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Urbanität und Städtebau

Entstehung und Verlust städtischer Lebenskultur im öffentlichen Raum

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 32 Seiten

Soziologie - Wohnen, Stadtsoziologie

Leseprobe

Inhalt

0 Einleitung

1 Begriffsklärung: Urbanität als Utopie

2 Stadtleben in der Antike: Urbanität als Geisteshaltung

3 „Urbanität“ in der europäischen Stadt des Mittelalters
3.1 Max Webers ökonomische Stadt - Definition
3.2 Emanzipation des Wirtschaftsbürgers: Der Bourgeois
3.3 Emanzipation des politischen Bürgers: Der Citoyen
3.4 Emanzipation des bürgerlichen Individuums: Polarität in öffentliches / privates Leben
3.4.1 Ausbildung von Öffentlichkeit
3.4.2 Unvollständige Integration
3.4.3 Repräsentation
3.4.4 Private Sphäre
3.4.5 Der Baublock

4 Urbanität in der industriellen Großstadt
4.1 Exkurs: Georg Simmel: „Die Großstädte und das Geistesleben“

5 Urbanität als Leitbild der Stadtplanung
5.1 Leitbild „Urbanität durch Dichte“
5.2 Leitbild: „Urbanität durch Verschönerung und Historisierung“
5.3 Leitbild: „Urbanität als Verkaufsargument“ – „Urban Design“: Die Stadt als Erlebnisraum

6 Zerstörung des öffentlichen Raumes und Verlust von Urbanität durch eine Zweckentfremdung der Stadt
6.1 Die Straße: Funktionsverlust als öffentlicher Raum

7 Voraussetzung für die Entstehung urbaner Situationen im öffentlichen Raum: Vier Konstruktionselemente des Stadtraums
7.1 Element 1: Mischung der Nutzungen
7.2 Element 2: Augen auf die Straße
7.3 Element 3: Umschlossener Straßenraum
7.4. Element 4: Das Gassenfenster

8 Die sozialstrukturelle Verschiebung der industriellen Gesellschaft
8.1 Arbeitnehmer auf Lebenszeit
8.2 Bedeutungswandel der „Arbeit“

9 Ausblick: Neue Urbanität: Die virtuelle Urbanität

10 Schlussbetrachtung - „Ist die moderne Gesellschaft noch „urban“?

Literatur

0 Einleitung

„Für die Straße. Sie ist nicht nur Durchgangs- und Verkehrsplatz. Die Invasion durch das Auto, der Druck der Autoindustrie bzw. des Lobby, haben den Wagen zum Schlüsselobjekt werden lassen; wir sind besessen vom Parkproblem, hinter Fragen des Verkehrs hat alles zurückzustehen; soziales und städtisches Leben werden von alldem zerstört. Der Tag rückt näher, da man die Rechte und die Macht des Autos wird einschränken müssen, was nicht ohne Mühe und Scherben abgehen wird. […]

Gegen die Straße. […] Wenn die Straße den Sinn hatte, die Begegnung zu ermöglichen, dann hat sie ihn verloren; sie musste ihn verlieren, indem sie sich im Rahmen einer notwendigen Reduktion darauf beschränkte, nur Durchgangsort zu sein, sich aufspaltend in Passagen für Fußgänger (gehetzt) und Autos (begünstigt). Die Straße hat sich zum organisierten Netz des Konsums durch/für den Konsum gewandelt.“ (LEVÈBRE 2003: 34 f.)

Die Straße hat ihren Sinn verloren, gehört jetzt dem Verkehr und ist kein Ort der Begegnung mehr. Was LEVÈBRE hier beschreibt, ist ein Aspekt einer verloren gegangen „Urbanität“. Der Tübinger Architekt Andreas FELDTKELLER beschreibt die Straße als elementaren Teil des öffentlichen Raumes, der Voraussetzung für ein „urbanes Leben“ darstellt. Die Straße hat ihre ehemalige „Bestimmung der Begegnung“ verloren, wurde „zweckentfremdet“.

