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Rollentheoretische Aspekte in der Sozialisationstheorie

Vordiplomarbeit 2004 26 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Rollenkonzept
2.1 Rollendefinition

3. Soziologische Theorien
3.1 Symbolischer Interaktionismus
3.1.1 Grundlagen der Theorie
3.1.2 Rollenaspekt
3.2 Strukturell-funktionale Theorie
3.2.1 Grundlagen der Theorie
3.2.2 Rollenaspekt

4. Rollentheoretischer Diskurs
4.1 Homo Sociologicus
4.2 Soziale Position
4.3 Rollenaspekt

5. Neuere Rollenkonzepte als 18 Erklärungsmöglichkeit für Sozialisationsprozesse
5.1 Rollendefinition
5.2 Konventionelles Rollenkonzept
5.3 Interaktionistisches Rollenkonzept

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Rollenbegriff gehört seit Jahren wie selbstverständlich zu dem Begriffsinventar der Soziologie. In dieser Wissenschaft ist es bisher nur wenigen Termini gelungen, solch eine Akzeptanz zu erreichen. Nur wenige Segmente zur soziologischen Analyse gelten unter Experten als so undurchsichtig und facettenreich definiert.

Der Rollenbegriff dient in der soziologischen Theorienbildung zur adäquaten Beschreibung von Personen und System. Er beansprucht interpretierenden und prognostischen Charakter in Bezug auf die Individuen und der Gesellschaft. Der

Rollenbegriff scheint zur „Illustration soziologischen Denkens und Argumentierens [...]“ 1 besonders geeignet, weil die Rolle als vom einzelnen Individuum unabhängig und in der Sozialstruktur fest verankert betrachtet werden kann.

Rollentheoretische Aspekte in den Sozialisationstheorien – Diese Arbeit stellt den Versuch dar, sich mit den gängigen Sozialisationstheorien auseinanderzusetzen, um die jeweiligen Aspekte, die sich mit der näheren Beleuchtung des Rollenbegriffs befassen, zu fokussieren.

Interessanterweise gibt es in der internationalen Soziologie keinen einheitlichen Rollenbegriff, und das obwohl er für theoretische Analysen überaus geeignet ist.

Es stellt sich die Frage, ob die Rolle als eine Art Universalkategorie, als ahistorisch-antropologische Konstante oder als ein analytisches Erklärungsmodell für die komplexen Gesellschaften fungieren kann.

2. Rollenkonzept

Die verschiedenen Theorien in den Sozialwissenschaften beschäftigen sich mit unterschiedlichen Ansätzen zur Erklärung des menschlichen Verhaltens. Ökonomisch orientierte Theorieansätze erklären „Handlung“ unter zu Hilfenahme eines Nutzenkonzepts. Diese Funktion übernimmt in den soziologischen Konzepten das Rollentheorem.

Der Ausdruck „Rolle“ kann universal und Theorien übergreifend verwendet werden.

Es liegt ein interspezifischer Konsens über das Rollenkonzept vor. Es beinhaltet apriorisch die Begriffe „Position“, „Rollenerwartung“ und „Sanktion“. Diese Termini sind relevante Konstrukte, die zur Erklärung menschlichen Verhaltens herangezogen werden.

In der Tat kann man unter der Verwendung des Rollenbegriffs noch keine kausal gültige soziologische Erkenntnis gewinnen. Diese Schlussfolgerung darf erst aus den inhaltlich gefüllten Kategorien der Termini „Position“, „Rollenerwartung“ und „Sanktion“ gezogen werden. Doch diese innere Ausgestaltung der Konzepte ist in der Soziologie kontrovers.

Demzufolge kann die Rollentheorie keine allgemein-einheitliche Theorie illustrieren.

2.1 Rollendefinition

Ralph Linton 2 sieht in dem Rollenkonzept „die Umsetzung des Status einer Person“ 3. Er definiert die charakteristischen Merkmale der späteren Rollentheorie. Er geht davon aus, dass wenn die durch die Position deklarierten Rechten und Pflichten umgesetzt werden, der Status einer Person konzipiert wird.

Somit sind die maßgebenden Grundlagen und der Positionsbezug einer Rolle gegeben.

In der Wissenschaft existieren viele verschiedene Rollendefinitionen. Allgemeingültigkeit erreichte bis dato die Begriffsbestimmung von „Rolle“ als

eine „normative Verhaltenserwartung“4. Diese Instruktion ist noch erweiterbar: Die Rolle als eine Fusion von normativen Verhaltenserwartungen an einen Positionsinhaber.

Es gibt diverse Rollentheoretiker die mit dem Rollenbegriff nicht nur Verhaltenserwartungen assoziieren, sondern auch Kennzeichen wie Aussehen oder Charakter eines Individuums. Aber auch Einstellungen und Wertvorstellungen einer Person kann durchaus zur Erweiterung des Rollenbegriffs verwendet werden.

