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Die Bedeutung der Breast Care Nurse für die Qualität der stationären Versorgung von Mammacarcinompatientinnen

Diplomarbeit 2008 77 Seiten

Pflegemanagement / Sozialmanagement

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG
1.1 Problemstellung
1.2 Vorgehensweise und Aufbau der Arbeit

2 EPIDEMIOLOGIE DES MAMMACARZINOMS
2.1 Inzidenz
2.1.1 Begriff
2.1.2 Inzidenz des Mamacarzinoms in Deutschland
2.2 Prävalenz
2.2.1 Begriff
2.2.2 Prävalenz des Mammacarzinoms.
2.3 Mortalität
2.3.1 Begriff
2.3.2 Mortalität des Mammacarzinoms in Deutschland

3 DIE BEWÄLTIGUNG DER DIAGNOSE „BRUSTKREBS“
3.1 Therapieverlauf
3.2 Depression und Angst
3.3 Das posttraumatische Belastungssyndrom
3.4 Die Bedürfnisse betroffener Patientinnen
3.4.1 Ergebnisse der Literaturstudie
3.4.2 Eine eigene Erhebung der subjektiven Befindlichkeit von Brustkrebspatientinnen

4 AKTUELLE VERSORGUNGSSITUATION UND IHRE LÜCKEN
4.1 Prävention
4.1.1 Begriff
4.1.2 Formen der Prävention und deren Implementierung bei Mammacarzinom
4.2 Die medizinische Versorgungslandschaft
4.3 Die Notwendigkeit psychosozialer Betreuung

5 DIE ROLLE DER PFLEGE IN DER VERSORGUNG VON BRUSTKREBSPATIENTINNEN
5.1 Pflegekonzepte in der Onkologie
5.2 Die Ausbildung zur Breast Care Nurse
5.2.1 Aktuelle Weiterbildungen
5.2.2 Die Guidelines der EUSOMA

6 SICHERUNG DER DIENSTLEISTUNGSQUALITÄT IM KRANKENHAUS
6.1 Gesetzliche Grundlagen
6.2 Begriffsdefinitionen
6.2.1 „Qualität“
6.2.2 „Qualität der Pflege als Dienstleistung“
6.3 Dimensionen von Qualität nach Donabedian
6.3.1 Strukturqualität
6.3.2 Prozessqualität
6.3.3 Ergebnisqualität
6.3.4 Kritik an Donabedian‘s Dimensionen
6.4 Der PDCA-Zyklus als Instrument des Total Quality Managements (TQM)
6.5 Qualitätsmanagementsysteme
6.5.1 Vorteile von QM-Systemen
6.5.2 Überblick
6.5.3 Das EFQM-Modell für Business-Excellence

7 DER EINFLUSS DER BREAST CARE NURSE AUF DIE PFLEGEQUALITÄT
7.1 Vorbemerkung
7.2 Die Relevanz der BCN für die Ergebnisqualität
7.2.1 Gesellschaftsbezogene Ergebnisse
7.2.2 Mitarbeiterbezogene Ergebnisse
7.2.3 Schlüsselergebnisse
7.2.4 Kundenbezogene Ergebnisse
7.3 Die Relevanz der BCN für die Prozessqualität
7.4 Die Relevanz der BCN für die Strukturqualität
7.4.1 Politik und Strategie
7.4.2 Partnerschaften und Ressourcen
7.4.3 Die Mitarbeiter als Befähiger
7.4.4 Führung

8 FAZIT UND EMPFEHLUNGEN FÜR DEN EINSATZ DER BCN

LITERATURVERZEICHNIS

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Krebsneuerkrankungen in Deutschland 2002

Abb. 2: Prozentualer Anteil an der Zahl der Krebssterbefälle in Deutschland 2002

Abb. 3: Die Bedürfnisse von Brustkrebspatientinnen

Abb. 4: Subjektive Einschätzung des körperlichen Befindens von Brustkrebspatientinnen

Abb. 5: Subjektive Einschätzung des Lebensgefühls von Brustkrebspatientinnen

Abb. 6: Subjektive Einschätzung der emotionalen Stress- reaktion von Brustkrebspatientinnen

