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Krankheit als Metapher in Christa Wolfs Erzählung "Leibhaftig"

Magisterarbeit 2004 118 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Aus dem Leben Christa Wolfs
2.1.1. Kindheit; Jugend im Nationalsozialismus
2.1.2. Übergangszeit, ‚Niemandsland’
2.1.3. Das neue Ideal: der Sozialismus, die DDR
2.1.4. Erneuter Bruch
2.1.4.1. Stasi-Mitarbeit
2.1.4.2. Der eigene Weg – Konflikte mit der Partei
2.1.4.3. Verändertes Engagement
2.2. Entstehung von Literatur bei Christa Wolf
2.2.1. Beweggründe und Ziele
2.2.2. Subjektive Authentizität – Der Weg zum Ziel
2.3. Die Erzählung „Leibhaftig“
2.3.1. Entstehungshintergrund
2.3.2. Die Krankenhausgeschichte, der Wachzustand
2.3.3. Die andere Welt, die Wahnzustände
2.3.4. Die Rolle der Krankheit
2.3.4.1. Der ‚innere Regisseur’ wird abgeschaltet – Konfrontation
2.3.4.2. Deutungsversuche der Erzählerin – Näherung
2.3.4.3. Die Rolle Urbans – Zentrum des Problems
2.3.4.4. Krankheit verstehen – Ausweg und Lösung
2.3.5. Wechsel der Erzählperspektive
2.4. Krankheit als Metapher?
2.4.1. Reflexion der Protagonistin selbst über ihre Krankheit
2.4.2. Subjektiv oder authentisch? Gesellschaft, Politik, Mensch
2.4.3. Kernpunk – das Eigentliche: der Mensch
2.4.4. Krankheit – ein literarisches Instrument?
2.4.5. Versuch über die Anwendung des Begriffs Metapher
2.5. Bedeutung von Krankheit in "Leibhaftig"
2.5.1. Bedeutung der Krankheit für die Protagonistin
2.5.2. Krankheit als Symbol im außerliterarischen Sinn
2.6. Psychosomatik in der Forschung und in "Leibhaftig"
2.6.1. Überblick über den Ansatz in der Forschung
2.6.2. Parallelen zu "Leibhaftig"
2.6.3. Deutungsvergleich der speziellen Symptome
2.7. Krankheit in früheren Werken Christa Wolfs
2.8. Krankheit und Gesellschaft – Ausdruck kollektiver Probleme?
2.8.1. Susan Sontag: „Krankheit als Metapher“
2.8.2. Christa Wolf: „Krebs und Gesellschaft“
2.8.2.1. Krankheit und Heilung – eins durch das andere
2.8.2.2. Krebs als Ausdruck ‚natürlicher Schizophrenie’

3. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Christa Wolf wurde einmal aufgefordert, die Geschichte einer literarischen Arbeit zu erzählen. Sie sollte auf all das eingehen, was jenes beliebige Werk generierte, sollte darlegen, woher sie den Stoff für diese Arbeit nahm, welche Einflüsse verarbeitet wurden, und – so legt Wolf selbst diese Anfrage aus – offen legen, wo der autobiographische Kern in dieser Arbeit zu finden, was also erfunden und was erlebt worden ist.

Sie wurde dieser Anforderung bewusst nicht gerecht, statt dessen schrieb sie einen offenen Brief an ihren Auftraggeber, in welchem sie ihre Abweisung begründete. In diesem „Über Sinn und Unsinn von Naivität“[1] betitelten Schreiben von 1973 sind Wolfs Argumente neben ihrer Überzeugungskraft gleichfalls aufschlussgebend über ihre Motivation zum Schreiben selbst. So lehnt sie zum Beispiel jene Frage nach dem autobiographischen Gehalt mit dem „Hinweis ab, daß sich die Mühe des ‚Verarbeitens’ nur lohnt, wenn sie nicht später durch leichtfertiges Ausplaudern zunichte gemacht wird.“[2]

Schreiben hat also für Christa Wolf den Zweck, Erlebtes zu verarbeiten. Ferner lässt sich aus ihrer Arbeit ableiten, dass es eine durchaus mehr oder minder gewichtige autobiographische Dominante in ihrer Literatur zu geben scheint, die allerdings nur und genau in der Form der jeweiligen Arbeit ihren Sinn erfüllt. Auf die Entstehung von Literatur und somit die Art und Weise sowie das Ziel der Umsetzung von biographischen Elementen bei Christa Wolf werde ich unter 2.2. genauer eingehen. Hier soll nur verdeutlicht werden, dass man nicht umhin kommt, bei der Untersuchung eines Werkes von Christa Wolf, einen intensiven Blick auf ihr Leben zu werfen.

Wie sich zeigen wird, trifft dies bei der 2002 erschienenen Erzählung „Leibhaftig“[3] in besonderem Maße zu. Jene Krankheit, die den äußeren Gegenstand der Erzählung bildet, musste die Autorin selbst im realen Leben in auffallend ähnlicher Weise überwinden. Allerdings werde ist es ebenso ein Ziel dieser Arbeit, zu klären, dass es nicht richtig ist, "Leibhaftig" schlicht als autobiographische Erzählung zu verstehen, so wie es der Tenor im Feuilleton vieler Zeitungen der Fall ist. Dazu sei nochmals auf den Punkt 2.2. verwiesen, unter welchem die Zusammenhänge von Biographie und Literatur bei Christa Wolf erläutert werden. Dann wird klar sein, dass die durchaus vorhandenen Übereinstimmungen nicht die zentralen Punkte ihres Werkes und speziell der vorliegenden Erzählung sind.

Die Tatsache aber, dass Wolf eben jene Erfahrung zum Gegenstand ihrer Erzählung macht, bildet einen grundlegenden Antrieb für meine Arbeit. Warum widmet sich Christa Wolf mit Mühe der Verarbeitung genau dieses Komplexes? Woher stammt die Motivation, gerade die Geschichte einer Krankheit literarisch zu verarbeiten? Oder genauer: warum bedarf gerade diese Erfahrung für Christa Wolf einer literarischen Verarbeitung?

„Leibhaftig“ ist nicht das erste Werk Wolfs, in welchem die Protagonistin krank ist und aus dieser Situation heraus eine Geschichte erzählt. In „Der geteilte Himmel“[4] von 1963 erwacht Rita Seidel aus ihrer Ohnmacht in einem Krankenhaus und erinnert sich an ihre Vergangenheit. Aber auch in „Moskauer Novelle“,[5] „Nachdenken über Christa T.“,[6] „Störfall“[7] – die Aufzählung ist nicht vollständig – spielt Krankheit eine sehr wichtige Rolle.

