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Drogenprophylaxe im Fach Musik

Ein Unterrichtsversuch in der 5. Klasse einer Realschule

Examensarbeit 2005 106 Seiten

Musikwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Theoretische Grundlagen
1. Gesundheitsbewusstsein im Kinder- und Jugendalter
1.1. Historischer Rückblick in die Geschichte der Jugend
1.2. Gesundheitsrelevantes Verhalten im Jugendalter
1.2.1. Definition von Gesundheit
1.2.2. Gesundheitsgefährdendes Verhalten bei Jugendlichen
1.3. Ursachen für die Bereitschaft zum Drogenkonsum bei Kindern und Jugendlichen
2. Die Bedeutung von Musik im Jugendalter
2.1. Musikstile und ihre Charaktere
2.2. Musik als Ausdrucksmittel
2.3. Musik als Stimmungsregler
2.4. Wirkung von Musik in der Therapie
2.5. Musik und ihre Bedeutung in der Schule
3. Musik eine Droge wie Heroin
3.1. Theoretische Grundlagen von legalen/illegalen Drogen
3.2. Definition zur Unterscheidung von legalen/illegalen Drogen
3.3. Tabak- und Alkoholkonsum im Bezug auf die Gesellschaft
3.4. Zigarettenkonsum im frühen Jugendalter
3.5. Alkoholkonsum im frühen Jugendalter
3.6. Einstiegsalter und Einstiegsgrund bei legalen Drogen
3.7. Einstiegsalter und Einstiegsgrund bei illegalen Drogen
3.8. Musik - eine Alltagsdroge
4. Die Beatles und der Drogenkonsum Ihrer Zeit - Popmusik 1956 – 1972 und der „Summer of 1967-1970“
4.1. Die Jugendphase als Lebensabschnitt - Individualisierung im Kinder - und Jugendalter: Abgrenzung und Zusammenschluss
4.1.1. Charakteristika von Altersgruppierungen
4.2. Identitätsfindung - Jugendliche als Mitgestalter ihrer Lebenswelten - die Hippies
4.3. Musik und Drogen als Ersatzbefriedigungen
4.4. Auswirkungen der Popmusik auf die Sozialisation und Persönlichkeitsentwicklung Heranwachsender
4.5. Musik als täglicher Begleiter
5. Ursachen für die Bereitschaft zum Drogenkonsum bei Kindern und Jugendlichen
6. Frühe schulische Drogenprophylaxe mit musikalischen Mitteln
6.1. Professionelle Hilfe auf persönlicher Basis
6.2. Schule als wichtiger Bestandteil zur Drogenprävention und Aufklärung
6.2.1. Fächerbezogene Suchtvorbeugung

III. Planung und Durchführung einer fächerübergreifenden Unterrichtseinheit
zur Drogenprävention
1. Didaktische Vorüberlegungen
1.1. Lernvoraussetzungen der Schüler
1.2. Musikalisch - ästhetische Erfahrung als „sinnlicher Einstieg“ in ein
komplexes Thema
1.3. Die Lernziele der Unterrichtsreihe
1.4. Methodische Vorüberlegungen zur Unterrichtsreihe
1.5. Die Lerninhalte der Unterrichtsreihe
2. Planung der Einzelstunden
2.1. Planung der 1. Stunde: „Lucy in the sky with diamonds“/Einführung
in das Thema
2.2. Planung der 2. Stunde: Der „Suchtsack“/Erkennung von Alltagsdrogen
2.3. Planung der 3. Stunde: Legale/illegale Drogen
2.4. Planung der 4. Stunde: Gemeinsames Musizieren/Reproduktion des
Beatles Songs
2.5. Planung der 5. Stunde: The Beatles und ihr Drogenkonsum/ Wie kann
ich mich vor Drogen schützen
2.6. Planung der 6. Stunde: Szenisches Spiel/ Spielerische Darstellung der
Drogenszene
2.7. Planung der 7. Stunde: Festigung der Ergebnisse/Wurzeln schlagen
3. Durchführung der Unterrichtsreihe
4. Nachbereitung der Unterrichtsreihe
4.1. Untersuchung der Lernergebnisse im kognitiven Bereich
4.2. Untersuchung im emotionalen Bereich
4.3. Vergleich der Anforderungen im Hinblick auf die unterschiedlichen
Klassenstufen
4.4. Geschlechtsspezifische Unterschiede
4.4.1. Jungen und Mädchen im Vergleich (Offenheit, Zurückhaltung, Umgang mit dem Thema)
4.4.2. Identifikation mit den Inhalten zur Weitergabe vom erlangten Wissen
5. Fazit: Sinnvoller Einsatz der Drogenprophylaxe ab der fünften Klasse

IV. Resumée und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anlagen:

I. Einleitung

Musik ist ein zentrales Medium für einen großen Teil der Menschen. Es gibt sie seit Jahrhunderten und sie entwickelt sich stetig weiter. Ich habe mir die stetige Präsenz und Popularität von Musik als Grundlage für eine Unterrichtseinheit und diese Hausarbeit genommen. Ich entwickelte eine Unterrichtsreihe zur Drogenprophylaxe im Fach Musik. Grundbaustein waren die Beatles und ihr Song „Lucy in the sky with diamonds“ und die damit verbundenen Gerüchte um ihren Drogenkonsum. Ich verbinde die Beatles und ihren Drogenkonsum, um einen interessanten Einstieg in die Drogenprophylaxe zu geben und die Aufmerksamkeit der Schüler zu gewinnen,

denn die Präsenz des Drogenkonsums im Alltag nimmt stetig zu Drogenhändler weiten ihren Verkaufsbereich auf Schulen und Arbeitsplätze von Jugendlichen aus. Der frühere „Schonraum“ Schule wird zum zentralen Gefährdungspunkt von Kindern und Jugendlichen. Hier und im privaten Bereich werden die neu designten Drogen ausgetauscht; sei es aus Gruppenzugehörigkeit, aus Isolation oder Neugier. „Mehr als zwei Drittel aller Jugendlichen sind über ihren Freundeskreis mit Drogen in Berührung gekommen.“ 1 Diese Informationen und Zahlen bewirken oft ein falsches Bild in der Öffentlichkeit. Die Zahl der mit Drogen in Kontakt kommenden Jugendlichen ist immens hoch, die Zahl derer, die den Drogengebrauch manifestiert, ist um einiges geringer. Sie liegt bei ca. 5%. 2 Das Alter, in denen Jugendliche zu Drogen greifen, erstreckt sich über eine weite Zeitspanne. Um zu differenzieren und später gezielter auf das Thema einzugehen, lässt sich nach Arnold und Schille der Überbegriff >Jugend< in drei Altersstufen differenzieren: das „jüngere Jugendalter“ umfasst ungefähr die Altersspanne von 9-11 bis 13-14 Jahren, das „mittlere Jugendalter“ schließt bei 14-15 Jahren an und geht ca. bis 18-19 Jahren, die anschließende Altersgruppe von zwischen 18 und 25 Jahren wird schon zu der Personengruppe der „jungen Erwachsenen“ gezählt. 3

