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Demenzpflegetheorie - Ansätze für die Entwicklung einer Mikrotheorie für Menschen mit schwerer Demenz und Verhaltenssymptomen

Diplomarbeit 2008 25 Seiten

Soziologie - Medizin und Gesundheit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

2 Einleitung

3 Methode

4 Demenz mit Verhaltenssymptomen
4.1 Verhaltenssymptomatik
4.1.1 Definition
4.1.2 Agitation
4.2 Ursachen und Erklärungsmodelle
4.2.1 Somatische Ursachen
4.2.2 psychologische Ursachen
4.2.3 ökologische Ursachen

5 Pflegetheorien
5.1 Einführung
5.2 Pflegeempfänger
5.3 Gesundheit
5.4 Hauptzweck und Aufgabe der Pflege
5.5 Umgebung
5.6 Ausgewählte theoretische Ansätze
5.6.1 Bedürfnistheorien
5.6.2 Interaktiontheorien
5.6.3 Ergebnistheorien
5.6.4 Personenzentrierte Ansätze

6 Schlussfolgerungen

7 Ansätze für eine Demenzpflegetheorie

8 Literaturangaben

2 Einleitung

Die Prävalenz demenzielle Störungen steigt mit dem Alter an und wegen der demografischen Entwicklung, leben heute mehr Menschen mit Demenzerkrankungen als je zuvor. Die Prävalenzrate für die über 90 Jährigen beträgt in der Schweiz 25% und nur 8% der demenzkranken Menschen sind jünger als 70.1 Will man groben Schätzungen aus Deutschland glauben, so sind in stationären Institutionen der Altenpflege ungefähr 60% der Bewohnenden demenzkrank, auch wenn nur bei rund einem Drittel eine solche Krankheit diagnostiziert ist.2

Die heute zur Verfügung stehende Medizinisch-Pharmakologische Behandlung von Verhaltensstörungen sind wenig effektiv. Meist werden sedierende Medikamente (44%), Antidepressiva (26%), Neuroleptika (25%) und Antidementia (11%) verabreicht.3 Mit einer Heilung dieser chronischen degenerativen Krankheit ist in nächster Zukunft nicht zu rechnen und auch wenn eine Krankheitsverzögerung durch medikamentöse Behandlung heute teilweise schon erfolgreich ist, bleibt die Pflege demenzkranker Menschen eine der grössten Herausforderung in unserer Zeit.

Verhaltenssymptome bei Demenz sind ein wichtiger Grund für den Eintritt in Institutionen der Langzeitpflege.4 Sie gehören neben Tod und Sterben zu den grössten Belastungen sowohl für die Pflegenden als auch für die Angehörigen und beeinträchtigen die Lebensqualität der Mitbewohnenden mit unter beträchtlich. Es sind vor allem Aggressivität, der Kontrollverlust über das eigene Verhalten, Eigensinn, die Unvorhersehbarkeit des Verhaltens, die diese Belastungen erzeugen.5 Zudem vokale Störungen wie Schreien und Rufen, die bei den Pflegenden Frustration, Ärger und ein sich vom Betroffenen distanzieren zur Folge haben.6 Sie stören die Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen und beeinflussen das gesamte Umfeld.7

Pflegetheorien sind die Grundlage des pflegerischen Handeln in der Praxis und geben Antworten auf die Frage, nach den Ziele und Aufgaben der Pflege. Sie zeigen die Notwendigkeit von Pflegeinterventionen auf und machen die Leistungen für die Kostenträger transparent und nachvollziehbar. In der Pflegewissenschaft spielt das Alter eine eher untergeordnete Rolle und die Herausforderungen der Pflege alter Menschen werden darin kaum thematisiert.8 In Mitteleuropa, wo die Pflegewissenschaft erst vor wenigen Jahren eine akademische Disziplin geworden ist, steckt die Entwicklung von Pflegetheorien ganz allgemein noch in den Kinderschuhen. Theorien mit klar formulierten Definitionen über Pflege, die anhand wissenschaftlicher Kriterien erstellt und überprüft werden, machen Leistungen erst transparent und ermöglichen es den Pflegenden diese zu thematisieren.9 In der Pflegewissenschaft besteht heute Konsens darüber, dass situationsbezogene Mikrotheorien, die sich auf bestimmte Altersgruppen oder Krankheitsbilder beschränken, dringend notwendig sind, aber bislang noch nicht entwickelt wurden.10 Dies ist erstaunlich in Anbetracht der demografischen Entwicklung und der Prävalenz der Demenz und dem Potential für die Pflege, sich innerhalb dieses Bereiches als unabhängige Profession zu etablieren.

