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Dialektik als Grundlage der Geschichtsdarstellung und des Geschichtsbildes Bertolt Brechts am Beispiel des Dramas Mutter Courage und ihre Kinder

Hausarbeit (Hauptseminar) 2000 24 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Dialektik und Brechts episches Theater
2.1 Zur Bedeutung der Dialektik bei Brecht
2.2 Dialektik und Brechts Konzeption des epischen Theaters
2.3 Elemente des epischen Theaters

3. Dialektik im Drama „Mutter Courage und ihre Kinder“
3.1 Zur Entstehungssituation des Dramas
3.2 „Mutter Courage und ihre Kinder“ als episches Theater

4. Dialektik am Beispiel der zweiten Szene

5. Zwischenfazit: Brechts Geschichtsbild

6. Brechts Geschichtsbild im literarhistorischen Kontext
6.1 Vergleich mit dem Geschichtsbild Georg Büchners
6.2 Vergleich mit dem Geschichtsbild Max Frischs

7. Zusammenfassung

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Setzt man sich mit Geschichtsdramen auseinander, so drängen sich häufig drei Fragen auf, die eng miteinander verknüpft sind, und die sich wie ein roter Faden auch durch die vorliegende Arbeit ziehen. Zu fragen ist nämlich erstens, auf welche Weise ein Dramatiker Geschichte darstellt – das heißt welche künstlerischen Mittel beispielsweise verwendet werden -, zweitens, warum er Geschichte auf diese Art darstellt – das heißt welche Intention er verfolgt –, und drittens, welche Rückschlüsse auf das Geschichtsbild des Autors die Antworten auf die beiden ersten Fragen zulassen.

Beschäftigt man sich mit Bertolt Brechts Drama „Mutter Courage und ihre Kinder“, so scheinen diese drei Fragen besonders aufschlußreich für die Interpretation zu sein. Denn hinsichtlich der Art und Weise der Darstellung ist festzustellen, daß Brecht selbst die Konzeption des epischen Theaters kreiert hat, von der auch das vorliegende Drama geprägt ist. Was die Intention Brechts betrifft, so ist es unerläßlich, auf das Hegelsche bzw. Marxsche Denkmodell der Dialektik einzugehen, das Brecht von seinem Lehrer Karl Korsch vermittelt worden ist. Es wird nämlich zu zeigen sein, wie sehr Brechts Auffassung von Geschichte durch diese philosophischen Denkrichtungen beeinflußt wird, und wie sich dies in seiner Theaterkonzeption niederschlägt. Welches Geschichtsbild aus den Grundüberzeugungen Brechts hervorgeht, wird insbesondere dann deutlich und interessant, wenn ein Vergleich mit zwei Autoren angestellt wird, die einer ähnlichen, aber doch nicht der gleichen Geschichtsauffassung folgen.

Aus diesen einleitenden Bemerkungen geht fast folgerichtig der Aufbau der vorliegenden Arbeit hervor.

Im zweiten Kapitel geht es darum, den Zusammenhang zwischen Dialektik und epischem Theater darzustellen. Dabei wird in einem ersten Schritt der Versuch unternommen, die Bedeutung des Dialektik–Begriffs bei Brecht zu untersuchen, wobei es den Rahmen der Arbeit bei weitem gesprengt hätte, wenn versucht worden wäre, die idealistische Dialektik Hegels oder die materialistische Dialektik Marx‘ näher vorzustellen. Es kann vielmehr nur darum gehen zu skizzieren, wie Brecht den Begriff „Dialektik“ verwendet und welchen Grundüberzeugungen dieses Dialektik–Verständnis Ausdruck verleiht. In einem zweiten Schritt wird quasi als Überleitung der Bezug zwischen Dialektik–Begriff und Theaterkonzeption verdeutlicht, bevor in einem dritten Schritt die charakteristischen Merkmale des epischen Theaters beschrieben werden.

