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Intellektuelle zwischen Kultur und Politik

Rollen und Funktionen im Nachkriegsdeutschland von 1945 - 1949

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 37 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkungen

1. Intellektuellenforschung
1.1 Glanz und Elend der deutschen Intellektuellen
1.2 Begriffsdefinitionen und Intellektuellenforschung
1.3 Einige Aspekte einer moderneren Intellektuellengeschichte

2. 1945 – das Ende und der Anfang
2.1 Das Ende
2.2 Der Anfang im Ende
2.3 Exkurs: Die Schuldfrage
2.3.1 Voraussetzungen
2.3.2 Die Intellektuellen und die Schuldfrage
2.4 Der Anfang von „oben“ und „unten“
2.4.1 Die Besatzungspolitik von „oben“
2.4.2 Die Besatzungspolitik von „unten“
2.5 Kulturpolitik der Besatzungsmächte und die ambivalente Rolle von Intellektuellen
2.5.1 Exkurs: Besonderheit in der SBZ – Kulturoffiziere

3. Das „Schicksalsjahr 1948“

4. Intellektuelle und die Zeitschriftenlandschaft von 1945-
4.1 „Aufbruch“ und Ende der Zeitschriftenlandschaft
4.2 Exkurs: Der Ruf
4.3 Das Erinnerungsjahr 1948 im „Zeitschriftenboom“

5. Ein Ausblick: Mythen des Anfangs

6. Fazit

7. Anhang

Vorbemerkungen

Die Rolle von Intellektuellen beruhe, nach Habermas, auf zwei Missverständnissen: zum einen sehe er die Autonomie von Kunst und Wissenschaft gegenüber der Politik als eigene kulturelle Sphäre gegeben, die sich in die Politik einmischt und damit entdifferenzierend wirken soll. Und zum anderen die Art des Engagements, die eine Verwechslung von Einflussnahme auf die politische Öffentlichkeit sei und letztlich nur eine Eingliederung in den Betrieb des politischen Machtkampfes bedeute.[1] Dies ist eine Bankrotterklärung. All das, was die Kategorie Intellektueller ausmacht, negiert Habermas und unterstellt eine Unfähigkeit zur Selbstreflexion über Möglichkeiten und Grenzen von Anspruch und Wirklichkeit. Ist das so, wie Habermas meint? Ist die Rolle von Intellektuellen nur die Quadratur des Kreises und mehr nicht? Oder bemüht er hier nur ein in nüchterne Analyse gekleidete Anklage, die einen Verrat benennt? Fehlendes Maß in Anspruch und Wirklichkeit, die Habermas zu solch einer Fundamentalkritik leitet, scheint ihn bei seiner eigenen Rolle, über die er hier ebenso spricht, wohl kaum vor Augen gestanden haben, als er dies schrieb. Vielleicht ist auch ein Missverständnis über einen zu hohen Anspruch, den Habermas an den Intellektuellen stellt? Zumindest ist sind die Rollen von Intellektuellen, wie überhaupt das Phänomen sehr widersprüchlich und damit höchst interessant. Intellektuelle waren in allen entscheidenden Prozessen der Geschichte beteiligt, sind in Umbrüchen genauso wie in Krisen zu verorten und höchst selbst auch im Kampf um Intellektuelle zwischen und an allen Fronten zu finden. Aber was ist das eigentliche Charakteristische, dass eine analytische Kategorie Intellektueller für den Weitergang der Forschung neues und erhellendes bringen kann? Vor allem ist es der modernen Forschung gelungen, über eine kritische Begriffsgeschichte des linguistic turn zu einer breiteren Kulturgeschichte zu gelangen, die nach Mentalitäts-, Rezeptions- und Perzeptionsmechanismen sucht, die sich mit sozialen, politischen und geistesgeschichtlichen Strukturen in Beziehung setzt und den Mensch in Geschichte und Gesellschaft viel umfassender und breiter beschreiben und verstehen kann. Die Kategorie Intellektueller bietet damit Möglichkeiten tiefer liegende Schichten historischer Prozesse freizulegen und mit heutigem Interesse zu verbinden. Deutungskämpfe um Begriffe und Symbole sind zugleich auch der Schlüssel zum Verständnis komplexer menschlicher Beziehungen und ihrer Auswirkungen. Die menschliche Geschichte wirf ihren Schatten auf die heutige Zeit und wenn es der Forschung gelingen soll, das sollte zumindest das Ziel sein, diesen Schatten zu entschlüsseln, dann tut sie gut daran, passendes Werkzeug zu entwickeln, um an die Arbeit gehen zu können.

