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Die Ereignisse des Herbsts 1923 - Widerspiegelung der Probleme der Weimarer Republik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 25 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Probleme der Weimarer Republik bis 1923

3. Die Ereignisse des Herbstes 1923
3.1 Das Ende des passiven Widerstandes
3.2 Die Hyperinflation und die Währungsreform
3.3 Die Separationsversuche
3.3.1 Bayern
3.3.2 Sachsen und Thüringen
3.3.3 Rheinland und Pfalz
3.4 Der Hitlerputsch

4. Die Widerspiegelung der Probleme

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

1. Einleitung

„Denn auch fünf Jahre nach ihrer blutigen, revolutionären Gründung ist in der ersten deutschen Demokratie nur eines dauerhaft: die Krise.“[1]

Ganz besonders das Jahr 1923, das fünfte Jahr nach der Gründung der Republik, steht im Zeichen der Krise, denn „in jenem Jahr [wird die deutsche Republik] heftiger denn je von einer ganzen Serie schwerer wirtschaftlicher und politischer Krisen geschüttelt“[2]. Der Ruhrkampf, auf den mit dem Aufruf zum passiven Widerstand reagiert wurde, ruinierte die schon längst angeschlagene Währung völlig. Die Alimentierung der Ruhrbevölkerung und der nun notwendig gewordene Zukauf von Kohle im Ausland zwang die Regierung, immer neue Noten zu drucken, um die Ausgaben bestreiten zu können. Ab August 1923 begann das „aberwitzige Finale der Hyperinflation“[3]: Um die täglichen Lebenshaltungskosten zu bestreiten, benötigte man bereits Milliarden Mark. Um der rasanten Geldentwertung Herr zu werden, wurde der passive Widerstand beendet. Doch kaum war dieses Problem in Angriff genommen, drohte die nächste Existenzkrise. Innerhalb kurzer Zeit putschten Separatisten in Bayern, Sachsen und Thüringen, im Rheinland und in der Pfalz. Den Höhepunkt des Krisenjahres, aber gleichzeitig auch die Wende stellt der Hitlerputsch dar[4].

Sind diese Ereignisse Ursache oder Auswirkung der Probleme der Jahre seit Entstehung der Republik? In dieser Arbeit soll versucht werden, eine Antwort auf diese Frage zu finden.

Zunächst werden die Probleme der Republik bis zur Mitte des Jahres 1923 erläutert. Danach werden die Ereignisse des Herbstes 1923, also der Zeitraum vom Ende des passiven Widerstandes im August bis zum Hitlerputsch im November, dargelegt. Im folgenden Kapitel wird untersucht, in wie weit diese Ereignisse die Probleme der jungen Weimarer Republik widerspiegeln. Im Fazit sollen die wichtigsten Ergebnisse noch einmal betont werden. Um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, bleiben die außenpolitischen Ereignisse weitgehend außer Betracht. Nur die außenpolitischen Vorkommnisse, die sich innenpolitisch massiv auswirken, finden Beachtung.

2. Die Probleme der Weimarer Republik bis 1923

„Die Weimarer Republik entstand [1919] nach Ende des Ersten Weltkrieges [...] aus der Novemberrevolution [...] und der Weimarer Nationalversammlung“[5]. Bereits bei der Vorbereitung zur Wahl der Nationalversammlung zeigte sich die Uneinigkeit der verschiedenen Parteien über das einzuführende Staatssystem. So wollte beispielsweise die Sozialdemokratische Partei Deutschland (im Folgenden SPD) demokratische Wahlen und eine Verfassung nach dem Vorbild anderer westlichen Demokratien, die Mehrheit der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschland (USPD) wollte die revolutionäre Umgestaltung von Staat und Wirtschaft, der Spartakusbund, der ultralinke Flügel der USPD, wiederum wollte die Räterepublik nach dem Vorbild der Sowjetunion[6].

Ebenfalls 1919 musste die neue Regierung den Versailler Vertrag ratifizieren, der von der Bevölkerung vielfach als Schmachfrieden angesehen wurde. Deutschland unterwarf sich damit den mit dem Frieden verbundenen Bestimmungen der Alliierten. Die Höhe der vereinbarten Reparationszahlungen sollte das größte Problem werden. Viele jedoch hofften „unausgesprochen auf eine schnelle Revision sowohl der materiellen als auch der psychologischen Folgen“[7].