Abb. 7: Kernelemente, die die Kompetenz der BCN in jeder Unterrolle kennzeichnen

Abb. 8: Schematische Darstellung des PDCA-Zyklus nach DEMING

Abb. 9: Die 8 Grundkonzepte des EFQM-Modells

Abb.10: Bildliche Darstellung des EFQM-Modells für Excellence

Abb.11: Schematische Darstellung eines Patientinnenprozes- ses - Auszug-

1 Einleitung

1.1 Problemstellung

Die demographische Entwicklung in Deutschland lässt einen enormen Zuwachs der älteren Bevölkerung erwarten. Chronische Erkrankungen wie Krebserkrankungen nehmen im Alter stark zu und werden deshalb in Zukunft vermehrt unsere Aufmerksamkeit fordern. Weltweit erkrankten nach Schätzungen der WHO im Jahr 2000 über eine Million Frauen an einem Mammacarzinom. Die bestmögliche medizinische und pflegerische Versorgung von Brustkrebspatientinnen ist damit zu einer großen medi- zinischen und gesundheitspolitischen Herausforderung geworden. Die deutschen Krankenhäuser sind jedoch zunehmend mit ökonomischen Sachzwängen, wie knappen Ressourcen und der Einführung des DRG- Systems, konfrontiert. Wirtschaftlichkeitssteigerungen und Qualitätsver- besserungen sowie Effizienzerhöhung sind Grundvoraussetzungen, um als Unternehmen am Markt bestehen zu können. Darüber hinaus zwingen die rechtlichen Rahmenbedingungen die Leistungserbringer zur Qualitätssicherung. Die freiwillige Teilnahme an Zertifzierungen, die die Qualität der Dienstleistung mitarbeiter- und kundenorientiert in den Vordergrund stellen, nutzen viele Kliniken als Mittel der Außendarstellung und somit als Marketinginstrument. Die Rolle der Pflegenden ist maß- geblich durch den Anteil, den sie im Wertschöpfungsprozess „Kranken- behandlung“ leisten, definiert. Der immer komplexer werdenden Dynamik in der Versorgung der Patienten begegnet die Pflegewissenschaft in den letzten Jahren mit Weiterbildungsmaßnahmen, die Pflegefachkräfte zu „spezialisierten Pflegefachkräften“ werden lassen. Als Beispiel wird in dieser Arbeit die Tätigkeit der „Breast Care Nurse“ mit ihrer Wirkung auf die Versorgungsqualität von Brustkrebspatientinnen dargestellt, um folgende Frage zu untersuchen: „Können speziell ausgebildete Breast Care Nurses den Patientinnen und Kliniken in der Qualitätssteigerung und -darstellung dienen?“ Dies impliziert auch die ökonomischen Facetten der Wirkung eines Imagegewinns durch eine gelungene Außendarstellung - denn: „Fallzahlen sind die Lebensader der Kranken- häuser“ (REITER 2006, 27).

1.2 Vorgehensweise und Aufbau der Arbeit

Die vorliegende Arbeit behandelt zunächst die Erkrankung „Brustkrebs“ mit ihrer Epidemiologie sowie die Krankheitsverarbeitung. Dabei bildet im Besonderen die Recherche zu den Bedürfnissen der betroffenen Patientinnen deren Versorgungswunsch ab. Der Darstellung der Versorgungswirklichkeit folgt das Aufzeigen von Versorgungslücken, wobei die psychosoziale Betreuung im Vordergrund steht. Darüber hinaus wird den Pflegenden als zentralen Akteuren in der Versorgung von Mamma-Ca-Patientinnen besondere Aufmerksamkeit gewidmet - einschließlich einer Darstellung der Weiterbildung zur Breast Care Nurse.

Nachfolgend werden die Grundlagen des Qualitätsmanagements im Krankenhaus dargestellt - mit den Schwerpunkten Qualitätsdimension nach DONABEDIAN und Qualitätsmanagementsysteme mit dem übergeord- neten Qualitätskonzept des EFQM-Modells für Excellence. Diese sind Basis der Untersuchung des Einflusses der Breast Care Nurse auf die Pflegequalität in der stationären Versorgungssituation. Eine empirische Untersuchung der Fragestellung ist nicht Gegenstand dieser Arbeit. Entlang der Gliederung der EFQM-Kriterien erfolgt auf einem hohen Abstraktionsniveau eine Sammlung geeigneter Indizien für den Einsatz der Breast Care Nurse im Rahmen der Qualitätsentwicklung im stationären Bereich.

Ein Fazit der Untersuchungen sowie Empfehlungen für den künftigen Einsatz der BCN schließen diese Arbeit ab, die sich einer Fragestellung annimmt, die im Hinblick auf die Professionalisierung der Pflege eine stetig wachsende Bedeutung gewinnt.

Zum Zweck der besseren Lesbarkeit wird häufig die grammatikalisch männliche Sprachform gewählt, wobei darunter sowohl die männliche als auch die weibliche Sprachform zu verstehen sind.

