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Arbeitsmigration und Politik von 1871-1933

Seminararbeit 2008 17 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II Vom Auswanderungs- zum „Arbeitseinfuhrland“

III Wanderungsbewegungen nach dem Ersten Weltkrieg

IV Arbeitsmarktpolitik und Migration in der Weimarer republik

V. Abschließende Gedanken

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Würde man gegenwärtig kontrovers diskutierte Stichwörter nach ihrer gesellschafts-politischen Resonanz hierarchisch ordnen, stünde „Migration“ in der Rangliste wohl sehr weit oben. Der interessierte Rezipient kann aus den politischen Ressorts der Berichterstattung regelmäßig wertgeladene Begriffe wie „Greencard“, „Kopftuchdebatte“, „Multiminoritätengesellschaft“ oder „Braindrain“ entnehmen und auch hinter trivialeren Ausdrücken wie „demographischer Wandel“, „Gastarbeiter“, „Spargelernte“ oder „Sprachtest“ migrationspolitisch hitzige Debatten erkennen.

Zuwanderung und Abwanderung bezeichnen die Dichotomie von Migration, genauer gesagt von internationalen Wanderungsphänomenen, von „Außenwanderungen“ über die Landesgrenzen hinweg, wie es Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) nennt. Anhand der Meldepflicht (Wohnsitznahme) innerhalb der Bundesrepublik lassen sich Fluktuationen in der Zahl der Zu- und Fortzüge registrieren, die seit 1950 zu einer fallbezogenen Wanderungsstatistik bilanziert worden sind. Das gegenwärtige Gesamtwanderungssaldo für die Bundesrepublik (Deutsche und Ausländer) verringerte sich die letzten Jahre deutlich, verzeichnete aber in den Jahren von 1991 bis 2006 einen Überschuss von insgesamt 4,2 Millionen Menschen. Der Wanderungsgewinn in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts lag bei rund neun Millionen.[1] Deutschland ist damit eindeutig ein Einwanderungsland, das zuletzt durch den Balkankonflikt der 1990er Jahre und durch den Fall des „Eisernen Vorhangs“ mit starken Zuwanderungen konfrontiert wurde, die sich auf einem niedrigeren Niveau stabilisierten. Das Zuzugsniveau hat sich von 1991 bis 2006 von 1,2 Millionen Menschen auf rund 660.00 fast halbiert, das Wanderungssaldo für 2006 beträgt nun plus 22.000 Menschen im Gegensatz zu ehemals über plus 602.000. Immigranten machten 2005 rund 12,3 Prozent der Gesamtbevölkerung der Bundesrepublik aus. Spricht man von Menschen mit Migrationshintergrund, sind es 15 Millionen oder 19 Prozent der Bevölkerung.[2] Kontroversen um Migration bilden sich rund um die bedeutende ausländische Zuwanderung, 2006 betrug sie 84,5 Prozent, häufig in Form von ideologisch eingefärbten Debatten über Asyl-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik inklusive ethischen und religiösen Streitpotentialen. Oftmals berühren diese Debatten mehrere Politikfelder, beispielsweise wenn zur Spargelzeit Mitte April saisonale Arbeitsmigrationen, vorzugsweise polnischer Erntehelfer, kommentiert oder Sozialtransfers an Asylberechtigte argwöhnisch beobachtet werden. Zuletzt sorgte das neue Zuwanderungsgesetz aus dem Jahr 2005, das das deutsche Ausländerrecht justierte, für Aufregung. Gegenwärtig erregen Kommentare zu einer Verschärfung des Jugendstrafrechts im Zusammenhang mit so genannten kriminellen jugendlichen Intensivtätern mit Migrationshintergrund die Gemüter. Wie man auch immer die Migrationsdebatten bewerten mag, sowohl reaktionären als auch liberalen Argumentationen mangelt es nicht selten an einer ausreichenden Ausdifferenzierung der Wanderungsthematik. Politische Debatten, die Migration berühren, werden leider oft einseitig, polarisierend und nicht aufgeklärt geführt und für Wahlkampfzwecke missbraucht, wie die bevorstehende Landtagswahl in Hessen aufs Neue verdeutlicht.[3] Erst recht gewinnt die migrationspolitische Kontroverse an Bedeutung, wenn man sich die demographischen Entwicklungen von Industrienationen, Schwellen- und Entwicklungsländern vergegenwärtigt. Der Abschreckung afrikanischer Wanderungsströme dienende diskussionswürdige Werbespot, der in der Schweiz ausgestrahlt wurde, um im Rahmen einer so genannten Sensibilisierungskampagne der Internationalen Organisation für Migration (IOM) auf die Gefahren von einer Flucht nach Europa hinzuweisen, verdeutlicht den Drittländer-Diskurs auf europäischer Ebene und scheint eines klar zu machen: Die Migrationsthematik besitzt eine mehrdimensionale politische, soziale und kulturelle Sprengkraft, die vor allem an die Industrienationen der gegenwärtigen Welt Fragen nach Ethik, Gerechtigkeit, Freiheit und Wohlstand stellt. Nur durch eine rigorose Aufklärungsarbeit und Wahrheitssuche können sowohl Ressentiments, bis hin zur Xenophobie, als auch multikulturelle Überzeichnungen entschärft werden.