Die einzelnen Phasen beinhalten Entwicklungsvorgänge und Erwartungen an die Jugendlichen. Elternhaus, Schule, Freunde und später die Ausbildung stellen

Erwartungen, denen die Jugendlichen jeden Tag aufs Neue „ausgesetzt“ sind und auf die sie reagieren müssen. Diese Alltags- und Problembewältigung läuft nicht immer ohne Komplikationen ab. Viele Jugendliche fühlen sich überfordert, missverstanden, gelangweilt, hilflos, oder sogar nutzlos. Sie suchen einen Ausweg aus ihrer Situation. Dieses geschieht oft durch Alltagsdrogen, wie z.B. Fernsehen, Musik, Sport, Essen. Alltagsdrogen gelten als nicht stoffgebundene Gewohnheiten, die ein Mensch zwanghaft regelmäßig im Alltag machen muss, da er sich ohne diese unwohl bzw. unausgeglichen fühlt. Es sind Aktivitäten, die den Körper, den Geist und die Seele beeinflussen können. Nikotin und Alkohol gehören nicht zu den Alltagsdrogen. Sie sind stoffgebunden und zählen zu den legalen Drogen. Wenn diese Mittel nicht mehr ausreichen oder die Belastung überhand nimmt, greifen Jugendliche auch zu härteren bzw. illegalen Drogen. Gerade Musik ist eine „Gesellschaftsdroge“, deren Suchtpotential und Gefahren oft unerkannt bleiben, da sie noch nicht ausreichend erforscht sind.

Eine Ursache für diese Problemsituation vieler Jugendlicher ist die heutige Unsicherheit im Hinblick auf die Zukunft, speziell auf die Ausbildungs- und Arbeitsplatzsituation. So haben sie neben ihren pubertären Belastungen weitere seelische. Um die heutige Problematik zu schildern, gehe ich in meiner Arbeit auch auf die Veränderung der Jugendsituation im historischen Vergleich ein.

Basis der Unsicherheiten im Kinder- und Jugendalter bildet die Identitätsfindung in der frühen Jugendphase. Die Kinder versuchen sich vom starken Elternkontakt zu lösen und erweitern den Kreis ihrer Bezugspersonen durch Gleichaltrige; sind dabei hin und her gerissen. Ein Hauptausschlagsfaktor zur Regulierung der neuen Umstände und Unsicherheiten ist das soziale und räumliche Umfeld der „Kids“. 1 Kinder wollen sich und Neues erfahren und ausprobieren. Die Gefahr liegt in der Frustration der Kinder, nicht wahrgenommen oder in zu starke Vorgaben gedrückt zu werden, was zum körperlichen und seelischen Rückzug führen kann. Sie suchen sich Ersatzbefriedigung in den Alltagsdrogen, legalen und illegalen Drogen.

Das Problem ist, dass diese Medien keine erkennbaren Grenzen haben. Und gerade diese brauchen die Kinder in dieser Phase genauso wie die Möglichkeit, sich zu entfalten und Neues auszuprobieren. In diesem Problemfeld liegt die Gefahr, süchtig zu werden. An die Phase der „Kids“ schließt die Phase der mittleren Jugend an. „Das mittlere Jugendalter ist von seiner Entwicklungsthematik her durch die Suche nach sozialer Orientierung, dem `Wer bin ich Verhältnis zu anderen´ bestimmt.“ 2

Die in dieser Altersphase eintretende Pubertät versetzt die Jugendlichen in einen komplexen emotionalen Empfindungs- und Handlungszusammenhang. Sie entdecken sich und ihren Körper neu, sind neugierig und probieren mehr aus. Die Bereitschaft zum Drogentesten ist hier stark vorhanden.

Jungen bilden in dieser Zeit oft Cliquen, in denen Dazugehörigkeit auch durch den Konsum von Drogen ausgedrückt werden kann. Auch ist besteht die Gefahr, durch Ältere und deren Vorbildfunktion eher Zugang zu Drogen zu erlangen. Mädchen schließen sich laut Statistiken eher zu Zweit, oder zu Dritt zusammen. Sie probieren eher im „Stillen“ legale und illegale Drogen aus.

Ein weites Spektrum zur Erfüllung der entstehenden Sehnsüchte bietet aber auch die Musik. Hier finden Jugendliche „je nach persönlicher Einstellung“ ihre Musikrichtung, die Gefühle widerspiegelt, verstärkt oder abschwächt. Musik gilt auch als eine Alltagsdroge. Sowohl privat wie auch öffentlich, in Jugendfreizeitstätten oder Diskotheken ist Musik ein täglicher Begleiter zur Verarbeitung und Auslebung von Emotionen und Lebenseinstellungen.

Aus diesen Gründen möchte ich die oben genannten legalen und illegalen Drogen und die mit ihnen verbundenen Gefahren aufzeigen. Unter einem besonderen Aspekt steht die eben genannte Alltagsdroge Musik, auf die ich später noch genauer eingehen werde. Ich versuche deutlich zu machen, wie wichtig es in der heutigen Zeit ist, so früh wie möglich mit Drogenprävention und Aufklärung anzufangen. Ich werde die Frage behandeln „Wie früh macht Drogenprophylaxe Sinn?“

Der Aufbau meiner Arbeit gliedert sich in zwei Hauptteile. Der erste Teil setzt sich aus den theoretischen Betrachtungen zusammen in Bezug auf die für meine Arbeit ausschlaggebende Altersgruppe.

Der Einfachheit halber verwende ich keine geschlechtsspezifische Sprache. Unter den Begriffen Kinder, Jugendliche und Schüler sind sowohl Jungen als auch Mädchen zu verstehen.

Im Teil 1 Punkt 1. gehe ich auf das Gesundheitsbewusstsein von Kindern und Jugendlichen ein. Ich zeige den historischen Kontext auf, Veränderungen im sozialen und privaten Umfeld, die den Prozess der Individualisierung verändert haben. Ich werde die heutigen Alltagsbelastungen und die damit verbundene seelische Problematik aufzeigen, die den Selbstfindungsprozess erschweren. In Punkt 2 zeige ich die Bedeutung, Wichtigkeit und Wirkung von Musik. Ich mache deutlich, warum Musik so einen großen Teil unseres Lebens einnimmt und in welchem Maß die Musik unsere Wahrnehmung und unser Handeln beeinflussen kann. Die Auswege, die sich Kinder und Jugendliche aus diesen Belastungen suchen, werden in Punkt 3. erklärt. Ich zeige hier die theoretischen Hintergründe von legalen und illegalen Drogen auf. Wie der Titel „Musik eine Droge wie Heroin“ deutlich macht, wird die Wirkung von Musik oft unterschätzt. Auch die Orte/Szenen und den teilweise damit verbundenen Drogenkonsum zeige ich auf. Ich stelle dar, welche Wirkung und welchen Einfluss Musik auf Kinder und Jugendliche hat, Musik - ein täglicher Begleiter im Alltag und Freizeit, der unser Befinden beeinflusst. Sie ist eine der für uns „normalsten“ Alltagsdrogen, da wir stetig mit ihr konfrontiert werden, z.B.: im Bus, im Kaufhaus, in der Diskothek. Zusätzlich suchen wir den Kontakt mit der Musik. Wir gehen in Konzerte, kaufen uns CDs, brauchen sie zum Verstärken und Ausdruck von Gefühlen wie z.B. Trauer, Wut, Glück, Freude und zum Tanzen. Zusätzlich gehe ich auf das Einstiegsalter von Jugendlichen bei den vorher erläuterten Drogen ein.