Das Krankenversicherungsgesetzt schreibt in der Leistungsverordnung für die Krankenpflege in Pflegeheimen vor, dass die Versicherungen nur Kosten von Untersuchungen, Behandlungen und Pflegeleistungen übernimmt, die auf ärztliche Verordnung hin oder im ärztlichen Auftrag erbracht werden. Leistungen in diesem Sinne sind Abklärungs- und Beratungsgespräche, Untersuchungen wie Blutdruckmessen, Behandlungen wie Wundversorgung und die Grundpflege wie Dekubitusprophylaxe oder Hilfe beim Essen und Trinken. Für Menschen mit psychogeriatrischen Erkrankungen können zudem Orientierungshilfen, Kontrollen und Gespräche oder Zuwendung für Menschen, die mit ihrem Verhalten das Umfeld belasten, verrechnet werden. Die typische somatische Krankheitsorientierung der Hausärzte und Altenpflegenden stösst aber in der Demenzpflege an Grenzen und die Pflegende sind meist stark überfordert.11 Die Vielzahl der heute angewandten Pflegeinterventionen für Demenzkranke mit Verhaltenssymptomen erfüllen das Kriterien der nachgewiesenen Effektivität noch nicht.12 Es fehlen Beschreibungen über die Pflegeempfänger und über die Aufgabe der Pflege, die Ziele der Pflegeinterventionen und Instrumente für deren Evaluation. In der praktischen Pflege dementiell erkrankter Menschen mit Verhaltenssymptomen ist Verwirrung beobachtbar. Einerseits ist unklar, ob Verhaltenssymptome durch Interventionen vermindert werden sollen oder ob die Autonomie des dementiell erkrankten Menschen dadurch unnötigerweise eingeschränkt wird. Anderseits stellt sich den Pflegenden die Frage, ob Beschäftigungen wie Singen und Spielen Aufgabe der Pflege sind, diese als therapeutische Interventionen verstanden werden können und Verhaltenssymptome dadurch tatsächlich vermindert werden. Eine Demenzpflegetheorie könnte die Grundlage sein, um Antworten auf diese Fragen zu finden.

3 Methode

Für eine Annäherung an die gestellten Fragen wird in einem ersten Schritt mit Hilfe von Fachliteratur das Phänomen der Verhaltenssymptome bei schwerer Demenz beschrieben. Aus dem gesamten Verhaltenskomplex wurde dafür das häufig beobachtbare und besonders problematische Verhalten der Agitation ausgewählt. Um die Verhaltensymptomatik besser zu verstehen, werden deren mögliche Ursachen diskutiert und Erklärungsmodelle erläutert.

In einem zweiten Schritt werden die Bestandteile von Pflegetheorien und in der Praxis häufig verwendete Theorien vorgestellt. Diese Theorien werden in Bezug auf Demenz mit Verhaltenssymptomen auf ihre Eignung hin beschrieben.

Und als dritter Schritt werden die Erkenntnisse und Erkenntnislücken kurz zusammengefasst und Ansätze für die Entwicklung einer Demenzpflegetheorie aufgeführt.

4 Demenz mit Verhaltenssymptomen

Der Morbus Alzheimer ist die wichtigste Demenzerkrankung und in 50% aller Fälle die Ursache dementieller Störungen. In 20% der Fälle liegt eine vaskuläre Demenz vor, die auch als Multiinfarktdemenz bezeichnet wird. In 25% der Fälle kommen diese beiden Demenzformen kombiniert vor und dies wird als gemischtes psychoorganisches Syndrom bezeichnet.13 Daneben gibt es aber eine Reihe weiterer primärer und sekundäre Demenzformen, die sich in ihrer Ursache zwar unterscheiden, aber nur wenig in den beobachtbaren Symptomen. Zwar gehören beispielsweise optisch szenische Halluzinationen zwingend zu einer Lewy- Körperchen Demenz, können aber auch bei allen anderen Demenzkrankheiten auftreten. Die unterschiedliche Ausprägung der Verhaltenssymptome bei den verschiedenen Demenzformen ist kaum untersucht worden.14 Deswegen wird in den folgenden Erläuterungen nur der Überbegriff Demenz benutzt, sofern nicht Forschungsresultate, die bei nur einer Demenzkrankheit durchgeführt wurden, vorgestellt werden.