Um die Bedeutung der Dialektik für das Stück „Mutter Courage und ihre Kinder“ wird es im dritten Kapitel gehen; es wird der Versuch unternommen, die bisherigen Beobachtungen auf das konkrete Beispiel zu übertragen. Dabei wird zunächst auf die Entstehungssituation des Dramas einzugehen sein, da sie aufschlußreich ist sowohl für die Analyse der Intention, die Brecht verfolgt, als auch für die Beantwortung der Frage, welche Rolle Brecht der Literatur zuweist, wenn es darum geht, die eigenen philosophischen Anschauungen in die Praxis umzusetzen. Im folgenden wird dann das Drama unter dem Gesichtspunkt des epischen Theaters analysiert, indem darauf eingegangen wird, wie und zu welchem Zweck die künstlerischen Mittel des epischen Theaters in diesem konkreten Beispiel eingesetzt werden.

Um einen noch etwas engeren Textbezug herzustellen, wird im vierten Kapitel die zweite Szene des Dramas interpretiert – unter dem Gesichtspunkt, inwiefern diese Szene von der Dialektik geprägt ist.

Nachdem diese drei Kapitel einer Tendenz vom Allgemeinen zum konkreten Textbeispiel gefolgt sind, geht es im fünften Kapitel darum, in einem Zwischenfazit festzuhalten, welche Aussagen über das Geschichtsbild Brechts nach den bisherigen Beobachtungen getroffen werden können. Dieses Zwischenfazit erscheint deshalb als sinnvoll, weil es den beabsichtigten Vergleich mit den beiden anderen Autoren erleichtert.

Dieser Vergleich ist Gegenstand des sechsten Kapitels. Dabei bieten sich Georg Büchner und Max Frisch aus mehreren Gründen als geeignete Autoren an. Zum einen stehen beide literarhistorisch in engem Zusammenhang mit Brecht. War Büchner Brechts Vorbild, so war dieser wiederum in vielem ein Vorbild für Max Frisch. Zudem haben alle drei Autoren politisches Engagement als Schriftsteller gemeinsam. Wenn nun ein Vergleich von Brechts Geschichtsbild mit demjenigen von Büchner und Frisch angestellt wird, so in erster Linie deshalb, weil auf diese Weise das Besondere an der Brechtschen Auffassung deutlich werden soll. Allerdings wird dieses Unterfangen dadurch erschwert, daß aus Gründen des Umfangs nur sehr knapp auf Büchner und Frisch wird eingegangen werden können; ähnlich wie im Bereich der philosophischen Grundlagen, so wäre auch bei einer detaillierteren Untersuchung der Auffassungen Büchners und Frischs der Rahmen der Arbeit bei weitem gesprengt worden, so daß z.T. Verallgemeinerungen vorgenommen und komplexe Sachverhalte etwas vereinfacht dargestellt werden müssen.

Im siebten Kapitel schließlich werden die zentralen Ergebnisse der Arbeit zusammengefaßt, bevor im Literaturverzeichnis die verwendete Literatur aufgeführt wird.

2. Dialektik und Brechts episches Theater

2.1 Zur Bedeutung der Dialektik bei Brecht

Befaßt man sich mit der Geschichtsdarstellung und dem Geschichtsbild Bertolt Brechts, so ist es unerläßlich, sich mit der Bedeutung des dialektischen Denkmodells für Brechts Theater- und Dramenschaffen auseinanderzusetzen. Dies ist besonders deshalb ein schwieriges Unterfangen, weil Brecht in der Nachfolge Hegels und Marx‘ steht, deren Theorien ihm insbesondere von Karl Korsch vermittelt worden sind, so daß komplexe philosophische Zusammenhänge beachtet werden müssen, die zudem auf Brechts Dramenschaffen zu beziehen sind. Erschwerend kommt hinzu, daß Brecht sich an keiner Stelle seiner umfangreichen theoretischen Betrachtungen zusammenhängend über sein Verständnis der (idealistischen) Dialektik Hegels bzw. der (materialistischen) Dialektik Marx‘ geäußert hat. Brecht setzt sogar ausdrücklich bei den Zuschauern die Kenntnis zumindest der idealistischen Dialektik voraus, da sie Bestandteil sowohl proletarischer als auch bürgerlicher Bildung sei (vgl. Brecht 15, 212).

Es würde den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen und ihre Möglichkeiten bei weitem übersteigen, wenn der Versuch unternommen würde, den Dialektik–Begriff von Hegel über Marx bis hin zu Brecht eingehender darzustellen. Vielmehr ist es notwendig, sich darauf zu beschränken zu skizzieren, wie Brecht den Begriff „Dialektik“ auffaßt und verwendet. Daß daraus Vereinfachungen komplexer Sachverhalte resultieren, liegt auf der Hand, scheint aber insbesondere dann unerläßlich zu sein, wenn man versucht, auf begrenztem Raum Brechts Dialektik–Begriff in Zusammenhang zu bringen mit seinen Dramen.