Punkt 4. beschreibt die Zeit der Beatles, die Bedeutung von Musik in den 60er Jahren und ihren Lebensstil und den ihrer Fans. Ich möchte deutlich machen, wie stark Musik die Persönlichkeitsentwicklung beeinflusst und welche Bedeutung Drogen in diesem Kontext spielen.

In Punkt 5. beschreibe ich die Ursachen welche bei Jugendlichen die Bereitschaft fördern Drogen zu konsumieren.

Abschließend zum ersten Kapitel zeige ich in Punkt 6. anhand von Theorie und Praxis Wege, aus dem Drogenkonsum auf und nehme Stellung zur Bedeutung der frühen Prophylaxe. „Es werden Präventions- und Gesundheitsförderungsmaßnahmen aufgezeigt, die Jugendliche in ihrer Entwicklung unterstützen sollen und somit der Vermeidung bzw. Reduzierung von gesundheitsrelevantem Risikoverhalten dienen“. 1

Den zweiten Teil bildet die Praxiseinheit an der Realschule. Sie beinhaltet Anschauungs- und Belegmaterial, die meiner Meinung nach die Notwendigkeit einer Drogenaufklärung und -prävention bereits ab dem frühen Jugendalter notwendig macht.

Dieser Teil meiner Arbeit gliedert sich in Punkt 1. „didaktische Vorüberlegungen“. Ausschlaggebend war der Gedanke, einen sinnlichen Einstieg in das Thema Drogenprophylaxe zu gestalten. Ich wählte das Fach Musik, um über die Beatles und ihren Drogenkonsum einen interessanten Einstieg zu geben. Im Fach Musik war es mir möglich, über den Song „Lucy in the sky with diamonds“ einen ästhetischen Rahmen zu schaffen. Wir sangen und gestalteten mit Instrumenten das Lied selbst. Weiter behandle ich in diesem Punkt die Lernvoraussetzungen der Schüler, die Lerninhalte und Lernziele der Unterrichtsreihe.

Im zweiten und dritten Abschnitt führe ich die Planung mit der Durchführung der Einzelstunden an, in denen Differenzen und Gemeinsamkeiten der Inhalte und der Didaktik in den fünften und der neunten Klasse deutlich werden.

Die Nachbereitung der Unterrichtsreihe erfolgt in Punkt 4.

Im letzten Punkt erschließe ich im Fazit, ob es meiner Meinung nach sinnvoll ist, mit der Drogenprophylaxe ab der fünften Klasse zu beginnen.

Der vierte Teil bildet das Resumée, und soll Perspektiven für die Zukunft aufzeigen.

II. Theoretische Grundlagen

1. Gesundheitsbewusstsein im Kinder- und Jugendalter

In diesem Kapitel mache ich deutlich, warum Kinder und Jugendliche sich gesundheitsschädlich verhalten. Ich zeige Veränderungen im sozialen Umfeld der Kinder auf und welche Auswirkungen dies auf ihr Verhalten haben kann. Hierfür ist es wichtig einen kurzen historischen Rückblick in die Geschichte der Jugend aufzuführen und nach der Definition des Begriffes „Gesundheit“ auf das gesundheitsrelevante Verhalten der Kinder und Jugendlichen einzugehen.

1.1. Historischer Rückblick in die Geschichte der Jugend

Wenn man über die Entwicklung der Jugendphase nachforscht, wird relativ schnell deutlich, welche extreme Wandlung in den letzen Jahrzehnten stattgefunden hat. Es wird klar, wie sehr sich die Struktur der Lebensform von Kindern und Jugendlichen verändert hat. Am Anfang des 19 . Jahrhunderts gab es den Begriff Jugend und Jugendphase nicht. Der Begriff Jugend, wie wir ihn heute definieren, kam erst nach und nach, ab der Jahrhundertwende bis heute, mit zunehmenden historischen Entwicklungsschritten. Wie viele Faktoren hierbei ausschlaggebend waren und sind, zeigt der amerikanische Sozialhistoriker Gillis in seinem Buch „Geschichte der Jugend“. Seine Ausarbeitung zeigt deutlich, wie sehr die Definition der Lebensphase Jugend von ökonomischen, kulturellen und sozialen Vorgaben in der Geschichte abhängig ist. 1

Wann entstand eigentlich der Begriff Jugend bzw. Jugendphase? Und was beinhaltet dieser Begriff? Die Charakteristika in Bezug auf das biologische und insbesondere körperliche Wachstum sind historisch durchgängig ähnlich, jedoch variieren die Merkmale/Kennzeichen der Persönlichkeitsentwicklung in den vergangenen Jahrzehnten.

Zuerst entstand eine grobe Abgrenzung von der Kindesphase zur Erwachsenenphase. Der Tagesablauf war durchstrukturiert durch gemeinsame Tätigkeiten, vor allem in industriell und landwirtschaftlich arbeitenden Familien. Es wurde zusammen aufgestanden, gemeinsam gegessen und die anfallenden Aufgaben erledigt. Auch der Zukunfts- und Berufswerdegang stand hier meist fest. Es wurde der Beruf vom Vater bzw. der Mutter übernommen, oft auch der Familienbetrieb.

Durch Zuwachs an Industrie und den stetigen Entwicklungsprozess in Politik und auf dem Arbeitsmarkt und dem damit verbunden Anforderungen wurde das zentrale Handlungsfeld Familie, in der sich bislang alles abspielte, aufgesplittert in verschiedene Organisationen. Schule, Ausbildungsorganisationen, Kirche sowie Freizeitaktivitäten lockerten den engen Bund Familie auf. Kinder und Erwachsene gingen nun auch getrennten Aktivitäten nach. Der zentrale Punkt verlagerte sich von dem Familienanwesen mehr zum Arbeitsplatz und in soziale Verpflichtungen und Aktivitäten in der Gesellschaft.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde den Kindern durch Errichtung von Schulen und der späteren Schulpflicht ein Lebensraum außerhalb des Elternhauses erschaffen, der es den Kindern und Jugendlichen ermöglichte, eigene Wege zu gehen und sich abzugrenzen. Dieser Prozess weitete sich über die Jahre immer weiter aus, Schulzeiten und Ausbildungszeiten wurden länger. Es entstand ein Entwicklungsraum, in dem die Kinder ihre eigene Identität finden konnten und sich sowohl körperlich wie seelisch in vielen Bereichen eigenständig entwickeln konnten; die Jugendphase.

