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Der freie Wille in der Reformation

Nicolaus Gallus und die reformatorische Religionspolitik der frühen Neuzeit

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 20 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 „lehre vom freyen willen“ - konfessionelle Einordnung Gallus' Schrift
1.1 „Von der weise durch welche der Mensch die rechtfertigkeit bekumpt“
1.2 Die Beweggründe Gallus' Schrift gegen das Interim

2 Gesellschaftsgeschichtliche Konsequenzen
2.1 Bedeutung für die sozialen Verhältnisse in den Gemeinschaften
2.2 Theologie der Kontroversen statt Krieg
2.3 Adiaphora und der freie Wille im evangelischen Glaubensarten

Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

Einleitung

„/Das man mit Gott vnd gutem gewissen / keine gemeine Confession / mit denen semptlich vnterschreiben kann / noch soll / von welchen wir wissen oder verdacht haben / Das sie vnter der selbigen Confession Namen und deckel / entweder öffentliche Irthumen vnnd Secten / verteidingen und aussbreiten. Oder sonst in etlicher fürnemer Artickel verstandt / nicht mit Gottes Wort vnd unserm rechten Christlichen verstandt vnd meinung / vberein kommen.“[1]

(Nikolaus Gallus)

Gegenstand dieser Arbeit, die Diskussion über den freien Willen im reformatorischen Kontext, ist keine theologische Debatte, die sich in einer Aktualität des Umbruchs in Kirche und Religion der frühen Neuzeit entwickelte. Der freie Wille war schon in der Antike Mittelpunkt zahlreicher Philosophien – auch und vor allem mit religiösem Hintergrund. Mit der Confessio Augustana (CA) wurde sozusagen vertraglich festgesetzt, wie ein Theologe in seinem jeweiligen Amt zu lehren und zu handeln hatte. Mit seiner Unterschrift bezeugte er seine Treue zu ihr und identifizierte sich mit ihren Inhalten. Mit der Einführung des Augsburger Interim, als Übergangslösung bis zu einem endgültigen Übereinkommen aufgrund der konfessionellen Kirchenspaltung, beginnt der Diskurs um den Begriff des freien Willens in dieser Arbeit. Im Mittelpunkt stehen hierbei der Text Nikolaus Gallus' „Erklerung vund Consens vieler christlicher Kirchen / der Auspurgischen Confession / auff die newe verfelschung der lehre vom freyen willen / wie die aus dem INTERIM von etlichen noch gefürt und verteidigt wird.“, rückblickend die CA und natürlich vergleichend das Interim von 1548. Hierbei kann man den Diskurs nicht als um bloßes "Theologengezänk" verstehen. Vielmehr ging es um Fragen, für die es keine Lösung mehr unter einem Rückgriff auf die Bibel und Bekenntnisse oder über die Einholung von Stellungnahmen und Gutachten seitens der Reformatoren gab. Luther war bereits 1546 gestorben und konnte daher keine Lösungsansätze mehr vorbringen. Die Kirche gab zu damaliger Zeit mit ihren Schriften und Bekenntnissen, Gesetze für den Alltag eines Christen vor. So kann man also von einem pädagogischen Gebrauch dieser Gesetze ausgehen, die der christlichen Gesellschaft Normen und Werte vermittelten, die sich an ihnen orientiere. In diesem Zusammenhang nahm die Debatte um die Willensfreiheit eine große Rolle ein und führte zu weitgreifenden Kontroversen durch unterschiedlichste Auslegungen und Denkweisen.

Luther selbst führt ein Paradox an, indem er sagt:

„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ (Martin Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen. 1520.)