Des Weiteren insistieren Theoretiker, dass sich eine Rolle aus verschiedenen Bereichen zusammenfügt. Rollen besitzen eine Komplementarität, man darf sie nicht isoliert von anderen existenten Rollen betrachten. Exemplifaktorisch wäre die Rolle eines Universitätsprofessors. Er verhält sich seinen Studenten gegenüber anders, als er es seinen Kollegen gegenüber tun wird. Aber erst wenn alle Segmente zusammengefügt werden, resultiert daraus die Rolle des Professors.

In der Rollentheorie stellt sich auch die Frage, ob das Rollenverhalten auf einer

„Sinnstruktur“5 basiert. Man geht der Frage nach, ob Individuen die von der Gesellschaft konstruierten Rollen nur spielen, weil sie restriktive Maßnahmen fürchten, oder ob sich der Mensch ungezwungen, also freiwillig, in das Rollenkonzept begibt. Diese Hypothese erweist sich bei näherer Betrachtung als elementar, denn bei ihrer Verifizierung kann die Rolle nicht mehr nur als das Ergebnis von normativen Verhaltenswartungen der Individuen an einen Positionsinhaber und als ein dediziertes Verhaltessegment, der diversen Positionen, gesehen werden.

3. Soziologische Theorien

In den letzten 20 Jahren erfuhr die Sozialisationstheorie als ein interdisziplinäres Wissenschaftsgebiet einen großen Bedeutungszuwachs. Nicht nur in der Soziologie, sondern auch in der Pädagogik und in der Psychologie haben Theoriegebilde, die sich mit der aktiven Debatte eines Menschen mit seiner sozialen und dinglichen Umwelt beschäftigen, immense Relevanz.

Emile Durkheim führte den Begriff der „Sozialisation“ in den wissenschaftlichen Sprachgebrauch ein. Sozialisation steht seiner Meinung nach in einem enger Relation zur „Erziehung“. Dieser Terminus ist das gravierende gesellschaftliche Mittel des Sozialisationsprozesses des Menschen. Durch eine Erziehung wird das bei seiner Geburt „asoziale“ Individuum zum sozialen Leben befähigt.

Sozialisation bezeichnet also den Eingliederungsprozess eines Menschen in eine soziale Gruppe bzw. in die Gesellschaft. Die Person lernt im Sozialisationsprozess zahlreiche Verhaltensweisen, die benötigt werden, um den Anforderungen einer sozialen Rolle gerecht zu werden. Ohne Sozialisation wäre der Mensch nicht in der Lage, eine kulturelle Identität auszuformen.

Hurrelmann definiert Sozialisation wie folgt: „Im heute allgemein vorherrschenden Verständnis wird mit Sozialisation der Prozeß der Entstehung und Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit in Abhängigkeit von und in Auseinandersetzung mit den sozialen und den dinglichen-materiellen Lebensbedingungen verstanden, die zu einem bestimmten Zeitpunkt der historischen Entwicklung einer Gesellschaft existiert. Sozialisation bezeichnet den Prozeß, in dessen Verlauf sich der mit einer biologischen Ausstattung versehene menschliche Organismus zu einer sozial handlungsfähigen Persönlichkeit bildet,

die sich über den Lebenslauf hinweg in Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen weiterentwickelt.“6

In der Sozialisationstheorie gibt es viele Einzeltheorien, die sich mit der komplexen Person-Umwelt-Wechselbeziehung befassen. Im Kontext dieser Arbeit sollen die rollentheoretischen Aspekte der beiden Extrempositionen der Rollentheorie deutlich gemacht werden. Der symbolische Interaktionismus und die strukturell-funktionale Theorie stellen den makro-7 - und mikrosoziologischen8 Ansatz der Rollentheorie dar.

3.1 Symbolischer Interaktionismus

Der symbolische Interaktionismus basiert auf der Grundannahme, dass eine soziale Realität durch interaktiv aufeinander bezogene Handlungsabläufe und den Austausch von Symbolen hergestellt wird. In der deutschen Rezeption wird angenommen, dass der symbolische Interaktionismus ein in sich geschlossenes

Theoriegebäude darstellt. Der erfolgreiche Reader der Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen9 enthält einen Beitrag von Blumer. Der Artikel „Der methodologische Standort des symbolischen Interaktionismus“ hat fälschlicherweise sehr viel zu dieser Ansicht beigetragen.

Im weiteren Textverlauf soll auf die Theorie von George Herbert Mead10 eingegangen werden.

Auch hier geht es in erster Linie um die rollentheoretischen Aspekte in dieser Theorie. Wer nun der eigentliche Begründer des symbolischen Interaktionismus ist, sei dahingestellt.

