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Die Identität indigener Frauen in Chiapas: Gewalt und Wandel

Was ist die Aufgabe der Ethnologie?

Seminararbeit 2007 25 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) Einleitung

2.) Indigene Frauen in Chiapas

3.) Wiederaufleben der Ethnizität

4.) Identität und Erfahrungsberichte
4.1.) Juana
4.1.1.) Kooperativen und Arbeit:
4.1.2.) EZLN:
4.2.) María – die Auswirkungen der Gewalt im Leben der Frauen
4.3.) Ana und Guadalupe – Möglichkeiten zum Wandel

5.) Wandel - Von der identidad de origen zur identidad ampliada

6.) Activist Anthropolgy

7.) Schlusswort - Wohin führt uns die Ethnologie? Wohin führen wir die Ethnologie?

8.) Quellenangaben

„Um ein gutes Selbstwertgefühl entwickeln zu können, braucht ein Mensch eine Umgebung, Tätigkeit oder Beziehung, in denen er sich positiv spiegeln, erkennen kann; einen kulturellen Raum, dessen Wertungen ihn nicht nur negativ definieren, sondern eine positive Wertung dessen, was der Betreffende macht und ist. [Das] beinhaltet [...] einen positiven kulturellen Raum “ (Nadig, 1992:34)

1.) Einleitung

Diese Hausarbeit ist auf Grund des Seminars Neuere Forschungen in der Ethnologie Lateinamerikas im Wintersemester 2006/07 entstanden. Wie können die neueren Forschungen nicht nur der ethnologischen Gemeinde dienen, sondern auch einer breiten Öffentlichkeit? Zum Abzuschließen des Themas, verbinde ich diese Frage im letzten Absatz der Hausarbeit mit dem vorliegenden Thema.

Bei der Themenfindung hat mich die Monographie Mayan Visions The Quest for Autonomy in an Age of Globalization von June Nash (2001) besonders beeinflusst. Innerhalb des marxistischen Ansatzes der politischen Ökonomie hat die Monographie zwei Schwerpunkte: Erstens behandelt sie indigene soziale Bewegungen und beschreibt, wie diese den Kurs der Globalisierung herausfordern. Hierbei sind die Chiapas-Maya ein Fallbeispiel einer ethnischen Gruppe, die auf den Globalisierungsprozess antworten. Zweitens ist das Buch eine kritische Darstellung der Herangehensweisen in Bezug auf den erwähnten Sachverhalt und die Kultur der Maya (Nash, 2001:27). Besonders hervorgehoben hat Nash dabei die Rolle der Frau, da dieser die Rolle als Reproduktorin der Kultur zufällt (Nash, 2001:20).

Die Rolle der Frau beziehungsweise des Mannes ist für jede Gesellschaft neu zu definieren. Weiblich beziehungsweise männlich sind keine homogenen Kategorien, aber in geografisch eingegrenzten Regionen wie Chiapas, sind Frauen ähnlichen Einflüssen ausgesetzt, auf die sie individuell oder kollektiv reagieren. Durch das Leben unter ähnlichen Rahmenbedingungen teilen sie neben ihrer individuellen Identität auch einen kollektiven Kontext.

Der Aufsatz bezieht sich zum größten Teil auf die weibliche Identität, aber diese ist nicht der einzige Aspekt, der die Frauen prägt. So ist unter anderem die Ethnizität ein wichtiger Faktor. Durch den Rahmen der Arbeit ist es nicht möglich eine vollständige gender- Studie, beruhend auf dem Aspekt der Maskulinität, der Feminität sowie der Sexualität durchzuführen. In dieser Arbeit beziehe ich mich auf die femininen Aspekte. Dabei ist das Ziel, wie Escobar es in seiner Monographie darstellt, die Frauen für sich selbst sprechen zu lassen. Auch beziehe ich mich auf Escobar, da er davon spricht, eine neue visibilidad zu finden, die nicht den westlichen Beobachter hat, der auf das passive Wesen der chiapanekischen Frau schaut. Sondern eine visibilidad, die von der chiapanekischen Frau selbst bestimmt ist und ihr Raum lässt, um sich zu artikulieren und um gehört zu werden (Escobar, 1996:361).

