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Das Verhältnis von Tod und Geschlecht in Max Frischs Roman -Homo faber-

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 27 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der „weibliche” Tod: Die Dichotomien des Romans
2.1 Die Zwischenlandung in Houston
2.2 Der Selbstmord Joachims

3. Die tote Frau: Sabeth als „Schöne Leiche”
3.1 Sabeths Tod und die Erzählstruktur des Romans
3.2 Sabeths Tod und die Entwicklung der Hauptfigur Walter Faber

4. Der sterbende Mann: Umkehrung der Dichotomien
4.1 Der Aufenthalt in Habana
4.2 Zur Frage nach einer Wandlung der Hauptfigur

5. „Homo faber” – ein Roman zwischen Moderne und Postmoderne ?
5.1 „Homo faber” und der Feminismus der Simone de Beauvoir
5.2 „Homo faber” aus der Perspektive der Gender–Forschung
5.3 „Homo faber” und die Diskurse der Postmoderne

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Max Frischs Roman „Homo faber” gilt in der Forschung als eines der bestuntersuchten Werke der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur.[1] Wenn man zudem der Tatsache Rechnung trägt, daß die Anzahl neuer wissenschaftlicher Publikationen zu diesem Roman seit den frühen achtziger Jahren relativ gering ist, so wird der Eindruck erweckt, es gebe keine neuen Perspektiven, unter denen man den „Homo faber” analysieren könnte. Die vorliegende Arbeit ist unter der Prämisse verfaßt worden, daß dieser Eindruck täuscht.

Die Gender–Forschung hat – vor allem seit den neunziger Jahren – in den Geisteswissen-schaften neue Sichtweisen eröffnet, die auch für die Literaturwissenschaft von wichtiger Bedeutung sind.[2] Insbesondere geht es dabei um die zentrale These von der Konstruiertheit von „männlichem” und „weiblichem” Geschlecht, die sich zunächst in der Unterscheidung der Kategorien sex (als dem biologischen) und gender (als dem sozialen Geschlecht) niederschlägt und schließlich zu einer Problematisierung pauschaler Aussagen zur Geschlechterdifferenz schlechthin führt. Insofern stellt die Gender–Perspektive eine Weiterentwicklung des Feminismus beispielsweise einer Simone de Beauvoir dar.

Zudem muß die Gender–Forschung aufgrund ihrer theoretischen Grundlagen vor dem Kontext postmoderner Denkstrukturen gesehen werden. Für die Literaturwissenschaft bedeutet dies, daß für eine Textinterpretation unter dem Gesichtspunkt der Gender–Perspektive verschiedene neue Literaturtheorien – wie psychoanalytische Literaturinter-pretation, Poststrukturalismus, Dekonstruktivismus oder Diskursanalyse – jeweils einzeln oder miteinander kombiniert verwendet werden. Aus diesem Methodenpluralismus ergeben sich neue Perspektiven auf literarische Werke – getreu nach Odo Marquards Feststellung, daß die Vieldeutigkeit in den Geisteswissenschaften „eine lebens- und sterbensweltliche Wohltat”[3] sei. Allerdings kann in der folgenden Untersuchung nicht auf das – ohnehin recht komplexe[4] – Verhältnis zwischen Feminismus und Postmoderne eingegangen werden.

Unter diesen Prämissen soll in der vorliegenden Arbeit der Roman „Homo faber” analysiert werden. Dabei wird neben der Geschlechterproblematik der Tod als ein zentrales Motiv dieses Werkes behandelt werden. Drei Fragen stehen dabei im Mittelpunkt der Untersuchung. Gefragt wird nämlich erstens nach der Bedeutung, die dem Tod in der Romanhandlung zukommt, zweitens nach dem Verhältnis zwischen Tod und Geschlecht und drittens nach einer Bewertung der Antworten, die auf die beiden ersten Fragen gegeben werden können. Vor allem die beiden ersten Aspekte können nicht strikt von einander getrennt, sondern müssen immer zusammen behandelt werden.