Wie lange dieser Prozess dauerte macht Aries deutlich:

„Sozialhistorische Analysen zeigen aber, daß noch zur Jahrhundertwende Jugend als eine eigene Phase im menschlichen Lebenslauf nicht bekannt war oder sich erst allmählich herauskristallisierte.“ 1

„Jugend ist denmnach zunächst ein historisches Produkt des Bürgertums gewesen. Das Bürgertum war wohlhabend genug, um eine längere Vorbereitungszeit auf das Berufsleben zu unterstützen. Es forcierte auch das idealistische Bild von Jugend als einer psychosozialen Reifezeit in Abschirmung von der beruflichen Ernstsituation des Erwachsenenlebens.“ 2 Arbeiterschichten und landwirtschaftliche Betriebe traten auch nach und nach in den Modernisierungsprozess ein.

„In den Gesellschaften des industrialisierten Westens ist zumindest seit den 50er und 60er Jahren dieses Jahrhunderts Jugend zu einer allgemeinen gesellschaftlichen Kategorie geworden, die nicht nur im Besitz der bürgerlichen männlichen Bevölkerungsgruppen ist.“ 1

Chancen zur Weiterbildung und der Schonraum Jugend richten sich auch heute noch zum Teil nach finanziellen und familiären Möglichkeiten.

Jedoch räumt die Pflichtschulzeit von mindestens 10 Jahren einen gewissen Jugendraum für alle Bevölkerungsschichten ein.

Die Individualisierung und der Verlust der früheren Stabilität brachten bis heute sowohl Vor- und Nachteile mit sich. Zu den Vorteilen gehört die breitere Spanne an Möglichkeiten der Berufs- und Freizeitgestaltung. Nachteil ist jedoch, dass der Selbstfindungsprozess so offen gestaltet ist, dass dieser zu Orientierungsproblemen, Überforderung und damit verbundenen Ängsten führen kann.

1.2. Gesundheitsrelevantes Verhalten im Jugendalter

Um auf das gesundheitsrelevante Verhalten von Jugendlichen einzugehen, ist es nötig, vorab eine ausführliche und exakte Definition des Begriffs „Gesundheit“ zu geben, an der man sich orientieren muss. Ich werde mich nach der Definition von „Gesundheit“ mit dem gesundheitlichen Fehlverhalten auseinandersetzten.

Um eine möglichst aktuelle Definition von „Gesundheit“ zu bekommen, suchte ich im Internet. Ich fand einen vielseitigen und ausführlichen Erklärungsansatz der Weltgesundheitsorganisation.

1.2.1. Definition von Gesundheit

Bei der Suche nach einer geeigneten Definition von Gesundheit stellte ich fest, dass es viele verschiedene Auslegungen gibt. Ich entschied mich für die Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO), da sich diese sowohl aus verschiedenen wissenschaftlichen Aspekten zusammensetzt. Hier wird ein ganzheitlicher Ansatz des Begriffs „Gesundheit“ dargelegt.

Wichtig war mir bei der Definition der WHO, dass die Dichotomie von Krankheit und Gesundheit aufgehoben wurde, und die WHO erstmals die soziale Dimension in die Definition von Gesundheit hineingenommen hat. Die Kritik richtete gegen den Begriff „vollkommen“. Ein Mensch ist also nicht mehr entweder „vollkommen“ krank oder gesund. Nach Engel ist Gesundheit und Krankheit nicht einfach in streng eingegrenzten Begriffen zu sehen, sondern Gesundheit ist ein Zustand und ein aktiver und dynamischer Prozess, bei dem viele Faktoren eine Rolle spielen. Gerät dieser Zustand, dieses Gleichgewicht vieler Faktoren ins Wanken und wird zerstört, spricht man nach Engel von einem Krankheitszustand, der solange anhält, bis sich dieses Gleichgewicht wieder einstellt. Da dieser Zustand von vielen Faktoren abhängt, die miteinander interagieren und von einander abhängig sind, kann man keine scharfe Linie zwischen gesund und krank ziehen.

Ähnlich definiert die Public-Health Forschung Gesundheit. Auch sie geht von einer empfindlichen, sich weiter entwickelnden Balance zwischen inneren Anlagen und Eigenschaften und äußeren Einflüssen aus.

Genauer eingehen werde ich jetzt auf die oben angegebene Definition der WHO.

Definition von Gesundheit nach der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 1946: "Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen." Nach dem Medizinsoziologen T. Parson: Gesundheit ist ein Zustand optimaler Leistungsfähigkeit eines Individuums , für die wirksame Erfüllung der Rollen und Aufgaben für die es sozialisiert (Sozialisation = Einordnungsprozess in die Gesellschaft, Normen- und Werteübernahme) worden ist. Nach dem bmb & f (Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie) 1997: Gesundheit wird als mehrdimensionales Phänomen (seltsames, ungewöhnliches Ereignis) verstanden und reicht über den „Zustand der Abwesenheit von Krankheit“ hinaus.“ (Internetquelle: Gesundheitsseite des DGB-BWT Thüringen, Stand 28.07.2005)

Bei der Definition der WHO wird eine subjektive Dimension von Gesundheit unterstrichen, welche auch die Gesundheitsdefinition des bmb & f beinhaltet.

Die Fachwelt spricht von einem dynamischen oder Balancezustand. Ein Zustand objektiven und subjektiven Befindens einer Person, der dann gegeben ist, wenn die Person sich in Einklang mit körperlichen, seelischen, sozialen Bereichen ihrer Entwicklung, den eigenen Möglichkeiten, Zielen und den äußeren Lebensbedingungen befindet.

Dieser Balancezustand muss zu jedem lebensgeschichtlichen Zeitpunkt erneut wiederhergestellt werden und ist von persönlichen und Umweltfaktoren abhängig.

Es lässt sich also sagen, dass die sozialen, wirtschaftlichen, ökologischen und kulturellen Lebensbedingungen den Entwicklungsrahmen für die Gesundheit geben.

Gesundheit hat somit Prozesscharakter und ist hiernach das Ergebnis der Auseinadersetzung mit Belastungen und Anforderungen und das auf psychosozialer und physischer Ebene.

