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Das Engelsche Gesetz und seine empirische Evidenz

Examensarbeit 2008 75 Seiten

VWL - Mikroökonomie, allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitende Gedanken und Hinführung zum Thema

2. Das Leben und Schaffen Ernst Engels
2.1 Biographischer Abriss seines Lebens
2.2 Ernst Engel und die Statistik

3. Der Weg zum Engelschen Gesetz
3.1. Folgerungen Engels aus den Statistiken von Ducpétiaux
3.2. Folgerungen Engels aus den Statistiken von Le Play
3.3. Engels Darstellung der Gesetzmäßigkeit

4. Darstellung des Engelschen Gesetzes
4.1 Engelkurven
4.2 Einkommenselastizitäten und ihre Unterschiede

5. Die Statistiken des Zusammenhangs zwischen Einkommen und Konsum
5.1 Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung
5.2 Die laufenden Wirtschaftrechnungen
5.3 Die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe
5.3.1 Allgemeines zur Durchführung des EVS
5.3.2 Ergebnisse der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe 2003
5.4 Vergleich und kritische Analyse der Möglichkeiten

6. Empirische Überprüfung des Engelschen Gesetzes
6.1 Zeitreihenanalysen
6.2 Weitere Ergebnisse aus empirischen Daten
6.2.1 Ergebnisse für Europa
6.2.2 Ergebnisse für die USA

7. Fazit und Ausblick

II. Tabellenverzeichnis

III. Abbildungsverzeichnis

IV. Anhang

V. Literaturverzeichnis

ІI. Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Konsumausgaben der Arbeiter in Bernival 1853

Tabelle 2: Vergleich der prozentualen Konsumausgaben in Abhängigkeit der gesamten Konsumausgaben für die belgischen Provinzen Brabant und Hennegau der dort ansässigen Arbeiter des Jahres 1853

Tabelle 3: Konsumausgaben der Arbeiter in London 1853

Tabelle 4: Budgets der Ausgaben mitgeteilt von Le Play

Tabelle 5: Konsumptionszweck im Verhältnis mit dem Einkommen von Arbeitern

Tabelle 6: Gesamtes jährliches Einkommen einer Familie in Francs verglichen mit Ausgaben für Nahrung in Prozent daran

Tabelle 7: Einkommenselastizitäten für das Jahr 1989

Tabelle 8: Einkommenselastizitäten verschiedener Güter

Tabelle 9: Konsumausgaben privater Haushalte 1998 und 2003

Tabelle 10: Struktur der privaten Haushalte für den privaten Verbrauch; Ergebnisse der EVS 1988

Tabelle 11: Vergleich des BIP pro Kopf der Beitrittsländer von 2004

Tabelle 12: Konsumausgaben der Haushalte in % des BIP pro Kopf in KKS und BIP pro Kopf in KKS

ІII. Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Ernst Engel

Abbildung 2: Abbildung 2: Nahrungsmittelausgaben beim Einkommen in 100 Francs verglichen mit den Nahrungsmittelausgaben

in % der Konsumausgaben

Abbildung 3: Einkommens-Konsum-Kurve

Abbildung 4: Engelkurven

Abbildung 5: Möglicher Verlauf einer Engelkurve

Abbildung 6: Engelkurven für drei verschiedene Produktgruppen

Abbildung 7: Verwendungskomponenten des BIP der 25 EU-Staaten im Jahr

Abbildung 8: Struktur der Konsumausgaben nach Einkommenspositionen in % in Westdeutschland

Abbildung 9: Ausgaben privater Haushalte in Westdeutschland nach Ausgabenkategorien 1962-2003 in %

Abbildung 10: Haushaltsausgaben für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke, 2004

1. Einleitende Gedanken und Hinführung zum Thema

Der Zusammenhang zwischen dem Einkommen eines Privathaushaltes und seinen Konsumausgaben, insbesonders für Nahrung, beschäftigt schon seit Jahrhunderten die Wirtschaftsstatistik. Ernst Engel hat 18571 zum ersten Mal schriftlich festgehalten, dass je höher das Einkommen einer Person oder Familie ist, desto kleiner ist der Anteil der Ausgaben, den sie für Ernährung ausgeben müssen. Ebenso gilt in diesem Fall die Umkehrung, das heißt also, je höher die prozentualen Ausgaben eines Haushaltes für Ernährung sind, desto kleiner ist das gesamte Einkommen dieses Privathaushaltes. Das Gesetz, das sich daraus entwickelt hat, steht im Mittelpunkt dieser Arbeit.

Aber nicht nur Engel hat sich Gedanken zu dem Zusammenhang Einkommen – Konsumausgaben gemacht, sondern zum Beispiel auch John Maynard Keynes, allerdings mehr für makroökonomie Zwecke. In seiner “General Theory of Employment, Interest and Money” von 1936 schreibt er: "The amount that the community spends on consumption obviously depends

(i) partly on the amount of its income,
(ii) partly on the other objective attendant circumstances, and
(iii) partly on the subjective needs and the psychological propensities and habits of the individuals composing it and the principles on which the income is divided between them (...).2

