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Elternkonflikte und Jugendliche

Der Einfluss von Elternkonflikten, Konfliktbewältigungsstrategien und Konfliktlösung auf das Befinden betroffener Jugendlicher

Lizentiatsarbeit 2002 99 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

THEORIETEIL

1 Stress und Coping
1.1 Stresskonzepte
1.2 Stress und dessen Wirkung auf das Individuum und die Partnerschaft
1.2.1 Stress und Persönlichkeit
1.2.2 Körperliche und psychische Folgen von Stress
1.2.3 Auswirkungen von Stress auf die Partnerschaft
1.3 Zusammenfassung zu Stress und Coping

2 Der Umgang mit Konflikten bei Ehepaaren
2.1 Gründe für Partnerschaftskonflikte
2.2 Kommunikationsprobleme bei Auseinandersetzungen
2.3 Laboruntersuchungen zu Partnerkonflikten und Instrumente zur Erfassung ehelicher Konflikt- und Kommunikationsstile
2.3.1 Laboruntersuchungen
2.3.2 Der Communication Patterns Questionnaire
2.3.3 Das Conflict Inventory
2.4 Typologien von Paaren und Konfliktbewältigungsstrategien
2.4.1 Vier Paartypen nach Ridley et al. (2001)
2.4.2 Das Demand-Withdraw Muster Ehelicher Interaktion
2.4.3 Die Paartypologie nach Gottman
2.4.4 Konfliktstile anhand zweier Dimensionen: Eigeninteresse und Interesse an der Partnerschaft
2.5 Zusammenfassung zu Umgang mit Konflikten bei Ehepaaren

3 Jugendalter und Konflikte
3.1 Personen- und Kontextabhä ngiges Konfliktverhalten
3.2 Konfliktthemen im Jugendalter
3.3 Veränderungen in der Eltern-Kind-Beziehung mit Beginn der Adoleszenz ..20
3.4 Zusammenfassung zu Jugendalter und Konflikte

4 Auswirkungen elterlicher Konflikte auf Kinder
4.1 Theoretische Grundlagen für den Zusammenhang zwischen Elternkonflikten und Kindproblemen
4.2 Empirische Befunde über den Zusammenhang ehelicher Konflikte und Kindproblemen
4.3 Direkte und indirekte Auswirkungen von Elternkonflikten auf Kinder
4.3.1 Direkte Auswirkungen elterlicher Konflikte
4.3.2 Indirekte Auswirkungen elterlicher Konflikte
4.4 Ehekonflikte und charakteristische Eigenschaften des Kindes
4.4.1 Demografische Variablen
4.4.2 Temperamentsunterschiede
4.4.3 Die Bedeutung sozial kognitiver Prozesse
4.5 Spezifische Merkmale und Kontext der Elternkonflikte
4.5.1 Häufigkeit
4.5.2 Art des Ärgerausdrucks
4.5.3 Intensität
4.5.4 Inhalt
4.5.5 Lösung des Konflikts
4.5.6 Erklärungen, Schuldzuweisungen
4.5.7 Sozialer Kontext
4.6 Muster von Partnerkonflikten und Auswirkungen auf die Kinder
4.7 Zusammenfassung zu Auswirkungen elterlicher Konflikte auf Kinder

EMPIRISCHER TEIL

5 Fragestellung

6 Methode
6.1 Messinstrumente
6.1.1 Das Family Self Monitoring System (FASEM-C)
6.1.1.1 Emotionales Befinden der Jugendlichen
6.1.1.2 Soziales Coping (Umgang mit Konflikten) der Eltern
6.1.2 Zusätzlich zum FASEM-C eingesetzte Fragebogen
6.1.2.1 Demographische Daten
6.1.2.2 Umgang mit Meinungsverschiedenheiten, Streit und Auseinandersetzungen der Eltern
6.1.2.3 Partnerschaftszufriedenheit der Eltern (RAS)
6.1.2.4 Gefühle der Jugendlichen während einer normalen Woche, am Morgen, in der Schule und am Abend
6.1.2.5 Lebenszufriedenheit und Emotionalität der Jugendlichen (FPI)
6.1.2.6 Brief Symptom Inventory (BSI)

7 Untersuchung
7.1 Auswahl und Rekrutierung der Familien
7.2 Ablauf der Untersuchung
7.3 Stichprobenbeschreibung

8 Hypothesen
8.1 Der Einfluss der Häufigkeit von Konflikten auf das Befinden der Jugendlichen
8.2 Der Einfluss der Partnerschaftszufriedenheit auf das Befinden der Jugendlichen
8.3 Der Einfluss spezifischer Konfliktbewältigungsstrategien auf das Befinden der Kinder
8.4 Der Einfluss von gelösten bzw. ungelösten Konflikten auf das Befinden der Jugendlichen
8.5 Verfahren und Teststärke
8.5.1 Korrelationen

9 Operationalisierung und Ergebnisse
9.1 Konflikthäufigkeit und Befinden der Jugendlichen
9.1.1 Diskussion
9.2 Das Auftreten eines Konflikts in der Selbstbeobachtungswoche und das Befinden des Jugendlichen
9.2.1 Diskussion
9.3 Partnerschaftszufriedenheit und Befinden der Jugendlichen
9.3.1 Diskussion
9.4 Konfliktbewältigungsstrategien und das Befinden der Kinder
9.4.1 Konfliktbewältigungsstrategien der Eltern anhand der Fragebogendaten eingeschätzt und das Befinden der Kinder
9.4.1.1 Diskussion
9.4.2 Elterliche Konfliktbewältigungsstrategien in der Selbstbeobachtungswoche und das Befinden der Kinder
9.4.2.1 Diskussion
9.4.3 Elterliche Konfliktbewältigungsstrategien in der Selbstbeobachtungswoche und Befinden der Kinder anhand der Fragebogendaten
9.4.3.1 Diskussion
9.5 Lösung des Konfliktes und Befinden der Kinder
9.5.1 Diskussion

10 Zusammenfassung und Diskussion
10.1 Die wichtigsten Ergebnisse
10.1.1 Konflikthäufigkeit bzw. Konfliktepisoden und das Befinden der Jugendlichen
10.1.2 Partnerschaftszufriedenheit und Befinden der Jugendlichen
10.1.3 Konfliktbewältigungsstrategien und das Befinden der Kinder
10.1.4 Lösung des Konfliktes und Befinden der Kinder
10.1.5 Geschlechtsunterschiede und - zusammenhänge
10.2 Methodenkritik

LITERATUR

THEORIETEIL

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, theoretische Überlegungen zum Thema „Eltern- konflikte und Auswirkungen auf Jugendliche“ darzustellen und darauf folgend Daten einer empirischer Untersuchung bezüglich den aus der Theorie abgeleiteten Hypothe- sen zu testen. In diesem ersten Teil wird versucht, sich dem Thema von verschiedenen Seiten her zu nähern. So sollen als erstes Konflikte vom Standpunkt der Stresstheorie beleuchtet werden. Konflikte sind immer Stressereignisse, sowohl für die Konflikt- partner wie auch für Beobachter von Auseinandersetzungen. Überlegungen zu Stress- erleben, Bewältigungsverhalten sowie Auswirkungen von Stress auf das Individuum und die Partnerschaft werden präsentiert. Weiter wird versucht, Befunde zum Thema Partnerschaft, Partnerschaftstypen und Konfliktverhalten aufzuzeigen. Und schliess- lich, nach einem kurzen Abschnitt zum Thema Jugendalter und Konflikte, werden Theorien und Forschungsergebnisse zu Auswirkungen von Ehekonflikten auf betrof- fene Kinder bzw. Jugendliche dargestellt.

1 Stress und Coping

1.1 Stresskonzepte

In den Anfängen der Stressforschung wurde Stress als Stimulus (z.B. Dohrenwend & Dohrenwend, 1974; Holmes & Rahe, 1967) bzw. als (physiologische) Reaktion (z.B. Selye, 1974) aufgefasst. Während erstere Sichtweise das Problem mit sich bringt, dass aufgrund der unterschiedlichen subjektiven Wahrnehmung dieselbe stressige Situation von verschiedenen Leuten ganz unterschiedlich wahrgenommen wird, hat der zweite Ansatz den Nachteil, dass auch subjektiv nicht als stressig empfundene Situationen wie z.B. Jogging zu körperlichen Reaktionen führen, welche als „Stress“ definiert werden.

