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Förderung von pro-sozialem Verhalten bei Jugendlichen durch Erlebnispädagogik

Diplomarbeit 2008 123 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Pro-soziales und antisoziales Verhalten
2.1. Pro-soziales Verhalten
2.1.1. Warum helfen Menschen?
2.1.1.1. Biologischer Ansatz
2.1.1.2. Individualistischer Ansatz
2.1.1.2.1. Stimmung
2.1.1.2.2. Prosoziale Persönlichkeit
2.1.1.2.3. Empathie – Altruismus
2.1.1.3. Interpersonale Ansatz
2.1.1.3.1. Unterschied zwischen sozial Motivierte 21 Beziehungen und Austauschbeziehungen
2.1.1.4. Auf soziale Systeme bezogener Ansatz
2.1.1.4.1. Soziale Verantwortung
2.1.1.4.2. Normen der Fairness
2.1.2. Unter welchen Bedingungen wird geholfen?
2.1.3. Konsequenz des Hilfeerhaltens
2.2. Wie entwickelt sich pro-soziales Verhalten
2.2.1. Faktoren von pro-sozialen Verhaltensweisen
2.2.2. Geschlechterunterschied
2.3. Antisoziales Verhalten
2.4. Wie entwickelt sich Antisoziales Verhalten
2.4.1. Geschlechterunterschied
2.4.2. Beständigkeit antisozialen Verhaltens
2.4.3. Kennzeichen antisozialer Kinder und Jugendliche

3. Jugend
3.1. Pubertät
3.2. Adoleszenz
3.3. Entwicklungsaufgaben
3.4. Gründe für antisoziales Verhalten bei Kindern und Jugendlichen
3.4.1. Biologische Faktoren
3.4.2. Erziehung
3.4.2.1. Strenge Erziehung
3.4.2.2. Unwirksame Erziehungsmaßnahmen
3.4.2.3. Konflikte zwischen den Eltern
3.4.3. Sozio-ökonomischer Status
3.4.4. Einfluss der Peers
3.4.5. Fernsehen und Videospiele
3.4.6. Nachahmung

4. Spektrum um antisoziales Verhalten vorzubeugen und zu verbessern
4.1. Präventions- und Interventionsmaßnahmen
4.1.1. Handlungsleitlinien

5. Erlebnispädagogik
5.1. Was ist Erlebnispädagogik
5.2. Vom Erleben zum Lernen
5.2.1. Transferleistungen
5.3. Methodik der Erlebnispädagogik
5.4. Wirkung und Ziele von Erlebnispädagogik bei Jugendlichen
5.5. Einfluss der Wirkungen von Erlebnispädagogik 101 auf pro-soziales Verhalten

6. Praxisbeispiel: Kinderheim Raphaelhaus

7. Schlussbetrachtung

8. Abkürzungsverzeichnis

9. Abbildungsverzeichnis

10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

25.05.2005 S-Bahnhof Reeperbahn, 4 Uhr morgens. Jugendliche treten auf einen am Boden liegenden Mann ein. Ein 25 Jahre alter Mann, der auf dem Weg nach Hause ist, sieht diesen Vorfall und greift ein. Einer der beiden Täter zieht ein Messer und sticht auf den 25 Jährigen ein. Nur eine Notoperation kann sein Leben retten. (Quelle: http://www.hinzundkunzt.de/hk/strassenmagazin/ausgabe/stadtgespraech/~article~596/)

Es stellt sich die Frage warum? Warum zeigen Jugendliche derartige antisoziale, aggressive Verhaltensweisen auf? Gibt es eine Möglichkeit dies vorzubeugen? Gibt es eine Möglichkeit, dass mehr Menschen helfen?

Kann man aus sog. antisozialen Jugendlichen, pro-soziale und helfende Menschen machen? Dies sind Fragen, die ich mir stelle, wenn ich die Zeitung aufschlage und ich erneut Artikel lese, in denen Jugendliche antisoziale und gewalttätige Aktionen vollzogen haben.