Im Rahmen dieser Arbeit werde ich mich jedoch hauptsächlich der Untersuchung von „Leibhaftig“ widmen. Dabei ist es mein Ziel zu zeigen, dass die leichtfertige Annahme, Christa Wolf verwende Krankheit als Metapher, falsch ist. Krankheit hat für die Protagonistin auf der Erzählebene eine symbolische Bedeutung und lenkt diese zu wichtigen Einsichten. Die Krankheit, mit der die Erzählerin zu kämpfen hat, ist Ausgangspunkt aller Entwicklung, sowohl auf der äußerlich-physischen, als auch auf der innerlich-geistigen Ebene. Ich meine, dass Christa Wolf eine sehr differenzierte Auffassung hat, mit welcher sie Krankheit eine wichtige Signalfunktion für den betroffenen Menschen zuspricht. Das Interesse an diesem Zusammenhang zwischen Krankheit und ihrer Bedeutungsfunktion für den Menschen stellt meiner Ansicht nach eine wichtige Motivation für die Schaffung von "Leibhaftig" dar.

Christa Wolf steht damit sehr im Geiste der Lehre der Psychosomatik, wie sie bereits Carl Gustav Jung vertrat. Demnach bedient sich die unbewusste Psyche des Menschen vieler Symbole,[8] um der schwer fassbaren Komplexität ihrer selbst Ausdruck zu verleihen. Ein großer und bedeutsamer Bereich dieser Symbolik sind die vielfältigen Krankheitsbilder des Menschen. Die tiefergehende Erforschung dieses Gebietes erfolgt durch Thorwald Dethlefsen und Ruediger Dahlke,[9] deren Forschungsergebnisse mit der Bedeutung von Krankheit in Wolfs „Leibhaftig“ verglichen werden sollen.

Auf der Grundlage der angesprochenen psychosomatischen Theorien erachte ich es für sinnvoll, meiner Arbeit eine relativ ausführliche Darstellung der Biographie Christa Wolfs voranzustellen. Zahlreiche einschneidende Erfahrungen Wolfs führten dazu, dass die gegenseitige Beeinflussung von Subjekt und Gesellschaft zum Gegenstand vieler ihrer Werke wurde. Die Kenntnis über diese Erfahrungen ist entscheidend, um die Erzählung „Leibhaftig“ mit ihren Fragestellungen und Problemen verstehen zu können.

2. Hauptteil

2.1. Aus dem Leben Christa Wolfs

2.1.1. Kindheit und Jugend im Nationalsozialismus

Christa Ihlenfeld wurde am 18. März 1929 in Landsberg a.d. Warthe, dem heute zu Polen gehörenden Gorzów Wielkopolski, geboren. Als sie im Jahre 1997 ihre Heimatstadt besuchte, sagte sie auf der Bühne des alten Stadttheaters, nachdem sie aus ihrem Roman „Kindheitsmuster“ gelesen hatte, sie habe sich nie wieder so zu Hause gefühlt, wie hier als Kind.[10] Dort wuchs sie in der Behaglichkeit einer protestantischen, mittelständisch aufsteigenden Familie auf, in der alle stets darauf bedacht waren, „als ordentliche Mitglieder der Gesellschaft nicht aufzufallen. Die dreißiger Jahre waren für sie die Friedensjahre und eine sorglose Zeit des Wohlstands.“[11]

Ihren Vater, Otto Ihlenfeld, bezeichnet Christa Wolf rückblickend als sehr weichen Menschen, der 1933, mehr der Umstände halber und ohne eigenes Engagement, in die NSDAP hineinglitt. Kritische Stimmen über Hitler oder den Nationalsozialismus vernahm Christa Wolf in ihrer Kindheit so gut wie gar nicht. Dahingehende Äußerungen von ihrer Mutter gab es zwar vereinzelt, jedoch verstanden sich diese nicht als Zeichen von Zivilcourage oder geäußerter Kritik an der Politik der Zeit, sondern als Ausspruch der Verärgerung über das private Schicksal, das die Ihlenfelds in Folge nationalsozialistischer Bestimmungen oder Vorgänge ereilte.[12]

So begann für die sechsjährige Christa 1935 die Schulzeit mit dem Lernen dreier elementarer Dinge: des Lesens, des Schreibens und des Hitlergrußes. Diesen verinnerlichte sie so sehr, dass es ihr nach 1945 schwer fiel, ihn wieder abzulegen.[13] Die Erinnerung an das erste emotionale Erlebnis, das Hitler bei ihr auslöste, hat sie in „Kindheitsmuster“ wiedergegeben. Hier ist es das Mädchen Nelly Jordan, Protagonistin des Romans,[14] deren Empfinden bei einem Besuch Hitlers in der eigenen Stadt beschrieben wird:

„Den Führer hat Nelly niemals zu Gesicht gekriegt. Ein­mal wurde der Laden – das war am Sonnenplatz, Nelly ging noch nicht zur Schule - vormittags geschlossen. Der Führer wollte dem Gau »Ostmark« einen Besuch abstatten. Alle Leute liefen zur Friedrichstraße, unter den großen Linden bei der Endhaltestelle der Straßenbahn, die selbstverständ­lich stillag, weil der Führer bedeutender war als die Straßen­bahn. Wichtig wäre zu wissen, woher die fünfjährige Nelly nicht nur wußte, sondern fühlte, was der Führer war. Der Führer war ein süßer Druck in der Magengegend und ein süßer Klumpen in der Kehle, die sie freiräuspern mußte, um mit allen laut nach ihm, dem Führer, zu rufen, wie es ein patrouillierender Lautsprecherwagen dringlich forderte. Derselbe Wagen, der auch bekanntgab, in welchem Ort das Auto des Führers soeben unter den Begeisterungsstürmen der unaussprechlich glücklichen Bevölkerung eingetroffen war. Die Leute konnten verfolgen, wie langsam der Führer vorwärts kam, sie kauften Bier und Limonade beim Eck­kneipenwirt, schrien, sangen und fügten sich den Anord­nungen der absperrenden Polizei- und SA-Kette. Sie blieben geduldig stehen. Nelly hat weder verstanden noch behalten, was sie miteinander redeten, aber die Melodie des mächti­gen Chors hat sie in sich aufgenommen, der sich durch viele kleine Schreie hineinsteigerte zu dem ungeheuren Schrei, in den er endlich ausbrechen, zu dem er sich mächtig vereini­gen wollte. Wenn sie auch zugleich ein wenig Angst davor hatte, verlangte es sie doch sehr danach, diesen Schrei zu hören, auch von sich selbst. Wollte wissen, wie man schreien und wie man sich mit allen eins fühlen konnte, wenn man den Führer sah.

