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Diebstahl - Gewalt gegen alte Menschen und soziale Ungleichheit

Studienarbeit 2008 6 Seiten

Soziologie - Alter

Leseprobe

Einleitung

Menschen werden im Alter (60+) insgesamt seltener Opfer von Gewalttaten als Menschen in jüngere Altersgruppen.1 Allerdings zeigen ältere Menschen in gewissen Deliktbereichen ein höheres Viktimisierungsrisiko auf. Dazu gehören der Handtaschenraub, der Trickdiebstahl, Diebstahl und Einbruch, wie kriminalistische Statistiken und soziologische Befragungen nachweisen.1,2 Ältere Frauen sind besonders häufig Opfer von Diebstahl. Diese Tatsachen werfen Fragen auf, denen ich mich im folgenden Text anzunähern versuche.

Diebstahl

Diebstahl ist in der Schweiz die häufigste Straftat.3 Sie kommt überall vor, wo sich Geld und Wertsachen befinden. Man unterscheidet Taschendiebstahl, Trickdiebstahl, Einschleichdiebstahl, Einbruchdiebstahl und unseriöse Geldanlagen. Bei der Schweizerischen Kriminalprävention werden diese Diebstahlformen als wirtschaftliche Gewalt bezeichnet. Sie rechnen allerdings nicht nur das Wegnehmen von Wertsachen zum Diebstahl, sondern auch das Vorenthalten derselben oder die unverhältnismässige Kontrollen darüber, welches im hohen Alter möglicherweise von besonders grosser Bedeutung sein könnte.

In der Bevölkerungsstatistik des Kanton Baselstadt 2005 gaben 10% an, im letzten Jahr von einem Diebstahl unter Bedrohung (Raub) und 21% von Diebstahl ohne eine solche, im öffentlichen Raum betroffen gewesen zu sein.4 Leider sind diese Daten weder nach Alter noch nach Geschlecht aufgeschlüsselt und der nicht öffentliche Raum blieb unberücksichtigt. Die Kriminalstatistik des Kanton Basel-Land verzeichnet eine grosse Zahl Diebstahldelikten.5 In diese Kategorie fällt alles, was gestohlen worden ist ohne einzubrechen. Die polizeiliche Aufklärungsquote für diese Kategorie beträgt nur 11%. Auch diese Kennzahlen sind nicht nach Alter, Geschlecht oder anderen gerontologisch relevanten Kriterien aufgeschlüsselt.

Polizeilich registrierte Daten lassen aber vermuten, dass ältere Menschen häufig von Eigentums- und Vermögensdelikten betroffen sind. Dies wird hauptsächlich mit dem Handtaschenraub untermauert.1,6 Die Erfassung des Handtaschenraubs als Gewaltform scheint mir allerdings zu einseitig. Üblicherweise tragen in unserem Kulturkreis Männer keine Handtaschen, ein Geschlechtervergleich ist deshalb nicht möglich. Zudem muss der Handtaschenraub typischerweise im öffentlichen Raum stattfinden. Gerade Hochbetagte und alte Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen suchen den öffentlichen Raum weniger oft auf als andere Menschen. Der Gelddiebstahl im familialen Nahfeld oder in Institutionen des Gesundheitswesen bleiben bei dieser Fragestellung gänzlich unberücksichtigt. mitberücksichtigt werden.7

Der Gewaltbegriff

Es gibt eine unüberschaubare Vielfalt an Definitionen des Begriffs Gewalt, da Gewalt von einem Urteil abhängt und also ein individuelles Empfinden ist.

„Gewalt kann insbesondere nicht als unmittelbar gegebene Realität verstanden werden. Gewalt ist kein Beobachtungsterminus, sondern ein soziales Unwerturteil,

welches durch Zuschreibung (labeling approach) entsteht und von bestimmten soziostrukturellen Faktoren beeinflußt wird.“8

Auch in der Gerontologie gibt es bis heute keine einheitliche Gewaltdefinition. Dies liegt auch an der Interdisziplinarität dieses Fachs. Je nach Wissensdisziplin, wie z.B. Psychologie, Soziologie, Kriminalistik, Religion, Ethik, werden andere Definitionen verwendet.

