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„Die Meistersinger von Nürnberg“ in deutscher Wahrnehmung mehr als ein heiteres Stück Musiktheater

Essay 2008 4 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

Theater-Kommunikation München

von

Dr. Sabine Busch-Frank

„Die Meistersinger von Nürnberg“ in deutscher Wahrnehmung – mehr als ein heiteres Stück Musiktheater

„Gewiss, es ist viel 'Hitler' in Wagner“, resignierte der Dichter Thomas Mann 1950 im amerikanischen Exil – und tatsächlich ist Wagners Werk oft noch heute bei Intellektuellen in Deutschland trotz seines Ruhmes als Schöpfer des 'Gesamtkunstwerkes' und der Bayreuther Festspiele verpönt. Gerade das Vorspiel zu den Meistersingern von Nürnberg und die Schlussansprache des Hans Sachs auf der Festwiese werden sogar von manchen Opernfreunden mit geradezu körperlichem Unbehagen gehört. Schon der zeitgenössische Rezensent Eduard Hanslick bezeichnete die Musik zu Beginn des ersten Aktes als „blutrünstig“:

Das donnernde C-Dur, der gewaltige Einsatz des Tutti-Klangkörpers, die rhythmischen Marschmusikanklänge im Schlagwerk und der fanfarenartige Gebrauch des Blechs zu Beginn des Vorspiels wirken viel zu dominant und martialisch für eine musikalische Komödie aus dem romantisierten Nürnberg der Reformation. Zudem hat sich mit den Jahren eine immer getragenere musikalische Auffassung des Orchestervorspiels eingebürgert – hatte Wagner selbst nur etwa 8 Minuten dafür benötigt, wählen die Dirigenten seit den 20-er Jahren deutlich langsamere Tempi, die die Dauer des Präludiums um bis zu zwei Minuten verlängern.

Musikalisch ist das Vorspiel in C-Dur gehalten - der einfachsten Tonart, die keine Vorzeichen benötigt und im Quintenzirkel ganz oben steht. Klassisch assoziiert sie die Grundbedeutung Schlichtheit, Klarheit und Helligkeit; der russische Komponist Alexander Nikolajewitsch Skrjabin geht sogar soweit, ihr die Farbe 'rot' und den Geruch der Erde, des Bodens zuzuordnen. Bedenkt man, dass Wagner mit den Meistersingern von Nürnberg sowohl thematisch wie stilistisch ein komplementäres Gegenstück zu seinem der Opernbühne schwer vermittelbaren Opus Tristan und Isolde schaffen wollte, ist dieses Vorspiel programmatisch zu sehen: Bei den Meistersingern (UA1868) C-Dur, Diatonik, Emphase, Tageslicht und kraftstrotzende Gesundheit – in der Nachtwelt des bereits 1865 uraufgeführten Tristan der verzehrend nach Auflösung drängende 'Tristan-Akkord', Trugschlusskadenz und Dissonanz, Leiden und Vergehen. Überdeutlich wird dieser Eigenverweis, wenn Sachs zu Tristan -Orchesterklängen im 3. Akt seinem geheimen Traum entsagt, Eva selbst zu ersingen:

„Mein Kind, von Tristan und Isolde

kenn´ ich ein traurig Stück:

Hans Sachs war klug und wollte

nichts von Herrn Markes Glück. –“

Im weiteren Verlauf des Vorspiels wird dann auch die zunächst so drastische Tonsprache milder, erzählt vage von zarten Gefühlen und Liebeswerben um dann in jenen pompösen Festwiesen-Klängen des Blechs zu verharren, die bereits auf den dritten Akt verweisen, in dem Volk und Kunst so stolz auftreten und schließlich dem Liebespaar zu glücklicher Vereinigung verhelfen. Eine Art Kurzfassung der ganzen Oper ist nach bester Theatertradition des 19. Jahrhunderts im Vorspiel der Meistersinger bereits angelegt.

Das Werk gipfelt dann bekanntlich in jenem Appell „Ehrt Eure deutschen Meister!“, den Wagner auf Drängen seiner Frau Cosima Hans Sachs in den Mund gelegt hat und welcher in seiner harschen Abgrenzung gegen das Fremde, 'Welsche', heute ungute Assoziationen mit einem anderen, dunklen Deutschland wachruft.