Da Keynes annimmt, dass sich die unter (iii) genannten Neigungen und Gewohnheiten kurzfristig nicht ändern, ebenso wie erwartete Umstände bei (ii), geht er davon aus, dass kurzfristige Veränderungen der Verbrauchergewohnheiten hauptsächlich durch Einkommensveränderungen hervorgerufen werden. Jedoch sind die Ausmaße der Veränderungen nicht äquivalent, da er vermutet, dass durch höheres Einkommen auch die Sparquote ansteigt. Keynes bezeichnet diese Erkenntnis als „Fundamental Psychologisches Gesetz“: „We take it as a fundamental psychological rule of any modern community that, when its real income is increased, it will not increase its consumption by an equal absolute amount (...). The fundamental psychological law, upon which we are entitled to depend with great confidence both a priori from our knowledge of human nature and from the detailed facts of experience, is that men are disposed, as a rule and on the average, to increase their consumption as their income increases, but not by as much as the increase in their income."3

Damit hat auch Keynes festgestellt, dass bei einer Steigerung des Einkommens die Konsumausgaben nicht im gleichen Umfang zunehmen, wie im weiteren Verlauf der Arbeit noch gezeigt werden wird.

Die Aktualität des Zusammenhangs zwischen Einkommen und Ausgaben zeigt sich besonders in Situationen, wie in der Bundesrepublik Deutschland Ende Juli, Anfang August 2007, in der die Preise für Milchprodukte wie Butter dramatisch gestiegen sind – zum Teil über 50% des vorherigen Preises. Je höher die Ausgaben für Nahrungsmittel sind, desto weniger kann für Kleidung und vor allem auch Freizeitaktivitäten, wie zum Beispiel Urlaub ausgegeben werden oder auch gespart werden. Natürlich bedeutete in Deutschland das Anziehen der Butterpreise nicht sofort ein Erlahmen der Urlaubsnachfrage, oder das sofortige Kündigen von Lebensversicherungen in der Bevölkerung. Wären allerdings mehr Bereiche der Ernährung von den Preiserhöhungen betroffen gewesen, so hätte man sicher größere Konsequenzen ausmachen können, als nur das leichte Ansteigen der Inflation in der BRD von 1,8 % im Juni zu 1,9 % im Juli 2007.

Im Laufe der Zeit hat sich vor allem in der Mirkoökonomie der Name „Engelsches Gesetz“ eingebürgert. Aber nicht nur Engel, in seiner Eigenschaft als Statistiker in Sachsen, hat sich mit diesem Phänomen auseinander gesetzt, sondern vor allem wirtschaftliche Institute, wie das Statistische Bundesamt in Deutschland.

Sidney W. Mintz beispielsweise begründete sein Interesse an diesem Thema dadurch: “(...) the need for food is far more powerful and insistent than the sex drive.“4 Dadurch wurde das Engelsche Gesetz zu einem der am besten belegten empirischen Gesetzmäßigkeit der Volkswirtschaft.

Nachfolgend wird im zweiten Kapitel der Arbeit in einem kurzen biographischen Abriss auf das Leben Ernst Engels eingegangen und auf seine Arbeit als Statistiker. Kapitel 3 beschäftigt sich mit der Entwicklung des Engelschen Gesetzes. Im darauf folgenden 4. Abschnitt der Arbeit wird das Gesetz vorgestellt und besonders auf Engelkurven und Einkommenselastizitäten eingegangen. Kapitel 5 befasst sich mit den Möglichkeiten der statistischen Erfassung von Einkommen und Konsum in Deutschland, voraufhin im 6. Abschnitt umfangreiche empirische Untersuchungen und Analysen über das Engelsche Gesetz und seine empirische Evidenz dargebracht werden. Den Abschluss bildet ein Fazit zur Abrundung in Kapitel 7.

2. Das Leben und Schaffen Ernst Engels

2.1 Biographischer Abriss seines Lebens

Christian Lorenz Ernst Engel wurde am 26. März 1821 in Dresden geboren. Von 1842 bis 1845 studiere er in Freiberg Berg- und Hüttenwesen. Nach erfolgreicher Beendigung seines Studiums unternahm er in den folgenden Jahren mehrere größere Reisen, unter anderem nach Belgien, England und Frankreich, um dort das ansässige Hütten- und Bergwesen genauestens kennen zu lernen. Besonders in den Jahren 1846 und 1847 beschäftigte er sich eingehend mit theoretisch-technischen und wissenschaftlichen Studien in Paris zu seinem Thema. Während seiner Reise nach Paris lernte er dort auch den Astronomen und Mathematiker Adolphe Quetelét kennen. Dieser hatte 1835 mit seinem Werk „Sur l’homme“ der damals modernen amtlichen Statistik seinen Stempel aufgedrückt. Engel war von Quetelét so begeistert, dass er dabei selbst sein Interesse an der Statistik entdeckte und so zu einem der einflussreichsten amtlichen Statistiker des 19. Jahrhunderts avancierte.5

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1848 ereilte ihn der Ruf des damaligen königlich sächsischen Ministeriums des Inneren aus seiner Heimatstadt, wohin er dann auch zurückkehrte. Als studierter Ingenieur richtete er um 1850 die allgemeine deutsche Gewerbeausstellung in Leipzig ein. Hierbei war er so erfolgreich, dass er, noch im gleichen Jahr zum Büroleiter des neu gegründeten Königlich Sächsischen Statistischen Bureaus, hervorgegangen aus dem Statistischen Verein Sachsen, befördert wurde.6 Um sich eingehender mit der Materie der amtlichen Statistik vertraut zu machen, begab er sich 1851 zu Bildungsreisen

