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Die Arbeit der deutsch-polnischen Schulbuchkommission und ihr historischer Kontext mit besonderem Schwerpunkt auf die Rezeption der Empfehlungen von 1976 in Deutschland

Essay 2008 16 Seiten

Kulturwissenschaften - Osteuropa

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hintergrund, Bildung und Arbeit der deutsch-polnischen Schulbuchkommission

3. Determinanten der Empfehlungen

4. Die Empfehlungen und die deutsche Reaktion

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Über 30 Jahre nach der Veröffentlichung der „Empfehlungen für die Schulbücher der Geschichte und Geographie in der Bundesrepublik Deutschland und in der Volksrepublik Polen“ durch die gemeinsame deutsch-polnische UNESCO-Schulbuchkommission im Jahre 1976 sind sowohl die Kommission als auch das von ihr herausgegebene, kontrovers aufgenommene Papier selbst ein Stück deutsch-polnische Geschichte.

Trotz der auf den ersten Blick augenscheinlichen Spezifik des Themas „Schulbuchrevision“ spiegeln sich in der Arbeit der Kommission kondensiert die Grundprobleme der über tausendjährigen deutsch-polnischen Nachbarschaftsgeschichte wieder. In der hier im Zentrum stehenden Aufnahme der Empfehlungen in Öffentlichkeit und Politik Deutschlands Mitte der Siebziger Jahre lässt sich aus der historischen Distanz eine Momentaufnahme der Beziehungen Bonns und Warschaus unter den Bedingungen des Kalten Krieges erstellen. Nebenbei gibt ein Blick auf die Empfehlungen auch über das in den Siebziger Jahren vorherrschende Geschichtsdidaktikverständnis in Deutschland und Polen Auskunft. Man mag sogar soweit gehen, als Entstehungsgrund und -inhalt der Empfehlungen die beginnende Abkehr der (deutschen) Geschichtswissenschaft vom Leitkonzept der Nationalgeschichte zu differenzierteren Formen einer beziehungs-geschichtlich bis zu transnational orientierten Geschichtsschreibung zu sehen.[1]

Die schließlich 1976 veröffentlichten 26 Empfehlungen stellen keine wissenschaftliche Arbeit im strengen Wortsinn dar, sondern sind eher als kurze Thesen, am ehesten noch vergleichbar mit Handbuchartikeln, aufzufassen. Innerhalb dieser waren es vor allem fünf Konfliktfelder, über die auch die konsensorientierten Geschichtswissenschaftler und Geographen keinen gemeinsamen Standpunkt finden konnten: Das erste ist die Besiedelung des (heutigen) polnischen Nordens durch deutschstämmige Siedler. Den zweiten Bereich stellt die Expansion durch den Deutschen Orden ausgehend von den heute deutschen Territorien gen Osten im Mittelalter dar. Über die Politik des Königreichs Preußen im 18. Jahrhundert und die Auflösung des polnischen Staates im Zuge der Teilungen wurde ebenfalls intensiv debattiert. Der vierte Problemkomplex bestand in der Gründung des neuen polnischen Staates nach dem 1. Weltkrieg, was eine Vielzahl von Fragen hinsichtlich nationaler Zugehörigkeiten und Identität aufwarf, die mit der neuen Grenzziehung verknüpft waren. Die grundsätzliche Betrachtung des Zweiten Weltkrieges als letztes großes Konfliktfeld hingegen war besonders hinsichtlich Schuldfrage und Verlauf weniger umstritten als man hätte annehmen können, doch ließen sich fundamentale Deutungsunterschiede der Aussiedlung der deutschstämmigen Bevölkerung aus Polen nach 1945 nicht leugnen oder beschönigen, was weiter unten noch eingehender betrachtet wird.

Die Schulbuchkommission kam nach Sichtung vorhandenen Schulbuchmaterials, das obige Konfliktfelder behandelt, zu dem Schluss, dass in deutschen Geschichts-darstellungen die eigenständigen Kulturleistungen der Polen häufig zu kurz kämen, während in den polnischen Pendants Deutschland primär als dominanter und expansiver Aggressor dargestellt würde.

