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Tacitus, Dialogus de oratoribus, Messallas zweite Rede (dial. 28,1 – 35,5)

Der optimistische Standpunkt moralisch- pädagogischer Ursachenfindung für den Verfall der Beredsamkeit

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 28 Seiten

Klassische Philologie - Latinistik - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung

1. Aufbau des Dialogus und Einordnung von Messallas zweiter Rede in den Gesamtdialog
1.1 Die Gesprächsteilnehmer
1.2 Der Aufbau des Dialogus

2. Gliederung der zweiten Messallarede (dial. 28,1-35,5)

3. Interpretation der zweiten Messallarede (dial. 28,1-35,5)

Schluss

Einleitung:

In der vorliegenden Arbeit soll Tacitus’ Dialogus de oratoribus, der vermutlich 102 n. Chr. veröffentlicht worden ist, näher untersucht werden. Mit dem Dialogus reiht sich Tacitus in eine lange Tradition ein und greift das beliebte Thema des Verfalls der Beredsamkeit am Übergang von der Republik zur Kaiserzeit auf. Autoren wie Velleius Paterculus, Cicero, Quintilian, Seneca d. Ä., Seneca d. J., Petron, Persius, Iuvenal und Ps.-Longinus haben sich bereits eingehend mit theoretischen Abhandlungen über die Rhetorik befasst. In der hier im Mittelpunkt stehenden zweiten Messallarede (dial. 28,1-35,5)[1] versucht Messalla, die Gründe und Ursachen für den Niedergang der Beredsamkeit zu erforschen. Nach Williams gab es drei Erklärungsansätze für den Verfall: “There was the explanation in terms of morals; there was the explanation in terms of political change; and there was the explanation that posited a fundamental law of growth followed by inevitable decline.”[2] Messalla widmet sich in seiner Rede dem moralisch-pädagogischen Erklärungsversuch, der an manchen Stellen eine gewisse thematische Nähe zu den beiden Schriften De causis corruptae eloquentiae und der Institutio oratoria von Quintilian zugeschrieben werden kann.

Zunächst soll auf den Aufbau des Gesamtdialogs mit der Vorstellung und Stellung der teilnehmenden Personen innerhalb des Dialogs eingegangen werden, und vor allem Messallas zweite Rede in den Gesamtkontext eingeordnet werden. Nach einer Gliederung soll eine gründliche Interpretation dieser Rede angefertigt werden, die besonders Messallas Argumentationsstruktur, Standpunkt und Ansichten beleuchten soll.

1. Aufbau des Dialogus und Einordnung von Messallas zweiter Rede in den Gesamtdialog

1.1 Die Gesprächsteilnehmer:

Neben M. Aper und Curiatius Maternus, die uns ausschließlich aus dem Dialogus bekannt sind, nehmen noch Iulius Secundus und Vipstanus Messalla, zu denen ein wenig mehr Informationen vorliegen, an der Gesprächsrunde teil. Nicht zu vergessen ist natürlich Tacitus selbst, der angibt, als kleiner Junge dem Gespräch als stummer Zuhörer aus Lehrzwecken beigewohnt zu haben.

M. Aper galt als einer der führenden Redner seiner Zeit und vertritt im Dialogus den Fürsprecher für die moderne Redekunst. Auch der andere, uns nur aus dem Dialogus bekannte Redner, Maternus, war als Redner seiner Zeit hoch angesehen. Er wechselte jedoch bald das Lager, indem er sich in die Haine und Wälder zurückzog, um sich ganz der Dichtkunst zu widmen. Er machte sich einen Namen durch die Dichtung von Dramen (Cato, Domitius, Medea, Thyestes) Tacitus weist ihm deshalb die Rolle zu, die im Dialog die Dichtkunst verteidigt. Iulius Secundus wird neben Aper von Tacitus als sein Rhetoriklehrer genannt. Secundus war Gallier, Neffe des berühmten Redners Iulius Florus, Altersgenosse und Freund von Quintilian und bedeutender Anwalt in Rom. Quintilian charakterisierte ihn als einen guten, aber zurückhaltenden Redner. Deshalb scheint es passend, wenn Tacitus ihm im Gespräch eine eher neutrale Rolle beimisst und ihn nur in Zwischengesprächen zu Wort kommen lässt. Im erhaltenen Text ist keine Rede von Secundus enthalten. Es wird jedoch diskutiert, ob in der Lücke zwischen dial. 35,5 – 36,1 eine Secundusrede Platz gehabt hätte. Vipstanus Messalla, einziger gebürtiger Stadtrömer in der Gesprächsrunde, stammte aus vornehmer Patrizierfamilie, der auch der berühmte Redner M. Valerius Messalla Corvinus entstammte. Messalla kämpfte im Jahre 69 als Militärtribun auf der Seite Vespasians. Desweiteren ist uns überliefert, dass er im Jahre 70 seinen Halbbruder M. Aquilius Regulus im Senat verteidigte. Im Dialogus lehnt Messalla die Praktiken der modernen Rhetorik ab und plädiert für die Rückkehr zur alten Rhetorik, deren Vorbilder Cato und Cicero sind.[3]

