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Die Leitmotivtechnik in Thomas Manns Novelle "Der Tod in Venedig"

Seminararbeit 2003 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Hauptteil
1. Allgemeiner Teil
1.1. Das „Leitmotiv“
1.1.1. Das „Leitmotiv“ in der Musikwissenschaft
1.1.2. Das „Leitmotiv“ in der Literaturwissenschaft
1.1.3. Die Funktion der Leitmotivtechnik bei Thomas Mann
2. Analyseteil
2.1. Die Figurenreihe der Todesboten
2.1.1. Der Reisende
2.1.2. Der „falsche Jüngling“
2.1.3. Der Gondolier
2.1.4. Der Straßensänger
2.2. Die Bedeutung der Motivkette
2.3. Die Funktion der Todesboten
2.4. Tadzio als „lieblicher Psychagog“
2.5. Die Leitmotivik der Hadesstadt Venedig
2.6. Die Wirkung der Leitmotivtechnik auf den Leser

Schlussbetrachtung

Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

In der vorliegenden Arbeit soll Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ auf die von Mann angewandte Leitmotivtechnik und die Funktion der Leitmotive im Textzusammenhang untersucht werden.

Der erste Teil der Arbeit beschäftigt sich daher allgemein zunächst mit der Frage, wie der Begriff „Leitmotiv“ zu definieren ist und woher er stammt. Im Anschluss daran wird betrachtet, wie Thomas Mann ihn versteht und welche Funktionen er der Leitmotivtechnik in seinen Werken zuschreibt.

Der Hauptteil der Arbeit befasst sich schließlich mit der Analyse von zentralen, sich wiederholenden Motiven in „ Der Tod in Venedig“. Die Zielsetzung dieses Teils ist es, diese Motive herauszuarbeiten und sie anhand der Kriterien des ersten Teils als „Leitmotive“ zu identifizieren und zu deuten. Dabei soll besonders ihre Funktion im Textzusammenhang betrachtet werden. Zuletzt wird die Wirkung der Leitmotivtechnik auf den Leser geprüft.

Hauptteil

1. Allgemeiner Teil

1.1. Das „Leitmotiv“

Der Begriff „Leitmotiv“ wird als Fachterminus in der Literaturwissenschaft verwendet, stammt aber eigentlich aus der Musikwissenschaft. Es gibt keine einheitliche Definition des Begriffs, jedoch bezeichnet er immer ein „regelmäßig wiederkehrendes Ausdrucks- oder Bedeutungselement in literarischen oder auch musikalischen Kunstwerken“.[1]

1.1.1. Das „Leitmotiv“ in der Musikwissenschaft

Die Bezeichnung „Leitmotiv“ wurde erstmals in der Musikwissenschaft verwendet, um einen „charakteristischen Melodieteil mit symbolischer Bedeutung“[2] zu benennen, der sich an ähnlichen Stellen eines Werkes wiederholt. Als erster verwendete Richard Wagner diese wiederkehrenden Melodieteile, die er als eine „charakteristische Verbindung und Verzweigung thematischer Motive“[3] verstand. Der Begriffsname „Leitmotiv“ stammt jedoch nicht von ihm, sondern von Jähns und Federlein, die ihn 1871 unabhängig voneinander verwendeten, um die sich wiederholenden musikalischen Motive bei Weber und Wagner und ihre Funktion im Werk zu beschreiben.[4]

Musikalische Leitmotive sind in den Opern Webers oder den Musikdramen Wagners tonsymbolische Repräsentationen; sie dienen zur Charakterisierung von bestimmten Personen, Gegenständen oder Situationen[5] und verbinden so Szenen, strukturieren das Stück und verschaffen ihm so mehr Bedeutungskraft und Sinntiefe.[6]

1.1.2. Das „Leitmotiv“ in der Literaturwissenschaft

Der Terminus des „Leitmotivs“ wurde aus der Musikwissenschaft in die Literaturwissenschaft entlehnt und wird in dieser

„...als ein Fachterminus verwendet, nicht selten jedoch unpräzis oder mit einem sehr weiten Spielraum von Bedeutungen“.[7]

Es gibt also verschiedene literaturwissenschaftliche Definitionen, die sich auf jeweils unterschiedliche Phänomene beziehen, deren Gemeinsamkeit die Erzähltechnik der Wiederholung ist. Zwei Definitionen sollen hier näher betrachtet werden: Die erste Definition des Begriffs „Leitmotiv“ bezieht sich auf eine einzelne Wortfolge, die einprägsam wörtlich oder ähnlich immer wieder auftaucht.[8] Ein Leitmotiv hat hier die Funktion charakteristische Elemente herauszuheben und zu wiederholen, fügt aber nichts Neues hinzu. In Manns „Tristan“ ist es zum Beispiel die Wortfolge „blaues Äderchen“, die wiederholt in verschiedenen sprachlichen Variationen benutzt wird.