4.1 Verhaltenssymptomatik

4.1.1 Definition

Verhalten ist ein aktiver Vorgang lebender Organismen. Menschliches Verhalten wird sowohl als Resultat rationaler Entscheidungen gesehen, als auch als Ausdruck seiner Emotionen. Die psychobiologischen Emotionsmechanismen werden heute intensiv untersucht. Man geht davon aus, dass Emotionen einen starken Einfluss auf das Verhalten haben. Diesen Zusammenhang und den neurobiologischen Prozess dazu zu untersuchen, ist allerdings nicht einfach und deshalb sind viele Fragen noch offen.15 Unter Sozialverhalten wird das Verhalten von Menschen als Reaktion auf Gruppenmitglieder verstanden, das soziale Verhalten beinhaltet die Mimik, Gestik, Sprache, Handlung oder Unterlassung, die von andern in einer bestimmten Situation erwartet werden. Die Verhaltensbiologie beschäftigt sich mit den aktiven Veränderungen eines Lebewesens als Anpassung an die Umweltbedingungen, die beobachtbar und messbar sind, wie zum Beispiel die Körperhaltung, Bewegungen, Laute, Körperabsonderungen, die der Verständigung dienen, Farb- und Formveränderungen oder Gesten. In der Biologie werden diese Anpassungsleistungen sowohl als genetisch beeinflusst, als auch in Lernprozesses erworben begriffen. Wiederholt sich in bestimmten Situationen das Verhalten in immer gleicher Art und Weise, spricht man sowohl in der Biologie als auch in Soziologie und Psychologie von Verhaltensweisen.16 Synonym wird der Begriff Benehmen verwendet. Das Benehmen umschreibt das Betragen, die Lebensart, die Erziehung oder Kinderstube, die Umgangsformen, das Auftreten, die Haltung, der Anstand, die Manieren und wer sich nicht zu benehmen weiss, der ist unhöflich.17 Wegen der herausragenden Bedeutung der Verhaltenssymptomatik für die Pflege und Betreuung bezeichnet man diese in der Pflegewissenschaft des deutschen Sprachraums als Verhaltensstörungen, Verhaltensauffälligkeiten oder als herausforderndes Verhalten. Im englischen Sprachraum wird dieser Symptomkomplex als challenging behaviour, maladaptive, dysfuncional oder treffender als BPSD behavioural and psychological symptoms of dementia bezeichnet.18 Diese Begriffe des englischen Sprachraumes implizieren eher einen intrinsischen Ursprung des Verhaltens, also durch den Demenzkranken selbst ausgelöstes, während die deutschen Begriffe den Einfluss des Umfeldes als Auslöser in den Vordergrund stellen. Welche beobachtbaren Verhaltensweisen zu diesem Symptomkomplex gezählt werden, ist uneinheitlich. So werden Wahnvorstellungen und Halluzinationen, sofern sie sich für das Umfeld nicht störend oder auffällig manifestieren, nicht zu den Verhaltenssymptomen gezählt. Ebenso wird das Leitsymptom, die Fehlinterpretation der Realität, nur dann als inappropriate (unangemessenes) Verhalten beschrieben, wenn dieses für das Umfeld auffällig ist.19 In einer Konsenskonferenz einigten sich 1996 660 Experten der Internationalen Association (IPA) auf den Begriff BPSD mit der folgenden Definition: „Der Begriff Verhaltensstörungen sollten durch den Begriff verhaltensbezogene und psychologische Symptome der Demenz (BPSD) ersetzt werden, der definiert ist als: Symptome gestörter Wahrnehmung, Denkinhalte, Stimmung oder Verhalten, die häufig bei Patienten mit Demenz auftreten.20

4.1.2 Agitation

Darunter werden zusammenfassend unangemessene verbale, vokale oder motorische Aktivitäten verstanden. Der Begriff kommt aus dem englischen und bedeutet Unruhe, Bewegung, Aufregung, Erregung, Rastlosigkeit. In der Psychologie wird Agitation als erregte Bewegung und wiederholte unproduktive Aktivität bezeichnet. Die Prävalenz beträgt 44% und die Inzidenz innerhalb eines Jahres 14% in der institutionellen Langzeitpflege.21

