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Experten im Fernsehjournalismus

Hausarbeit 2007 19 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Warum brauchen wir Experten?

3. Was macht einen Experten zum Experten?

4. Weshalb nutzen die Medien Experten?

5. Wie nutzen die Medien Experten?

6. Vorstellung der Fallstudie

7. Ergebnisse der Fallstudie
7.1 In welchem Umfang kommen Experten vor?
7.2 Nach welchen Kriterien wählen die Medien Experten aus?
7.3 Wie werden Experten kenntlich gemacht?
7.4 Aus welchen Bereichen werden Expertenquellen rekrutiert?
7.5 Welche Funktion übernehmen Experten?

8. Abschließende Betrachtung

9. Literaturverzeichnis

10. Anhang

1. Einleitung

Die Gesellschaft, in der wir leben, wächst von Tag zu Tag in ihrer Komplexität und differenziert sich immer weiter aus. Durch diese Ausdifferenzierung der Gesellschaft, die schon längst als „Informationsgesellschaft“ oder „Wissensgesellschaft“ bezeichnet wird, verliert der Einzelne immer mehr den Überblick über das gesamte vorhandene Wissen und niemand ist mehr in der Lage, über alle Bereiche des Lebens genau Bescheid zu wissen.

„We live in a world in which we must increasingly rely on the knowledge of specialists and the advice of experts. This is a basic correlate of the division of labor [sic] in society. The problem for non-experts faced with complex, technical questions is how to access the necessary, often times esoteric information which they must have to make decisions.” (Shepherd 1981: 129)

Obwohl es sich um ein Zitat aus dem Jahre 1981 handelt, hat es nichts von seiner Relevanz verloren. Laien sind auch heutzutage auf Experten angewiesen, wenn es um Fragen und Probleme geht, die sich außerhalb ihres Wissensbereiches befinden.

In diesem Zusammenhang haben die Medien immer mehr an Bedeutung gewonnen, denn sie transportieren die Aussagen, Prognosen und Analysen von Experten ins heimische Wohnzimmer und machen sie für jeden zugänglich.

Doch was genau ist ein Experte? Wodurch zeichnet er sich aus und nach welchen Kriterien wählen die Medien aus der großen Menge an verschiedenen Experten aus? Diese Fragen sollen in der vorliegenden Arbeit ansatzweise beantwortet werden.

Hierzu wird zunächst versucht aufzuzeigen, aus welchem Grund der Normalbürger auf Expertenaussagen angewiesen ist. Im nächsten Schritt soll darauf eingegangen werden, wer in der heutigen Gesellschaft als Experte ilt, was also einen Experten auszeichnet. Im Folgenden wird dargestellt, weshalb die Massenmedien auf Experten zurückgreifen und nach welchen Kriterien sie diese auswählen.

Nach diesem ersten theoretischen Teil der Arbeit, soll im zweiten empirischen Teil anhand einer Inhaltsanalyse bestimmter Sendungen der Fernsehsender ARD und RTL ein Bezug zur Praxis hergestellt werden. Es soll geprüft werden, ob die gelieferte Definition darüber, wer als Experte gilt, auch in der Praxis zutreffend ist und ob die Medien wirklich nach den vorgestellten Kriterien ihre Experten auswählen. Außerdem wird der Frage nach dem Umfang, in dem Experten von den beiden Sendern verwendet werden, nachgegangen werden und es wird geprüft, ob sich in Bezug auf verschiedene Fragestellungen Unterschiede zwischen dem privaten und dem öffentlich-rechtlichen Sender ergeben.

2. Warum brauchen wir Experten?

Um zu erklären, aus welchem Grund die Gesellschaft auf Experten angewiesen ist, muss zunächst einmal festgestellt werden, was ein Experte hat und was ein Laie nicht hat und braucht. Hierzu gilt es zunächst den Begriff des „Wissens“ näher zu erläutern.