In einem neueren Ansatz beschreibt Lazarus (1966) Stress als eine Transaktion zwi- schen Person und Umwelt, bei der nicht so sehr die objektive Stimulusqualität rele- vant ist, sondern vielmehr die subjektive Repräsentation eines Ereignisses durch die Person. Stress entsteht dann, wenn eine Person eine Situation als herausfordernd, be- drohend oder schädigend einschätzt („primary appraisal“) und sie die durch innere (Ziele, Werte, Verpflichtungen) oder äussere Bedingungen gestellten Anforderungen als die eigenen Ressourcen beanspruchend oder übersteigend wahrnimmt („secondary appraisal“) (Folkman, 1984). Dieser relationale (die Beziehung zwischen Person und Umwelt betreffende) Charakter von Lazarus kognitiver Theorie von Stress wird durch einen prozesshaften ergänzt: Person und Umwelt befinden sich in einem dynamischen Austausch, welcher bidirektional verläuft. Somit verändern sich im Verlauf der wech- selseitigen Auseinandersetzung die Einschätzung und die Bewältigung des Stressors ständig, wobei die Veränderung eines Elements zur Veränderung des gesamten Sys- tems führt. Ereignis, primäre und sekundäre Einschätzung, Reevaluation der Situation („reappraisal“) und emotionale, soziale und physiologische Prozesse stehen in einem komplexen Wechselspiel, das sich fortlaufend über die Zeit verändert.

Stress kann negativ („distress“) wie auch positiv, aktivierend („eustress“) wirken, wo- bei letzterer für eine optimale Leistungsfähigkeit eine Rolle spielt (vgl. Bodenmann, 2000). Als Arten von Stress können tägliche Widrigkeiten, kritische Lebensereignisse und Entwicklungsaufgaben unterschieden werden (vgl. Perrez, 1988).

Die Einschätzung der Situation und die damit einhergehenden emotionalen Reaktio- nen führen zu einem bestimmten Bewältigungsverhalten, dem sogenannten Coping. Dieses kann übergeordnet in problembezogenes und emotionsbezogenes Coping ein- geteilt werden (Lazarus, 1966). Problembezogenes Coping ist darauf gerichtet, das jeweilige Problem zu lösen bzw. auf eine belastende Situation einzuwirken um damit die gestörte Person-Umwelt-Wechselbeziehung zu verändern. Direkte Handlungen wie Angriff oder Flucht gehören dazu. Emotionsbezogenes Coping beinhaltet die Re- gulation der (negativen) Emotionen. Dabei geht es vor allem um den Versuch, den als belastend erlebten Spannungszustand, durch den Stressemotionen wie Angst, Ärger, Schuld, Depression, Eifersucht usw. oft gekennzeichnet sind, zu verringern (Laux & Weber, 1990). Einige Untersuchungsergebnisse verweisen darauf, dass problemzent- rierte Bewältigungsformen stärker in Abhängigkeit von situativen Faktoren variieren, emotionszentrierte Formen dagegen stärker durch personale Faktoren beeinflusst wer- den (vgl. Stone & Neale, 1984; Parkes, 1986; Thomae, 1987; Laux & Weber, 1990; Strehmel, 1988).

Als spezielle Bewältigungsstrategien, die sowohl problemlösende als auch emotions- regulierende Funktionen erfüllen, thematisieren Lazarus und Laurnier (1981) Infor- mationssuche und -unterdrückung (für eine verbesserte Entscheidungsgrundlage bei der Wahl der Bewältigungsstrategien bzw. die Vermeidung dissonanter Informatio- nen, die das Wohlbefinden beeinträchtigen könnten), direkte Aktionen zur Bewälti- gung der stressreichen Situation, Aktionshemmung (um dysfunktionale Handlungsim- pulse zu unterdrücken) und intrapsychische Bewältigungsformen, wie die Aufmerk- samkeitslenkung, Beruhigung, die der Regulation von Emotionen dienen.

1.2 Stress und dessen Wirkung auf das Individuum und die Partnerschaft

In ihrer langjährigen Forschung zum Thema Stress, Stress und Partnerschaft und Stressprävention haben Bodenmann und Mitarbeiter (vgl. Bodenmann, 2000, 2002; Bodenmann & Cina, 1999; Bodenmann, Widmer & Cina, 2000) sowie weitere For- scher (vgl. Hahlweg et al., 1993; Gottman & Schwartz Gottman, 1999; Jacobson & Christensen, 1996; Bradbury, 1998) theoretische Grundlagen der Stressforschung dar- gestellt wie auch praktische Implikationen zum individuellen wie auch dem partner- schaftlichen Umgang mit Stress ausgeführt.

1.2.1 Stress und Persönlichkeit

Individuen reagieren ganz unterschiedlich auf das Auftreten von Stress. Persönlich- keitseigenschaften, die durch genetische, biologische und lerngeschichtliche Aspekte begründet sind, beeinflussen den Umgang mit Stress. Als Beispiel lassen sich zwei Gruppen unterscheiden, die zwei entgegengesetzte Typen beschreiben: Während die sogenannten Repressor dazu neigen, Stress herunterzuspielen und bedrohliche Infor- mationen zu ignorieren (bei Stress aber trotzdem stark reagieren), legen die Sensitizer ihre Aufmerksamkeit in hohem Masse auf bedrohliche Ereignisse und messen diesen übermässiges Gewicht zu. Sensitizer sind dann auch leicht erregbar und reagieren bei Stress mit einer starken Zuwendung zum Problem.

1.2.2 Körperliche und psychische Folgen von Stress

Es gibt unzählige Symptome, die in Verbindung mit Stress gebracht werden: So sind auf der körperlichen Ebene z.B. Verspannungen der willkürlichen Muskulatur festzu- stellen, die ihrerseits zu Kopfschmerzen, Rückenschmerzen und körperlicher Erschöp- fung führen können. Stressbedingte Verdauungsbeschwerden, Appetit- und Schlafstö- rungen können sich längerfristig chronifizieren und das Risiko für Magengeschwüre, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Störungen, Herzinfarkt, Migräne u.a. erhöhen. Auf der psychischen Ebene äussert sich Stress in einer Abnahme der Konzentrationsfähig- keit, einem geringeren Lern- und Erinnerungsfähigkeit bis hin zu „Black-outs“, sowie einem allgemeinen Energie- und Interessensverlust, emotionaler Überempfindlichkeit, Anspannung, Gereiztheit und Nervosität. In schweren Fällen kann es zu einer erhöh- ten Neigung zu Angstzuständen, Depression und zu psychosmatischen Störungen kommen. Nicht selten können auch sexuelle Funktionsstörungen auftreten, die psy- chisch bedingt sind. Auf der Verhaltensebene sind häufig ein planloses und desorga- nisiertes Verhalten, motorische Unruhe, eine schlechte sensumotorische Koordination, vermehrter Nikotin-, Alkohol- und Medikamentenkonsum und Leistungsschwankun- gen festzustellen. Handlungsabläufe können hektisch, angetrieben und beschleunigt oder verlangsamt sein.

1.2.3 Auswirkungen von Stress auf die Partnerschaft

Längsschnittstudien zeigen, dass sich Stress negativ auf die Partnerschaft auswirkt. Vor allem Paare mit einem hohen Anteil an täglichem Stress (daily hassles) und we- nig Stressbewältigungskompetenzen sind gefährdet. Sie sind gekennzeichnet durch einen ungünstigen Partnerschaftsverlauf und ein höheres Trennungsrisiko.