Als Ansatz dienen mir Interviews aus der Dokumentation von Adriana Estrada Tierra de mujeres - Land der Frauen - indigene Frauen im Kampf für ein würdiges Leben in Chiapas, Mexiko (2003). Der Film zeigt wie die indigenen Frauen in Chiapas nach dem Aufstand der EZLN (Ejercito Zapatista de Liberación Nacional) auf verschiedene Arten für ein besseres Leben eintreten. Die Interviews habe ich transkribiert und der besseren Lesbarkeit halber auf Grammatik und Orthographie hin korrigiert sowie Verdoppelungen herausgekürzt. Ich beziehe mich vor allem auf zwei Hauptinformantinnen sowie auf zwei weitere Kommentare. Anhand des ersten Interviews erläutere ich einige Faktoren, die im Leben der chiapanekischen Frau eine wichtige Rolle spielen. Das zweite bezieht sich auf die Gewalt, die im Leben der Frauen präsent ist, und die letzten beiden Interviews erklären Ansätze, wie Frauen den sozialen Wandel herbeiführen können. Durch diese Interviews nähere ich mich dann der Identität der chipanekischen Frau an.

Die Identität als Werkzeug der Analyse birgt auch Gefahren: Es ist unmöglich die Komplexität einer Identität herauszuarbeiten. So kann es geschehen, dass eine Identität als statisch, stigmatisierend oder diskriminierend dargestellt wird. Die beschriebene Identität ist von außen aufgesetzt und spiegelt die Beobachtungen, Intentionen und Meinungen der Autorin wieder. So beschreibt diese Arbeit zum einen das Individuum oder Kollektiv in der Gesellschaft und zum anderen die Autorin sowie die Hersteller der Dokumentation. Die Autorin ist diejenige, die das Individuum oder Kollektiv beobachtet und die verschiedenen Dimensionen des Prozesses, in dem das Individuum beziehungsweise das Kollektiv, sich wiedererkennt, analysiert. Diese Analyse hilft beim Verständnis der sozialen Realität (Várguez Pasos, 1999:38f)

Durch den Aufbau der Arbeit stand mir nicht nur die bereits oben erwähnte Frage zur Verfügung, sondern die Arbeit behandelt auch weiterhin, in welchen Maßen sich die chiapanekische Gesellschaft gewandelt hat, da das Leben der Frau heute weniger von Gewalt bestimmt ist und sie sich einen positiven kulturellen Raum schaffen kann.

Auch wenn ich mich in diesem Aufsatz auf die indigenen Frauen im vorrangig ländlichen Bereich beziehe, ist zu bemerken, dass sowohl mestizische Frauen als auch Frauen in den Städten oft mit den selben Problemen, wie zum Beispiel der unfairen Behandlung durch das Rechtssystem, zu kämpfen haben und sich deshalb untereinander zusammenschließen (Eber/ Kovic, 2003a:2).

Durch meinen Aufenthalt in Mexiko war es mir möglich an ein breites Spektrum von (mexikanischer) Literatur zu gelangen, die sich speziell auf Chiapas bezieht. Ein Problem bei der Literaturrecherche war, dass mir in den meisten Fällen nur die spanische Übersetzung zur Verfügung stand und nicht die Originalausgabe in Englisch. Dadurch wurde es mir erschwert, aktuelle Literatur zu nutzen.

Neben der bereits erwähnten Monographie von June Nash beziehe ich zum einen auf verschiedene Seminartexte, die mir den theoretischen Hintergrund in Bezug auf Ethnizität und Identität erläutert haben. Mario Erdheim geht in dem Buch Psychoanalyse und Unbewußtheit (sic) in der Kultur Aufsätze 1980-1987 (1994) sowohl auf das Thema der Identität als auch der Ethnizität ein. Auch die Einleitung zum Buch Identidad, henequén y trabajo: los desfibradores de Yucatán (1999) von dem mexikanischen Ethnologen Luis A. Várguez Pasos beschäftigt sich mit dem Thema Identität. In den Grundzügen widersprechen die beiden Texte sich nicht. Der Aufsatz von Várguez Pasos ist aber detaillierter und aktueller. In Hinsicht auf die Rolle der Frau ist neben dem Buch von Nash der Sammelband Women of Chiapas Making History in Times of Struggle (2003), herausgegeben von Christine Eber und Christine Kovic, zu beachten. Der Sammelband geht auf die Rolle der Frau im Allgemeinen ein und auf die verschiedenen Themen, die das Leben der Frauen in Chiapas zeichnen. Hierbei sind Schriftsteller aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen vertreten.