Er kam dann nicht, weil andere Volksgenossen in anderen Städten und Dörfern gar zu begeistert von ihm gewesen wa­ren. Es war jammerschade, und doch hatten sie nicht um­sonst den Vormittag lang da an der Straße gestanden. Um wie vieles schöner und besser war es doch, mit allen zusammen erregt an der Straße zu stehen, als allein im Laden Mehl und Zucker abzuwiegen oder den ewig gleichen Staublappen über den Geranien auszuschütteln. Sie fühlten sich nicht be­trogen, als sie sich zerstreuten und zu ihren Häusern liefen...“[15]

Als Schülerin war Christa Ihlenfeld ordentlich, eifrig und strebsam. Sie hatte das „Bedürfnis, die Beste zu sein“,[16] und dies nicht nur innerhalb der schulischen Anforderungen. Sie war seit 1939 Mitglied im BDM, absolvierte ein Ausbildungslager und fiel bei der Hitler-Jugend positiv durch ihr Engagement auf, was ihr den Rang der „Führeranwärterin“ verschaffte. Ihre gesamte Erziehung, sowohl im Elternhaus als auch in Schule und Gesellschaft, hatte nicht Selbständigkeit, sondern Gehorsam zum Ziel. Als Folge dessen entwickelte sich ihr Selbstwertgefühl nur dadurch, dass sie Anerkennung durch Autoritäten empfing.

Bereits in ihrer frühen Jugend verfolgte Christa Ihlenfeld das Ziel, den gesetzten Aufgaben der großen, äußeren Ordnung gerecht zu werden, ja sogar ein unterstützendes Mitglied der Gesellschaft zu sein und so für eine große Idee zu leben und zu deren Verwirklichung ihren eigenen Teil beizutragen. Auch wenn es ihr bewusst gewesen war, dass es diese Möglichkeit gab, so wäre sie doch nie auf die Idee gekommen, die Ideologie der Führung in Frage zu stellen, die Autorität des Staates nicht anzuerkennen oder ihr gar entgegenwirken zu wollen.[17]

Ganz anders verhielt sich ihre Generation beispielsweise gegenüber der Kirche, die weitaus geringer geschätzt wurde als der Staat, diesem gegenüber auch nicht gewinnen konnte und nicht mehr Einfluss als dieser auf die Gesellschaft hatte. Jörg Magenau veranschaulicht an einem Beispiel, dass Widerstand und Ungehorsam gegenüber Autoritäten (im Beispiel ist es die Kirche) für die Kinder dieser Zeit durchaus möglich war:

„Als die Konfirmanden am Festtag würdevoll Einzug in die Kirche hielten, schnitten sie, hinter dem Altar vor den Blicken des Pfarrers und der Gemeinde geschützt, Grimassen und schüttelten sich in lautlosem Gelächter. Die kirchliche Zeremonie hatte keine tiefere Bedeutung für eine Jugend, die längst den Inszenierungen des Nationalsozialismus verfallen war. Dessen Glaubensartikeln gegenüber hätte man sich ähnliche Respektlosigkeit nicht erlaubt.“[18]

Selbst in der Endphase des Krieges blieb der Glaube Christa Ihlenfelds an einen „Endsieg“ ungebrochen, obwohl die bis dahin weitestgehend verschont gebliebene Landsberger Provinz die kriegerischen Auswirkungen immer stärker zu spüren bekam.

2.1.2. Übergangszeit, ‚Niemandsland’

Mit der Flucht, welche die Familie Ihlenfeld am 29. Januar 1945 zuerst ohne Christas Mutter antrat, begann für die 16jährige eine Zeit, die selbst für die heutige Christa Wolf retrospektiv schwer zu charakterisieren ist. Noch hielt sie an ihrer Vorstellung fest, sich in den letzten Jahren für das Richtige eingesetzt zu haben. Auch die Vision eines Erfolges, in welcher Form auch immer, existierte noch. Doch auf der anderen Seite spürte sie, dass ihre Vertreibung endgültig war. So erlebte sie diese Zeit in einem dämmerähnlichen Zustand. Es gab keinen Halt, keine Ahnung, was kommen würde und worauf man hoffen sollte, was falsch und was richtig war.

Nach drei Wochen Flucht stieß die Mutter glücklicher Weise wieder zum Treck, und die Gruppe ließ sich in dem Dorf Grünefeld nieder. Im Nachbarort ging Christa zur Schule und fehlte nur zufällig genau an dem Tag, an dem das Gebäude bombardiert wurde. Es folgten eine Reihe von Ereignissen, die für sie als eine Art innere Befreiung von alten Vorstellungen wirkten: Grünefeld ist der Ort in ‚Kindheitsmuster’, in dem Nelly ihr Tagebuch verbrennt. Das Motiv der Tagebuchverbrennung findet sich auch in der ‚Moskauer Novelle’, im ‚Geteilten Himmel’ und in ‚Christa T’, dort jeweils als „symbolische[r] Akt der Reinigung [und der] Loslösung von der irregeleiteten Vergangenheit.“[19]

Die Flucht musste bald fortgesetzt werden, und das erste Mal wurde vor den Augen des jungen Mädchens ein Mensch erschossen: ein Landarbeiter, dessen Sohn gleichen Alters wie Christa war. „Die direkte Konfrontation mit dem Tod beendete abrupt den Dämmerzustand, in den die Sechzehnjährige sich zurückgezogen hatte.“[20] In ‚Nachdenken über Christa T.’ benutzt Christa Wolf die Metapher vom ‚Ritt über den Bodensee’[21] um diese Phase zu verbildlichen. Diese schmerzhafte Erfahrung, sich vollständig hinter eine Idee gestellt zu haben, die sich in der späteren Einsicht als falsch darstellte, sollte sich zu einem späteren Zeitpunkt in Christa Wolfs Leben wiederholen. Auf der Flucht trafen sie einen KZ-Häftling, der erzählte, dass er auf Grund seiner kommunistischen Einstellung eingeliefert worden war. Auf den Einwand der Mutter hin, man käme doch deshalb allein noch nicht ins KZ, antwortete jener verblüfft und erstaunt, allerdings vorwurfslos: „Wo habt ihr bloß alle gelebt“.[22]

