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Die legitimierende und integrative Funktion der amerikanischen Civil Religion nach Bellah

Schaffung eines 'echten' Wertekonsenses oder bloß ein Stabilitätsfaktor?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 26 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: USA

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung.

2. Das Konzept der Civil Religion und seine Ursprünge

3. Grundlagen der amerikanischen Gesellschaft
3.1. Der gesellschaftliche und religiöse Pluralismus
3.2. Das Spannungsverhältnis zwischen Liberalismus und Republikanismus

4. Funktionen der Civil Religion für das politische System
4.1. Identitäts- und Einheitsbildung
4.2. Krisenbewältigung

5. Schlussbetrachtung

I. Bibliographie

II. Erklärung der wissenschaftlichen Redlichkeit

1. Einleitung

„Fellow citizens, we'll meet violence with patient justice – assured of the rightness of our cause, and confident of the victories to come. In all that lies before us, may God grant us wisdom, and may He watch over the United States of America [1] .“

Mit dieser zivilreligiösen Bekundung schloss Präsident George W. Bush seine Rede vom 20. September 2001. Die amerikanische Civil Religion, die erstmals von dem Soziologen Robert N. Bellah in seinem für diese Disziplin bahnbrechenden Essay von 1967 identifiziert wurde, ist nach wie vor für das politische System der USA von großer Bedeutung.

Diese Betrachtung soll sich intensiv mit Bellahs Konzept auseinandersetzen und fußt daher auf der Prämisse, dass es in der USA eine Civil Religion tatsächlich gibt, was in der amerikanischen und in ihrer Fortführung in der deutschen Debatte durchaus kontrovers diskutiert wurde. Von dieser Prämisse ausgehend, soll die Frage geklärt werden, ob die Civil Religion in Amerika zur Schaffung eines 'echten' Wertekonsenses beiträgt oder bloß einen Stabilitätsfaktor darstellt, der über seine Nützlichkeit hinaus an keine tiefer verwurzelten Werte zurückgebunden ist. Beide Begriffe -Wertekonsens und Stabilitätsfaktor- beziehen sich auf eine Übereinkunft, die in bestimmter Art und Weise dem Schutz der Gesellschaft dient und damit legitimierend und integrativ wirken kann. Während ein Stabilitätsfaktor nicht mehr und nicht weniger als dies bewerkstelligt und gegenüber der politischen Ordnung nur affirmative Züge besitzen kann, ist ein Wertekonsens immer tieferen Idealen verbürgt und bildet verbindliche Leitregeln für die Gesellschaft.

Die gewählte Fragestellung hängt eng mit dem Integrationsproblem der modernen pluralistischen Gesellschaft und dem damit einhergehenden Legitimationsproblem des freiheitlichen demokratischen Staates zusammen. Braucht man eine die Gesellschaft stützende Moral, die auf der Religion aufbaut? Braucht der demokratische Staat eine Letztbegründung jenseits umstrittener Meinungen und Interessen oder würde dies zwangsläufig das Ende des Pluralismus bedeuten? Wie kann in einem System, das auf dem Widerstreit verschiedener Eigeninteressen beruht, das Gemeinwohl überhaupt erreicht werden?

Im Hinblick auf diese grundlegenden Probleme für jede pluralistische Ordnung wurden verschiedene Lösungsansätze entwickelt. Die amerikanische Civil Religion stellt eine von ihnen dar. Nun soll geklärt werden, von welcher Natur diese überhaupt ist: Vermag sie das Legitimations- und Integrationsproblem zu lösen, indem sie ein Wertesystem aufbaut und damit auch einen Wahrheitsanspruch enthält, oder zementiert sie eine staatliche Ordnung, die auf bestimmten Konfliktregelungsmechanismen aufbaut, ohne aber Werte oder einen Wahrheitsanspruch für sich zu beanspruchen, wie es eigentlich Sinn jeder Religion ist?

Der Begriff der Civil Religion, wie er in Bellahs Originaltexten verwendet wurde, soll beibehalten werden, weil die deutsche Übersetzung 'Zivilreligion' - wie in der Literatur (u.a. von Moltmann) verwiesen wurde - durchaus anders konnotiert werden kann und damit missverständlicher ist als ihr anscheinend amerikanisches Äquivalent.

