Und habe die Gewalt der Könige verschworen.

Ja, der beut uns auch itzt der Parther Zepter an,

Zur Prüfung, ob man ihn beherzt verschmähen kann?

Drum laßt uns standhaft sein und solchen Beistand fliehen!“

(‚Sterbender Cato‘, V. 269- 73).

Auch Cäsars Friedensangebot „schlägt Cato aus, weil ein Bündnis mit dem Tyrannen mit seinen republikanischen Grundsätzen nicht vereinbar wäre“[10]:

[...]


[1] Saße, Günther: Die Ordnung der Gefühle: Das Drama der Liebesheirat im 18. Jahrhundert. Darmstadt 1993. S.30

[2] Meier, Albert: Dramaturgie der Bewunderung. Untersuchungen zur politisch- klassizistischen Tragödie des 18. Jahrhunderts. Frankfurt am Main 1993. S. 111

[3] Alt, Peter André: Tragödie der Aufklärung. Eine Einführung. Tübingen und Basel 1994. S. 67

[4] Ebd. S.67

[5] Gottsched, Johann Christoph: Sterbender Cato. Hrsg. von Horst Steinmetz. Stuttgart 1964.

[6] Gottsched: Sterbender Cato, S. 10

[7] http://de.wikipedia.org/wiki/Stoa Zugriff am 25.09.2008

[8] Meier: Dramaturgie der Bewunderung, S. 99

[9] Gottsched: Sterbender Cato, S. 17

[10] Unger, Thorsten: Handeln im Drama. Theorie und Praxis bei J. Chr. Gottsched und J.M.R. Lenz. Göttingen 1993, S. 77

Details

Seiten
23
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640216185
ISBN (Buch)
9783640216178
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v118598
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Institut für NDL und Medien
Note
1
Schlagworte
Staat Sehnsucht Hochverrat“ Heroismus Drama Jahrhunderts

Autor

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