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Die Bedeutung der großen Migration von 1690 für die Ethnostruktur des Kosovo

Seminararbeit 2003 22 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Ethnostruktur im Kosovo vor der Migration von 1690
2.1 Religionszugehörigkeit und Ethnizität im Kosovo der Frühen Neuzeit
2.2 Orts- und Personennamen als Indiz ethnischer Herkunft
2.3 Zusammenfassung – Die Situation vor 1690

3 Die große Migration und ihre Folgen
3.1 Die Habsbuger Niederlage und die Flucht – Diskussion um die Migration
3.2 1690 als Wendepunkt? Migrationsbewegungen nach der großen Flucht

4 Fazit

5 Literatur- und Quellenverzeichnis

Die Bedeutung der großen Migration von 1690 für die Ethnostruktur des Kosovo

- Die Situation vor und nach der Migration -

1 Einleitung

Der Streit um das Kosovo zwischen Serben und Albanern ist eine Auseinandersetzung, die vor allem die Historiker beider Nationen sehr stark in den Konflikt miteinbezogen hat. Die Kernfragen „Wer war zuerst da?“ bzw. „Wer war wann da?“ sind wohl kaum unterschiedlicher zu beantworten, als das bei den beiden Parteien der Fall ist. Beide Seiten beanspruchen für sich das Recht auf das Gebiet des Kosovo und berufen sich u.a. auf ihre jeweiligen Geschichtsschreiber. Die hierbei vertretenen Standpunkte sind recht einfach wiederzugeben. Die Albaner sehen sich als Nachkommen der Illyrer, der antiken „Urbevölkerung“ des Kosovo[1] und Umgebung, und leiten davon ihre Besitzansprüche auf das Gebiet ab.[2] Die Serben hingegen sehen das Kosovo als „Wiege der Kultur und des Staates des serbischen Volkes“[3] und stützen dies auf die Aussage, dass das Kosovo ab dem Mittelalter rein serbisch besiedelt war.[4] Eine Verbindung zwischen den Illyrern der Antike und den Albanern wird von serbischer Seite nicht anerkannt.

Ganz besondere Bedeutung innerhalb der Geschichte des Kosovo kommt dem Jahr 1690 zu. Nach der Niederlage der Habsburger gegen die Osmanen bei Kaçanik schlossen sich eine große Zahl von Menschen, die die Habsburger im Krieg unterstützt hatten, aus Angst vor türkischen Vergeltungsaktionen der Fluchtbewegung der habsburgischen Truppen an und verließen das Kosovo. Hier liegt einer der Hauptstreitpunkte zwischen Vertretern der serbischen und albanischen Volksgruppen. Wer waren die Flüchtigen? Mitglieder welcher ethnischen Gruppe kämpften auf Seiten der Habsburger gegen die Türken? Wie viele Menschen verließen das Kosovo 1690? Und vor allem stellt sich die zentrale Frage: War es diese Migration, die einen kompletten Wandel der Ethnostruktur des Kosovo herbeiführte?

Hinsichtlich dieser Frage stehen zahlreiche serbische Autoren auf dem Standpunkt, dass vor 1690 ausschließlich Serben das Kosovo besiedelten und dass erst aufgrund der Fluchtbewegung (die nach dieser Theorie nur aus Serben bestand) eine albanische Besiedlung des Kosovo begann.[5]

Diese Arbeit wird sich kritisch mit der Bedeutung der großen Migration von 1690 auseinandersetzen. Dabei soll die Verschiebung der Ethnostruktur im Kosovo im Vordergrund stehen. Um eine Veränderung in der Bevölkerungsstruktur zu untersuchen, muss natürlich zunächst die Situation im Kosovo vor 1690 genau untersucht werden. Hiermit wird sich der erste Teil der Arbeit beschäftigen. Im zweiten Teil soll dann die Habsburger Niederlage und ihre Folge, nämlich die große Fluchtbewegung, näher beleuchtet werden und auf ihre Bedeutung für eine Veränderung der ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung im Kosovo eingegangen werden.