2 Epidemiologie des Mammacarzinoms

2.1 Inzidenz

2.1.1 Begriff

„Unter Inzidenz versteht man die Zahl der Neuerkrankungen in einem bestimmten Zeitraum und einer definierten Population“ (BEAGLEHOLE et al. 1997, 30). „Sie soll das Maß dafür sein, wie schnell sich eine Krankheit ausbreitet, bzw. wie groß die Wahrscheinlichkeit für eine Person ist, die Krankheit zu bekommen.“ (HELLMEIER et al. 2003, 241).

2.1.2 Inzidenz des Mamacarzinoms in Deutschland

Insgesamt sind im Jahr 2002 206.000 Frauen in Deutschland an Krebs erkrankt. Das sind pro 100.000 Einwohner 462,7 Neuerkrankungen. Der Anteil an Brustkrebserkrankungen liegt bei 55.150 Fällen bzw. 26,8% (vgl. Abb.1). „Der europäische Vergleich zeigt auf, dass Holland, Frankreich, Belgien, Schweden, Finnland, England, Deutschland, Irland, Malta, Island und die Schweiz an der Spitze stehen und die zwölf Länder (in dieser Reihenfolge) mit der höchsten Inzidenz-Rate darstellen, gefolgt von den Frauen aus 26 weiteren europäischen Ländern“ (GLAUS et al. 2004, 386). Damit ist Brustkrebs die häufigste Krebserkrankung bei Frauen (vgl. BERTZ et al. 2006). „Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei etwas über 62 Jahren, knapp 7 Jahre unter dem mittleren Erkrankungs- alter bei Krebs gesamt“ (BERTZ et al. 2006, 52). Somit ist Brustkrebs für 40% der Krebsneuerkrankungsfälle bei Frauen unter 60 Jahren verantwortlich. Die Inzidenzzahlen sind im Zeitverlauf ansteigend (vgl. BERTZ et al. 2006).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Krebsneuerkrankungen in Deutschland 2002 (Quelle: BERTZ et al. 2006, 14)

2.2 Prävalenz

2.2.1 Begriff

„Die Prävalenz einer Krankheit ist die Anzahl der Krankheitsfälle in einer definierten Population zu einem bestimmten Zeitpunkt“ (BEAGLEHOLE et al. 1997, 30). „Prävalenz = Inzidenz x Krankheitsdauer“ (HELLMEIER et al. 2003, 242). Von großem Nutzen ist die Prävalenzrate, die die Anzahl der Fälle durch die entsprechende Zahl von Menschen in einer Risiko- population dividiert, denn diese spiegelt den Betreuungsbedarf wieder.

2.2.2 Prävalenz des Mammacarzinoms

Daten über die Prävalenz von Krebserkrankungen liegen nicht flächendeckend vor, so dass keine verlässlichen Informationen über gesamtdeutsche Zahlen existieren. Das Saarländische Krebsregister hat Zahlen veröffentlicht, wobei eine Differenzierung nach mit der Diagnose verbrachten Lebensjahren vorgenommen wurde. Per Stichtag 31.12.2005 lebten im Saarland 9.436 Patientinnen mit der Diagnose „Brustkrebs“, wobei dies einer Prävalenzrate von 37,1% aller Malignome entspricht - nach Lokalisationen gewichtet. Der Anteil der unter 65-Jährigen betrug 41,2% (vgl. STEGMAIER et al. 2007). Diese hohe Zahl ist durch die gestiegene Inzidenz und die hohe Überlebensrate zu erklären. „Die relative 5-Jahres-Überlebensrate für Brustkrebspatientinnen beträgt mittlerweile - über alle Stadien betrachtet - 79%“ (BERTZ et al. 2006, 52).

2.3 Mortalität

2.3.1 Begriff

„Die Mortalität...bezeichnet die Anzahl der Todesfälle in einem bestimmten Zeitraum im Verhältnis zur Anzahl der Individuen der betreffenden Population in diesem Zeitraum. Sie wird durch die Sterberate ausgedrückt“ (WIKIPEDIA 2007a).

2.3.2 Mortalität des Mammacarzinoms in Deutschland

Im Jahr 2002 sind in Deutschland 100.349 Frauen an Krebs gestorben; das sind 238,5 pro 100.000 Einwohner. Davon waren 17,8% bzw. 17.814 Fälle von Brustkrebs zu verzeichnen; dies entspricht dem prozentual höchsten Anteil aller Krebssterbefälle (vgl. Abb. 2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2: Prozentualer Anteil an der Zahl der Krebssterbefälle in Deutschland 2002 (Quelle: BERTZ et al. 2006, 13)

Die altersstandardisierte Mortalitätsrate erfährt im Zeitfenster 1970-2002 keine wesentliche Veränderung. Die Altersverteilung zeigt eine sehr hohe Mortalitätsrate der über 75-Jährigen mit 172,4 pro 100.000 Fälle (vgl. BERTZ et al. 2006).