Die folgende Arbeit versucht zwei Ebenen mit einander zu verbinden und nach den Wirkungen zu fragen. Die eine Ebene sind die komplexen politischen Beziehungen nach dem Untergang des „Dritten Reiches“ und seiner katastrophalen Folgen. Es kommt dabei auf die Widersprüchlichkeit zwischen theoretischen Konzeptionen und praktischer Umsetzung an. Schwerpunkt sind dabei die Besatzungsmächte. Die Komplexität der Abläufe bietet immer wieder Möglichkeiten zu entgegen gesetzten Entwicklungen. Impulse dieser Widersprüche werden auf der zweiten Ebene wahrgenommen und reflektiert. Die zweite Ebene sind die Intellektuellen der Nachkriegszeit, die im viel stärkeren Maße durch die Last der Vergangenheit und den Anspruch der Gegenwart ihre Positionen suchten und durch ihrer Möglichkeiten Einfluss zu nehmen gedachten. Beide Seiten kennzeichnet die den Willen und die Möglichkeiten zu einem neunen Anfang, der zunächst offen und vielgestaltig war. Sich dann aber recht schnell in bereits vorgeprägte Bahnen getrennte Wege ging, aber als eine Bezugsgeschichte bis zum Wegfall der Blockkonfrontation und dem Ende des Kalten Krieges zu verstehen ist. In einem ersten kleinen Schritt wird der Versuch unternommen, den Begriff Intellektueller näher zu beleuchten und auf einige Aspekte der älteren und neueren Forschung einzugehen, die mit einem modernen Intellektuellenbegriff als Handlungstypus operiert. Daran anschließend geht die Arbeit in dem größeren Teil auf die komplizierte Nachkriegsgeschichte nach 1945 ein und geht von der These aus, dass die Prägungen bestimmter intellektueller Rollen in der Euphorie der Anfangsjahre Grundnarrative vorgeprägt haben, diese aber nicht ideologisierten, sondern in einer sehr heterogenen diskursiven Gemeinschaft zirkulierten.

Ein Schwerpunkt dabei sind Texte von bekannten Intellektuellen dieser Zeit, die vor allem in einem Zeitschriftenboom der Anfangsjahre erschienen. Diese Texte sind höchst emphatisch aufgeladen und zielen wirkungsmächtig auf ihr Publikum. Sie sind stilistisch höchst eindrucksvoll und zeugen von wahren Könnern ihres Faches. Vor allem Artikel der Frankfurter Hefte und Ost und West werden unter einem interessanten Gesichtspunkt mit einander verglichen. 1948 erinnerte man sich des hundertjährigen Jubiläums von 1848. Die speziellen Metaphern und erinnerungspolitischer Bezüge beschreiben den Versuch der Intellektuellen, durch Bereitstellung von Geschichtsmythen in die aktuelle Tagespolitik einzugreifen, die aber scheitern, denn der beginnende Kalte Krieg zerreibt die „Dritte“ Kraft.

1. Intellektuellenforschung

1.1 Glanz und Elend der deutschen Intellektuellen

In den vergangenen Jahren hat sich die Forschung zunehmend mit einem Begriff beschäftigt, den eine sehr vielschichtige und widersprüchliche Geschichte prägt und der bis heute in zum Teil hochemotionaler Art und Weise diskutiert wird. Gemeint ist der Begriff Intellektuelle. Eine fast unüberschaubare Menge an Literatur, die sich mit der gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Dimension dieses Begriffes beschäftigt, ist in den letzten Jahren entstanden. Vor allem die gewaltigen historischen Umbrüche in den ehemals realsozialistischen Staaten und besonders die „doppelte Wende“ in Deutschland haben hier die fachinterne Diskussion über die Rolle von Intellektuellen und ihre Haltungen zur Macht wieder öffentlich entfacht und diskursiv weiterbearbeitet. Neben dem Vorwurf an ostdeutsche Intellektuelle, den Herbst 1989 falsch eingeschätzt und ihre Rolle darin auch überschätzt zu haben, keimte die Vorwurf des „Versagens“ der Intel­lek­tuel­len, der an Julien Bendas 1927 geprägten Verrat der Intellektuellen[2] erinnert, Anfang der 90er Jahre wieder auf. Das einprägsame Bild einer „Intellektuellen­dämmerung“[3] dieser Zeit nimmt das geradezu metaphorisch auf. Hier zeigen sich Deutungskämpfe um einen Begriff und dessen Status. Das Interessante an diesen Intellektuellendiskursen ist die erneute Infragestellung eines Selbstverständnisses, das sich längst definiert zu haben glaubte. Die in Westdeutschland bestimmende Bindung des Begriffes an die demokratische Gesellschaft stammt aus der Geburtsstunde der Bundes­republik als zweite deutsche Demokratie. Sie definierte den Intellektuellen einerseits an die kritische Distanz zur politischen Macht und bot andererseits in Abgrenzung zum eher konservativen Elitemodell der Politikwissenschaft individuelle Anknüpfungen an einen Moralbegriff der Verantwortung des Einzelnen. Rainer M. Lepenies bringt dies 1964 mit dem Schlagwort „Kritik als Beruf“[4] sehr treffend auf den Punkt. Es ging also im Kern um das Selbstverständnis einer ganzen Nachkriegsgeneration, die die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Diktatur in den 60er forciert hatten. Die später als „Spiegelaffäre“ um den Herausgeber des Politmagazins Rudolf Augstein eingesetzte Diskussion ist als deutsche Variante der französischen Dreyfusaffaire diskutiert worden.[5]

