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Vergleich des Karnevals im Mittelalter mit dem Kölner Karneval in der heutigen Zeit

Studienarbeit 2008 18 Seiten

Kulturwissenschaften - Empirische Kulturwissenschaften

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Zusammenfassung des Referats über die Einleitung von „Rabelais und seine Welt-Volkskultur als Gegenkultur“ von Michail Bachtin

III. Erläuterung des Karnevals im Mittelalter

IV: Erläuterung des Kölschen Karnevals zur heutigen Zeit

V: Vergleich Karneval früher-heute:

VI. Zusammenfassung:

VII. Abbildungsverzeichnis:

VIII. Literaturverzeichnis:

I. Einleitung

Als wir vor einigen Monaten unser Referat über die Einleitung aus Rabelais und seiner Welt von dem Autor Michail Bachtin vorbereitet und vorgetragen haben, war die erste Frage, die ich mir stellte, wie der Karneval es geschafft hat, so lange zu existieren. Da ich selber ein Befürworter des heutigen Karnevals bin und mich auch gerne alle sechs Tage lang in diese „Parallelwelt“ versetzen lasse, jedoch die wirkliche Bedeutung des Karnevals nicht kenne, bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass es sich lohnen würde, diese Arbeit zu verfassen. Über den heutigen Karneval gibt es viele geteilte Meinungen, die einen lieben ihn und andere wiederum fliehen vor ihm. Speziell in den Karnevalsstädten wie Düsseldorf, Köln und Mainz sind diese unterschiedlichen Herangehensweisen an den heutigen Karneval zu bemerken. Auch die Diskussion der Kommilitonen nach dem Vortragen des Referates bestärkte mich in meinem Willen dem Karneval auf den Grund zu gehen. Die Meinungen der Studenten gingen sehr weit auseinander, als die Frage gestellt wurde, inwieweit der mittelalterliche Karneval sich vom Karneval der heutigen Zeit unterschiede. So gab es einige Aussagen wie, dass der Grundgedanke des Karnevals sich verschoben habe bzw. ganz verloren gegangen sei, andere jedoch sahen genau das gleiche Verhalten der Menschen im Mittelalter auch bei den Menschen von heute. Der ursprüngliche Grundgedanke des Karnevals war es, eine Parallelwelt zu erschaffen, Hierarchien aufzulösen und alle Bürger auf eine Stufe zu stellen, so dass alle für eine gewisse Zeit die gleichen Rechte hatten. Einige Kommilitonen äußerten die Meinung, dass diese Tatsache auch heute noch gegeben wäre und Rangzuordnungen in der Karnevalszeit aufgehoben würden. Dass die Meinungen so sehr auseinandergehen, wenn es um den Vergleich des Karnevals im Mittelalter und heutzutage geht, schien mir ein sehr interessanter Punkt zu sein, an dem ich mit meiner Studienarbeit ansetzen möchte. Natürlich haben die unterschiedlichen Aussagen viel mit dem subjektiven Empfinden eines jeden Einzelnen zu tun, dennoch möchte ich versuchen ,den heutigen Karneval unter einem wissenschaftlichen Aspekt zu analysieren, um eine faktenorientierte Klärung zu erhalten. Zur Klärung des Grundgedanken des Karnevals im Mittelalter habe ich mich an den Autoren Michail Bachtin, Joseph Klersch und Dietz-Rüdiger Moser orientiert. Als Beispiel für den heutigen Karneval habe ich mich für den Kölschen Karneval entschieden, da die Berücksichtigung der heutigen

Fastnacht und des Faschings den Rahmen einer Studienarbeit auf Grund seiner Vielzahl an Variationen und verschiedenen Bräuchen, übersteigen würde. Erschwerend für meine Arbeit ist , dass die Literatur bezüglich des heutigen Karnevals doch sehr begrenzt ist.

II. Zusammenfassung des Referats über die Einleitung von „Rabelais und seine Welt-Volkskultur als Gegenkultur“ von Michail Bachtin