2 Die Ethnostruktur im Kosovo vor der Migration von 1690

Wie bereits in der Einleitung kurz dargestellt, ist die Frage nach der Bedeutung der großen Migration nicht ohne eine eingehende Untersuchung der Bevölkerungsstruktur vor 1690 zu beantworten. Ausgehend von beiden kontroversen Standpunkten, die in ihren maximalen Forderungen jeweils die ethnische Bevölkerungsmehrheit vor der Migration für sich beanspruchen, soll nun untersucht werden, welche Gruppen tatsächlich unmittelbar vor 1690 das Kosovo bewohnten. Dabei ergeben sich vor allem folgende Probleme.

Die Religionszugehörigkeit spielt (vor allem in den kirchlichen Quellen) eine herausragende Rolle bei dem Versuch, die ethnischen Zugehörigkeiten einzelner Personengruppen zu bestimmen. Jedoch können (entgegen der Handhabung einiger Autoren) nicht generell Rückschlüsse von Religions- auf ethnische Zugehörigkeit gezogen werden. Dieser Schritt wäre eine zu starke Vereinfachung. Sicherlich gab es Tendenzen, die z.B. besagen, dass viele Serben orthodox, viele Albaner (zumindest anfänglich) hingegen katholisch waren; eine Generalisierung würde jedoch möglicherweise zur Verfälschung von Tatsachen führen. Des Weiteren ist die Sekundärliteratur aus den betroffenen Ländern (Serbien und Albanien) mit Vorsicht und kritischem Blick zu betrachten. Oft erscheint die Literatur eher politische Propaganda als historisch aufgearbeitetes Material zu sein. Letztlich ist die Quellenlage aus der entsprechenden Zeit relativ unzureichend. Information entstammt Militär- und Reiseberichten und oft vor allem kirchlichen Quellen. Diese wiederum beschäftigen sich jedoch zumeist eher mit der Konfession als mit der Ethnizität, so dass die Quellenauslegung oft zu einer Interpretationsfrage wird. Allgemein war die ethnische Herkunft damals eher zweitrangig und trat in ihrer Bedeutung deutlich hinter Konfession, sozialem Status oder der Loyalität zum jeweiligen Herrscher zurück.[6] Die kirchlichen Quellen stellen zwar nicht den einzigen, aber wohl den umfangreichsten Teil der Anhaltspunkte dar. Aus diesem Grund soll nachfolgend zum besseren Verständnis zunächst ein Überblick über die Religionszugehörigkeit in Verbindung mit der ethnischen Zugehörigkeit gegeben werden. Danach folgt dann die Auswertung der Quellen bezüglich der Ethnostruktur des Kosovo vor 1690.

2.1 Religionszugehörigkeit und Ethnizität im Kosovo der frühen Neuzeit

Betrachtet man das Kosovo im 17. Jahrhundert, so findet man hinsichtlich der Religionszugehörigkeit eine bunt gemischte „Masse“ vor. Katholiken, Orthodoxe und Muslime bewohnten gemeinsam das Gebiet, die Mehrheitsverhältnisse variierten von Ort zu Ort. Doch welche ethnische Zugehörigkeit steckt hinter diesen religiösen Gruppen und wie kam diese Durchmischung zustande?

Mit Beginn der Osmanischen Herrschaft Mitte des 15. Jahrhunderts wuchs auch die Zahl der Muslime stetig an. Diejenigen serbischen Autoren, die die Präsenz der Albaner im Kosovo bis 1690 nicht komplett abstreiten, gehen bei diesem rapiden Anstieg von einer Einwanderung von (meist katholischen) Albanern aus, die dann sehr schnell zum Islam konvertierten.[7] Was jedoch sollte diese Konvertierung bewirkt haben?

Tatsächlich war es so, dass mit dem Annehmen des islamischen Glaubens eine Reihe von Vorteilen einherging. So kam es z.B. zu Steuererleichterungen gegenüber Christen, die eine Kopfsteuer entrichten mussten. Des Weiteren hatte man als konvertierter Muslim auch gute Aufstiegsmöglichkeiten, die bis zum Amt des Großwesirs führen konnten.[8] Auch die Umgehung des Kriegsdienstes, der zahlreichen christlichen Männern aufgebürdet wurde, dürfte eine Rolle gespielt haben.[9] Zwangsislamisierung in der Zeit vor 1690 war wohl eher die Ausnahme. Der „Terror“[10] der Türken wird zwar oft vor allem von serbischen Autoren zitiert, die Herrschaft war jedoch zumindest vor 1690 keine, die übermäßig gewalttätig war. Noel Malcolm schreibt zur Zwangsislamisierung: „Forced conversions were rare; one German traveller did record in 1555 that prisoners of war were being forcibly converted in Istanbul, but this was never general practice.“[11] Edgar Hösch spricht sogar von „religiöser Toleranz“[12] der Osmanen.