Die Debatte in den 90er Jahren ließ mit der Auseinandersetzung ostdeutscher Intellektueller diese moralische Wertbindung aufweichen und zeigte, dass in dem Begriff viel stärker ein Selbstverständnis und Selbstbild mitschwingt, dass der Begriff Intellektueller zu einer symbolischen Wertkategorie machte.[6] Die Diktaturen des 20. Jahrhunderts haben, so das Gros der Meinungen, den kritischen Intellektuellen verabschiedet, während er gleichzeitig, das zeigte die hitzige Debatte, so prominent wie seit den wichtigen Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus vor 40 Jahren nicht mehr diskutiert worden war. In der Bedeutungsspanne zwischen Demokratie und Diktatur und ihren Transformationen, Zäsuren und Kontinuitäten spiegelte der Begriff Intellektueller gesellschaftliche Prozesse ab und verlor den Nimbus positiver Selbstdeutung.

1.2 Begriffsdefinitionen und Intellektuellenforschung

Die Diskussion von Soziologen über den Intellektuellenbegriff spannte mit unterschiedlichen Akteuren wie Schriftstellern, Wissenschaftlern, Journalisten und auch Politikern ein weites Feld zwischen Engagement und Autonomie, zwischen Kritik und Affirmation, aber auch zwischen ethischer Moral und fachlicher Distanz auf, in dem die Haltungen und Rollen von Intellektuellen beschrieben worden sind. Dieser Zugriff bot nicht nur den Akteuren die Möglichkeit, über ihr eigenes Selbstverständnis zu reflektieren und über „Geist und Tat“ nachzudenken, sondern fand auch Einzug in den beginnenden culture turn der ausgreifenden Kulturwissenschaften.

Man muss zwischen Texten der Selbstreflexion im eigentlichen Sinne wie Julien Bendas Verrat der Intellektuellen und den Versuchen der Forschung, sich dem Intellektuellen als gesellschaftliches Phänomen zu nähern, unterscheiden. Die mittlerweile 100 Jahre Intellektuellenforschung in Deutschland, die im systematischen Sinne keine war, hat eine Reihe von ‚Klassikern’ aufzuweisen: Max Weber[7], Karl Mannheim[8] und Theodor Geiger[9]. Sie bieten sehr unterschied­liche Aspekte an, um sich dem Begriff zunähern. Während Weber den Begriff, den er nicht benutzt, an die Machtausübung und politische Betätigung bindet, er selbst kandidierte 1919 für den Reichstag, und der „Intelligenz“ die Aufgabe zukommt, ein Ge­misch aus Versatzstücken ideologischer „Wahrheiten“ bereitzustellen – als Weichensteller –, beschreibt Mannheim gegenüber der funktionalen Betrachtung Webers eine Ungebun­den­heit, die er als „freischwebende Intelligenz“ definiert. Dieser Ansatz entsteht vor dem Hinter­grund der ideologischen Auseinandersetzungen in der Weimarer Republik. Diese zwei grundsätzlichen Ansätze der Definitionen von Intellektuellen durchziehen in unterschiedlicher Ausprägung und Gewichtung die gesamte Forschungsliteratur. Diese Spanne von Funktionalität, die in gesellschaftliche Strukturen eingebunden ist, und der Ungebundenheit, die zumeist künstlerische und kreative Tätigkeiten kennzeichnet, bildet nicht nur die Diskussion der Zeit ab, sondern prägt im Kern die Definitionsversuche folgender Jahre. Für die Nachkriegszeit prägt Theodor Geiger, der zum ersten Mal eine systematische Analyse entwickelt, den Aspekt, dass die Intelligenz nicht freischwebend sei, wie das Mannheim dargestellt hat, sondern die Kritik als Aufgabe habe – die Kritik an de Macht. Dieser Hinweis prägt bis heute die Analysen. Andere Ansätze wie Josef A. Schumpeters „Störungsfaktor“[10], Helmut Schelsky[11] oder M. Rainer Lepsius „Kritik als Beruf“[12] verfolgen im Wesentlichen die schon diskutierten Ansätze und bauen sie weiter aus.