Primärquellen für diese Arbeit sind Bellahs bekannte Essays „Zivilreligion in Amerika“ (1967) und „Religion und die Legitimation der amerikanischen Republik“ (1978), gegebenenfalls wird auch auf sein Werk The broken Convenant verwiesen. Sekundärliteratur wird, wenn angebracht, hinzugezogen und ist wegen der breiten Debatte des Themas Civil Religion bzw. Zivilreligion in großer Fülle aufzufinden. Auf die im deutschsprachigen Raum ausgelöste Grundwerte- und Pluralismusdebatte soll nicht näher eingegangen werden, da im Zentrum dieser Betrachtung das amerikanische Phänomen steht.

Im folgenden Kapitel dieser Arbeit soll der Begriff der Zivilreligion nach Bellah näher definiert und erläutert werden und seine ideengeschichtlichen Prägungen bestimmt werden. Nach der Erläuterung des zugrundeliegenden theoretischen Konzepts sollen im dritten Kapitel die Grundlagen der amerikanischen Gesellschaft umrissen werden: der gesellschaftliche und religiöse Pluralismus als allgemeine Grundlage für die Civil Religion und im Speziellen das Verhältnis von Liberalismus und Republikanismus im amerikanischen System. Sowohl Liberalismus als auch Republikanismus sind mit einer jeweils spezifischen Vorstellung von Aussehen und Funktion der Zivilreligion verbunden. Im vierten Kapitel soll die Bedeutung der Civil Religion für das politische System der USA unter Verwendung aktueller Beispiele aus der politischen Rhetorik bestimmt werden und analysiert werden, inwiefern in Hinblick auf ihre Funktionen die Civil Religion einen Wertekonsens etabliert oder einen reinen Stabilitätsfaktor darstellt.

2. Das Konzept der Civil Religion und seine Ursprünge

Bellah versteht unter 'Civil Religion' eine “öffentliche religiöse Dimension, [welche] sich in einer Reihe von Überzeugungen, Symbolen und Ritualen [ausdrückt]“[2] und so ”gemeinsame Elemente der religiösen Orientierung“[3] für die Mehrheit der Amerikaner schafft. Im Gegensatz zur eigentlichen Religion, die in den USA Privatsache und damit dem öffentlichen Raum entzogen ist, ist die Civil Religion öffentlich und übernimmt integrierende, legitimierende und stabilisierende Funktionen für das politische System (wie im vierten Kapitel näher ausgeführt werden soll).

Zu beachten ist, dass die Civil Religion diese Funktionen nicht innerweltlich ausüben will, sondern mit einem transzendenten Rückbezug und sakralen Motiven. Dies wirkt auf den ersten Blick verwunderlich, da in den Vereinigten Staaten die Trennung von Kirche und Staat in der Verfassung verankert ist und man daher keine religiösen Motive und Bezüge im öffentlichen Bereich erwarten würde. Die Problematik der Trennung von Kirche und Staat hat aber laut Bellah die Ausgangsbedingung für die Civil Religion geschaffen[4]. Diese ist – um seiner Analyse zu folgen - in ihrer Funktion klar vom privaten Glauben getrennt und vollständig kompatibel mit der Glaubensfreiheit, sie bildet quasi ein religiöse Dimension sui generis, die Einfluss auf den politischen Bereich hat und die Inklusion der gesamten Gesellschaft leistet, ohne aber von den einzelnen Kirchen und Glaubensrichtungen anhängig zu sein. So ist im politischen System Amerikas die religiöse Sphäre nicht völlig ausgeschaltet[5], sie besteht in Form einer öffentlichen gemeinsamen Orientierung weiter. Bei Bellah besteht also eine Verquickung von Politik und Religion anstatt einer Trennung, allerdings ist diese ganz anderer Natur als beispielsweise die politische Religion oder der Fundamentalismus.