In der Einleitung von Michail Bachtins Werk „Rabelais und seine Welt-Volkskultur als Gegenkultur“ wird die gesellschaftliche Situation im Mittelalter erläutert, um ein besseres Verständnis für die nachfolgenden Kapitel des Buches zu erhalten. So ist der zentrale Begriff von Bachtin der einer Doppelweltlichkeit. Diese Doppelweltlichkeit besteht aus der offiziellen, klassischen Welt, welche eine starke hierarchische Struktur aufweist und unter der Kontrolle von Kirche und Staat steht[1]. So gibt es zu dieser Zeit klare Regeln und Vorschriften, welche vorgegeben und nicht zu ändern sind. Im Gegensatz zur klassischen Welt besteht jedoch auch eine Parallelwelt an einigen Tagen im Jahr, die nicht-offizielle, karnevaleske Welt. Mein Hauptfokus wird auf der Veranschaulichung dieser karnevalesken und nicht der klassischen Welt liegen. Dennoch möchte ich noch das Körperbild der offiziellen Welt erwähnen, welches als abgegrenzt beschrieben wird. Der Körper ist ein Individuum, welches nicht wächst und sich nicht verändert, es ist unabhängig und unabänderbar.[2] Im nachfolgenden Text werde ich genauer erläutern, inwieweit sich das klassische vom karnevalesken Körperbild unterscheidet. Wenn Bachtin von einer karnevalesken Welt spricht, so ist zunächst einmal die Rede von einer volkstümlichen Lachkultur. Er unterscheidet die folgenden drei Formen von Lachkulturen[3]:

1. Rituell-szenische Formen (Feste vom Karnevalstyp, unterschiedliche komische Marktplatzszenen u.a.).
2. Komische (darunter auch parodistische) Texte, mündliche und schriftliche, lateinische und volkssprachliche.
3. Verschiedene Formen und Gattungen der familiären Rede des Marktplatzes (Schimpfworte, Schwüre, Flüche, volkstümliche

Scheltgedichte, Blasons, u.a.).[4]

In der nicht-offiziellen Welt werden Hierarchien ausgeschaltet, sie ist areligiös und Grenzen der offiziellen Welt werden überschritten.[5] Ebenso beschreibt Bachtin den Karneval erstens als universal:

„[…] alle leben ihn, denn er ist von der Idee her dem ganzen Volk gemeinsam.“[6]

„Der Karneval hat universalen Charakter, er ist ein Zustand der ganzen Welt, ihre Wiedergeburt und Erneuerung , an der alle teilhaben.“[7]

„Zum zweiten ist es universal, […][8]

zweitens als ambivalent:

„Immer war das Moment von Tod und Wiedergeburt, von Ablösung und Erneuerung bestimmend für ein festliches Weltgefühl.“[9]

„Sie läßt in der Verneinung ihren Gegenstand wieder erstehen.“[10]

„[…] schließlich ist dieses Lachen ambivalent: es ist heiter, jubelnd und zugleich spöttisch, es negiert und bestätigt, beerdigt und erweckt wieder zum Leben.“[11]

und drittens als degradierend[12].

Degradierung heißt Annäherung an die Erde als dem verschlingenden und zugleich lebensspendenden Prinzip: Degradierung ist Beerdigung und zugleich Zeugung, die Vernichtung geht der Neugeburt von mehr und Besserem voraus. Degradierung bedeutet auch Hinwendung zum Leben der Organe des Unterleibs, zum Bauch und den Geschlechtsorganen, folglich auch zu Vorgängen wie Koitus, Zeugung, Schwangerschaft, Geburt, Verschlingen und Ausscheiden. Die Degradierung gräbt ein Körpergrab für eine neue Geburt.[13]

Bachtin bezeichnet das Körperbild der karnevalesken Welt als ein groteskes Körperbild, welches im Gegensatz zum klassischen Körperbild als unfertiger, ambivalenter, grenzüberschreitender, wachsender, sich ständig ändernder und nach Außen hin geöffneter Körper darstellt.[14] Die Hauptmerkmale des grotesken Körpers bestehen in dem Hervortreten jeglicher Körperöffnungen und oft in der Darstellung zweier Körper in einem.[15] Auch hier besteht wieder der Bezug zu der erwähnten Doppelweltlichkeit. Der Körper tritt durch seine Öffnungen aus seiner Welt hinaus in eine andere, sie verschwimmen miteinander, so dass keine klaren Grenzen mehr vorhanden sind.