Zu den direkten negativen Einflüssen von Stress auf die Partnerschaft wird etwa die sich verknappende Zeit der Partner füreinander gezählt. Dies kann z.B. dann der Fall sein, wenn Stress im Arbeitsleben den einen oder beide Partner übermässig bean- sprucht. Zu wenig Zeit beschränkt dann die Grundlage für eine gut funktionierende Partnerschaft, also gemeinsame Erlebnisse ("Wir-Gefühl") sowie Gelegenheiten zur Selbstöffnung und zur gemeinsamen Stressbewältigung. Neben den negativen Folgen von Arbeitsstress auf das Individuum leidet somit auch die Partnerschaft, die ihrer- seits mit dem Zerfall bedroht ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Der Einfluss von Stress auf die Partnerschaft (adaptiert nach Bodenmann, 2002).

Indirekt wirkt sich Stress über eine Verschlechterung der Kommunikation und durch gesundheitliche Probleme auf die Partnerschaft aus. Partner reagieren unter Stress schneller gereizt, sind weniger offen für ihr Gegenüber und reagieren vermehrt nega- tiv. Interaktionen dieser Art lassen sich dann vor allem bei Auseinandersetzungen zwischen den Partnern feststellen. Untersuchungen zeigen, dass sich die Kommunika- tionsqualität unter Stress um rund die Hälfte verschlechtert. Gesundheitliche Proble- me aufgrund von Stress (Schlafprobleme, sexuelle Probleme, Depression, Ängste u.a.) können zudem eine Partnerschaft beeinträchtigen, vor allem dann, wenn sich diese über längere Zeit zeigen oder chronifizieren (vgl. zu diesem Abschnitt Abb. 1).

Stress an sich braucht aber nicht zwingend zu einer Verschlechterung oder sogar Auf- lösung einer Partnerschaft führen. Durch einen kompetenten Umgang mit Stress las- sen sich negative Folgen mildern oder sogar vermeiden. Stressbewältigungskompe- tenzen sind auf zwei Ebenen, der individuellen wie auch der partnerschaftlichen (dya- disches Coping) wichtig, um negative Folgen für die Partnerschaft zu vermeiden. Kompetenzen in beiden Bereichen wirken günstig auf den Partnerschaftsverlauf.

Auch im Hinblick auf weitere an einer Partnerschaft beteiligten Personen (z.B. Kin- der), die unter ungünstigen Stress- und Konfliktbewältigungsstrategien von Ehepart- nern leiden (vgl. Davies & Cummings, 1994), ist es wichtig, Kompetenzen zur Stress- bewältigung anzueignen und zu vertiefen.

1.3 Zusammenfassung zu Stress und Coping

Stress beschreibt das subjektiv erlebte Ungleichgewicht zwischen inneren und äusse- ren Anforderungen und den vorhandenen Copingressourcen. Dabei stehen Person und Umwelt wie auch emotionale, soziale und physiologische Prozesse in einem komple- xen Wechselspiel, bei dem sich Situationswahrnehmung, Einschätzung und Bewälti- gungsstrategien gegenseitig stetig beeinflussen. Coping kann in emotionszentrierte oder problemzentrierte Bewältigungsstrategien unterschieden werden. Zu den beiden Strategien gehören Informationssuche- oder unterdrückung, direkte Aktionen, Akti- onshemmung und intrapsychische Bewältigungsformen. Stress (mit Ausnahme von aktivierendem, positiven Stress) wirkt schädlich auf das Individuum. Vor allem chro- nischer Stress geht mit einer Reihe negativer physischer, physiologischer und psychi- scher Symptome einher. Auch eine Partnerschaft wird nachteilig beeinflusst, indem Stress ungünstig auf die Kommunikationsqualität und das psychische und physische Befinden wirkt und die als Grundlage für eine gut funktionierende Partnerschaft ge- meinsam verbrachte Zeit beschränkt. Negative Effekte auf die Partnerschaft wie auch auf beteiligte Personen (Kinder) lassen sich jedoch durch das Aneignen von Stress- und Konfliktbewältigungskompetenzen mindern bzw. vermeiden.

2 Der Umgang mit Konflikten bei Ehepaaren

2.1 Gründe für Partnerschaftskonflikte

Es gibt viele Gründe für Konflikte zwischen Ehepartnern und unzählige Wege, wie die Beteiligten auf eine Konfliktsituation reagieren und wie die Reaktionen beschrie- ben werden könnten. Ein Überblick über die Ehekonfliktforschung (vgl. Ridley, Mari & Surra, 2001) zeigt, dass diese hauptsächlich von drei Annahmen ausgeht:

Die erste Annahme besagt schlicht, dass Konflikte nicht zu verhindern sind. Dies kann durch drei charakteristische Konzepte, die enge zwischenmenschliche Bezie- hungen beschreiben, verstanden werden (Noller & Feeney, 1998): (1) Gegenseitige Abhängigkeit; (2) Inkompatibilität hinsichtlich individueller Bedürfnisse, Ziele und Interessen und (3) beschränkte Ressourcen. Gegenseitige Abhängigkeit ist ein ent- scheidender Faktor bei Paarkonflikten, beeinflussen sich doch die daran beteiligten Individuen gegenseitig oft, stark und auf verschiedenste Weise. Auch wenn gegensei- tige Abhängigkeit nicht zwangsläufig zu Konflikten führen muss, ist die Auftretens- wahrscheinlichkeit dennoch stark erhöht, da individuelle und die Beziehung betref- fende Einflüsse eng miteinander verknüpft sind. Auch Inkompatibilität wird als wich- tiger Grund für Konflikte angesehen (Peterson, 1983). Individuen sind motiviert, ihre eigenen Interessen und Ziele, die oft von denjenigen anderer Familienmitglieder ab- weichen, zu verfolgen. Manchmal können die Ziele und Interessen auch gleich gele- gen sein, die Mittel um sie zu erreichen aber unterschiedlich. Auf jeden Fall wirken Konflikte in Beziehungen intensiv auf Aspekte des Paarlebens und der Zusammenhalt einer Partnerschaft wird fortwährend auf den Prüfstand gestellt.

Ein zweite Annahme besagt, das Konflikte an sich weder gut noch schlecht sind son- dern einen destruktiven aber auch einen konstruktiven Einfluss auf die Beziehung ha- ben können. Frühere Forschungen beschränkten sich oft auf den negativen Aspekt von Konflikt als Ursache für Rigidität, Rückzug, negative Emotionen und sogar physische Aggressionen (Coyne & Downey, 1991; O’Leary & Smith, 1991). Neuere Ansätze berücksichtigen nun auch konstruktive Funktionen. Konflikte signalisieren eine wahr- genommene Bedrohung persönlicher oder sozialer Bande, erleichtern Anpassung und Veränderung, und fördern Zusammenhalt und Intimität (Gottman, 1994).

Die dritte Annahme beschreibt Konflikte als einen Prozess (Peterson, 1983). Feld- man & Ridley (2000) grenzen vier Konzepte voneinander ab, die aber dennoch zu- sammenhängen: Das Konfliktergebnis beschreibt eine Anzahl verschiedener Elemente wie eine mögliche Konfliktlösung, die Art der Lösung und die Einschätzung des Kon- fliktprozesses als die emotionale Nähe zum Partner fördernd oder belastend. Konflikt- orientierung bezieht sich auf Einstellungen, Einschätzungen, Toleranz und Akzeptanz von Konflikten in der Beziehung. Interessenskonflikte bestehen, wenn Meinungen, Sichtweisen, Ziele und Interessen in Konkurrenz zu denjenigen des Partners stehen. Zu den Konfliktreaktionen werden all jene Verhaltensweisen gezählt, die einer Lö- sung des Konfliktes bzw. dem Umgang damit dienen. Andere Begriffe dafür sind et- wa Konfliktmanagement, Konfliktstrategien oder -taktiken. Konfliktreaktionen kön- nen zu einer Aufrechterhaltung, einer Eskalation oder zu einer Lösung des Konfliktes führen.

Der grösste Teil der Konfliktforschung hat sich darauf konzentriert, wie Ehepartner mit Konflikten umgehen und nicht über was ein Konflikt besteht. Dabei wurde v.a. davon ausgegangen, dass nicht so sehr der Konfliktinhalt sondern der Umgang damit für Stress in der Ehe entscheidend ist (Ridley et al. 2001).

