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Die Darstellung behinderter Menschen in den Medien

Eine Inhaltsanalyse der Berichterstattung der Jahrgänge 1993 und 2002 der Leipziger Volkszeitung

Diplomarbeit 2005 102 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Die Begriffsdefinitionen und Klassifizierungen der Behinderungen und der Massenkommunikati
1.1 Eine Annäherung an den Behinderungsbegriff
1.1.1 Das Krankheitsfolgenmodell der Weltgesundheits- organisation (WHO)
1.1.2 Die Definition des Behinderungsbegriffes laozialgesetzbuch Neuntes Buch der Bundesrepublik Deutschla
1.1.3 Die Klassifizierung der Behinderungsar
1.2 Die Grundlagen der Massenkommunikation
1.2.1 Die Definition eines Massenmediums
1.2.2 Die Terminologie und Komponenten einer Massen- kommunikation
1.3 Eine Typisierung von Medi
1.3.1 Die Broadcast-Medi
1.3.2 Die Printmedien
1.3.3 Die Neuen Medien

2 Die Theorie der Inhaltsanalyse
2.1 Die historische Entwicklung
2.2 Die theoretischen Grundlag
2.2.1 Die Definition der Metho
2.2.2 Die Qualitativ-Quantitativ Debatt
2.2.3 Die Probleme inhaltsanalytischer Verfahren

3 Die praktische Umsetzung der Inhaltsanalyse
3.1 Der Entdeckungszusammenh
3.1.1 Die Bestimmung des Forschungsinhaltes und der Zielstellung der Untersuchu
3.1.2 Die Typologie der Inhaltsanalyse
3.1.3 Die Auswahl des Messverfahrens
3.1.4 Die Bestimmung des Untersuchungsmaterials
3.2 Der Begründungszusammenhang
3.2.1 Die Ableitung der Hypothesen
3.2.2 Die Operationalisierung der Hypothesen und Erstellung von Indikatoren
3.2.3 Die Wahl des inhaltsanalytischen Verfahre
3.2.4 Das Codebuc
3.2.5 Die Datenerhebun
3.2.6 Die Bereinigung und Auswertung der Date

4 Die Datenanalyse und Ergebnispräsentation
4.1 Die Vorgehensweise und Auswahl der Darstellungsfor
4.2 Die allgemeine Entwicklung des Nutzungsverhaltens ost- deutscher regionaler Abonnement-Tageszeitungen von 1991-2004
4.3 Die Ergebnisse der Untersuchungskategori
4.3.1 Die Gesamtmenge der zum Thema gefundenen Artikel und Bilder pro Jah
4.3.2 Die Positionierung der Artikel in der Gesamtausg
4.3.3 Der Vergleich der Häufigkeiten der verschiedenen Artikel- arten pro Jahr
4.3.4 Die Relevanzmessung anhand der Gesamtartikelfläc
4.3.5 Die Anzahl der Zitate und Zusammensetzung der zitierten Persone
4.3.6 Die Bezugnahme auf rechtliche Regelunge
4.3.7 Die behinderten Menschen als Opfer von Gewaltverbrechen und Unfällen
4.3.8 Die bildhafte Darstellung behinderter Menschen anhand von Analog
4.3.9 Die Berücksichtigung der Behinderungsarten in der Bericht- erstattu
4.4 Eine Gesamtbetrachtung der Ergebnisse und Modifizierung der Hypothesen

5 Die Diskussion der Ergebnisse
5.1 Das Ausmaß der Berichterstattung apiegel gesellschaft- licher Akzeptanz behinderter Mensch
5.2 Die Behinderung als Titelstory
5.3 Die Wertschätzung durch Wortwahl
5.4 Mitleid odachlichkeit? - Das Erscheinungsbild der Berichterstattun
5.5 Reproduktion der Ereignisse oder taatsgewalt? - Die Aufgaben einer Tageszeitungen
5.6 Die behinderten Menschen und das Maß an medialer Aufmerksamkei
5.7 Die Verhältnismäßigkeit der Problemgewichtung in der gesamten Berichterstattu

Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abbildung 1: Handicaps Creation Process