Dank meines Studiums an der Universität, habe ich die Chance bekommen, mich mit Jugendlichen auseinander zu setzen und habe bemerkt, dass viele, die bereits Erfahrungen mit Sozialarbeitern und Sozialpädagogen gemacht haben, genau wissen, wie sie sich zu verhalten haben und was sie sagen müssen, damit der Sozialpädagoge zufrieden ist. Daher bin ich der Meinung, das es wichtig ist, auch andere Methoden und Möglichkeiten anzuwenden, um in antisozialen Jugendlichen das pro-soziale Verhalten zu fördern.

Nach meinen eigenen Erfahrungen ist Erlebnispädagogik sehr hilfreich. Diese Art der Pädagogik ist sehr facettenreich und bietet bewusste und unbewusste Verhaltensveränderungen bei den Teilnehmern. Dabei werden die Teilnehmer nicht zu einem bestimmten Ziel hinbegleitet bzw. „therapiert“ etc. Durch die Erlebnispädagogik wird Vieles erlebt und erfahren, so dass die Teilnehmer Veränderungen in sich spüren können. Aus diesem Grund empfinde ich diese Art von Pädagogik als sehr interessant und gut geeignet, um herauszufinden, ob Jugendliche, die antisoziale Verhaltenstendenzen aufzeigen durch erlebnispädagogische Maßnahmen sich zu einem helfenden und pro-sozialem Menschen entwickeln können.

Im ersten Teil werden das pro-soziale und das antisoziale Verhalten, sowie die Entwicklung beider näher beschrieben. Dabei geht es um die Fragen, warum Menschen pro-sozial handeln und welche Faktoren in der Entwicklung von pro-sozialem Verhalten eine Rolle spielen. Des Weiteren werden Verhaltensweisen aufgelistet, die unter dem Begriff „antisozial“ fallen. Die häufigste bzw. in den Medien am häufigsten berichtete antisoziale Verhaltensweise ist das aggressive Verhalten. Im Bereich der Entwicklung des antisozialen Verhaltens wird daher die Aggressivität als ein Muster angesehen.

Im zweiten Teil dieser Arbeit wird der Jugendliche näher betrachtet, Es wird erörtert, wann ein Mensch ein Jugendlicher ist und welche Gründe es für antisoziales Verhalten gibt. Es wirken viele verschiedene Einflüsse, wie z. B. Familie und Umgebung, auf die Verhaltenstendenzen der Jugendlichen ein. Unter diesem Punkt werden die verschiedenen Einflüsse näher betrachtet.

Der dritte Teil dieser Arbeit befasst sich mit den Möglichkeiten präventiv oder durch Intervention auf antisoziales Verhalten zu reagieren.

Im vierten Teil soll der erlebnispädagogische Bereich näher betrachtet werden. Dabei geht es um den Definitionsversuch der Erlebnispädagogik, sowie die nähere Beschreibung der Transferleistungen, d. h. wie wird das Erlebte zum Erlernten bzw. wie kann aus einem Erlebnis eine Verhaltensveränderung erzeugt werden. Außerdem wird über die Methodik und die Wirkungen sowie über die Ziele der Erlebnispädagogik berichtet. Wie die Wirkungen im Zusammenhang zum pro-sozialen Verhalten stehen wird des Weiteren in diesem Teil der Arbeit näher betrachtet.

Im letzten und fünften Teil, wird das Kinderheim Raphaelhaus in Mühlheim beschrieben. Kinder in Fremdunterbringungen können prädisponiert für antisoziale Verhaltensweisen sein, zudem bietet das Kinderheim Raphaelhaus erlebnispädagogische Aktivitäten während des Heimalltages an. Aus diesen Gründen, bin ich der Meinung, dass dieses Kinderheim ideal als Praxisbeispiel meiner Arbeit dienen wird.

2. Pro-soziales und antisoziales Verhalten

2.1. Pro-soziales Verhalten

Was ist pro-soziales Verhalten und warum handelt der Mensch überhaupt pro-sozial? Dies sind Fragen, die im Laufe der nächsten Seiten weitreichend beantwortet werden.