Die moderneren Forschungstrends haben auch die Intellektuellenforschung beeinflusst. Seit die Intellektuellenforschung Frankreichs in den 80er Jahren ein sehr starkes Interesse erfuhr, bildete sich auch in Deutschland ein Forschungsinteresse. Doch, wenn man beide Länder in diesem Bereich vergleicht, hat in Deutschland die Intellektuellenforschung noch lange nicht die institutionelle Verankerung wie in Frankreich.[13] Ein Ansatz kommt aus der Begriffsge­schichte, die in der modernen Forschung des linguistic turn entstanden ist. Dietz Bering ist mit seiner mittlerweile als Standartwerk anzusehenden Analyse Die Intellektuellen. Geschichte eines Schimpfwortes[14] in eine Richtung vorgestoßen, die in den öffentlichen Debat­ten zunehmend Beachtung findet und heute als selbstverständlich angesehen wird. Bering hat den Begriff auf seine Geschichte hin kritisch hinterfragt und schlüssig gezeigt, dass er zumeist als Instrument in den politischen Auseinandersetzungen eingesetzt worden ist, um den politischen Gegner zu diffamieren. In dem Begriff schwingen also unterschiedliche Bedeutungen mit, die selbst in der bis dato entstandenen Forschung nicht reflektiert wurde. Spätestens Bering hat den Anstoß dazu gegeben, nicht nur den Begriff auf seine geschichtlichen Implikationen und Wirkungen zu hinterfragen, sondern auch die Sozialfigur Intellektueller kritisch zu prüfen. Die moderne Kulturforschung geht von der Textanalyse und anderer Kulturgüter und deren Kritik aus und analysiert alle Erscheinungen die gesamte Gesellschaft v.a. auf Wirkungsmechanismen, Mentalität und Rezeptionen

1.3 Einige Aspekte einer moderneren Intellektuellengeschichte

Intellektuelle gab es als „Spezialisten für den Umgang mit symbolischen Gütern“[15] für gesellschaftliche Ordnungsvorstellungen durch „Ideen“ und Sinnstiftungsnarrative in jeder Zeit.[16] In der modernen Intellektuellenforschung wird aber vor allem auf ein historisches Ereignis in Frankreich Ende des 19. Jahrhunderts verwiesen, wo sich der moderne Intellektuelle als Handlungstypus gegenüber dem strukturellen Typus älterer Forschung zum ersten Mal gezeigt hat. Emilè Zolas öffentlicher Einspruch gegen die ungerechte Behandlung des jüdischen Offiziers Alfred Dreyfus erschütterte die Dritte Republik. Hier entstand der neue Typus Intellektueller, der, zunächst von den Dreyfus-Gegnern um Maurice Barrès mit dem Begriff als Intellektueller beschimpft, aus einer bestimmten historischen Situation hervorgegangen ist. Bestimmende Faktoren sind die Urbanisierung und weitere Ausbau der Städte zu Großstädten, zunehmende durch Industrialisierung vorangetriebene Technisierung der Gesellschaft und neue Formen der Kommunikation durch einen Boom an Medien.[17] In diesem nicht nur in Frankreich entstehenden politischen, sozialen und kulturellen Netz gesellschaftlicher Prozesse der Modernisierung entsteht eine Sozialfigur, die sich in diesem Kontext bewegt und mittels ihrer literarischen, künstlerischen oder wissenschaftlichen Bekanntheit in der Öffentlichkeit kritisch interveniert: es ist ein „Strukturwandel der Öffentlichkeit“[18], der mit dem Aufkommen dieses Handlungstypus Intellektueller initiiert wird und sich in einer dialektischen Beziehung der Kategorien Öffentlichkeit und Intellektueller miteinander verzahnt. Die politische Öffentlichkeit ist das „Berufsfeld des Intellektuellen“.[19] Seit dieser Entwicklung ist die politische Kultur eine andere und eine nicht zu unterschätzende Wirkungsmacht fand ihren Platz in der modernen Gesellschaft.

