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Die Bedeutung der Natur für die Figuren bei Max Frisch, mit Bezug auf die Werke „Homo Faber“, Stiller“ und „Der Mensch erscheint im Holozän“

Hausarbeit (Hauptseminar) 1999 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Zeitgeschichtlicher Hintergrund
2.2. Welt- und Selbstbilder der Protagonisten
2.3. Kreativität vs. Tod
2.4. Funktion der Natur – die Natur als (möglicher) Wendepunkt
2.5. Ursachen der Entfremdung und Konsequenzen

3. Abschließende Betrachtungen

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Neben anderen großen Themenkomplexen, wie z.B. der Bildnisproblematik, findet sich in den drei im Rahmen dieser Hausarbeit untersuchten Werken Max Frischs „Der Mensch erscheint im Holozän“, „Homo Faber“ und „Stiller“ auch eine weitere und für das jeweilige Werk wichtige Thematik, in der es um die Rolle der Natur und ihre Auswirkungen auf die einzelnen Charaktere geht. Die Natur kann dabei nicht isoliert betrachtet werden, sondern erhält ihre besondere Bedeutung vor allem durch die Gegenüberstellung mit ihrem Gegenpol: der Technik.

Anhand ausgewählter Sekundärliteratur soll im Rahmen dieser Hausarbeit nachgewiesen werden, daß nicht nur die Art und Weise, in der die Oppositionierung von Natur und Technik erfolgt, in allen drei Werken große Ähnlichkeiten aufweist, sondern daß auch die Auswirkungen einer derart gestalteten Gegenüberstellung sich in gewissen Punkten ähnelt. Dadurch ist diese Thematik für die Entwicklung der Charaktere von nicht zu unterschätzender Bedeutung und führt das Leben der Protagonisten gewissermaßen auf den Prüfstand. In diesem Zusammenhang sollen die Reaktionen der jeweiligen Protagonisten auf die Konfrontation mit der Natur untersucht werden und es wird sich dabei zeigen, daß die Reaktionen bestimmte Gemeinsamkeiten besitzen. Dennoch wird eine gewisse Individualität der einzelnen Personen zu erkennen bleiben, bzw. durch die spezifischen Reaktions- und Verhaltensmuster besonders erkennbar.

Im ersten Teil der Hausarbeit soll zunächst einmal auf den zeitgeschichtlichen Hintergrund des Begriffes der „Natur“ eingegangen werden und somit eine kurze und ausschnitthafte Beschreibung des extratextuellen Kontextes vorgenommen werden. Nach dieser kurzen Andeutung größerer Zusammenhänge, soll es dann vor allem um den Zeitraum gehen, in den die Veröffentlichung der drei betrachteten Werke fällt. Dabei sei von vornherein erwähnt, daß ein Verständnis des im Rahmen der Werke stattfindenden Konfliktes zwischen Natur und Technik zwar auch ohne Bezug zum damaligen Zeitgeschehen verstanden werden kann, durch eben diesen aber unverhältnismäßig reicher wird: Das Verständnis von Literatur als „Kommunikation zwischen Autor und Leser“[1] mag hierzu erklärend beitragen, denn gerade Max Frisch beschäftigt sich auch persönlich in seinen „Tagebüchern“ mit den im folgenden dargestellten Oppositionen. Dennoch sollen die von Frisch aufgegriffenen Fragestellungen und Probleme nicht vorwiegend in seinem „lebensgeschichtlichen Kontext“[2] untersucht werden, sondern es soll eher auf den sozialgeschichtlichen Kontext verwiesen werden, der das literarische Werk auf die „Bedeutungs – und Kommunikationszusammenhänge... in seiner Entstehungszeit“[3] untersucht. Frisch selbst äußerte sich über den intertextuellen Kontext seiner Werke folgendermaßen:

„Wenn man die Namen von früheren oder zeitgenössischen Schriftstellern und bestimmte Werke nennt, deren Einfluß auf mich evident sei, bin ich manchmal erstaunt; nämlich ich weiß, daß ich zur Zeit, als mein Stück oder Roman entstanden ist, das genannte Werk nicht gekannt habe. Damit bestreite ich natürlich den literarischen Einfluß keineswegs. Es gibt nicht nur die direkte Literaturkenntnis, sondern auch das Gerücht (und die literarische Mode); viele Motive kennt man vom Hörensagen, und wenn sie in der eigenen Arbeit auftauchen, so könnte ich keine Quelle angeben.“[4]

Anhand dieses Bezuges mag folgende These haltbarer werden: „Der literarische Text ist nicht (nur) eine Exposition der ihm vorausliegenden historischen Erfahrung, sondern er konstruiert diese als eine problematische“[5]. – Der literarische Text ist somit Reaktion eines Autors auf die Konfrontation mit ausgewählten Problemen seiner Zeit.