Hilfeverhalten, pro-soziales Verhalten und Altruismus sind drei verschiedene Begriffe, die dennoch im gleichen Zusammenhang stehen. Grundlegend kann gesagt werden, dass pro-soziales Verhalten als Überbegriff aller drei Begriffe gilt und diese gleichbedeutend verwandt sind und gegenseitig als Synonyme dienen. Diese Begriffe beschreiben eine Interaktion, also eine Wechselbeziehung zwischen Helfern und Hilfeempfänger (vgl. Bierhoff in Hrsg. Stroebe, Hewstone, Stephonson 1997, S. 395 und Hartung, 2000 S.156).

„Während die Helfer Kosten auf sich laden, bekommen die Hilfeempfänger Belohnungen, die gewöhnlich höher sind als die Kosten der Helfer.“(zit. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone 2002, S. 320)

Somit beschreibt der Begriff Hilfeverhalten oder auch hilfreiches Verhalten, jede Interaktion zwischen Helfern und Hilfeempfänger und ist daher ein umfassender Begriff. Ein Beispiel für das Hilfeverhalten ist, wenn ein Mitarbeiter der Deutschen Bahn, einem Passagier mit seinem Gepäck hilft.

Pro-soziales Verhalten kann enger definiert werden als der Begriff des Hilfeverhaltens und Hans Werner Bierhoff hat dies folglich getan:

„Mit einer prosozialen Handlung ist beabsichtigt, die Situation des Hilfeempfängers zu verbessern, der Handelnde zieht seine Motivation nicht aus der Erfüllung beruflicher Verpflichtungen und der Empfänger ist eine Person und keine Organisation.“(zit. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone 2002, S. 320)

Des Weiteren kann pro-soziales Verhalten auch so verstanden werden, als dass der Helfer sich selber nützen möchte. Der Helfende erhofft sich im Gegenzug auch einmal Hilfe zu bekommen, wenn er sie benötigt. Hans Werner Bierhoff machte dazu dieses Beispiel:

„…eine Person, die künftige Hilfe als Gegenleistung erwartet und deswegen ihrer Nachbarin beim Ausfüllen eines Versicherungsformulare hilft.“ (zit. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone 2002, S. 320)

Altruismus und Altruistisches Verhalten ist ganz uneigennützig von dem Helfenden und die Motivation liegt ganz darin, dem Hilfe brauchenden zu helfen. Hans Werner Bierhoff, hat auch diesen Begriff definiert und zwar wie folgt:

„Altruistisches Verhalten eines Akteurs ist dann gegeben, wenn er/sie die Absicht hat, einer konkreten Person eine Wohltat zu erweisen und wenn der Akteur freiwillig handelt…“(zit. Bierhoff 1990, S. 9)

Zur Veranschaulichung, der Zusammenhänge zwischen den Begriffen Hilfeverhalten, pro-soziales Verhalten und Altruismus, gibt es eine passende Abbildung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1. Zusammenhänge, Hilfeverhalten, pro-soziales Verhalten und Altruismus (Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002, S. 321)

Ein Beispiel für das Altruistische Verhalten ist z. B. das Gleichnis des barmherzigen Samariters (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002, S. 321). Dieses Gleichnis erzählt die Geschichte eines Mannes, der überfallen und schwer verletzt wird. Alle, die vorbeigingen, halfen ihm nicht, der Samariter hingegen hat ihm geholfen, er pflegte seine Wunden und brachte ihn zu einer Unterkunft und bezahlte die Übernachtungen sowie die weitere Pflege durch den Wirt. (vgl. Lukas Evangelium, 10, 25-37).

Der Samariter hatte keine Zuschauer, doch andere Formen des pro-sozialen Verhaltens finden in der Öffentlichkeit statt, z. B. die Live-Earth Konzertreihe die u.a. für die Rettung des Weltklimas oder gegen Armut stattgefunden hat. Diese Konzerte finden auf der ganzen Welt statt, u.a. in Sydney, New York, London und Tokio. Auf diesen Konzerten treten häufig große Stars wie Madonna, Lenny Kravitz, Red Hot Chili Peppers, Snoop Dogg und Shakira auf.