Die gesellschaftlichen Rollen von Intellektuellen, auf die sich die moderne Intellektuellenforschung u.a. orientiert, sind sehr vielgestaltig und zeigen, dass auch die funktionelle Einbindung in herrschaftliche Strukturen mit kritischen Interventionen verbunden werden kann. Intellektuelle sind die Transporteure, kreative „Jongleure“ und „Sachverwalter“ für die Ideenzirkulation einer Epoche. Sie bieten schlüssige Angebote zur Rationalisierung von Lebensordnungen und Systematisierung von Lebensführung, wobei der „utopische Rest“ (Ernst Bloch) oft an der Wirklichkeit vorbeiführt und seine Wirkungsmacht nicht entfalten kann. Unabhängig von ihrem Utopiepotential durch Angebote sozialer Utopien und Gegenentwürfen besserer Lebenswelten sind sie auch gesellschaftliche Funktionsträger, die wiederum strukturell integriert sind. Als Politikberater fungieren sie zwischen „Kritik und Mandat“ für die „Macht“ und versuchen ihre kritische Position zu bewahren. Intellektuelle sind in der Beherrschung von Wort und Bild in den Medien geradezu meisterlich, was sie ja sehr begehrt macht für die jeweilige politische „Macht“. Eine moderne Mediengeschichte ist ohne die Intellektuellen nicht darstellbar.

2. 1945 – das Ende und der Anfang

2.1 Das Ende

Mit dem Umbruchsjahr 1945 setzte eine historische Zäsur ein Ende und ein Anfang: das Ende der „totalen Herrschaft“ des NS-Regimes und des verheerenden Krieges, der auch mit Blick auf die kurze Spanne zwischen beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts „1914 begann“[20]. Und sie setzte einen ungewissen Anfang, der zunächst in der Pathosformel des „Nie wieder!“ Ausdruck fand. Die Auswirkungen des Krieges waren verheerend und unmittelbar und ließen zunächst nur an die eigene Existenz denken: Hungersnot durch Lebensmittel­knappheit, entwurzelte Flüchtlingsströme, Trümmerland­schaften ohne ein Lebenszeichen. Jürgen Kuczynski, der bekannte Gesellschafts­wissenschaftler und Wirtschaftshistoriker, kam, nachdem er 1936 ins englische Exil geflüchtet war, kurz nach Kriegsende über den „Westen Deutschlands“ nach Berlin. Auf seiner Reise durch das zerstörte Deutschland berichtet der „fröhliche Marxist“ von seinen Begegnungen. Im „Brief aus dem Westen Deutsch­lands“ ziehen an den verlassenen ‚goldenen’ Westen erinnernde „Geister-Städte“ an ihm vor­über, in denen noch die „Spuren der Menschen“ wie zerschmetterte Möbel und auch Wand­bilder an „frischen“ Ruinen zu sehen seien. „Doch kein Lebewesen, nicht Mensch noch Haus­tier, war zu sehen. Das war der erste Eindruck von Deutschland.“[21] Etwa 400 Millionen Ton­nen Trümmer bedeckten das Land[22] und standen „als visuelles Kürzel für die Schrecken des Krieges.“[23]

Dieser „lange Schatten des Krieges“[24] ließ die Menschen ein Leben in Ruinen, in Stollen, Kellern, Baracken, Bunkern und zusammengeschusterten Well­blechhütten führen. Die sehr moderne Erfahrung der sozialen Entwurzelung, eine chaotische Recht­losigkeit und die Wellen von Subsistenzmigration durch die Städte bestimmten den Alltag.[25] Vor Hunger wühlten die Menschen im Abfall. Der so genannte „Hunger­winter“ 1946/47 blieb vielen noch lange in Erinnerung und war in allen Besatzungszonen glei­cher­maßen problematisch. Heinrich Böll schreibt dazu, dass ihn „der Gedanke an frisch gebackenes Brot“ fast verrückt gemacht habe.

Eine „Angst vor mir selbst“, eine „wölfische Angst“[26] habe ihn damals erfasst. Es wurden Kohlen gestohlen, Wälder kahl geschlagen, Zigarettenstummel für den Tausch auf dem Schwarzmarkt von der Straße geklaubt. „Notabene 45“ heißt das Tagebuch[27] von Erich Kästner, der sich selbst beim Eintausch schon verwerteter Lebensmittelmarken für Schwerarbeiter, die er zusammen mit seiner Frau zuvor über Wasserdampf abgelöst hatte, eher für einen „Schwerverbrecher als für einen Schwerarbeiter“[28] hält.