Dieser erste Teil der Hausarbeit ist bewußt kurz gehalten, weil die in den Büchern gemachten Beobachtungen gleichzeitig Spiegel der Zeit sind und die auf den ersten Teil folgenden Abschnitte diesen somit ergänzen und vervollständigen.

Im Anschluß an den ersten Teil soll auf die prägnanten Eigenschaften der Natur eingegangen werden, die sie in den Darstellungen Max Frischs besitzt. Es wird dabei vor allem um die Funktion und Bedeutung gehen, die der Natur zukommt.

2. Hauptteil

2.1. Zeitgeschichtlicher Hintergrund

Mit Beginn der Industrialisierung trat die Menschheit in einen Prozeß ein, der die Welt veränderte: Die industriellen und technischen Neuerungen führten zunächst zu einer Entfremdung des Menschen von der Natur, was sich zeitgeschichtlich vor allem im 19. Jahrhundert abspielte. In dieser Zeit waren die mit der Thematik der Technik verbundenen Assoziationen überwiegend positiver Art. Die technischen Neuerungen nämlich waren nicht nur an sich schon bedeutend, sondern sie reichten auch noch über ihre bloße Funktionalität hinaus. Als politische Entwicklung mag hier folgendes zu erwähnen sein: „Die Gründung bürgerlich – demokratischer Nationalstaaten in Europa – zuletzt die Einigung des deutschen Reiches 1871 – verdankte man schließlich auch der Technik“[6]. Lagen in dieser Zeit die Probleme und Fragestellungen vor allem im Bereich der Anpassung des Menschen an die technische Welt, so war die Lage im 20. Jahrhundert genau andersherum zu beurteilen: Eine Rückkehr zur Natur war den meisten Menschen durch ihre feste Verwurzelung in technischen Errungenschaften und Denkweisen kaum oder nur sehr schwer möglich. Dementsprechend spiegeln das 19., und vor allem das 20. Jahrhundert, wie noch keine Epoche vorher, die Beschäftigung der Menschen mit der Technik und damit auch die Bedeutung, die sie für den Menschen gewonnen hatte und immer noch gewann. Die Werke „Homo Faber“ (1957), „Der Mensch erscheint im Holozän (1979) und „Stiller“ (1954) fallen alle in die Zeit des 20. Jahrhunderts und damit in eine Zeit, in der die Entfremdung des Menschen von der Natur schon stattgefunden hatte. Als Nachkriegsliteratur wurden sie zudem von einem Autor geschrieben, der die Bandbreite und Komplexität technischer Errungenschaften miterlebt hatte und auch weiterhin mit ihnen konfrontiert sein sollte: Tod und die Zerstörung, die durch die Technik in den beiden Weltkriegen möglich wurden, spielen dabei ebenso eine Rolle, wie die technischen Fortschritte, die zu einer Verbesserung des Lebensstandards führten. Sowohl die Erfindungen im Bereich der Transportmittel, wie Autos und Flugzeuge (um einige der technischen Neuerungen zu nennen, die in den Romanen explizit vorkommen), als auch die technischen Fortschritte in anderen Lebensbereichen (Medizin, Kommunikation ) spiegeln das Geschehen dieser Zeit.