Abbildung 2: Phasenmodell zum Verhältnis qualitativer und quantitativer Analyse

Abbildung 3: Ablaufplan für die Durchführung einer Inhaltsanalyse

Abbildung 4: Positionierung der Artikel in der Gesamtausgabe

Abbildung 5: Vergleich der verschiedenen Artikelarten pro Jahr

Abbildung 6: Gesamtartikelfläche im Jahresvergleich

Abbildung 7: Zitatanzahl der verschiedenen Personengruppen im Vergleich

Abbildung 8: Berichterstattung nach Behinderungsarten im Jahres- vergleich

Tabelle 1: Artikel- und Bilderanzahl zu behindertenspezifischen

Themen im Jahresvergleich

Einleitung

Mitte 2001 erfolgte mit der Herausgabe des Neunten Buches des Sozialgesetzbuches (SGB IX) die sozialrechtliche Reform zugunsten behinderter Menschen in Deutschland. Ein Jahr darauf, mit der Einführung des neuen Behindertengleichstellungsgesetzes (BGG), wurden Neuregelungen auch über den sozialrechtlichen Bereich hinaus formuliert. Im Jahr 2003 rief die Europäische Union das Europäische Jahr der Menschen mit Behinderungen aus. Ein erklärtes Ziel dieser Maßnahme ist „Die Verbesserung der Kommunikation über die Behinderung und Förderung einer positiven Darstellung der Menschen mit Behinderungen“ (Rat der Europäischen Union, S. 1).

Offensichtlich wurde viel unternommen, um behinderten Menschen die gleichen Voraussetzungen für ein gleichberechtigtes Zusammenleben in unserer Gesellschaft zu geben wie nicht behinderten Menschen.

Im Rahmen meines Studiums an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig (FH) entschloss ich mich bereits in einem frühen Stadium für den Schwerpunkt Gesundheit und Rehabilitation. Erste Anregungen zum Thema meiner Diplomarbeit fand ich während der studentischen Praktika in einer Werkstatt für behinderte Menschen der Arbeiterwohlfahrt. Dort gelang es mir, einen ersten Kontakt mit behinderten Menschen zu knüpfen. Im nächsten halben Jahr machte ich für mich sehr prägende Erfahrungen mit diesen Menschen. Während dieser Zeit fiel mir eine sehr respektvolle Haltung meines privaten Umfeldes in Bezug auf meine Tätigkeit in der Werkstatt auf. Viele fanden mein Engagement bewundernswert, erwähnten aber sogleich, dass sie sich diese Arbeit nicht zumuten würden.

Durch die praktische Arbeit wuchs mein Interesse für das Verhältnis der Gesellschaft gegenüber der Randgruppe behinderter Menschen. In Folge dessen erhöhte sich meine Aufmerksamkeit gegenüber der Berichterstattung der regionalen Presse zum Thema Menschen mit Behinderungen. Ich wollte erfahren, wie andere Menschen mit diesem Thema umgehen und in welchem Maße Medien für diese beobachtete Distanziertheit der Menschen gegenüber der Thematik verantwortlich sein könnten.

Auf Grund der anfangs genannten Initiativen der Europäischen Union und der Bundesregierung nahm ich an, dass sich dies auch in der medialen Berichterstattung niederschlagen würde. So reifte in mir der Gedanke, einen Vergleich vorzunehmen. Es schien sehr interessant zu sein, was sich in den letzten Jahren der Berichterstattung verändert hat. Somit entschied ich mich für einen inhaltlichen Vergleich der Darstellung behinderter Menschen in den Jahren 2002 und 1993. Als methodischen Weg wählte ich die massenmediale Inhaltsanalyse.

Im Laufe meiner weiteren Überlegungen entschloss ich mich für ein regionales Medium, die Leipziger Volkszeitung.

Die Entscheidung für eine regionale Tageszeitung fällte ich vor dem Hintergrund, dass sich meine berufliche Laufbahn in diesen Breiten entwickeln und mir somit einige Arbeitsansätze für den Umgang mit behinderten Menschen aus der Region liefern könnte.

1 Die Begriffsdefinitionen und Klassifizierungen der Behinderungen und der Massenkommunikation

1.1 Eine Annäherung an den Behinderungsbegriff

Mit dem Wort Behinderung besitzt die deutsche Sprache eine Begrifflichkeit, unter der sich viele Menschen unserer Gesellschaft etwas vorstellen können. Oder zumindest denken sie zu wissen, was damit gemeint sein soll. Es handelt sich um ein Wort, welches die Menschen in ihrem Alltag oft gebrauchen. Es wird als Inbegriff von Andersartigkeit benutzt und als Ausdruck dafür, in körperlichen und/oder geistigen Belangen nicht mit dem Gros der Gesellschaft konform zu gehen. Man ist in verschiedenen Bereichen des Lebens behindert. Die Handicaps werden im Alltag des Einzelnen, aber auch im gesellschaftlichen Miteinander deutlich. Der Terminus im sozialen Sinn definiert einen Zustand, bei dem man auf Grund seiner geistigen oder körperlichen Entwicklung in seinem Tun und im gesellschaftlichen Kontext des alltäglichen Lebens teilweise auf spezielle Hilfestellungen angewiesen ist. Er erfordert ein höheres Maß an Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme seiner Mitmenschen, um im gesellschaftlichen Miteinander nicht am Rand zu stehen.