2.2 Kommunikationsprobleme bei Auseinandersetzungen

In ihrer Übersicht bezeichnen Cummings & Davies (1994) die Übermittlung einer be- stimmten Mitteilung als einen sehr komplexen Vorgang, der aus verschiedenen Ein- zelelementen besteht (Noller & Fitzpatrick, 1990), dargestellt in Abbildung 2. Erst überlegt sich der Sprecher eine bestimmte Mitteilung, dann drückt er diese aus (und dies mag der beabsichtigten Mitteilung mehr oder weniger entsprechen), der Partner legt seine Aufmerksamkeit auf die ganze oder bestimmte Teil der Mitteilung und in- terpretiert sie anschliessend, in einer mehr oder weniger akkuraten Weise. Der Partner antwortet dann und der Kommunikationsprozess kehrt zum anderen wieder zurück. Es gibt also genügend Möglichkeiten für das Auftreten von Kommunikationsfehlern, die zur Aufrechterhaltung oder Intensivierung von Auseinandersetzungen beitragen kön- nen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Ein Modell der Partnerschaftskommunikation (aus Cummings & Davies, 1994).

Kommunikation ist mehr als das blosse Übermitteln von verbalem Inhalt. Sie enthält auch den Gesichtsausdruck, verschiedene Gesten und die unterschiedliche Betonung der Mitteilung. In einigen Studien hat sich der nonverbale Ausdruck als besserer Prä- diktor für Stress in der Ehe erwiesen als der verbale Inhalt einer Interaktion (Gottman, 1979). Selbst bei der Übermittlung einer positiven Nachricht können negative Seiten einfliessen, etwa in der negativen Betonung, in den Gesten oder dem Gesichtsausruck (Noller, 1987). Negativität in der nonverbalen Kommunikation kann dann wiederum Ärger beim Partner verursachen, den Konflikt aufrechterhalten oder aufheizen.

Auch wenn die Mitteilung so wie beabsichtigt gesendet wurde kann der Empfänger diese ungenau erhalten. Ereignisse werden von den Partnern unterschiedlich wahrge- nommen und erinnert, in mehr als der Hälfte aller Fälle stimmen Ehefrauen und Ehe- männer über das Auftreten von partnerschaftsrelevanten Ereignissen an einem be- stimmten Tag nicht überein (Jacobson & Moore, 1981). Dies ist v.a. bei belasteten Ehen das Problem, wo Partner dazu neigen, ihre Aufmerksamkeit auf die negativen Verhaltensweisen des anderen zu legen („negative tracking“) (Baucom & Sayers, 1989). Selbst wenn die Mitteilung grösstenteils positiv oder neutral ist, werden die negativen Merkmale ins Zentrum gesetzt (Notarius, Benson, Sloane, Vanzetti & Hor- nyak, 1989). Zudem attribuieren Ehepartner in belasteten Ehen negative Situationen oder Verhaltensweisen tendenziell als eine internal stabile Eigenschaft des Partners und als global die Beziehung charakterisierend während in glücklicheren Partner- schaften die Partner eher external (z.B. momentaner Arbeitsstress des Partners) und spezifisch attribuieren (vgl. Cummings & Davies, 1994, p. 24).

Der Einfluss der Kommunikation wird nicht durch das tatsächliche Verhalten des Partners bestimmt, sondern durch das vom gegenüber wahrgenommene Verhalten. Empfindet der Partner das Verhalten des anderen als positiv, so ist die Wahrschein- lichkeit gross, dass er selbst positiv reagiert. Wenn dieses Verhalten aber negativ wahrgenommen wird, so wird auch die Reaktion eher negativ sein, ungeachtet davon, wie das tatsächliche Verhalten war (Notarius et al., 1989). Das „negative tracking“ und negative Attributionen könnten entscheidende Faktoren bei der Initiierung oder dem Aufrechterhalten von Ehekonflikten sein.

2.3 Laboruntersuchungen zu Partnerkonflikten und Instrumente zur Erfas- sung ehelicher Konflikt- und Kommunikationsstile

2.3.1 Laboruntersuchungen

In einer Laboruntersuchung werden Konfliktinteraktionen in vorgegebene Kategorien eingeteilt (vgl. dazu z.B. das von Gottmann (1989) entwickelte Specifc Affect Coding System, SPAFF). Eine Übersicht über die Literatur zeigt, dass die verwendeten Kate- gorien das Ausmass an negativen und positiven Reaktionen während einer Konfliktsi- tuation messen (Fincham & Beach, 1999). Die Kategorien werden dann in Verbin- dung mit dem Stressniveau eines Paares gebracht. Über eine Vielzahl von Studien hinweg wurde gezeigt, dass belastete Partnerschaften sehr häufig negative Reaktionen während eines Konfliktes äusserten. Negativität auf der einen Seite wirkt sich oft auf eine entsprechende Reaktion auf der anderen Seite aus, was zu Eskalationen in ver- schiedensten Konfliktsituationen führen kann. In den genannten Studien wurden Paare durch entweder eine konstruktive, problemlösende oder eine destruktive, aggressive und durch Rückzug gekennzeichnet Interaktion gekennzeichnet. Dass aber nicht nur die eine oder andere Art an Interaktionen während eines Konfliktes gezeigt wird, son- dern positive wie negative, machen andere Studien deutlich. Sie gehen davon aus, dass häufigere positiven Reaktionen im Verhältnis zu negativen Reaktionen (nach Gottman im Verhältnis von 5:1) zu einer besseren und stabileren Patnerschaftszufrie- denheit führen (Gottman, 1994).

2.3.2 Der Communication Patterns Questionnaire

Der Communication Patterns Questionnaire (CPQ) von Christensen und Sullaway (1984) untersucht die Muster ehelicher Kommunikation auf der Ebene der Dyade. Dabei wird v.a. auf drei Kommunikationsmuster Gewicht gelegt: beidseitige kon- struktive Kommunikation, beidseitige Kommunikationsvermeidung, und Demand- Withdrawal (Christensen, 1988).

Viele Studien bestätigten die Effektivität des CPQ. Insbesondere das Demand- Withdraw- und das Vermeidungsverhalten wurde in Zusammenhang mit belasteten Partnerschaften gebracht. Dabei sind es v.a. Männer die sich aus Auseinandersetzun- gen zurückziehen, was sich negativ auf die Ehezufriedenheit ein Jahr später auswirkt (Heavey, Layne & Christensen, 1993).

Die Reliabilität und die Validität des CPQ und der drei Typen von Kommunikation konnten auch in einer Untersuchung mit zwei europäischen Stichproben belegt wer- den (Bodenmann, Kaiser, Hahlweg & Fehm-Wolfsdorf, 1998).

2.3.3 Das Conflict Inventory

Das Conflict Inventory (CI) von Margolin, Fernandez, Gorin & Ortiz (1982) misst ähnliche Konstrukte in Bezug auf Partnerschaftskonflikte. Die Faktoranylse der 26 verwendeten Items ergab drei Faktoren: Problemlösen, Aggression und Rückzug (Withdrawal). Basierend auf diesem Fragebogen wählten Ridley et al. (2001) für ihre Studie 16 konfliktrelevante Items aus. Fünf der Items wurden zum Problemlösen ge- zählt (initiieren einer Diskussion, aufmerksam zuhören, sich danach näher fühlen, ei- gene Fehler zugeben, Ideen bringen), fünf weitere gehörten zum Faktor Aggression (den Partner beleidigen, drohen, den anderen beschuldigen, Rache üben/planen, schlagen/stossen), und sechs zur Dimension Rückzug (Spannungen verbergen, schmollen, Distanz wahren, den Raum verlassen, an die Beendigung der Partnerschaft denken, Diskussionen verfrüht beenden).