Abbildung 1: Ernst Engel Quelle: Schmidt (2006), S. 35 nach London, Paris und Brüssel. Er holte sich dort Anregungen für seine Arbeit in Sachsen und lernte dabei die Arbeitsweisen der dort ansässigen statistischen Behörden kennen. Vom 1. Juni 1857 ab erhielt er zudem die Stellung des Vorstandes des Bureaus. Von beiden Posten trat er jedoch im August 1858 zurück, unter anderem weil er sich den Unmut seiner Vorgesetzten zugezogen hatte und bei einer Diskussion im sächsischen Parlament sein Antrag auf Erhöhung seiner Bezüge abgeschmettert wurde; seinen Mitarbeitern allerdings wurde das Salär erhöht. Das sächsische

Innenministerium verlor damit auf Grund von „(…) kleingeistigen Intrigen (…) eine Persönlichkeit mit besonderen intellektuellen Fähigkeiten.“7

Er schied als Regierungsrat aus dem sächsischen Staatsdienst aus und wandte sich dem Gebiet des Realkredits zu, bis er, durch den Tod des bisherigen Direktors des Königlich Preußischen Statistischen Bureaus in Berlin, vom 1. April 1860 an, zu dessen Nachfolger berufen wurde. Engel trug fortan den Titel eines geheimen Regierungsrates dritter Klasse und bekleidete diese Funktion als Leiter im zweitältesten Bureau Deutschlands bis zum 1. Juli 1882. 1883 wurde Engel zum geheimen Oberregierungsrat zweiter Klasse befördert. Während seiner 22 Jahre währenden Leitung gelang es ihm, unter anderem, die preußische statistische Landeszentralstelle in nahezu perfekter Weise zu führen.8 Weitere Umgestaltungen und Änderungen innerhalb des statistischen Bureaus zählen ebenfalls zu seinen erwähnenswerten Leistungen. Dabei war alles auf schnellere, effizientere und vor allem mathematische Abläufe innerhalb seiner Behörde ausgerichtet.

Neben seiner Tätigkeit in Sachsen und Preußen und dem damit verbunden Interesse in statistischen Erhebungen über die damaligen Königreiche, zählte auch die internationale Statistik zu den Forschungsfeldern Engels. Seine Begeisterung zeigte er unter anderem dadurch, dass er Mitbegründer des „Internationalen Statistischen Kongresses“ war und sich an allen Versammlungen überaus rege beteiligte.

Da Engel seine politische und wirtschaftspolitische Überzeugung im Laufe der Jahre immer deutlicher zum Ausdruck brachte, war er als Konsequenz auch von 1867 bis 1870 als Mitglied der Nationalliberalen Partei im Preußischen Abgeordnetenhaus vertreten.

Nachdem er jedoch schon seit Jahren an einem organischen Herzfehler gelitten hatte, ereilte ihn das Schicksal 1877 schwer. Er erkrankte an einer Brustfell- und rheumatischen Rippenfellentzündung, die zusammen mit seinem Herzleiden immer chronischer wurde, woraufhin er am 1. April 1882 von seinem Dienst beurlaubt wurde. Er ersuchte daraufhin um Entlassung aus dem Staatsdienst, was auch zum 1. Juli 1882 geschah. Ernst Engel verstarb am 8. Dezember 1896 in Serkowitz bei Dresden, heute Ortsteil von Radebeul,9 wo er auch seinen Lebensabend verbrachte.

2.2 Ernst Engel und die Statistik

Engel selbst betrachtete die Statistik mit ambivalenten Gefühlen. Einerseits sei sie vollends eine selbständige Wissenschaft, die unabhängig von anderen Bereichen agieren kann, auf der anderen Seite steht sie aber auch im Dienste aller anderen Wissenschaften, wozu er auch Verwaltungswissenschaften und Verwaltungspolitik zählte. In seinen Untersuchungen waren statistische Massenbeobachtungen die Grundlage statistischer Tätigkeit und bei allen seinen Forschungen und Erklärungen legte er naturwissenschaftliche Methoden zu Grunde. Dabei berechnete er zumeist durchgängig prozentuale Verhältnisse, was damals noch recht unüblich war.10

Anhand zweier Leitsätze kann man die Statistik Engels beschreiben. Zum einen „Kenntnis ist Macht“, was man so verstehen kann, dass er alle möglichen vorhandenen Daten und Fakten über das Staats- und Volkswesen sammeln wollte, um dadurch möglichst genaue Aussagen treffen zu können.11 Die andere Devise lautete: „Das befruchtende Element der Statistik ist die Öffentlichkeit“. Er eröffnete zum Beispiel alle statistischen Publikationen während seines Wirkens in Sachsen mit diesem Satz. Damit ist aber nicht nur gemeint, dass Statistik erst dann an Bedeutung gewinnt, wenn sie veröffentlich wird, sondern auch, dass Engel die Öffentlichkeit dringend benötigte, um seine Statistiken zu erstellen. Beispielsweise bei den großen Volkszählungen in Sachsen, die ab 1855 in dreijährigem Abstand durchgeführt wurden und zu den Hauptaufgaben und Hauptanliegen Engels zählten. Da seine Behörde nur ein sehr kleines Budget zur Verfügung hatte, um diese Zählung durchzuführen, war er auf Hilfe aus der Bevölkerung angewiesen. Zum Beispiel beim Einsammeln der so genannten „Haushaltungslisten“, in die jeder Haushalt seine Einnahmen und Ausgaben eintragen musste und die dann zentral im statistischen Büro ausgewertet wurden.