Im deutschsprachigen Raum wurde das Gewaltthema in den 80er Jahren von der sozialen Gerontologie aufgenommen. Mervyn Eastmann definierte familiale Gewalt gegen alte Menschen als „systematische, körperliche, emotionale oder finanzielle Misshandlung…“9 Im Falle von Diebstahl würde dies bedeuten, dass nur systematischer, also regelmässig wiederholter Diebstahl als Gewalt bezeichnet werden könnte. Hirsch definierte die Gewalt gegen alte Menschen als

„systematische, nicht einmalige Handlung oder Unterlassung mit dem Ergebnis einer ausgeprägten negativen Einwirkung auf den Adressaten“.10 Die Vorstellung, dass nur systematische Handlungen als Gewalt bezeichnet werden, scheint mir problematisch, besonders für Tötungsdelikte oder schwere körperliche Misshandlungen bzw. Vernachlässigung, aber auch für Diebstahl. Diebstahl wäre nach der Definition von Hirsch ausserdem nur dann eine Gewalthandlung, wenn der Bestohlene dadurch eine ausgeprägte negative Einwirkung erfahren würde. Die unterlassene Hilfestellung im Falle eines Diebstahls z.b. durch nicht ernst nehmen des alten Menschen oder durch das Wegsehen der Betreuungspersonen, könnte mit der Definition von Hirsch als Gewalt gegen den Betroffenen bezeichnet werden, sofern der Bestohlene dies als negatives Erlebnis deutet.

Galtung, ein norwegischer Friedensforscher und Soziologe hat den Gewaltbegriff um mehrere Dimensionen erweitert. Er versteht unter Gewalt eine „vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse“ und die menschlichen Bedürfnisse werden von ihm unterteilt in Überlebens-, Wohlbefindlichkeits-, Identitäts-, Sinn- und Freiheitsbedürfnisse.11 Auch mit dieser Definition ist Diebstahl nur dann eine Gewalthandlung, wenn der Bestohlene sich in seinen grundlegenden menschlichen Bedürfnissen eingeschränkt fühlt.

Im Gewaltbericht des DZA1 wird zwischen juristischer, physisch- und psychischer, sowie soziologischer Gewalt unterschieden:

Juristische Definition: Körperlicher Zwang, der nach seiner Intensität dazu geeignet ist, die freie Willensentschließung eines anderen zu beeinträchtigen.

Psychologische Definition: Physischer und psychischer Zwang als Ausdruck von Aggressivität mit der Intention, einer anderen Person zu schaden.

Soziologische Definition: Physischer und psychischer Zwang als legitimes oder unrechtmäßiges Mittel in Macht- und Herrschaftsverhältnissen. Der Handtaschenraub ist noch am ehesten mit dieser Gewaltdefinition zu beschreiben, der gewöhnliche Diebstahl hingegen ist wahrscheinlich in den wenigsten Fällen mit körperlichem oder physischem und psychischem Zwang verbunden.

Viktimisierungsfurcht-Paradox

Betrachtet man alle polizeilich registrierte Gewaltdelikte, sinkt das Viktimisierungsrisko mit dem Alter.1 Gleichzeitig konnte mit Hilfe von Befragungen festgestellt werden, dass die Furcht vor Kriminalität mit dem Alter steigt. Dieses Phänomen wird als Viktimisierungsfurcht-Paradox bezeichnet. Allerdings verhalten sich ältere Menschen vorsichtiger als jünger und diese Vermeidungshaltung senkt das Risiko Opfer von Gewalt zu werden. In den entsprechenden Studien wurde teilweise nicht nur nach der Emotion Furcht gefragt, sondern nach dem Verhalten. Das heisst, aus der Antwort, sich nachts nicht alleine im öffentlichen Raum

aufzuhalten, wurde geschlossen, dass dies aus Angst vor Gewalthandlungen geschehe.7 Nicht berücksichtigt wurde dabei die Angst vor Stürzen oder Orientierungsschwierigkeiten z.B. in Folge von Sehschwäche und ähnliche alterspezifisches Vorsichtsverhalten. Die Furcht älterer Menschen vor Gewaltdelikten bezieht sich nicht nur auf die subjektive Risikowahrnehmung, sondern auch auf die antizipierte Tatfolge.1 Weiter trägt die Selbstwahrnehmung der Vulnerabilität des älteren Menschen mit dazu bei, sich vorsichtiger zu verhalten.12

Das Viktimisierungsfurcht-Paradox wurde unter der Voraussetzung beschrieben, dass alle polizeilich gemeldete Gewaltdelikte, berücksichtigt wurden. Die Frage, ob sich ältere Menschen vor jeder Form von Gewalt in Gleicherweise mehr fürchten als jüngere, bleibt offen. Wahrscheinlich fürchten sich alte und sehr alte Frauen weniger vor sexueller Gewalt als jüngere Frauen, welches mit der tatsächlichen Delikthäufigkeit übereinstimmen würde. Anderseits fürchten sich ältere Menschen möglicherweise in stärkerem Masse als jüngere, Opfer von Vermögensdelikten zu werden, welches wiederum mit den tatsächlichen Deliktfällen übereinstimmt. Sollten sich diese beiden Sachverhalte empirisch bestätigen, könnte man nicht weiter von einem Viktimisierungsfurcht-Paradox sprechen. Eine Auflösung dieses Paradoxes könnte ausserdem durch die geschätzte hohe Dunkelziffer erhärtet werden, denn das Viktimisierungsfurcht-Paradox berücksichtig nur das Hellfeld.