3 Die Bewältigung der Diagnose „Brustkrebs“

3.1 Therapieverlauf

Je nach Tumorstadium bei Diagnosestellung sind die Krankheitsverläufe der einzelnen Patientinnen individuell verschieden. Dennoch kann die Versorgung grundsätzlich in Primärtherapie und Nachsorge unterschie- den werden. Während der Primärtherapie, die nach Angaben der Mediziner etwa ein Jahr dauert, muss sich der überwiegende Anteil der Erkrankten zunächst einer Operation unterziehen. Das weitere Vorgehen richtet sich nach dem Operationsverfahren und dem individuellen Tumorprofil. Je nach Tumorstadium, dessen biologischen Eigenschaften sowie dem Grad der Metastasierung schließen sich Chemotherapie, Strahlentherapie, Hormontherapie und Antikörpertherapie an (vgl. TEIGELER, 2007). „Insgesamt haben die Behandlungsfortschritte zu einer Komplexität der multimodalen Behandlungsoptionen geführt, die für viele Patientinnen und Therapeuten kaum noch durchschaubar ist“ (DITZ et al. 2006, 52).

Mit Abschluss der Primärtherapie beginnt die Nachsorge. In Leitlinien hat die Deutsche Krebsgesellschaft formuliert, in welcher Weise die Patientinnen durch Gynäkologen im Rahmen der Tumornachsorge betreut werden sollen. Ziel ist es vor allem, keine relevanten Neuerkrankungen zu übersehen, darüber hinaus aber auch Unter- stützung zum Erlangen und Erhalten einer guten Lebensqualität zu leisten.

3.2 Depression und Angst

Jede Krebsdiagnose - unabhängig von der tatsächlichen Schwere der Erkrankung und der Prognose - führt zu einer existentiellen Verunsiche- rung. Die Endlichkeit des Daseins, das Faktum der Sterblichkeit wird für die Betroffenen spürbar. Zusätzlich bringt eine energieraubende Therapie die Frauen oftmals an den Rand der physischen und psychischen Erschöpfung. DITZ et al. zitieren unterschiedliche Studien zur Ausprägung von Depressionen bei Mamma-Ca-Patientinnen. Hierzu existieren eine Untersuchung von Weis und Koch (1998), eine EU-Studie von Isermann et al. (2001) und die bekannte Studie von Watson et al. (1999) (vgl. DITZ et al. 2006). Diesen Studien gemeinsam ist die Erkenntnis, dass weit weniger Patientinnen eine depressive Reaktion auf die Brustkrebs- erkrankung entwickeln als zu erwarten wäre. Watson et al. konnten lediglich 10 von 578 Patientinnen als depressiv einstufen. „Auch die klinische Erfahrung zeigt eher, dass zumindest ersterkrankte Brustkrebspatientinnen nicht primär depressiv auf die Erkrankung reagieren“ (DITZ et al. 2006, 106-107). Auch eine qualitative Studie von HOLGRÄWE et al. mit Brustkrebspatientinnen betreuenden Pflegenden stellt nicht die Depression, sondern die Ungewissheit und Angst als primären Belastungsbereich in den Mittelpunkt - neben Operation sowie den Sorgen um Familie und Partnerschaft (vgl. HOLGRÄWE et al. 2007). Angst - Todesangst - ist das zentrale Thema in der Krankheits- bewältigung für Patientinnen und deren Angehörige. Die Ausprägung der Angst ist von vielen Faktoren abhängig - sowohl persönlicher Natur als auch bezüglich der individuellen Prognose. Die zunächst normale Angstreaktion kann zur Panik werden - häufig in der Zeit zwischen Ahnung und Diagnosemitteilung.