Diesen zwei Prinzipien, denen er sich von Beginn seiner statistischen Untersuchungen an bediente, blieb er bis zu seiner letzten Forschung treu. Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen zählt aus dem Jahre 1852 das Quellenwerk „Statistische Mitteilungen aus dem Königreich Sachsen“, womit er an der Universität Tübingen den Titel eines Doktors in den Staatswissenschaften erlangte.12 Aber auch viele weitere Artikel in veröffentlichten Zeitschriften des statistischen Bureaus in Preußen entstanden unter seiner Federführung. Im Jahre 1857 verfasste Engel seinen wahrscheinlich bedeutensten Aufsatz. Oberflächlich ging es darin um die Ergebnisse der Erhebung von 1855 über die Produktions- und Konsumtionsverhältnisse in Sachsen. Bei genauerem Betrachten dieser Arbeit konnte man jedoch Erkennen, dass Engel weniger die dort erhofften sächsischen Zahlen erläutert, sondern vielmehr die Daten von französischen und belgischen Statistikern über die Einnahmen- und Ausgabenbudgets von Arbeiterfamilien. Er wollte damit sein so genanntes „Gesetz der Dichtigkeit“ bestätigen.13 Betrachtet man diesen Widerspruch, dass der Chefstatistiker für seine Arbeit statt der Daten, die über zwei Jahre lang ausgewertet wurden, um sie in druckbare und anschauliche Form zu bringen, einfach irgendwelche anderen Statistiken heranzieht, um seinen Aufsatz zu schreiben, kann man unter Umständen die Gründe ersehen die 1858 zu Engels Rücktritt in Sachsen geführt haben. Immer öfter hat er persönliche Meinungen in amtliche Publikationen integriert und sich so den Unmut der Abgeordneten und der Regierung in Sachsen zugezogen. Nichtsdestotrotz hat Engel durch sein Wirken das sächsische statistische Bureau zu einer international angesehen Einrichtung gemacht.14

Damit man erkennt, was schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts unter Statistik zu verstehen war, muss man die von Engel ab 1860 veröffentliche „Zeitschrift des königlich preußischen statistischen Bureaus“ genauer betrachten. Sie erschien in den folgenden Jahren immer mit unterschiedlichen Titeln, zum Beispiel 1862 „Jahrbuch für die amtliche Statistik des preußischen Staates“, und wurde von 1864 an mit „Ergänzungsheften zur Zeitschrift“ unterstützt. Engel und seine Mitarbeiter dokumentierten in diesen neun Ergänzungen ihre Erkenntnisse über die Handels- und Preisstatistik, das Versicherungswesen, die Finanzstatistiken der Gemeinden und Kreise in Preußen, die Statistik des Reichsheeres und der öffentlichen Volksschulen. Nach Gründung des neuen Deutschen Reiches im Jahr 1871 verlor jedoch Engels statistisches Bureau in Preußen mehr und mehr an Bedeutung.

Zuvor, im Jahre 1870, rief Engel noch die neuorganisierte „Preußische Statistische Generalkommission“ ins Leben. Sie war die fachlich höchste beratende Behörde in Preußen. Mit Hilfe der Generalkommission sollte das Zusammenwirken aller Zweige der Staatsverwaltung so geregelt werden, dass auf allen Gebieten, auf denen die Statistik zuständig war, eine einheitliche Erhebung bei der Ermittlung von statistischen Daten gewährleistet war. Dadurch sollte auch der Leiter der statistischen Behörde in seiner Arbeit unterstützt werden.15

Auch im Ruhestand führte Engel seine wissenschaftlichen Untersuchungen weiter fort, oftmals mit allerletzter Kraft. Besonderes Augenmerk legte er dabei auf die Messung der Familien- und Volkswohlfahrt, auf die Lebenshaltungskosten der verschiedenen Bevölkerungsklassen und deren Haushaltsbudgets. Unter anderem auch aus diesen Studien folgerte Engel, dass die Grundlage menschlichen Tuns in seinem Verbrauch begründet liegt, was er unter dem Begriff der „Konsumtion“ zusammenfasste. Diese Tatsache zu ändern „sollte das Schlusswerk seines Lebens sein“. Bis in seine letzten Lebensstunden hinein sorgte er sich um das, was noch getan werden müsste. Das letzte Ergebnis am Ende seines Lebens war eine Arbeit über die „Lebenskosten belgischer Arbeiter-Familien früher und jetzt“.

Um abschließend noch den leitenden Gedanken in Engels Leben über die von ihm innig geliebte Statistik zu erwähnen, kann man ein Zitat von ihm verwenden: „Wer nicht von rücksichtslosem und unerschrockenem Streben nach Wahrheit beseelt ist, in wem nicht Ordnung und Fleiß zu Fleisch und Blut geworden ist, der lasse ab vom Studium der zur Naturlehre der menschlichen Gemeinschaft erhobenen Statistik. Er hilft ihr nichts, und sie hilft ihm nichts.“16

3. Der Weg zum Engelschen Gesetz

Der Zusammenhang zwischen Einkommen und Konsumausgaben für Ernährung, wie er im Engelschen Gesetz beschrieben wird, ist fast universell gültig. Der deutsche Statistiker Ernst Engel war im Jahr 1857 der Erste, der diese Gesetzmäßigkeit auch nieder geschrieben hat. Obwohl er in seinem Aufsatz hauptsächlich auf die Produktions- und Konsumtions- verhältnisse in Sachsen eingegangen ist. Er wollte dadurch das so genannte „Gesetz der Dichtigkeit“ für das damalige Königreich Sachsen belegen. Demnach besteht genau dann Gleichheit zwischen Produktion und Konsum, wenn „(…) bei der Zahl der Bewohner auf einer gegebenen Fläche (…) alle Hände Arbeit und alle Münder Nahrung haben“17.