Doch wann ist man behindert? Welche Merkmale klassifizieren einen solchen Menschen? Im folgenden Abschnitt wird auf dieses Thema näher eingegangen.

1.1.1 Das Krankheitsfolgenmodell der Weltgesundheitsorganisation (WHO)

Bis Anfang der achtziger Jahre wurde eine Behinderung als etwas Absolutes aufgefasst. Es herrschte die Meinung vor, ist man behindert, wirkt sich dies auf alle erdenklichen Lebensbereiche aus. Die Geltung umfasste alle Lebenslagen. Die Umweltbedingungen, insbesondere gesellschaftliche Einstellungen und Verhalten gegenüber den betroffenen Menschen, nehmen in modernen Ansätzen zur Definition des Begriffs einen größeren Raum ein.

Vor allem der WHO ist es zu verdanken, dass Menschen mit Behinderungen nun differenzierter betrachtet werden. Ausgangspunkt für diese neue relativierte Betrachtungsweise ist das so genannte Krankheitsfolgenmodell der WHO in seiner zweiten Fassung aus dem Jahr 2001. Dieses wurde veröffentlicht im ICIDH 2, der International Classification of Functioning, Disability and Health. Die offizielle deutschsprachige Übersetzung dieses Dokumentes, die so genannte Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) ist seit Oktober 2004 auf der Internetseite des Deutschen Instituts für medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) erhältlich und dient im Folgenden als Grundlage meiner Ausführungen.

Den Kern des oben genannten Modells bilden vier Begrifflichkeiten:

a) Schädigung: Beeinträchtigung einer Körperfunktion oder -struktur im Sinn einer wesentlichen Abweichung oder eines Verlustes,
b) Beeinträchtigung der Aktivität: Aus der Schädigung resultierende Schwierigkeit oder Unmöglichkeit, eine Aufgabe oder Tätigkeit durchzuführen,
c) Beeinträchtigung der Partizipation: Ein nach Art und Ausmaß bestehendes Problem einer Person bezüglich ihrer Teilhabe in einem Lebensbereich bzw. einer Lebenssituation,
d) Umweltfaktoren: Sie beziehen sich auf die physikalische, soziale und Einstellungsbezogene Umwelt, in der die Menschen ihr Leben gestalten.

Der Behinderungsbegriff kommt in dieser Definition nicht mehr vor. Inhalt dieses Modells ist vor allem die Erkenntnis, dass man als Mensch nur in bestimmten Lebenssituationen behindert ist. Anteilig maßgebend dafür sind vorherrschende Risikofaktoren, die Funktionsweise des menschlichen Körpers und seine individuellen Möglichkeiten, gesellschaftliche Rahmenbedingungen und der Zustand der physikalischen Umwelt des Betroffenen. Verdeutlichen möchte ich diese Behauptung anhand des Handicaps Creation Process.

Dieser wurde von der Canadian Society for the ICIDH (CSICIDH) als revidierte Fassung des Krankheitsfolgenmodells herausgebracht, ein Kernstück davon stellt das Konzept der handicap-Situationen dar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Handicaps Creation Process (Quelle: SCHUNTERMANN, Abbildung 5, S. 69, in Siek et al, 1994)

1.1.2 Die Definition des Behinderungsbegriffes laut Sozialgesetzbuch Neuntes Buch der Bundesrepublik Deutschland

Eine weitere Definition für den Begriff Behinderung liefert die deutsche Gesetzgebung. Im Sozialgesetzbuch Neuntes Buch, welches die Teilhabe und Rehabilitation behinderter Menschen in Deutschland regelt, heißt es dazu:

„Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist. Sie sind von Behinderung bedroht, wenn die Beeinträchtigung zu erwarten ist“ (Sozialgesetzbuch Neuntes Buch, § 2 Satz 1).

Bei dieser Definition stehen die physischen, psychischen und seelischen Abweichungen eines Menschen vom idealtypischen Erscheinungsbild eines gleichaltrigen Vergleichssubjektes im Vordergrund. Im Gegensatz zur Begriffsbestimmung der WHO finden Aspekte wie gesellschaftliche Rahmenbedingung und die physikalischen Begleitumstände der Umwelt des behinderten Menschen keine Beachtung. Bei diesem Modell werden diese Merkmale bei der Beurteilung des Behinderungsstatus eines Menschen nicht mit einbezogen.