Grundsätzlich kann man daher davon ausgehen, dass nicht religiöse Überzeugung, sondern viel eher die weltlichen Vorteile den Ausschlag zu einer Konvertierung gaben. Dies spiegelt sich auch in der Tatsache wieder, dass oft nur das Familienoberhaupt zum Islam übertrat, während der Rest der Familie christlich blieb.[13] Auch das sog. Krypto-Christentum unterstützt diese These. Hierbei handelt es sich um Personen, die nur vordergründig den islamischen Glauben annahmen, in Wirklichkeit jedoch weiterhin nach dem christlichen Glauben lebten. Dies ging so weit, dass sie weiterhin den christlichen Gottesdienst besuchten (was von Priestern meist geduldet wurde) oder kirchlich heirateten.[14]

Nun, da die Vorteile einer Konvertierung zum Islam erläutert wurden, stellt sich allerdings immer noch die Frage, ob man davon ausgehen kann, dass das Wachstum der muslimischen Bevölkerung durch Konvertierung hervorgerufen wurde, oder ob die Zuwanderung von Personen muslimischen Glaubens der Grund war, bzw. ob die Konvertiten zwangsweise Zuwanderer gewesen sein müssen. Diese Frage hat vor allem Noel Malcolm eingehend behandelt. Er erklärt die große Mehrheit von muslimischen Einwohnern in Städten wie Peć oder Prishtina (90% und 60% Muslime) zum Ende des 16. Jahrhunderts fast ausschließlich mit der Konvertierung von Christen zum Islam. Zwar weist er auch auf einige wenige türkisch-stämmige Einwanderer muslimischen Glaubens hin, stellt jedoch fest, dass diese Zahl verglichen mit der gesamten Einwohnerzahl der Städte Kosovos verschwindend gering sei und daher kaum ein Faktor gewesen sein könne.[15]

Die rapide Vermehrung in manchen Städten des Kosovo muss also ihren Ursprung in der Konvertierung bereits angesiedelter Christen gehabt haben. Nun gilt es nachzuvollziehen, welchen ethnischen Gruppen die Konvertiten angehörten. Malcolm zieht hier vor allem Informationen aus katholischen Quellen heran. Diese bezogen sich zwar hauptsächlich auf die katholische Bevölkerung, erlauben jedoch auch Rückschlüsse auf muslimische Bewohner Kosovos. So wird in einem Bericht des apostolischen Visitators Pjetër Mazrreku über die Stadt Prizren festgehalten, dass es hier 200 Katholiken, 600 Orthodoxe und 12000 Muslime gab, „von denen fast alle Albaner waren“.[16] Natürlich ist dies nur ein Beispiel aus einer Stadt (allerdings einer für damalige Verhältnisse sehr großen Stadt), aber eine Tendenz lässt sich vielleicht auch für andere Gebiete des Kosovo ableiten. Peter Bartl gibt zudem außer Prizren noch Gjakovë (im heutigen Montenegro) und Skoplje als mehrheitlich muslimisch mit albanischer Herkunft an.[17] Betrachtet man außerdem die Entstehung des albanischen Christentums, das durch fremde Herrscher eingeführt wurde und sich in Gottesdiensten einer für Albaner unverständlichen Sprache bediente, so kann man mit Recht davon ausgehen, dass die christlichen Wurzeln der Albaner nicht gerade tief waren. Vielmehr kann nur von einem oberflächlichen Bekenntnis zum Christentum die Rede sein.[18] Hinzu kommt, dass die Stammeszugehörigkeit bei den Albanern eine wesentlich wichtigere Rolle als die Religionszugehörigkeit gespielt haben dürfte.[19] Alles zusammengenommen scheint es wahrscheinlich, dass die Hemmschwelle eines Großteils der albanischen Bevölkerung ihre Religion zugunsten von weltlichen Vorteilen zu wechseln nicht besonders hoch war. Ein weiterer Hinweis dafür, dass zahlreiche Albaner zum Islam konvertierten, ist die Tatsache, dass man in politisch und militärisch hochrangigen Positionen der Türken auf Personen stößt, die albanische Namen tragen oder albanischer Abstammung sind.[20] Da diese Positionen nur von Muslimen bekleidet werden durften, ging hier mit großer Wahrscheinlichkeit eine Konvertierung der betreffenden Personen voraus.