Hatte der Mensch schon seit seinem Bestehen versucht, seine „Selbstfeier als kosmische Ausnahme“[7] zu begründen, so waren diese Versuche immer wieder gescheitert: Kopernikus und Darwin machten zwei solcher Ansätze zunichte, es gebe aber noch weitere zu nennen. Ein weiterer Versuch, die Vormachtstellung des Menschen auf der Erde zu unterstreichen, begann mit der Berufung auf technische Errungenschaften, die den Menschen, wenn schon nicht durch unabhängige Entstehung (Evolutionstheorie Darwins) oder die These des menschlichen als zentralen Leben des Universums (Kopernikus Erkenntnisse), so doch durch besondere Intelligenz, von den Tieren abhoben und unterschieden. Diese Denkweise verursachte gleichzeitig eine zunehmend verstärkte Entfremdung des Menschen von der Natur, denn es ging nicht mehr darum, die Natur zu nutzen, sondern sie auszu nutzen und zu beherrschen. Verstärkt wurde diese Tendenz auch durch die Besiedelung moderner Großstädte und die dadurch zunehmende (auch topographische) Distanz zur Natur. Beide Prozesse führten dazu, daß der Mensch sich zunehmend aus einem Leben im Einklang mit der Natur herauslöste. Mit dieser Entwicklung ging eine weitere Veränderung vonstatten, die dazu führte, daß „Lebensstandard als Ersatz für Lebenssinn“[8] gehalten wurde. Gerade um diese Tendenz geht es vor allem bei „Homo Faber“ – um die Auswirkungen einer von technischen Errungenschaften gekennzeichneten Welt.

Die äußeren (technischen) Entwicklungen stehen dabei in einem Wechselspiel mit den herrschenden Denkprozessen: Entstand im Zeichen der Technikeuphorie noch „das weltanschauliche Korrelat gründerzeitlicher Taten, der Positivismus“[9], in dessen Zuge sich Fortschrittoptimismus und die „Ideologie des ungehinderten industriellen Wachstums“[10] breit machten, so kehrten sich bald die Vorzeichen um: Losgelöst von einem Leben in der Natur und eingebettet in technischen Komfort, Theorie, Computer und Forschung wurde eine Beschäftigung mit anderen Bereichen und Fragestellungen zwar nicht prinzipiell unwichtig, jedoch weniger Thema der Techniker, als vielmehr der – um es mit Faber zu sagen – „Mystiker“. Der Traum des Menschen, die Natur absolut unter Kontrolle zu haben, ist so eine logische Folge, oder, wie Frisch es formuliert: „Der liebe Gott ! Er machte es mit Seuchen; wir haben ihm die Seuchen aus der Hand genommen. Folge davon: Wir müssen ihm auch die Fortpflanzung aus der Hand nehmen.“[11]. Dieser Wunschtraum ist zu der Zeit, in die die Erscheinung der drei Werke fällt, nichts besonders neu, besaß aber gerade damals hohe Aktualität: Professionelle Geburtenkontrolle und Gentechnik - als neueste Bereiche technischer Entdeckungen - sind in diesem Zusammenhang zu nennen, wobei es auch in anderen Bereichen enorme „Fortschritte“ gab: Nicht zufällig muß in diesem Zusammenhang die Tatsache gelten, daß „Homo Faber“ vier Tage nach dem Start der Sputnik veröffentlicht wurde.

Gerade der Erforschung des Weltraumes mag hinsichtlich der ständig wiederkehrenden Identitätsproblematik in den Werken Max Frischs besondere Bedeutung zu kommen. In der damaligen Zeit ging es, genauso wie heute, eher darum, immer höher hinaus und weiter weg zu sehen, als in die Tiefen der eigenen Person – weil diese sich eventuell (wie bei Faber) als „Abgrund“ entpuppen können.

[...]


[1] Jürgen Schutte, Einführung in die Literaturinterpretation, S.44 ff.

[2] Begriff übernommen aus: ebd., S.78.

[3] ebd., S.80.

[4] Max Frisch zitiert bei: Walter Schmitz, Max Frisch: Homo Faber, S.31.

[5] ebd., S.47.

[6] Walter Schmitz, Max Frisch: Homo Faber, S.32.

[7] Walter Schmitz, Max Frisch: Das Spätwerk (1962 – 1982). Eine Einführung, S.144.

[8] Max Frisch, Homo Faber, S.50.

[9] Walter Schmitz, Max Frisch: Homo Faber, S.33.

[10] ebd.

[11] ebd., S.106.

Details

Seiten
23
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638178624
ISBN (Buch)
9783638642088
Dateigröße
629 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v11807
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – FB Germanistik
Note
1-
Schlagworte
Frisch Natur Technik Homo Faber Der Mensch erscheint im Holozän Stiller

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Titel: Die Bedeutung der Natur für die Figuren bei Max Frisch, mit Bezug auf die Werke „Homo Faber“, Stiller“ und „Der Mensch erscheint im Holozän“