1.1.3 Die Klassifizierung der Behinderungsarten

Die grobe Einteilung der Behinderungsarten erfolgt in folgende Kategorien:

e) körperliche Behinderung,

f) Sinnesbehinderung,

g) psychische (seelische) Behinderung,

h) Lernbehinderung und

i) geistige Behinderung.

Außerdem existiert noch der Begriff der Mehrfachbehinderung. Dieser beinhaltet Mischformen von Behinderungen, wie zum Beispiel das gleichzeitige Vorhandensein einer geistigen und körperlichen Behinderung (vgl. Wikipedia, 2005a).

Noch eine Bemerkung zum Begriff der chronischen Erkrankungen: Es gibt keinen Unterschied zwischen dem Status eines behinderten und dem eines chronisch kranken Menschen. In Folge dessen musste das Thema so eingeschränkt werden, dass Suchtkrankheiten keine Beachtung hinsichtlich der Datenerhebung finden. Diese Entscheidung erfolgte unter Beachtung des angemessenen quantitativen Rahmens einer Diplomarbeit.

Eine weitere Minimierung der Auswahl würde jedoch den empirischen Charakter der Arbeit deutlich minimieren.

1.2 Die Grundlagen der Massenkommunikation

Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass es mir nicht möglich ist, im Rahmen dieser Arbeit detailliert auf den komplexen Sachverhalt der Massenkommunikation einzugehen. Dieser Abschnitt soll dem Leser ein gewisses Grundverständnis über die Terminologie und die Grundbegriffe eines massenkommunikativen Prozesses vermitteln und somit zum Gesamtverständnis meiner Ausführungen beitragen.

1.2.1 Die Definition eines Massenmediums

Um den Begriff zu klären, zerlege ich das Wort in seine Bestandteile Massen und Medium. Viele Kommunikationswissenschaftler haben sich bereits mit der Bedeutung und der Erklärung dieses Terminus befasst. Einer von ihnen ist Gerhard MALETZKE.

Er beschreibt ein Medium als „...die technischen Mittel oder Instrumente, die der Verbreitung von Aussagen dienen“ (1998, S. 51). Im Falle meiner Thematik sind damit die so genannten Printmedien, das bedruckte Papier in der Erscheinungsform als Tageszeitung, gemeint.

Masse ist durch verschiedene soziologische Definitionen definiert. Wie aber bezeichnet man eine Gesamtheit von Menschen, die sich alle gemeinsam ein und demselben Medium zuwenden, in diesem Fall einer Tageszeitung?

Hierfür hat sich die Bezeichnung des dispersen Publikums durchgesetzt. Gemeint ist damit in Anlehnung an den Massenbegriff ein fein verteiltes Publikum (vgl. Wikipedia, 2005b).

MALETZKE nennt in seinem Buch drei Merkmale für solch ein Publikum:

j) Es handelt sich um eine Gruppe Menschen, die sich durch gemeinsame Zuwendung zu einem gemeinsamen Gegenstand kennzeichnen, in diesem Fall den Aussagen eines Massenmediums.

k) Die Aussagevermittlung geschieht nicht durch direkte und persönliche Kommunikation, sondern über ein Massenmedium.

l) Die Individuen der Masse sind räumlich voneinander getrennt oder treten höchstens in kleineren Gruppen auf. Damit gemeint sind Partnerschaften und Familien, welche sich ein und demselben Massenmedium zuwenden oder aber auch Betriebsangehörige, in deren Firma eine bestimmte Form der Massenkommunikation stattfindet und alle gemeinschaftlich daran teilhaben.

Kennzeichnend für ein disperses Publikum ist zudem die Zughörigkeit zu verschiedenen sozialen Schichten, es variiert in seinen Interessen, Einstellungen, Lebensweisen-es ist in vielen Belangen inhomogen (vgl. MALETZKE, 1963, S. 24 ff.).

1.2.2 Die Terminologie und Komponenten einer Massenkommunikation

Um nahtlos an die oben gemachten Aussagen anknüpfen zu können, sollen die beteiligten Faktoren einer Massenkommunikation genannt sowie eine terminologische Bestimmung des Begriffes vorgenommen werden.

Es gibt verschiedene Abhandlungen, weitgehend identifizieren konnte ich mich mit den Ausführungen von MALETZKE (1963) zu diesem Thema:

„Unter Massenkommunikation verstehen wir jene Form der Kommunikation, bei der Aussagen öffentlich (also ohne begrenzte und personell definierte Empfängerschaft) durch technische Verbreitungsmittel (Medien) indirekt (also bei räumlicher oder zeitlicher oder raumzeitlicher Distanz zwischen den Kommunikationspartnern) und einseitig (also ohne Rollenwechsel zwischen Aussagendem und Aufnehmenden) an ein disperses (im soeben erläuterten Sinne) vermittelt werden“ (MALETZKE, 1963, S. 32).