Engel unterteilte die Konsumtion in zwei Teile. Die produktive Konsumtion verbraucht materielle Güter jeglicher Art, um sie zu Gütern mit höherem Wert zu verwandeln, bei der unproduktiven Konsumtion findet der Verbrauch statt, ohne dass sich der Wert des Gutes in Gütern höherer Wertigkeit wiederfindet. Damit erhöht die produktive Konsumtion das Volksvermögen, die unproduktive vermindert es.

Davon ausgehend untersuchten Engel und seine Mitarbeiter die Ausgaben für die einzelnen Untergruppen, in die sowohl Produktion als auch Konsumtion eingeteilt waren: Nahrung, Kleidung, Wohnung, Heizung und Beleuchtung, Geräte und Hilfsmittel zur Arbeit, Bildung, öffentliche Sicherheit, Gesundheitspflege und persönliche Dienstleistungen. Sie wollten dabei herausfinden, ob das Konsumverhältnis der Guppenteile konstant war. Die Statistiken, die für diese Untersuchung benutzt wurden, stammten jedoch nicht aus Sachsen, sondern zum einen aus dem Werk „Budgets économiques des classés ouvrieres in Belgique“ des belgischen Journalisten Edouard Ducpétiaux von 1855, die anderen Daten veröffentlichte der Franzosen Le Play 1855 unter: „Les ouvriers européen“.18

3.1. Folgerungen Engels aus den Statistiken von Ducpétiaux:

Ducpétiaux untersuchte in den neun Provinzen Belgiens die einzelnen Gemeinden und Städte. Dort teilte er die Bevölkerung in drei oder mehr Schichten nach der Größe des Einkommens ein, wie in Tabelle A. 1 des Anhangs ersichtlich ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach Engel (1857), S. 157

Als Beispiel kann hier die Stadt Bernival in der Provinz Brabant genannt werden, in der es Schnitter, Papiermacher und Schiefermacher zu unterscheiden gab. Wie aus Tabelle 1 ersichtlich ist, gab ein Schnitter im Jahr 1853 gesamt 473,00 Francs für Konsum aus und musste davon 301,00 Francs für Nahrung aufwenden, was 63,6 % der Ausgaben entspricht. Beim Papiermacher mit höherem Einkommen sind es 62,8 % und beim Schieferbrecher nur 55,8 %, trotz einer weiteren Steigerung des Einkommens.

In der folgenden Tabelle 2 ist das Ergebnis des Vergleichs von Arbeitern aus zwei belgischen Provinzen des Jahres 1853 abgebildet, wie man es aus den Tabellen von Engel entnehmen kann. Ein besonderer Unterschied zu aktuellen Statistiken sind dabei die enorm hohen Nahrungsmittelausgaben. In den Ausgabengruppen zwischen 0 und 1200 Francs wurden über zwei Drittel des Einkommens für Ernährung ausgegeben. Heutzutage wird nicht einmal mehr als ein Viertel des Einkommens für den gleichen Zweck aufgewendet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach Engel (1857), S. 157 – 161

Insgesamt lässt sich aber mit Tabelle 2 das Engelsche Gesetz bestätigen. Die Nahrungsmittelausgaben nehmen mit steigender Einkommensgruppe prozentual ab, von 77,8 % auf 62, 45 %, was einem Absinken um 19,73 % zwischen der einkommensstärksten und einkommensschwächsten Gruppe entspricht. Besonders dramatisch ist jedoch der Anstieg der Ausgaben für Kleidung und Schuhe, wenn man das Ergebnis der Tabelle 2 mit anderen Statistiken vergleicht. 1853 sind diese Ausgaben um 163,5 % zwischen den Einkommensgruppen angestiegen, während man aus Tabelle F. 2 nur einen Anstieg um 23,1 % errechnen kann und aus Tabelle C. 1 im Anhang 31,9 %. Erklären lässt sich diese Tatsache vor allem durch die unterschiedlichen Gegebenheiten in der Mitte des19. Jahrhunderts und in der Gegenwart.

Zusammenfassend kann aber festgehalten werden, dass sich schon hier der Zusammenhang des „Engelschen Gesetzes“ zeigt, das, wie im weiteren Verlauf der Arbeit noch zu sehen sein wird, von vielen weiteren Studien zum Ausgabenverhalten von Haushalten, unter anderem auch bis in die Gegenwart untersucht wurde und noch immer untersucht wird.

3.2. Folgerungen Engels aus den Statistiken von Le Play:

Jedoch nicht nur beim Vergleich dieser beiden belgischen Provinzen aus den Statistiken von Edouard Ducpétiaux kann man die Engelsche Gesetzmäßigkeit bestätigen, sondern zum Beispiel auch aus den Erhebungen von Le Play.