Mit Wandern sind ziellose Bewegungen gemeint, allerdings ist eine Abgrenzung schwierig, da nicht jedes ziellos aussehende Umhergehen auch für den Betroffenen ziellos ist. Im amerikanischen Pflegediagnosesystem NANDA wird Wandern als ruheloses Umhergehen, als zielloses oder repetitives Sich-Fortbewegen und Umhergehen, das die betreffende Person einem Verletzungsrisiko aussetzt. Die verschiedenen Formen des Wanderns wurden von der Internationalen Psychogeriatrischen Association beschrieben.22 Bei Menschen mit Demenz in stationären Einrichtungen wird die Prävalenz des Herumwanderns und Weglaufens mit 25% angegeben.23 Die Inzidenz innerhalb eines Jahres wurde kaum untersucht und liegt schätzungsweise zwischen 11 und 50%.24 Dieses Symptom scheint bei Alzheimer höher zu sein als bei vaskulären Demenzformen.

Ein besonderes Verhaltenssymptom, welches zur Agitation gezählt wird, ist das picking behaviour. Darunter werden Handlungen subsummiert, wie Sachen verpacken, Sachen verschieben, an Sachen reiben oder streichen. Auch das zwanghafte Sammeln und Verstecken von Nahrungsmitteln, Gegenständen oder Müll kann zu diesem Verhaltenssymptom gezählt werden.

Auch die Aggressivität wird zur Agitation gerechnet. Die Aggressivität ist zielgerichtet gegen eine andere Person, sich selbst oder ein Objekt. Sie tritt bei Demenz häufig auf und wird verbal, körperlich oder sexuell ausgedrückt. Die Aggressivität ist eine der häufigsten Gründe für den Eintritt in eine Institution.25 Die Prävalenz von körperlicher Aggressivität bei Demenz liegt je nach Studie zwischen 31 und 41%, die sexuell ausgedrückte bei ungefähr bei 4%. Die Prävelenz der verbalen Aggressivität wird mit 40%, deren Inzidenz innerhalb eines Jahres mit 22% angegeben. Ob es geschlechtsspezifische Unterschiede gibt ist nicht belegt.

Zwischen den verschiedenen Demenzkrankheiten scheint es in Bezug auf Aggressivität keine Unterschiede zu geben.26

Vokale Störungen sind ebenfalls häufig bei demenzkranken Menschen in Langzeitinstitutionen. Zu dieser Kategorie zählt man lautes Schreien, Rufen, Klagen und Jammern, ständiges verbales auf sich Aufmerksam-Machen, paranoide Äusserungen, laute Selbstgespräche führen, wiederholtes Fragen, bizarre Geräusche machen und ähnliches.27 Je nach Messmethoden und Stichprobe schwankt die Prävalenz zwischen 10 und 60% und scheint keine geschlechtspezifischen Unterschiede aufzuweisen.

Weitere Verhaltensänderungen können im Bereich der Sexualität auftreten. Dazu gehören das öffentliche Masturbieren, den Gebrauch vulgärer Worte, sexuelle Angriffe auf Mitbewohnende oder betreuende Personen.28

4.2 Ursachen und Erklärungsmodelle

Die Zusammenhänge zwischen dem Ausmass des kognitiven Zerfalls und der Stärke der Verhaltenssymptomatik ist nur wenig untersucht worden. Zwischen Agitation und dem Grad der kognitiven Fähigkeiten scheint es aber eine Beziehung zu geben.29 Ebenso korreliert die Stärke der kognitiven Beeinträchtigungen mit dem Wandern.30 Es gibt Hinweise darauf, dass bei Demenz grundsätzlich eine Tendenz zum Wandern besteht und diese mit der Abnahme der kognitiven Fähigkeiten aufgrund der Gehirnschädigungen zunimmt.31

Die Ursachen oder Auslöser von Verhaltessymptomen bei Demenz sind unklar und Forschungsergebnisse haben teilweise widersprüchliche Ergebnisse hervorgebracht.32 Sie werden in drei Hauptkategorien eingeteilt, nämlich somatische, psychologische und ökologische.33 Auf der Basis dieser Kategorien sind verschiedene Modelle entwickelt worden, um Verhaltenssymptome bei Demenz zu erklären34:

4.2.1 Somatische Ursachen

In der Neurobiologie geht man heute davon aus, dass die Verhaltenssymptomatik bei der Alzheimerdemenz durch die gleichen neuropathologischen Prozesse wie bei den kognitiven Veränderungen entstehen.35 Die Ursachen des ziellosen Umhergehens sind nicht geklärt. Vermutlich hängen kognitive, neurologische Faktoren und Einflüsse der Umgebung mit dem Wandern zusammen. Durch die Zerstörung von Nervenzellen im Gehirn und das Fehlen bestimmter Stoffe wird Wandern als Form der Hyperaktivität und als Folge einer motorischen Dysfunktion angesehen, die durch die verminderte Selbstkontrolle noch gefördert wird. Vokale Störungen treten vermehrt auf im Zusammenhang mit anderen Sprachstörungen. Je stärker die sprachliche Beeinträchtigung, desto stärker die vokale Störung. Deshalb kann vermutet werden, dass die vokale Störung für den Betroffenen den Sinn einer Kompensation der eingeschränkten kommunikativen Möglichkeiten hat.36

Verbale Verhaltessymptome kommen eher bei körperlichem Unbehagen und Schmerzen vor.37 Die Ursachen vokaler Störungen sind vielfältig, treten aber meist in Folge von Gehirnschädigungen bei schwerer Demenz oder cerebrovaskulären Erkrankungen auf oder können durch Schmerzen ausgelöst werden.38 Die Ursachen von pickin behaviour werden ebenfalls im Zusammenhang mit Schmerzen beschrieben.39

Bei der Untersuchung der Ursachen kommt erschwerend hinzu, dass Verhaltenssymptome wie zum Beispiel Aggression direkt durch die Wahrnehmung des eigenen kognitiven Leistungsabfalls ausgelöst werden kann oder, wie bei alten Menschen nicht selten, eine Multimorbidität vorliegt und die psychische Symptomatik eine unabhängige Äthiologie aufweist.40 Körperliche Dysfunktionen wie Inkontinenz, Obstipation, Beeinträchtigungen in der Fortbewegung und eine verminderte Fähigkeit zur Selbstversorgung werden ebenfalls als Ursachen vermutet.41

Im Model der Verhaltenshemmung werden neurologische Veränderungen im Gehirn und Gehirnschädigungen als Ursache für Verhaltenssymptome gesehen. Um das Verhalten zu erklären, müssen die spezifischen Mechanismen der Transmission, die geschädigten Stellen im Gehirn und die Neurotransmitter, welche für die Verhaltenssymptome verantwortlich sind, identifiziert werden. Neuere Untersuchen unterstützen diese Annahme, dass pathophysiologische Prozesse die Ursache von Verhaltenssymptomen sind.42

Die Behandlung von Verhaltenssymptomen auf Grund somatischer Ursachen sind auf den Gebieten der Neurologie, Pharmakologie und Medizin zu suchen und nicht Bestandteil der Pflegewissenschaft. Erfolgreiche Behandlungsmöglichkeiten würden aber die Aufgabe der Pflege und die damit verbundenen Pflegeinterventionen entscheidend beeinflussen.

4.2.2 psychologische Ursachen

Psychologische Ursache von Agitation sind meist nicht leicht ersichtlich, vermutet werden innere Spannungen.43 Sie könnte eine verständliche und normale Reaktion auf kognitiver Fehlleistungen sein und somit aus Frustration über das eigene Unvermögen entstehen und dem damit zusammenhängenden Gefühl des Kontrollverlustes. Lautes schreien und rufen wird in Zusammenhang mit Langweile und Alleinsein beschrieben.44 Agitiertes Verhalten wird als unbewusste „Körpersprache“ bezeichnet, die eine Vielzahl von Zuständen und Befindlichkeiten ausdrücken soll. Für das Wandern wird beispielsweise die Suche nach Sicherheit und Vertrautem angenommen.45

Das Model der unbefriedigten Bedürfnisse geht davon aus, dass diese das unangemessene Verhalten auslösen. Weil mit dem Verlauf der Krankheit die Fähigkeit die eigenen Bedürfnisse selbständig zu befriedigen abnimmt, entsteht ein Ungleichgewicht zwischen den Bedürfnissen und der Befriedigung derselben und die Verhaltenssymptome sind eine Folge davon. Das unangemessene Verhalten wird in diesem Model als Versuch die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen erklärt. So wird beispielsweise das laute Rufen als Hilfeschrei interpretiert oder Wandern aus Langeweile oder als Wunsch nach mehr Autonomie. Das Verhaltenssymptom ist demnach ein Indikator für unbefriedigte Bedürfnisse und das Verhalten des demenzkranken Menschen hat für ihn sowohl Sinn als auch Ziel.46

Demenzkranke Menschen „überspielen“ die eigenen Fehlleistungen und behaupten meist trotz schwerster Abhängigkeit noch vollständig selbständig zu leben. Dies lässt allerdings nicht zwingend auf eine Beschränkung der Selbstwahrnehmung schliessen. Offenbar können Menschen mit Alzheimerdemenz bis in späte Stadien noch über ein Selbstbild verfügen.47 Davon abgeleitet wurde das narrative Modell von Ricœur. Dieses Model fokussiert auf das typische Symptom der „Fassade“.

