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Das Berliner Intelligenz-Struktur-Modell

Hausarbeit 2007 22 Seiten

Psychologie - Persönlichkeitspsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Grundlagen

3 Entwicklung

4 Das theoretische Modell
4.1 Beschreibung
4.2 Geltungsbereiche

5 Der BIS-Test

6 Kritische Betrachtung
6.1 Modell
6.2 Test

7 Fazit

8 Literaturverzeichnis

9 Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

Die Untersuchung der menschlichen Intelligenz ist eines der traditionsreichsten Themenfelder der empirischen Psychologie.[1] Trotz sehr langer Forschung gibt es viele unterschiedliche Auffassungen darüber, was Intelligenz ist. Anders als etwa bei der Größe ist es nicht möglich ein einzelnes Merkmal beim Menschen zu betrachten und daraufhin seine Intelligenz zu bestimmen. Stattdessen muss man aus mehreren Verhaltensmerkmalen schließen, etwa wie gut jemand neue Situationen bewältigt oder Probleme löst. Die Komplexität des Gegenstandes stellt die Intelligenzforschung vor das Problem der Wahl der geeigneten Indikatoren. So haben sich verschiedene Indikatoren, Definitionen und Meßmethoden herausgebildet. Auch Theorien und Modelle die eine Vorstellung von Intelligenz aufzeigen sind entwickelt worden. Inzwischen gibt es unzählige Intelligenzmodelle, die nebeneinander existieren.

Daher ist es besonders wichtig nicht nur die Kernannahmen zu kennen, sondern auch dessen theoretische Grundlagen und empirische Entwicklung zu betrachten.

Das Modell, welches das Thema dieser Hausarbeit bildet, wurde 1982 von Adolf Otto Jäger in Berlin entwickelt und heißt folgerichtig „Berliner Intelligenzstrukturmodell“. Ich persönlich finde dieses Modell besonders interessant, weil es in der Literatur oft erwähnt wird und als ein in Deutschland entwickeltes Modell Einfluss auf die internationale Forschung hat.

Im Folgenden werde ich kurz meine Gliederung erläutern: Im anschließenden Kapitel „Grundlagen“ möchte ich in einem kurzen Abriss der Forschungsentwicklung die wichtigsten Theorien der Forschung aufführen, die zur Entstehung des Modells beigetragen haben. Danach erläutere ich das Konzept der Intelligenz als Konstrukt, dem das Modell zugrunde liegt. Wie das Modell unter diesen Grundüberlegungen und der Einbeziehung des Forschungsstandes entwickelt wurde, möchte ich im dritten Kapitel erklären. Das vierte Kapitel thematisiert das theoretische Modell, das aufgrund der Erkenntnisse im Kapitel 2 und 3 formuliert wurde. Dabei unterscheide ich zwischen der Beschreibung des Modells und seiner Geltungsbereiche, für die es nach jetzigem Erkenntnisstand gilt. Seine Anwendung findet das Modell im Berliner Intelligenzstruktur Test, den ich im fünften Kapitel beschreibe. Dazu werde ich auch die Entwicklung des Tests beschreiben, allerdings weniger ausführlich als für das Modell. Nach einer kurzen Beschreibung des Testaufbaus gehe ich auf die Wechselwirkung von Test und Modell ein. Im Kapitel 6 widme ich Modell und Test einer kritischen Betrachtung. Dabei stehen für das Modell die Einordnung in den Forschungsstand der Strukturmodelle und für den Test die Gütekriterien, sowie der Vergleich mit anderen Intelligenztests im Vordergrund. Das Fazit fasst noch einmal die wichtigsten Erkenntnisse zusammen und gibt Perspektiven der Weiterentwicklung für Test und Modell.