Er beschränkte seine Ausführungen zu den Budgets der Ausgaben von Arbeitern nicht nur auf ein Land, wie dies Ducpétiaux tat, sondern dehnte sie auf ganz Europa aus. Nomadenvölker, russische, skandinavische, englische, französische und zentraleuropäische Arbeiter wurden betrachtet, wie auch Arbeiter in den Grenzländern von Frankreich. Die Aufteilung der Ausgabengruppen orientiert sich bei Le Play fast genau an Ducpétiaux, nur fehlt bei ihm die Gruppe der persönlichen Dienstleistungen. Die unterschiedlichen Einkommensgruppen richteten sich individuell nach den in dem Land mehrheitlich ansässigen Arbeitsgruppen. In England zum Beispiel vor allem Messerschmiede, in Frankreich landwirtschaftliche Tagesarbeiter oder in Genf Uhrmacher.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach Engel (1857), S. 164

Aber auch regional gab es unterschiedliche Erkenntnisse. Musste ein Messerschmied in London, wie aus Tabelle 3 und im Anhang B. 1, unter den Nummern 22 und 23 zu errechnen ist, nur 52,1 % seiner Ausgaben für Nahrung aufwenden, musste ein Schmied in Sheffield 57,3 % seiner Aufwendungen für Ernährung ausgeben. Aber auch mit vielen weiteren Berechnungen aus den Le Play`schen Daten kann man das Engelsche Gesetz nachweisen.19 Ausgehend von den Betrachtungen der eben erläuterten Daten legte Engel dar, dass Nahrung ein Bedürfnis erster Ordnung für jeden Menschen ist, gefolgt von Kleidung und Wohnung. Unterstützt durch diese These, aber vor allem „auf dem Wege echter Induction“, wie Engel schreibt, kommt er zu dem Satz, „dass je ärmer eine Familie ist, einen desto größeren Anteil von der Gesamtausgabe muss zur Beschaffung der Nahrung aufgewendet werden (…)“ und damit zu seinem Gesetz. Als Induction bezeichnet er dabei das Erkennen eines Gesetzes durch die Zusammenstellung von Tatsachen und Beobachtungen.20

Diese Erkenntnis lässt sich auch bei der Betrachtung der Tabelle B. 2 des Anhangs bestätigten. Hier sind im oberen Teil die Ausgaben in Francs für die unterschiedlichen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Arbeiter in den sieben europäischen Regio- nen des Jahres 1853 aufgelistet. Im unteren Teil der Tabelle sind dazu die Werte in Ab- hängigkeit der gesamten Konsum- ausgaben in Prozent dargestellt. In der ne- benstehenden Tabelle

Quelle: Eigene Darstellung nach Engel (1857), S. 163 f.

4 ist nur die Ausgabenstruktur der russischen Arbeiter dargestellt und das für nur vier Komponenten der Nachfrage, ein Auszug aus Tabelle B. 2. Besonders bei diesen Arbeitern zeigt sich das Engelsche Gesetz. Die Ausgaben der Nahrungsmittel steigen absolut von 392,05 Francs auf 863,92 Francs, was einem Anstieg von 120 % entspricht, die gesamten Konsumausgaben sind sogar um 236,4 % auf 2551,67 Francs angestiegen. Auch hier zeigt sich also ein unterproportionaler Anstieg der Nahrungsmittelausgaben. Betrachtet man weiter die prozentualen Werte, so sind die Ausgaben dieser Gruppe von 51,7 % der Gesamtausgaben für Zimmermänner auf 33,9 % bei den leibeigenen Bauern um 34,4 Prozentpunkte zurückgegangen. Etwas überraschend ist auch der dramatische Rückgang der Ausgaben für Erziehung. Trotz der bereits berechneten Steigerung der Konsumausgaben insgesamt um 236 % zwischen den vier Arbeitergruppen, sind die Erziehungsausgaben um 57 % zurückgegangen. Dafür sind die Ausgaben für die öffentliche Sicherheit um fast 674,1 % gestiegen.

Beim Vergleich von Ausgaben und Einnahmen der russischen Arbeiter kann festgestellt werden, dass nur die zwei einkommensschwächsten Gruppen aus Tabelle 4 weniger ausgaben, als sie einnahmen. Die beiden Gruppen der Bauern nahmen, wie Engel (1857) aus den Daten von Le Play folgert, genau so viele Francs ein, wie sie ausgaben. Begründen kann man diese Tatsache dadurch, dass ihre Vermögensentwicklungen im Vergleich zu den Schmieden, Zimmermännern und Köhlern, den Herstellern von Holzkohle aus Holz, deutlich positiver verlaufen waren und sie deswegen so hohe Ausgaben tätigen konnten. Engel zählte in seiner Arbeit zu den Einnahmequellen der Arbeiter den Lohn aus dem Hauptgewerbe und den Nebenerwerbszweigen, ebenso wie Subventionen und Renten aus beweglichem und unbeweglichem Eigentum. Ein russischer Zimmermann konnte damals 815,62 Francs an Einnahmen verzeichnen und gab davon 48,1 % für Ernährung aus. Bei Schmieden und Köhlern betrugen die Einnahmen 1165,77 Francs, wovon 45,9 % für Lebenmittel verwendet wurden.21 Wenn noch die Werte der Bauern und Wanderer – 46,3 % - und der leibeigenen Bauern – 33,9 % - zugezogen werden, die in der Tabelle 4 angegeben sind, erkennt man auch bei diesem Vergleich die Gesetzmäßigkeit Engels, auch wenn der Wert für Schmiede und Köhler etwas aus der Reihe fällt.