Christa Ihlenfeld verfiel 1945 nach all den für sie neuen Eindrücken und Erkenntnissen in eine Art Schockzustand, der ein „Erschrecken über die eigene Schuld – [die] beginnende Ahnung, an das Falsche geglaubt zu haben“[23] umfasste. Als sie in der Oberschule in Schwerin, die sie seit 1946 besuchte, Anna Seghers’ „Das siebte Kreuz“ las, musste sie erneut und deutlicher feststellen, dass dieser Roman mit seiner Geschichte eines Kommunisten ein Deutschland zeichnete, das sie aus ihrer Kindheit ganz anders, nämlich viel glücklicher in Erinnerung hatte. Sie musste erkennen, dass es wirklich Verfolgung und Unterdrückung unter der sauberen Decke der eigenen Erfahrungen gab. Nicht nur das Bild von Kommunisten, auch die ganze Weltsicht der Gymnasiastin wurde durch diese Lektüre nachhaltig in Frage gestellt.[24]

Christa Wolf stellt im Rückblick selbst fest, dass „zwischen den Lebensepochen der Kindheit – sagen wir: bis sechzehn Jahre – und einer neuen Etappe, wo sich, oberflächlich ausgedrückt, ein ‚neues Weltbild’ formiert hatte, eine Art Niemandsland liegt, und dass diese beiden Epochen, die jede für sich ziemlich deutlich und klar sind, getrennt sind durch einen Streifen von merkwürdiger Farblosigkeit.“[25]

2.1.3. Das neue Ideal: der Sozialismus, die DDR

In ‚Kindheitsmuster’ schreibt Christa Wolf: „Grundmuster allerdings würden früh eingeritzt. Zum Beispiel die Erfahrung, daß man sich beliebt machen muß, um geliebt zu werden.“[26]

So hatte Christa Ihlenfeld zu ihrer BDM-Zeit großen Gefallen an dem Gebrauch des Wortes ‚Kameradschaft’, wodurch ein Gefühl von Zugehörigkeit – und damit der Eindruck, geliebt zu werden – zumindest suggeriert wurde.

Hier wird ein menschliches Bedürfnis deutlich, das Franz Baumer in diesem Zusammenhang hervorhebt: „das tief im Menschen angelegte Anbetungsbedürfnis, so wie Dostojewski es in seiner Novelle vom ‚Großinquisitor’ in ‚Die Brüder Karamasow’ unübertroffen geschildert hat.“[27] Dort ist die Rede von dem Verlangen eines jeden, etwas zu finden, das er oder sie anbeten kann, wobei allerdings weniger der Gegenstand selbst das Ziel ist, sondern die Tatsache, dass es etwas gibt, wovor sich alle miteinander ausnahmslos verbeugen würden. Diesem Verlangen, eine Macht anbeten zu können, welche Einheit zu ihrem Prinzip gemacht hat, um im Gegenzug idealer Weise Anerkennung und so etwas wie Liebe zu erhalten, diesem Verlangen war Wolf zeitweise erlegen.

Als Folge dieser Annahme ist es nicht verwunderlich, dass die jugendliche Christa mit dem Ende des Nationalsozialismus eine Ideologie durch eine andere ersetzte „und die Götter der NS-Zeit und deren Einheitspartei durch die der marxistischen Ideologie austauscht[e].“[28] Dieser Wechsel ging – wie in 2.1.2. erläutert – sicherlich nicht reibungslos und schlagartig vonstatten. Christa Wolf sagte 1987 in ihrer Rede zum Geschwister-Scholl-Preis in München: „Mit fünfzehn, sechzehn Jahren mussten wir beginnen, uns noch einmal hervorzubringen, eine Gunst, gewiß, aber vor allem die Verpflichtung zu einer zweiten Geburt, die lebenslänglich anhält. Schneller, leichter konnten wir Irrlehren, die Ideologie des Ungeistes durchschauen, als wir unsere tiefe Verunsicherung, die Verfügbarkeit durch Macht, den Hang zu Schwarzweißdenken und zu geschlossenen Gedankengebäuden überwinden konnten.“[29]

Bei der in „Kindheitsmuster“ beschriebenen Kameradschaft, die so wohltuend auf Nelly wirkte, ist dieses Mädchen der heutigen Christa Wolf einerseits äußerst fremd, „rückt [aber] der Sozialistin, die sich zu Beginn der siebziger Jahre noch als Teil der DDR und einer fortschrittlichen Weltbewegung begreift, zugleich bedrohlich nahe.“[30]

Dies betont die innere Verwandtschaft dieser beiden Orientierungszustände, auch wenn die Lager, denen sie entspringen, gänzlich verschiedene sind. Es drängt sich die Vermutung auf, dass die beiden gegenpoligen Extremrichtungen des Nationalsozialismus und des Marxismus zumindest auf einer tiefen, psychischen Ebene die gleichen Bereiche in Anspruch genommen haben. Beide erfüllten das gleiche Bedürfnis der jungen Frau, die auf der Suche nach einer politischen Führung war, der alle gleichermaßen folgen konnten. Es entstand eine Gemeinschaft, die harmonisch unter dem Mantel einer staatlichen Verfassung und Führung leben konnte.

Christa Ihlenfeld erkannte immer mehr, welchen falschen Idealen sie selbst und auch ihr Umfeld zur Zeit der Macht Hitlers erlegen waren. Insbesondere verurteilte sie auch das stillschweigende Mitläufertum ihrer Eltern während der NS-Zeit und zeigte sich entschlossen, diese Fehler nicht genau so zu begehen. Sie ließ Willen zum Engagement erkennen, als sie im Gründungsjahr der DDR 1949, das gleiche Jahr in dem sie ihr Abitur erlangte und zu studieren anfing, Parteimitglied der SED wurde.

1951 heiratete sie den Germanisten Gerhard Wolf und bewegte sich in Studienkreisen, die das Ziel verfolgten, aus dem neuen Staat eine sozialistisch geprägte, geisteswissenschaftliche Welt zu formen.[31]

Voraussetzung für die Errichtung des irdischen Paradieses war die Schaffung eines ‚neuen Menschen’.[32] In ihrem Essay ‚Lesen und Schreiben’[33] beschreibt Christa Wolf die Notwendigkeit von Prosa sowohl für die Leser als auch für die Autoren ihrer Generation. Auf dem Pfad der Neu-Orientierung soll sie diesen Menschen dienen, denen durch ihre Kindheit im Nationalsozialismus der Zugang zu propagandafreier und kindheitsgerechter Literatur verwehrt wurde. In dem gedanklichen Experiment, was anders gewesen wäre, hätte sie als Kind überhaupt nicht gelesen, hält sie fest: „Meine Moral ist nicht entwickelt, ich leide an geistiger Auszehrung, meine Phantasie ist verkümmert. Vergleichen, urteilen fällt mir schwer. Schön und häßlich, gut und böse sind schwankende, unsichere Begriffe. [...] Eine Welt, die nicht zur rechten Zeit verzaubert und dunkel war, wird, wenn das Wissen wächst, nicht klar, sondern dürr.“[34]

Der Vollständigkeit halber und um nicht den Eindruck entstehen zu lassen, Christa Wolf hätte die Hoffnung an die Menschen ihrer Generation aufgegeben, sei erwähnt, dass sie in jenem Essay durchaus auch der Frage nachgeht, „wieso [...] nicht jede menschliche Regung in uns [ihrer Generation] ausgerottet [wurde].“[35] Von der Wiedergabe ihrer Gedanken zu dieser Frage möchte ich hier aber absehen.