Doch nicht nur die Straße hat nach FELDTKELLER ihren ursprünglichen Zweck eingebüsst. Die Stadt als solche, als Ganzes hat, so FELDKELLER, ihre für die Gesellschaft so wichtige Bedeutung verloren. So nennt er denn auch seine städtebauliche Abhandlung über den Verlust von „Urbanität“: „Die zweckentfremdete Stadt“.[1] In dieser sei der öffentliche Raum zerstört und damit auch die städtebaulichen Voraussetzungen für „Urbanität“.

Alltägliche Staus in den Innenstädten, zugeparkte Straßen allerorten und die aktuelle Diskussion um das „FEINSTAUBGESPENST“,[2] das im wahrsten Sinne des Wortes immens viel „Staub aufgewirbelt“ hat, bestätigen die momentane Zweckbestimmung der Straße. Sie ist dazu da, den motorisierten Verkehr weiterzuleiten; ist aber immer weniger in der Lage dazu. Die Städte(r) „ersticken“ am Verkehr.

Das wäre Grund genug für FELDTKELLER, die aktuelle Diskussion um Russfilter, City – Maut und gesundheitliche Risiken durch Abgase um ein weiteres Thema zu bereichern. Die Diskussion, dass Straßen einmal den städtischen Menschen „gehörte“ und eine ur- bane Lebensweise ermöglichte, was aber in den Medien nicht zu Wort kommt. Die Diskussion, dass ein bis in die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts prägender mono – funktionalistischer Städtebau eine massive Erhöhung des Verkehrsaufkommens zu ver- antworten habe, städtebauliche Fehlentwicklungen den Verlust von Urbanität herbei- führte und dies so weitreichende Folgen habe, dass die Gesellschaft sich in einem Auflösungszustand befinde. Deshalb solle man sich wieder mir der Schaffung von öffent- lichem Raum und Urbanität beschäftigen.

In der vorliegenden Arbeit soll nachgegangen werden, wie Urbanität entstand, was urbanes Leben bedeutet und wie Urbanität im Laufe der gesellschaftlichen und vor allem städtebaulichen Entwicklungen verloren gegangen ist.

Es soll zunächst geklärt werden, welche Inhalte und Bedeutungen dem Begriff „Urba- nität“ zugeschrieben wurden und werden. In Kapitel 1 soll mit FELDTKELLERS „Blick ins Wörterbuch“ ein Abriss über die Inhalte und Bedeutungen gegeben werden. Er bezeichnet den Begriff Urbanität dabei als Utopie. In den folgenden drei Kapiteln werde ich versuchen, den Begriff Urbanität historisch zu fassen. Was bedeutete der Begriff Urbanität in der Antike – Kapitel 2 - in der europäischen Stadt des Mittelalters – Kapitel 3 - und schließlich in der industriellen Stadt – Kapitel 4? In Kapitel 3 soll besonders zum Ausdruck kommen, dass die in dieser Zeit entstandene Form von Urbanität Emanzipationsleistungen der Bürger hervorbrachte, die maßgeblich für Ent- wicklung und Fortschritt der Gesellschaft im Allgemeinen war.

Ausgegangen wird dabei von Max WEBERS Stadt-Definition, die Hans Paul BAHRDT aufnimmt und weiterdenkt. In Kapitel 4 soll Georg SIMMEL, der als einer der ersten Theorien zur Stadtsoziologie beisteuerte, mit seinen Beobachtungen zum Seelenleben des Städters in der industriellen Stadt zu Wort kommen. Kapitel 5 soll einen kurzen Überblick über „Urbanität als Leitbild“ der Stadtplanung in Deutschland ab den 50/60 er Jahren geben. Kapitel 6 und 7 werden sich mit Andreas FELDTKELLERS Theorien und Argumenten über den Verlust von Urbanität in der modernen Großstadt auseinander- setzen, die er an Hand vier städtebaulicher Elemente wieder beleben will.