Die folgende Zeit des Handlungsdrucks erleichtert zunächst den Umgang mit der Angst durch die Erfüllung des psychologischen Bedürfnisses nach eigener Kontrolle. Während der Akutphase richtet sich alle Aufmerk- samkeit auf die konkreten Auswirkungen von Operation und adjuvanter Therapie auf die eigene Person. Neben der Erleichterung über das Entfernen des „Bösartigen und Zerstörerischen“ steht die konkrete Auseinandersetzung mit dem Erleben der Therapienebenwirkungen. Unter Umständen kann sich Angst in körperlicher Symptomatik aus- drücken wie Schlafstörungen, Engegefühl, Zittern, Herzrasen, Herz- schmerzen, Schweißausbrüchen und anderen psychosomatischen Beschwerden. Nach Beendigung der Therapie ist die Gefühlslage meist widersprüchlich und bewegt sich zwischen Erleichterung und Unsicherheit. In den ersten Jahren ist die ständige Angst vor einem Rezidiv Wegbegleiter und nimmt in dieser Zeit sogar noch zu (vgl. CREUTZFELD-CLEES, 2007). Kritische Momente sind die jeweiligen Nachsorgetermine mit dem bangen Warten auf das Resultat. Dies entscheidet über die weitere Entwicklung der Angst: Negative Untersuchungsergebnisse führen mit immer größer werdendem Zeitab- stand zur Diagnosestellung zu höherer Sicherheit und drängen die Angst in den Hintergrund. Rezidive und Metastasenbildung lösen jedoch noch heftigere Reaktionen mit höherer Intensität aus als in der Anfangszeit erlebt, da ein Therapieversagen unterstellt wird, und die Heilungs- hoffnung schwindet.

Der Angst ihren überwältigenden Charakter zu nehmen, ist in allen Krankheitsphasen maßgeblich abhängig von den individuellen Ressourcen der betroffenen Frauen. „Stolzsein auf die eigenen Fähigkeiten, Selbstachtung und ein großes Selbstbewusstsein erleichtern die Anpassung an die Krankheit“ (CREUTZFELD-CLEES 2007, 37). Professionelle Hilfe in der Angstbewältigung wird notwendig, wenn die Erkrankung Brustkrebs als seelisches Trauma erlebt wird, für dessen Bewältigung die eigenen Strategien nicht ausreichen und ein Kontrollverlust droht.

3.3 Das posttraumatische Belastungssyndrom

VETTER schreibt in ihrem Ratgeber: „Lassen Sie sich durch die Diagnosemitteilung nicht auf Panikstimmung ein“ (VETTER 1998, 27). Dies scheint ein wohlgemeinter jedoch ziemlich realitätsferner Rat zu sein, denn auch die Befragung der betroffenen Frauen ergab bei SCHMID-BÜCHI, dass die endgültige Diagnose als Schock erlebt wird (vgl. SCHMID-BÜCHI et al. 2005). Auch die EU-Studie von Isermann et al. zeigt etwa ein Drittel der Patientinnen mit Symptomen einer posttraumatischen Belastungs- störung, unabhängig von objektiven Krankheitsmerkmalen wie Tumor- grading oder Operationsform. Es wird ebenso beschrieben, dass in neueren Veröffentlichungen die PTBS-Prävalenzraten deutlich höher sind, da lebensbedrohliche Erkrankungen in den Traumakatalog aufgenommen wurden (vgl. DITZ et al. 2006). Die Diagnose der posttraumatischen Belastungsstörung stützt sich auf drei Haupt- symptome: Intrusion, Hyperarousal und Vermeidungsverhalten.

Intrusionen bezeichnen ein ungewolltes Wiedererleben traumatischer Situationen mit intensiven Bildern, durch bewusste oder unbewusste Reize jederzeit auslösbar, in Form von Alpträumen oder sog.

„Flashbacks“. Der Betroffene erinnert sich nicht an Vergangenes, sondern es geschieht ihm in diesem Moment. Hyperarousal drückt sich durch eine anhaltende physiologische Erregbarkeit mit Schreckhaftigkeit, innerer Unruhe, Gedächtnis- und Schlafstörungen aus. Dem dritten Symptom - dem Vermeidungsverhalten - ist der Rückzug aus Situationen, die mit dem Trauma zusammenhängen, zuzuordnen. Emotionale Taubheit - auch Numbing genannt - ist eine der schwerwie- gendsten Formen (vgl. DITZ et al. 2006). Die Verdrängung ist als Bewältigungsstrategie anzusehen - zum Schutz vor traumabezogenen Reizen. Obwohl die posttraumatische Stresssymptomatik relativ neu in der Diskussion um psychische Komorbidität bei Mamma-Ca ist, hat sie eine erhebliche Bedeutung für ärztliche, pflegerische und psychotherapeutische Interventionen sowie für die Lebensqualität der Patientinnen.