Sie, die Schreibende, so heißt es weiter, sucht in ihrer Tätigkeit nach Selbstverwirklichung, denn es ist die Sprache, die sie benötigt, um Regionen ihrer eigenen Vergangenheit zu begehen, die bisher unerforscht blieben. Und ebenso vermag es die Prosa auch in die tiefsten inneren Regionen eines Menschen, des Lesers, vorzudringen und dort „seelische Kräfte freizusetzen“.[36] Folgenden Schluss zieht Christa Wolf aus ihren Theorien:

„Das heißt, die Prosa kann sich nur mit gedanklichen Strömungen und gesellschaftlichen Bewegungen verbinden, die der Menschheit eine Zukunft geben, die frei sind von den jahrhundertealten und den brandneuen Zauberformeln der Manipulierung und selbst das Experiment nicht scheuen. Das heißt, ich sehe eine tiefe Übereinstimmung zwischen dieser Art zu schreiben mit der sozialistischen Gesellschaft. Bewiesen ist, daß Ausbeutergesellschaften nicht fähig sind, der Menschheit eine Zukunft zu sichern, die diesen Namen verdient. Ein amerikanischer Schriftsteller, der aus amerikanischen Gewehren auf vietnamesische Freiheitskämpfer schießt, hat nicht nur die Moral dieses Berufs verraten – er hat auch eine berufschädigende Unfähigkeit zum Denken bewiesen.“[37]

Ab 1953 war Christa Wolf als Literaturkritikerin für die Zeitschrift ‚Neue deutsche Literatur’ des Deutschen Schriftstellerverbandes beschäftigt. Literatur hatte für sie festgelegte Richtlinien zu erfüllen, also „[legte] die junge Literaturwissenschaftlerin in ihren Buchkritiken strenge Maßstäbe im Rahmen dieser ideologisierten Ästhetik an.“[38] Wolf war durchaus als Vertreterin der in dieser Zeit herrschenden Literaturdoktrin zu sehen, vertrat aber weniger entschieden marxistische Positionen, als eher marxistisch bestimmte, antifaschistische Positionen.[39]

Von dem von Lukács definierten ‚sozialistischen Realismus’ wandte sie sich in den frühen 70er Jahren ab und beschrieb einen Realismus, bei dem es sich der Autor zum Ziel macht, eigene Erfahrungen auf einer so weit wie möglich objektiven Basis zu beleuchten und zu verarbeiten. Auf die Entstehung von Literatur bei Christa Wolf werde ich unter 2.2. genauer eingehen.

2.1.4. Erneuter Bruch

2.1.4.1. Stasi-Mitarbeit

Christa Wolf setzte sich so gut sie es konnte für die neue Welt, den neuen Staat ein. Wenn auch in dieser Zeit ihr eigener aktiver Wirkungsbereich noch nicht in der Schaffung von Literatur lag, so war es dennoch diese Form der Kunst, die sie mit ihrer Arbeit als Kritikerin zu beeinflussen suchte. Ihren Einsatz für die neue Idee und ihre damit zusammenhängende Forderung an die Schriftsteller, sich der Verwirklichung dieses gemeinsamen Ziels zu verpflichten, erkannte auch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR. In den 50er Jahren wurde sie vom MfS sogar angeworben, Schriftsteller dahingehend zu prüfen und dem Ministerium nötigenfalls zu nennen. In Berlin gab es drei Treffen, bei denen Christa Wolf unter ihrem Decknamen Margarete einige Informationen weitergab.

2.1.4.2. Der eigene Weg – Konflikte mit der Partei

Im Jahr 1959 zog die Familie Wolf nach Halle und für die Schriftstellerin, die hier an der ‚Moskauer Novelle’ und an dem Roman ‚Der geteilte Himmel’ arbeitete, begann eine neue Lebensphase, in der sie sich zunehmend von der Identifikation mit Leitbildern löste und die Widersprüche in ihrer Umgebung kritischer wahrnahm. Es kam zu ersten Auseinandersetzungen mit der Partei und die Haltung Christa Wolfs wurde auch öffentlich getadelt.[40]

Die Diskrepanzen zwischen dem Ideal des sozialistischen Staates, das die Schriftstellerin neben weiteren Intellektuellen in sich trug, und dem, das der DDR-Staat verfolgte, wurden immer größer und erreichten einen ersten Gipfel in der Ausbürgerung des Lyrikers und Liedermachers Wolf Biermann 1976. Christa Wolf sagte 1982 dazu:

„1976 war ein Einschnitt in der kulturpolitischen Entwicklung bei uns, äußerlich markiert durch die Ausbürgerung von Biermann. Das hat zu einer Polarisierung der kulturell arbeitenden Menschen auf verschiedenen Gebieten, besonders der Literatur, geführt: Eine Gruppe von Autoren wurde sich darüber klar, daß ihre direkte Mitarbeit in dem Sinne, wie sie sie selbst verantworten konnte und für richtig hielt, nicht mehr gebraucht wurde.“[41]

Um ihren Protest kund zu tun, schlossen sich 13 Schriftsteller und Künstler zusammen und unterzeichneten eine Stellungnahme, die in ihrer Art erstmalig in der DDR war. Neben ungewöhnlich offensiven Worten und Formulierungen im Text, ist besonders die Tatsache zu beachten, dass sich überhaupt eine ‚Gegenpartei’ formiert hat, die sich gegen die Politik der SED äußerte.

Wenn sich Christa Wolf in der Folge dieses Konflikts weiterhin als gewissenhafte Staatsbürgerin sah, die lediglich das Recht auf Kritik in Anspruch nehmen wollte, so änderte sich dies im Rahmen der Erscheinung ihres Romans „Kindheitsmuster“. Während sie mit ihrem Roman sehr gute Verkaufszahlen erzielte, erntete sie bei der Stasi Missachtung. Diese behauptete, kritische Assoziationen mit der Gegenwart seien zu stark im Zentrum ihrer Arbeit. In dieser Zeit sah sich die Stasi gezwungen deutliche Maßnahmen gegen Schriftsteller zu verhängen. So gab es Verhaftungen und Hausarreste. Gerhard Wolf wurde neben anderen Künstlern von der Partei ausgeschlossen und Christa Wolf und andere erhielten eine ‚strenge Rüge’.[42] Nach kurzer Überlegung beschloss Christa Wolf doch in der SED zu bleiben, ging aber ab diesem Zeitpunkt zu keiner Parteiversammlung mehr.