[…]“ 1

Es gibt eine Vielzahl von Definitionen und Auseinandersetzungen über den Begriff Gesundheit, auf die ich jedoch nicht näher eingehen kann, da sie den Rahmen dieser Arbeit übersteigen würden. Meine Recherche ergab, dass es keine allgemeingültige, verbindliche Definition des Gesundheitsbegriffes gibt. Ich wählte für mich die Begriffserklärung der WHO, weil sie eine akzeptierte und oft verwendete Definition ist.

Gesundheit ist also das Produkt - die Summe vieler Faktoren, die ein Leben lang von Geburt an auf den Menschen einwirken.

Bei jedem spezifischen Entwicklungsprozess verändern/verstärken sich die Faktoren (Umfeld, Umwelt, persönliche Anforderungen, Entwicklung). Im Hinblick auf Jugendliche, die in ihrer Phase der Entwicklung sowohl verstärkt körperliche wie auch schulische bzw. berufliche Veränderungen und Erwartungshaltungen vom Umfeld (Eltern, Freunde, sozialer Status) erleben, kann dies zu einer Belastung führen. Dieser Belastung fühlt sich nicht jeder Jugendliche gleich gut „gewachsen“. Die dadurch entstehenden Gefühle können zu einem Ungleichgewicht des jeweiligen Gesundheitszustands führen. Auseinandersetzung mit diesen Gefühlen und den verursachenden Zuständen ermöglicht den jeweiligen Reifeprozess, der zur Wiederherstellung des Gesundheitszustandes führen kann. Gelingt dieser Prozess nicht, ist der Gesundheitszustand des Menschen in Gefahr.

Hilfsmittel zur Verdrängung dieser Gefühle sind Alltagsdrogen und „harte“ Drogen, auf deren Wirkung und Folgen ich im Weiteren eingehen werde.

1.2.2. Gesundheitsgefährdendes Verhalten bei Jugendlichen

Jeder Mensch hat ein gewisses Maß an Selbstverantwortlichkeit. Es entsteht und wächst von Kindheit an und nimmt stetig zu. Anhand von Nachahmung des elterlichen Vorbilds und Anpassung an die vorgegebenen gesellschaftlichen Normen entsteht über den Reifeprozess vom Kind zum Erwachsenen ein Gefühl, auf die eigene Persönlichkeit Acht zu geben und mit möglichen Risiken entsprechend umzugehen bzw. sie zu vermeiden. Manchmal verliert der Mensch bewusst oder unbewusst, gewollt oder ungewollt die Kontrolle über die Achtsamkeit auf den eigenen Körper. Die Konsequenz liegt im Verlust der Kontrolle über Alltags- und illegale Drogen. Das sonst kontrollierte „Fehlverhalten“ nimmt überhand. „Umfängliche experimentelle wie epidemiologische Studien belegen die Existenz und Weiterverbreitung der gesundheitlichen Risikofaktoren Ernährung, Alkohol, Tabak, Drogen, Medikamentenmissbrauch, Hygienedefizite, Bewegungsmangel und anderes. Alle diese Fehlverhaltensweisen obliegen der Selbstverantwortlichkeit des Menschen; sie können durch an sich bekanntes Präventionsverhalten kontrolliert und vielfach ausgeschaltet werden. Die Grundlage allen Präventionsverhaltens ist das Erleben von Selbstverantwortlichkeit im vernünftigen Umgang mit Risiken.“ 1

Warum lassen dann so viele Jugendliche Ihrem Risikoverhalten freien Lauf, konsumieren Zigaretten, Alkohol und Drogen unkontrolliert oder im Überfluss? Wieso sind den Jugendlichen die gesundheitlichen Folgen egal oder nicht bewusst?

Bei den Alltagsdrogen liegt die Erklärung dafür wahrscheinlich in der nicht sichtbaren Tragweite der gesundheitlichen Späterkrankungen. „Zum Beispiel lerne ein Kind stellvertretend, daß heißt durch Beobachtung Erwachsener, daß Rauchen entspannt, und es sehe, daß jemand raucht und erwartete negative Konsequenzen ausbleiben: Gesundheitliche Folgen sind nicht direkt beobachtbar.“ 2

Im Vordergrund stehen der sichtbare Genuss und die „positive“ Wirkung auf den Körper des Konsumenten.

„Die meisten Risikoverhaltensweisen lassen sich als Problemverhaltensweisen einstufen. Problemverhaltensweisen bezeichnen Verhaltensweisen, die gegen gesellschaftliche Wert- und Normorientierungen verstoßen. Sie stehen im Widerspruch zu vorherrschenden Konventionen, behindern die eigene Identitätsentwicklung und beeinträchtigen häufig die Gesundheit anderer Menschen aus dem sozialen Umfeld.“ 1

1.3. Ursachen für die Bereitschaft zum Drogenkonsum bei Kindern und Jugendlichen -Veränderungen im sozialen Umfeld/Aufwachsen unter

erschwerten Bedingungen

Wie in Punkt 1.1 schon angerissen ist das familiäre Netzwerk in den letzten Jahrzehnten in sich immer feingliedriger, persönlicher und individueller in Bezug auf die einzelnen Familienmitglieder geworden. Eltern haben flexiblere Arbeitszeiten, Kinder längere Schulzeiten. Oft erschweren ein zweiter oder dritter Job die Betreuungsmöglichkeiten. Die restliche Tagesgestaltung läuft häufig ebenfalls getrennt ab durch Freizeit- und Medienangebote. Trotz der wenigen Zeit, die die Familienmitglieder noch zusammen verbringen, ist ein intaktes Familiensystem die beste Voraussetzung für die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben im Jugendalter. Nach Hurrelmann setzt sich der Individuations- und Integrationsprozess für den Eintritt ins Erwachsenenalter aus vier Faktoren zusammen. Schule und berufliche Bildung, Bewusstsein des eigenen Geschlechts und altersgemäße Bindungen, Freizeit- und Konsumverhalten, Erwerb eines eigenen Werte- und Normverständnisses wie auch eines “ethischen und politischen Bewusstseins“.

Es sind also gravierende Faktoren, die Jugendliche zu bewältigen haben. Wie lernen Kinder und Jugendliche mit Komplikationen im Alltag und Problemen umzugehen? Was geschieht, wenn ein Kind den Normen bzw. festgelegten Standards nicht gerecht wird?

Hurrelmann betont, dass die Basis für eine gesunde Entwicklung die personalen und sozialen Ausgangsbedingungen sind. „Personale und soziale Bedingungen beziehen sich aufeinander und bilden ein Gesamtgefüge von Ausgangsbedingungen, das sich im Verlauf der

Jugendphase ständig verändern kann.“ 1 In wie weit ist dieses empfindliche Gleichgewicht also in der Lage, diese vielen körperlichen und seelischen Belastungen zusätzlich zu den jugendspezifischen Entwicklungsaufgaben zu bewältigen? Schwerwiegende Ereignisse wie Scheidung oder Tod können das intakte Gleichgewicht im Elternhaus gefährden.