3.4 Die Bedürfnisse betroffener Patientinnen

3.4.1 Ergebnisse der Literaturstudie

Schon Mitte des letzten Jahrhunderts proklamierte die Pflege- wissenschaftlerin Henderson, dass die Aktivitäten der Pflege sich nach den Bedürfnissen der zu pflegenden Menschen richten müssen. Dies bedeutet, dass die Pflegende diese Bedürfnisse kennen und wahr- nehmen muss. Anders als Maslow priorisiert sie diese Bedürfnisse nicht, sondern lenkt den Betrachter sowohl auf die physischen als auch auf die emotionalen und sozialen Grundbedürfnisse, die jedem Menschen eigen sind (vgl. MÜLLER 2003). Auch andere Pflegetheorien gehen immer davon aus, dass der Pflegebedarf oder das „Selbstpflegedefizit“ wie Orem es nennt, erkannt werden muss, bevor die Handlungsstrategien geplant werden (vgl. HALLENSLEBEN 2003).

Die Krebsliga Schweiz hat von 2002 bis 2004 im Auftrag von „Onkosuisse“ die psychosoziale Versorgung der Krebspatienten in der Schweiz dargestellt. Als Grundlage diente eine Studie an 416 Krebspatientinnen und 281 Angehörigen. Knapp die Hälfte aller Patienten gab an, dass wichtige Bedürfnisse nicht befriedigt wurden. An erster Stelle steht für die Patienten und Angehörigen der Wunsch nach umfassender Information. Ein weiteres großes Thema ist der Wunsch nach Unterstützung durch Familie und Freunde und somit die Wichtigkeit der Aufrechterhaltung der sozialen Kontakte. Beratung in finanziellen und beruflichen Fragen sowie die Möglichkeit, selbst etwas zum Wohlbefinden beitragen zu können, werden ebenfalls als wichtige Determinanten der Lebensqualität gesehen (vgl. NAVARRA/EICHENBERGER 2004). Dies deckt sich auch mit Untersuchungen bei Brustkrebs- patientinnen: “Die vorhandenen Studien zeigen eher, dass es für die Verarbeitung der Erkrankung wichtig ist, dass die Frauen ausreichende Informationen erhalten, und dass ihnen das therapeutische Vorgehen genau erklärt wird. Eigentlich ist die Möglichkeit zur Mitentscheidung ein wesentlicher Faktor, mit der Diagnose Brustkrebs klar zu kommen“ (TEIGELER 2007, 21).

Sehr detailliert haben sich HOLGRÄWE et al. in ihrer jüngsten Studie mit den Bedürfnissen von Brustkrebspatientinnen während der stationären Erstbehandlung nach pflegerischer Unterstützung beschäftigt (vgl. HOGLGRÄWE et al. 2008). 42 Patientinnen wurden im Rahmen einer qualitativen Studie mittels leitfadengeführter Interviews befragt. Als Ergebnis wurden drei Bedürfnisebenen betont (vgl. Abb.3): die Problemebene, auf der eine verlässliche und fachlich korrekte Versor- gung wichtig ist, die Organisationsebene, die für eine patienten- freundliche Unternehmenskultur steht, und die Beziehungsebene mit den Aspekten Fürsorglichkeit, emotionale Unterstützung und bedürfnis- gerechte Kommunikation (vgl. HOLGRÄWE et al. 2008).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Die Bedürfnisse von Brustkrebspatientinnen

(Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an HOLGRÄWE et al. 2008)

Damit haben die Betroffenen die Erwartungen, die sie an die Betreuung durch Pflegende während des Krankenhausaufenthaltes stellen, sehr klar formuliert. Betrachtet man die Problemebene, so spielt hier vor allem der Wunsch nach einer verlässlichen Versorgung eine große Rolle. Die Patienten wünschen sich Kontinuität, gute interprofessionelle Kooperation und darüber hinaus eine prompte Erfüllung ihrer Anliegen durch Schwestern, die „für sie da sind und Zeit haben“. Eine fachlich korrekte Versorgung spiegelt sich in den Antworten der Betroffenen hinsichtlich Information und Beratung, Hilfe bei körperlicher Einschränkung, gutem Schmerzmanagement und professionellem Umgang der Pflegenden mit eigenen Gefühlen wider.