Kapitel 8 soll einleitend sozialstrukturelle Verschiebungen aufzeigen, die schließlich über einen Ausblick in Kapitel 9, über die virtuelle Urbanität im Computerzeitalter, in Kapitel 10 zur Frage führen, ob die heutige Gesellschaft ihrem Wesen nach, noch urban sei. Dies soll Schlussbemerkung und auch eine Kritik zu FELDTKELLER sein.

1 Begriffsklärung: Urbanität als Utopie

Blick ins Wörterbuch:

Andreas FELDTKELLER schreibt, dass es den Begriff „Urbanität“ seit dem 18. Jahrhundert im deutschen Wortschatz gibt. Urbanität bezeichne bestimmte Verhaltensweisen wie kulturelle Aufgeschlossenheit oder ungezwungener, verbindlicher und aufgeklärter Um- gang der Menschen untereinander.

Aufgeschlossenheit und Toleranz gegenüber dem anderen im öffentlichen Raum sind weitere Attribute. Im Wesen der Urbanität werden alle im gesellschaftlichen Raum als Gleiche akzeptiert. Es geht um einen angemessenen distanzierten Umgang im Benehmen wie in der Sprache der städtischen Menschen untereinander. Die städtischen Menschen sind die sich fremden Menschen. Es geht also um den Umgang sich fremder Menschen untereinander.

Element des Urbanen ist eine Vielfalt: soziale Vielfalt, ethnische Vielfalt.

Vielfalt der Angebote, Vielfalt von Traditionen, Anschauungen, Religionen und Philo- sophien.

Nach FELDTKELLER geht gerade die Urbanität der Aufklärung noch weiter. Ein grund- sätzlicher Aspekt sei hier eine praktizierte Brüderlichkeit unter Fremden. Solidarität als Anerkennung jedes Einzelnen, sei er noch so verschieden in der Kultur und in seinen Anschauungen.

Urbanität entsteht in der Stadt, wo es eine kulturelle Dichte und öffentlichen Raum gibt. Räumlichkeit und Vielfalt sind Voraussetzungen für die urbane Situation. Die urbane Situation erschafft ein Beziehungsgefüge, einen Austausch, eine Annäherung und Nähe unterschiedlicher Dinge, Anschauungen, Existenzen, Individuen, Kulturen. Der Gestalt, dass sie physisch und räumlich nah sind und sich doch ihre Unterschiedlichkeit be- wahren.

Für FELDTKELLER ist Urbanität eine Idee, die der Gesellschaft eingeschrieben ist.

Dem Wesen nach war, ist und bleibt Urbanität also eine Utopie.

Das ist das, was FELDTKELLER diesem Begriff grundsätzlich zuschreibt. Egal wie, in wel- chem Zusammenhang der Begriff benutzt wird. In erster Linie solle Urbanität so verstanden werden: Unveränderlich - Zeitlos

2 Stadtleben in der Antike: Urbanität als Geisteshaltung

„Wir lieben das Schöne und bleiben schlicht, wir lieben den Geist und werden nicht schlaff. Reichtum dient bei uns dem Augenblick der Tat, nicht der Großsprecherei, und seine Armut einzugestehen ist nie verächtlich, - verächtlicher, sie nicht zu überwinden. Wir vereinigen in uns die Sorge um unser Haus und um unsre Stadt, und den verschiedenen Tätigkeiten zugewandt, ist doch auch in staatlichen Dingen keiner ohne Urteil. Denn wer daran keinen Teil nimmt, heißt bei uns nicht ein stiller Bürger, sondern ein schlechter...“ (Edgar SALIN 1960: 10)

Edgar SALIN zitiert diesen Ausschnitt aus einer Rede des Perikles, in der dieser die Tugenden seines Volkes, den Athenern, preist. Perikles benutze zwar nicht den Begriff „Urbanität“, aber die Tugenden und Eigenschaften, die er den Stadtbürgern zuschreibe, beschreibe, nach SALIN, genau die Inhalte des Begriffes „Urbanität“. „Tätiger Bürgersinn, Liebe zum Schönen, ohne sich zu versteigern, Liebe zum Geistigen, ohne zu verweichlichen.“ (ebd.)