Allerdings ist unklar, ob dieses Symptom eine Antwort des Betroffenen auf die kognitiven Einbussen ist oder der Ausdruck der kognitiven Einbusse an sich. Die Basis des Models gründet auf die Idee der narrativen Identität, als das Bild, welches der Mensch von sich selbst hat und sich dieses durch das erzählen bewusst macht. Die narrative Identität ist also ein bewusst erzählbares Selbstbild.48 Die willentliche Fähigkeit sich an bestimmte Episoden im Leben zu erinnern, gibt uns ein Gefühl für uns Selbst, für Zugehörigkeit und Sinn.49 Diese narrative Identität befindet sich immer in Bewegung, wird ständig aufgelöst und neu gebildet und es ist notwendig, dass wir immer wieder von uns selbst erzählen. Im Alter haben Erinnerungen einen noch wichtigeren Stellenwert als in früheren Jahren und diese Erinnerungen werden, zusammen mit neuen Erfahrungen, wieder und wieder erzählt. Neu gelerntes wird zu Erinnerungen aus der Vergangenheit in Beziehung gesetzt, mit einander abgestimmt und bewusst gemacht. Dadurch wird die Identität des alten Menschen gebildet.

Nimmt das Kurzzeitgedächtnis ab, so stehen nur noch Erinnerungen aus der fernen Vergangenheit für die narrative Identität zur Verfügung. Dadurch wird die narrative Identität aber zu einer Maske der aktuellen Person, die in vielen wichtigen Punkten nicht mehr zu passen scheint. Die hinter der narrativen Maske verborgene Identität kann in Folge der Erinnerungslücken nicht mehr erzählt und dadurch auch nicht mehr bewusst gemacht werden. Dafür sind vor allem Funktionen des Hippocampus und des parahippocampalen Netzes verantwortlich, welche bei der Alzheimerdemenz teilweise verloren gehen. Vermutlich entsteht auf diese Weise die Fassade betreffend vermeintlicher eigener Fähigkeiten und einem Selbstbild, welches für andere Personen als nicht zutreffend erlebt wird. Ist die Diskrepanz zwischen der narrativen Maske und der situativen Anforderung selbst für den Betroffenen überdeutlich, geht die narrative Maske verloren. Es findet eine Demaskierung statt und der Betroffene findet keine Bezugspunkte mehr, die identitätsbildend sind. In diesem Sinne könnten Verhaltenssymptome teilweise erklärt werden. Die erlebte Situation wird aussergewöhnlich und es kommt zu Fehlinterpretationen, die als Versuch gewertet werden müssen eine stabile autopsychische Orientierung wieder herzustellen.50

Die psychologischen Ursachen sind von grosser Bedeutung für die Demenzpflege, die neben der Körperpflege hauptsächlich Beziehungspflege ist, und dienen als wissenschaftliche Grundlagen für die Formulierung von Demenzpflegetheorien.

[...]


1 Höpflinger, F. (2004): Pflegebedürftigkeit in der Schweiz, Prognosen und Szenarien für das 21. Jahrhundert. Hans Huber Verlag

2 Bundesministerium für Familien Senioren Frauen und Jugend (2002): Vierter Bericht zur Lage der älteren Generation. Bonn

3 Seidl, U. et al. (2007): Nicht-kognitive Symptome und psychopharmakologische Behandlung bei demenzkranken Heimbewohnern. Fortschr. Neurol. Psychiat. 75: 1-8

4 Seidl, U. et al. (2007): Nicht-kognitive Symptome und psychopharmakologische Behandlung bei demenzkranken Heimbewohnern.Fortschr. Neurol. Psychiat. 75: 1-8

5 Zimber, A. (1999): Arbeitsbelastung und Beanspruchung in der Altenpflege. Forschungstand in der Bundesrepublik Deutschland. In: Arbeitsbelastung n der Altenpflege. Göttingen, Verlag für Angewandte Psychologie

