Lade Inhalt...

Kafkas "Die Verwandlung" – Traum oder Realität?

Seminararbeit 2006 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. ‚Die Verwandlung’ – Traum oder Realität?
1.1. Die Verwandlung als Traum-Illusion
1.2. Die Verwandlung als körperliche Metamorphose
1.3. Die Verwandlung – Eine geistig-physische Metamorphose

2. Das Tier- und Verwandlungsmotiv

3. Schlussbetrachtungen

4. Literaturverzeichnis

Vorwort

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.[1]

Bereits beim ersten Lesen dieses Satzes wird der Rezipient dazu verleitet, sich die Frage nach dem Wahrheitsgehalt dieser Aussage zu stellen: Kann sich ein Mensch während des Schlafens in einen Käfer verwandeln oder ist diese Metamorphose der Inhalt eines Traumes? Denn die empirische Wirklichkeit steht in keinerlei Verhältnis zu der Erzählungseinleitung Franz Kafkas in ‚Die Verwandlung’ (1912). Umso frustrierender ist es für den Leser, dass diese problematische Schnittstelle auch im Verlauf der Erzählhandlung nicht aufgeklärt wird.

Aus diesem Grund stellt sich die vorliegende Hausarbeit die Frage danach, ob es sich um eine reale Metamorphose des Erzählhelden oder um eine geträumte Verwandlung handelt. Die darüber hinaus aufgestellte These lehnt sich an eine Behauptung von Jianming Zhou an. In ihrem Werk[2] heißt es:

‚Gregor sei körperlich ein Käfer, geistig jedoch ein Mensch.’

Diese Arbeit ist folglich bemüht, den Wahrheitsgehalt dieser These zu beweisen oder zu entkräften, um so die Bearbeitung der Fragestellung zu unterstützen.

Im ersten Teil der Arbeit soll die zentrale Fragestellung im Mittelpunkt der Betrachtung stehen. Hierbei sollen zunächst die in der Sekundärliteratur angeführten Deutungen, die sich für einen Traum des Helden aussprechen, aufgezeigt werden. In einem weiteren Teil der Arbeit sollen diese durch enge Textarbeit untersucht, sowie Gegendeutungen zur Klärung der Fragestellung aufgezeigt werden. Anschließend sollen die gesammelten Ergebnisse auf die eingangs aufgestellte These hin überprüft werden.

Um abschließend ein vollständiges Bild bezüglich der Frage ‚Die Verwandlung – Ein Traum oder die Realität?’ zu erhalten, werden im letzten Teil der Arbeit die möglichen biographischen Gründe für die Verwendung des Tiermotivs vorgestellt, sowie zeitgenössische Aspekte für das Verwandlungsmotiv herangezogen.

Ob Kafka selbst wirklich eine reale Metamorphose seines Helden beabsichtigte oder ihn die Erzählung doch im Traum erzählen lassen wollte, bleibt unklar. Weder Tagebucheinträge noch Briefe geben uns darüber konkrete Auskünfte. Zur Beantwortung der Frage der Hausarbeit konnte nur die Sekundärliteratur und eigene Textinterpretationen herangezogen werden.

1. ‚Die Verwandlung’ – Traum oder Realität?

1.1. Die Verwandlung als Traum-Illusion

Folgt man dem psychologischen Deutungsansatz, so ist die Verwandlung Gregor Samsas eine bloße Wahrscheinlichkeit, eine Hypothese. Der Held erwacht „eines Morgens aus unruhigen Träumen“ und findet „sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt[3] “. Diese Verwandlung, so die Vertreter der psychologischen Deutung, sei eine „bloße Bewusstseinstatsache“[4]. Gregor Samsa wache aus einem schweren Traum auf und erlebe sich selbst in seiner Halbschlaf-Verwirrung als einen Verwandelten[5]. Eine reale Metamorphose wird demzufolge ausgeschlossen.

Andere Interpretationen sehen den Übergang des Helden von der Traumwelt in die Wirklichkeit misslungen. Gregor sei von einer Traumwelt in die nächste geraten und habe als Träumer nur das Gefühl, erwacht zu sein[6].

Diese Deutungsansätze stützen sich auf das Faktum, dass Franz Kafka selbst die Darstellung der Käfergestalt auf dem Buchdeckel unterbunden hatte. Er wollte dadurch „den Machtkreis [des Insekts] nicht einschränken, sondern nur aus [s]einer natürlicherweise besseren Kenntnis der Geschichte heraus bitten“[7]. Die Phantasien des Lesers sollten durch die verbale Beschreibung frei gesetzt werden; die Imagination sollte nicht durch eine visuelle Umsetzung festgelegt werden[8].

Ebenso untermauert die Tatsache, dass Gustav Janouch[9] die Erzählung einen „schrecklichen Traum“[10] nannte und Kafka diesem nur indirekt widersprach, indem er einen Traum als Enthüllung der Wirklichkeit deutete[11], die vorherigen Deutungsversuche der Verwandlung.

Besonders interessant ist, dass die tschechische Ausgabe der Erzählung ‚Die Verwandlung’ (1929) durch ein Prosastück Kafkas mit dem Titel ‚Ein Traum’ eingeleitet wurde[12].