Im Stadtleben der Antike steht Urbanität für eine Geisteshaltung, eine bestimmte Gesinnung der Stadtbürger. Voraussetzung für die Herausbildung einer solchen Stadt- kultur war eine Befreiung von den Abhängigkeiten und den Zwängen der Natur. Schutz vor Wind und Wetter, gepflasterte Straßen, Heizung etc. und v. a. Befreiung aus der Selbstversorgung durch agrarische Produktion. Städte müssen von außen versorgt werden, d. h. die agrarische ländliche Produktion muss einen Überschuss produzieren. Städter war in der Antike zunächst der, der nicht mehr in die agrarische Produktion ein- gebunden war. Er war generell von der Arbeit befreit.

Eine stadtsässige Aristokratie unterwarf sich das umliegende Land und machte es abgabenpflichtig. Darüber hinaus wurde ein Heer von Sklaven gehalten. Der urbane Städter sollte sich dem Leben der Politik und der geistigen und körperlichen Verfassung widmen:

„Urbanität ist Bildung, ist Wohlgebildetheit an Leib und Seele und Geist, aber sie ist auch fruchtbare Mitwirkung des Menschen als Polis-Wesen, als politischem Wesen in seinem ihm und nur ihm eigenen politischen Raum.“ (SALIN 1960: 13)

Die Scheidung zwischen Stadt und Land in der Antike, ist letztlich die von Muße und Arbeit.

3 „Urbanität“ in der europäischen Stadt des Mittelalters

Will man untersuchen, welche Bedeutung dem Leitbild „Urbanität“ für die heutige Stadt zukommt und welche Inhalte ihm von Städtebauern und Soziologen im Hinblick auf die Entwicklung und Sanierung der Städte zugeschrieben werden bzw. was dieser Begriff heute noch zu leisten vermag, um städtisches Leben zu beschreiben, scheint es nach Hans - Paul BAHRDT historisch sinnvoll, sich die Stadt des Mittelalters als Ausgangspunkt der Untersuchung vorzunehmen.[3]

Max WEBER kommt in seiner Abhandlung „Die nichtlegitime Herrschaft (Typologie der Städte)“[4] zu einer Definition von Stadt, deren Kriterien ebenfalls grundlegend für die Entstehung und Ausformung von Urbanität sind.[5]

WEBER arbeitet zu Beginn seiner Abhandlung die für ihn wichtigsten Gemeinsamkeiten verschiedener Stadt - Definitionen heraus, um zu einer eigenen Definition zu gelangen.

3.1 Max Webers ökonomische Stadt - Definition

Zum einen habe Stadt ein quantitatives Merkmal, es handle sich um eine „g r o ß e Ortschaft“, in der viele Häuser dicht zusammen liegen, „welche eine so umfangreiche zusammenhängende Ansiedlung darstellen, dass die sonst dem Nachbarverband spezifische, persönliche gegenseitige Bekanntschaft der Einwohner miteinander f e h l t.“ Des Weiteren betont WEBER den „R e c h t s charakter“ der Stadt. (WEBER 1980: 727)

Ökonomisch gesehen wäre eine Stadt „eine Ansiedlung, deren Insassen zum überwie- genden Teil von dem Ertrag nicht landwirtschaftlichen, sondern gewerblichen oder händ- lerischen Erwerbs leben.“ (ebd.)