Diese Radikalisierung und strenge Differenzierung des Willens auf weltlicher und geistlicher Ebene durchzieht das protestantische Denken und spiegelt sich klar im, in dieser Arbeit behandelten Text von Gallus wider. Welche Funktion hatte also der menschliche Wille vor allem bei der Bekehrung zum gläubigen Christen? Spielt er eine entscheidende Rolle in der Verantwortung von Handlungen? Gallus geht hierbei auch explizit auf die „rechtfertigung“ ein, die in der CA, wie auch im von ihm kritisierten Interim behandelt wird. Diese Fragen drehen sich nun stark um das christliche Menschenbild. Die Diskussion über die Möglichkeit eines freien Willens – in Hinsicht auf die Verdorbenheit des menschlichen Wesens durch die Erbsünde, war theologisches und demnach auch ein Thema des gemeinen Volkes. Waren die Städte und Länder, die sich bedingungslos hinter die Seite der Reformation und somit klar gegen den Kaiser stellten, in der Lage, ihr geistiges und finanzielles Kapital im Reich ohne zu große Verluste auch in der Bevölkerungszahl durchzusetzen? Hier vollzieht sich eine starke Vermischung aus macht- und religionspolitischen Aspekten. Mit der Anerkennung eines freien Willens im Menschen musste auf protestantischer Seite mit einer großen Abwanderungszahl zur anderen Konfession gerechnet werden, da viele Zweifel aufkamen. Die Protestanten forderten vor allem die Anerkennung der Rechtfertigung allein aus der Gnade, also ohne jedes eigene Verdienst des Sünders[2]. Hier zeichnet sich schon deutlich die Auffassung ab, dass der Mensch eben keinen freien Willen, in Bezug zu Gott[3] haben kann. Durch den Vergleichsversuch Karl V. Mit seinem Interimsentwurf entfachte er heftige Diskussionen und Kontroversen, die nicht zuletzt auch in den eigenen Reihen der reformatorischen Seite mündeten. Leider ist es im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich auf weitere Positionen einzugehen. Gallus geht in seiner Schrift auf verschiedene Punkte der CA, sowie des Interim ein. Interessant für diese Arbeit ist jedoch der Abschnitt über den freien Willen, der in den Fokus gerückt werden soll. Durch die vielen Einflüsse auf die Vorgänge der Reformation, sowie auf Gallus selbst, können in dieser Arbeit der komplexe Zusammenhang lediglich einige Sichtweisen dargelegt werden. Besonders interessant wäre es, die Äußerungen von Martin Luther, Philipp Melanchthon oder Matthias Flacius Illyricus noch tiefer in die Betrachtungen mit einzubeziehen, als es im Folgenden oberflächlich geschieht.

1 „lehre vom freyen willen“ - konfessionelle Einordnung Gallus' Schrift

Nikolaus Gallus, geboren 1516 als Sohn von Petrus, dem fürstlichen Rat und Bürgermeister der Stadt Köthen, studierte seit 1530 an der Wittenberger Hochschule, unter anderem als Schüler Philipp Melanchthons und mit großem Einfluss Luthers.[4] Schon hier steht fest, dass Gallus konfessionell der evangelischen Richtung zuzuordnen ist und aus einer hoch angesehenen Familie stammte. Auf Empfehlung Luthers wurde Gallus 1543 in das Amt des Diakonus in Regensburg berufen, als in diesem Gebiet die lutherische Lehre erfolgreich verbreitet wurde. Nach der Einführung des Interim[5] durch Karl V., gegen das sich Gallus entschieden zu Wehr setzte, ging er mit zahlreichen anderen evangelischen Geistlichen zurück nach Wittenberg, wo alsbald erste Unterhandlungen mit dem Kurfürsten Moritz von Sachsen wegen der Annahme des Interims stattfanden.[6] Nach der stark kritisierten Gesinnungswandlung seines früheren Vorbildes Melanchthon, näherte sich Gallus später immer mehr Matthias Flacius, „der allein es wagte, gegen alle Zugeständnisse seiner Collegen im Bekenntnis und Cultus zu protestiren“[7].

Gallus' öffentliche „Erklerung“ bildet einen direkten Einspruch gegen das Augsburger Interim[8], ferner auch gegen das 1559 erschienene Leipziger Interim als sozusagen überarbeitete Form des kaiserlichen Entwurfes für die Ländereien unter Moritz von Sachsen mit einigen zusätzlichen Zugeständnissen an die Protestanten, als interimistische Kontroverse. Damit stellte sich die Frage nach einer Einheit von Lehre, Bekenntnis und Kirchenverfassung und an dieser Stelle auch das Problem des Verhältnisses von Kirche zu Stadt und Land. Eine solche theologische Diskussion mündet damit in eine gesellschaftlich und politisch bedeutende Problematik eines zu legitimierenden Widerstands gegen die weltliche Macht im politischen Sinne. Bei Glaubensfragen, wie sie in dieser Zeit sogar zu einem Schisma führten, kann man eine würdige Einheit nicht durch weltliche Gesetze wie ein Interim klären, sondern allein aus den Überzeugungen der Konfessionen entstandenen Grundsätze und Bekenntnisse.