2. Hintergrund, Bildung und Arbeit der deutsch-polnischen Schulbuchkommission

Es war keine gesellschaftliche Bewegung, die eine Korrektur der gegenseitigen Darstellung Deutscher und Polen im jeweiligen Schulunterricht forderte. Die Initiative kam direkt „aus der Politik“ und der deutsch-polnischen Diplomatie. Den (weltpolitischen) Kontext für die Aufnahme der Arbeit der deutsch-polnischen Schulbuchkommission bildete dabei die Neuorientierung der deutschen Außenpolitik gegenüber den Staaten des Ostblocks Ende der Sechziger Jahre, die als „Neue Ostpolitik“ untrennbar mit der Regierung Brandt verknüpft ist. Der bisherigen Politik der Hallstein-Doktrin und dem Primat der deutschen Einigung vor allen weiteren deutschland- und ostpolitischen Fragen wurde nun die Annahme entgegengesetzt, dass die Herrschaft der Sowjetunion über Ostmitteleuropa ein wenn auch unerwünschtes, aber trotzdem existierendes Faktum sei. Brandt und seine Berater waren der Meinung, dass dieser Zustand und damit auch die Überwindung der deutschen Teilung nur durch eine Politik der kleinen Schritte und gegenseitigem Werben um Vertrauen überwunden werden könnte.

In Bezug auf Polen wurde daraufhin im Warschauer Vertrag von 1970 durch die Bundesrepublik der status quo der Oder-Neiße-Grenze bestätigt, wobei die völkerrechtliche Verbindlichkeit dieses Abkommens unterschiedlich beurteilt wurde. Der Vertrag schuf jedoch eine Atmosphäre, in der beide Seiten zu ersten Schritten einer Verständigung kommen konnten. In Art. III Abs. 2 des Abkommens stimmten beide Parteien zudem explizit einer „Erweiterung ihrer Zusammenarbeit im Bereich der [...] wissenschaftlichen [...] Beziehungen“ zu.

Die gemeinsame Deutsch-Polnische Schulbuchkommission nahm darauf aufbauend schließlich im Februar 1972 nach Initiative der deutschen und der polnischen UNESCO-Kommission ihre Arbeit auf. Ihre erste Konferenz fand somit noch vor der Ratifizierung des Warschauer Vertrages statt! Den Vorsitz hatte auf deutscher Seite bis zu seinem Tod im Jahr 1974 Georg Eckert inne; das später nach ihm benannte Institut für Internationale Schulbuchforschung in Braunschweig koordiniert die Arbeiten der Kommission auf deutscher Seite bis heute. Auf polnischer Seite stand der Kommission Władisław Markiewicz (Polnische Akademie der Wissenschaften / Universität Warschau) vor. Die Arbeit der polnischen Kommissionsmitglieder wurde vom polnischen Ministerium für Bildung und Erziehung organisiert. Die Mitglieder der gesamten Kommissionen kamen aus verschiedenen Bereichen, so dass auf die Expertise von Historikern, Pädagogen, Schulbuchautoren und Bildungspolitiker zurückgegriffen werden konnte.[2] Die Liste der Teilnehmer zeigt, wie sehr bei der Organisation der gemeinsamen Schulbucharbeit darauf geachtet wurde, die Ergebnisse durch die Einbeziehung verschiedener Seiten auf eine breite Grundlage zu stellen, um so ihre spätere Umsetzung in die Praxis zu vereinfachen.

Zwischen 1972 und 1976 wurden abwechselnd in Polen und Deutschland Schulbuch-konferenzen organisiert, deren Ergebnis die im Anschluss an die neunte Tagung im Jahr 1976 veröffentlicht wurde. Die Kommission trifft sich aufgrund der guten Erfahrungen bis heute weiterhin, um den wissenschaftlichen Austausch über geschichtsdidaktische Fragen fortzusetzen. 2001 wurde eine überarbeitete Version der Empfehlungen in völlig anderer Form verabschiedet.

[...]


[1] Jeismann, Karl-Ernst: Zur Problematik der Kritik internationaler Schulbuchempfehlungen, in: in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht (3) 1982, S. 147. (Jeismann, 1982)

[2] Einer der Gegner der Empfehlungen aus dem wissenschaftlichen Bereich, Josef Joachim Menzel, kritisierte die Zusammensetzung der Kommission nach politischen Motiven (SPD-lastig). Dieser Vorwurf konnte hier nicht überprüft werden – es ist jedoch nicht auszuschließen, dass er hier auf einen Schwachpunkt der gemeinsamen Kommission verweist. Siehe: Menzel, Josef Joachim: Kritik und Alternativen der deutsch-polnischen Schulbuchempfehlungen, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht (3) 1982, S. 132f. (Menzel, 1982)

Details

Seiten
16
Jahr
2008
ISBN (Buch)
9783640208647
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v117834
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Historisches Seminar, Abteilung für Osteuropäische Geschichte
Note
1,3
Schlagworte
Arbeit Schulbuchkommission Kontext Schwerpunkt Rezeption Empfehlungen Deutschland Magisterabschlussprüfung)

Autor

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Titel: Die Arbeit der deutsch-polnischen Schulbuchkommission und ihr historischer Kontext mit besonderem Schwerpunkt auf die Rezeption der Empfehlungen von 1976 in Deutschland