Bei Bellah ist Civil Religion kein starres Prinzip, sondern verändert sich mit der Zeit: “wie jeder lebendige Glaube muss sie ständig neu ausgestaltet und an universalen Maßstäben gemessen werden[6] ”. Bemerkenswert ist dabei die Unbefangenheit, mit der er die Civil Religion dem 'lebendigen Glauben', also herkömmlicher Religiosität, gleichsetzt. Dabei sind die von ihm identifizierten Merkmale der Civil Religion im Gegensatz zu jeder herkömmlichen Religion sehr vage und durchaus zu bestreiten. Bellah scheint es jedoch nicht um eine wissenschaftlich fundierte Theorie zu gehen, sondern um eine neue Betrachtungsweise eines alten Problems, das sich in einer Reihe von Erscheinungen manifestiert, die er in chronologischer Reihenfolge und an Beispielen aus der politischen Rhetorik betrachtet. Bellahs Civil Religion basiert auf der Übertragung des Erwähltheitglaubens und Bundesgedankens aus dem Alten Testament ('Exodus' aus Europa), die Unabhängigkeitserklärung und die Verfassung bilden ihre 'Heiligen Schriften'. George Washington wird mit Moses gleichgesetzt, Abraham Lincoln ist der Christus der Civil Religion, durch dessen 'Opfer' im symbolischen Sinne erst das Ende des Bürgerkrieges und die neue Einheit möglich wurden. Als ihre Denkmäler identifiziert Bellah den Arlington National Cemetery sowie den Friedhof von Gettysburg und als ihre Feiertage den Memorial Day, den unbedeutenderen Veterans Day, Thanksgiving sowie die Geburtstage von Washington und Lincoln[7]. Wesentlichstes Merkmal der Civil Religion ist aber ihr Rückbezug auf Gott, dem die amerikanische Nation Rechenschaft und Treue schuldet und der zum Schutz angerufen wird – hier zeigt sich die Parallele zum Bund Israels mit Gott, aber auch die ausgeprägt patriotischen Züge.

Die Idee einer Civil Religion geht auf Rousseau zurück. Im achten Kapitel des vierten Buchs seines Werkes Der Gesellschaftsvertrag legt er dar, wie eine “bürgerliche Religion” den Staat stützen kann. Durch die religion civile wird dem Bürger ein Moralkodex, ein Bündel von Dogmen gegeben, die ihn zum gemeindienlichen, gerechten Handeln verpflichten sollen und denen er sogar sein Leben unterordnen muss[8]. Im Gegensatz zum Christentum, das laut Rousseau zu einer inneren Spaltung des Menschen und zur Auflösung seiner Bindung an den Staatskörper führt[9], fördert diese religion civile gerade den gesellschaftlichen Zusammenhalt, der für Rousseau auf der Anerkennung der Dogmen der Existenz der „allmächtigen [...] Gottheit, [dem] zukünftigen Leben, [dem] Glück der Gerechten und [der] Bestrafung der Bösen sowie [der] Heiligkeit des Gesellschaftsvertrags und der Gesetze[10] ” aufbaut. Rousseaus Konzept ist mit einem Pluralismus an persönlichen Glaubensüberzeugungen konsistent - ebenso wie Bellahs Konzept - setzt aber die unangezweifelte Anerkennung des 'bürgerlichen Glaubensbekenntnisses' voraus. In diesem Sinne ist seinem Konzept also ein Toleranzproblem inhärent, da ein Nicht-Tolerieren des 'bürgerlichen Glaubensbekenntnisses' unweigerlich zum Ausschluss aus der Gesellschaft führt. Auch wenn Bellahs Konzept ideengeschichtlich auf Rousseau zurückgeht, sollte man nicht vergessen, dass der von Rousseau konzipierte Staat ein völlig anderer ist. Rousseaus Staat stellt gerade das Gegenmodell zum Pluralismus dar, das Gemeinwesen beansprucht die Totalität des Lebens seiner Bürger, die ihre Partikularinteressen und sich selbst veräußern müssen, um einen Gemeinwillen (volonté générale) zu formen. In Rousseaus Staat wird durch die Verpflichtung auf die oben genannten Dogmen ein Konsens 'aufgezwungen' und gleichzeitig ein nicht wegzudenkendes Stabilitätsprinzip für seine Staatskonstruktion etabliert. Eine Überhöhung des Politischen als Religiöses kann man sowohl Bellahs als auch Rousseaus Konstruktion anlasten, eine wesentliche Differenz zwischen beiden ist, wie Schieder folgerichtig erkannt hat, dass die Legitimation des freiheitlichen Staates eben nicht wie bei Rousseau erzwungen werden kann, weil der Staat nach seiner Trennung von der Kirche seinen Wahrheitsanspruch verloren hat[11]. Die amerikanische Gesellschaft basiert auf diesem zustimmungsbedürftigen Staat und kann daher nicht mit der Rousseauschen Dogmatik integriert werden.