Damit Jugendliche an Belastungen und Problemstellungen geistig und körperlich wachsen und nicht daran verzweifeln, ist es wichtig ein intaktes Umfeld, eine eigene starke Persönlichkeit und gute Vorbilder zu haben bzw. zu entwickeln.

So können sich Jugendliche durch Ausprobieren oder Nachahmung ihre eigenen Problembewältigungsstrategien entwickeln. Wenn diese Komplikationen nicht durch eigene Problembewältigungsprogramme aufgefangen werden können, ist der Entwicklungsprozess gestört. Diese geschieht häufig bei den Kindern und Jugendlichen, die weniger gute Voraussetzungen mitbringen. Besonders deutlich wird dies, wenn man mehrere Jugendliche beobachtet, die auf einmal viele Problemstellungen zu lösen haben. Die Jugendlichen mit hoher Problembewältigungskompetenz sind weitaus belastbarer als Jugendliche ohne diese. Jedoch nicht bei allen Problemstellungen können sich Jugendliche alleine helfen. Es gibt Situationen, in denen ausgebildete Fachkräfte eingreifen müssen, z.B. Schulversagen, etc. Bei den Jugendlichen, bei denen weder die nötigen Kompetenzen zur Problembewältigung noch die Bezugsperson vorhanden sind, ist das Risiko hoch, dass sich diese Jugendlichen zurückziehen. Sie zeigen passives Verhalten, sind demotiviert, aber auch ängstliche oder aggressive Verhaltenszüge können die Folgen sein. „Das Ausweichen in psychosoziale Symptome der Problembearbeitung und –verarbeitung wie Dissozialität und Deliquenz, psychosomatische Störungen, und gesundheitsgefährdetes Verhalten stellt eine sozial gemiedene oder geächtete und damit für die Person prekäre Strategie der Reaktion auf Problemkonstellationen dar; es ist eine „fehlgeleitete“ Form der Auseinandersetzung mit der eigenen Lebenslage.“ 1

Die folgende Abbildung zeigt die Problematik der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben :

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten1

Ich möchte im Folgenden nur auf den Konsum von Drogen als Problembewältigung eingehen. Um Beispiele für den Drogenkonsum aufzuzeigen orientiere ich mich an der folgenden Abbildung, die einen Querschnitt des jugendlichen Alkohol- und Nikotinkonsums im Alter von 13- 17 jährigen Jungen und Mädchen zeigt.

An dieser Stelle möchte ich nur einen Einblick in das Konsumverhalten geben. Ausführlich behandele ich das Thema unter Punkt 3:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten2

2. Die Bedeutung von Musik im Jugendalter

In diesem Kapitel werde ich anhand unterschiedlicher Musikstile aufzeigen, in wie weit die Musik in ihrer Ausprägung und musikalischen wie textlichen Gestaltung die Psyche des Menschen beeinflussen kann und wie weit diese Wirkung durch musikstilspezifischen/typischen Drogenkonsum verstärkt/unterstützt wird.

Aus der Zeitung „Musik und Unterricht“ geht hervor, dass sich eine Kommission des Deutschen Musikrates schon 1972 mit der Thematik „Musik eine Droge?“ beschäftigte.1 Damals wie heute ist Musik und ihr Konsum eine wichtige Thematik.

2.1. Musikstile und ihre Charaktere

Zu beginn möchte ich die von mir oft im Unterricht verwendete Popmusik näher betrachten. Popmusik wird oft von den Medien und Kulturkritikern „zerrissen“ und ist doch die am meisten gehörte Musik. Kritiker vermissen den ästhetischen musikalischen Anteil, jedoch ist sie durch ihre Beliebtheit und dem damit verbundenen Marktanteil nicht wegzudenken oder „auszumerzen“. „Von den Kulturkritikern als Kitsch, Schund und niederes Machtwerk gescholten und verunglimpflicht, hat sie aber trotz oder vielleicht wegen dieser massiven Angriffe ihren Einfluß insbesondere durch ihre ökonomische Potenz immer mehr ausweiten können.“ 2 Popmusik findet man sowohl in der Werbung, auf Cds, in Fernsehsendern, Radio und auf Lifeevents. Die Magie der Popmusik faszinierte auch Flender und Rauhe, die ihre Erkenntnis in der Kombination aus verschiedenen Forschungsbereichen suchten: „Um das `Phänomen` Popmusik zu begreifen, mußten wir weit über die Analyse der musikalischen Parameter hinausgreifen und Aspekte der Kulturanthropologie, Soziologie, Massenpsychologie, Semiotik, Medienkunde, Ethnologie oder gar der Neurophysiologie hinzuziehen.“ 3 Flender und Rauhe sehen das Geheimnis der außergewöhnlichen breiten und hohen Beliebtheit der Popmusik nicht im Musikalischen, sondern im Inhalt. Der Inhalt ermöglicht eine „spezifische Kommunikationsstruktur“. In der Psyche des Menschen werden durch die „Musik“ bestimmte Empfindungen geweckt; es findet „quasi“ ein kommunikativer Austausch zwischen Rezipienten und Musik/Band statt. Die Popmusik ist „leicht“ zu konsumieren und spricht Gefühle und Bedürfnisse an.

Unterstützt wird die Wirkung der Musik oft durch Drogen wie Alkohol, Zigaretten, LSD, Mariuhana, Kokain, uvm. Besonders bekannt für diese Kombinationen von Musik und Drogen ist die Zeit der Beatles und Hippies.

Gefühlszustände, wie Freude, Trauer, Wut uvm. können bei der Popmusik sehr schnell auf- und abgebaut werden. „Da es sich in der Regel um ein kurzes instrumental begleitetes Lied handelt, enthält Popularmusik immer eine spezifische Botschaft in Text und Musik (als Untertext).“ 1 Entscheidendes Merkmal ist für den Rezipienten also nicht vorrangig der musikalische ästhetische Aspekt, sondern die Botschaft in Musik und Text und die Inszenierung des Stückes.

