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Interkulturelle Pädagogik im Hort

Seminararbeit 2007 22 Seiten

Pädagogik - Kindergarten, Vorschule, frühkindl. Erziehung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Was beinhaltet „Interkulturelle Pädagogik“?
2.1 Allgemeine Begriffsbestimmungen
2.1.1 Kultur
2.1.2 Interkulturalität
2.1.3 Interkulturelle Pädagogik
2.1.4 Das Fremde
2.2 Ziele und Leitmotive
2.3 Unterschiedliche Konzepte und Meinungen
2.3.1 Interkulturelles Lernen als soziales Lernen
2.3.2 Kritik und Weiterführung

3 Die Tageseinrichtung Hort
3.1 Aufgaben des Hortes
3.2 Planung und Organisation
3.3 Interkulturalität im Hortalltag
3.4 Möglichkeiten für Interkulturelles Arbeiten im Hort

4 Schlusswort

5 Literaturverzeichnis

6 Anhang

1 Einleitung

In diesem Praxisbericht stehen zum einen die „Interkulturelle Pädagogik“, ihre Prinzipien und Leitmotive sowie einige unterschiedliche Konzepte im Vordergrund. Zum anderen wird die Institution Hort mit ihren allgemeinen Aufgaben vorgestellt. Zu diesen gehört auch, mit der multikulturellen Vielfalt in unserer Gesellschaft umgehen zu lernen.

Wir leben heute in einer Welt, in der Menschen verschiedener Nationen einander immer näher rücken. Betritt man einen Hort oder ein Jugendzentrum, sieht man Kinder unterschiedlicher Nationalitäten, die hier gemeinsam einen Teil ihres Tages verbringen. Viele Kinder sind im Hort mit einer anderen Kultur als im Elternhaus konfrontiert. Eine Vielfalt an Kulturen zu erleben, bedeutet ein Leben mit Fremden - wir erleben sie beispielsweise in Form von Sprache, Aussehen oder Lebensart. Menschen beurteilen andere Völker oder Kulturen vom Standpunkt der eigenen Kultur und der mit ihr verbundenen Wertmaßstäbe aus. Damit wir das Fremde verstehen können, müssen wir uns im Klaren sein, in welcher Art und Weise der Blick auf Fremdes uns im Laufe des Heranwachsens geprägt hat. Kleinkinder begegnen dem „Anderssein“ meist ohne Vorurteil. Im Laufe der Sozialisation bleibt es aber nicht bei dieser Unvoreingenommenheit durch Nicht-Wissen. Während der kindlichen Entwicklung, z.B. durch instruiertes Wissen Erwachsener, kann es zu einem Halb-Wissen kommen, welches Vorurteile produziert.[1] Interkulturelle Pädagogik kann präventive Maßnahmen anbieten, um eine Vorurteilsbildung zu vermeiden.

Fremdheit kann auf unterschiedliche Weise beschrieben werden. Aus pädagogischer Sicht ist es wichtig, das Phänomen der Fremdheit in menschlichen Beziehungen anzuerkennen. Auch mit der Konsequenz, sich als Pädagogin/ Pädagoge das Befremden selbst einzugestehen, Differenzen zu akzeptieren, damit man sich auf sie einlassen kann. Im Hort bewusst gesetzte Aktivitäten im Sinne einer Interkulturellen Pädagogik befähigen Kinder, kompetent ihren Alltag zu bewältigen, denn das Zusammenleben von Menschen verschiedener Kulturen verläuft meist nicht konfliktfrei. Es geht darum, dass jedem Kind in einer Gruppe Anerkennung und Chancengleichheit gebührt. Um dies zu erreichen, müssen sich die unterschiedlichen Kulturkreise kennen lernen und dürfen sich nicht im Vorhinein verschließen!