Auch wenn im Diskurs über die Willensfreiheit oft über das Zurückgreifen auf altbewährte Bekenntnisse und Bibelzitate gegangen werden musste, um adäquat diskutieren zu können, bezieht Gallus selbst, in seiner Schrift immer wieder Stellen aus der Heiligen Schrift mit ein, um seine Argumente zu bestärken. In diesem Sinne eröffnet er auch seine Schrift mit dem Abschnitt „Von dem Menschen nach dem Falle“[9] und berichtet „Von der weise / durch welche der Mensch die rechtfertigung bekumpt“. Was im fließenden Text vor allem auffällt ist die Weise, wie mit der Groß- und Kleinschreibung umgegangen wird. Grundsätzlich werden auch Nomen klein geschrieben. Lediglich solche mit besonderem semantischen Hintergrund, wie Gott, der M]ensch (hier im Mittelpunkt der Diskussionen um den freien Willen), die Gnade und so weiter. Gallus baut hier zunächst Grundlagen zum weiteren Verständnis auf, in dem er beispielsweise anführt, dass dem Menschen die Gnade nur ohne einen freien Willen in ihm greifbar wäre[10]. Da der Mensch durch Adams Sündenfall von Grund auf verdorben sei, wäre er „der ersten eingeschaffnen gerechtigkeit beraubt“ und nur Christus, der heilige Geist und die Gnade Gottes können zu seiner Seligwerdung in ihm wirken. In diesem Punkt verdeutlicht Gallus gleich zu Anfang seine entschiedene Haltung gegen die Sichtweise der Vertreter des Interim: „Praeparation zu empfahung Göttlicher Gnaden sollte in dem Menschen vnd seinem freyen willen stehe / ist falsch / unrecht / vnd der heiligen schrift zuwider“[11]. Um dies zu begründen, verweist er sogleich auf Rom. Am 8. Eph 1.2[12], in dem also schon in der Bibel festgesetzt steht, dass der Mensch verdorben, zu allem Guten untüchtig und allein durch die „gnädige election vnd vocation“ dazu fähig sei, Gnade zu empfangen und selig zu werden.