1.2 Der Aufbau des Dialogus:

Im Folgenden wird ein Gesamtüberblick über den Dialogus gegeben und Messalas Rede in den Gesamtkontext eingeordnet. Hierbei beruhen die Ausführungen zum Aufbau des Dialogus auf Wille[4].

Grundsätzlich kann festgestellt werden, dass dem Dialogus ein strenges Konstruktionsschema zugrunde liegt. Der Dialogus besteht aus insgesamt drei Gesprächsrunden mit je einem Rednerpaar pro Gesprächsrunde, deren Gesprächspartner sich meist antithetisch gegenüberstehen. Die Gesprächsrunden werden jeweils durch ins Thema einleitende Gespräche und Zwischengespräche von anderen Gesprächsteilnehmern ergänzt. Die Hauptprotagonisten Aper, Maternus und Messalla halten je zwei Reden. Secundus hält keine eigene Rede, zumindest keine, die in dem erhaltenen Text zu finden ist. Wie schon zuvor erwähnt wurde, diskutiert man die Existenz einer Secundusrede in der im Text bestehenden Lücke (dial. 35,5 – 36,1). Da man in der Forschung jedoch größtenteils von der Existenz einer „kleinen Lücke“ (etwa ein Zwölftel des Gesamttextes) überzeugt ist, bliebe für eine Secundusrede kaum Platz. Tacitus selbst tritt dem Leser direkt nur zweimal in Erscheinung. Tacitus schließt sich selbst in den Dialog nur zu Beginn (dial. 2,3 intravimus) und am Ende (dial. 42,2 discessimus) mit ein. Ansonsten lauscht der noch junge Tacitus als stummer Zuhörer den angesehenen Persönlichkeiten, die ihm als Vorbild galten.

Tacitus leitet seinen Dialogus getreu eines belliebten Topos ein, wonach der Adressat eine Frage in den Raum stellt. In diesem Fall fragt Iustus Fabius nach der Ursache des Verfalls der Beredsamkeit, womit schon die Hauptfrage des Dialogus erwähnt ist: cur […] nostra potissimum aetas deserta et laude eloquentiae orbata vix nomen ipsum oratoris retineat (dial. 1,1). In Paragraph 2 erfolgt sowohl die Einführung der Gesprächsteilnehmer als auch Angaben zu Ort und Zeit. Die Teilnehmer begeben sich zu Maternus’ cubiculum, wo das Gespräch stattfindet.

Erste Gesprächsrunde (dial. 3,2-13):

Als Anlass für die erste Gesprächsrunde (dial. 3,2-13) dient Maternus’ Cato -Vortrag am vorherigen Tag, der den Unwillen der Mächtigen erregt hat. Das erste Redenpaar, das zum Thema die Gegenüberstellung von Poesie und Redekunst hat, bilden Aper und Maternus.

Aper, als Verteter der modernen Redekunst, beginnt mit seiner ersten Rede (dial. 5,3-10). In seinem ersten, positiven Teil (argumentatio) geht er auf die Vorzüge der Redekunst ein. Er weist der Redekunst drei positive Eigenschaften zu: utilitas, voluptas, fama (dial. 5,4). Diese werden anhand von Beispielen erläutert und einzeln ausgeführt. In seinem zweiten, negativen Teil (reprehensio) nennt Aper die Nachteile der Poesie. Dies tut er, indem er die zuvor genannten Vorzüge der Redekunst verneint: nam carmina et versus […] neque dignitatem, neque utilitates, voluptatem autem brevem, laudem inanem et infructuosam (dial. 5,4) und dann wieder einzeln anhand von Beispielen ausführt.