Auf der Organisationsebene äußern die Befragten nicht ausschließlich Erwartungen an die Gruppe der Pflegenden. Die Patientinnen möchten in erster Linie eine patientenfreundliche Unternehmenskultur wahrnehmen, die ihnen Ruhe und Rückzugsmöglichkeiten bietet. Die gewünschte Fürsorglichkeit auf der Beziehungsebene äußert sich in respektierender Wertschätzung und Einfühlungsvermögen. Die emotionale Unterstützung drückt sich in Beistand, Menschlichkeit, Ablenkung, Angstnehmen und Mutmachen aus (vgl. HOLGRÄWE et al. 2008). Dies korreliert mit den Untersuchungen zu den Themen „Depression und Angst“ und „posttrau- matisches Belastungssyndrom“ (vgl. Kap. 3.3 und 3.4). Einen hohen

Stellenwert hat nach HOLGRÄWE et al. die bedürfnisgerechte Kommunikation, wobei sich diese für die Patientinnen vor allem in der Gesprächsbereitschaft und der patientenorientierten Gesprächshaltung zeigt. Hier dient die Pflegende dem zuvor erwähnten starken Bedürfnis nach umfassender Information (vgl. HOLGRÄWE et al. 2008). HOLGRÄWE et al. haben in ihrer neuen Studie die zuvor analysierte Sicht der Pflegenden durch die Erwartungen der betroffenen Patientinnen ergänzt (vgl. Kap. 3.2). Diese Kenntnisse und ihre empathischen Fähigkeiten müssen Pflegende einsetzen, um die individuelle subjektive Situation jeder einzelnen Patientin einzuschätzen und entsprechende Defizite auszugleichen, und somit die Patientenerwartungen zu erfüllen.

3.4.2 Eine eigene Erhebung der subjektiven Befindlichkeit von Brustkrebspatientinnen

Aus den Daten einer eigenen, im Sommer 2007 an Brustkrebs- patientinnen durchgeführten Studie kann eine allgemeine Darstellung deren subjektiver Befindlichkeit erfolgen. Ziel ist an dieser Stelle ein zusätzliches Eruieren von Patientenbedürfnissen und -erwartungen.

Mit Hilfe eines standardisierten Fragebogens wurden 70 brustkrebs- erkrankte Patientinnen anonym befragt. Als Messinstrument zur Darstellung der subjektiven Befindlichkeit wurde ein von DITZ et al. speziell für Brustkrebspatientinnen entwickelter Fragebogen verwendet - ergänzt um einige soziodemographische Merkmale wie Alter, Familien- stand und Bildungsabschluss. Bei diesem sog. „Breast Cancer Psychosocial Assessment Screening Scale“(BC-PASS) handelt es sich um einen Kurzfragebogen mit acht Items, die die Konstrukte „körperliches Befinden“, „Lebensgefühl“ und „emotionale Stressreaktion“ abbilden. Das Erhebungsinstrument wurde in einem Projekt unter Leitung des Kasseler ID Instituts für Innovative Gesundheitskonzepte im Rahmen des Programms „Europa gegen Krebs“ in den Jahren 1999 und 2000 entwickelt und erfüllt nachweislich alle erforderlichen psychometrischen Gütekriterien (vgl. DITZ et al. 2006). Obwohl die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse allein durch die Tatsache, dass es sich um eine Gelegenheitsstichprobe handelte, einzuschränken ist, sind dennoch Aussagen über Tendenzen möglich. Hinzu kommt der repräsentative Altersdurchschnitt der befragten Patientinnen von 61,6 Jahren. Für die Zuordnung der Konstruktergebnisse „körperliches Befinden“, „Lebensgefühl“ und „emotionale Stressreaktion“ in die Kategorien „gut/schlecht“ bzw. „gering/hoch“ wurden die Cut-off-Werte den Instruktionen der Autorinnen übernommen (vgl. DITZ et al. 2006):

Abb.4: Subjektive Einschätzung des körperlichen Befindens von Brustkrebspatientinnen, N=70 (Quelle: Eigene Darstellung)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.5: Subjektive Einschätzung des Lebensgefühls von Brustkrebspatientinnen, N=70 (Quelle: Eigene Darstellung)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.6: Subjektive Einschätzung der emotionalen Stressreaktion von Brustkrebspatien- tinnen, N=70 (Quelle: Eigene Darstellung)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Ergebnisse überraschen mit einer hohen Anzahl von Patientinnen, die in der Auswertung den Kategorien „gutes körperliches Befinden“ und „gutes Lebensgefühl“ zugeordnet werden konnten. Die „emotionale Stressreaktion“ wurde nach Clustern der definierenden Items erwartungs- gemäß von mehr als der Hälfte der Patientinnen (54,3%) mit „hoch“ eingestuft. Dies korreliert mit den Ausführungen von DITZ et al. (2006) zum posttraumatischen Belastungssyndrom (vgl. 3.3) und der Studie von HOLGRÄWE et al. (2008) zu den Bedürfnissen der Patientinnen (vgl. Kap. 3.4.1).

Zusammenfassend kann das Ergebnis als Plädoyer an alle an der Versorgung von Brustkrebspatientinnen Beteiligten interpretiert werden, der emotionalen Unterstützung eine entscheidende Bedeutung beizu- messen.