Es könnten noch weitere Ereignisse erläutert werden, die Christa Wolf zunehmend spüren ließen, dass ihr Ideal von dem sozialistischen Staat, für dessen Verwirklichung sie sich eingesetzt hatte, zumindest nicht in dieser Form verwirklicht werden würde. Ich will im Rahmen dieser Arbeit jedoch darauf verzichten, auf politische Details einzugehen. Wichtig für das hier zentrale Thema ist die persönliche Geschichte Christa Wolfs: sie musste zum zweiten Mal erleben, dass ihr Leitbild entweder falsch war oder wenigstens die Realisierung dieses Ideals in der erhofften Weise fehlschlug.

2.1.4.3. Verändertes Engagement

Ihr Wirkungsbereich war immer weniger der Staat, sondern die Gesellschaft der Schriftsteller und Künstler. Die Wolfs besaßen in den 70er Jahren ein auf dem Land gelegenes Haus in Neu Meteln, in dem regelmäßig intellektueller Austausch mit Freunden stattfand. Auch der Schriftstellerverband konnte sich noch einige Zeit den Manipulationen des MfS erwehren. Jedoch sollte diese Epoche bald zu Ende gehen; immer mehr Schriftsteller wanderten in die BRD aus[43] und der Schriftstellerverband hielt am 7. Juni 1979 eine Versammlung ab, die in einem solch extremem Maße von der Stasi vorbestimmt und geleitet war, dass Christa Wolf äußerst schockiert war.[44] In der Folgezeit orientierte sie sich zunehmend gen Westen und sieht Kapitalismus und Sozialismus nicht mehr als grundlegende Gegensätze. Auf die Frage, ob DDR-Leser ihre Texte anders lesen müssten als BRD-Leser, antwortet sie:

„Ich kann diese territoriale Einteilung der Literatur, die Sie jetzt meinen, als eine von Gesellschaftsordnungen, von verschiedenen gesellschaftlichen Hintergründen, Staaten, ökonomischen Systemen bestimmte, aus der Erfahrung, der Beobachtung des Leseverhaltens nicht mehr bestätigen. [...] Wir leben in modernen Industriegesellschaften, in patriarchalischen Gesellschaften, hierarchisch angeordnet. Es gibt also ähnliche Züge. Auf dieser Grundlage muss Literatur auch ähnliche Konflikte mit ausdrücken, bei Unterschieden, die ich keineswegs leugne, sondern gerade interessant finde.“[45]

Diese Öffnung, die aus dem politischen System der eigenen Gesellschaft herausbrach, wurde 1989, dem Jahr der ‚Wende’, auch vom Volk der DDR vollzogen. Christa Wolf erkannte dies gewissermaßen als eine Identitätsfindung und sagte in ihrer Rede am vierten November 1989 auf der von Künstlern initiierten Kundgebung auf dem Berliner Alexanderplatz: „Das ‚Staatsvolk der DDR’ geht auf die Straße, um sich als ‚Volk’ zu erkennen. Und dies ist für mich der wichtigste Satz dieser letzten Wochen – der tausendfache Ruf: Wir – sind – das – Volk!“[46]

Das Wissen wenigstens um diese Erfahrungen von Christa Wolf – des Bruchs mit dem Nationalsozialismus und später mit dem Sozialismus – wird bei der späteren Untersuchung, welche Bedeutung Krankheit für Christa Wolf in der Erzählung "Leibhaftig" hat, eine wichtige Grundlage bilden.

Heute besteht kein Zweifel mehr daran, dass Christa Wolf eine der wichtigsten Autorinnen Deutschlands ist, und längst nicht mehr nur im Inland große Anerkennung genießt. Bevor ich auf die Erzählung „Leibhaftig“ eingehe, werde ich zunächst beleuchten, welches die bedeutendsten Triebkräfte für Christa Wolfs Schreiben waren und sind.

2.2. Entstehung von Literatur bei Christa Wolf

2.2.1. Beweggründe und Ziele

„...anscheinend erwartet der Schreibende,

daß seiner Hand, schreibend, eine Kurve gelingt,

die intensiver, leuchtender, dem wahren,

wirklichen Leben näher ist als die mancherlei

Abweichung ausgesetzte Lebenskurve.“[47]

Auf die Frage, welches die Beweggründe für Schreiben sein sollen bzw. für ihr Schreiben sind, fand Christa Wolf in den verschiedenen Zeiten ihres bisherigen Lebens unterschiedliche Antworten, die sich zwar nicht gegenseitig widersprechen, aber doch die Schwerpunkte anders setzen.

1965 sieht sie Schriftsteller durch den Sozialismus in die Lage versetzt, sich in ihren Werken mit dem ‚Wesentlichen’ der Industriegesellschaft zu befassen. „Das große Thema unserer Zeit ist: Wie aus der alten eine neue Welt aufsteigt.“[48] 1961 hatte sie den Sozialismus noch bestimmter im Zentrum der Schriftstellerarbeit verankert. Sie fragt sich in einem Essay, ob denn die jungen Literaten wirklich darum bemüht seien, sich als das ‚Kernstück der künftigen sozialistischen deutschen Nationalliteratur’ zu verstehen.[49] Es sei wichtig, die Ereignisse der sozialistischen DDR, den ‚provinziellen Gehalt’, so darzustellen, dass der Stoff in seiner nationalen – DDR und BRD beiderseits betreffenden – Bedeutsamkeit deutlich wird.

Diese stark staatliche Orientierung der Literatur differenzierte sie bereits in ihrem Essay „Lesen und Schreiben“ von 1968. Dort musste sie erkennen, dass die Wirklichkeit phantastischer, grausamer und zugleich wunderbarer war, als es Erfindung hätte sein können und dass diese Realität durch die neu aufkommenden Medien leicht zugänglich wurde. Die Methoden und die Aufgabengebiete der Prosaschreiber mussten sich demzufolge zwangsweise verändern und Christa Wolf sah deren neuen Schwerpunkt in die Verarbeitung subjektiver Elemente verlagert.