Pro-soziales Verhalten muss nicht unbedingt ohne persönlichen Gewinn sein, wie das vorangegangene moderne Beispiel zeigt. Künstler wie Madonna oder Snoop Dogg, könnten ihre CDs und Konzertticketverkäufe fördern und einen Vorteil daraus ziehen, da sie sich engagieren, Geld für wohltätige Zwecke spenden und sich damit pro-sozial Verhalten. Außerdem werden die Stars für ihr pro-soziales, selbstloses Verhalten bewundert und sie bekommen von vielen Menschen Anerkennung. Somit kann gesagt werden, dass pro-soziales Verhalten häufig eine Komposition sowohl aus altruistischen als auch aus egoistischen Motiven ist. Zudem gibt es Unterschiede, was die Art und Weise zu helfen angeht. Es gibt zum Einen die nicht aufopferungsvollen Helfer, die niedrige bis keine Kosten haben, wenn sie helfen und zum Anderen die aufopferungsvollen Helfer, die hohe Eigenkosten haben, z. B. riskieren sie ihr Leben, um jemanden zu retten (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 321). Um dies näher zu erläutern sind einige Beispiele nötig: Einer alten Frau helfen, deren Kleingeld aus dem Portmonee gefallen ist, indem man dieses wieder aufhebt, oder einige Cents in die Sammelbüchse eines Tierheims spenden usw. sind eher durchschnittliche oder banale Hilfen. Dann gibt es auch Helfer die z. B. ihr Leben riskieren und sich auf einen Hilfesuchenden stürzen, um ihn vor einer Explosion eines Autos zu retten oder Helfer versuchen aus einem zugefrorenen See einen eingebrochenen Menschen zu retten und riskieren dabei selbst einzubrechen.

Das aufopferungsvolle Verhalten kann mit Geld oder z. B. dem Bundesverdienstkreuz belohnt werden. Die weniger aufopferungsvolle Hilfe ist eher alltäglich, sodass es dafür weniger materielle Belohnung gibt. Dennoch investieren Helfer immer wieder Zeit, viel oder weniger Geld und z. T. auch Anstrengung in jede von ihnen erbrachte Hilfe. Die beiden erwähnten Arten von Hilfeleistung sind zwar unterschiedlich in ihrem Grad der Aufopferung, dennoch sind beide wichtige Bestandteile des pro-sozialen Verhaltens und haben Gemeinsame und eigene bzw. spezifische Merkmale (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 322).

2.1.1. Warum helfen Menschen?

Es stellt sich die Frage warum der Mensch überhaupt hilft und was seine Beweggründe dabei sind. H. W. Bierhoff stellte sich die gleiche Frage und hat dabei versucht pro-soziales Verhalten aus verschiedenen Ansätzen zu betrachten. Darunter fallen der biologische Ansatz, der individualistische Ansatz, der interpersonale Ansatz und der, auf soziale Systeme bezogene Ansatz. Auf der Suche nach dem Grund dafür, warum Menschen helfen, wird meist Bezug genommen auf das Kapitel „Pro-soziales Verhalten“ von Hans Werner Bierhoff in (Hrsg.) Stroebe, Jonas und Hewstone, Sozialpsychologie.

2.1.1.1. Biologischer Ansatz

Unter all den Ansätzen stellt dieser sich die Frage, unter welchen Bedingungen prosoziales Verhalten durch die Evolutionspsychologie erklärt werden kann.

„Der biologische Ansatz zum Altruismus erklärt prosoziales Verhalten im Sinne angeborener oder genetischen Tendenzen.“ (zit. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 322)

Genauer wird der Biologische Ansatz unter Punkt 2.2. Wie entwickelt sich Pro-soziales Verhalten, erläutert. Dort kann man ebenfalls nachvollziehen, wie sich pro-soziales Verhalten aus biologischer Sicht entwickelt.

2.1.1.2. Individualistischer Ansatz

Der individualistische Ansatz erklärt pro-soziales Verhalten durch individuelle Tendenzen, die nicht vererbt worden oder genetisch festgelegt sind, es aber sein könnten. Es wird davon ausgegangen, dass die individuellen Tendenzen durch soziales Lernen erworben wurden.