Wenn man wieder die gesamte Tabelle B.2 betrachtet, kann man auch bei den Arbeitergruppen in den anderen Regionen generell den Trend feststellen, dass die prozentualen Ausgaben für Nahrungsmittel mit steigenden Gesamtausgaben und damit verbundenem höheren Einkommen, zurückgegangen sind. Es zeigt sich also auch hier, bei den Zahlen von 1853, das Engelsche Gesetz, jedoch nicht so eindeutig wie bei den Arbeitern aus Russland. Beispielsweise in Skandinavien fielen die Ausgaben von 74,2 % auf 74,0 %, obwohl die Gesamtausgaben um 15 % gestiegen sind. Auch bei den Arbeitern in den französischen Grenzländern fielen die Nahrungsmittelausgaben prozentual gesehen vom Weber von 69,2 % zum Uhrmacher 1. Klasse mit 47,4 %. Nur die Arbeitergruppe der Waffenschmiede musste trotz höchstem Einkommen in dieser Region deutlich mehr für Nahrungsmittel aufwenden.

Jedoch muss man bei diesen Berechnungen auch die unterschiedlichen körperlichen Beanspruchungen berücksichtigen, die auch zu verschieden großer Nachfrage nach Nahrung führen. Musste ein Waffenschmied meist unter großer Hitze körperliche Schwerstarbeit verrichten, waren die körperlichen Belastungen eines Uhrmachers sicher weniger groß. Unter anderem auch wegen dieser Tatsache ist die Statistik von Le Play nicht ganz so gut geeignet, das Engelsche Gesetz zu bestätigen, da keine einheitlichen Voraussetzungen zwischen den Einkommensgruppen gegeben sind.

3.3. Engels Darstellung der Gesetzmäßigkeit

Durchschnittlich 65,83 % aller Ausgaben muss eine Familie mit drei Kindern in Belgien in dieser Zeit für die Ernährung ausgeben, wobei Engel auch diesbezüglich erklärte, dass dieses Verhältnis keineswegs ein Konstantes sei, aber Nahrungsausgaben zusammen meist deutlich mehr als alle anderen Ausgaben zusammen ausmachten. Warum aber hat Engel für seinen Aufsatz nicht auch Statistiken aus Sachsen verwendet, was sicherlich zu keinerlei Diskussion über seine Arbeit geführt hätte? Er betrachtete die Verhältnisse in Sachsen als sehr ähnlich mit denen in Belgien und empfand es deshalb als überflüssig, auch noch sächsische Daten zu erheben.

Viel mehr unterstreicht er sein Gesetz durch zwei weitere Statistiken und fordert darüber hinaus den Leser seines Artikels auf, jeder solle durch Betrachtung seiner eigenen Wirtschaft diesen Zusammenhang bestätigen, wenn man das Ergebnis mit anderen Bevölkerungsschichten vergleicht. Tabelle 5 vergleicht den Konsumtionszweck mit dem Prozentverhältnis der Ausgaben von Arbeiterfamilien, Familien des Mittelstandes und Familien des Wohlstandes. Mussten Arbeiterfamilien in Belgien und Sachsen 61,0 %, bzw. 62,0 %, der Ausgaben für Nahrung aufwenden, bezahlte eine Familie im Mittelstand nur 55,0 % und im Wohlstand sogar nur 50,0 % für ihre Ernährung. In Tabelle 6 zeigt Engel, dass die Höhe der Ernährungs- ausgaben mit steigendem Einkommen prozentual fällt. Es wird das jährliche Einkom- men einer Familie in Francs mit dem prozentualen Anteil der Nahrungsausgaben am Einkom- men verglichen. Beispielsweise bei einem Einkommen von 1000 Francs nehmen die Nahrungskosten 64,0 % der Gesamtausgaben in Anspruch, bei 2000 Francs nur noch 58,65 %. 22

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 5: Konsumptionszweck im Verhältnis mit dem Einkommen von Arbeitern;

Quelle: Engel (1857), S. 170

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Nahrungsmittelausgaben beim Einkommen in 100 Francs verglichen mit den Nahrungsmittelausgaben in % der Konsumausgaben

Quelle: Eigene Darstellung nacg Engel (1857), S. 170

In Abbildung 2 wurden die Werte aus Tabelle 6 in einer Grafik dargestellt. Man kann ganz offensichtlich erkennen, dass die prozentualen Lebensmittelausgaben mit steigendem Einkommen kontinuierlich zurückgehen. Jedoch nimmt die Steigung der Funktion immer weiter ab und man könnte sogar einen eventuellen Grenzwert der Funktion bei 56 % der Ausgaben annehmen.

Will man Tabelle 5 und 6 auf ihre Konsistenz hin überprüfen, so muss man feststellen, dass die Werte der prozentualen Lebensmittelausgaben aus Tabelle 5 in Tabelle 6 nicht erreicht werden. Familien des Mittelstandes mussten 55 % und Familien des Wohlstandes 50 % ihrer Konsumausgaben zur Ernährung aufwenden, jedoch ist zu vermuten, dass ein möglicher Grenzwert für die prozentualen Lebensmittelausgaben bei weiter steigendem Einkommen in Tabelle 6 nicht über 56 % hinausgeht. Engel begründet dies vor allem durch die fehlendene Feststellung und Bestätigung der mathematischen Formel, die er beim Erstellen seiner Progression zu Grunde gelegt hat. Engel geht von einer Funktion aus23, was auch dadurch zu erkennen ist, dass es in Tabelle 6 keine Ausreißer gibt und, wie in Abbildung 2 zu sehen ist, die Prozentwerte kontinuierlich abnehmen. Engel vermutet, dass bei einem Einkommen von 200 Francs die Lebensmittelausgaben bis zu 75 % betragen und bei 3000 Francs nicht 56,90 % sondern nur 55 %. Damit wären die Werte aus beiden Tabellen wieder in etwa konstistent. Jedoch gibt er keinen Funktionsterm an, obwohl er selbst sein Gesetz als ein recht einfaches erachtete.