1.1 „Von der weise durch welche der Mensch die rechtfertigkeit bekumpt“

In diesem neuen Abschnitt geht Gallus auf eine „erste annemung Göttlicher Gnade mit freyem willen“ ein. Er geht davon aus, dass die Gnade und Seligkeit von Gott angebotene Güter wären und er Mensch habe lediglich eine Art freien Willen, sie anzunehmen, „wen er zu guter vernunfft oder verstandt kompt /“ oder nicht. „Das aber in des Menschen verstandt und freyen willen sölte stehen / das Evangelion mit seiner gnad anzunemen / ist falsch vnnd unrecht“[13]. Dennoch räumt er einen sehr knapp bemessenen freien Willen insofern ein, als das er „[...] durch den Geist Gottes bewegt werde / das der böse unwillige wille / gut vnd willig werde / höre Gottes wort / gleube vnd folge dem / vnd werde also Gottes wille und sein wille ein wille“. Der Wille ist also frei bei der Wahl des Bösen oder um dem Guten zu widerstreben. Hat man sich jedoch für eine Seite entschieden, bewirkt der Wille nichts mehr, um sich von dieser Entscheidung wieder abwenden zu können. An dieser Stelle sei ebenso das Wort Gottes hervorgehoben, welches dem evangelischen Christen durch die Predigt vermittelt wird und somit einen hohen Stellenwert einnimmt. Selbst der Glaube an sich sei ohne die Gnade Gottes nicht denkbar[14]. Mit der Unfähigkeit des Menschen, aus seinem freien Willen heraus selbst in das Reich Christi zu gelangen, stellte sich schon damals die Frage, was denn dann mit Kindern geschehe, wenn diese durch unglückliche Umstände ums Leben kämen. Gallus selbst kritisiert hier die Meinung der Interimisten: „Gott zihe die Menschen wenn sie zu ihren iharen kommen / Die kleinen verstorbenen kinder kommen zu ihren iharen nit. Darumb (nach der INTERIMISTEN schlussrede) macht Gott die kinder als blöcke selig.“[15] Einerseits argumentiert Gallus entschieden mit dem Mittel der Taufe gegen diese Ansicht, da diese als Wiedergeburt als Christ gilt, somit Christus im Getauften als heiliger Geist wirkt und dadurch auch die Gnade empfangen kann. Zum Anderen zieht er immer wieder den Vergleich von Block und Mensch heran, um zu zeigen, dass ein Block (sinngemäß Stein) nichts mit der Art des Menschen zu tun hätte[16]. Ebenso negiert er vollkommen die interimistische Auffassung, dass der freie Wille im Menschen nach dem Fall nicht vollkommen verdorben sei, sondern lediglich verwundet wäre und sich mit der Zeit selbst erholen könne: „Die ehre gehört Gott dem herrn / und nicht dem Menschen“[17]. Im Menschen nach dem Fall sieht Gallus klar zwei Formen eines Willens. Durch sein verdorbenes Wesen besitzt er von Natur aus einen bösen Willen, wodurch er für den Satan empfänglich wird. Zu einem guten Willen könne er jedoch niemals – eben durch die Erbsünde – von selbst gelangen, sondern nur durch die Gnade Gottes[18]. „So nach dem fall dem freyen willen keine krafft mehr wird gelassen / denn nur zu sündigen / Vnnd so der freye wille itzo von ihm selb nit mehr ist / denn des Teuffels knecht /“[19]. An dieser Stelle verweist Gallus auf die apologia wittenbergensis, in der schon darauf hingewiesen wird, dass dem freien Willen nach dem Fall keine Kraft mehr gelassen würde, der Mensch somit unter der macht des Teufels stünde und unfähig zu allem Guten wäre. Durch diese Umstände wäre dann also auch die göttliche Gnade unabdingbar. Da der Mensch jedoch eine „art“ Gottes sei, besitzt er einen Willen (die Fähigkeit), um sich „zum dienst der gerechtigkeit“[20] mithilfe des heiligen Geistes sich von der bösen Seite abzuwenden. In gewisser Weise räumt Gallus dem Menschen also den Willen ein, egal ob (weltlich) sündig oder nicht, von Gott „gebogen und frey zu werden“: „Vnd haben sie beide [Esau und Jacob] ein jeder seinen willen / welcher ob er wol durch sünde des Teuffels eigen worden / so hat er doch noch behalten die art / das er mag durch den h. Geist gebogen und frey werden / zum dienst der gerechtigkeit.“[21] Der Mensch kann im weltlichen Sinne also so sündig sein, wie er will. Um selig zu werden benötigt er jedoch Gottes Gnade, den heiligen Geist, der in ihm wirkt, um die Gnade empfangen zu können und die Bekehrung, die durch die evangelische Predigt zustande kommt. Dies zeigt, das Gallus, wie viele andere evangelische Theologen, versucht, in der Zeit der konfessionellen Fragestellung, die Menschen an das Evangelium zu binden. Die „verfelschung reiner lere der Augspurgischen Confession“ durch die Interimisten sieht Gallus vor allem in diesem Punkt des freien Willens, der „wider die Papisten und INTERIMISTEN / sondern itzo auch wider die Adiaphoristen“ eben nicht möglich sein kann, um zu Gnade zu gelangen. Auch hier bezieht sich Gallus wieder auf frühere Schriften: „Da nennet Bernhardus den freyen willen / nicht der da selig mache / sondern der selig machen lest“ und nennt dies eine „sehr feine erklärung“[22]. Dies ist wohl der hauptsächliche Streitpunkt, der sich in der Schrift von Gallus gegen die interimistische Durchführung der evangelischen Lehre abzeichnet. Deshalb spricht er auch von einer „Widerlegung der irthume / im articul vom freyen willen / vunnd des Menschen krefften.“[23] Die Interimisten meinen, so Gallus, dass der Mensch trotz seiner Sündhaftigkeit durch den Fall die Kraft oder den freien, willkürlichen Willen (und in diesem Zusammenhang auch die Vernunft) besäße, um zur Gnade, Seligkeit und Bekehrung zu Gott zu gelangen. Nach ihnen soll also die Bekehrung des Menschen zum Teil Aufgabe Gottes und zu einem anderen teil „vermögen“ des Menschen sein. Dies muss Gallus entschieden ablehnen, da er der Meinung ist, dass der Mensch keinerlei Kräfte mehr besitzt, die ihn aus seiner Sündhaftigkeit von selbst befreien könnte. Er geht in dieser Richtung sogar soweit, dass er dem Menschen keinerlei Kräfte oder Vermögen mehr zurechnet, die ihn dem Glauben oder der Gnade von sich selbst aus näher bringen könnten[24]. Demnach kann sich der Mensch auch nicht von selbst als Christ wiedergebären oder Taten aus eigenem Willen vollbringen, die ihm zur Seligkeit verhelfen.