Die Intellektuellen in dieser momentanen Situation waren wie die meisten Menschen in Deutschland auf ihre existentiellen Nöte orientiert. Wenn Kästner sich als Verbrecher beschreibt, Böll seine archaischen Instinkte ängstigen und Kuczynski die grotesken Fratzen schrecken, dann schreiben sie als einfühlsame Berichterstatter über das, was sie sehen und was in ihnen vorgeht. Denn entgegen sonstiger Betätigungsfelder, die auch den sachlich-nüchternen Bericht über soziale Missstände beinhalten – man vergleiche nur die Artikel von Siegfried Krakauers „Die Angestellten“ –, so blieb dies doch nur eines von vielen möglichen Themenfeldern. Die Trümmerwelt in Deutschland ergriff jeden und somit entsteht ein eher seltenes Phänomen: die Intellektuellen werden zum Sprachrohr der Masse indem sie sich selbst und das, was sie erfahren, beschreiben – als „Trümmermenschen“[29]. Es zeigte sich aber recht bald, dass trotz der prekären Lebenssituation, die Intellektuellen ihren Aufgaben gemäß als kulturelle „Funktionsträger“ in der SBZ und zum Teil auch in den westlichen Besatzungszonen privilegiert wurden.[30] Dies waren Anreize der Be­satzungs­mächte, Intellektuelle anzuwerben und als Aushängeschilder zu benutzen.[31] Interessant ist, dass dies nur von wenigen reflektiert und kritisiert worden ist. Wenn Hans Mayer im Rückblick schreibt: „Doch nun war Alltag; es wurde nicht mehr im Krieg gestorben. Man mußte zurechtkommen, in Lumpen und Bretterverschlägen.“[32], dann wurde er von einem Netzwerk aus verschiedenen Freunden, Bekannten und ihm unbekannten Helfershelfern betreut, die ihn umsorgten.

2.2 Der Anfang im Ende

Der Zusammenbruch der gesamten Gesellschaft hinterließ im materiellen und geistigen Trümmerfeld Nachkriegsdeutschland ein Vakuum sozialer und kultureller Strukturen. Die Zerschlagung familiärer Verwandtschaftsbeziehungen, sozialer Integrationsinstanzen wie Schule und Universität, die relativ zügig wieder eröffnet wurden, und alte Formen menschlichen Zusammenlebens in Dörfern und Städten wie Sportplätze, Theater und Parks fügte den Menschen unbeschreibliche Not und Leid zu. Die Möglichkeiten eines Wiederaufbaus, dieses Vakuum auszufüllen, wirkten ohne politische Weisung von selbst in die Nachkriegszeit hinein. Das Bild der zupackenden „Trümmerfrau“ bestimmte die Städte.[33] Es war die „Stunde der Frauen“ (Ute Frevert), ein „Frauenaufbruch von ’45“[34], der nach Annette Kuhn in „einem größeren, historischen Zusammenhang“ stehe und aus dem „Kriegsdienst“ der NS-Industrie entlassen, wurden in vielen Städten Frauenausschüsse gegründet, die sich mit moralischen, politischen und sozialen Problemen auseinandersetzten.[35] Mit der NS-Frauen­poli­tik „notgedrungen“ begonnen, setzte sich diese Entwicklung über 1945 fort und etablierte sich in der Bundesrepublik aber erst nach den restaurativen Tendenzen in den 50ern mit der „Sexuellen Revolution“ der 68er. In der DDR drang durch ein im allumfassenden Proletariatsbegriff getarnter Produktivitäts- und Arbeitskräfteengpass die Frau schon seit der Gründung 1949 in gesellschaftliche Bereiche vor und konnte propagandistisch verwertet werden. Ebenso war auch die „Sozialpolitik vor allem als Nothelfer bei der Bewältigung von Kriegsfolgen“[36] wichtig, die zwar in den Fünfzigern bewältigt gewesen seien, so Hans Günter Hockerts, aber für das Wirtschaftswachstum, das durchaus desintegrierend wirkte, eine Kompensation sei und den sozialen Frieden in der Bundesrepublik erhalten geholfen habe.[37] Die Normenerhöhung der Produktionsleistung in der noch jungen DDR war neben den Kriegsfolgen auch die Auswirkung der sowjetischen Reparationspolitik. Der 17. Juni 1953 führte zur Zurücknahme dieser Maßnahme. Die SED integrierte die sich zunehmend ausgestaltete Industriegesellschaft DDR und ihren „Arbeiterstaat“ mit einem hohen gesellschaftlichen Stellenwert des Proletariats.

Die totale Katastrophe hat als ein Katalysator neben völliger Zerstörung auch als ein Modernisierungsfaktor gewirkt und somit entscheidend die Ausgestaltung der Nachkriegsgesellschaft beeinflusst.[38] Das ancien regime Preußen ist 1945 ebenso untergegangen und mit ihm das „lange“ 19. Jahrhundert.

[...]


