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Unterrichtsstunde zu Gottfried Kellers Novelle "Romeo und Julia auf dem Dorfe"

10. Klasse, Gymnasium

Unterrichtsentwurf 2008 17 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Sachanalyse
1.1. Inhalt der Novelle
1.2. Allgemeine Aspekte
1.3. Inhaltliche Aspekte und Figurenanalyse
1.3.1. Manz und Marti
1.3.2. Frau Manz
1.3.3. Vrenchen
1.3.4. Sali
1.3.5. Der Schwarze Geiger

2. Didaktische Analyse
2.1. Einordnung in die Bildungsstandards und RRL
2.2. Schülerbezug

3. Verlauf einer ausgewählten Unterrichtsstunde
3.1. Lernziele
3.2. Tabellarischer Unterrichtsentwurf
3.3. Methodenkommentar

Literaturverzeichnis

1. Sachanalyse

Obwohl schon der Titel von Gottfried Kellers Novelle „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ eine Verbindung zu Shakespeares „Romeo und Julia“ nahe legt, hat Keller häufig betont, die Grundlage seines Werks nicht in dem Drama, sondern im Alltagsleben gefunden zu haben. Anstoß zu der Liebesgeschichte zweier Bauernkinder aus verfeindeten Familien habe vielmehr eine Zeitungsnotiz aus der Zürcher „Freitagszeitung“ vom 3.9.1847 gegeben:

Im Dorfe Altsellerhausen, bei Leipzig, liebten sich ein Jüngling von 19 Jahren und ein Mädchen von 17 Jahren, beide Kinder armer Leute, die aber in einer tödlichen Feindschaft lebten und nicht in eine Vereinigung des Paares willigen wollten. Am 15. August begaben sich die Verliebten in eine Wirtschaft, wo sich arme Leute vergnügen, tanzten daselbst bis nachts 1 Uhr und entfernten sich hierauf. Am Morgen fand man die Leichen beider Liebenden auf dem Felde liegen; sie hatten sich durch den Kopf geschossen.[1]

So öffnet Kellers Novelle mit einem Kommentar des Erzählers, der betont, dass seine Geschichte „auf einem wahren Vorfall beruhte, zum Beweise, wie tief im Menschenleben jede der schönen Fabeln wurzelt, auf welche ein großes Dichterwerk gegründet ist“[2], den Schluss bildet eine vom Erzähler eingeleitete Zeitungsmeldung zum Tod der Protagonisten, die der realen Vorlage ähnelt.[3]

1.1. Inhalt der Novelle

„Romeo und Julia auf dem Dorfe“ beschreibt den Beginn und Verlauf einer Fehde zwischen den Bauern Manz und Marti und deren Konsequenzen für ihre Kinder Sali und Vrenchen, die schlussendlich zum Selbstmord des jungen Paares führt.

Manz und Marti bestellen seit Jahren friedlich ihre nah beieinander gelegenen Äcker, die nur durch ein Stück Brachland voneinander getrennt sind. Wissend, dass der brachliegende Acker eigentlich dem „Schwarzer Geiger“ genannten Landstreicher gehört, der wegen fehlender Dokumente und ohne Bürgerrechte in Seldwyla das Land nicht für sich beanspruchen kann, erweitern beide Bauern stillschweigend bei jedem Pflügen ihre Äcker um kleine Teile des unbewirtschafteten Landes. Den Rest der mittleren Feldfläche nutzen sie hingegen als Sammelplatz für Steine und Unkraut. Mit dem Verkauf des brachen Landes kommt es zum Eklat in der scheinbaren ländlichen Idylle: Beide Bauern bieten verbissen für den Acker, doch schließlich erhält Manz den Zuschlag und fordert von Marti, der zuvor einen dreieckigen Teil des Feldes an seinen Besitz angeschlossen hat, diesen wieder zurückzugeben. Martis Weigerung führt zum Beginn einer jahrelangen Fehde zwischen den Bauersfamilien, die auch die bis dahin eng befreundeten Kinder Sali und Vrenchen trennt.