Ob diese Einleitung und die Einschätzung der Zeitgenossen jedoch auf den möglichen Intentionen des Autors beruhen, muss an dieser Stelle offen bleiben, da die Literatur hierüber keine Auskunft erteilt.

Die aufgezeigten Deutungsansätze sowie autobiografische und zeitgenössische Überlegungen scheinen zumindest die Möglichkeit einzuschränken, die Verwandlung Gregor Samsas sei real.

Im folgenden Kapitel soll, in enger Textarbeit, die objektive und faktische Schilderung der physischen Besonderheiten des Käfers Gregor Samsa im Vordergrund der Betrachtungen stehen.

1.2. Die Verwandlung als körperliche Metamorphose

Die zentrale Frage dieses Kapitels soll sein, inwieweit die verbal-realistische Schilderung als ein Indiz für eine vollzogene Verwandlung des Helden heranzuziehen ist.

Bereits zu Beginn der Erzählung heißt es:

„Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah (...) seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Verstreifungen geteilten Bauch (...). Seine vielen (...) kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen.“[13]

Der auktoriale Erzähler beschreibt den neuen verwandelten Körper aus der Sicht Gregors. An dieser Stelle liegt die Vermutung aus 1.1., Gregor habe dies alles nur geträumt, durchaus nah. Eine Halbschlaf-Verwirrung könnte den Helden der Erzählung dazu veranlassen, den eigenen Körper mit einem vorherigen Traum in Verbindung zu setzen und sich somit vorübergehend als Käfer zu erleben. Bezieht man hingegen den weiteren Verlauf der Erzählung mit ein, so erhält die Schilderung des Körpers eine Verbindung zur Realität: Der schwere Körper und die dünnen Beine, die zunächst so unvereinbar miteinander und mit der Realität scheinen, bereiten ihm, als seine Beinchen festen Boden unter den Füßen haben, „zum erstenmal an diesem Morgen ein körperliches Wohlbehagen“[14]. Die Hilflosigkeit seiner flimmernden, kläglich dünnen Beine verschwindet mit der Wiederherstellung der normalen Umstände: Der Käfer liegt nicht mehr strampelnd auf dem harten, unbeweglichen Rücken, sondern bewegt sich in natürlicher Weise auf seinen Beinen fort. Allgemein wirken die ersten Sätze der Erzählung sehr unwirklich. Das Unrealistische wird jedoch durch den ansonsten konsequent realistischen Ablauf der weiteren Erzählung aufgehoben. Ein Traum, wie ihn die psychologische Deutung vorsieht, kann meiner Ansicht nach nicht mit diesem wirklichkeitsnahen Handlungsverlauf übereingebracht werden.

[...]


[1] Kafka, Franz, Die Verwandlung, in: Reclams Universalbibliothek Nr. 9900, Stuttgart 2001, S. 5.

[2] Vgl. Zhou, Jianming, Tiere in der Literatur, Eine komparatistische Untersuchung der Funktion von Tierfiguren bei Franz Kafka und Pu Songling (= Untersuchungen zur deutschen Literaturgeschichte, Band 82), Tübingen 1996.

[3] Kafka, Franz, Die Verwandlung, (wie Anm. 1), S. 5.

[4] Fingerhut, Karlheinz, Die Verwandlung, in: Interpretationen, Franz Kafka, Romane und Erzählungen, hrsg. Von Michael Müller, Stuttgart 2003, S. 43.

[5] Vgl. Fingerhut, Karlheinz, (wie Anm. 4), S. 43.

[6] Vgl. Ruf, Urs: Franz Kafka, Das Dilemma der Söhne, Das Ringen um die Versöhnung eines unlösbaren Widerspruchs in den drei Werken ‚Das Urteil’, ‚Die Verwandlung’ und ‚Amerika’, (= Philologische Studien und Quellen, Heft 79), Berlin 1974, S. 52f.

[7] Zitiert in: Jahnke, Uwe: Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“, Ein literaturdidaktisches Konzept, Frankfurt am Main, u.a. 1990, S. 78.

[8] Vgl. Fingerhut, Karlheinz, (wie Anm. 4), S. 43.

[9] Gustav Janouch (1903-1968) war österreichischer Autor und wurde vor allem durch seine „Gespräche mit Kafka“ (1961 erschienen) bekannt. Janouch lebte seit seiner Kindheit in Prag.

[10] Eschweiler, Christian, Kafkas Erzählungen und ihr verborgener Hintergrund, Bonn/Berlin 1991, S. 95.

[11] Vgl. Eschweiler, Christian, (wie Anm. 10), S. 95.

[12] Vgl. Binder, Hartmut, Kafkas „Verwandlung“, Entstehung, Deutung, Wirkung, Frankfurt a.M./Basel 2004, S. 530.

[13] Kafka, Franz, Die Verwandlung, (wie Anm. 1), S. 5.

[14] Eschweiler, Christian, (wie Anm. 10), S. 111.

Details

Seiten
16
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640201655
ISBN (Buch)
9783640206650
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v117956
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Institut für Germanistik
Note
2,0
Schlagworte
Verwandlung Traum Realität Franz Kafka Methoden Probleme Literaturwissenschaft

Autor

Zurück

Titel: Kafkas "Die Verwandlung" – Traum oder Realität?