[1] Jürgen Habermas: Heinrich Heine und die Rolle des Intellektuellen in Deutschland, In: Ders.: Die Moderne. Ein unvollendetes Projekt, Leipzig 1990, S. 130-158, hier S. 139.

[2] Julien Benda: Der Verrat der Intellektuellen, München 1978 [franz. 1927].

[3] Wolf Lepenies: Aufstieg und Fall der Intellektuellen in Europa, Frankfurt/New York 1992; Martin Meyer: Intellektuellendämmerung. Beiträge zur neuesten Zeit des Geistes, München/Wien 1982.

[4] M. Rainer Lepsius: Kritik als Beruf. Zur Soziologie der Intellektuellen, In: Ders.: Interessen, Ideen und Institutionen, Opladen 1990, S. 270-285.

[5] Vgl.: Alfred Grosser, Jürgen Seifert, Thomas Ellwein: Die Spiegel-Affäre. Die Staatsmacht und ihre Kontrolle, Olten 1966.

[6] Vgl.: Sabine Wilke: Ist alles so geblieben, wie es früher war? Essays zu Literatur und Frauenpolitik im vereinten Deutschland, Würzburg 2000, hier v.a. S.27ff.

[7] Max Weber: Politik als Beruf [1919], In: Ders.: Gesammelte Politische Schriften, hrsg. v. Johannes Winckelmann, Tübingen 21958, S. 493-548.

[8] Karl Mannheim: Ideologie und Utopie [1929], Frankfurt/M. 81995.

[9] Theodor Geiger: Aufgaben und Stellung der Intelligenz in der Gesellschaft, Stuttgart 1949.

[10] Josef A. Schumpeter: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, Tübingen 61987.

[11] Helmut Schelsky: Die Arbeit tun die anderen. Klassenkampf und Priesterherrschaft der Intellektuellen, Opladen 21975. Schelsky geht in der Konsequenz seines Ansatzes soweit, dass der Begriff als analytische Kategorie für unbrauchbar hält.

[12] M. Rainer Lepsius: Kritik als Beruf (wie Anm.49, S. 270-285.

[13] Vgl.: Hans Manfred Bock: Transaktion, Transfer, Netzwerkbildung, Konzepte einer Sozialgeschichte der transnationalen Kulturbeziehungen, in: ders.: Französische Kultur im Berlin der Weimarer Republik. Kultureller Austausch und diplomatische Beziehungen, Tübingen 2005, S.11-36, hier S. 15ff.

[14] Dietz Bering: Die Intellektuellen. Geschichte eines Schimpfwortes, Stuttgart 1978.

[15] Christophe Charle: Vordenker der Moderne. Die Intellektuellen im 19. Jahrhundert, Frankfurt/M. 1996, S.10.

[16] Vgl.: Jaques Le Goff: Die Intellektuellen im Mittelalter, Stuttgart 4 2001.

[17] Vgl.: Thomas Hertfelder: Kritik und Mandat. Zur Einführung, in: ders., Gangolf Hübinger (Hg.): Kritik und Mandat. Intellektuelle in der deutschen Politik, Stuttgart [u.a.] 2000, 11-29, hier S. 23.

[18] Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchung zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, Frankfrut/M. 1990.

[19] Ders., Heinrich Heine (wie Anm.1),S. 132.

[20] Tony Judt: Die Geschichte Europas seit dem Zweiten Weltkrieg (=Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 548), Bonn 2006, S.18. Zum Begriff des „zweiten Dreißigjährigen Krieges“ vgl.: Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 4. Vom Beginn des Ersten Weltkrieges bis zur Gründunng der beiden deutschen Staaten 1914-1949, München 2003, S. XIX.

[21] Jürgen Kuczynski: Brief aus dem Westen Deutschlands, in: Peter Süß (Hg.): 1945. Befeiung und Zusammenbruch. Erinnerungen aus sechs Jahrzehnten, München 2005, S. 92.

[22] Peter Süß, Der lange Schatten des Krieges, in: Ebd., S.7.

[23] Judt: Die Geschichte Europas (wie Anm. 20), S. 32; Wolfgang Staudtes Film „Die Mörder sind unter uns“ von 1946, der erste deutsche Spielfilm nach dem Zweiten Weltkrieg, spielte in der Trümmerlandschaft Berlin und benutzte die „natürliche“ Umgebung als Kulisse.

[24] Süß, Der lange Schatten (wie Anm. 21), S.7-16.

[25] Karl Jaspers berichtet, nachdem sie gemeinsam 1948 in die Schweiz gegangen waren, von seiner Frau, die beim Anblick des Milchwagens – in Heidelberg noch Mangelware – fast zusammengebrochen wäre. Vgl.: Karl Jaspers: Von Heidelberg nach Basel, in: Süß, 1945 (wie Anm. 21), S. 61f.