In seinem Buch Kommunikationswissenschaften im Überblick aus dem Jahre 1998 verweist der Autor auf die heute noch weit verbreitete Akzeptanz und Gültigkeit dieser Definition (vgl. MALETZKE, 1998, S. 45 f.).

Der massenkommunikative Prozess besteht aus vier Faktoren. Es handelt sich um den

m) Kommunikator,

n) welcher eine Aussage macht,

o) sie über ein Medium verbreitet,

p) und letztendlich einen Rezipienten erreicht.

In meiner Diplomarbeit möchte ich besonders auf die Komponente der Aussage eingehen und erforschen, in wie weit es über einen Zeitraum von zehn Jahren qualitative und quantitative Veränderungen in Hinblick auf die Berichterstattung über behinderte Menschen in unserer Gesellschaft gegeben hat.

1.3 Eine Typisierung von Medien

Dieses Schrittes bedarf es, um eine Abrundung des Themenkomplexes zu erreichen und die oben genannten Theorien anhand der verschiedenen Medientypen etwas bildlicher und damit dem Leser verständlicher zu machen.

1.3.1 Die Broadcast-Medien

Eine Mediengruppe ist die Gruppe der flüchtigen, einmaligen Veröffentlichungen. Diese können zum Beispiel mit Hilfe der Broadcast-Medien geschehen. Broadcast kann man mit Sendung übersetzen (Übersetzung: J. SCHUBERT). Dabei handelt es sich um Publikationen im Fernsehen und im Rundfunk, aber auch durch öffentliche Aufführung (Rede, Ausstellung, Vortrag, Theater, Konzert). Es werden hierbei Informationen an eine Vielzahl von Empfängern gesendet. Entscheidend sind die Merkmale der Empfängerschaft, die nicht als in sich geschlossene Gruppe (Familie, Firmenangehörige) definiert ist, sondern ein breites Spektrum an Rezipienten in der Öffentlichkeit bietet (vgl. Wikipedia, 2005c).

1.3.2 Die Printmedien

Bei Printmedien handelt es sich um gedruckte Informationen. Man bezeichnet sie auch als klassische Medien. Dazu gehören Zeitungen, Zeitschriften, Bücher, Kataloge, geografische Karten und Pläne, aber auch Postkarten, Kalender, Poster, und Plakate. Eine besondere Gruppe der Printmedien sind die so genannten Grauen Schriften. Damit sind Publikationen gemeint, die außerhalb des Buch- und Zeitschriftenmarktes herausgegeben werden, zum Beispiel Hochschulschriften. Beachtlich ist auch der große Anteil an Werbung (vgl. ebd.).

1.3.3 Die Neuen Medien

Neue Medien greifen auf digitalisierte Daten zurück, dazu gehören zum Beispiel CD- ROMs, DVDs, E-Bücher oder Web-Publikationen. Zu den Eigenschaften dieser Medien zählen rechnergestützte Handhabung, vorliegende digitale Daten und Interaktivität bei der Aufnahme der Informationen. Durch ineinander überführbare Medienformate (vgl. PDF = portable document format: übertragbares Dokumenten- format; Übersetzung: Wikipedia) ist die Möglichkeit der Verbreitung an eine hohe Zahl von Empfängern gewährleistet. Zu den prominentesten Vertretern der Neuen Medien gehört ohne Zweifel das Internet (vgl. Wikipedia, 2005f).

2 Die Theorie der Inhaltsanalyse

2.1 Die historische Entwicklung

Seit der Existenz der Menschen finden täglich in allen Kulturkreisen der Erde so genannte Inhaltsanalysen statt. In der ersten Phase wird dabei von einem manifesten Inhalt (z.B. Handlinien) auf nichtmanifeste Umstände (z.B. Glück in der Liebe) geschlossen. Dieses Vorgehen findet jedoch unter nichtwissenschaftlichen Bedingungen statt. Die Intuition des Menschen spielt hier eine große Rolle bei der Ergebnisgewinnung.

In der zweiten Phase der Entwicklung kam die intersubjektive Überprüfbarkeit als Merkmal einer Inhaltsanalyse hinzu. Einen großen Anteil an dieser Entwicklung hat die Erfindung des Schrifttums. Mit ihrer Hilfe war es erst möglich, Ergebnisse von Analysen für Andere überprüfbar und nachvollziehbar zu machen (vgl. MERTEN, 1995, S. 35 ff.).