“[Prosa] sollte unbestechlich auf der einmaligen Erfahrung bestehen und sich nicht hinreißen lassen zu gewaltsamen Eingriffen in die Erfahrung der anderen, aber sie sollte anderen Mut machen zu ihren Erfahrungen.“[50] „[Jene Prosa dringt bei ihren Lesern bis ins] innerste Innere, dorthin, wo sich der Kern der Persönlichkeit bildet und festigt. (...) Das heißt, die Prosa kann sich nur mit gedanklichen Strömungen und gesellschaftlichen Bewegungen verbinden, die der Menschheit eine Zukunft geben, die frei sind von jahrhundertealten und den brandneuen Zauberformeln der Manipulierung und selbst das Experiment nicht scheuen. Das heißt, ich sehe eine tiefe Übereinstimmung zwischen dieser Art zu schreiben mit der sozialistischen Gesellschaft.“[51]

Die Hoffnung auf eine Bewegung hin zu dem idealisierten Sozialismus bestand also weiterhin, jedoch wird das Individuum mit seinen Erfahrungen Ausgangspunkt, von welchem aus die Einstellung und Erwartungshaltung an das Leben in Gesellschaft und Staat geformt werden sollen.

Bevor sie jedoch ihre Prosatheorie in „Lesen und Schreiben“ ausformuliert, widmet sich Christa Wolf bereits in ihrer Erzählung „Nachdenken über Christa T.“ diesem Thema, indem sie die Erzählerin über das Schreiben in ähnlicher Weise reflektieren lässt. Hier wird für Christa T. bereits deutlich, dass Bewältigung von Erfahrung die zentrale Kategorie des Erzählens ist.[52]

2.2.2. ‚Subjektive Authentizität’ – der Weg zum Ziel

In ihrem Gespräch mit Hans Kaufmann von 1973[53] erläutert Christa Wolf eine starke Motivation, Erfahrung literarisch zu bewältigen. Zur Anschauung wählt sie das Beispiel des Konfliktes zwischen ihrer Generation und der jüngeren Generation der Nachkriegszeit. Das Problem dieser jungen Menschen sei, so Wolf, „wie Leute wie wir, ihre Eltern, in dieser Zeit [gemeint ist der Nationalsozialismus] leben und vielleicht nicht einmal vom Gefühl eines andauernden Unglücks niedergedrückt sein konnten. ... Aber sie haben ein Recht, das zu verstehen, und wir haben die Pflicht, ihnen etwas darüber zu sagen – soweit wir können.“[54] Die letzten drei Worte verdeutlichen, dass diese schriftstellerische Arbeit ein Prozess ist, in dem beide Seiten – Autor wie Leser – nicht starr sind. Es soll das Ziel der älteren Generation sein, ihre eigene Geschichte erzählen bzw. erklären zu können, und damit der jüngeren Generation Antworten auf deren Fragen zu geben.

Allerdings lehnt Christa Wolf es ab, diese Schreibweise ‚subjektivistisch’ zu nennen. Natürlich wird ein Subjekt vorausgesetzt, allerdings sieht jenes bei der rückhaltlosen Annäherung an seinen Stoff eine veränderte Realität. Es werden Zusammenhänge erkannt, die erst aus dieser distanzierten Haltung deutlich werden können. Der Autor sehe, dass die gleiche Szene unter verschiedenen Umständen unterschiedlich erzählt werden müsse, und gelange somit zu der Erkenntnis, dass es nicht möglich sei, objektiv zu erzählen. Erzählen bedeute also „wahrheitsgetreu zu erfinden auf Grund eigener Erfahrung“.[55]

Dem lässt sich entnehmen, dass Elemente, die autobiographischen Ursprungs sind, nicht eingesetzt werden, damit der Autor seine individuelle Lebensgeschichte darstellt. Vielmehr liefern diese Elemente die Basis, auf derer das dargestellt bzw. verarbeitet werden soll, was eine Gesellschaftsgruppe oder gar eine ganze Generation in ihrem eigenen historischen Umfeld zu dem gemacht hat, was sie ist oder war. Die eigene Erfahrung wird also zum Objekt der Untersuchung gemacht. Dabei liegt der Fokus aber nicht darauf, das Unverwechselbare dieser Erfahrung darzustellen, sondern die paradigmatischen Elemente der Geschichte dieses Einzelnen herauszuarbeiten, die als ein Merkmal dessen dingfest gemacht werden können, was Gedanken und Entscheidungen der Menschen in dieser Gesellschaft und unter diesen Umständen bestimmen bzw. bestimmt haben.

Die Methode, die sie damit definiert hat, nennt Christa Wolf ‚subjektive Authentizität’.[56] Diese stelle eine produktive Auseinandersetzung mit der objektiven Realität dar, deren Existenz Wolf damit betont nicht bestreiten will. Es verhält sich im Gegenteil so, dass Wolf auf diese Art versuchen will, sich möglichst nahe an die empfundene und erlebte Realität heranzuarbeiten.

Zu Recht bezeichnet Baumer diese Art zu Schreiben als einen „Realismus, der die vollständige Einbeziehung des schreibenden Subjekts mit allen seinen Problemen, Nöten und Ängsten in die äußere Erfahrungswelt beinhaltet. Nur der Autor, der sich selbst schonungslos mit in seinen Stoff hineinnimmt, erreicht jene ‚subjektive Authentizität’, die Schreiben, so wie Christa Wolf es versteht, legitimiert.“[57]

Im Folgenden will ich untersuchen, wie Christa Wolf dies in ihrer Erzählung „Leibhaftig“ umgesetzt hat und mich insbesondere der Frage zuwenden, welche Rolle dabei die Krankheit einnimmt.

2.3. Die Erzählung „Leibhaftig“

2.3.1. Entstehungshintergrund

Unter 2.1.4. wurde bereits erläutert, dass Christa Wolf ihr Ideal des sozialistischen Staates schrittweise aufgeben musste. Wenn sie sich auch immer mehr von der Form der praktischen Umsetzung dieser Staatstheorie durch die Partei und all ihrer Organe entfernte, so blieb sie doch lange Zeit wenigstens theoretisch der Idee des Sozialismus verpflichtet. Ende der 80er Jahre kam dann aber der Zusammenbruch der DDR, und 1989, kurz nachdem Wolf aus der SED ausgetreten war, die endgültige Auflösung des Staates. Spätestens jetzt war alle Hoffnung, die Christa Wolf mit dem Sozialismus verbunden hatte, zunichte gemacht worden. Der Sozialismus fand sein Ende und all die Mühe der letzten Jahrzehnte löste sich im Nichts auf.

[...]


[1] Christa Wolf: Über Sinn und Unsinn von Naivität. In: Christa Wolf: Die Dimension des Autors. Auswahl: Angela Drescher. Frankfurt am Main. 1990. (Im Folgenden: Dimension des Autors). Band 1. S. 42ff.