„…erklärt der individualistische Ansatz Altruismus im Sinne Individueller Tendenzen zu Hilfsbereitschaft. Aber diese Tendenzen sind, … nicht notwendigerweise genetisch festgelegt (obwohl sie es sein könnten), sondern sie werden durch soziales Lernen, erworben.“ (zit. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 324)

Dieser Ansatz hat Bierhoff in zwei Theorien unterteilt; zum Einen die Theorie, die pro-soziales Verhalten durch Stimmungszustände erklärt und zum Anderen eine Theorie, von der angenommen wird, dass sich prosoziales Verhalten durch Persönlichkeitsmerkmale auswirkt. Zu Anfang wird der Zusammenhang zwischen pro-sozialem Verhalten und Stimmungszuständen näher erläutert. Anschließend wird die Theorie der pro-sozialen Persönlichkeit näher beschrieben.

2.1.1.2.1. Stimmung

Es gibt Untersuchungen, die eindeutig zeigen, dass hilfreiches, pro-soziales Verhalten durch positive Stimmung gefördert wird und diese wiederrum durch Erinnerungen an positive Erlebnisse hervorgerufen wurden. Eine Studie dazu ist die Metaanalyse von Carlson, Charlin und Miller aus dem Jahre 1988. In dieser Studie wurde in 61 Personen eine positive Stimmung hervorgerufen, z. B. durch Erfolgserlebnisse bei Aufgaben oder durch ein Geschenk etc. Etwa vier Minuten nach der Hervorrufen der positiven Stimmung, wurden die Testpersonen um Hilfe gebeten. Die Testpersonen haben in den meisten Fällen geholfen. Auch Gegenstudien, kamen zu den gleichen Ergebnissen, dass positive Einflüssen und Gefühle pro-soziales Verhalten mehr fördern, als neutrale oder sogar negative Gefühle. In einer anderen Studie in Pennsylvania, wurden Probanden zu Hause Geschenke überreicht, kurze Zeit später bekamen die Personen einen Anruf, der scheinbar falsch verbunden war und der Anrufer bat die Testperson um Hilfe. Die Testperson sollte mit einem weiteren Telefonat weitehelfen. Der Hilfe suchende Anruf kam nach 1, 4, 7, 10, 13, 16 bzw. 20 Minuten nach dem Erhalt des Geschenks. In der nachfolgenden Abbildung kann die Helferquote aus dieser Studie erkannt werden. Zu sagen ist, dass in den Minuten zwischen den Balken der Hilfeleistungen keine Anrufe erfolgt sind, somit gibt es dort, entsprechend zur Leistung, keine Balken (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 325).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2. Helferquote, der Studie in Pennsylvania, (Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 325)

Die Bitte des Anrufers war häufig erfolgreich, zumindest in der 1, 4 und 7 Minute nach Erhalt des Geschenks. 10 Minuten, 13 und 16 Minuten später war es nicht mehr ganz so häufig, dass der Hilfesuchende die Hilfe auch bekommen hat. Bei 20 Minuten waren es nur noch knapp 12 %, die geholfen haben.

Aufgrund der Ergebnisse aus der Studie, bezieht sich H. W. Bierhoff auf ein Modell, das von Bower (1981) und Forgas (1992) entwickelt wurde. Das „Affect-Priming-Modell“ erklärt:

„…die Rolle der Stimmung mit der selektiven Aktivierung und der erhöhten Zugänglichkeit stimmungskongruenter Gedächtnisinhalte…“ (zit. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 325)

Das heißt, dass eine gute Stimmung, positive Gedanken hervorrufen könnte und diese sich durch positive Aktivitäten wie pro-soziales Verhalten zeigt. Zum Anderen erläuterte H. W. Bierhoff ein weiteres Modell, das „Affect-as-Information-Modell“ von Schwarz (1990)

„ In diesem Ansatz wird angenommen, dass Personen einer ´Wie geht es mir damit-Heuristik´ folgen und zwar in dem Sinne, dass die gerade vorherrschende Stimmung als eine Information in das allgemeine Urteil mit einbezogen wird.“ (zit. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 325)