Nun liegt es recht nah, dass mit dem Aufkommen der massenkommunikativen Presse in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Methodenentwicklung einen starken Aufwind erfuhr. Wurden vorher inhaltliche Analysen nur für religiöse Zwecke verwandt (im siebenten Jahrhundert wurde eine quantitativ-deskriptive Inhaltsanalyse über das hebräische alte Testament der Masoreten verfasst), gab die Massenpresse nun einen Impuls für eine weltlich orientierte Form. Hier begann man vor allem mit vergleichender Kommunikatoranalyse (Vergleich mehrerer Organe miteinander) oder der Trendanalyse (Vergleich eines Organs über einen temporären Abschnitt).

Mit dem Auftreten neuer Medien wie Radio in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts gewann die Inhaltsanalyse an Komplexität. Nachdem sie bisher einen deskriptiven Charakter aufwies, waren die amerikanischen Diskussionen um die Wirkung von Werbung in den Medien Wegbereiter für eine Erweiterung des inhaltsanalytischen Begriffes. Nunmehr interessierte man sich für den Schluss von inhaltsinternen Merkmalen auf inhaltsexterne Merkmale, also für die Wirkungsweise der analysierten Inhalte auf die Rezipienten. Dies war die Geburtsstunde der qualitativen Inhaltsanalyse. LASSWELL (SCHRAMM nennt ihn deshalb auch den Vater der Inhaltsanalyse, 1957, S.105; Übersetzung: J. SCHUBERT) führte sie im Jahr 1941 begrifflich ein und verwendete sie anschließend in einer Symbolanalyse, bei der es um die Wirkungsweise von Symbolen in Hinblick auf ein bestimmtes Propagandaziel ging.

Der 2. Weltkrieg war Anlass für viele Propagandaanalysen. Hier erfuhr die wissenschaftliche Methode einen weiteren Aufschwung. Die Einführung der qualitativen Inhaltsanalyse war der Anstoß für eine heute immer noch anhaltende Kontroverse über quantitative und qualitative Aspekte dieser Methode (dazu ausführlicher im Kapitel 2.2.2).

Die Herausbildung als eigenständige Methode war somit erfolgt. In den Jahren nach 1941 wird sie durch die Herausbildung von Kategorien, Messverfahren und Messtechniken verfeinert. In den 50er Jahren wird die inhaltliche Analyse mit der Entwicklung der elektronischen Datenverarbeitung deutlich erleichtert, da die Verarbeitung von Massendaten zunehmend ein Problem darstellt (vgl. MERTEN, 1995, S. 35 ff.).

2.2 Die theoretischen Grundlagen

2.2.1 Die Definition der Methode

Bei der Inhaltsanalyse handelt es sich um eine empirische Methode der Datenerfassung und deren Auswertung. FRÜH (2004) definiert sie in seinem Buch Inhaltsanalyse-Theorie und Praxis wie folgt:

„Die Inhaltsanalyse ist eine empirische Methode zur systematischen, intersubjektiv nachvollziehbaren Beschreibung inhaltlicher und formaler Merkmale von Mitteilungen; (häufig mit dem Ziel einer darauf gestützten interpretativen Inferenz)“ (FRÜH, 2004, S. 25).

Die Merkmale intersubjektiv, nachvollziehbar und systematisch gelten mittlerweile als Standard bei wissenschaftlichen Untersuchungen.

Die empirische Methode beschreibt hierbei den gewählten Weg zur Erkenntnisgewinnung.

Der Begriff der Empirie verlangt bei allen inhaltsanalytischen Untersuchungen den Bezug zur Realität. Das heißt, die Existenz der Erkenntnisobjekte als wahrnehmbare und identifizierbare Größen ist zwingende Voraussetzung für die Erarbeitung wissenschaftlicher Ergebnisse. Dabei sind nicht nur wahrlich existente Gegenstände oder Wesen gemeint, auch gesellschaftlich relevante Maßeinheiten wie zum Beispiel Werte und Normen lassen sich anhand beobachtbarer Merkmale identifizieren und unterscheiden. Auch intrapsychische Vorgänge wie persönliche Vorstellungen und Erlebnisse sind wahrnehmbare Korrelate der Realität, vorausgesetzt es gelingt, sie systematisch zu objektivieren (vgl. ebd., S. 25 f.).

Eine weitere wichtige Forderung in der oben genannten Definition und wichtiges Qualitätskriterium einer inhaltsanalytischen Untersuchung ist die intersubjektive Nachvollziehbarkeit, auch Objektivität genannt. Sie gilt mittlerweile als redundant für alle wissenschaftlichen Untersuchungen. Ist diese nicht gegeben, gilt die gesamte wissenschaftliche Erkenntnis als nicht aussagekräftig und besitzt eher den Status einer Textinterpretation.