2.4 Typologien von Paaren und Konfliktbewältigungsstrategien

2.4.1 Vier Paartypen nach Ridley et al. (2001)

Unter Verwendung des oben ausgeführten Instruments fanden Ridley et al. (2001) in ihrer Studie im Vergleich zu Männern bei Frauen häufiger Aggression und Problem- lösen, keinen Unterschiede gab es auf der Dimension Rückzug. Wurden gleiche Kon- fliktreaktionen innerhalb des Paares (z.B. Mann reagiert aggressiv und Frau reagiert aggressiv) verglichen, so gab es zwar signifikante aber geringe Zusammenhänge (für Aggression .29, für Rückzug .25 und für Problemlösen .16). Aggressionen beim Mann hatten einen positiven Zusammenhang mit Rückzug der Frau (r =.29, p <0.1) und ei- nen negativen Zusammenhang mit Problemlösen der Frau (r =.-28, p <0.1). Für Ehe- männer und Ehefrauen gab es einen signifikant negativen Zusammenhang zwischen Aggression/Rückzug und Problemlösen während ein positiver Zusammenhang zwi- schen Aggression und Rückzug gefunden wurde. Basierend auf diesen Berechnungen fanden Ridley et al. (2001) mittels einer Clusteranalyse vier Typen von Paaren: (1) sich engagierende Paare (mehr Problemlösen), (2) sich distanzierende Paare (mehr Aggression und Rückzug), (3) Paare, bei denen sich der Mann zurückzieht, während die Frau sich engagiert, und (4) Paare, bei denen sich die Frau zurückzieht und der Mann sich engagiert.

2.4.2 Das Demand-Withdraw Muster Ehelicher Interaktion

Einen für das Eheverhältnis problematischen Interaktionsstil beschreibt Christensen (1988) als das Demand-Withdraw Muster ehelicher Interaktion. Ein Ehepartner ver- sucht ein Problem anzupacken und zu lösen, übt dabei oft Druck aus und stellt Anfor- derungen, während der andere Ehepartner Diskussionen verhindern will oder sich da- von zurückzieht. Das Kaskadenmodell von Gottman (1994) zeigt einen dem Demand- Withdraw Muster ähnlichen Konfliktprozess, beginnend mit Kritik (Aggression) und endend mit Mauern (Rückzug). Allesamt hat diese Art der Interaktion einen negativen Einfluss auf das Verhältnis zwischen der beiden Partnern.

Forschungen belegen, dass (a) Paare diesen Interaktionsstil als ihren eigenen wieder- erkennen können, (b) die Auftretenshäufigkeit negativ mit Ehezufriedenheit zusam- menhängt, und dass (c) bei Konflikten Frauen dazu neigen, die fordernde Rolle an- nehmen und sich die Männer eher zurückziehen (vgl. Heavey et al., 1993). Während sich der Rückzug des Mannes und negatives, forderndes Verhalten der Frau v.a. bei schon belasteten Ehen negativ auswirkt, ist Konflikt an sich und auf länger Sicht für die Beziehung förderlich, solang die Auseinandersetzungen nicht mit Sturheit, Defen- sivität und Rückzug enden (Gottman und Krokoff, 1989).

Um die Geschlechtsunterschiede bzw. die Rollenverteilung (Frauen fordern, Männer ziehen sich zurück) beim Demand-Withdraw Verhalten zu erklären, werden zwei An- sätze herangezogen. Der eine beschreibt individuelle Differenzen zwischen Männern und Frauen während der andere auf die Konfliktstruktur eingeht.

Auf der Ebene der individuellen Unterschiede stellten Gottman und Levenson (1986) fest, dass Männer bei Konflikten im Vergleich zu Frauen eine höhere physiologische Erregung erleben, sich davon langsamer erholen und deswegen eher dazu neigen, Konflikten aus dem Weg zu gehen. Ein anderer Unterschied zeigt sich im Bedürfnis nach Nähe und Unabhängigkeit (Christensen, 1987): Frauen suchen eher Nähe woge- gen Männer nach Unabhängigkeit streben. Und je entgegengesetzter diese zwei Be- dürfnisse sind, desto eher neigen Paare zu Demand-Withdraw Verhalten. Darüber hinaus nehmen diejenigen Partner, die Nähe suchen, eher die fordernde Rolle bei Konflikte an, während sich die nach Unabhängigkeit Strebenden mehr zurückziehen. Caughlin & Vangelisti (2000) stellen in ihrer Studie fest, dass nicht nur die Suche nach Nähe oder Unabhängigkeit das Demand-Withdraw Verhalten beeinflusst, son- dern auch Persönlichkeitsvariablen (Neurotizismus, Verträglichkeit und Extraversion) und Prädispositionen auf einen Konflikt hin (Streitlustigkeit, Konflikt locus of control und Flexibilität).

Eine andere Erklärung, die sich auf die Konfliktstruktur bezieht, besagt, dass Männer, die in Beziehungen eine höhere Machtposition innehaben, nichts davon profitieren könnten, den aktuellen Status zu verändern und somit Auseinandersetzungen vermei- den (Christensen, 1988). Frauen mit einer niedrigeren Machtposition dagegen sind mit dem status quo eher unzufrieden und sehen Konfrontationen mit dem Partner als die einzige Möglichkeit, die Situation zu ihren Gunsten zu verändern.

2.4.3 Die Paartypologie nach Gottman

Eine andere Möglichkeit, das Kommunikations- und Konfliktverhalten von Paaren zu beschreiben, schlägt Gottman (1993; 1994) in seiner Paartypologie vor. Er nennt fünf verschiedene Typen von Paaren. Basierend auf empirischen Untersuchungen be- stimmt Gottman zwei Paartypen als negativ (hotstile couples und hostile-detached couples) und drei Typen als positiv (validator couples, volatile couples und avoider couples). Während die negativen Paartypen ein erhöhtes Scheidungsrisiko haben, bleiben die positiven Paare stabil in ihrer Beziehung.

Hostile couples und hostile-detached couples sind charakterisiert durch einen hohen Anteil an Konflikten und Negativität (Verachtung, negatives Gedankenlesen, Ekel, abwehrende Haltung, Mauern) sowie durch einen geringen Anteil gegenseitiger Ver- stärkung (Interesse, Empathie u.ä.). Hostile-detached couples sind „more emotionally uninvolved with one another, but they got easily into brief episodes of reciprocated attack and defensiveness, often ostensibly about trivial matters” (Gottman, 1993, p. 10). Es sind vor allem drei Verhaltensweisen, die diese Paartypen charakterisieren und insbesondere schädigend sind: Verachtung (contempt), abwehrende Haltung (de- fensiveness) und Rückzug (withdrawal) (Gottman, 1994, p. 137).

Validator couples sind sich emotional nahe, haben ein starkes „Wir-Gefühl“, sind of- fen und kommunikativ gegenüber dem Partner, zeigen Zuneigung, verbringen so viel Zeit wie möglich mit dem Partner und sind an ihm/ihr interessiert, versuchen die Mei- nung des anderen zu verstehen usw. Die Interaktion dieser Paare ist charakterisiert durch ruhige Diskussionen und durch einen grossen Anteil an positivem Feedback. Verglichen mit den volatile couples ist die Intensität der ausgedrückten Emotionen jedoch ein bisschen weniger intensiv und leidenschaftlich.

Volatile couples sind gekennzeichnet durch intensive Intimität aber auch durch einen starken Unabhängigkeitssinn. Diese Paare sind ziemlich leidenschaftlich in ihrem emotionalen Ausdruck. Sie versuchen sich gegenseitig von der eigenen Meinung zu überzeugen und Diskussionen können ziemlich aggressiv verlaufen. Auch wenn die Auseinandersetzungen ziemlich heftig sein können, so gross ist auch der Anteil an Liebe und Zuneigung, die die Partner einander entgegen bringen. Solche Paare drü- cken sich in ihren Emotionen auf einer grossen Bandbreite aus. Positive sowie negati- ve Verhaltensweisen bewegen sich auf einem hohen Niveau. Auch wenn Konflikte oft hitzig ausgetragen werden, können diese auf gute Weise mit Humor gelöst werden.