Dieses Modell besagt, dass eine handelnde Person ihre persönliche Gefühlsstimmung auf ihr Dasein überträgt und dass die Gefühle eine Art Informationswert haben, z. B. soll eine Person jemanden beurteilen, kann es sein dass die Beurteilung auf den Gefühlen zu der zu beurteilenden Person basiert. Somit wägt man nicht rational ab sondern erkennt die Gefühle als Information an. Positive Gefühle können hiernach als Information anerkannt werden, dass die Umwelt sicher ist und dass bei Gefahr das pro-soziale Verhalten unterdrückt wird. Durch die positiven Gefühle erscheint die Gefahr abwesend. Die Auswirkungen von positiver Stimmung sind beständiger und stärker als die Auswirkungen negativer Stimmung. Aus evolutionsbiologischer Sicht kann gesagt werden, dass schlechte Stimmung Probleme andeutet und Probleme Gefahr bedeuten könnten. Dadurch könnte angenommen werden, dass durch eine negative Stimmung die Kosten des Eingreifens höher erscheinen und somit keine pro-sozialen Aktivitäten begangen werden. Empirische Befunde belegen diese These. Trotzdem führen nicht alle negativen Gefühlen zu nicht pro-sozialem Verhalten. Das Schuldempfinden fördert vielmehr noch das pro-soziale Verhalten: wenn jemand einer Person einen Schaden zugefügt hat, zeigte diese Person daraufhin pro-soziale Verhaltenstendenzen dem Geschädigten gegenüber. Eher selten ist es allerdings, wenn dem Handelnden von ein Schaden durch eine andere Person zugefügt wurde. H. W. Bierhoff nannte diesen Fall „Viktimisierung“. (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 325 und Hartung, 2000 S. 163)

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass positive Gefühle pro-soziales Verhalten herbeiführen, allerdings hält dieser Zustand nicht lange an und das größte pro-soziale Verhalten in den ersten 10 Minuten nach einer positiven Erinnerung und einer positiven Situation zu erwarten ist. Eine negative Gefühlslage lässt bestimmte Situationen, in denen Hilfe gebraucht wird, als zu gefährlich einstufen bzw. der Handelnde das Gefühl, dass die Kosten, die er erbringen müsste, zu hoch wären. Anders ist es bei positiven Gefühlen: diese fördern das pro-soziale Verhalten, da der Handelnde die Angst vor Gefahr oder Ähnlichem unterdrückt. Im nachfolgenden Teil wird nun der zweite individualistische Ansatz, nämlich Persönlichkeitsmerkmale bzw. die pro-soziale Persönlichkeit, erörtert.

2.1.1.2.2. Prosoziale Persönlichkeit

Es ist wahrscheinlich, dass die Persönlichkeit in Bezug zu häufigen pro-sozialen Aktivitäten eine Rolle spielt. Darunter fallen z.B. Regelmäßiges Blutspenden oder dauerhafte ehrenamtliche Tätigkeiten. Auch bei spontanen pro-sozialen Aktionen werden Persönlichkeitsmerkmale die unter einer sog. pro-sozialen Persönlichkeit fallen, als ein wichtiger Faktor angesehen. Es gibt Untersuchungen, die behaupten, dass sowohl das spontane pro-soziale Verhalten, als auch das langfristige und häufige pro-soziale Verhalten die gleichen Elemente der pro-sozialen Persönlichkeit haben. Zu diesen Elementen gehören soziale Verantwortung, Empathie und interne Kontrollüberzeugung (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 327 und Hartung 2000 S. 161). Interne Kontrollüberzeugung kann auch als Persönlichkeitsmerkmal beschrieben werden, durch das man mit dem eigenen Verhalten den Verlauf seines Lebens bestimmen und steuern kann.

Bei Zuschauern einer Notsituation fördern die interne Kontrollüberzeugung und die soziale Verantwortung das Pflichtgefühl, in einer Notsituation zu helfen. Empathie trägt zu einem besseren Verständnis für die Gefühle und Bedürfnisse anderer Personen bei. Empathie bedeutet im Allgemeinen, einfühlendes Verstehen und die Fähigkeit sich in jemand anderen hineinzuversetzen. Carl Rogers definierte Empathie wie folgt,

„Einfühlendes Verstehen bedeutet, den inneren Bezugsrahmen des anderen möglichst exakt wahrzunehmen, mit all seinen emotionalen Komponenten und Bedeutungen, gerade so, als ob man die andere Person wäre, jedoch ohne jemals die „ Als-ob“-Position aufzugeben.“ (zit. nach Rogers 1959 in: Weinberger 2004, S. 38).