An dieser Stelle sei ausdrücklich auf die Darstellung Geißlers verwiesen, dem es besonders anschaulich gelingt, in wenigen Sätzen darzustellen, was Brecht unter „Dialektik“ versteht. Dabei unterstreicht Geißler – ähnlich wie Boner (vgl. Boner 1995, 81 f.) –, daß bei Brecht der Begriff „Dialektik“ zwei Bedeutungen in sich birgt. Zum einen sei Dialektik für Brecht die Fähigkeit, Widersprüche zu erkennen, diese als zu einer Einheit gehörend zu denken und doch gleichzeitig als Widersprüche weiter bestehen zu lassen (vgl. Geißler 1978, 16). Diesem Aspekt entspricht „ein neues Sehen des Dinge“ (Brecht 15, 207 f.), wie Brecht selbst die beschriebene Fähigkeit nennt.

Der „Dialektik der Realität“ (Brecht 15, 217; vgl. auch Brecht 15, 208) entspricht jenes Prinzip, „was das Geschehen selbst in Bewegung hält und vorwärtstreibt“ (Geißler 1978, 17).

Das Gemeinsame dieser beiden Aspekte, quasi ihr tertium comparationis, ist zugleich die wohl wichtigste Konsequenz, die aus dem dialektischen Denkmodell folgt und auch für den weiteren Verlauf der vorliegenden Arbeit von entscheidender Bedeutung ist: Nämlich das Element der Veränderlichkeit. Zum einen meint Brecht damit die Veränderbarkeit der Welt selbst, die „besteht auf ihrer Widersprüchlichkeit“ (Brecht 16, 924). Vorausgesetzt wird dabei, daß beispielsweise der Mensch „nicht nur, wie er ist, [...] betrachtet werden [darf], sondern auch, wie er sein könnte.“ (Brecht 16, 682). Brecht geht quasi davon aus, daß alles auch anders sein könnte. Dies wiederum hat zur Folge, daß der Mensch selbst aktiv in die Wirklichkeit eingreifen, sozusagen Geschichte selbst gestalten kann.

2.2 Dialektik und Brechts Konzeption des epischen Theaters

An dieser Stelle ist der direkte Bezugspunkt zur Brechtschen Theaterkonzeption erreicht. Denn das bereits erwähnte „neue Sehen“ (Brecht 15, 208), das Brecht in seiner Schrift „Kleines Organon für das Theater“ von 1948 auch als „fremden Blick“ (Brecht 16, 681 f.) bezeichnet, soll durch „das Theater mit seinen Abbildungen des menschlichen Zusammenlebens“ (Brecht 16, 682) provoziert werden.

Damit besteht zwischen den beiden ausgeführten Aspekten der Dialektik und der Konzeption des epischen Theaters folgender Zusammenhang: Vorausgesetzt wird, daß die Wirklichkeit nicht zwangsläufig so sein muß, wie sie ist, und daß die daraus resultierende Veränderbarkeit der Welt auf deren Widersprüchen beruht. Dies ist der Aspekt der „Dialektik der Realität“ (Brecht 15, 217). Um aber die Veränderbarkeit der Welt erkennen zu können, muß der Mensch ihre Widersprüchlichkeit erkennen, wozu es des bereits mehrfach erwähnten neuen Sehens bedarf, da nur auf diese Weise „das viele Gegebene [...] als [...] Zweifelhaftes“ (Brecht 16, 681) begriffen werden kann. Diese Fähigkeit wiederum soll durch das epische Theater provoziert werden.

Allerdings darf nicht unerwähnt bleiben, daß Brecht in den fünfziger Jahren zu der Ansicht gekommen ist, „daß die Bezeichnung ‚episches Theater‘ [...] zu formal ist“ (Brecht 16, 869). Er verwendet nun den Begriff vom „dialektischen Theater“ (Brecht 16, 923, Hervorhebung Brecht), wobei das dialektische Theater offensichtlich eine Vision darstellt, die eine „ziemlich große Umgestaltung“ (Brecht 16, 923) erforderlich macht. Dies wiederum entspricht Brechts Auffassung vom prozeßhaften Charakter der Wirklichkeit, denn wie die Welt einem ewigen Wandel unterliegt, so ist offenbar auch das Theater diesem nie endenden Prozeß unterworfen. Es ist sicherlich mehr als fraglich, ob Brecht seine Vision der „ziemlich großen Umgestaltung“ noch in der eigenen Praxis als Dramatiker hat umsetzen können.