III. Erläuterung des Karnevals im Mittelalter

Der Ursprung des Begriffes Karneval lässt sich ableiten vom kirchenlateinischen Wort für den Beginn der Fastenzeit carnislevamen = Fleischwegnahme, welches dann schließlich zu dem italienischen Wort carnevale wurde und als Fleisch lebe wohl verstanden wurde.[16] Zunächst einmal galt der Karneval als eine festliche Begrüßung des neuen Jahres, da der Jahresübergang vom 31. Dezember zum 01. Januar erst in den späteren Jahrhunderten festgelegt wurde. Somit galt der Karneval als Beginn einer neuen Jahreszeit,[17] aber auch als Übergang zur Fastenzeit, wobei der Karneval als eine Zeit der Sünde und des Fleisches (Schlachtungen, offen dargestellte und freizügige Sexualität) und die Fastenzeit als eine Zeit der Buße angesehen wurde.[18] Wie bereits erwähnt, handelte es sich beim Karneval des Mittelalters um ein Fest einer anderen anti-hierarchischen, areligiösen und anarchischen nicht-offiziellen Welt, welche eine Umkehrung der offiziellen Welt darstellte und als „Lebensform auf Zeit“[19] gesehen wurde, die wiederum durch jahrtausendealte Lachriten und auf der Basis der römischen Saturnalien entwickelt wurde.[20] Er diente als Recht auf Freiheit der öffentlichen Worte und Kritik an der bestehenden Welt.[21] Die Darstellung und Gleichzeitigkeit von Tod und Wiedergeburt spielte bereits bei anderen Festen des Mittelalters eine große Rolle, dennoch wurde sie kaum so genutzt wie zu der Zeit des Karnevals, da sie die Doppelweltlichkeit und die Umkehrung dieser Zeit, als auch die daraus resultierende Freiheit und Gleichheit des ganzen Volkes darstellte.[22] So wurden zeitweise Hierarchien, Gesetze und Privilegien aufgehoben. Es entstand eine familiäre Beziehung und distanzlose Markplatzrede aller Menschen untereinander.[23] Zu dieser karnevalesken Marktplatzrede gehörten Schimpfwörter, Obszönitäten, Flüche und Verwünschungen, welche „zu Funken des großen Karnevalsfeuers, das die Welt erneuert“[24], wurden .[25] Ebenso wurde die Individualität des Menschen aufgelöst und ein kollektiver Volkskörper geboren, mit der Möglichkeit, Rollen zu tauschen, sich zu verkleiden und somit zu erneuern, so dass eine „konkrete, sinnliche, leibliche Einheit“ entstand.[26] Der Karneval fand in den Großstädten in der Regel bis zu drei Monate im Jahr statt und hatte viele seiner Eigenschaften aus den kulturellen Festen, bzw. Parodien der offiziellen Welt übernommen, so flossen z. B. gewisse Elemente des Eselstages, die Maskierungen und Verkleidungen und auch die Umzüge und Prozessionen, bei denen es oft um die Verspottung „entthronter heidnischer Götter“[27] ging, mit in den Karneval ein.[28] So wie das karnevaleske Lachen stellte sich auch der Karneval als degradierend, ambivalent und universal da.

[…]fröhliche Relativität, Instabilität, Offenheit und Unentschlossenheit, das Metamorphotische, die Ambivalenz, das Exzentrische, die Materialität-Leiblichkeit, der Überfluß, das Austauschen der Wertpositionen: oben/unten, Herr/Sklave, und das Gefühl der Universalität des Seins.[29]

[...]


[1] Vgl. Michail Bachtin „Rabelais und seine Welt-Volkskultur als Gegenkultur“, Hg. Renate Lachmann, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1987, S. 74

[2] Ebd. S 76, 79

[3] Ebd. S. 52

[4] Ebd. S. 52

[5] Ebd. S. 55, 58

[6] Ebd. S. 55

[7] Ebd. S. 55

[8] Ebd. S. 60

[9] Ebd. S. 57

[10] Ebd. S. 60

[11] Ebd. S. 61

[12] Ebd. S. 70, 71

[13] Ebd. S. 71

[14] Ebd. S. 76

[15] Ebd. S. 76, 77

[16] Vgl. Werner Mezger „Fastnacht-Karneval im europäischen Vergleich-Rückwärts in die Zukunft“, Hg. Michael Matheus, Institut für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz, Franz Steiner Verlag Stuttgart 1999, S. 125

[17] Vgl. Anna Esposito „Fastnacht-Karneval im europäischen Vergleich-Der römische Karneval in Mittelalter und Renaissance“, Hg. Michael Matheus, Institut für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz, Franz Steiner Verlag Stuttgart 1999, S. 11

[18] Ebd. S. 27

[19] Vgl. Michail Bachtin „Rabelais und seine Welt-Volkskultur als Gegenkultur“, Hg. Renate Lachmann, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1987, S. 14

[20] Ebd. S. 9, 133

[21] Ebd. S. 316

[22] Ebd. S. 22, 57, 58

[23] Ebd. S. 59

[24] Ebd. S. 67

[25] Ebd. S. 66-67

[26] Ebd. S. 296

[27] Ebd. S. 439

[28] Ebd. S. 27

[29] Ebd. S. 26

Details

Seiten
18
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640186198
ISBN (Buch)
9783640188147
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v116435
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,3
Schlagworte
Vergleich Karnevals Mittelalter Kölner Karneval Zeit Einführung Kulturwissenschaft Bachtin Rabelais Grotesk grotesker Realismus

Autor

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