Nach eigener Recherche und Berechnung kann man die Funktion, die Tabelle 6 und Abbildung 2 zu Grunde liegt, durch den folgenden Term annähern (ohne Beweis):

f (x) = 74,82 - 0,0129 x + 0,00000236 x ² , wobei x das Einkommen in Francs darstellt.

Abschließend bleibt noch festzuhalten, dass man das Engelsche Gesetz auf jede Volkwirtschaft in klimatisch ähnlichen Verhältnissen anwenden kann, wie Engel schreibt, und dabei wird man feststellen, dass je geringer die Ausgaben für Nahrung an den Gesamtausgaben sind, desto wohlhabender dieses Volk ist. Umgekehrt zeigt das Sinken der prozentualen Ausgaben für Ernährung einen wachsenden Wohlstand einer Volkswirtschaft an. Engel vermutet zudem, ohne einen Beweis zu haben, dass sich seine Gesetzmäßigkeit auch in der Zukunft bestätigen lässt, besonders weil sie nicht nur für Staaten, sondern auch auf Provinzen, Gemeinden und Individuen anwendbar ist.24

4. Darstellung des Engelschen Gesetzes

4.1. Engel Kurven

Ernst Engels Gesetz von 1857 beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen dem Einkommen und den prozentualen Ausgaben für Nahrungsmittel. Wie jedoch kann dieser Zusammenhang graphisch dargestellt werden?

In Abbildung 3 ist mit blauer Farbe eine so genannte Einkommens-Konsum-Kurve dargestellt. Sie „ (…) beschreibt als analytisches Instrument der Haushaltstheorie für gegebene Güter bei konstanten Preisen und Bedürfnissen die Reaktion der nachgefragten Mengen auf Einkommensänderungen des Haushalts in Form eines Einkommensexpansions- oder -kontraktionspfades, bzw. als Kammlinie über die entsprechend sich ergebenden verschiedenen Haushaltsoptima. Aus den unterschiedlichen Einkommen können für separate Güter Einkommens-Nachfrage- Funktionen abgeleitet werden.“25

Die fallenden Budgetgeraden stehen dabei für unterschiedliche Einkommensniveaus, die sich bei einer Einkommenserhöhung nach rechts oben verschieben, was durch die beiden

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Einkommens-Konsum-Kurve, Pfeile angedeutet ist. Die Indifferenzkurven mit

Quelle: http://www.mikroo.de/hh/ks/hhkskk.htm den Nummern

I 1 , I 2 ,... I 7 für die beiden Güter

X und Y auf den Koordinatenachsen sind in schwarz dargestellt. Verbindet man die Konsumoptima, also den Tangentialpunkt zwischen den Budgetgeraden und den Indifferenzkurven, zwischen den Punkten A und E, erhält man die Einkommens-Konsum- Kurve. Ausgehend von dieser Kurve kann man auch eine so genannte Engelkurve entwicklen. Engelkurven sind Einkommens-Nachfrage-Funktionen und werden auch als partielle Konsumfunktionen bezeichnet. „Die Einkommens-Nachfrage-Funktion beschreibt in der Haushaltstheorie die Veränderung der Nachfrage von Haushalten auf Einkommensveränderungen bei konstanten Preisen und lässt sich aus der Einkommenskonsumkurve ableiten. Bei so genannten absolut superioren Gütern liegt eine positive Beziehung zwischen Einkommen und Nachfrage vor und zwar in Form einer überproportional steigenden Einkommens-Nachfrage-Funktion.

[...]


1 Engel (1857), S. 153 - 182

2 Keynes (1964), S. 90 f.

3 Keynes (1964), S. 96 f.

4 Mintz (1994), S. 261 f.

5 Schmidt (2006), S. 39

6 Schmidt (2006), S. 38

7 Weber (2006), S. 23

8 ADB, S. 363

9 ADB, S. 363

10 Schmidt (2006), S. 39

11 Schmidt (2006), S. 36 f.

12 ADB, S. 364

13 Schmidt (2006), S. 40

14 Weber (2006), S. 23

15 ADB, S. 365 f.

16 ADB, S. 368

17 Engel (1857), S. 153

18 Engel (1857), S. 155 f.

19 Engel (1857), Tabellen ab S. 157 ff.

20 Engel (1857), S. 169

21 Engel (1857), S. 165

22 Engel (1857), S. 170

23 Engel (1857), S. 170

24 Engel (1857), S. 180

25 Gabler (1996), S.267

Details

Seiten
75
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640181339
ISBN (Buch)
9783640181421
Dateigröße
2.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v116500
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Wirtschaftswissenschaften
Note
2,0
Schlagworte
Engelsche Gesetz Evidenz Zulassungsarbeit Staatsexamen Lehramt Gymnasium Bayern

Autor

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Titel: Das Engelsche Gesetz und seine empirische Evidenz