[...]


[1] Bezüglich der Vokabel „Kosovo“ sei der Vollständigkeit halber erwähnt, dass diese in der gesamten Arbeit natürlich aus dem heutigen Verständnis heraus gebraucht wird, da in der behandelten Zeit Kosovo noch kein festgelegtes Gebiet darstellte.

[2] Vgl. z.B. Klaus Lange: Der Kosovo Konflikt. Aspekte und Hintergründe, München 1999, S. 6

[3] So heißt es im offiziellen Belgrader Standpunkt zum Thema Kosovo, abgedruckt in: Werner Daum (Hrsg): Albanien. Zwischen Kreuz und Halbmond, München 1998, S.267

[4] Vgl. Konrad Clewing: Mythen und Fakten zur Ethnostruktur in Kosovo – Ein geschichtlicher Überblick, in: Ders. - Jens Reuter (Hrsg.): Der Kosovo-Konflikt. Ursachen, Akteure, Verlauf. München 2000, S. 17-63, S.21

[5] Vgl. z.B. Milutin Garasanin: Illyrians and Albanians, in: Ranko Petcovic (Hrsg.): Kosovo. Past and Present, Belgrad o.J. S. 33-38, S.33ff.

[6] Vgl. Holm Sundhaussen: Kosovo – Eine Konfliktgeschichte, in: Konrad Clewing - Jens Reuter (Hrsg.): Der Kosovo-Konflikt. Ursachen, Akteure, Verlauf. München 2000, S. 65-88, S. 66

[7] Vgl. Noel Malcolm: Kosovo. A short history. New York 1998, S. 112

[8] Vgl. Peter Bartl: Albanien. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Regensburg 1995, S. 52

[9] Vgl. Miranda Vickers: Between Serb and Albanian – A history of Kosovo. London 1998, S.24

[10] Aus dem offiziellen Belgrader Standpunkt zum Thema Kosovo, abgedruckt in: Werner Daum (Hrsg): Albanien..., a.a.O., S. 267

[11] Noel Malcolm, a.a.O., S.107

[12] Edgar Hösch: Geschichte der Balkanländer. Von Frühzeit bis zur Gegenwart, München 2002 (4.Aufl.), S. 97

[13] Vgl. Peter Bartl: Albanien..., a.a.O., S.54

[14] Ebd.

[15] Vgl. Noel Malcolm, a.a.O., S.106f.

[16] Ebd. S. 136 (übersetzt aus dem Englischen: „(...) almost all of them Albanian“)

[17] Vgl. Peter Bartl: Kosova and Macedonia as reflected in ecclesistical reports, in: Arshi Pipa – Sami Repishti (Hrsg.): Studies on Kosova, New York 1984, S. 23-40, S. 30

[18] Vgl. Hasan Kaleshi: Das türkische Vordringen auf dem Balkan un die Islamisierung – Faktoren für die Erhaltung der ethnischen und nationalen Existenz des albanischen Volkes, in: Peter Bartl – Horst Glassl (Hrsg.): Südosteuropa unter dem Halbmond. Untersuchungen über Geschichte und Kultur der südosteuropäischen Völker während der Türkenzeit. München 1975, S. 125-138, S. 128

[19] Vgl. Peter Bartl, Albanien... a.a.O., S.39

[20] Ebd. S. 49

Details

Seiten
22
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638178259
Dateigröße
608 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v11758
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Friedrich-Meinecke-Institut
Note
1,3
Schlagworte
Kosovo Migration 1690

Autor

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