„Ehrt Eure deutschen Meister,
dann bannt Ihr gute Geister!
Und gebt Ihr ihrem Wirken Gunst,
zerging' in Dunst
das Heil'ge Röm'sche Reich,
uns bliebe gleich
die heil'ge deutsche Kunst!“

Wagner war schließlich, obwohl bei Beginn der Nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland bereits seit 50 Jahren tot, einer der gern zitierten kulturell-ideologischen Leitsterne des faschistischen Regimes: Mit seinem monumentalen Schaffen, dem Deutschland-Klischee des von ihm in die Oper transferierten mythisch-germanischen bzw. sagenhaften, mittelalterlichen Geschichtsbildes, aber auch mit seinem antisemitischen Weltbild, ja sogar mit den Ansichten seiner noch lebenden, nationalsozialistisch denkenden Familienmitglieder (Cosima und Winifred Wagner, Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain, Schwiegerenkel Bodo Lafferentz) ließ sich das NS-Gedankengut problemlos in Deckung bringen.

So wurde Richard Wagner zu einer festen Größe im aufstrebenden Dritten Reich - er war Hitlers persönlicher Lieblingskomponist. So wurden seine Festspiele als Wallfahrtsort nationalsozialistischer Gesinnung und sein Werk als hochwertige Hintergrundmusik für die Festakte der Faschisten missbraucht. 'Der Tag von Potsdam' (21.3.1933), der als 'Tag der nationalen Erhebung' die neuerrungene Macht der NSDAP im Dritten Reich demonstrieren sollte, wurde somit gewiss nicht zufällig mit einer Festaufführung der Meistersinger von Nürnberg beendet – das Volk auf der Bühne war instruiert, sich beim „Wach auf“-Chor im 3. Akt nicht Hans Sachs, sondern dem in der Mittelloge des Theaters sitzenden Adolf Hitler zuzuwenden.

Dabei hatte die Wirkungsgeschichte der Meistersinger zu Wagners Lebzeiten eine ganz andere Tendenz. Zumindest die Uraufführung in München war Wagners Meinung nach eine Musteraufführung, ein leuchtender Erfolg für den Komponisten. Wie sich der 55-jährige, kleingewachsene sächsische Komponist neben Ludwig II. von Bayern in der Königsloge vor den berauschten Uraufführungsgästen verbeugte, ist als bemerkenswerter Moment in die Operngeschichte eingegangen. Eben noch auf der Flucht vor der Steuerfahndung, halbvergessen im Exil, aufgezehrt von monströsen Opernprojekten und noch monströseren Schulden hatte Wagner der 'Märchenkönig' 1864 die rettende Hand gereicht wie ein deus ex macchina auf der barocken Opernbühne. Die Uraufführung der Meistersinger bezeichnet einen Höhepunkt dieser merkwürdigen Freundschaft zwischen Regent und Genie.

Die Uraufführung setzte Maßstäbe: Von nun an gab es auf den deutschsprachigen Bühnen reichlich detailverliebtes Puppenstuben-Mittelalter, prachtvolle Zunftkostüme, blonde Evas in weißen Gewändern. Die Meistersinger von Nürnberg trafen in diesem pittoresken Gewand die Herzen der Spießbürger. Dabei war Wagners neues Werk bei der Fachpresse damals umstrittener – so schrieben die Signale im Jahr 1862 „Ein Berg von Albernheit und Plattheit in Wort, Gebärde und Musik sind die Meistersinger“ und die Neue freie Presse urteilte 1869 „Wie Epidemien sich unwiderstehlich von Ort zu Ort verbreiten, so werden wir es ruhig erdulden müssen, dass auch die Meistersinger allmählich von Bühne zu Bühne die Runde machen.“

[...]

Details

Seiten
4
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640211159
Dateigröße
417 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v118100
Note
Schlagworte
Meistersinger Nürnberg“ Wahrnehmung Stück Musiktheater Temporada

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Titel: „Die Meistersinger von Nürnberg“ in deutscher Wahrnehmung mehr als ein heiteres Stück Musiktheater