Bellahs Konzept einer Zivilreligion geht auch auf die Betrachtungen von Alexis de Tocqueville in seinem Werk Über die Demokratie in Amerika zurück, in dem er schreibt, dass die Amerikaner ein Volk seien, dass sich zu “einem demokratischen und republikanischen Christentum[12] ” bekennt. Tocquevilles Anliegen ist in erster Linie zu analysieren, welchen Beitrag die Religion zum Erhalt einer freiheitlichen Demokratie leisten kann. Er benennt als Hauptaufgabe der Religion “die allzu heftige und ausschließliche Neigung zum Wohlergehen, die die Menschen in Zeiten der Gleichheit empfinden, zu läutern, zu regeln und einzuschränken[13] ”. Damit betrachtet er die Religion aus einer funktionalistischen Perspektive, ähnlich wie Washington in seiner Abschiedsrede[14]. Er befasst sich nicht mit theologischen Problemen, auch beschreibt er keine Civil Religion im eigentlichen Sinne, sondern vielmehr welches Verhältnis der Amerikaner zur Religion er zu seiner Zeit vorfand und wie der Nutzen dieser 'demokratischen und republikanischen Form' des Christentums zu bewerten ist. Er betrachtet aber nicht nur wie die Religion dem politischen System nützt (vgl. Erster Teil von 1835, II. Teil, 9. Kap.), sondern auch wie die Religion die Eigenheiten des politischen Systems (die so genannten “demokratischen Instinkte”) nutzt, um ihre Herrschaft trotz der Trennung von Kirche und Staat zu erhalten (vgl. Zweiter Teil von 1840, I. Teil, 5. Kap.).

Laut Hereth “geht es [Tocqueville] primär, scheinbar sogar ausschließlich um den Nutzen, den eine allgemein akzeptierte Religion für die Gesellschaft hat. Symbole und Wahrheitsanspruch sind nicht der Gegenstand seines Interesses[15] ”. Tatsächlich betrachtet Tocqueville die Religion aus einer ausschließlich funktionalistischen Perspektive, wie es seiner Intention, den europäischen Lesern zu zeigen, dass Demokratien funktionieren können und Amerika das große Vorbild darstellt, entsprach. Auch wenn er ebenso wie Rousseau einer Erziehung der Bürger im republikanischen Sinne eine große Bedeutung beimisst, ist für ihn die Religion der Amerikaner in erster Linie ein Stabilitätsfaktor zum Erhalt des politischen Systems, der die Kehrseiten des Liberalismus und Individualismus zu mildern vermag. Bei Rousseau hingegen liegt das Stabilisierende gerade in der Durchsetzung unabdingbarer Werte. Ein Widerstreit zwischen Wert- und Nutzenorientierung findet sich also schon in den ideengeschichtlichen Wurzeln von Bellahs Konzept der Civil Religion.

[...]


[1] Bush, George W.: Address to a Joint Session of Congress and the American People vom 20. September 2001 (http://www.whitehouse.gov/news/releases/2001/09/20010920-8.html, Zugriff am 29.07.2008).

[2] Bellah, Robert N.: Zivilreligion in Amerika, in: Kleger, Heinz/Müller, Alois (Hrsg.): Religion des Bürgers, Zivilreligion in Amerika und Europa, Münster 2. ergänzte Auflage 2004, S. 22.

[3] Ebd.

[4] Vgl.: Ebd., S. 21.

[5] Vgl.: Ebd., S. 22.

[6] Ebd., S. 38.

[7] Vgl.: Bellah, Zivilreligion in Amerika, a.a.O., S. 26f., 30.

[8] Vgl.: Rousseau, Jean-Jacques: Gesellschaftsvertrag, Reclam: Stuttgart 2003, S. 151.

[9] Vgl.: Ebd., S. 147f.

[10] Ebd., S. 151.

[11] Vgl.: Schieder, Rolf: Civil Religion. Die religiöse Dimension der politischen Kultur, Verlagshaus Gerd Mohn: Gütersloh 1987, S. 52.

[12] Tocqueville, Alexis de: Über die Demokratie in Amerika, DTV: München 1976, S. 332.

[13] Ebd., S. 510.

[14] Vgl.: Bellah, Zivilreligion in Amerika, a.a.O., S. 24.

[15] Hereth, Michael: Tocqueville zur Einführung, Junius: Hamburg 2. Auflage 2001, S. 73.

Details

Seiten
26
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640196975
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v117268
Institution / Hochschule
Universität Passau – Politische Theorie und Ideengeschichte
Note
1,7
Schlagworte
Funktion Civil Religion Bellah Politische Religionen Politik

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