Sind Ergebnisse reproduzierbar, kommunizierbar und kritisierbar und wird die methodische Vorgehensweise deutlich von dem zu analysierenden Objekt abgegrenzt, dann ist diese wichtige Voraussetzung für eine aussagekräftige Inhaltsanalyse gegeben.

Auch stellt die Systematik der Methode einen zentralen Punkt der Definition von FRÜH (2004) dar. Neben einem standardisierten Ablauf bedeutet das, es muss eine Chancengleichheit dahingehend herrschen, was die Beachtung und Einbeziehung des relevanten Textmaterials angeht. Dies ist unabdingbar, wenn es um die inhaltliche Beurteilung der Häufigkeitsverteilung von bestimmten Textmaterialien geht. Eine gewisse Systematik ist auch bei der Anwendung der Messmethode von immenser Bedeutung. Nur deren konsequente Einhaltung über das gesamte Textmaterial und über den gesamten Zeitraum sowie eine strikte Vorgehensweise bei der Datenanalyse schließen Fehlinterpretationen weitgehend aus. Somit werden hochwertige Untersuchungsergebnisse gesichert (vgl. ebd., S. 76 u. 95).

2.2.2 Die Qualitativ-Quantitativ Debatte

In diesem Abschnitt der Arbeit möchte ich auf die anhaltende kontroverse Diskussion um die unterschiedliche Fokussierung der Analysen eingehen. Einerseits wird das Hauptaugenmerk eher auf qualitative Datenauswertung gelegt. FRÜH bezeichnet die Ausführungen MAYRINGs als „...Dokument einer etwas moderaten >>qualitativen<< Position...“ (2004, S.68). Das Verständnis der qualitativen Inhaltsanalyse besteht darin, „...Gegenstände, Zusammenhänge und Prozesse nicht nur analysieren zu können, sondern sich in sie hineinzuversetzen, sie (sic!) nachzuerleben oder sie zumindest nacherlebend sich vorzustellen “ (MAYRING, 1995, S. 17). Er ordnet der Methode eine mehrheitliche Orientierung an Einzelfällen zu, die stellvertretend für viele andere gleichartige Quellen bis ins kleinste Detail ausgewertet werden. Daraus ergibt sich ein Ergebnis mit dem auf die Allgemeinheit geschlussfolgert wird.

Inhaltsanalysen quantitativer Art beschreibt MAYRING eher als Zählung von Häufigkeiten, Auswertung von größeren Datenmengen und die numerische Darstellung der Ergebnisse, bei der allerdings die Komplexität des untersuchten Materials weitgehend verborgen bleibt.

FRÜH wird von der Fachöffentlichkeit eher als Vertreter dieser Methodik gesehen. Er selbst ist da anderer Meinung. Eher befürwortet er eine Mischform der beiden Ansätze und fordert den Schulterschluss:

„Jedenfalls in Bezug auf die Inhaltsanalyse ist eine strikte Kontrastierung qualitativer und quantitativer Vorgehensweisen sogar theoretisch wie praktisch gegenstandslos. ... Dabei können qualifizierende und quantifizierende Aspekte in verschiedenen Phasen des Forschungsprozesses mit unterschiedlichem Stellenwert einfließen, fast immer wird es aber eine Kombination beider Vorgehensweisen sein“ (FRÜH, 2004, S. 67).

MAYRING sieht ebenfalls die Möglichkeit einer Vermischung gegeben. Allerdings könne die Quantität von Daten nur Teil einer qualitativen Inhaltsanalyse sein. Er beschreibt die qualitative Analyse als Voraussetzung einer quantitativen Arbeit.

Die Ausbildung der Kategorien von den Daten, welche in den Analysevorgang einfließen sollen, stellt beispielsweise einen klassischen qualitativen Arbeitschritt dar. Dabei befasst man sich mit den Dateninhalten, um eine Vorstellung darüber zu bekommen, was untersucht werden soll.