Laut Ronald Hitzler gibt es verschiedene Arten von Wissen. Da ist zunächst das Alltagswissen, das sich unterteilt in „Fertigkeiten“, die uns so zur Gewohnheit geworden sind, dass wir sie nicht mehr bemerken, „Gebrauchswissen“, von dem wir wissen, dass wir es irgendwann gelernt haben und das wir problemlos anwenden können und eine Art „Rezeptwissen“, von dem wir zwar wissen, dass wir es einmal gelernt haben, das aber regelmäßig aufgefrischt werden muss. (Vgl. Hitzler 1994: 13)

Denken wir einmal bewusst darüber nach, was wir wissen, dann fällt uns meist das Wissen in Abgrenzung zu anderen Menschen ein, also das, was wir wissen und jemand anderes nicht. Vor allem aber wissen wir,

„daß es Menschen gibt, die über Wissen verfügen, dass wir selber nicht haben, auf das wir aber gleichwohl verwiesen und angewiesen sind, sobald wir es (freiwillig oder unfreiwillig) mit bestimmten, unsere eigenen Kompetenzen übersteigenden Problemen und Fragen zu tun haben. Solche Menschen werden nicht nur umgangssprachlich, sondern auch in der einschlägigen sozialwissenschaftlichen Literatur in der Regel […] als ´ Experten ` bezeichnet. (Hitzler 1994: 13 f.)

Damit erklärt sich, worüber ein Experte verfügt und ein Laie nicht, worauf der Laie jedoch in bestimmten Situationen angewiesen ist. Ein Experte ist somit ein Mensch, der über spezielles Wissen verfügt, das wir brauchen, aber nicht haben.

In der Gesellschaft, in der wir leben, findet laut Hitzler eine Ausdifferenzierung der verschiedenen Wissensbereiche statt, sodass sich die Reichweite der verschiedenen Spezialisierungen verkleinert (vgl. Hitzler 1994: 22). Der einzelne Mensch verliert sozusagen den Überblick über das gesamte Wissen, was in der Gesellschaft zur Verfügung steht und

„die Gesellschaftsmitglieder entwickeln typischerweise unterschiedliche soziale Kompetenzen und relativ divergente Relevanzstrukturen. Die Gesamtheit des Allgemeinwissens ist für den einzelnen kaum noch überschaubar.“ (Hitzler 1994: 21 f.)

Denkt man diese Aussage von Ronald Hitzler weiter, würde dies bedeuten, dass jeder Einzelne in einem bestimmen Bereich des Allgemeinwissens ein Experte wäre, unsere Gesellschaft also nur aus Experten für unterschiedliche Bereiche des Wissens bestünde. Hiermit befinden wir uns schon mitten in der Diskussion über die Frage: Was macht nun einen Experten aus? Ist jeder Mensch ein Experte und wenn nicht, wie qualifiziert man sich dann, ein anerkannter Experte zu sein? Auf dieses Definitionsproblem soll im folgenden Kapitel näher eingegangen werden.

3. Was macht einen Experten zum Experten?

Wie im vorherigen Kapitel erwähnt, scheint eine eindeutige Definition des Begriffs „Experte“ nach dem heutigen Forschungsstand schwierig zu sein. Dies bedeutet nicht, dass es an Definitionen mangelt, die Meinungen wie genau ein „Experte“ zu definieren ist, gehen jedoch auseinander.

Laut Ronald Hitzler zeichnet sich Experten in der berufs- und elitensoziologischen Literatur dadurch aus, dass sie über Zertifikate verfügen,

„die ihnen Kompetenzen (Kenntnisse und Fähigkeiten) bescheinigen, welche sie sich über eine relativ voraussetzungsvolle, langdauernde und inhaltlich umfangreiche Ausbildung […] erworben haben.“ (Hitzler 1994: 14)

Weitere Merkmale seien eine unpersönliche Expertensprache, eine damit einhergehende Sachlichkeit und die Professionalität, die sich aus den schon angesprochenen Ausbildungsvoraussetzungen ergibt. (Vgl. Hitzler 1994:15)

Im Zusammenhang mit der Frage, wen wir als Experten anerkennen, erläutert Gordon Shepherd, dass Wissenschaftler die gefragtesten Experten sind. Diese seien in der Lage, komplexe Zusammenhänge wissenschaftlicher Forschungsarbeit oder Theorien verständlich darzustellen und vor allem lieferten sie

„authoritative information and expertise relevant to all kinds of mundane concerns. In the layperson’s view […] the most important value of science lies in its utilitarian consequences […].” (Shepherd 1981: 130)

Experten sind laut dieser Feststellung also aus dem Grund hilfreich für die Menschen unserer Gesellschaft, weil sie in der Lage sind, uns Zusammenhänge verständlich darzustellen, die wir ohne Hilfe nicht verstehen würden. Voraussetzung scheint zu sein, dass diese komplexen Zusammenhänge in einer Weise mit unserem Leben in Verbindung stehen, die Aussagen der Experten also mit unserem eigenen täglichen Leben im Zusammenhang stehen müssen, um für uns von Interesse zu sein.