2 Was beinhaltet „Interkulturelle Pädagogik“?

2.1 Allgemeine Begriffsbestimmungen

2.1.1 Kultur

Jeder Mensch ist nicht nur individuell durch seine Eltern und die Mitmenschen, sondern auch durch die Gesellschaft und die sie repräsentierende Kultur geprägt. Der Duden definiert Kultur unter anderem als „Gesamtheit der geistigen und künstlerischen Lebensäußerungen der Menschen“. Auernheimer betrachtet Kulturen als jeweils „spezifische Systeme der Daseinsvorsorge und sozialen Kontrolle und [sie] haben ihre Eigenlogik“[2]. Der Kulturbegriff ist in der Erziehungswissenschaft nicht unumstritten, weil eine Kulturalisierung von gesellschaftlichen Problemlagen befürchtet wird. Generell scheint der Begriff „Kultur“ (sehr) mehrdeutig zu sein. Viele erziehungswissenschaftliche Autoren bevorzugen den Begriff „Lebenswelt“ (ein Begriff von Alfred Schütz), da er weniger umstritten ist als der Begriff „Kultur“. Gemeint ist damit in etwa der fraglose Rahmen oder Horizont unserer Welt- und Selbstauslegung.[3] Deutungsmuster aller Lebenswelten umgeben uns, sie wirken auch dann, wenn man nicht über sie nachdenkt. Sie bieten Orientierung im Denken und Handeln alltäglicher Situationen. Erst wenn sie nicht mehr als passend empfunden werden, besteht ein Anlass zur Reflexion.

2.1.2 Interkulturalität

Interkulturalität beinhaltet, dass Angehörige verschiedener Kulturen in vielfältiger Weise miteinander zu tun haben und sich aufeinander beziehen. Interkulturalität ist als Bestandteil heutiger Lebenswirklichkeiten nicht mehr wegzudenken.[4] Bei Bildungsaktivitäten und Konzepten spricht man von interkulturell, wenn sie sich an Einheimische und Zugewanderte gleichermaßen richten, wenn die Ressourcen der Zugewanderten im Mittelpunkt stehen, wenn nicht die einseitige Anpassung, sondern ein Aushandeln zwischen den Kulturen möglich ist und die vielschichtigen „Migrantenkulturen“ in den Sozialisations- und Bildungsprozess eingebunden werden.

Den interkulturellen Kulturkonzepten liegt, kritischen Stimmen zufolge, zumindest implizit, ein statischnationalstaatlicher Kulturbegriff zugrunde.

„Die nahezu alleinige Betonung von Kultur reduziert Individuen auf Kulturträger, d.h. verengt den Blickwinkel auf Individualität und Subjektivität in Richtung auf kulturelle Herkunft und verkennt dadurch die biographische Einzigartigkeit jedes Menschen“[5].

Dies hält Griese für unverantwortlich. Eine Schlussfolgerung lautet, kein Mensch darf seiner Einzigartigkeit beraubt und zu einem Merkmalsträger allein von Kultur werden. Gesellschaft sollte nicht auf Kultur reduziert werden, (denn wesentliche Merkmale der Gesellschaft würden in einem negativen Sinne aufgefasst,) sondern Gesellschaft ist durch mehr bestimmt als durch Kultur. Als problematisch sieht Griese an, dass „Interkulturelle Arbeit/Pädagogik“ davon ausgeht, dass „die verschiedenen Kulturen und die in ihnen entwickelten Identitäten das ´Problem` sind“.[6] Die angesprochenen Begriffe deuten für den Autor eine Trennung zwischen Kulturen an. Es ist kein langer Weg von der Abgrenzung zur Ausgrenzung des Fremden. Um eine Gewissheit des Eigenen zu haben, bedient man sich der Ausgrenzung und das Gemeinsame bleibt unberücksichtigt.

In den erziehungswissenschaftlichen Beiträgen zur Interkulturellen Pädagogik lassen sich nur wenige klar abgrenzbare Positionen identifizieren. Die Grundpositionen innerhalb der Interkulturellen Pädagogik nähern sich einander an.[7] Es wird beispielsweise darauf Wert gelegt, dass „Kultur“ nicht als statisches, homogenes, hermetisch geschlossenes System betrachtet wird.