6 Brodaty, H. et al. (2003): Nursing home staff attitudes towards residents with dementia: strain and satisfaction with work. Journal of Advanced Nursing 44(6): 583- 590

7 Halek, M. und Bartholomeyczik, S. (2006): Verstehen und Handeln, Forschungsergebnisse zur Pflege von Menschen mit Demenz und herausforderdem Verhalten. Wittener Schriften, schlütterscher Verlag

8 Schneider, C. (2007): Pflege und Betreuung bei psychischen Alterserkrankungen, eine gerontosoziologisch-pflegewissenschaftliche Analyse. Facultas Verlag, Wien

9 Kühne-Ponesch, S. (2004): Modelle und theorien in der Pflege. Facultas UTB

10 Schneider, C. (2007): Pflege und Betreuung bei psychischen Alterserkrankungen, eine gerontosoziologisch-pflegewissenschaftliche Analyse. Facultas Verlag, Wien

11 Lind, S. (2003): Demenzkranke Menschen pflegen, Grundlagen, Strategien und Konzepte. Hans Huber Verlag

12 Halek, M. und Bartholomeyczik, S. (2006): Verstehen und Handeln, Forschungsergebnisse zur Pflege von Menschen mit Demenz und herausforderdem Verhalten. Wittener Schriften, schlütterscher Verlag

13 Höpflinger, F. (2004): Pflegebedürftigkeit in der Schweiz, Prognosen und Szenarien für das 21. Jahrhundert. Hans Huber Verlag

14 Halek, M. und Bartholomeyczik, S. (2006): Verstehen und Handeln, Forschungsergebnisse zur Pflege von Menschen mit Demenz und herausforderdem Verhalten. Wittener Schriften, schlütterscher Verlag

15 Koch, Ch. (2005): Bewusstsein, ein neurobiologisches Rätsel. Spekturm

16 www.wikipedia.org/wiki/Verhalten

17 Duden: Die sinn- und sachverwandten Wörter

18 Kastner U. und Löbach. R (2007).: Handbuch Demenz. Urban und Fischer

19 Cohen-Mansfield, J. (2001): Nonpharmacologic interventions for inappropriate behaviors in dementia: a review, summary, and critique. The American Journal of Geriatric Psychiatry 9(4): 361-381

20 Finkel, S.I. et.al. (1996): Behavioural and psychological sings and symptoms of dementia: A consensus statement on current knowledge and implications for research and treatment. International Psychogeriatrics 8(3): 497-500

21 Ballard C.G. et al. (2001): a 1-year follow-up study of behavioural and psychological symptoms indementia among people in care environments. Journal of Clinical Psychiatry 62(8): 631 - 636 Demenzpflegetheorie 23 Diplomarbeit INAG, 2008 von Judith Dominguez

22 International Psychogeriatric Association (IPA) (1998): Behavioral and Psychological Symptoms of Dementia (BPSD). www.ipaonline. org/ipaonlinev3/ipaprograms/bpsdrev/toc.asp#

23 Ballard C.G. et al. (2001): a 1-year follow-up study of behavioural and psychological symptoms indementia among people in care environments. Journal of Clinical Psychiatry 62(8): 631 - 636

24 Halek, M. und Bartholomeyczik, S. (2006): Verstehen und Handeln, Forschungsergebnisse zur Pflege von Menschen mit Demenz und herausforderdem Verhalten. Wittener Schriften, schlütterscher Verlag

25 Halek, M. und Bartholomeyczik, S. (2006): Verstehen und Handeln, Forschungsergebnisse zur Pflege von Menschen mit Demenz und herausforderdem Verhalten. Wittener Schriften, schlütterscher Verlag

26 Ballard C.G. et al. (2001): a 1-year follow-up study of behavioural and psychological symptoms indementia among people in care environments. Journal of Clinical Psychiatry 62(8): 631 - 636

27 Halek, M. und Bartholomeyczik, S. (2006): Verstehen und Handeln, Forschungsergebnisse zur Pflege von Menschen mit Demenz und herausforderdem Verhalten. Wittener Schriften, schlütterscher Verlag

28 Kastner U. und Löbach. R (2007).: Handbuch Demenz. Urban und Fischer

29 Cohen-Mansfield, J. (1996): Behavioral and mood evaluations. Assessment of agitation. International Psychogeriatrics 8(2) 233 - 245