Erst die Taufe ermöglicht es ihm, durch die Wirkung Christi in ihm, „ / den eröffneten vunnd fürgepredigten willen Gottes zuverstehen oder anzunehmen“[25]. Gallus bezieht sich hier auf ein Zitat S. Paulus': die Menschen besäßen „torheit / vnd eitel vnvermöglichkeit“[26].

Er sieht es also als reine Torheit, wenn man dem Menschen so viel Verstand zuspräche, dass er aus eigenen Kräften die göttliche Gnade erhalten könnte:

„Darumb wer ihm selbs viel hohes erkentnis und verstands zumisset / der ist sovil desto blinder / das er seine blindheit nit erkennet / noch betrachtet.“[27]

Er fordert direkt eine konkrete Differenzierung vom menschlichen und göttlichen Wirken. Sein streng lutherisches Denken lässt es fast zu, das Interim teilweise als Blasphemiezu verstehen:

„Aber diese Weise klüglinge lassen Gott nur die hülffe / als einen beistand / Vnnd in dem sie den Menschen mir seinem willen / Gott zu einem helfferknecht oder mitarbeiter zugeben / vnnd uns sowol als Gott / ein teil der bekerung zueignen / so geringern vnd mindern sie Gott seine gebürliche ehre / vnd eignen uns zu / das doch allein Gottes eigen ist.“[28]

Durch den Fall Adams hat der Mensch seinen freien Willen (vor dem Fall) und sich selbst verdorben. Dadurch sieht Gallus den Menschen als Knecht unter seinem verdorbenen Willen, der allein durch die Gnade Gottes davon erlöst werden kann. Durch die Wiedergeburt als Christ bei der Taufe wandelt sich, durch das Wirken des heiligen Geistes Christ im Getauften, der verdorbene Wille in einen guten und wird so zu einem Mitarbeiter Gottes, geschaffen zu guten Taten[29]. Damit stellt er sich explizit auf die Seite der strengen Verfechter des Luthertums. Der Mensch sei nichts ohne die Gnade und den Willen Gottes. Alles was der Mensch vermag, kommt allein von Gott. Will er in das Reich Christi gelangen, so kann er dies nicht aus eigenen Kräften schaffen, sondern benötigt unbedingt zunächst die Bekehrung zum christlichen Glauben, die durch das Evangelium versprochen wird, den im Menschen wirkenden heiligen Geist, der durch die Taufe in den wiedergeborenen Christen einfährt und durch seine Sühne den verdorbenen Christen zum Gnadenempfängnis überhaupt ermöglicht und schließlich die Gnade Gottes, die ihn von seinen Sünden befreit und nach seinem Tod in das Himmelreich einziehen lässt.

[...]


[1] http://hardenberg.jalb.de/display_page.php?elementId=10671, Seite 1.

[2] Vgl. dazu: Rabe, Seite 427.

[3] Luther beharrte stets darauf, dass der Mensch in Bezug zu Gott keinen freien Willen haben kann. Dieser Bezug ist für ihn elementar. Im Laufe der Reformation versteifen sich jedoch strenge Anhänger der evangelischen Lehre darauf, dass der Mensch in keiner Hinsicht einen freien Willen besitzen könne. Vgl. dazu: Grane, Die Confessio Augustana, S. 144.

[4] Vgl. NDB 6, Seite 55 f.

[5] Weiter hierzu: siehe Punkt 2

[6] Vgl. ADB 8, Seite 351.