Da die erste Definition sehr eng gefasst ist und den Begriff „Leitmotiv“ einschränkt, erscheint die zweite Definition geeigneter: Hier bezeichnet der Begriff „Leitmotiv“ komplette Beschreibungen von Situationen, Figuren, Orten Gegenständen oder charakterlichen Merkmalen, die in Variationen wiederholt auftreten.[9] Leitmotive sind dabei nicht mehr zwangsläufig an eine ähnliche Wortfolge gebunden. Es können wie in der Musik auch im sprachlich-stilistischen Bereich verschiedenartige Formulierungen durch Variation, Kontrastbildung, Erweiterung oder Verkürzung bei einer Motivwiederholung genutzt werden.[10] Zusätzlich sind Leitmotive an ihre Funktion im Textzusammenhang gekoppelt. Der Wortbedeutung nach ist ein Leitmotiv ein Motiv, das leitet. Es soll also die Funktion erfüllen, einen Text zu strukturieren[11] und es soll sich mit einem oder mehreren anderen Motiven verbinden können[12], um z. B. gleiche oder ähnliche Figuren, Situationen, Orte, Gegenstände oder Gefühle in einen Zusammenhang zu bringen, indem es Assoziationen hervorruft. Es bilden sich Motivzusammenhänge, die Leitmotiven durch die Verbindung mit vergangenen oder zukünftigen Motiven oft symbolische[13] und vielschichtige Bedeutung geben.

1.1.3. Die Funktion der Leitmotivtechnik bei Thomas Mann

Für Thomas Mann ist die oben beschriebene „leitende“ Funktion von Leitmotiven, also der Begriff von „Leitmotiv“ als kompositorisches und strukturierendes Element, von zentraler Bedeutung für sein Werk. So schreibt er im „Zauberberg“, dass sowohl Leitmotive als auch einzelne Werke eines Autors erst im Zusammenhang ihre volle Bedeutung erhalten, da sie „Fragment eines größeren Ganzen“[14] sind:

„... so, wie „Der Zauberberg“ selbst ... auf eigene Hand sich an der Aufhebung der Zeit versucht, nämlich durch das Leitmotiv, die vor- und zurückdeutende magische Formel, die das Mittel ist, seiner inneren Gesamtheit in jedem Augenblick Präsenz zu verleihen.“[15]

[...]


[1] Christoph F. Lorenz: „Leitmotiv“. In: Harald Fricke, Georg Braungart (Hg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. 3., neubearb. Aufl. Bd. 2. Berlin/ New York: De Gruyter 2000. S.339. Nach der ersten Nennung einer Literaturangabe eines Textes verwende ich im weiteren den unterstrichenen Teil der Literaturangabe als Kurzangabe, unter dem dieser im Literaturverzeichnis zu finden ist.

[2] Gero v. Wilpert (Hg.): Sachwörterbuch der Literatur. 7., verb. und erw. Aufl. Stuttgart: Kröner1989. S.507.

[3] Richard Wagner: Gesammelte Schriften und Dichtungen. 4. Aufl. Bd.4. Leipzig 1907. S.322.

[4] Vgl.: Reallexikon, S.399.

[5] Vgl.: Otto F. Best (Hg.): Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch 1994.

[6] Vgl.: Paul Gerhardt Klussmann: Die Struktur des Leitmotivs in Thomas Manns Erzählprosa. In: Rudolf Wolff (Hg.): Thomas Mann – Erzählungen und Novellen. Sammlung und Profile. Bd. 8. Bonn: Bouvier 1984. S.9.

[7] Klussmann, S.8.

[8] Vgl.: Sachwörterbuch der Literatur, S.507.

[9] Vgl.: Ulfert Ricklefs (Hg.): Das Fischer Lexikon Literatur. Bd. 2. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch 1996. S. 1330./ Reallexikon, S.399.

[10] Vgl.: Klussmann, S.13.

[11] Vgl.: Reallexikon, S.638.

[12] Vgl.: Fischer Lexikon, S.1330.

[13] zusätzliche Bedeutungen die neben oder „über“ der eigentlichen Bedeutung bestehen.

[14] Thomas Mann: Der Zauberberg. Frankfurt a.M.: S. Fischer Verlag 1950. S.14.

[15] ebenda, S.14.

Details

Seiten
15
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783640186754
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v116585
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für deutsche Sprache und Literatur
Note
2,0
Schlagworte
Leitmotivtechnik Thomas Manns Novelle Venedig Einführungsseminar

Autor

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Titel: Die Leitmotivtechnik in Thomas Manns Novelle "Der Tod in Venedig"