2.) Indigene Frauen in Chiapas

Im Bereich der gender -Studien gibt es verschiedene Auffassungen in Hinsicht darauf, wie sich eine Geschlechteridentität konstruiert. Ich schließe mich der folgenden an. Geschlecht ist nicht im essentialistischen Sinne einmalig gegeben, sondern für jede Gesellschaft neu zu bestimmen. Auch innerhalb einer Gesellschaft sind feminin und maskulin keine homogenen Kategorien und die gender -Identität wird nicht isoliert, sondern in Verbindung zu anderen sozialen, politischen und ökonomischen Faktoren wahrgenommen. So werden zum einen biologische Differenzen wahrgenommen, wie zum Beispiel die Tatsache, dass nur die Frau die Möglichkeit hat schwanger zu werden. Andererseits jedoch werden weiblich und männlich auch im Laufe der Zeit konstruiert (Luig, 2003:313).

Innerhalb der mexikanischen Nation herrscht die größte Armut in Chiapas, wovon am stärksten die indigenen Gemeinden betroffen sind. Frauen sind durch die wirtschaftlich- politischen Geschehnisse besonders betroffen, da eine Entwicklung, die auf Industrialisierung beruht, den Subsistenzsektor in den Nationen, die exportorientiert sind, verarmen lässt. Die Rolle der Frau ist gezeichnet durch die Reproduktion der Kultur als Mutter, Hausfrau oder Kleinbäuerin. So gehört die Frau vor allem dem Subsistenzsektor an. In ländlichen Gemeinden hat die Arbeitsleistung der Frauen sich seit den 1980er Jahren verdoppelt bis verdreifacht. Immer mehr Frauen sind die alleinigen Ernährerrinnen ihrer Familien durch den Verkauf von landwirtschaftlichen Produkten oder Kunsthandwerk. Hierdurch sichern die Frauen das Überleben der Gemeinden (Eber/Kovic, 2003a:1f). Zum größten Teil wird die Arbeitsleistung der Frau bis heute nicht anerkannt und viele der Gemeinden beruhen auf dem Patriarchat und einer Regierung der Älteren (Nash, 2001:XV). Diese Rahmenbedingungen schränken die Bewegungsfreiheit der Frauen stark ein (Nash, 2001:70).

Außerdem wurden Frauen, die teilweise sowohl monolinguistisch[1] als auch analphabetisch sind, von politischer Macht und den ökonomischen Kreisen ausgeschlossen (Nash, 2001:72f). Die erschwerten Lebensbedingungen werden durch die folgenden Faktoren deutlich. Im Gegensatz zu anderen Ländern mit vergleichbaren Entwicklungen wie Mexiko ist die Lebenserwartung der Frauen in Chiapas 2 Jahre geringer als die der Männer. Chiapas hat die größte Sterberate der Schwangeren innerhalb Mexikos. Freyermuth Enciso entwickelt diesbezüglich folgende These: Die hierarchisch angeordnete Gesellschaftsstruktur, bei der die Frau dem Mann sowie den älteren Generationen untergeordnet ist, hat direkte Effekte in Hinsicht auf die Gesundheit der Frauen bis zu dem Ausmaß, dass das Leben der Frau gefährdet ist (Freyermuth Enciso, 2003:369).

Forscher haben bemerkt, dass in den Gemeinden die indigenen Frauen im Allgemeinem unterdrückt werden, aber Unterschiede zwischen den Gemeinden sowie auch innerhalb dieser herrschen. Diese Unterschiede beruhen auf verschiedenen sozialen, politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen (Eber/ Kovic, 2003a:17). Um zu analysieren wie die gender -Unterordnung sich hinsichtlich der Indigenen konstruiert, sollte man nicht von einem essentialistischen Standpunkt ausgehen. Der besagt nämlich, dass die Unterordnung sich bei allen Frauen gleich ausdrücke. Stattdessen hängt die feminine Identität von verschiedenen Faktoren ab, wie der Ethnie, der Generation, der Religion, dem wirtschaftlichen Hintergrund und der sozialen Position (Freyermuth Enciso, 2003:371). Um die chiapanekische Frau darzustellen, wird ein Feminismus wie der grassroots feminism benötigt. Dieser geht davon aus, dass die Unterdrückung von Frauen zusammenhängt mit Rassismus, Postkolonialismus und Patriarchie. So wird der Zusammenhang von Gender, Rasse, Ethnizität und Klasse untersucht (Eber/ Kovic, 2003a:20).