Hinsichtlich der Bezeichnung der Brechtschen Konzeption zieht Müller die Konsequenz und spricht von einem „episch - dialektischen Theater“ (vgl. Müller 1985, 202).

Wenn im weiteren Verlauf der Arbeit trotz der gerade ausgeführten Problematik weiterhin vom „epischen Theater“ die Rede ist, so vor allem deshalb, weil sich erstens kein anderer einheitlicher Begriff durchgesetzt hat, und weil zweitens aus den gesamten bisherigen Ausführungen deutlich geworden sein sollte, wie eng Dialektik und episches Theater bei Brecht miteinander verknüpft sind, so daß es nicht notwendig erscheint, diesen Bezug durch eine neue Wortbildung immer wieder explizit zu erwähnen.

Worin nun die Besonderheiten des epischen Theaters im Vergleich zur traditionellen Dramatik bzw. zum traditionellen Theater bestehen, soll im folgenden entfaltet werden.

2.3 Elemente des epischen Theaters

Ähnlich wie bei der Skizzierung des Dialektik–Begriffs, kann es auch in diesem Abschnitt über die Charakteristika des epischen Theaters nur darum gehen, in groben Zügen aufzuzeigen, worin die wichtigsten Elemente bestehen und welche Funktion ihnen jeweils zukommt. Es soll in erster Linie auf solche Aspekte eingegangen werden, die für den weiteren Verlauf der Arbeit von besonderer Wichtigkeit sein werden.

Brechts Absicht, den Zuschauer zu jenem bereits angedeuteten „neuen Sehen“ zu provozieren, setzt voraus, daß dieser eine kritische Haltung gegenüber dem Dargestellten einnimmt, was im „Kleinen Organon für das Theater“ auch ausdrücklich gefordert wird (vgl. Brecht 16, 671). Damit wendet sich Brecht gegen die aristotelische Dramatik, für deren „Hauptpunkt“ (Brecht 15, 240) Brecht die Katharsis des Zuschauers hält, die auf dessen Einfühlung in die handelnden Personen beruhe (vgl. ebd.). Demzufolge treten in Brechts Dramen auch keine besonders tugendhaften Helden auf, mit denen sich das Publikum besonders leicht identifizieren kann, sondern es erscheinen Figuren auf der Bühne, die von inneren Widersprüchen geprägt sind und die Kritik des Zuschauers hervorrufen. Dieser Aspekt wird im weiteren Verlauf der Arbeit noch aufzugreifen sein.

Ein wichtiges künstlerisches Mittel, um den Zuschauer zum Nachdenken und Infragestellen des Bekannten anzuregen, ist der Verfremdungseffekt. Darunter versteht Brecht eine „verfremdende Abbildung [...], die den Gegenstand zwar erkennen, ihn aber doch zugleich fremd erscheinen läßt“ (Brecht 15, 642). Dadurch, daß dem Zuschauer bekannte, vertraute Sachverhalte verfremdet gezeigt werden, soll ihm deutlich werden, daß das Gezeigte durchaus auch anders sein könnte, als es ihm in der Wirklichkeit begegnet. Auf diese Weise wiederum soll der Zuschauer dazu angeregt werden, scheinbar Selbstverständliches, Gegebenes, als etwas Veränderbares zu erkennen.

[...]

Details

Seiten
24
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638178921
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v11843
Institution / Hochschule
Universität Trier – Neuere Deutsche Literaturwissenschaft
Note
sehr gut (1.0)
Schlagworte
Dialektik Grundlage Geschichtsdarstellung Geschichtsbildes Bertolt Brechts Beispiel Dramas Mutter Courage Kinder Hauptseminar Geschichtsdrama

Autor

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Titel: Dialektik als Grundlage der Geschichtsdarstellung und des Geschichtsbildes Bertolt Brechts am Beispiel des Dramas Mutter Courage und ihre Kinder