30 Ballard C.G. et al. (2001): a 1-year follow-up study of behavioural and psychological symptoms indementia among people in care environments. Journal of Clinical Psychiatry 62(8): 631 - 636

31 Hope, T. (2001): Wandering in dementia: a longitudinal study. International Psychogeriatrics 13: 137 - 147

32 Halek, M. und Bartholomeyczik, S. (2006): Verstehen und Handeln, Forschungsergebnisse zur Pflege von Menschen mit Demenz und herausforderdem Verhalten. Wittener Schriften, schlütterscher Verlag

33 Beck, C.K. (1998): Correlates of disruptive behavior in severely cognitively impaired nursing home residents. Gerontologist 38)2): 189 - 198

34 Halek, M. und Bartholomeyczik, S. (2006): Verstehen und Handeln, Forschungsergebnisse zur Pflege von Menschen mit Demenz und herausforderdem Verhalten. Wittener Schriften, schlütterscher Verlag

35 Gauggel, S. und Böcker, M. (204): Neuropsychologische Grundlagenforschung bei dementiellen Erkrankungen. Zeitschrift für Gerontopsychologie und –psychiatrie, 17

36 Halek, M. und Bartholomeyczik, S. (2006): Verstehen und Handeln, Forschungsergebnisse zur Pflege von Menschen mit Demenz und herausforderdem Verhalten. Wittener Schriften, schlütterscher Verlag

37 Halek, M. und Bartholomeyczik, S. (2006): Verstehen und Handeln, Forschungsergebnisse zur Pflege von Menschen mit Demenz und herausforderdem Verhalten. Wittener Schriften, schlütterscher Verlag

38 Sloane, P.D. et al. (1997): Management of the patient with disruptive vocalization. Gerontologist 37(5): 675 - 682

39 Johansson K. et al. (2004): Picking behaviour in cognitively impaired residents in geriatric setting: prevalence of the behaviour and characteristics of the residents. Scandinavian Journal of Caring Science 18: 12 - 18

40 Kastner U. und Löbach. R (2007).: Handbuch Demenz. Urban und Fischer

41 Jackson, M.E. et al. (1997): Risk of behaviour problems among nursing home residents in the united States. Journal of Aging and Health 9(4): 451 - 472 Demenzpflegetheorie 24 Diplomarbeit INAG, 2008 von Judith Dominguez

42 McKeith, I. und Cummings, J. (2005): Behavioural changes and psychological symptoms in dementia disorders. Lancet Neurology 4(11): 735 - 742

43 Halek, M. und Bartholomeyczik, S. (2006): Verstehen und Handeln, Forschungsergebnisse zur Pflege von Menschen mit Demenz und herausforderdem Verhalten. Wittener Schriften, schlütterscher Verlag

44 Lind, S. (2003): Demenzkranke Menschen pflegen, Grundlagen, Strategien und Konzepte. Hans Huber Verlag

45 Lind, S. (2003): Demenzkranke Menschen pflegen, Grundlagen, Strategien und Konzepte. Hans Huber Verlag

46 Cohen-Mansfield, J. (2001): Nonpharmacologic interventions for inappropriate behaviors in dementia: a review, summary, and critique. The American Journal of Geriatric Psychiatry 9(4): 361 - 381

47 Tappen, R.M. et al. (1999): Persistence of slef in advanced Alzheimers disease. Image J. Nurs Sch 31: 121 - 125

48 Schlimmer, J. und Kropp, S. in Emrich, H. und Schneider, U. (Hrsg.) (2005): Geist, Psyche und Gehirn. Peter Lang Europäischer Verlag der Wissenschaften.

49 Koch, Ch. (2005): Bewusstsein, ein neurobiologisches Rätsel, Spektrum

50 Schlimmer, J. und Kropp, S. in Emrich, H. und Schneider, U. (Hrsg.) (2005): Geist, Psyche und Gehirn. Peter Lang Europäischer Verlag der Wissenschaften.

Details

Seiten
25
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640183913
ISBN (Buch)
9783640184118
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v116522
Institution / Hochschule
Institut Universitaire Kurt Bösch – Universitäres Institut Alter und Generationen (INAG)
Schlagworte
Demenzpflegetheorie Ansätze Entwicklung Mikrotheorie Menschen Demenz Verhaltenssymptomen Interdisziplinäre Gerontologie

Autor

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Titel: Demenzpflegetheorie - Ansätze für die Entwicklung einer Mikrotheorie für Menschen mit schwerer Demenz und Verhaltenssymptomen