Zudem ist der Verlauf der Interpretation geprägt von einer Perspektivenerweiterung. Ausgehend von Untersuchungen konkreter Textpassagen sollen – immer unter dem Gesichtspunkt der Gender–Perspektive – Beobachtungen zur Erzählstruktur des gesamten Romans sowie zu Frischs Gesamtwerk getroffen werden, bevor der Roman „Homo faber” skizzenhaft in den Kontext von Moderne und Postmoderne gestellt wird. Auf diese Weise sollen zugleich Ansichten, die in der Forschungsliteratur anzutreffen sind, kritisch hinterfragt werden.

Diese einleitenden Betrachtungen spiegeln sich im Aufbau der Arbeit wider.

Im zweiten Kapitel werden zwei Textpassagen – die Zwischenlandung in Houston sowie Joachims Selbstmord im guatemaltekischen Dschungel – detailliert untersucht, so daß deutlich werden soll, welche polaren Gegensätze das dualistische Weltbild der Hauptfigur Walter Faber prägen. Insbesondere wird dabei hervorgehoben, inwiefern „Weiblichkeit” und Tod aus Sicht des Technikers zusammengehören.

Im dritten Kapitel wird dieser Ansatz weiterverfolgt, wobei der Tod Sabeths in seiner Bedeutung für den Roman untersucht werden soll. Damit soll zugleich angedeutet werden, daß der Gehalt des Textes nicht unbedingt mit der Intention des Autors gleichgesetzt werden kann.

Diese Problematik wird im vierten Kapitel vertieft. Dabei geht es vor allem um die Frage nach einer Wandlung der Hauptfigur im Verlaufe der Romanhandlung, die vor dem Hintergrund behandelt wird, daß bestimmte Dichotomisierungen nicht überwunden, sondern hinsichtlich der Bewertung ihrer gegensätzlichen Pole nur abgewandelt werden. Auf diese Weise rücken Aspekte ins Blickfeld, die das Frauenbild, das im „Homo faber” gezeichnet wird, thematisieren.

Im fünften Kapitel wird dann zunächst auf Simone de Beauvoirs Einfluß auf den Roman eingegangen, bevor dieser Aspekt aus Sicht der Gender–Perspektive problematisiert wird. Aufgrund der in diesem Zusammenhang getroffenen Beobachtungen wird versucht, „Homo faber” in den Kontext von Moderne und Postmoderne einzuordnen.

Im sechsten Kapitel werden dann die wichtigsten Ergebnisse der Arbeit zusammengefaßt, bevor abschließend die verwendete Literatur aufgeführt wird.

2. Der „weibliche” Tod: Die Dichotomien des Romans

In der Forschung wird die Auffassung vertreten, es sei „Frischs primäre Intention im Homo faber, gegen entmenschlichte Wissenschaftlichkeit [...] Stellung zu nehmen”.[5] Stimmt man dieser These zu, so kann man präzisierend hinzufügen, daß das Scheitern des Technikers Walter Faber aus dessen einseitig rationalistischer Weltsicht resultiert, die alles, was sich wissenschaftlicher Erklärbarkeit entzieht, zu unterdrücken versucht. Dieser Einstellung liegt die hybride Annahme zugrunde, der Mensch sei aufgrund seiner technischen Möglichkeiten „Beherrscher der Natur” (IV 107).[6] In einem solchen Weltbild bleibt wenig Raum für jegliches Anzeichen menschlicher Unzulänglichkeit, und der Tod, der von keinem Techniker verhindert werden kann, wird demzufolge als etwas Häßliches tabuisiert. Da letzteres jedoch ein nicht ohne weiteres zu bewerkstelligendes Unterfangen ist, muß eine Welt konstruiert werden, die mit dem eigenen Weltbild übereinstimmt. So existieren für den Techniker Walter Faber zwei Bereiche, die einander polar entgegengesetzt sind, nämlich einerseits die Technik, die als stellvertretend für das Rationale angesehen werden kann, und andererseits die Natur, der zugleich alles Irrationale zugeordnet wird.

Im folgenden soll – als erster Schritt zu einer Interpretation des Romans – gezeigt werden, wie dieser Dualismus beschaffen ist und wie Frisch seinen Romanhelden modellhaft zwischen diesen beiden Polen scheitern läßt.