Doch diese Merkmale reichen nach WEBER noch nicht aus, um eine Ansiedlung als Stadt zu bezeichnen. Weiteres Merkmal sei eine Vielseitigkeit der gewerblichen Betriebe und als letztes und wichtigstes Merkmal nennt er „das Bestehen eines nicht nur gelegentlichen, sondern regelmäßigen G ü t e r a u s t a u s c h e s am Ort der Siedlung als ein w e s e n t l i c h e r Bestandteil des Erwerbs und der Bedarfsdeckung der Siedler“, also das Bestehen: „eines Marktes“. (ebd.: 728)

Doch der Markt macht eine Ansiedlung noch nicht zur Stadt. Eine Siedlung wird mit Max WEBER zum Marktort und damit zur Stadt im ökonomischen Sinne:

„ … wo die ortsansässige Bevölkerung einen ökonomisch wesentlichen Teil ihres Alltagsbe- darfs auf dem örtlichen Markt befriedigt, und zwar zu einem wesentlichen Teil durch Erzeugnisse, welche die ortsansässige und die Bevölkerung des nächsten Umlandes für den Absatz auf dem Markt erzeugt oder sonst erworben hat“ (ebd.: 728)

Wesentliches Kennzeichen der Stadt ist also der Markt. Entscheidend hierbei ist, dass dort die alltäglichen Bedürfnisse gedeckt werden, dass sich der wirtschaftliche Alltag auf dem Markt der Ansiedlung abspielt. Die gewerbliche Produktion der Ansiedlung muss stark auf den ortseigenen Markt bezogen sein. Das Schaffen der Bewohner zielt auf den Absatz auf dem Markt in ihrer Stadt. Handeln, Anbieten und der Tausch von Waren wird zur alltäglichen Begebenheit.

Stadtleben in der Antike bedeutete Emanzipation vom Zwang, sich täglich mit einer unkultivierten Natur ums eigene Leben auseinander setzen zu müssen. Mit der Ent- stehung des oben beschriebenen Marktes im Mittelalter entwickelte sich ein urbanes Stadtleben, welches Emanzipationsleistungen ermöglichte, die die Entwicklung der modernen Gesellschaft einleiteten.

Ausgehend von WEBERS ökonomischer Stadt–Definition - für Hans–Paul BAHRDT ein „fruchtbarer Ansatz zum Weiterdenken“ (BAHRDT 1969: 59) – erarbeitet BAHRDT drei ent- scheidende Emanzipationsleistungen, die den Städter zum „Stadt-Bürger“ machten.

3.2 Emanzipation des Wirtschaftsbürgers: Der Bourgeois

In der oben definierten Stadt des Mittelalters, in der wirtschaftliche Beziehungen über Tauschvorgänge in der „Stadt als Marktort“ hergestellt werden, emanzipiert sich der Städter als ökonomisch weitgehend selbstständiger Marktteilnehmer zum Wirtschafts- bürger – zum Bourgeois. Die ökonomische Entwicklung in der mitteleuropäischen Stadt bringt einen sozialen Wandel mit sich, in dem nicht mehr die Zugehörigkeit zum erblichen Adel oder zum geistlichen Stand darüber entscheidet, wer Bürger ist oder nicht. Maßgeblich wird jetzt die Mitgliedschaft in einer Zunft und damit in einem öko- nomisch fundierten Verband.

Der wirtschaftlichen Emanzipation folgte eine politische.

3.3 Emanzipation des politischen Bürgers: Der Citoyen

Bürgerrecht durch Mitgliedschaft in einer Zunft kann als eine Frühform demokratischer Selbstverwaltung angesehen werden.

Blutsverwandtschaft und Standeszugehörigkeit verlieren an politischer Relevanz. Ver- bandszugehörigkeit ist jetzt ebenfalls für das politische Bürgerrecht entscheidend. Politi- sche Macht ist laut HÄUSSERMANN nicht mehr an (Gottgegebene) Standeszugehörigkeit gebunden, sondern an die

„prinzipiell erwerbbaren ökonomischen Merkmale Beruf und Eigentum. In der Stadt des europäischen Mittelalters wird das ökonomische und politische System abgelöst durch kapitalistische Produktions- und demokratische Herrschaftsformen.“ (HÄUSSERMANN 1998: 264)[6]

Max WEBER bezeichnet die europäische Stadt des Mittelalters ökonomisch und politisch „als eine Keimzelle der modernen Gesellschaft.“ (zitiert nach HÄUSSERMANN 1998: 284) Autonomie, beruhend auf Selbstverwaltung der Bürgerschaft, eigenes Recht und militärische Macht, ist gemäß WEBER politisches Merkmal der europäischen Stadt.