3.1.1 Grundlagen der Theorie

Ausgangspunkt der Meadschen Gesellschaftsanalyse stellt das „Individuum in Relation zu anderen Individuen in einer Gruppe“11 dar. Er postuliert, dass jedes humane Verhalten auch ein soziales Verhalten sei. Um eine funktionale Theorie zu konstruieren, müsse das menschliche Verhalten unter der Berücksichtigung der Handlung in einem sozialen Kontext einer Gruppe analysiert werden. „Social psychology studies the activity or behavior of the individuel as it lies within the

social process; the behavior of an individual can be understood only in terms of the whole social group of which he is a member, since his individual acts are involveld in larger, social acts which go beyond himself and which implicate the other members of the group”12 Es liegt also ein kooperatives Gruppenkonzept vor. Dieses Gruppenschema charakterisiert sich durch eine kollektive soziale Orientierung, die zu einer gemeinschaftlichen Handlung führt. Damit es überhaupt zu einer Koordination der gemeinschaftlichen Handlung kommen kann, bedarf es

eines Kommunikationspotenzials. Diese Fähigkeit liegt nicht bei einem einzelnen Individuum, sondern resultiert aus der Kooperationsbereitschaft der jeweiligen Gruppe. Er akzentuiert, dass die Individuen ihre Handlungen nicht über ein subjektives Bewusstsein konstruieren. Vielmehr geht Mead davon aus, dass dieses Bewusstsein fundamental in dem Gesellschaftsprozess verankert sei.

Des Weiteren stellt er die These auf, dass es gruppeninterne soziale Richtlinien gibt. Daraus resultiert ein Problem. Mead muss einen subjektiven und freien Willen zulassen, der in keinem Widerspruch zu den gruppeninternen sozialen

Richtlinien stehen darf, damit weiterhin eine Kommunikation garantiert werden kann. Diese Problematik hat er mit dem Terminus „Individualismusproblem“13 bedacht

Dieser Problemstellung entgegnet er mit dem „nicht-individualistischen Begriff des Individuums“14. In der Meadschen Theorie wird das individuelle Handeln über die objektiven sozialen Vorgaben erklärt. Dennoch determinieren diese Richtlinien das menschliche Verhalten nicht vollständig. Dem Individuum wird eine ständige Situationsdefinition abverlangt, und es soll auf Unerwartetes kreativ reagieren.

Meads Theorie stellt den Formulierungsversuch einer Identitätstheorie dar, die simultan eine Handlungstheorie beinhaltet.

3.1.2 Rollenaspekt

Der symbolische Interaktionismus stellt das Individuum als frei und sozialisiert dar. Der Mensch ist ein sozialisiertes Wesen, welches in ein real existentes Gesellschaftssystem hineingeboren wird. Somit werden die in diesem Gesellschaftssystem vorherrschenden sozialen Konstrukte als gegeben akzeptiert. Es liegt aber keine gänzliche Determination vor, da der Mensch neben den aus der Sozialisation erfahrenen Erkenntnissen auch eigenständige, subjektive Erfahrungen erworben hat. So sind individuelle Vorstellungen, Werte und Ideen nicht umfassend determiniert.

[...]


1 Hrsg. Endruweit, Günter; Trommsdorff, Gisela; Wörterbuch der Soziologie; Lucius & Lucius Verlagsgesellschaft mbH, Stuttgart, 2002; S. 458

2 1893 – 1953; Culture anthropologist. His major work was the Study of Man (1936) http://www.biography.com/search/article.jsp?aid=9382909&search=ralph+linton

3 Etzrodt, Christian; Sozialwissenschaftliche Handlungstheorien; UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz 2003; S. 287

4 Etzrodt, Christian; Sozialwissenschaftliche Handlungstheorien; UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz 2003; S. 287

5 ebd S. 287

6 Hurrelmann, Klaus; Einführung in die Sozialisationstheorie. Über den Zusammenhang von Sozialstruktur und Persönlichkeit; Beltz Verlag, Weinheim und Basel, 1986, S. 14

7 Ma.S befasst sich mit Formen der Vergesellschaftung

Hrsg. Endruweit, Günter; Trommsdorff, Gisela; Wörterbuch der Soziologie; Lucius & Lucius Verlagsgesellschaft mbH, Stuttgart, 2002; S. 336

8 Mi. S befasst sich mit Formen der Vergemeinschaftung

Hrsg. Endruweit, Günter; Trommsdorff, Gisela; Wörterbuch der Soziologie; Lucius & Lucius Verlagsgesellschaft mbH, Stuttgart, 2002; S. 336

9 (orig. 1973)

10 (1863 – 1931)

11 Etzrodt, Christian; Sozialwissenschaftliche Handlungstheorien; UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz 2003; S. 209

12 ebd. S. 209

13 Etzrodt, Christian; Sozialwissenschaftliche Handlungstheorien; UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz 2003; S. 210

14 ebd. S. 210

Details

Seiten
26
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640207343
ISBN (Buch)
9783640207510
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v118167
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
2.0
Schlagworte
Rollentheoretische Aspekte Sozialisationstheorie

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