Der Streit, von den Bewohnern Seldwylas immer wieder angestachelt, begründet auch den sozialen Abstieg der Landwirte. Während Manz’ Familie bald allen Landbesitz verliert und in der Stadt eine heruntergekommene Gastwirtschat übernehmen muss, bleibt Marti als armer Bauer, dessen Auskommen kaum zum Überleben reicht, nach dem Tod seiner Frau mit Tochter Vrenchen im Dorf. Nach Jahren ohne direkten Kontakt zueinander endet ein zufälliges Treffen der verfeindeten Bauern in einer Schlägerei. Sali und Vrenchen, die sich bei dieser Gelegenheit ebenfalls wiedersehen und ihre Liebe zueinander erkennen, beenden den Kampf.

Ein heimliches Treffen der Liebenden am Acker, der die Fehde ihre Väter ausgelöst hatte, wird von Vrenchens Vater Marti entdeckt. Es kommt zum Streit, in dessen Verlauf Sali mit einem Stein auf Marti einschlägt. Zwar ist der Bauer nicht, wie zunächst befürchtet, tot, doch hat die Verletzung irreparable Schäden hinterlassen. Marti endet orientierungs- und erinnerungslos in einer Irrenanstalt.

Für Vrenchen bedeutet der Verlust des Vaters endgültig die Mittellosigkeit. Sie muss den letzten Besitz der Familie verkaufen und plant, nach einer Anstellung zu suchen. Die Situation des Liebespaares ist aussichtslos: Ohne finanzielle Mittel ist eine gemeinsame Zukunft in kleinbürgerlichen Verhältnissen unmöglich. Sali und Vrenchen beschließen, vor der endgültigen Trennung einen gemeinsamen, sorgenfreien Tag zu verbringen, als wären sie ein Paar mit Perspektive. Sie gehen spazieren, essen gemeinsam in Gasthäusern und verbringen Zeit auf der Kirmes, wo ihnen die Ausweglosigkeit ihrer Situation wieder gegenwärtig wird, da sie von anderen Dorfbewohnern als die Kinder der verfeindeten Bauern erkannt werden. Sie flüchten in ein heruntergekommenes Gasthaus an einem See, wo Arme und Ausgestoßene der Gesellschaft ihren Tanzabend feiern. Dort treffen sie auch den Schwarzen Geiger wieder, der dem Paar die Möglichkeit eines gemeinsamen Lebens außerhalb der Gesellschaft bietet: Sali und Vrenchen sollen mit ihm und dem Fahrenden Volk in den Wäldern leben. Als die Bauernkinder die Tragweite einer solchen Entscheidung begreifen, lehnen sie ab und verlassen die wild musizierende und tanzende Gruppe um den Geiger. Nach einer symbolischen Hochzeit am Fluss beschließen Sali und Vrenchen, ihrer verzweifelten Lage zu entgehen und begehen gemeinschaftlich Selbstmord.

1.2. Allgemeine Aspekte

Folgende allgemeine formale Aspekte von „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ können für eine Behandlung des Textes im Deutschunterricht eine Rolle spielen:

- Es gibt einen auktorialen Erzähler, der die eigentliche Fabel der Novelle in einen Kontext einbettet, der den Eindruck von Glaubwürdigkeit und Wahrhaftigkeit einbettet: Die Novelle öffnet mit der Beteuerung, es handle sich um eine wahre Geschichte und endet mit einem Zeitungsbericht. Die Erzählinstanz verhält sich stark wertend, häufig kommentiert sie sarkastisch (Bewertung der Frau Manz, Kommentar über die Zustände in Seldwyla etc.).
- In diesem Zusammenhang können auch die Anklänge von Kellers Novelle an das Shakespearesche Drama sowie der Bezug auf die konkrete historische Vorlage (Zeitungsartikel) Gegenstand des Unterrichts sein.
- Die unterschiedlichen Schlussvarianten der Novelle regen zu einer Diskussion über unterschiedliche Implikationen für die Deutung an. In welchem Licht lässt Keller den Selbstmord seiner Protagonisten jeweils erscheinen?
- Das Erzähltempo wird stark variiert. Während die Schilderung der ländlichen Idylle zu Beginn sowie der gemeinsame Tag des Liebespaares sehr detailliert beschrieben werden, wird zwischenzeitlich sehr stark gerafft. Insgesamt beträgt die erzählte Zeit 12 Jahre.
- Als Vertreter der Textsorte Novelle[4] (hier: Bezug auf reale Vorlage, relative Kürze, klar auf ein nicht revidierbares Ende hingeordnete Handlung, die „unerhörte Begebenheit“, den Wendepunkt der Prügelei zwischen Sali und Marti) können anhand von „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ die Charakteristika der Novelle erarbeitet werden. Bei entsprechendem Vorwissen können die Schülerinnen und Schüler (SuS) die Novelle anhand der bekannten Charakteristika aber auch selbst der Textsorte zuordnen.
- Der Text zeigt viele unterschiedliche Facettierungen des vorausdeutenden Erzählens, die im Deutschunterricht behandelt werden können: Schon der Titel evoziert gewisse Assoziationen mit Familienfehde, unglücklicher Liebe etc., die scheinbare Idylle zu Beginn wird bereits von dem grausamen Spiel der Kinder überschattet, der Text arbeitet mit einer dichten Symbolik (Acker als Symbol der Schuld, Fliege und Puppenkopf zu Beginn als Symbol des Todes, die mysteriöse Gestalt des Schwarzen Geigers etc.) und zahlreichen Begriffen aus dem Wortfeld „sterben“/“Tod“.

1.3. Inhaltliche Aspekte und Figurenanalyse

„Romeo und Julia auf dem Dorfe“ behandelt zahlreiche zentrale inhaltliche Aspekte, die für den Literaturunterricht relevant sind. In der anschließenden Figurenanalyse[5] werden einige dieser Aspekte besonders herausgestellt, darunter

- der Kontrast der unterschiedlichen Lebenskonzeptionen von Stadt und Land sowie der Wandel, dem diese Konzeptionen unterworfen sind
- das Motiv des (angestrebten) Reichtums um jeden Preis
- familiäre Zwänge als Hinderungsgrund der Selbstverwirklichung des Einzelnen
- der Suizid als Mittel, eine unmögliche Liebesbeziehung zu realisieren (vgl. Shakespeares „Romeo und Julia“ und die angesprochene Veränderung des Novellenschlusses bei Keller)
- soziale Ausgestoßenheit aller zentralen Figuren im Kontrast zur Seldwyler Gesellschaft
- das Motiv der Schuld, die sich über die Generationen hinweg fortsetzt

1.3.1. Manz und Marti

Die Entwicklung der Bauern Manz und Marti vom rechtschaffenen Dorfbewohner hin zur gescheiterten Existenz verläuft parallel. Zu Beginn der Novelle verkörpern beide eine fast schon überholte Agrargesellschaft, die von freundschaftlichem, ehrenhaftem Miteinander geprägt ist. Die Pflügszene am Anfang (RJ 69-72) zeigt eine scheinbare ländliche Idylle, die schon bald zerstört wird. In gegenseitigem Einvernehmen laden die Bauern, die sich seit ihrer Kindheit kennen, Schuld auf sich, als sie dem sozialen Außenseiter, dem Schwarzen Geiger, nicht zu seinem Anteil an dem Acker verhelfen. Als die Stadt in Form der Verwaltungsobrigkeit, die den Verkauf des brachen Ackerstücks übernimmt, in das Dorfleben eindringt, beginnt der Abstieg von Manz und Marti. Sie werden von Neid, Missgunst und Gier bestimmt und wollen sich jeweils das unbedeutende Stück Land um jeden Preis sichern. Verstärkt wird der Konflikt noch durch den von den Repräsentanten des städtischen Kapitalismus, den Seldwylern, die sich an dem Streit bereichern wollen:

Da sie eine faule Sache hatten, so gerieten beide in die allerschlimmsten Hände von Tausendkünstlern, welche ihre verdorbenen Phantasie auftrieben zu ungeheuren Blasen, die mit den nichtsnutzigsten Dingen angefüllt wurden. Vorzüglich waren es die Spekulanten aus der Stadt Seldwyla, welchen dieser Handel ein gefundenes Fressen war, und bald hatte jeder einen Anhang von Unterhändlern, Zuträgern und Ratgebern hinter sich, die alles bare Geld auf hundert Wegen abzuziehen wussten. (RJ 82)

Wie der Schwarze Geiger, den sie wegen seiner sozialen Außenseiterposition benachteiligt hatten, werden auch Manz und Marti zu Ausgestoßenen. Manz muss sein Leben aufgeben und mit seiner Familie in die Stadt ziehen, wo er sich des Spotts der Seldwyler sicher sein kann. Er wird zu einem resignierten und kleinkriminellen Mann, der seine Gastwirtschaft als Umschlagplatz für Hehlerware nutzt (RJ 112) und kein Verhältnis zu seinem einzigen Kind mehr hat. Marti hingegen bleibt in seiner alten Lebenswelt, dem Dorf, wird aber dort ebenfalls zu einem Ausgestoßenen. Nach dem Tod seiner Frau vereinsamt er in seinem heruntergekommenen Haus, trinkt zu viel und hat außer zu seiner Tochter keine sozialen Kontakte. Schließlich landet er als gebrochener Mann, der nicht mehr weiß, wer er ist, in einer Irrenanstalt (RJ 111).

[...]


[1] Zitiert nach: Böhning, Thomas (Hrsg.): Anmerkungen und Stellenkommentar zu „Romeo und Julia auf dem Dorfe“. In: Keller, Gottfried: Die Leute von Seldwyla. Text und Kommentar. Hrsg. von Thomas Böhning. Frankfurt/Main: Deutscher Klassiker Verlag 2006. S. 690-711. Hier: S. 690.

[2] Keller, Gottfried: Romeo und Julia auf dem Dorfe. In: Ders.: Die Leute von Seldwyla. Text und Kommentar. Hrsg. von Thomas Böhning. Frankfurt/Main: Deutscher Klassiker Verlag 2006. S. 69-144. Hier: S. 690.

Im Folgenden werden Zitate aus „Romeo und Julia“ im Fließtext als „RJ“ gekennzeichnet.

[3] Der Schluss der Novelle, der den Selbstmord des Paares als Zeichen der „Verwilderung der Leidenschaften“ (RJ 144) kommentiert, ist von Keller mehrfach verändert worden. In der ersten Ausgabe endet die Novelle mit einer längeren Reflexion über eben jene „Entsittlichung“ der Gesellschaft und betont, die Tat der Liebenden solle in keiner Weise glorifiziert werden. In Absprache mit Paul Heyse wurde die Novelle im Deutschen Novellenschatz ohne diese Schlussbetrachtung veröffentlicht. Die zweite Auflage der Leute von Seldwlya enthält als eine Art Zwischenlösung den oben erwähnten abschließenden Kommentar von der „Verwilderung der Leidenschaften“. Dazu: Selbmann, Rolf: Gottfried Keller: Romane und Erzählungen. Berlin: Erich Schmidt 2001. S. 62-64.

[4] Vgl. Haida, Peter: Stundenblätter. Keller, „Romeo und Julia auf dem Dorfe“. Stuttgart: Klett 1986. S. 6-11.

[5] Die hier ausgeführten Figurenanalysen beschränken sich auf die wesentlichen Aspekte, die für den vorliegenden Unterrichtsentwurf relevant sind. Sie sollen so pointiert wie möglich sein, und in etwa dem erwünschten Ergebnis in der konzipierten Unterrichtsstunde entsprechen.

Details

Seiten
17
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640213658
Dateigröße
591 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v118278
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Deutsches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
Unterrichtsstunde Gottfried Kellers Novelle Romeo Julia Dorfe Erzählungen Literaturunterricht

Autor

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