4 Aktuelle Versorgungssituation und ihre Lücken

4.1 Prävention

4.1.1 Begriff

Im medizinischen Zusammenhang bezieht sich dieser Begriff (lat: prävenire = zuvorkommen) darauf, einer Krankheit vorzubeugen (vgl. WALLER, 2001). Ziel ist die Vermeidung bzw. Minimierung von Risiken, die eine Krankheit auslösen können. Im Unterschied dazu zielt die Gesundheitsförderung auf die Erhaltung oder Herstellung von Ressourcen für Gesundheit. Ein hohes Maß an Eigenverantwortung befähigt die Menschen, Kompetenzen zur Gesunderhaltung zu entwickeln. Sowohl die Prävention mit ihrem pathogenetischen Ansatz wie auch die Gesundheitsförderung mit ihrer salutogenetischen Sicht- weise spielen in der Brustkrebsbekämpfung eine wichtige Rolle (vgl. WALLER, 2001).

4.1.2 Formen der Prävention und deren Implementierung bei Mammacarzinom

Grundsätzlich sind Präventionsmaßnahmen nach Zeitpunkt, Zielgröße und Methode zu gliedern. Im Folgenden wird die Einteilung nach dem Zeitpunkt näher erläutert.

Die sog. Primäre Prävention beschäftigt sich mit den Krankheits- ursachen und strebt durch deren Vermeidung ein Nichteintreten des Erkrankungsfalles an (vgl. WALLER, 2001). Eine gesunde Lebensführung unter Vermeidung der Risikofaktoren Adipositas, Nikotin- sowie Alkoholabusus aktivieren in Verbindung mit regelmäßiger sportlicher Betätigung das Immunsystem. Darüber hinaus bilden weniger Fettdepots weniger Östrogen. Die genetische Prädisposition, frühe Menarche oder späte Menopause als Risikofaktoren sind nicht zu beeinflussen, jedoch als solche zu erkennen.

Die Sekundäre Prävention fokussiert den Prozess der Pathogenese und versucht durch frühzeitiges Eingreifen den Ausbruch bzw. das Fortschreiten der Krankheit zu verhindern. Maßgebend ist die Tatsache, dass das Krankheitsstadium die Prognose beeinflusst. Früherkennung kann bei Brustkrebs lebensrettend sein. Bei Tumoren mit einem Durchmesser kleiner als 2 cm liegen die Chancen für eine dauerhafte Heilung bei über 90% (vgl. VIVANET 2008). Zurzeit wird in Deutschland von der gemeinsamen Selbstverwaltung der Ärzte und Krankenkassen in Kooperation mit den Ländern ein strukturiertes und qualitätsgesichertes Mammographie-Screening-Programm flächendeckend für alle Frauen im Alter zwischen 50 und 69 Jahren eingeführt. Die im Rahmen der Vorsorgeuntersuchung der über 30-Jährigen vorgesehene ärztliche Tastuntersuchung ist weiterhin Teil des gesetzlichen Früherkennungs- angebotes (vgl. BERTZ et al. 2006).

Maßnahmen zur Tertiären Prävention beziehen sich auf den Krankheits- verlauf, indem vor allem die Verhütung eines Rückfalls angestrebt wird (vgl. WALLER, 2001). Bei an Brustkrebs erkrankten Frauen besteht grundsätzlich die Gefahr eines Lokalrezidivs, und die Wahrscheinlichkeit einer malignen Veränderung an der anderen Brust ist erhöht. Dies bestätigt die Wichtigkeit regelmäßiger Nachsorgeuntersuchungen. Der Arzt ist in der Pflicht, sowohl die körperlichen Untersuchungen durchzuführen bzw. zu veranlassen, als auch zum informativ-beratenden Gespräch und zur psychosozialen Unterstützung. Die Patientin in der Routinenachsorge sieht ihren Gynäkologen in der Regel nur noch in größeren Zeitabständen: zunächst vierteljährlich, nach drei Jahren nur noch halbjährlich und nach fünf Jahren nur noch jährlich. Die gestellten Ziele an die Anforderungen der Nachsorge erfordern einen kompetenten, verlässlichen und vor allem erreichbaren „Verbündeten“ im Kampf gegen die Krankheit.

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Details

Seiten
77
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640208951
Dateigröße
779 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v117756
Institution / Hochschule
Europäische Fernhochschule Hamburg
Note
1,0
Schlagworte
Bedeutung Breast Care Nurse Qualität Versorgung Mammacarcinompatientinnen

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