2.1.3 Interkulturelle Pädagogik

Um zu erklären, was „Interkulturelle Pädagogik“ beinhaltet, muss zunächst auch erklärt werden, woher dieser Begriff eigentlich stammt. Anfang der 1980er-Jahre fiel er zum ersten Mal, um den etwa zehn Jahre älteren Begriff „Ausländerpädagogik“ abzulösen. Die „Ausländerpädagogik“ als ein Konzept gilt als eine erste Reaktion auf die Einwanderung von Arbeitsmigrant(inn)en und ihren Familien in die Bundesrepublik Deutschland (ähnliches gilt auch für Österreich). Besonders betrachtet wurden Kinder der Migrantenfamilien, als Fremde, deren Kultur sich unterscheidet von den kulturellen Standards in Deutschland.[8] Die „Sprachförderung“ von ausländischen Kindern in deutschen Schulen der 1970er-Jahre war in der Regel auf das Erlernen der deutschen Sprache bezogen. Die Zielsetzung beinhaltete, Kinder so rasch wie möglich schulisch zu integrieren, ihren z.T. vorhandenen Mangel an Sprachkenntnissen und Bildung zu kompensieren und zur gleichen Zeit eine Rückkehr offen zu halten.

Fazit: Entwickelt und angeregt wurde die Interkulturelle Pädagogik vor allem durch die Beschäftigung mit Migration und ihren Folgen. Eine kurze Rekonstruktion der Ausländerpädagogik von damals bis heute könnte lauten, dass sich die Aufmerksamkeit zunächst auf die Orientierungs- und Verhaltensmuster in Migrantenfamilien richtete.[9] Erste Ansätze der Interkulturellen Pädagogik setzten der Entwicklung einer Zielgruppenpädagogik oberste Priorität, gerichtet auf das oder die Fremde(n), die heute immer noch im bildungspolitischen Diskurs eine bedeutende Rolle spielen. Mittlerweile gilt sie in wissenschaftlichen Arbeiten als überholt. Inzwischen betrachtet man nicht mehr den „Migranten“[10], sondern die gesellschaftlichen Konstellationen und Institutionen, in denen Gewanderte und Nichtgewanderte interagieren.

Der Begriff „Interkulturelle Pädagogik“ hat sich theoretisch als Oberbegriff durchgesetzt, auf Grund der zahlreich erschienenen Literatur der letzten zehn Jahre zum Thema „interkulturelle Arbeit/ Bildung/ Erziehung/ Lernen/ Pädagogik“.[11] Die „interkulturelle Pädagogik“ bildet das pädagogische Gegenstück zum Konzept einer „multikulturellen Gesellschaft“[12], beide Begriffe bzw. Konzepte sollten daher ausschließlich im Zusammenhang diskutiert werden. Eine klare Bestimmung dessen, was „interkulturelle Arbeit/Pädagogik“ und „multikulturelle Gesellschaft“ ausmacht gibt es bisher nicht.[13] Auf den Unterschied zwischen den beiden Begriffen „interkulturell“ und „multikulturell“ wird in der Fachsprache großen Wert gelegt.[14] Der Begriffsbestandteil „multi“ nimmt, wie mehrheitlich angenommen, eine beschreibende Perspektive ein, während bei „inter“ eine programmatische Dimension mit vermittelt wird. Einige Autoren wählen „multikulturell“, um ein Nebeneinander von Kulturen auszudrücken und „interkulturell“, um auf eine Bezugnahme aufeinander zu verweisen.[15] Der Begriff „interkulturell“ ist oft nicht aussagekräftig genug, darum ist es notwendig, das Gemeinte sorgfältig darzustellen. Beide Begriffe sind im wissenschaft-lichen Sprachgebrauch nicht immer mit einem positiven Beigeschmack verbunden.[16]

2.1.4 Das Fremde

Das Fremde und die Fremden können ambivalent erfahren werden. Einerseits ist das Neue, das Unbekannte faszinierend, anregend, herausfordernd, während das Vertraute selbstverständlich ist. Andererseits weckt das Unbekannte oft Ängste und wirkt bedrohlich. In der Sozialwissenschaft wird die Figur des Fremden oft dahin gehend dargestellt, dass sie die eigenen Gewissheiten in Frage stellt. Unsere „kulturellen Selbstverständlichkeiten“ werden durch das „Fremde“ ins Wanken gebracht und stellen den bekannten Alltag in Frage.[17]