2.1 Die Zwischenlandung in Houston

Anspielungen auf den Tod ziehen sich wie ein roter Faden durch den gesamten Roman. Dabei ist es aufschlußreich für die Analyse, wenn man einmal untersucht, wie die Bilder, die vom Tod gezeichnet werden, jeweils beschaffen sind.

Ein erstes Mal taucht dieses Motiv bei der Zwischenlandung in Houston auf. Faber, unterwegs von New York nach Caracas, ist froh um die Pause, da ihm sein Nachbar, der Düsseldorfer Herbert Hencke, auf die Nerven gegangen ist. Aus diesem Grund verzichtet Faber darauf, in der Bar etwas zu trinken, denn der Düsseldorfer sitzt dort bereits: Faber weicht ihm aus. Dieses Ausweichen ist durchaus von tieferer Bedeutung, weil es einem Fluchtversuch vor der eigenen Vergangenheit gleichkommt. Denn Herberts Gesicht erinnert ihn an seinen Jugendfreund Joachim. Wenn Faber auch zum Zeitpunkt der Zwischenlandung noch nicht weiß, daß Herbert tatsächlich Joachims Bruder ist, so wird an dieser Stelle zum ersten Mal ein Zusammenhang hergestellt zwischen Fabers Vergangenheit und seiner gegenwärtigen Situation als Techniker. Diesen Zusammenhang will Faber zunächst nicht wahrhaben, was in dem Bericht mit dem knappen Satz „Ich vergaß es wieder“ (IV 10) zum Ausdruck kommt. Das Verb „vergessen“ ist jedoch nicht ganz angemessen für Fabers Umgang mit seiner Erinnerung; es deutet einiges darauf hin, daß hier ein Verdrängungsmechanismus greift: Faber hatte vor dem Krieg seine Freundschaft mit Joachim - genauso wie seine Beziehung zu Hanna - abrupt abgebrochen, um als Techniker durch die Welt zu reisen. Zurückgeblieben ist offenbar ein Gefühl des Unbehagens, wenn er an seine Vergangenheit erinnert wird, die sich nicht ohne weiteres mit seinem stark von Rationalität geprägten Leben als Techniker vereinbaren läßt.

Doch im Roman wird gezeigt, daß seine jahrelange Flucht allmählich zu Ende geht. So gelingt es Faber zwar bei vordergründiger Betrachtung, dem Düsseldorfer auszuweichen, indem er „gradaus in die Toilette hinunter“ (IV 11) geht und sich dort die Hände wäscht, da er sonst „nicht anderes zu tun“ (ebd.) habe. Doch die Abwärtsbewegung des „hinunter“ deutet bereits darauf hin, daß Fabers Flucht vor der Vergangenheit ihn in sein eigenes Unbewußtes führt. Zwar suggeriert die stichwortartige Notiz „Aufenthalt: 20 Minuten“ (ebd.), daß Faber bei vollem Bewußtsein und klarem Verstand ist, doch schon die Tatsache, daß er sich minutenlang die Hände wäscht und trocknet, weist in eine andere Richtung. Zum einen kann das Waschen der Hände als eine Anspielung darauf verstanden werden, daß er sich von einer Schuld freisprechen möchte, ohne selbst genau zu wissen, worin diese überhaupt bestehen könnte. Zum anderen sieht Faber sein Gesicht im Spiegel, und er stellt dabei fest, es sei „weiß wie Wachs, [...] beziehungsweise grau und gelblich mit violetten Adern darin, scheußlich wie eine Leiche“ (ebd.). An dieser Stelle wird ein erstes Mal auf den Tod angespielt, der als etwas Häßliches angesehen wird. Doch der Vergleich wird zunächst dadurch abgeschwächt, daß Faber davon ausgeht, die gelbliche Färbung seiner Haut komme vom Neon-Licht, sei also eine optische Täuschung und deute keineswegs auf seinen eigenen Gesundheitszustand hin. Plötzlich bricht ihm der Schweiß aus, und ihm wird offensichtlich schwarz vor Augen.