Wahrscheinlich ist das Dunkelfeld für Diebstahl an alten und sehr alten Menschen beträchtlich. Es wäre also auch notwendig, das Anzeigeverhalten von jüngeren und älteren Menschen zu berücksichtigen.

Ein defizitäres Selbstbild ist bei älteren Menschen weitverbreitet und führt ganz allgemein zu einer Einschränkung der Aktivitäten und diese Reduktion der Einschätzung eigener Handlungsfähigkeit, bestärkt wiederum das defizitäre Selbstbild.13 Das führt unweigerlich auch zu einem erhöhten Sicherheitsbedürfnis und zu einer Erhöhung der Furcht vor Gewalterlebnissen.

Negative Einflüsse von Diebstahl

Betroffene Personen leiden in der Regel nicht nur unter dem materiellen Schaden, der ihnen zugefügt wurde. Opfer von Einbruch- und Vermögensdelikten gaben in Befragungen soziale, emotionale und psychische Verletzungen und Beeinträchtigungen als den schwerwiegendsten Schaden an.14 Das Sicherheitsgefühl wird nachhaltig beeinträchtigt. Einbruchdiebstahl, wird als

schlimmes Ereignis wahrgenommen. Neben dem materiellen Verlust, ist es ein Eingriff in die Privatsphäre, in die Geborgenheit der eigenen vier Wände und Opfer leiden meist noch Jahrelang unter dem Geschehenen .15 Im Vordergrund stehen die Emotionen Angst und Ekel.16 Bis 60% der Opfer leiden unter Angst, bis 40% haben Schlafstörungen und ungefähr 25% haben Alpträume (dito). Die Opfer bilden im Anschluss eine Viktimisierungsfurcht aus.14 Diese Angst, erneut Opfer zu werden, wird als schwerwiegende psychische Belastung beschrieben (dito). Dieses Resultat führt zur Überlegung, ob ältere Menschen allenfalls nur deshalb das Viktimisierungsfurcht-Paradox in Befragungen aufweisen, weil sie wegen dem bereits länger verbrachten Leben auch mit grösserer Wahrscheinlichkeit schon einmal Opfer einer Gewalthandlung waren als jüngere Menschen. Das heisst, möglicherweise nimmt die Viktimisierungsfurcht im Alter nicht zu, sondern ist alleine auf die Anzahl bereits erlebter Gewalthandlungen im Verlaufe des Lebens zurückzuführen. Opfer von Vermögenselikten zeigen eine grössere Viktimisierungsfurcht und Vermeidungsverhalten als nicht Opfer.14 Zudem haben Frauen mehr Angst als Männer. Dies könnte mit den unterschiedlichen Lebenslagen von Männer und Frauen zusammen hängen.

[...]


1. Deutsches Zentrum für Altersfragen, Gewalt und Opferwerdung im Alter, 2005: www.dza.de

2. Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention, Prävention von Gewalt gegen alte Menschen, Bonn, 2003: www.kriminalpraevention.de

3. Schweizerische Kriminalprävention, Neuchâtel, 2004: Sicherheit im Alter, wichtige Tipps zur Kriminalprävention

4. www.statistik-bs.ch

5. www.bl.ch/docs/jpd/statistik/kriminalstatistik_2005.pdf

6. Görgen, Th.: Ältere Menschen als Opfer polizeilich registrierter Straftaten, Forschungsbericht Nr. 93, Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. Hannover, 2004

7. Schwarzenegger Ch.: Zürcher Opferbefragung, Kriminologisches Bulletin, 1989

8. Merten, K.: Gewalt durch Gewalt im Fernseher, Opladen etc.: Westdeutscher Verlag, 1999, S. 17

9. Eastman, M.: Gewalt gegen alte Menschen, Lambertus, 1985, S.38

10. Hirsch, R.D.: Misshandlung und Gewalt an alten Menschen, Notfallmedizin 27: 324-328, 2001

11. Galtung, J.: Strukturelle Gewalt, Beiträge zur Friedens- und Konfliktforschung, Rowohlt, 1975

12. Görgen, Th.: Kriminalität und Gewalt im Leben alter Menschen, Forschungsbericht Nr. 94, Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. Hannover, 2004 J.Dominguez, Vertiefungsarbeit Gerontologie Nr. 2 6

13. Kolland, F.: Kulturstile älterer Menschen, Jenseits von Pflicht und Alltag. Böhlau Verlag Wien, 1996

14. Kobler, M.: www.polizeimünster. de/organisation_blau/k_vorbeugung/technik/evaluierung.pdf

15. www.polizei-beratung.de

16. www.bhe.de/anlagen/Vortrag_Weisser-Ring.pdf

Details

Seiten
6
Jahr
2008
Dateigröße
364 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v116529
Institution / Hochschule
Institut Universitaire Kurt Bösch – INAG
Note
"keine"
Schlagworte
Diebstahl Gewalt Menschen Ungleichheit Nachdiplomstudium Gerontologie

Autor

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