Einen psychoanalytischen Zugang zum „Fremden“ bietet Erdheim. Der Autor erläutert seine These der „Repräsentanz des Fremden“ anhand des Verhältnisses zwischen Familie und Kultur. Ähnlich einer Reihe von Metamorphosen entwickelt sich die „Repräsentanz des Fremden“. Als erste negative Erfahrung erlebt das Kind, dass alles fremd ist, was „Nicht-Mutter“ ist (etwa mit acht Monaten). Fremd sind uns in den ersten Lebensjahren laut Erdheim jene, die nicht zur Familie gehören (Nicht-Mutter, Nicht-Vater, Nicht-Geschwister) und später auch alle, die außerhalb des eigenen Kulturkreises leben.[18] In der primären Sozialisation ist es wichtig, zuverlässige Bindungen aufzubauen. Bindung und Vertrauen sind wichtige Voraussetzungen für einen unverfänglichen Umgang mit Fremdheit (auch in späteren Lebensphasen). Die Herausbildung der Fremdenrepräsentanz kann für das Kind sogar überlebenswichtig werden, auch in längerer Abwesenheit der Mutter ist es dem Kind möglich, eine Beziehung zu anderen Menschen aufzubauen.[19] In der sekundären Sozialisation sind gezielte interkulturelle Erfahrungen in Kindergarten, Schule, Hort und Freizeit wiederum Voraussetzung, Fremdheit zu erleben, nicht nur auf positiven Gefühlen beruhend, sondern auch auf negativ besetzten Impulsen. Die Möglichkeit sanktionsfreier Äußerung von Vorurteilen, Ängsten, Frustrationen und Aggressionen der „fremden“ Kulturen und ihren Repräsentanten gegenüber soll zugelassen und adäquat aufgearbeitet werden.

[...]


[1] Vgl. Griese 2002: 109.

[2] Auernheimer, 2003: 138.

[3] Vgl. Auernheimer, 2003: 73 – 76.

[4] Vgl. Heinze, Thomas, Studienbrief 033627-7-01-S1, 2003: 14, 16.

[5] Griese 2002: 87 ff.

[6] Griese 2002: 83.

[7] Vgl. Auernheimer 2003: 120 – 121.

[8] Vgl. Nohl 2006: 9.

[9] Vgl. Gogolin und Krüger-Potratz 2006: 134.

[10] In der deutschen Sprache kam es zu interessanten Wortbildungen. Mit Begriffen wie der „Fremde“ oder der „Ausländer“ schreiben wir Identitäten zu und verleihen ihnen dadurch Etiketten, die häufig sehr folgenreich für die Betreffenden sind. In dieser Arbeit wird der Begriff „Migranten“, den eben genannten bevorzugt verwendet.

[11] Vgl. Griese 2002: 79ff.

[12] Die Programmatik interkultureller Erziehung nimmt immer Bezug auf die sogenannte „Idee der multikulturel-len Gesellschaft. Der Begriff „multikulturelle Gesellschaft“ beschreibt unter anderem das Zusammenleben von Einheimischen und Zugewanderten. Letztere existieren in unserer Bevölkerung als verschiedene ethnische Minderheiten. Die „multikulturelle Gesellschaft“ ist auch ein politischer Begriff. Vgl. Auernheimer 1995: 3.

[13] Vgl. Griese 2002: 87.

[14] Vgl. Gogolin und Krüger-Potratz 2006: 110-111.

[15] Ein Vergleich: Beteiligte (Kinder, Eltern und Pädagogen) eines „multikulturellen Hortes“ gehören verschiedener kultureller und sprachlicher Herkunft an, dabei ist es nicht wichtig, ob dies auch pädagogisch berücksichtigt wird. In einem „interkulturellen Hort“ wird gerade die Multikulturalität mit ihrer Verschiedenheit begrüßt und ist ausdrücklich Anlass für die Gestaltung des (nun eben interkulturellen) pädagogischen Handelns.

[16] Beide Beifügungen haben Einzug in den alltäglichen Gebrauch gefunden. Sie werden beispielsweise im ökonomischen Bereich, im Management und in den Medien ständig – oft unreflektiert - verwendet. In vielen verschiedenen Disziplinen (Soziologie, Ethnologie, Psychologie, Philosophie, Politikwissenschaften,...) findet sich der Begriff des Interkulturellen.

[17] Vgl. Griese 2002: 111.

[18] Vgl. Erdheim, 1988: 237 f.

[19] Vgl. ebd. 258.

Details

Seiten
22
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640186693
ISBN (Buch)
9783640188390
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v116570
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,3
Schlagworte
Interkulturelle Pädagogik Hort

Autor

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Titel: Interkulturelle Pädagogik im Hort