Als direkte Antwort auf Apers Rede schließt sich sodann Maternus’ erste Rede (dial. 11-13) an, die die Verteidigung der Dichtkunst und den Angriff auf die zeitgenössische Beredsamkeit zum Inhalt hat. Maternus verteidigt die Dichtkunst, indem er argumentiert, dass in Geschichte und Literatur Dichter angesehener als Redner seien. Als Beispiel nennt er das Goldene Zeitalter, das viele Dichter, aber keine Redner kannte: aureum saeculum, et oratorum et criminum inops, poetis et vatibus abundabat, qui bene facta canerent, non qui male admissa defenderent (dial. 12,3). Die Behauptung, Dichter seien angesehener und sicherer als Redner, versucht Maternus anhand einer Aufzählung von griechischen und römischen Beispielen (dial. 12,5-6) zu unterstreichen.

Zweite Gesprächsrunde (dial. 14-26):

Die zweite Gesprächsrunde (dial. 14-26) beginnt mit dem verspäteten Eintreffen Messallas und dem damit verbundenen Zwischengespräch (dial. 14-16,3). In dem sich anschließenden zweiten Redenpaar (dial. 16,4-26) stehen sich Aper und Messalla gegenüber, die über alte und moderne Beredsamkeit diskutieren. Auch die zweite Gesprächsrunde eröffnet Aper mit seiner zweiten Rede, wiederum wohlstrukturiert und dreigeteilt, zugunsten des rhetorischen Modernismus. In seinem ersten, allgemeinen, negativen Teil greift er den rhetorischen Archaismus an, indem er den Antiquitätsbegriff relativiert und die Fragestellung, wie denn ein alter Redner zu definieren sei, anhand von griechischen und römischen Beispielen aufgreift. Er stellt verschiedene relativierende Zeitrechnungen an und kommt zu dem Schluss, dass sich vom Tode Ciceros bis zum heutigen Tage gerade 120 Jahre ergeben, das Lebensalter eines einzigen Menschen. Daraus folgert Aper, dass die sogenannten Klassiker nicht alt genannt werden dürfen. In seinem zweiten, allgemeinen, positiven Teil kommt jedoch auch Aper zu der Ansicht, dass die Beredsamkeit nicht in dem aktuellen Zustand verharren sollte, und Fortschritt notwendig sei: novis et exquisitis eloquentiae itineribus opus est (dial. 19,5). In seinem dritten, speziellen, negativen Teil tadelt Aper das Antiquitierte. Er führt eine Reihe von literarischen Exempla (dial. 21-22,3) an, bei deren Lektüre oder Vortrag er sich kaum das Lachen verkneifen oder sich dem Schlaf entziehen könne. Dabei hebt er besonders Cicero hervor, welchem er zuschreibt, dass bereits er mit den Archaisten kämpfen musste und die Redekunst seiner Zeit vorzog. Die Beschreibung von Apers Stilideal (dial. 22,4-5) und eine Charakterisierung der Archaisten (dial. 23,1-4) bilden den Abschluss der zweiten Aperrede.

[...]


[1] M. Winterbottom / R.M. Ogilvie: Cornelii Taciti opera minora, recognoverunt brevique adnotatione critica instruxerunt, Oxford 1975.

[2] G. Williams, Change and Decline. Roman Literature in the Early Empire, Berkeley / Los Angeles / London 1978, 7.

[3] Die Ausführungen beruhen auf R. Güngerich, Kommentar zum Dialogus des Tacitus, Aus dem Nachlass hg. v. H. Heubner, Göttingen 1980, 198-200.

[4] G. Wille, Der Aufbau der Werke des Tacitus, Amsterdam 1983 (Heuremata 9), 212-217.

Details

Seiten
28
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640216840
ISBN (Buch)
9783640217137
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v118439
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Seminar für Klassische Philologie
Note
2,3
Schlagworte
Tacitus Dialogus Messallas Rede

Autor

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Titel: Tacitus, Dialogus de oratoribus, Messallas zweite Rede (dial. 28,1 – 35,5)