Nach der quantitativen Inhaltsanalyse müssen die Daten anhand der vorausgehenden Fragestellung analysiert werden. „Zahlen sprechen nie für sich selbst. Sie müssen immer interpretiert werden“ (ANDERSSON, 1974, S. 29; Übersetzung: J. SCHUBERT). Dabei handelt es sich erneut um einen qualitativen Arbeitsschritt.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass beide Formen der Methode nicht scharf voneinander zu trennen sind. Beide enthalten jeweils Elemente der anderen Form in der praktischen Anwendung. Meiner Meinung nach ist die schematische Darstellung des Forschungsprozesses von MAYRING zu diesem Thema sehr aussagekräftig, aber gleichfalls stark an seiner bevorzugten Methode der qualitativen Inhaltsanalyse orientiert. Trotzdem soll sie abschließend als Grundsatz einer inhaltsanalytischen Vorgehensweise aufgezeigt werden (Abbildung 2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Phasenmodell zum Verhältnis qualitativer und quantitativer Analyse (Quelle: MAYRING, 1995, S. 20)

2.2.3 Die Probleme inhaltsanalytischer Verfahren

Es existieren drei entscheidende Zuverlässigkeitskriterien einer Inhaltsanalyse: Stabilität, Wiederholbarkeit und Genauigkeit (vgl. KRIPPENDORFF, S.130-154).

Stabilität bezieht sich auf die zeitliche Konstanz der Codierungsvorgänge. In der Praxis heißt das: Ergibt die Codierung eines gleich bleibenden Textes durch denselben Coder im Laufe der Zeit immer die gleichen Ergebnisse kann man hier von einer Intracoder-Reliabilität sprechen. Diese Stabilität kann über längere Zeit hin leiden, zum Beispiel durch mehrdeutige Kategorien oder Ermüdungserscheinungen der untersuchenden Person.

Das Qualitätsmerkmal der Wiederholbarkeit beschreibt das Maß an Übereinstimmung der Klassifizierungen durch mehrere Personen. Durch unter- schiedliche Einstellungen und kognitive Leistungen der Coder kann die Klassifizierung der Kategorien von Mensch zu Mensch etwas abweichen. Sind diese Abweichungen gering, ist das vor allem ein Verdienst der genauen Definition der Kategorien. Man spricht dann auch von einer hohen Intercoder-Reliabilität.

Der letzte Punkt, die Genauigkeit einer Inhaltsanalyse, kann anhand von Standardcodierungen, die für die einzelnen Projekte von Experten erstellt werden, überprüft werden. Da diese aber selten vorgegeben sind, ist dieser Zuverlässigkeitstest in der Regel nicht durchführbar (vgl. SCHNELL ET AL, 1999, S. 379 f.).

3 Die praktische Umsetzung der Inhaltsanalyse

Der Rahmen einer inhaltsanalytischen Untersuchung setzt sich aus drei Bereichen zusammen. FRIEDRICH (1985) spricht von dem Entdeckungs-, Begründungs- und Verwertungszusammenhang.

Im Laufe der Untersuchung orientiere ich mich weitgehend an FRIEDRICHs Schema zur Durchführung (Abbildung 3, S. 25).

3.1 Der Entdeckungszusammenhang

Der Entdeckungszusammenhang stellt die Frage nach dem Grund der Untersuchung. Das können die Lösung sozialer Probleme, der Test beziehungsweise die Widerlegung einer Theorie oder ein Auftrag zur Forschung sein.

Mein Interessenfokus auf dem Gebiet der Sozialarbeit liegt im Bereich der Behindertenarbeit. Meine Erfahrungen während der studentischen Praktika in einer Werkstatt für behinderte Menschen hat dieses Interesse stark ausgeprägt.

Als ich mich näher mit der Idee zu meiner Diplomarbeit beschäftigte und nach existierendem Material zu diesem Thema Ausschau hielt, fiel mir auf, dass kaum Literatur zu diesem Gebiet existierte. Es gab Analysen über das Bild behinderter Menschen im Film. Mit den Printmedien hatte sich jedoch hinsichtlich einer Inhaltsanalyse noch niemand genauer befasst.

Aufmerksam wurde ich durch einen Artikel in der randschau. In dieser Zeitschrift erschien eine Abhandlung über das erzeugte Bild behinderter Menschen in Deutschlands Printmedien. Durch den persönlichen Kontakt mit einem ehemaligen Mitarbeiter dieser Zeitschrift erhielt ich Anregungen, welche Möglichkeiten der wissenschaftlichen Bearbeitung dieses Bereiches gegeben waren. Bei der Lektüre des Artikels reifte in mir der Wunsch, diese Thematik näher zu untersuchen und erstmalig eine Inhaltsanalyse über die Darstellung behinderter Menschen in einem deutschen Printmedium vorzunehmen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Ablaufplan für die Durchführung einer Inhaltsanalyse (Quelle: FRIEDRICH, 1985, S. 51)

[...]

Details

Seiten
102
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640211401
Dateigröße
641 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v117829
Institution / Hochschule
Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig – Sozialwesen
Note
2,3
Schlagworte
Darstellung Menschen Medien Gesundheit Rehabilitation

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Titel: Die Darstellung behinderter Menschen in den Medien