Der Historiker und Migrationsexperte Klaus J. Bade spricht im Zusammenhang mit der gegenwärtigen deutschen Migrationspolitik von einem „verstärkt in den deutschen Köpfen verbreiteten negativen Migrationsbegriff, der Zuwanderung als Bedrohung von außen und als Ursache sozialer Probleme im Innern begreift“[4]. Diese negative Konnotierung rühre unter anderem von spektakulärer Berichterstattung, stimmungsgeladener Politikgestaltung und unausgewogener Wissenschaftlichkeit her. Im Hinblick auf fortwährende Brennpunkte am Arbeitsmarkt und in der Sozialpolitik können historische Perspektiven und Standpunkte aktuelle Debatten über Migration und Politik ungemein bereichern; ja sie sind sogar notwendig, um uns Vergangenheitsdeutung und Gegenwartsverständnis in ihrer Wechselseitigkeit bewusst zu machen, damit wir Erwartungen an die Zukunft stellen dürfen. Doch können historische Entwicklungslinien von Überfremdungsängsten und Migrationspolitik innerhalb der aktuellen Debatte überhaupt angedeutet werden? Auf den folgenden Seiten soll für die Zeit zwischen 1871 und 1933 transnationale Arbeitsmigration und Politik untersucht und als Brückenkopf zum Verständnis gegenwärtiger Migrationspolitik kommentiert werden.

II. Vom Auswanderungs- zum „Arbeitseinfuhrland“

Einwanderung nach Deutschland kann weder räumlich noch zeitlich allumfassend definiert werden, doch sobald Immigrationsmotive fassbarer werden, lassen sich einzelnen politischen Rahmenbedingungen einzelne Wanderungszyklen zuordnen. Das scheint für die Völkerwanderungszeit genauso zu gelten, wie für die Exulanten der Frühen Neuzeit bis hin zur nachkriegszeitlichen und gegenwärtigen Asyl- und Arbeitsmigration in ganz Europa. Erforscht man Migrationsphänomene, die in der Weimarer Republik an die Oberfläche traten, dient einer ersten Orientierung eine erweiterte zeitliche Perspektive. So lassen sich im kaiserzeitlichen Deutschland soziale, politische und kulturelle Elemente rekonstruieren, die der Weimarer Zeit zum einen als tragendes Gerüst dienten und zum anderen durch neue Stützen ersetzt wurden. Durch die Zäsur des Ersten Weltkrieges lassen sich des Weiteren Konturen von Kontinuitäten und Diskontinuitäten, die die Arbeitsmigration zwischen 1871 und 1933 prägten, deutlicher erkennen.

Die langfristige Prägung von Migration und Politik vom Kaiserreich bis zur Weimarer Republik bestimmte zweifelsohne das von der Französischen Revolution bis zu Beginn des Ersten Weltkrieges reichende „lange 19. Jahrhundert“. In dieser Epoche wurden durch Industrialisierung und nationalistische Staatsbildung Wege in die Moderne geebnet, deren Ränder unter anderem durch eine überaus gesteigerte Mobilität in Folge eines demographischen Wandels markiert wurden.[5] Kurzfristig legten das Ende der deutschen Massenemigration nach Amerika in den 1890er Jahren, die daraufhin einsetzende Transitwanderung ost- und südosteuropäischer Massen, die kaiserzeitliche Arbeitsmigration und die Folgen des Ersten Weltkrieges Grundsteine für die Migrationspolitik nach dem Ersten Weltkrieg.