[2] Ebd., S. 45

[3] Christa Wolf: Leibhaftig. München. 2002. (Im Folgenden: Leibhaftig)

[4] Christa Wolf: Der geteilte Himmel. München. 2001.

[5] Christa Wolf: Moskauer Novelle. In: Christa Wolf: Erzählungen 1960-1980. München. 2002.

[6] Christa Wolf: Nachdenken über Christa T. München. 2002. (Im Folgenden: Christa T.)

[7] Christa Wolf: Störfall. Nachrichten eines Tages. München. 2001.

[8] C. G. Jung (Hrsg.): Der Mensch und seine Symbole. Düsseldorf. 1995.

[9] Thorwald Dethlefsen/Ruediger Dahlke: Krankheit als Weg. München. 2000. (Im Folgenden: KaW). Sowie: Ruediger Dahlke: Krankheit als Sprache der Seele. München. 1997. (Im Folgenden: SdS). Sowie: Ruediger Dahlke: Krankheit als Symbol. München. 2000. (Im Folgenden: KS)

[10] Jörg Magenau: Christa Wolf. Eine Biographie. Berlin. 2002. (Im Folgenden: Magenau) S.18f.

[11] Ebd., S. 22

[12] Zum ist Beispiel der Satz „Ich scheiß auf euren Führer“ übermittelt, den die Mutter sagte, als der Briefträger 1939 ihrem Ehemann den Einberufungsbescheid überbrachte. Siehe Magenau, S. 23f.

[13] Ebd., S. 21

[14] Christa Wolf: „Das Milieu, das ich in ‚Kindheitsmuster’ beschrieben habe, ist authentisch. Die äußeren Umstände, unter denen ich aufgewachsen bin, kann man schon daraus abziehen.“ In: Unerledigte Widersprüche. Gespräch mit Therese Hörnigk. In: Christa Wolf. Werke. Hrsg.: Sonja Hilzinger. München. 2001. (Im Folgenden: Werke). Band 12. S. 53.

„Das Mädchen, das sie einmal war und das ihr nun in der Erinnerung wiederbegegnete, erschien ihr ... so fremd, dass sie ihm einen anderen Namen gab: Nelly Jordan. Nur so, indem sie die eigene Herkunft von sich weghielt, konnte sie sich ihr nähern. Nur so ließen sich Aussagen treffen über die Kindheit im Nationalsozialismus und die Prägungen, die daraus resultierten: eine durchschnittlich angepasste, durchschnittlich glückliche Kindheit, in einer durchschnittlichen Provinzstadt in einer außerordentlichen Epoche.“ Magenau, S. 20

[15] Christa Wolf: Kindheitsmuster. München. 2002. (Im Folgenden: Kindheitsmuster). S. 73f.

[16] Magenau, S. 26

[17] Diese Möglichkeit des Hinterfragens erkannte sie bei anderen: „Und doch erinnert sie sich an das Gespräch mit Freundin Helga auf dem Schulhof, in dem die beiden Mädchen, etwa 10 Jahre alt, sich kopfschüttelnd darüber verwunderten, dass es so viele Menschen gebe, die eben nicht glaubten, was der Lehrer sagte.“ Magenau, S. 27

[18] Magenau, S. 26

[19] Magenau, S. 36

[20] Magenau, S. 37

[21] „jene[r] Reiter aus der Ballade Gustav Schwabs, der, als er erfährt, dass er soeben quer über den zugefrorenen See geritten ist, vor Schreck tot vom Pferd fällt.“ Ebd.

[22] Kindheitsmuster, S. 482

[23] Magenau, S. 37

[24] Magenau, S. 41

[25] Erfahrungsmuster. Diskussion zu Kindheitsmuster. 1975. In: Dimension des Autors. Band 2. S. 832f.

[26] Kindheitsmuster, S. 230

[27] Franz Baumer: Christa Wolf. Berlin. 1996. (Im Folgenden: Baumer). S. 9

[28] Baumer, S. 9f.

[29] Christa Wolf: Dankrede für den Geschwister-Scholl-Preis. 1987. In: Werke. Band 12. S. 104

[30] Magenau, S. 27

[31] Besonders der Kreis um den bekannten Literaturwissenschaftler Hans Mayer ist hier gemeint. Siehe: Baumer, S. 20.

[32] Baumer, S. 23

[33] Christa Wolf: Lesen und Schreiben. 1968. (Im Folgenden: L&S)

In: Dimension des Autors. Band 2. S. 463ff.

[34] L&S., S. 474

[35] L&S. S. 475

[36] L&S. S. 490

[37] L&S. S. 491

[38] Baumer, S. 24. Hier sind die Postulate des ungarischen Kulturphilosophen und marxistischen Literaturtheoretikers, Kritikers und Ästhetikers Georg Lukács gemeint, denen sich Christa Wolf anfangs verschrieb. Später aber, so auch schon zur Zeit des Essays ‚Lesen und Schreiben’ entwickelte sie ihren eigenen Anspruch an Prosa.

[39] Sonja Hilzinger: Christa Wolf. Stuttgart. 1986. (Im Folgenden: Hilzinger)

[40] Magenau, S. 105

[41] Projektionsraum Romantik. Gespräch mit Frauke Meyer-Gosau. 1982. In: Dimension des Autors. Band 2. (Im Folgenden: Projektionsraum Romantik). S. 878

[42] Magenau, S. 274ff.

[43] So verließen beispielsweise Sarah Kirsch die DDR im Jahr 1977 und Günter Kunert 1979.

[44] Magenau, S. 311

[45] Projektionsraum Romantik. S. 892f.

[46] Christa Wolf: Sprache der Wende. Rede auf dem Alexanderplatz. 4. November 1989. In: Werke. Band 12. S. 182ff.

[47] L&S, S. 467f.

[48] Christa Wolf: Einiges über meine Arbeit als Schriftsteller. 1965. In Dimension des Autors. Band 1. S. 11ff.

[49] Christa Wolf: Probleme junger Autoren. 1961. In Dimension des Autors. Band 1. S.381

[50] Ebd. S. 481

[51] Ebd. S. 490f.

[52] Hilzinger, S. 46ff.

[53] Subjektive Authentizität. Gespräch mit Hans Kaufmann. In: Dimension des Autors. Band 2. S. 773ff. (Im Folgenden: SA)

[54] Ebd. S. 786

[55] L&S, S. 481

[56] SA, S. 780f.

[57] Baumer, S. 26

Details

Seiten
118
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640213177
ISBN (Buch)
9783640213269
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v117909
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
2,0
Schlagworte
Krankheit Metapher Christa Wolfs Erzählung Leibhaftig

Autor

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Titel: Krankheit als Metapher in Christa Wolfs Erzählung "Leibhaftig"