Techno, die elektronische Popmusik der Achtziger, ist ein großer Vertreter in der Musikbranche, der durch seine starken prägenden Merkmale eine spezielle Personengruppe anspricht. Durch wachsende elektronische Möglichkeiten entstanden aus „Kapellen“, die in Studios produzierten, kleine Bands, die ihr Wohnzimmer zum Set verwandelten und von zu Hause aus eigene Songs erstellten und programmierten. Schnell entwickelten sich viele Variationen des ursprünglichen Technos. Ab 1994/95 splitterte sich der Techno in viele Varianten auf: James Brown erstellte z.B. Electro/Rap- Produktionen. Und auch für Hip-Hop Künstler wie LL Cool J lagen die Grundsteine seiner Hip-Hop Produktionen zum Teil im Techno. Prägend hierfür war der eingängige Rhythmus. Weiterhin findet man Tendenzen von Techno in elektronischen Produktionen wie Cyberton und dem New Wave-Gesang. Melodische Aspekte sowie Gesang sind variable Module, die die Programmierer je nach Trend und Bedarf mit in die Songs hinein mischen. „Techno schert sich nicht um Notenkunde und Harmonielehre“ 2 Im Technolexikon benennen die Autoren den Rhythmus wie den 4/4 Takt, nur dass die Betonung auf den 2 Schlag stattfindet. „Neben House Oberbegriff für die verschiedenen Stilrichtungen Trance, Acid, Ambient, Hardcore etc. Eigenes Sub-Gentre, mit dem 4/4-Takt basierende elektronische Tanzmusik bezeichnet wird.“ 3

Die Wirkung der schnellen oft tranceartigen Beats unterstützen die „Raver“ durch chemische Drogen wie LSD und Exctasy. So können sie die euphorisierende Wirkung des Technos noch intensiver wahrnehmen und sogar die gewünschten „Trips“ erleben, bei denen Farben und Melodien viel intensiver und berauschender wahrgenommen werden können. Hinzu kommt, dass die Musikstücke nicht so kurz wie die meisten Popmusikstücke sind und fließend ineinander übergehen. Bekannte Interpreten der Technovarianten heute sind Marusha, Westbam, Mousse T. uvm.

Eine weitere stark vertretene Musikrichtung ist der Gothic, Dark Wave, Inidie. Bekannte Interpreten wie The Cure, Bauhaus, Rammstein, Sisters of Mercy, und Depeche Mode laufen täglich in unseren Radios. Auch in Diskotheken gibt es bestimmte Tage, an denen nur Gothic gespielt wird. Große Events wie Konzerte und Festivals, wie das Zillo-Festival und das Wave Gothic Treffen, erfreuen sich großer Beliebtheit.

Aber was ist Gothic überhaupt und in welchem Zusammenhang steht sie mit Drogen? „Diese Frage kann nicht mit einer einfachen Definition beantwortet werden. Gothic-Musik ist düster, melancholisch, manchmal morbid, aber mitunter auch heiter. Sie kann meditativ sein, aber auch total „krachig“. Die Gothic-Musik gab den deutschen Pop- und Rockmusikern die Chance, mit der deutschen Sprache, die für düsterromantische Themen ideal ist, zu arbeiten“ 1 Gothic-Musik ist also eine Art von Musik, die sich eher der depressiven Seite der Menschen annimmt. Sie äußert Gedanken und Empfindungen, die man selber nicht ausspricht. Die Texte brechen zum Teil Tabus, wecken Ekel. Richtig populär wurde die Gothic-Musik in den Neunzigern. Auch beim Gothic gibt es viele Variationen. Die bekanntesten sind Darkwave und Gothic-Rock. Charakteristisch für die Gothic- Anhänger ist ihre schwarze Kleidung, die weiß geschminkte Haut und ausgefallener Schmuck. Jedoch steht z.B. das umgekehrte Kreuz nicht für Satanismus, sondern für die Distanzierung von der Kirche. Auch die auf den ersten Blick satanistisch erscheinenden Texte entsprechen meistens nur nicht den regulären christlichen Maßstäben. Gothics lassen keine politische noch religiöse, weder militante noch pazifistische Neigung erkennen. Die Gothic-Anhänger verschönern sich ihre Musik und Empfindungen durch essenzielle Substanzen, Kerzen, Lyrik. „Harte Drogen“ sind in der Szene öffentlich nicht bekannt. Alkohol, Zigaretten und „Kiffen“

unterstützen die außergewöhnlichen Texte, die die Gefühle der Menschen auf eine besondere Art und Weise ansprechen. Die Interpreten variieren dabei die Ausdrucksform der Songinhalte. Und so werden Künstler wie Faithless, Deine Lakeien, Goethes Erben, Wolfsheim (Peter Heppner) uvm. weiterhin, ohne Drogen allein durch die euphorisierende Wirkung der Musik, viele Menschen erreichen.

2.2. Musik als Ausdrucksmittel

In den oben (Punkt 2.1) angesprochenen Musikrichtungen wird deutlich, dass Musikstile immer eine bestimmte Menschengruppe mit bestimmten Charakterzügen und Lebensmerkmalen ansprechen. Musik weckt und erfüllt Gefühle und Erwartungen und demnach suchen sich Menschen je nach Lebenslage und Lebensgefühl ihre sie „erfüllende“ Musikrichtung. Aus den Äußerungen des Pädagogen und Philosophen Georg Picht kann man Musik zu den Grundbedürfnissen des Lebens zählen. Er geht sogar davon aus, dass Menschen gar nicht ohne Musik leben können. 1

Gerade in der Gothic-Szene wird die Musik zum Ausdrucksmittel.. Durch die meist melancholischen und abstrakten Texte versuchen die Gothic-Anhänger, sich von der breiten Gesellschaft und der christlichen Gottesverehrung abzuwenden. Ihre Kleidung, ihr Schmuck und ihre weiße Haut unterstützten die Abgrenzung.

Musik ist ein Ausdrucksmittel für junge und alte Menschen. Da es nach Georg Picht ein Grundbedürfnis ist Musik zu hören ist die Faszination Musik und der entstandene

Massenkonsum zu erklären.

Von Volksmusik über Klassik bis zu den „Charts“ ist Musik das Sprachrohr für Gefühle, Körpergefühl und soziales Netzwerk. Sie kann einfach als nette Unterhaltung/Hintergrundmusik laufen oder bewusst traurige oder heitere Stimmung erzeugen. Die Mittel hierfür sind entweder musikalischen Ursprungs, oder zielen aufgrund von symbolischen Mitteln auf die Empfindungsperspektive.

„Unter Ausdruck wird dabei zumeist emotionaler Ausdruck verstanden und Musik insofern als “Sprache der Gefühle“ betrachtet.“ 1 Hausegger geht sogar noch weiter. Er behauptet dass Musik, aufgrund von „ausdruckshaften Lautäußerungen“ der Stimme, die durch Hören auf andere Menschen übertragen werden und im Körper wirken, eine Art „akustische Gebärdensprache“ sei. Durch diesen Prozess werden somit Gemütszustände auf andere Personen übertragen.

Vielleicht empfindet deshalb der Rezipient ein Konzert je nach Verfassung und Auftreten des Repräsentanten als aufputschend, melancholisch oder euphorisierend.

Eines möchte ich unbedingt festhalten: Musik ein stimulierendes „Werkzeug“ und Genussmittel für Körper und Geist.