3.4 Emanzipation des bürgerlichen Individuums: Polarität in öffentliches / privates Leben

3.4.1 Ausbildung von Öffentlichkeit

Der Wirtschaftsbürger bzw. Marktteilnehmer tritt nun nicht mehr als Angehöriger einer Sippe oder eines Stammes auf, sondern als Mitglied einer Zunft, eines Verbandes. Entscheidend hierbei ist die Teilnahme am Marktgeschehen als Einzelner, als Individuum. Dieses bewegt sich in alltäglicher Weise unter anderen Individuen, die sich großteils untereinander fremd sind. Der Markt als offenes Sozialgefüge erlaubt den Individuen ei- ne weitgehende Freiheit in ihrem Verhalten nach bestimmten Regeln. Jeder kann als Verkäufer oder Käufer auftreten, es bleibt jedem selbst überlassen, zu welchem Händler er Kontakt aufnimmt. Es wird gehandelt und gefeilscht und der Tausch wird erst dann vollzogen, wenn unter den jeweils Handelnden eine Einigung erreicht ist.

Es entstehen also vielfältige Kontakte zwischen einander sich fremden Individuen. Diese bleiben aber überwiegend, bis zu einem gewissen Grad oberflächlich. Die Kontakte sind spezialisiert und zu vielfältig und zu verschieden, um intimer zu werden. Dieses Verhalten in der Öffentlichkeit stellt nach BAHRDT etwas ganz neues dar:

„Beliebige, flüchtige, dennoch nach strengen Regeln verlaufende soziale Kontakte auf Märkten zwischen beinahe einander unbekannten Individuen bei gleichzeitig möglicher Ausklammerung der jeweiligen Sozialgefüge, denen diese Individuen angehören, sind nichts Selbstverständliches. Der Markt ist“, somit „die früheste Form einer Öffentlichkeit im soziologischen Sinn und nimmt in geschlossenen Sozialgefügen, die eine Aufteilung der sozialen Welt in eine öffentliche und eine private Sphäre sonst nicht kennen, eine Sonderstellung ein.“ (BAHRDT 1969: 60)

3.4.2 Unvollständige Integration

Das oben beschriebene offene System des Marktes bringt also eine besondere Art der Öffentlichkeit hervor. Die Teilnehmer des Marktes nehmen sich untereinander als Indivi- duen wahr. Sie sind am Ort des Geschehens als sich weitgehend Fremde bis zu einem bestimmten Grade gleichgestellt.

[...]


[1] Feldtkeller, Andreas (1994): Die zweckentfremdete Stadt. Wider die Zerstörung des öffentlichen Raums. Frankfurt/M, New York.

[2] „DER SPIEGEL“ (2005) Nr. 14 S. 78 f.

[3] BAHRDT, Hans-Paul (1969): Die moderne Großstadt. Soziologische Überlegungen zum Städtebau. (Hrsg. Von Ulfert HERLYN). Opladen

[4] WEBER, Max (1980): Wirtschaft und Gesellschaft: Grundriss der verstehenden Soziologie. Tübingen 5. Aufl.

[5] Definitionen von „Stadt“ gibt es vielerlei. Auch nach Max Weber sind der Entstehung von Stadt immer wieder verschiedene Kriterien zugrunde gelegt worden. Ich folge hier Hans – Paul BAHRDT, der mit Hilfe von WEBERS ökonomischer Definition Entstehung von Öffentlichkeit plausibel entwickelt.

[6] HÄUßERMANN, Hartmut (1998): Großstadt: Soziologische Stichworte. Opladen

Details

Seiten
32
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640202003
ISBN (Buch)
9783640206858
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v118032
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Institut für Soziologie
Note
1,7
Schlagworte
Urbanität Städtebau Hauptseminar Stadt Zivilisationsprozess

Autor

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