Für rund fünf Millionen Menschen, insbesondere aus Russland und Österreich-Ungarn, stellten die deutschen Schifffahrtsgesellschaften Hapag und Lloyd in Hamburg und Bremen im 19. Jahrhundert Verbindungen nach Amerika her. Für anwerbende Agenturen, die die Beförderung organisierten und verwalteten, bedeutete nach dem Abebben deutscher Interessenten die transatlantische Emigration von Südost- und Osteuropäern ein lukratives Geschäft.[6] Den liberalen wirtschaftlichen Interessen standen restriktive Mechanismen in Form von Grenzkontroll- und Registrierstationen entgegen, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts, auf Druck der preußischen Behörden, nach amerikanischem Vorbild systematisch eingerichtet worden waren und Emigrationswillige vor erhebliche Transitprobleme stellen konnten. Neben Krankheiten und illegalen Einwanderern fürchtete Preußen-Deutschland Belastungen der staatlichen Fürsorge durch sozial schwache und arme Menschen. Im Zusammenhang mit der Transitwanderung wurden in politischen und öffentlichen Debatten allerdings auch antipolnische und antijüdische Vorbehalte kommuniziert, die aufgrund saisonaler Arbeitsmigration von Hunderttausenden, von fremdenfeindlichen Agitationen beständig genährt wurden.[7] In den östlichen Gebieten des Reichs war nach der transatlantischen Massenauswanderung und der starken Abwanderung in die industrialisierten Städte des Westens (Urbanisierung) ein akuter Bedarf an Arbeitskräften zu Tage getreten. Diese „Leutenot“ in der Landwirtschaft, die sich vor allem in den boomenden Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg bemerkbar machte, betraf aber auch zunehmend die Industrie selbst, die eine „Arbeiternot“ vermeldete. Abhilfe konnte eine Anwerbung von ausländischen Wanderarbeitern schaffen. Die Beschäftigung von ausländischen Arbeitskräften speiste sich vor allem aus galizischen und kongress-polnischen wirtschaftlichen Migranten, die auf den Gütern Preußens und Ostdeutschlands vor Hungersnot und Bevölkerungsdruck Zuflucht suchten.[8]

[...]


[1] Vgl.: Bade/ Oltmer (Hrsg.), Normalfall Migration, S. 97.

[2] Vgl.: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), Migrationsbericht 2006, S. 10-12. [URL/0].

[3] Pünktlich zum Wahlkampf sorgen Debatten und Wahlwerbespots für Aufsehen. Vgl.: [URL/2, 3 und 4].

[4] Das Parlament, Nr. 03 2007, 15.01.2007. Interview: Wir bekommen nur die zweite Garnitur. [URL/1].

[5] Ein geographisch-deskriptiver Ansatz bereichert das Bedingungsgefüge von Massenwanderungen. Ähnlich dem demographischen Übergang lassen sich in der Bevölkerungsgeographie auch Transformationen in der Mobilität von Menschen beschreiben und in ein Ablaufschema der räumlichen Mobilität gliedern. Dabei sollen sozioökonomische Entwicklungsstände räumliches Mobilitätsverhalten bedingen. Vgl.: Heineberg, Einführung, S. 82.

[6] Vgl.: Bade (Hrsg.), Deutsche im Ausland, S. 295-300.

[7] Vgl.: Bade (Hrsg.) , Deutsche im Ausland, S. 301f.

[8] Vgl.: Davies, Im Herzen Europas, S. 231-238.

Details

Seiten
17
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640201976
ISBN (Buch)
9783640206834
Dateigröße
414 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v118022
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Historisches Seminar Heidelberg
Note
1,0
Schlagworte
Arbeitsmigration Politik Seminar Einwanderung Nichteinwanderungsland

Autor

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Titel: Arbeitsmigration und Politik von 1871-1933