Die Belastungen durch den Versailler Vertrag stellten allerdings nicht das einzige Problem dar, das in der damaligen Situation zu lösen war. Daneben mussten insbesondere die sieben Millionen Soldaten, die im Krieg gekämpft hatten, wieder ins zivile Leben eingegliedert, die Lebensmittelversorgung musste gesichert und die Wirtschaft von Kriegs- auf Friedensproduktion umgestellt werden[8]. Dazu kamen die bereits bestehenden finanziellen Probleme der jungen Republik, deren Ursprünge in den 1914 getätigten „Maßnahmen der wirtschaftlichen Kriegsführung, [...] der ungehemmten staatlichen Kreditschöpfung und der Ausweitung des Zahlungsmittelumlaufs“[9] lagen. Durch die Niederlage und die Revolution 1918/19 wurde die Inflation nun entscheidend beschleunigt. Durch die Wiedereingliederung der Soldaten in die Wirtschaft und in die Gesellschaft sowie „durch fühlbare Lohnerhöhungen“[10], durch die die Bevölkerung beruhigt werden sollte, entstanden riesige Defizite. Diese wurden durch Gelddruck ausgeglichen. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Reich allerdings schon 155 Millionen Mark Schulden[11], zu denen nun die Reparationszahlungen kamen. Außerdem stand „der im Vergleich zur Vorkriegszeit um das Zehnfache erhöhten Papiergeldmenge Ende 1918 kein entsprechend vergrößertes Warenangebot gegenüber“[12], so dass eine erhebliche Teuerungsgefahr bestand.

Die Inflation war jedoch kein deutsches Phänomen, sondern betraf alle vom Weltkrieg direkt oder indirekt betroffenen Länder[13]. Die Regierungen der Siegermächte hatten ähnliche Probleme. Sie bekämpfen diese jedoch im Gegensatz zu Deutschland mit einer rigorosen Sparpolitik. Dafür mussten sie jedoch einen wirtschaftlichen Abschwung in Kauf nehmen. In Deutschland dagegen wurde die Geldentwertung fast schon bewusst vorangetrieben. Die Verantwortlichen in Deutschland hofften, dass eine schwache Mark die Alliierten davon überzeugen würde, dass „Deutschland nicht in der Lage ist, große Beträge an Devisen zu bezahlen“[14]. Ein weiterer Beweggrund war die Angst vor Unruhen in der Arbeiterschaft, da es vor allem für die zurückgekehrten Soldaten nicht genug Arbeit gab. Durch den Druck neuer Banknoten konnten die Unternehmen unterstützt werden und so wurden neue Arbeitsplätze geschaffen. Während also in anderen Staaten eine tiefe ökonomische Depression herrschte, blühte in Deutschland die Wirtschaft. Es herrschte nahezu Vollbeschäftigung[15]. Trotzdem konnte die Regierung noch nicht einmal die erste Reparationszahlung finanzieren. Sie musste dazu neue Schulden bei der Reichsbank machen.

Zwar hätte eine größere Steuererhöhung dem Staat mehr Einnahmen gebracht und die Inflation damit zumindest verlangsamt, doch scheute die Regierung davor, das Risiko einzugehen, den fragilen sozialen Frieden zu gefährden[16].

Die Vernachlässigung der Risiken, die von der Inflation ausgehen könnten, führten dazu, dass die wirtschaftliche Entwicklung in den ersten fünf Jahren der Weimarer Republik entscheidend vom Prozess der Inflation bestimmt waren[17].

Reichspräsident Friedrich Ebert glaubte, die bestehenden Probleme nur in Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Militär Wilhelm Groener lösen zu können. Ähnlich wie er wurden viele der Monarchie verbundene alte Eliten in ihren Ämtern belassen. Die Regierung versäumte eine durchgreifende Demokratisierung und Erneuerung des Staatsapparates[18]. Dieses Versäumnis zeigte sich auch bald im Handeln der Reichswehr, die das einzige exekutive Machtinstrument war, „das die Verfassung der Reichsregierung zur Durchsetzung ihrer Politik“[19] zur Verfügung stellte. Die Armee war allerdings nicht bereit, für die demokratische Regierung zu kämpfen. „Vielmehr tendierten die ehemals kaiserlichen und an monarchistisches Denken gewöhnten Soldaten häufig nach rechts und fanden nur zu einer indifferenten, wenn nicht gar ablehnenden Haltung gegenüber der Weimarer Republik.“[20] So verweigerten sie bei Putschversuchen, die oft durch Freikorps getragenen wurden, der Regierung den Gehorsam und weigerten sich, auf ihre ehemaligen Kameraden zu schießen.

So geschwächt „litt die junge Republik unter dem Kapp-Putsch [...], Aufständen der KPD [...] [und] politischen Morden rechtsradikaler Gruppen [...]. In schweren innenpolitischen Konflikten und extremer Zersplitterung des politischen Spektrums wechselten die Regierungen häufig.“[21]

1922 bat die deutsche Regierung die Alliierten um Zahlungsaufschub bei den Reparationszahlungen. Frankreich lehnte dies jedoch strikt ab. Da Deutschland bis Ende des Jahres die geforderten Lieferungen nicht leisten konnte, wurde im Januar 1923 eine französische Ingenieurskommission ins Ruhrgebiet geschickt. Diese sollte unter dem Schutz der „erforderlichen Truppen“[22], 60.000 französische und belgische Soldaten[23], die Kohlegruben unter militärisches Ausnahmerecht stellen[24] und die Kohlegewinnung kontrollieren.

