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Die Erotik George Batailles in Theorie und Prosa

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 19 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

INHALT

Einleitung

I. BATAILLES THEORIE DER EROTIK
1. Menschliches (Er-)Leben zwischen Kontinuität und Diskontinuität
2. Die natürliche, heilige Welt und die profane Welt der Arbeit
3. Das Verbot und seine Überschreitung
4. Die Wesensgleichheit von Tod und Erotik

II. BATAILLE ALS SCHRIFTSTELLER – DAS OBSZÖNE WERK
1. Die Umsetzung seiner Theorie der Erotik in Prosa – Überschreitung als Thema
2. Das Verhältnis von Erotik und Sprache
3. Einige abschließende Bemerkungen zum Eros Batailles
4. Exkurs: Die erotische Literatur Batailles und der Pornographische Blick

Literaturliste

Einleitung

Die Erotik ist ein Themenbereich des Lebens, dem eine besondere Bedeutung zukommt. Sie ist für jeden Menschen, egal welchen Alters, von Interesse. Sie birgt etwas Geheimnisvolles, das entdeckt werden will. Gleichzeitig führt sie an die Grenzen des eigenen Daseins. Wie komplex das Wesen der Erotik ist, wird deutlich, wenn man versucht, ihrer auf sprachlicher Ebene habhaft zu werden. Eine erste allgemeine Definition könnte folgendermaßen lauten: Unter Erotik versteht man eine „den geistigen und seelischen Bereich einbeziehende sinnliche Liebe“[1]. Erotik verbindet demzufolge die drei wesentlichen Bereiche des Menschen: den Geist, die Seele und den Körper. Kann man hinsichtlich der Erotik also von einer Ganzheitserfahrung sprechen?

Ist nun der Körper an sich ein abgeschlossenes Teilsystem, dessen Wesen sichtbar ist, bergen der „Geist“ und besonders die „Seele“ erhebliche Schwierigkeiten in sich, will man ihr Wesen bestimmen. Ebenso verhält es sich mit der „Liebe“, derer es zahlreiche Arten, Varianten und Stile gibt.[2] Es ist zu vermuten, daß es mindestens ebenso viele verschiedene Auffassungen von Erotik gibt.

Die folgenden Arbeit beschäftigt sich mit der „Erotik“ George Batailles. Er gilt als ein Theoretiker der Sexualität.[3] Er widmete sich sowohl in seinem theoretischen als auch in seinem schriftstellerischen Schaffen dem Phänomen der Erotik. George Bataille wurde 1897 in der Auvergne geboren und starb 1962 in Paris. Sein erotisches Werk ist fast vollständig ohne die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit entstanden. Seine ersten Schriften veröffentlichte er unter wechselnden Pseudonymen und in nur geringen Auflagen.[4] Seit dem zweiten Weltkrieg gewinnt sein Werk zunehmend an Interesse und Einfluß.[5] Bataille absolvierte eine Ausbildung zum Archivar und Historiker und arbeitete 9 Jahre in der Bibliotèque Nationale in Paris. Er verkehrte im Kreis der Surrealisten, betätigte sich als Publizist und wirkte als Initiator einer antifaschistischen Schriftstellergruppe. Desweiteren interessierte er sich für Nietzsche, Hegel und die Soziologie und Etnologie von Marcel Mauss.[6]