[7] Ebd., Seite 352.

[8] Ferner auch gegen das 1559 erschienene Leipziger Interim als sozusagen überarbeitete Form des kaiserlichen Entwurfes für die Ländereien unter Moritz von Sachsen mit einigen zusätzlichen Zugeständnissen an die Protestanten. Vgl. hierzu: Preger, S. 141 f.

[9] Die CA beginnt (nach dem ersten Punkt „Gott“) genauso wie das Augsburger Interim mit diesem Thema. 10 Vgl. Gallus, A2 verso.

[11] Ebd.

[12] Vgl. http://www.bibel-online.net/bibel_4/45.roemer/8.html: „1 SO ist nu nichts verdamlichs an denen / die in Christo Jhesu sind / die nicht nach dem Fleisch wandeln / sondern nach dem Geist. 2 Denn das gesetz des Geistes / der da lebendig machet in Christo Jhesu / hat mich frey gemacht von dem Gesetz der sünden vnd des todes. 3 Denn das dem Gesetz vmmüglich war (Sintemal es durch das Fleisch geschwechet ward) Das that Gott / vnd sandte seinen Son in der gestalt des sündlichen Fleisches / vnd verdampte die Sünde im Fleisch durch Sünde / 4 Auff das die gerechtigkeit vom Gesetz erfoddert / in vns erfüllet würde / Die wir nu nicht nach dem Fleische wandeln / sondern nach dem Geist. 5 DEnn die da fleischlich sind / die sind fleischlich gesinnet / Die aber geistlich sind / die sind geistlich gesinnet.“ (Lutherübersetzung aus letzter Hand, 1545)

[13] Gallus, A3 verso.

[14] Vgl. Gallus A4 recto: der Mensch könne „on dis gnedige zihen des himmlischen Vatters / dem Evangelio nicht gleuben /“

[15] Siehe Gallus, A4 verso.

[16] Gallus sieht in diesem Zusammenhang die „Art“ des Menschen als Geschöpf nach dem Vorbild Gottes. Durch diese Verbundenheit zum Schöpfer sei der Mensch allein zur Gnade gerechtfertigt. Ein Block jedoch habe kein Wesen. Dieser wird von seinem Bildhauer in seine Form gezwungen. Ein Mensch aber habe insofern einen freien Willen, als dass er sein (weltliches) Leben frei gestalten kann. - vgl. Gallus, B2 verso.

[17] Siehe Gallus, B1 recto.

[18] Vgl. Gallus, B2 recto f.: „[...] Im Menschen ist wol ein böser wille / ein guten willen aber kan er nicht haben / er sey ihm denn von Gott gegeben. Ihenen / den bösen willen / hat diese natur geerbt / durch die sünde / Diesen / den guten willen / vberkumpt sie durch gnade.“

[19] Ebd., B2 verso.

[20] Vgl. ebd.

[21] Vgl. Gallus, B3 recto f. 22 Ebd. B3 verso.

[23] Ebd. C1 recto.

[24] Vgl.ebd. C2 recto: „ / das des Menschen natur durch den fall Ade / nicht allein geschwecht worden ist / Sondern von Gott in allen krefften vnd vermögen / gantz vnd gar abgewent“

[25] Ebd. Gallus spricht hier von der Unmöglichkeit des Menschen, vor der Wiedergeburt als Christ (durch die Taufe) den eigentlichen Willen Gottes zu verstehen. Demnach ist es ihm auch unmöglich ohne die Taufe gute Werke, zu seinem eigenen Heil als Ziel, zu tun. Dem Menschen wird also nicht mehr Vermögen zugesprochen, als ihm von Gott gegeben wurde. Vgl. hierzu: Grane: Die Confessio Augustana, Artikel 18 „Der freie Wille“, S. 143.

[26] Ebd, C2 verso f.

[27] Gallus, C3 recto.

[28] Ebd. C3 recto f.

[29] Vgl. Gallus, C4 verso.

Details

Seiten
20
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640197293
ISBN (Buch)
9783640197408
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v117281
Institution / Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,3
Schlagworte
Wille Reformation Gesellschaftsgeschichtliche Konsequenzen Diskurses Willensfreiheit Frühe Neuzeit Luther

Autor

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Titel: Der freie Wille in der Reformation