Avoider couples versuchen Konfliktereignisse zu minimieren indem sie diese als un- wichtig abtun. Die Ehepartner lassen sich nicht so sehr auf eine enge Partnerschaft ein und verfolgen vermehrt ihr eigenes Leben. Ihr Emotionsausdruck ist eher flach und die Partner sind einander entfernt.

Auch wenn nur die positiven Paartypen untersucht wurden, konnten Bodenmann, Gottman & Backman (1997) in einer Replikationsstudie die Typologie Gottmans und deren Annahmen über eheliche Interaktionsstile mit einer schweizerisch-deutschen Stichprobe bestätigen.

2.4.4 Konfliktstile anhand zweier Dimensionen: Eigeninteresse und Interesse an der Partnerschaft

Basierend auf der sozialen Austauschtheorie und den Arbeiten von Blake & Mouton (1964) untersuchten Schaap, Buunk & Kerkstra (1988) die Konfliktlösungsstile von Ehepaaren, die mit dem Problem einer ausserehelichen Beziehung konfrontiert wur- den. Zwei Dimensionen von Konfliktbewältigung wurden dabei unterschieden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Konfliktstile bei Auseinandersetzungen zwischen Ehepaaren (nach Schaap et. al, 1988, S. 219)

Selbstbehauptung oder sich für die eigenen Interessen einsetzend und Kooperation oder sich für die Beziehung einsetzend. Wie in Abbildung 3 ersichtlich können aus diesen zwei Dimensionen fünf verschieden Konfliktlösungsstile abgeleitet werden:

(1) Aggression (pushing-aggression) gegenüber dem Partner, die charakterisiert durch einen minimalen Respekt für die Gefühle des Partners. (2) Vermeidung als physischer oder emotionaler Rückzug vom Partner, sich auf keine Diskussion einlassend. (3) Kompromiss, um eine faire Lösung für beide Partner zu finden, die von beiden Kon- zessionen verlangt. (4) Beruhigung (soothing), mit dem Ziel, einen offenen Konflikt und den Ausdruck negativer Emotionen zu vermeiden, die Differenzen zwischen den beiden Parteien verdeckend. (5) Problemlösen, der offene und direkte Ausdruck von Gefühlen, das Untersuchen der Ursachen für den Konflikt, Missverständnisse klärend auf der Suche nach einer annehmbaren Lösung für beide Partner Diese Typologie ist nach Schaap et al. (1988) vereinbar mit anderen Typologien, die Vermeidung, Wettbewerb/Konkurrenzkampf (competition) und Kooperation als Ba- sisstrategien bei der Konfliktbewältigung nennen (z.B. Fitzpatrick, 1984). Aggression wäre dann eine typische Wettbewerbsstrategie, Kompromiss und Problemlösen wür- den zu Kooperation gezählt und Beruhigung und Vermeidung zu Vermeidungsstrate- gien.

In ihrer Studie zeigten Schaap et al. (1988), dass alle Konfliktlösungsstrategien aus- genommen dem Problemlösen negativ mit der Partnerschaftszufriedenheit korrelieren. Vor allem ist es das wahrgenommene Verhalten des Partners das in Zusammenhang mit der Partnerschaftszufriedenheit steht. Speziell wenn der Partner als vermeidend, aggressiv und nicht problemlösungsorientiert erlebt wird, ist die Partnerschaftszufrie- denheit gering. Die gefundenen Korrelationen zwischen Konfliktstilen und Partner- schaftszufriedenheit sind im Allgemeinen aber eher klein. Das liegt aber wohl auch daran, dass hier insbesondere die Konfliktstrategien bei einer ausserehelichen Bezie- hung untersucht wurden und nicht generell.

2.5 Zusammenfassung zu Umgang mit Konflikten bei Ehepaaren

Gegenseitige Abhängigkeit, unterschiedliche Zielsetzungen und Bedürfnisse der Be- teiligten und beschränkte Ressourcen machen Konflikte in Partnerschaften unver- meidlich. Konflikte an sich sind aber weder gut noch schlecht, es ist vielmehr der Umgang mit ihnen, der über negative und positive Folgen entscheidet. Als Gegensatz zu destruktiven Auseinandersetzungen können konstruktive Konflikte der Bereiche- rung und Entwicklung einer Partnerschaft dienlich sein. Die Vielfalt der in der Kom- munikation zwischen zwei Partner ablaufenden Prozesse macht deutlich, dass Schwie- rigkeiten leicht auftreten können, sei es beim Übermitteln einer Nachricht oder deren Empfang und Verarbeitung. Vor allem bei belasteten Ehen führt das sogenannte „ne- gative tracking“, das den Fokus vorwiegend auf negative Aspekte eines Kommunika- tionsinhaltes legt, zu einem schwer zu durchbrechenden Teufelskreis an negativer In- teraktion. Ein negativer Attributionsstil vermag zudem eine ungünstige Wirkung zei- gen, entscheidet doch vor allem das wahrgenommen und nicht das tatsächliche Ver- halten über den Verlauf einer Interaktion. Die mittels Laboruntersuchungen (z.B. SPAFF) oder aufgrund von Fragebogenerhebungen (z.B. CPQ, CI) erhobenen Daten lassen Paare in verschiedene Typen einteilen. Das Ausmass an Engagement in einen Konflikt und die zur Konfliktlösung gewählten Mittel und deren Motive erlauben es, Aussagen über die Partnerschaftszufriedenheit und Vorhersagen über den Verlauf ei- ner Partnerschaft zu machen. Als einen für den Verlauf problematischen Interaktions- stil wurde das Demand-Withdraw Verhalten identifiziert, bei dem sich der eine Part- ner energisch engagiert, Druck ausübt, und der andere sich zurückzieht. Andere Un- tersuchungen zeigten, dass Verhaltensweisen, wie gegenseitige Verachtung, abweh- rende Haltung und Rückzug negativ auf die Partnerschaft wirken. Stabile Partner- schaften sind gekennzeichnet durch einen hohen Anteil an Positivität (also gegenseiti- ges Interesse, Empathie, Zuneigung, positivem Feedback u.a.) und einem geringen Anteil an Negativität (Verhältnis 5:1). Aktives Problemlösen, der offene und direkte Ausdruck von Gefühlen, das Untersuchen der Ursachen und das Klären von Missver- ständnissen bei Konflikten hängen positiv mit der Zufriedenheit in der Partnerschaft zusammen, während aggressive und vermeidende Strategien negativ wirken.

3 Jugendalter und Konflikte

Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts verband man Pubertät und Jugendalter mit der „Sturm und Drang“-Zeit (vgl. Collins & Laursen, 1992), einem Abschnitt des Wan- dels sowohl für Jugendliche als auch für ihre Eltern. Als Ursache für die innerfamiliä- ren Veränderungen während der Adoleszenz wurde die Loslösung von den Eltern, al- so die Entwicklung vom abhängigen Kind zum selbstständigen Jugendlichen, gese- hen. Es wurde postuliert, die Kinder würden aus diesem Grund ihre emotionale Bin- dung an das Elternhaus aufgeben und ihre Eltern deidealisieren. In den späten sechzi- ger Jahren und den Anfängen der siebziger Jahre stellten einige Wissenschaftler diese Theorie in Frage (vgl. Collins & Laursen, 1992). Es wurde gezeigt, dass die Adoles- zenz normalerweise bei Jugendlichen und ihren Eltern nicht destabilisierend auf ihre Beziehung wirkt, sondern eine positive Bindung erhalten bleibt. Auch Fend (2000) weist empirisch nach, dass sich ungefähr zwei Drittel bis drei Viertel aller Jugendli- chen in ihrem Elternhaus trotz häufiger konfliktreicher Auseinandersetzungen sehr wohl fühlen: ,,Die neuere Forschung widerlegt damit die These, dass turbulente und konfliktreiche Auseinandersetzungen mit emotionalen Entfremdungsfolgen zum Re- gelfall dieser Lebensphase gehören. Dennoch ist ein Wandel unübersehbar, wenn- gleich nicht immer in der Dramatik, die die Psychoanalyse unterstellt hat. Wichtig ist auch, dass dies neuere Forschung klar dokumentieren kann, dass zwischen der Kind- heit und der Jugendzeit kein Bruch in der Beziehung zu den Eltern stattfindet." (Fend 2000, S. 292). Die emotionale Bindung an die Eltern bleibt also in den meisten Fällen auch während der Adoleszenz erhalten.