Diese Feststellung leitet über zu der nächsten Frage, weshalb die Massenmedien oft auf Experten zurückgreifen. Darauf soll im folgenden Kapitel eingegangen werden.

4. Weshalb nutzen die Medien Experten?

Wie im vorherigen Kapitel aufgezeigt wurde, sind Experten dann für uns interessant, wenn sie Prognosen, Analysen etc. tätigen, die in einer Form mit unserem täglichen Leben in Verbindung stehen. Was haben aber die Massenmedien damit zu tun? Die einzelnen Menschen selber kennen meist nicht so viele Experten, um damit alle Themenbereiche abzudecken. Gerade, wenn es um Ereignisse geht, bei denen wir selber nicht vor Ort sein können, wie beispielsweise der G-8-Gipfel in Heiligendamm. Die politischen Diskussionen fanden hinter verschlossenen Türen statt und waren nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. In solchen Situationen kommen die Medien ins Spiel. Wie schon Niklas Luhman sagte: „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“ (Luhmann 2004: 9)

Die Experten, die ihre Analysen beispielsweise in Bezug auf die Entwicklungen beim G-8-Gipfel abgeben, sehen wir im Fernsehen oder lesen die Interviews, die mit ihnen durchgeführt wurden in den Zeitungen oder, wie Gordon Shepherd es formuliert:

„ […] the access of lay publics to experts, however, is typically indirect and most commonly occurs through the agency of the mass media. The popularization and diffusion of expert knowledge in a form intelligible to non-experts must be recognized as a major function of the mass media in a democratic society.” (Shepherd 1981: 129 f.)

Somit wäre die Frage geklärt, welchen Nutzen die Verwendung von Experten in den Medien für uns grundsätzlich haben soll: die Massenmedien transportieren die Aussagen der Experten zum Laien und betten sie gleichzeitig in einen Kontext ein, der den Laien beim Verständnis helfen soll. Wie kommt es nun aber, dass die Medien diese Aufgabe so bereitwillig übernehmen?

Laut Tammy Boyce gibt es drei Hauptgründe, warum Journalisten auf Expertenquellen zurückgreifen: erstens um Fakten zu prüfen und zu beschaffen, zweitens um Glaubwürdigkeit zu erzeugen und drittens um Objektivität zu generieren (vgl. Boyce 2006: 890). Bei Janet Steele findet sich eine weitere Einteilung der Hauptgründe, weshalb Journalisten auf Experten zurückgreifen: diese sorgten erstens für Glaubwürdigkeit, zweitens verfügten sie über Autorität und drittens würden sie eingesetzt, um verschiedene Meinungen zur Verfügung zu stellen (vgl. Steele 1995: 801).

Es lässt sich also festhalten, dass Experten für Journalisten zur Beschaffung von Informationen dienen, aber vor allem verstärkt die Verwendung von Expertenquellen nach Meinung der Journalisten die Glaubwürdigkeit. Dies kommt dadurch zustande, dass der Journalist nicht selber als Experte für alle Bereiche agieren kann, über die er berichtet. Aus diesem Grund lässt er einen Experten zu Wort kommen, der dann den Zuschauer oder Leser objektiv informiert. Oder aber ein Journalist greift gleich auf mehrere Experten zurück, die unterschiedliche Meinungen vertreten. Auch so verschafft er dem Medium Glaubwürdigkeit, da dem Rezipienten die Wahl gelassen wird, zu entscheiden, welche Meinung ihm plausibler erscheint. Durch die Verwendung von Expertenquellen geben die Medien also in gewisser Weise die Verantwortung ab, darüber zu entscheiden, was wahr oder unwahr, was richtig oder falsch ist.

Da es aber in unserer Gesellschaft eine große Masse an Experten für die verschiedenen Fachbereiche gibt, stellt sich die Frage, wie Medien ihre Experten auswählen. Auf diese Kriterien soll im nächsten Kapitel genauer eingegangen werden.

[...]

Details

Seiten
19
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640185443
ISBN (Buch)
9783640185481
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v116634
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,3
Schlagworte
Experten Fernsehjournalismus Experten Wissensvermittlung

Autor

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Titel: Experten im Fernsehjournalismus