Um ihre Situation zu verbessern, haben die Frauen angefangen, sich zusammenzuschließen. So vereinen sie sich in sozialen Bewegungen, Kunsthandwerkskooperativen und bilden einen Teil der Zivilgesellschaft. Anhand von diesem kollektiven Handeln verbinden die Frauen ihre Bedürfnisse als Ehefrau und Mutter mit dem Wunsch für strukturelle Veränderungen. So besteht in Chiapas eine der wichtigsten transformativen Veränderungen im Bereich der Rolle der Frau. Frauen die vorher durch Ethnie und Gender ausgeschlossen waren, erschaffen sich ihre Nische. Ihr Kampf im politischen, ökonomischen und sozialen Bereich bezeichnet einen Bruch mit den sexistischen und rassistischen Charakteristika, die vorher die Konstruktion der Nation auszeichneten (Nash, 2003:IX). Das Organisieren der Frauen hat innerhalb Mexikos und auch Lateinamerikas einen positiven Aspekt des Wandels vermittelt (Eber/ Kover, 2003d:195). Die Frauen zählen sich aber auch zu den Maya und besitzen eine indigene Identität.

3.) Wiederaufleben der Ethnizität

Für viele Außenstehende und auch innerhalb der indigenen Gemeinden steht die ethnische Identität im Vordergrund und nicht die gender - Identität. Freyermuth Enciso beschreibt die Ethnizität folgendermaßen:

„[L]o étnico necesariamente se relaciona con las interacciones sociales, porque es a partir de estas interacciones que se generan las distinciones a través de procesos sociales que excluyen o incorporan historias individuales. Un grupo étnico forma una categoría de adscripción e identificación que permite a los individuos interaccionar entre sí y da como resultado una cultura común. Así, el ser [étnico] se sobrepone al género y a la generación y define, como diría Barth, las constelaciones permisibles que pueden asumir el hombre y la mujer en su sociedad […]” (Freyermuth Enciso,2003:309f)

In den letzten 20 bis 30 Jahren, in denen soziale Konflikte auftauchten, die schon lange bewältigt schienen, kam es zu einem Wiederaufleben der Ethnizität. Aber das Ethnische war vorher nicht zerstört, sondern lediglich nicht sichtbar. Somit waren die wiederauflebenden Identitäten vorher von anderen Identitäten unterdrückt oder geschluckt worden (Erdheim 1994:358). Erdheim beschreibt diesen Prozess folgendermaßen:

„Der Übergang vom passiven zum aktiven Widerstand ist immer verknüpft mit dem Widerauftauchen des Ethnischen. Und dieses Wiederauftauchen bedeutet immer auch Widergewinnung und- aneignung, Bewusstwerdung von Geschichte. Genauer gesagt: Das Ethnische wird zu einem positiven und unbewussten Anteil der individuellen Identität“ (Erdheim, 1994:359).

Guillermo de la Peña vertritt die Theorie, dass zum Ende des 20. Jahrhunderts Indigene ihren eigenen Raum definieren und sich nicht mehr einer Politik beugen, die Assimilation, Unterdrückung oder Marginalisierung vorgibt. Stattdessen bestehe das Verlangen nach einer inklusiven Definition der Nation mit dem Recht auf kulturelle Vielfalt. Abschließend meint der Autor, dass man Indigene nicht essentialistisch betrachten sollte, da sie sich an globale Veränderungen anpassen, indem sie eigene Antworten finden (Peña, 2005:732f).

Um die verschiedenen Elemente, die die Identität der chiapanekischen Frauen prägen zu erläutern, folgen 4 Erfahrungsberichte.

[...]


[1] Viele Frauen sprechen nur eine odere mehrere indigene Sprache/n und kein Spanisch.

Details

Seiten
25
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640197248
ISBN (Buch)
9783656092810
Dateigröße
407 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v117220
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Lateinamerikastudien
Note
1,3
Schlagworte
Identität Frauen Chiapas Gewalt Wandel Neuere Forschungen Ethnologie Lateinamerikas

Autor

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Titel: Die Identität indigener Frauen in Chiapas: Gewalt und Wandel