Als er wieder zu sich kommt, kniet eine „dicke Negerin“ (ebd.) neben ihm. Damit werden en passant gleich zwei weitere Dichotomien sichtbar, die in dem Roman eine wichtige Rolle spielen, nämlich die dualistischen Gegensätze zwischen „Weißen“ und „Farbigen“ sowie zwischen Mann und Frau. Dabei lassen sich diese Polaritäten problemlos in Fabers dualistisches Weltbild integrieren: Weiße Hautfarbe und „Männlichkeit“ werden dem Bereich des Rationalen bzw. der Technik zugeordnet, während dunkle Hautfarbe und „Weiblichkeit“ das Irrationale, Naturhafte verkörpern. Letzteres wird in der soeben untersuchten Textpassage beispielsweise dadurch ausgedrückt, daß die „dicke Negerin“, die überdies als „Putzerin” (ebd.) einen typisch „weiblichen“ Beruf ausübt, ein „Riesenmaul mit schwarzen Lippen“ (ebd.) habe und als „Großaufnahme aus Afrika“ (IV 12) bezeichnet wird. Zudem wird ihr naturhafter Charakter dadurch unterstrichen, daß sie zunächst nicht spricht, sondern nur lacht, und zwar so sehr, daß es „ihre Brust wie einen Pudding“ (ebd.) schüttelt.

Die erste Anspielung auf die Todesthematik wird in dieser Passage also verknüpft mit dem ersten Aufeinandertreffen Fabers mit einer Frau, die darüber hinaus noch einer aus Fabers Perspektive fremden Rasse angehört und damit gleich in mehrfacher Hinsicht das Andere gegenüber Fabers eigenem Selbst verkörpert.

Faber versucht, diesen Zwischenfall herunterzuspielen; er nimmt das Zeichen körperlicher Schwäche nicht ernst bzw. akzeptiert es schlichtweg nicht als ein solches: Zunächst hatte er sich „auf allen vieren“ (IV 11) wiedergefunden, doch dann erhebt er sich, während „die Negerin [...] noch immer“ kniet (ebd.). Dieses Sich-Aufrichten erinnert ein wenig an den Gang der Evolution und zeigt in diesem Zusammenhang, daß Faber sich sofort wieder in seine Rolle als Techniker begeben will, der die Natur beherrscht. So redet er sich denn auch ein, daß es „ein Schweißanfall, nichts weiter, Schweißanfall mit Schwindel“ (IV 11) gewesen sei. Es geht ihm wieder besser, so daß er zur Tagesordnung übergehen kann: Faber geht die Treppe wieder hinauf, während die Negerin – vordergründig betrachtet aufgrund ihrer Rassenzugehörigkeit – unten bleiben muß, was im übertragenen Sinn zugleich charakteristisch ist für Fabers Umgang mit diesem Vorfall, der nicht in sein Bild von sich und der Welt zu integrieren ist.

[...]


[1] Vgl. Barkhoff 1991, 212.

[2] Vgl. dazu und zum Folgenden v.a.: Neumann–Holzschuh 2001; Braun / Stephan 2000; Stephan 2000;
Osinski 1998, v.a. 134-137.

[3] Marquard 1986, 109.

[4] Vgl. zu diesem Thema: Benhabib 1993, aber auch Lützeler 2000.

[5] Knapp / Knapp 1987, 31.

[6] Es wird zitiert aus folgender Textausgabe: Frisch, Max: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Herausgegeben von Hans Meyer unter Mitwirkung von Walter Schmitz. Frankfurt a. M. 1998. Die römische Zahl bezeichnet jeweils die Nummer des Bandes, die arabische Zahl die entsprechende Seite.

Details

Seiten
27
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638178907
ISBN (Buch)
9783638642118
Dateigröße
588 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v11841
Institution / Hochschule
Universität Trier – Neuere Deutsche Literaturwissenschaft
Note
sehr gut (1.0)
Schlagworte
Verhältnis Geschlecht Frischs Roman Seminar Literatur Thema Homo Faber

Autor

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Titel: Das Verhältnis von Tod und Geschlecht in Max Frischs Roman -Homo faber-