3.1 Personen- und Kontextabhängiges Konfliktverhalten

Laursen und Collins (1994) bemerken in ihrem Übersichtsartikel ebenfalls, dass mit dem Jugendalter kein diskontinuierlicher Anstieg an Konflikten zu finden ist. Die Häufigkeit von Konflikten ist also keine Funktion des Alters. Mit Ausnahme von viel- leicht verfrühter oder verspäteter Pubertät erleben Jugendliche eine beständige Verän- derung ihrer sozialen Beziehungen. Jugendliche zeigen auch keinen völlig anderen Umgang mit Konfliktsituationen, trotz kognitiver Fortschritte und besserem Ver- ständnis sozialer Beziehungen bleiben sich ihre Konfliktmanagementstrategien über längere Zeit ähnlich. Vielmehr als eine quantitative Veränderung and Konflikten pos- tulieren Laursen und Collins (1994) eine personen- und kontextabhängige Entwick- lung des Streitverhaltens. Zum Beispiel ist das Verhalten Jugendlicher im Umgang mit den Eltern ein ziemlich anderes, als in Interaktion mit nahestehenden Peers. Wäh- rend die Beziehung zu den Eltern aufgrund äusserlicher Umstände (z.B. leben Eltern und Kinder normalerweise im selben Haus) weniger schnell mit einem Auseinander- brechen bedroht ist, sind Verbindungen zu nahestehenden Peers eher anfällig auf auf- wühlende Auseinandersetzungen. Konflikte werden also bei Freunden entsprechend eher vermieden oder günstig zu lösen versucht als in der Beziehung zu den Eltern. Auch gibt es Unterschiede im Konfliktverhalten über verschiedene Kontexte hinweg: In einem offenen Setting zum Beispiel, wo andere potentielle Partner verfügbar sind, berichten Jugendliche über mehr Konflikte mit Eltern als mit Freunden, während in einem geschlossenen Setting genau das Umgekehrte der Fall ist. Diese Ergebnisse zeigen also, dass, obwohl die physische und kognitive Entwicklung zu Veränderungen im Konfliktprozess beitragen, sie nicht die Einzige Quelle von Unterschieden im Kon- fliktverhalten sind.

3.2 Konfliktthemen im Jugendalter

Was sind Themen und Inhalte von Auseinandersetzungen zwischen Eltern und Kin- dern? In der Altersphase von 12 bis 16 Jahren sind die Hauptgesprächsthemen Schule, Zukunftsfragen und Berufsfragen. Weltanschauliche Fragen werden eher selten ange- sprochen. Dissens stellt in dieser Altersphase ein normales Phänomen dar. Es lässt sich allerdings bei den Kernthemen eine gewisse Systematik der Abfolge beobachten. Stehen beim Übergang der Kindheit ins Jugendalter eher Auseinandersetzungen in Zusammenhang mit dem Drang der Jugendlichen nach Unabhängigkeit im Vorder- grund (äusseres Erscheinungsbild, Ausgehfreiheit), so werden bei älteren Jugendli- chen eher Streitigkeiten um die soziale Verselbstständigung (z.B. Kritik der Eltern an gewissen Freundschaften) beobachtet. Erst in der mittleren Adoleszenz sind auch auf der weltanschaulichen Ebene Meinungsverschiedenheiten zu erkennen (vgl. Fend, 2000).

Storch (1994) bespricht in ihrer Untersuchung zum Eltern-Kind-Verhältnis im Ju- gendalter zuerst jene Themen, die sich bei Jungen und Mädchen hinsichtlich ihrer Wichtigkeit nicht gross Unterscheiden. Es handelt sich dabei um die Themen „Anzie- hen“, „Umgang“, „Politik“ und „Ausgang“. Es fällt auf, dass Dissens zum Thema ,,Anziehen" bei den 13-jährigen Jugendlichen am meisten auftritt und bis zum 15. Al- tersjahr abnimmt. Bei den 15-jährigen Jugendlichen wird dieses Thema bereits vom Thema „Politik“ auf Platz zwei der Rangreihe der Dissensthemen. Storch interpretiert dies folgendermassen: ,,Wir erkennen am Verlauf des Dissens um das Thema „Anzie- hen“ den Versuch unserer Jugendlichen, ihre innere Autonomie bei Eintritt in die Adoleszenz zunächst auf physischer Ebene mit ihren Eltern zu „erstreiten“ und sehen auch, dass diese Form des experimentellen Rollenverhaltens im Verlauf des Älter- werdens an Relevanz abnimmt.“ (Storch, 1994, p. 80). Storch bezieht sich bei dieser Interpretation auf Douvan und Adelson (1966), die eine adoleszenzspezifische Stufen- folge von innerfamiliären Konflikten postulierten. Hierbei handelt es sich um das Durchsetzen von „physischer Autonomie“, was wie bereits erwähnt, vor allem beim Eintritt in die Adoleszenz von grosser Wichtigkeit ist.

Beim Thema ,,Umgang“ ist in der Rangreihe der Dissensthemen zwischen den 13- und 14-jährigen kaum ein Unterschied erkennbar. Erst bei den 15-jährigen Jugendli- chen gewinnt es an Wichtigkeit und rückt vom ursprünglich fünften auf den dritten Platz vor. Die zunehmende Wichtigkeit des Themas „Umgang" in der Rangreihe der Dissensthemen aus Sicht der Jugendlichen ist ein Hinweis auf den Versuch, auf sozia- ler Ebene Autonomie von den Eltern zu erlangen (Douvan und Adelson, 1966). Eine weitere Entwicklung, die man im Verlaufe der Adoleszenz bei den Jugendlichen er- kennen kann, ist jene zur suprapersonalen Autonomie. Dies schlägt sich in der Rang- reihe der Dissensthemen deutlich beim Thema „Politik“ nieder, welches von Platz drei zu Beginn der Adoleszenz auf Platz eins bei den 15-jährigen Jugendlichen steigt. Aus der Sicht der Jugendlichen werden also Auseinandersetzungen dieser Form mit den Eltern immer wichtiger, vielleicht auch aufgrund wachsendem Interesse mit zu- nehmender Reife. Letztes Thema mit gleicher Wichtigkeit für Jungen und Mädchen ist das Thema „Ausgang“. In der Rangreihe der Dissensthemen aus Jugendlichensicht klettert dieses Thema von Rang acht bei den 13-Jährigen auf Rang sieben bei den 14- jährigen bis zu Rang fünf bei den 15-Jährigen. Storch (1994, p. 82) sieht darin sowohl das Streben nach physischer Autonomie im Sinne eines Kampfes um das Recht, sich und seinen Körper uneingeschränkt bewegen zu können, als auch die Suche nach so- zialen Kontakten, ein Bestreben also nach sozialer Autonomie. Dissens zum Thema

„Ausgang“ vereinbart also zwei wichtige Punkte: die physische und die soziale Ab- grenzung von den Eltern. Auffällig ist, dass Dissens zu den Themen Schulleistung und Taschengeld auf den untersten Plätzen befindet. Für Jugendliche scheinen diese Themen von geringer Wichtigkeit zu sein. Die Eltern bewerten das Thema „Schule“ aber weit wichtiger. „Pflichten“, „Fernsehen“ und „Essen“ sind dann auch die Kon- fliktthemen, die Eltern am häufigsten angeben, Kontaktpunkte also, bei denen es um die (Wieder)Herstellung der täglichen Routine geht und denen beide nicht ausweichen können.