2 Grundlagen

Was Intelligenz ist, ist in der Alltagssprache nicht klar umrissen. Ebenso wenig konnte sich auf Fachebene eine einheitliche Definition durchsetzen.[2] Obwohl Intelligenz die am besten untersuchte Persönlichkeitseigenschaft überhaupt ist.[3] Die Gründe für die Uneinheitlichkeit liegen also wohl eher in der Beschaffenheit der Intelligenz als schwer beobachtbare Eigenschaft und den Problemen sie zu messen, denn in fehlenden Untersuchungen. Der Komplexität des Untersuchungsgegenstandes entspringt ein langer Diskurs, von dem ich nur einige Entwicklungen kurz aufzeigen möchte. Dabei gibt es mehrere Möglichkeiten, sich der Intelligenz wissenschaftlich zu nähern. Auf der Ebene der Forschungsmethoden, die sehr eng mit den Forschungsinhalten zusammenhängt, kann man zwischen Struktur- und Prozessforschung unterscheiden. Während bei der Strukturforschung vor allem die Anzahl richtiger Lösungen in Intelligenzaufgaben gemessen wird, werden in der Prozessforschung meist Reaktionszeiten untersucht die Rückschlüsse auf kognitive Prozesse erlauben.[4] Wie der Name schon sagt, ist das Berliner Intelligenzstrukturmodell in der Strukturforschung angesiedelt, weswegen ich auch nur auf diese Bezug nehme. In diesem Forschungszweig ist es üblich Modelle zu entwickeln, indem die Leistungen einer Personenstichprobe in unterschiedlichen Testaufgaben zur Intelligenz auf ihre Struktur analysiert werden.[5]

Ein sehr oft diskutierter Punkt in der Strukturforschung war und ist, ob es eine oder mehrere Intelligenzen gibt. Zunächst konzentrierte sich die Forschung bei der Theorienentwicklung auf die Auswertung von Intelligenztests. Am Anfang des 20. Jahrhunderts entstand die „Zweifaktorentheorie“ von Spearman (1904). Sie besagt, dass es nur eine Allgemeine Intelligenz „g“ gibt, die bei allen Aufgaben wirkt und spezifische Faktoren, die für jeden Aufgabentyp andere sind. 1938 entwickelte der Psychologe Thurstone dazu die Gegenposition in Form der „Primärfaktorentheorie“. Er ging davon aus, dass sich Intelligenz aus spezifischen, voneinander unabhängigen, geistigen Fähigkeiten zusammensetzt und unterschied sieben unabhängige Faktoren: Raumvorstellung, Sprachverständnis, Rechenfertigkeit, Wortflüssigkeit, Merkfähigkeit und schlussfolgerndes Denken.[6] In dem komplexesten aller Intelligenzmodelle postulierte Guilford 1967 sogar 120 (später 150) unabhängige Teilfähigkeiten. Sie entstehen durch eine Kombination von fünf Operationen, vier (später fünf) Inhalten und sechs Produkten. Allerdings stammt das durch einen Würfel repräsentierte Ordnungssystem keiner Faktorenanalyse, sondern wurde auf intuitiv-logischem Weg bestimmt.[7] Sowohl für Guilford als auch für Thurstone setzt sich Intelligenz im Wesentlichen aus überlappenden Fähigkeiten zusammen.[8]

Die unterschiedlichen Auffassungen der beiden Forscher Spearman und Thurstone, die die Debatte auslösten, waren das Ergebnis unterschiedlicher statistischer Vorgehensweisen. Beide Positionen waren und sind plausibel und bis heute ist der Streit nicht entschieden. Als Ausweg etablierte sich das Konzept der hierarchischen Modelle. Die Allgemeine Intelligenz als generellster Faktor wird hierbei nicht mehr in Frage gestellt. Dazu führte ein empirischer Befund, der zeigt, dass Intelligenzleistungen schwach, aber stets positiv korreliert sind. Wer bei einem Untertest gut abschneidet, ist tendenziell auch bei den anderen besser und andersherum. Zusätzlich wird angenommen, dass auf einer oder mehreren Ebenen darunter spezifischere Fähigkeiten unterschieden werden können.[9]