Die Fragen, die dieser Abhandlung zugrunde liegen, lassen sich in etwa wie folgt umreißen: Wie wirkt sich Batailles theoretisches Konzept der Erotik auf seine erotische Literatur aus? Welcher Art ist seine erotische Prosa? Inwiefern bedient seine Dichtung den Pornographischen Blick?[7] Im ersten Teil soll seine theoretische Konzeption vorgestellt werden. Ausgangspunkt dabei ist sein Modell von Kontinuität und Diskontinuität im Sein. Er entwirft eine Theorie der zwei Welten. Auf der einen Seite steht die natürliche Welt, auf der anderen die Welt der Arbeit. Zwischen diesen beiden Welten ist das Verbot und seine Überschreitung angesiedelt. Nach dieser Einführung erfolgt die Vorstellung seines Erotikbegriffes. So konstatiert er eine Wesensgleichheit zwischen Erotik und Tod, die als Grundlage für das Verständnis seiner literarischen Schöpfung wesentlich ist. Die Umsetzung seiner Theorie in Ungebundene Sprache soll Gegenstand des zweiten Teiles sein. Die Geschichte des Auges und Meine Mutter werden stellvertretend zu diesem Zweck herangezogen. Beschäftigt man sich mit Erotik und Sprache, wird man mit einem Mißverhältnis konfrontiert: der Unmöglichkeit, das Wesen der Erotik mittels Sprache zu erfassen. Auf diesen Widerspruch hat Bataille wiederholt aufmerksam gemacht, im ständigen Bewußtsein der Unzulänglichkeit seiner Bemühungen – sei es in seinem theoretischen oder literarischen Werk. Dennoch läßt sich nicht leugnen, daß die literarische Darstellung der Sexualität – ebenso wie die (audio-) visuelle – den Konsumenten erregt. Erotik scheint durch die Sprache zwar nicht erfaßt werden zu können, doch vermag sie ein Transportmittel oder ein Stimulantia zu sein. Wie sonst ließe sich die zahlreiche erotische Kunst erklären. Dieser Gedanke leitet weiter zum „Sinn“ erotischer Literatur und zum letzten Teil der Untersuchung: In welchem Verhältnis stehen die erotische Literatur George Batailles und der Pornographische Blick? Ganz zuletzt sollen ein paar Anmerkungen zu Batailles Erotik beigefügt werden. Alles in allem ist die vorliegende Arbeit ein Versuch, der Batailleschen Erotik näher zu kommen. Wir folgen seinem verschlungenen Denken auf ebenso geschwungenen Pfaden. Denn wie das Thema erahnen läßt, ist eine geradlinige, rationale Herangehensweise an ein der Rationalität so weit entferntes und nur mittels emotionaler Intelligenz faßbares Phänomen sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich.

I. BATAILLES THEORIE DER EROTIK

1. Menschliches (Er-)Leben zwischen Kontinuität und Diskontinuität

Um sich Batailles Gedankengebäude zu nähern, bedarf es zunächst einer genaueren Beleuchtung seiner Begriffe von Kontinuität und Diskontinuität. Sein Ausgangspunkt ist die Einsamkeit der Individuen, die, als diskontinuierliche Wesen, „getrennt voneinander in einem unbegreiflichen Abenteuer sterben“[8], welches das Leben ist. Einmal in die Welt und ins Leben geworfen, führen wir ein Inseldasein im großen menschlichen Ozean, sind in uns selbst eingeschlossen und nur begrenzt fähig, über diese Einsamkeit eine Brücke zur Einsamkeit eines anderen Wesens zu schlagen. Immer sehen wir die Welt nur from behind our own eyes. Wir können uns selbst nicht entrinnen. Um Bataille hier folgen zu können, bedarf es der Selbsterfahrung. So tief auch das zwischenmenschliche Verstehen dringen kann, sind wir letzten Endes mit uns selbst allein(gelassen). In dieser tief empfundenen und schmerzhaften Einsamkeit wurzelt die Sehnsucht nach ihrer Überwindung, deren Ziel die Kontinuität, das All-Eins-Gefühl, ist. Mit der Geburt treten wir ein in das diskontinuierliche Dasein, als ein in uns selbst abgeschlossenes System, dessen Grenzen wir selbst sind. Diese Erfahrung der Diskontinuität gründet im menschlichen Bewußtsein, nicht zuletzt, des Todes, doch gleichwohl in der Zufälligkeit unserer Existenz. Wie nun läßt sich die Kontinuität zurückgewinnen, aus der wir einst hervorgegangen sind? Wie kann diese Sehnsucht gestillt werden? Der Weg zurück zum All-Einen führt in den Tod. Unsere Sehnsucht nach dem Kontinuitätsgefühl ist folglich eine Todessehnsucht.[9] Mit dem Tod wird das Lebewesen aus seiner Diskontinuität erlöst. Es geht zurück in den ewigen Kreislauf von Werden und Gewesensein. Wenn also das Erleben der Einzelhaftigkeit seinen Ursprung im menschlichen Sich-Selbst-Bewußtsein hat, sich also vom Sich-Selbst-Bewußtsein der Tiere und Pflanzen unterscheidet, läge in der Überwindung dieses Bewußtseins ein erfolgversprechender Weg zur Erlangung der Harmonie in der Kontinuität. Das Bewußtsein, von dem hier ausgegangen wird, bezieht sich auf die menschliche Fähigkeit des rationalen Denkens.[10] Das innere Erleben von Diskontinuität und die Sehnsucht nach Kontinuität findet ihre Entsprechung in den zwei (äußeren) Welten, durch deren Widersprüchlichkeit die menschliche Existenz gekennzeichnet ist. Dabei handelt es sich um:

2. Die natürliche, heilige Welt und die profane Welt der Arbeit

Am Anfang gab es einzig die natürliche Welt, in welcher alle Lebewesen existierten. Im Laufe der Entwicklung der Menschheit, genauer: an der Schwelle zum Menschengeschlecht, bildete sich ein Phänomen heraus, das für die weitere Entwicklung von größter Wichtigkeit war. Die Arbeit. Sie ist die Ursache für die Herauslösung des Menschen aus dem Tierreich und folglich unerläßliche Existenzbedingung der menschlichen Gesellschaft überhaupt. Mit der Arbeit entwickelte und vergrößerte sich das Gehirn des Menschen. Es bildete sich heraus, was man gemeinhin mit „Verstand“ oder „Intelligenz“ bezeichnet. In dieser Welt der Vernunft boten die Regeln der natürlichen Welt keine Orientierungshilfe, ja waren sie kontraproduktiv. Während in der natürlichen Welt eine orgiastische Verschwendung herrschte, wurde das „rechte Maß“ in der rationalen Welt überlebenswichtig. Innerhalb der menschlichen Gemeinschaft bildeten sich eigene Regeln heraus, die für das Fortbestehen dieser Art unter diesen Umständen geeignet schienen.

Hatte der Mensch sich nun auch seine eigene Welt erschaffen, blieb er dennoch ebenso Teil der natürlichen Welt. Im Ursprung werden menschliches Handeln und Denken zu einem sehr großen Teil von Emotionen beherrscht. Diese repräsentieren sozusagen das Urerbe der natürlichen Welt. Doch können wir den Trieben, die uns innewohnen und drängen, nicht mehr mit der ursprünglichen Natürlichkeit nachgeben. Die (natürliche) Gewaltsamkeit, wie Bataille es ausdrückt, ist nun zur Gewaltsamkeit eines Vernunftwesens geworden, „das zu gehorchen versucht[.], aber einer Regung unterliegt, die es nicht auf seine Vernunft zurückführen kann“[11]. Der Mensch befindet sich infolgedessen in einem Zwiespalt. Den Kopf aufgerichtet in die rationale Sphäre, drängt ihn sein Bauch in die Tiefen der Gewaltsamkeit. Um die Welt des Verstandes von der Welt der ungezügelten Triebe abzugrenzen, erlegte sich der Mensch Verbote auf.

[...]


[1] Der kleine Duden. Fremdwörterbuch, Mannheim: Dudenverlag 1991, S. 119.

[2] Eine Übersicht über die 6 Liebesstile bei: Hans W. Bierhoff: Vertrauen und Liebe. Liebe baut nicht immer auf Vertrauen auf; In: Martin Schweer (Hrsg.): Interpersonales Vertrauen, Opladen: Westdeutscher Verlag 1997, S. 91-104.

[3] Bezugnehmend auf den Seminarplan „Soziologie des Pornographischen Blicks“, wo er mit Foucault unter „Theoretiker der Sexualität“ aufgeführt ist.

[4] Bibliographische HinweiseàIn: George Bataille: Das obszöne Werk, Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 1972, S. 237-238.

[5] Manfred Brauneck (Hrsg.): Weltliteratur im 20. Jahrhundert. Autorenlexikon (A-C), Hamburg: Rowohlt Taschbuch Verlag 1981, S. 113. Es sei noch darauf aufmerksam gemacht, daß in zahlreichen Literaturlexika zwischen Bassani und Baudelaire eine Lücke klafft.

[6] Harenbergs Lexikon der Weltliteratur. Autoren – Werke – Begriffe, Bd. 1 (A – Cli), Dortmund: Harenberg Lexikonverlag 1989, S. 306.

[7] Gemeint ist hier die Vorstellung des Rezipienten während der Lektüre, die innere Visualisierung des Beschriebenen.

[8] Bataille, George: Die Erotik, München: Matthes & Seitz Verlag 1994, S. 17.

[9] Zwar unterstellt Bataille eine Todessehnsucht, doch ist diese nicht frei von Angst. Um diesem Dilemma zu entkommen, konstruiert er seine Erotik der Überschreitung, als innere Erfahrung der Kontinuität. Dazu ausführlicher in Kapitel I.4.

[10] Setzt man das menschliche Bewußtsein mit dem Verstand gleich, findet man sich beim evolutionsgeschichtlich jüngsten Teil des Gehirns (dem Neokortex) wieder, der überhaupt erst typisch menschlich ist.

[11] Bataille: Die Erotik, S. 42.

Details

Seiten
19
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783640200481
ISBN (Buch)
9783640206117
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v117663
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Soziologie
Schlagworte
Erotik George Batailles Theorie Prosa Soziologie Blicks

Autor

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Titel: Die Erotik George Batailles in Theorie und Prosa