Geschlechtsunterschiede bezüglich der Wichtigkeit von Konfliktthemen findet man bei Mädchen und dem Thema „Beziehungen“ (einen Freund haben) und dem Thema „Kaufen“ bei den Jungen. Die Wichtigkeit beider Themen scheinen mit dem Alter abzunehmen. Auch lässt sich beim Thema „Beziehungen“ eine grosse Diskrepanz (Mädchen geben viel mehr Konflikte an als Eltern) zwischen der Wahrnehmung der Eltern und jener der jugendlichen Mädchen feststellen. Das Thema wird wohl eher verdeckt ausgetragen, Dissens entsteht möglicherweise aufgrund von elterlichen Ne- benbemerkungen wie „du bist noch zu jung“ o.ä.

3.3 Veränderungen in der Eltern-Kind-Beziehung mit Beginn der Adoleszenz

Auch wenn sich die Eltern-Kind-Beziehung mit Beginn des Jugendalters nicht, wie vielfach postuliert, verschlechtert, gibt es doch Veränderungen, die zu beobachten sind. Auf dem Weg zu einem selbständigeren und relativ unabhängigen Menschen gilt es, verschiedenste Aufgaben und (Ablösungs)Prozesse zu bewältigen. „Die Reorgani- sation von Selbständigkeit und Abhängigkeit, von Distanz und Nähe erfolgt unter modernen Bedingungen des Zusammenlebens von Eltern und Jugendlichen haupt- sächlich über Gespräche, über Diskurse.“ (Fend 2000, p. 274f). Mit dem zunehmen- den Bedürfnis der Jugendlichen, Eigenverantwortung zu übernehmen und dem beste- henden Anliegen der Eltern, die Interessen des Kindes weiterhin vertreten zu können oder wollen, entstehen Spannungen, die ein „Neuverhandeln der berechtigten gegen- seitigen Erwartungen“ verlangen (Fend, 2000, p. 275). Der Diskurs mit den Eltern stellt aber, im Unterschied zu Konflikten mit Gleichaltrigen, eine ganz andere Situati- on dar, sind doch die Perspektiven der beiden Verhandlungspartner von vornherein eher unterschiedlich. Mit dem Jugendalter und der kognitiven sowie sozialen Ent- wicklung beginnt auch eine Veränderung der Machtpositionen: Erziehungsmassnah- men werden hinterfragt und Jugendliche versuchen, Strukturen elterlichen Erzie- hungshandelns zu erfassen und vorherzusagen, was die Kontrolle erhöht (Storch, 1994).

3.4 Zusammenfassung zu Jugendalter und Konflikte

Der Übergang vom Kindes- zum Jugendalter beschreibt nicht wie lange angenommen einen abrupten Wechsel, einen besonders konfliktreichen Abschnitt oder gar eine ge- waltsame Ablösung vom Elternhaus. Vielmehr findet eine kontinuierliche Verände- rung statt und eine positive Bindung zwischen Eltern und Kinder bleibt meist beste- hen. Anstatt einer quantitativen lässt sich eine personen- und kontextabhängiges Ent- wicklung des Streitverhaltens feststellen. Konflikte werden mit Eltern z.B. auf eine ganz andere Weise ausgetragen als mit Peers oder engen Freunden. Zudem zeigen sich Unterschiede im Konfliktverhalten über verschiedene Settings hinweg. Im Hin- blick auf die Konfliktthemen in der Familie lässt sich feststellen, dass sich die Ablö- sung vom Elternhaus mit dem Fortschreiten des Alters vom Drang nach physischer Autonomie (z.B. Ausgehfreiheit), zu sozialer (z.B. freie Wahl der Freunde) bis zur suprapersonalen (z.B. Weltanschauung) Unabhängigkeit entwickelt. Konflikte im Ju- gendalter sind als eine durchaus normale Begebenheit zu verstehen. Denn die Reorga- nisation von Selbstständigkeit und Abhängigkeit und die kognitive und soziale Ent- wicklung der Jugendlichen verlangen ein stetiges Neuverhandeln der gegenseitigen Erwartungen.

4 Auswirkungen elterlicher Konflikte auf Kinder

4.1 Theoretische Grundlagen für den Zusammenhang zwischen Elternkonflik- ten und Kindproblemen

Viele verschiedene Ansätze können zur Erklärung eines Zusammenhanges zwischen Elternkonflikten und Kindproblemen herangezogen werden. In ihrer Übersicht be- schreiben Margolin, Oliver, und Medina (2001) sechs verschiedene theoretische Mo- delle:

1. Die Familiensystemtheorie versteht die Psychopathologie des Kindes als ein Re- sultat dysfunktionaler familiärer Prozesse. Kindprobleme kommen dadurch zu- stande, dass Ehekonflikte eine Verstärkung von entweder Intimität, Zurückwei- sung oder beidem in der Eltern-Kind-Beziehung zur Folge hat. Eine mögliche Verstärkung sieht z.B. so aus, dass bei Auseinandersetzungen zwischen Eheleuten der Fokus als Ablenkung auf die Probleme des Kindes verlagert wird, sei es um das Kind zu beschützen oder es als Schuldigen hinzustellen. Das Kind seinerseits mag sein Problemverhalten weiterführen, um die sich sonst streitenden Eltern wieder zusammenzubringen. Eine andere mögliche Folge von Ehekonflikten ist die Auflösung der Grenzen der einzelnen Subsysteme in der Familie: Während die beiden Elternteile sich immer weiter voneinander entfernen, entwickelt sich ein enge und generationenübergreifende Beziehung zwischen dem einen Elternteil und dem Kind, wobei das Kind als Folge der Rollenveränderung bzw. - vermischung (Kind als Partnerersatz) und der Verbündung mit dem einen, gegen das andere, Elternteil problematische Verhaltensweisen entwickelt und aufrecht- erhält.
2. Die Theorie des sozialen Lernens hingegen schreibt problematisches Verhalten dem Modellernen, Verstärkung von Verhalten in einem sozialen Kontext und, et- was weniger, biologischen Faktoren zu. So werden zum Beispiel aggressive Ver- haltensweisen als mögliche Konfliktlösungsstrategie gelernt, wobei die Eltern als gewichtige Modelle für die Kinder dienen.
3. Theorien, die sich mit der Emotionsübertragung (Spillover) vom einen Subsystem (z.B. Ehepaar) in ein anderes (Eltern-Kind) befassen, stellen negative Auswirkung auf Kinder anhand der konfliktbehafteten Elternbeziehung, die ihrerseits in dys- funktionale Eltern-Kind-Beziehungen münden, dar. Feindselige und aversive Ver- haltensweisen zwischen den Eheleuten können sich in durch Ärger und Machtaus- übung gekennzeichnete Erziehungsstile widerspiegeln. Eine verwandter Erklä- rungsansatz ist die common-factor Hypothese: Ein Persönlichkeitsmerkmal, dass Einfluss auf die Beziehungsgestaltung zum Ehepartner nimmt, zeigt sich auch in der Eltern-Kind-Beziehung. Ein harscher und autoritärer zwischenmenschlicher Umgangsstil wirkt dann auf die Beziehung zum Ehepartner wie auch auf die Be- ziehung zum Kind.
4. Ähnlich wie bei der common-factor Hypothese führen Gemeinsamkeiten im Denk- stil über verschiedene Familienbeziehungen zu ähnlichen Auswirkungen wie oben beschrieben: mit einem allgemeinen Attributionsstil werden negative Ereignisse global den Ehe- wie auch den Kindproblemen zugeschrieben.
5. Eine weitere Richtung befasst sich mit der genetischen Übertragung. Dabei geht man davon aus, dass Kinder aufgrund genetischer Ähnlichkeiten mit den Eltern und der genetisch bedingten Vulnerabilität einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind. Zusammenhänge zwischen antisozialem Verhalten der Eltern und dem Problem- verhalten der Kinder lassen die Möglichkeit beider, genetischer wie auch umwelt- bedingter, Ursachen zu. Zudem sind Auswirkungen von Ehekonflikten bei vulne- rableren Kinder möglicherweise einschneidender.

Details

Seiten
99
Jahr
2002
Dateigröße
640 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v117374
Institution / Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz)
Note
Insigni Cum Laude
Schlagworte
Elternkonflikte Jugendliche

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Titel: Elternkonflikte und Jugendliche