Eine Untersuchung mit Menschen ergab, dass Helfer nach einem Autounfall eine höhere Wertung in der Messung sozialer Verantwortung erbracht haben als Nichthelfer, Das Gleiche gilt ebenfalls in dem Bereich der internen Kontrollüberzeugung: Helfer brachten stärkere Zustimmung bei den Aussagen in der Skala zu internen Kontrollüberzeugung zum Ausdruck als Nichthelfer. H. W. Bierhoff zählt zudem noch ein weiteres Kennzeichen zur prosozialen Persönlichkeit, es ist der Glaube an eine gerechte Welt. (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 327)

„… darunter versteht man die generalisierte Erwartung, dass Menschen bekommen, was sie verdienen.“ (zit. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 327)

Andersherum wird die Gerechtigkeit infrage gestellt, wenn Menschen leiden, die es nach Ermessen des Beobachters nicht verdient haben. Aus diesem Grund soll die gerechte Welt bzw. der Glaube daran, durch Hilfeleistungen, und den Ausgleich der Ungerechtigkeit oder durch die Abwertung der Opfer wiederhergestellt werden, d.h. sie werten das Opfer ab um dessen Leiden zu rechtfertigen. (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 327)

„Vom theoretischen Standpunkt aus hängt die Beziehung zwischen dem Glauben an eine gerechte Welt und pro-sozialem Verhalten von der erwarteten Wirksamkeit prosozialen Verhaltens ab.“ (zit. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 327)

Dies bedeutet, dass pro-soziales Verhalten wirksam ist, wenn ein Problem gelöst wurde. Folglich fördert der Glaube an eine gerechte Welt die Hilfsbereitschaft.

Allerdings kann diese Überzeugung auch einen negativen Einfluss auf pro-soziales Verhalten haben, denn wenn z. B. ein Mensch trotz Hilfeleistungen weiter leidet, kann das Ungleichgewicht der gerechten Welt nur durch Abwertung des Opfers wieder instand gebracht werden. Dieser Glaube an eine gerecht Welt ist nur dann wirksam, wenn es möglich ist durch Hilfeleistungen die gerecht Welt im Einklang zu halten, ansonsten verringert sich die Hilfsbereitschaft. Durch eine Untersuchung von Helfern und Nichthelfern nach einem Verkehrsunfall, ist herausgefunden worden, dass Helfer, die den Glauben an eine gerechte Welt hatten, eine höhere Hilfsbereitschaft zeigten, als potenzielle Nichthelfer. Der Glaube an eine gerechte Welt kann aus zwei Gesichtspunkten gesehen werden. Zum einen kann der Glaube als pro-sozial gesehen werden, wenn die Wirkung des Handelns positiv ist. Zum anderen kann er als teilnahmslos betrachtet, wenn die Wirksamkeit der Hilfeleistung eher niedrig ist (vgl. Bierhoff, in Hrsg. Stroebe, Jonas, Hewstone, 2002 S. 328). Zusammenfassend lässt sich daher sagen, dass wenn Menschen sich in einer Situation befinden, aus der sie alleine nicht mehr herausfinden können, der Helfer abschätzt, inwieweit die Hilfe dem sogenannten Opfer weiterhilft. Ist das Ziel, dem Opfer zu helfen eher schwer oder gar nicht zu erreichen, so wird es abwertend behandelt, indem gesagt wird, dass diese Person die Situation selbst verschuldet hat. Menschen, die in eine Notsituation, wie einen Verkehrsunfall geraten sind, wird geholfen, damit es ihnen wieder gut geht und die Gerechtigkeit wieder hergestellt ist.

Wie bereits erwähnt, gibt es zwei unterschiedliche Arten von Hilfsbereitschaft, zum einen die spontane Hilfe und zum anderen das häufige Helfen, wie z. B. ehrenamtliche Arbeit. Nachfolgend werden anhand einer Untersuchung Faktoren der regelmäßigen Hilfeleistungen erörtert.

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Details

Seiten
123
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640193110
ISBN (Buch)
9783640193035
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v116692
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,0
Schlagworte
Förderung Verhalten Jugendlichen Erlebnispädagogik
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