[26] Zit. n.: Ursula A.J. Becher, Hungerjahre, in: Deutschland nach 1945. Ein Lesebuch zur deutschen Geschichte von 1945 bis zur Gegenwart, hrsg. v. Eckart Conze, Gabriele Metzler, München 3 2001, S. 33.

[27] Viele Intellektuelle haben sich in Form von Tagebüchern mit ihrer Zeit und Situation auseinandergesetzt. Vgl. bes.: Viktor Klemperers „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten“ oder Dolf Sternberger als eine eigene Rubrik in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Die Wandlung. Eine Monatsschrift“ von 1945 bis 1949.

[28] Erich Kästner: Notabene 45, in: Süss, 1945 (wie Anm. 21), S. 49.

[29] Werner Mittenzwei: Die Intellektuellen. Literatur und Politik in Ostdeutschland 1945-2000, Berlin 2003, S. 22.

[30] George Keenan dazu: „Dieses Establishment war mir in fast neurotischen Maße unangenehm. Zweimal seit Kriegsende hatte ich Deutschland besucht und beide Male schämte ich mich für meine Landsleute und ihre Angehörigen, die inmitten der Not, die sie umgab, ihr Luxusleben führten.“ Zit. n.: Wolfgang Schivelbusch: Vor dem Vorhang. Das geistige Berlin 1945-1948, Frankfurt/M. 1997, S. 48.

[31] Das wohl beste Beispiel ist die Umwerbung von Thomas Mann zwischen Johannes R. Becher und Walter von Molo. Vgl.: Schivelbusch, Vor dem Vorhang (wie Anm. 30), S. 135f; Mittenzwei, Die Intellektuellen (wie Anm. 29), S. 39ff, hier S. 40.

[32] Hans Mayer: Gelebte Literatur. Frankfurter Vorlesungen, Frankfurt 1987, S. 60.

[33] Das SBZ-Handbuch spricht von einem Frauenüberschuss, wo auf 100 männliche 146 weibliche Personen kamen. Vgl.: Gerda Weber: Demokratischer Frauenbund Deutschlands (DFD), in SBZ-Handbuch. Staatliche Verwaltungen, Parteien, gesellschaftliche Organisationen und ihre Führungskräfte in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands 1945.1949, hrsg. v. Martin Broszat u. Hermann Weber, 2. Aufl., München 1993, S. 691-713, hier S. 691.

[34] Annette Kuhn: Die stille Kulturrevolution der Frau. Versuch einer Deutung der Frauenöffentlichkeit (1945-1947), in: Gabriele Clemens (Hg.): Kulturpolitik im besetzten Deutschland 1945-1949, HMRG 10 (1994), S. 83-101, hier S. 84.

[35] Vgl.: Ebd., S. 86f.

[36] Hans Günter Hockerts: Metamorphosen des Wohlfahrtstaats, in: Zäsuren nach 1945. Essays zur Periodisierung der deutschen Nachkriegsgeschichte (=Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte), hrsg. v. Martin Broszat, München 1990, S. 35-46, hier S. 36.

[37] Zunächst hat aber eine mangelnde Sozialpolitik z.B. die Streichung von Unterhaltszahlungen für Witwen dazu geführt, dass Frauen den Haushalt finanzieren und versorgen mussten. Vgl.: Gunilla-Friederike Budde: „Tüchtige Traktoristinnen“ und „schicke Stenotypistinnen“. Frauenbilder in den deutschen Nachkriegsgesellschaften – Tendenzen der „Sowjetisierung“ und „Amerikanisierung“?, in: Konrad H. Jarausch, Hannes Siegrist (Hg.): Amerikanisierung und Sowjetisierung in Deutschland 1945-1970, Frankfurt a. M. [u.a] 1997, S.243-274, hier S. 248.

[38] Einen Kontrapunkt zur sozialen Diskontinuität als eine deutsche Eigentümlichkeit ist die Kontinuität der Verwaltung und scheinbare Unzerstörbarkeit über alle Zäsuren hinweg. Vgl.: Michael Ruck: Die Tradition der deutschen Verwaltung, in: Anselm Doering-Manteuffel: Strukturmerkmale der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts (=Schriften des Historischen Kollegs, Bd. 63), S. 95-108.

Details

Seiten
37
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640202058
ISBN (Buch)
9783640206896
Dateigröße
593 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v118046
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Historisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
Intellektuelle Kultur Politik Hauptseminar Zeitgeschichte Geschichte nach 1945 Die hundertjährige Erinnerung an 1848/49

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