Die starke Orientierung der Theorien an klassischen Intelligenztests wurde wiederum kritisiert. Robert J. Sternberg etwa meint, dass traditionellen Messinstrumenten entscheidende Fähigkeiten für akademischen und beruflichen Erfolg entgehen. Er plädiert für adäquate Formen, die auch Kreativität und Praktische Intelligenz messen.[10] Und der Wissenschaftler Howard Gardner beispielsweise geht von acht verschiedenen Intelligenzen aus: Sprachliche, Logisch-mathematische, Räumliche, Musikalische, Körperlich-kinästhetische, Interpersonelle, Intrapersonelle und Naturalistische Intelligenz.[11] Wobei für einige Formen noch gar keine Tests bestehen. Wie kann man solch unterschiedliche Ansätze integrieren? Die Lösung findet sich im Rückgriff auf sogenannte Konstrukte. Und dem Berliner Intelligenzstrukturmodell liegt ein solches konstruktivistisches Theorieverständnis zugrunde. Dabei werden zwei Ebenen konsequent unterschieden: Die Ebene des beobachtbaren Verhaltens, im Intelligenzbereich der messbaren Leistungen, und die Ebene der theoretischen Begriffe. Mithilfe der theoretischen Begriffe sollen die Verhaltens- und Leistungsdaten beschrieben und möglichst erklärt werden. Sie werden als Konstrukte bezeichnet, weil sie nicht wie reale Gegenstände entdeckt, sondern mit dem Ziel größtmöglicher Leistungsfähigkeit erfunden werden.[12] Die Konstrukte werden durch die Forschung immer leistungsfähiger und spiegeln so die Ergebnisse der Forschungsentwicklung wider. Intelligenz als ein komplexes Konstrukt, ist durch viele kognitive Teilfähigkeiten gekennzeichnet, und eine einzelne Definition kann seine Breite offensichtlich nicht erfassen.[13] Für Intelligenz gibt es also mehrere Bedeutungsfestlegungen, meist auf einen speziellen Teilbereich festgelegt, weswegen man sie auch „Domains“ nennt, was englisch ist und auf Deutsch Bereich oder Gebiet bedeutet. Die Festlegungen erfolgen schrittweise und möglichst kumulativ in Abhängigkeit vom Forschungsstand. Wichtige Domains sind zum Beispiel die Akademische, Soziale, Praktische Intelligenz, Komplexes Problemlösen (auch Operative Intelligenz genannt) und Kreativität. Die empirische Erschließung und wechselseitige Abgrenzung dieser Intelligenzkonzepte ist sehr unterschiedlich elaboriert.[14] Die Forschung zur Akademischen Intelligenz ist im Vergleich zum Forschungsstand in anderen Domains besonders weit entwickelt.[15] Daher macht es auch Sinn ein Modell erst einmal vor allem für diesen Bereich zu entwickeln und es für Weiterentwicklungen bei genügend empirischen Erkenntnissen für andere Bereiche offen zu halten.

Ziel war es ein Modell zu entwickeln, dass hauptsächlich die Akademische Intelligenz abdeckt, aber sich nicht der Integration anderer Domains verschließt. Dazu wurde auch der Forschungsstand beachtet. Aber nach Auffassung der Autoren des Berliner Intelligenzstrukturmodells zeigten die bis dahin etablierten Intelligenzstrukturmodelle große Unterschiede, die sie auf die Vielfalt von Intelligenzleistungen zurückführten.[16] Die konkurrierenden Modelle stützten sich, neben den Unterschieden in der theoretischen Konzeption, auch empirisch auf sehr unterschiedliche Aufgaben und Leistungen. Deshalb entstand die Annahme, Unterschiede in den Modellen könnten unter anderem auf die spezifische Aufgabenauswahl zurückzuführen sein, die deren Konstruktion zugrunde gelegt wurden. Aber ein systematisches Ausloten ihrer Geltungsbereiche fehlte. Aus diesem Grund versuchten die Forscher ein eigenes, integratives Modell zu entwickeln.[17]

[...]


[1] vgl. Neubauer, A.C. (2005), S. 321

[2] Süß, H.-M. (2007), S. 18f

[3] vgl. Asendorpf, J. (2004), S. 184

[4] vgl. Brocke, B. (1995), S. 22f

[5] vgl. Vock, M. & Holling, H. (2006), S. 499

[6] vgl. Süß, H.-M. (2007), S. 4

[7] vgl. Funke, J. & Vaterrodt-Plünnecke, B. (2004), S. 47ff

[8] vgl. Brocke, B. & Beauducel, A. (2001), S. 33

[9] vgl. Süß, H.-M. (2007), S. 4

[10] vgl. Sternberg, R.J. (1999), S. 12

[11] vgl. Gardner, H. (1999), S. 22f

[12] Jäger, A.O., Süß, H.-M. & Beauducel, A. (1997), S. 3

[13] vgl. Brocke, B. & Beauducel, A. (2001), S. 13

[14] vgl. ebenda. S. 23

[15] vgl. ebenda. S. 27

[16] vgl. Jäger, A.O. et al. (1997), S. 4

[17] vgl. Jäger, A.O. et al. (1997), S. 8

Details

Seiten
22
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640201747
ISBN (Buch)
9783640206704
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v117971
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Professur für Differentielle und Persönlichkeitspsychologie
Note
1,3
Schlagworte
Intelligenz Struktur Prozess IQ Intelligenzquotient IST IQ-Test Modell Test Psychologie Persönlichkeit

Autor

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Titel: Das Berliner Intelligenz-Struktur-Modell