2.3. Musiken als Stimmungsregler

Anhand der in Punkt 2.1 und 2.2 aufgeführten Musikstile wird deutlich, dass Menschen Musik hören, um sich zu unterhalten. Schaut man näher hin, wird deutlich, dass je nach persönlichem Befinden und Interesse unterschiedliche Musik gewählt wird. Rockmusik eignet sich zum auspowern, abreagieren, schlechte Gefühle loswerden. Anhand von klassischer Musik kann der Rezipient sich entspannen, ausruhen, Ideen sammeln. Mit Techno kann der Hörer die eigene Euphorie ins Unermessliche steigern. Besonders ausschlaggebend sind jedoch Melodie und Text der Lieder. Dissonanzen und melancholische Texte schlagen die Stimmung nieder, oder verstärken dieselbe. Harmonien und positive Texte heben die Stimmung. Bands auf Partys spielen Tanzmusik und/oder Musik zum Mitsingen. Musik fördert die Atmosphäre im Raum. Es gibt kaum einen Geburtstag oder eine Hochzeit ohne Musik. Der Hochzeitsmarsch z.B. hebt die feierliche Stimmung. Auch

zu Landes- und Staatsanlässen gibt es bestimmte musikalische Begleitung oder Ankündigungen wie einen Tusch oder die Nationalhymne. In der Zeitschrift Musik und Unterricht werden sogar die Einsätze von Musik zur Kriegszeit genannt.

Um die emotionale Wirkung von Musik in unserem Alltag darzustellen, zitiere ich einen Komponisten, auf den ich im Internet aufmerksam wurde.

„Wie im Film kommt auch im Hörspiel der Musik die Aufgabe zu, die Emotionen des Zuhörers anzusprechen. Dies geschieht zumeist auf einer nicht bewussten Ebene. Oft können die Zuhörer gar nicht mehr genau sagen, ob einer bestimmten Szene Musik unterlegt war oder nicht und warum sie zum Beispiel der Tod einer Figur so sehr berührt hat. Musik spricht hier unmittelbar ohne Umwege unsere Emotionen an.“ 1

Durch die Parameter der Musik wie Tempo, Rhythmik, Melodik, Harmonik, Dynamik und Instrumentation/Klangfarbe gestaltet jeder Produzent die Songs je nach gewünschter Wirkung. So hat Meditationsmusik durch ihre ruhige Thematik eine beruhigende entspannende Wirkung. Henrik Albrecht erläutert in seinem Bericht die.

enge Verknüpfung von Tempo und Rhythmik. Demnach steuert ein schneller oder langsamer Puls der Musik den menschlichen Puls. Demnach beruhigt oder erregt ein Rhythmus das menschliche Empfinden. Weiterhin ist die Melodik und Harmonik ein bedeutender Bestandteil für die Wirkung von Musik. Agieren Melodie und Harmonik zusammen, entsteht ein ganzes/harmonisches Bild beim Hörer, disharmonieren sie, erzeugt das Spannungen beim Rezipienten. Dynamik, Instrumentation und Klangfarbe unterstützen und verstärken die komponierten musikalischen Strukturen. Sie sind das „Salz“ in der Suppe. Weiterhin runden Forte und Piano das Stück ab.

Wie ist es anhand der gerade genannten Mittel möglich, den Zuhörer emotional zu beeinflussen/zu lenken? Grundlegend für die Bereitschaft/das Interesse, bestimmte Musik zu hören, sind die Erfahrungen, die ein Mensch bis zu diesem Zeitpunkt gemacht hat. Zum einen sind das nach Henrik Albrecht die körperlichen Erfahrungen wie: „Herzschlag, Atem, Stimme/Sprache, Bewegung/Tanz und räumliche/materielle Erfahrungen (Hoch, Tief, Schwer, Leicht, Hart, Weich)“. Zum anderen spielen Naturerfahrungen wie „Donnergrollen, Rauschen des Windes und Tierlaute (Vogellaute/Wolfsgeheul etc.) und Obertonreihe, Metrik, Form) einen besonderen Aspekt. Somit finden aufgrund der vielen unterschiedlichen Erfahrungen, die Menschen machen, auch so viele unterschiedliche Musikstile Anklang zum Erzeugen und Regulieren von Stimmungen und Emotionen. 2

[...]


1 Arnold und Schille: Praxishandbuch Drogen und Drogenprävention, München 2002, S. 106

2 vgl. Arnold und Schille: Praxishandbuch Drogen und Drogenprävention, München 2002, S.

106

3 vgl. Arnold und Schille: Praxishandbuch Drogen und Drogenprävention, München 2002,

S. 107

1 vgl. Arnold und Schille: Praxishandbuch Drogen und Drogenprävention (2002)

2 Arnold und Schille: Praxishandbuch Drogen und Drogenprävention (2002), S. 111

1 Wilhelm, N.: Gesundheitsrelevantes Risikoverhalten von Jugendlichen im

geschlechtsspezifischen Vergleich (2003), S.2

1 vgl. Gillis 1980 in: Hurrelmann, K.: Lebensphase Jugend,(1999), S.27

1 Aries 1975 in: Hurrelmann, K.: Lebensphase Jugend (1999), S.26

2 Baacke 1983, 1992 in: Hurrelmann, K.: Lebensphase Jugend (1999), S.30

1 Hurrelmann, K.: Lebensphase Jugend (1999), S.30

1 Internetquelle: Gesundheitsseite des DGB-BWT Thüringen, Stand 28.07.2005

1 Berger, R., Ursachen gesundheitlichen Fehlverhaltens im Jugendalter. Eine empirische

Analyse am Beispiel des Zigarettenkonsums – Einstieg und Gewohnheitsbildung (1995), S. 9

2 Berger, R., Ursachen gesundheitlichen Fehlverhaltens im Jugendalter. Eine empirische

Analyse am Beispiel des Zigarettenkonsums – Einstieg und Gewohnheitsbildung. (1995), S. 9

1 Jessor, Donovan & Costa 1991 in: Engel & Hurrelmann Was Jugendluche wagen (1998) , S. 10

1 Hurrelmann, K.: Lebensphase Jugend, München 1999, S. 194

1 Hurrelmann K., Lebensphase Jugend (2004), S. 160

2 Engel U., Hurrelmann K., Was Jugendliche wagen (1998), S. 196

1 Zeitschrift: Musik und Unterricht, 27/94, S.4

2 Flender, R. und Rauhe, H.: Popmusik (1989), S. IX

3 Flender, R. und Rauhe, H.: Popmusik (1989), S. IX

1.Flender, R. und Rauhe, H.: Popmusik (1989), S. X

2 Schäfer S. ; Schäfers J.; Waltmann D. (1998). Technolexikon, S. 17

3 Schäfer S. ; Schäfers J.; Waltmann D. (1998). Technolexikon, S. 313

1 Kuhnle V., Gothic-Lexikon (1999), S. 4

1 Zeitschrift: Musik und Unterricht, 27/1994, S.4

1 Rolle C., Musikalisch-ästhetische Bildung (1999); S. 134

Details

Seiten
106
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640183104
Dateigröße
841 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v116321
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,7
Schlagworte
Drogenprophylaxe Fach Musik

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Titel: Drogenprophylaxe im Fach Musik