Dieses Vorgehen löste in Deutschland eine Protestwelle aus. Behörden und Betriebe riefen zum passiven Widerstand auf. Auch die Reichsregierung unter Wilhelm Cuno verweigerte die Zusammenarbeit und reagierte mit einem Aufruf zum passiven Widerstand. Jede Zusammenarbeit mit den Besatzern wurde unter Strafe gestellt[25]. Neben dem passiven Widerstand entwickelte sich aber auch ein aktiver Widerstand rechtsradikaler Sabotagegruppen, die zum Teil aus ehemaligen Freikorpsmitgliedern bestanden. Sie versuchten beispielsweise durch Sprengstoffattentate den Abtransport von Reparationen zu verhindern[26].

Zur selben Zeit legten die Besatzungsmächte Firmen still und beschlagnahmten öffentliche Gelder und Firmenkassen, so dass den Arbeitern kein Lohn mehr ausgezahlt werden konnte. Die Bevölkerung des Ruhrgebietes musste nun vom bereits bankrotten Staat alimentiert werden. Zeitgleich fielen dort in der Folge dieser Maßnahmen die Steuereinnahmen aus. Fatal wirkte sich daneben auch das Ausfuhrverbot von Ruhrkohle in das unbesetzte Deutschland aus. Um die deutsche Wirtschaft und ihre Produktion vor dem Zusammenbruch zu bewahren, musste Kohle aus England importiert werden. Der Bestand an verfügbaren Devisen reduzierte sich dadurch noch weiter[27]. Der Gesamtschaden belief sich auf dreieinhalb bis vier Milliarden Goldmark[28].

Die Ruhrbesetzung wurde zum „volkswirtschaftlichen Risiko“[29]. Der gestiegene Geldbedarf wurde wie schon oft zuvor durch die Betätigung der Notenpresse gedeckt. „Das Reich bekämpft[e also] die Ruhrbesetzung mit einer Strategie des ökonomischen Selbstmordes“[30]. Während der Dollarkurs kurz vor der Ruhrbesetzung bei 7589 Mark lag, stieg er im Laufe des Jahres 1923 auf eine Million und bis zum Ende des passiven Widerstandes schließlich auf 40 Milliarden Mark[31]. Der Ruhrkampf verschärfte die Inflation und beschleunigte den wirtschaftlichen Zusammenbruch der Weimarer Republik.

[...]


[1] Rademacher, Cay: Hitlerputsch, 1923: München unterm Hakenkreuz, In: Gaede, Peter-Matthias (Hrsg.): GeoEpoche. Das Magazin für Geschichte: Die Weimarer Republik. Drama und Magie der ersten deutschen Demokratie, Nr. 27, Hamburg 2007, S. 56.

[2] Sturm, Reinhard: Kampf um die Republik 1919 – 1923, In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Informationen zur politischen Bildung, Heft 261: Weimarer Republik, überarbeitete Aufl. Bonn 2003, S. 27.

[3] Berhorst, Dr. Ralf: Hyperinflation, 1923: Stunde der Spekulanten, In: Gaede, Peter-Matthias (Hrsg.): GeoEpoche. Das Magazin für Geschichte: Die Weimarer Republik. Drama und Magie der ersten deutschen Demokratie, Nr. 27, Hamburg 2007, S. 97.

[4] Vgl. Köhler, Henning: Geschichte der Weimarer Republik, In: Haungs, Peter / Jesse, Eckhard (Hgg.): Beiträge zur Zeitgeschichte, Bd. 4, 2. durchgesehene Aufl. Berlin 1982, S. 43.

[5] Geiss, Imanuel: Geschichte griffbereit, Bd. 4: Begriffe, 3. Aufl. München 2002, S. 922.

[6] Vgl. Otto, Dr. Frank: Weimarer Republik 1919-1933: Neues Deutschland, In: Gaede, Peter-Matthias (Hrsg.): GeoEpoche. Das Magazin für Geschichte: Die Weimarer Republik. Drama und Magie der ersten deutschen Demokratie, Nr. 27, Hamburg 2007, S. 20.

[7] Gessner, Dieter: Die Weimarer Republik, In: Bauerkämper, Arnd / Steinbach, Peter / Wolfrum, Edgar (Hgg.): Kontroversen um die Geschichte, Darmstadt 2002, S. 11.

[8] Vgl. Otto, Dr. Frank: Weimarer Republik 1919-1933, S. 20.

[9] Köhler, Henning: Geschichte der Weimarer Republik, S. 35.

[10] Köhler, Henning: Geschichte der Weimarer Republik, S. 35.

[11] Vgl. Berhorst, Dr. Ralf: Hyperinflation, S. 91.

[12] Ebd.

[13] Vgl. Gessner, Dieter: Die Weimarer Republik, S. 38.

[14] Berhorst, Dr. Ralf: Hyperinflation, S. 93.

[15] Vgl. ebd.

[16] Vgl. ebd., S. 94.

[17] Vgl. Köhler, Henning: Geschichte der Weimarer Republik, S. 35.

[18] Vgl. Otto, Dr. Frank: Weimarer Republik 1919-1933, S. 20.

[19] Klein, Michael: Die Herbstkrise 1923 zwischen dem Reich, Bayern und Sachsen im Spiegel zeitgenössischer deutscher Zeitungen, In: Europäische Hochschulschriften, Reihe III, Geschichte und ihre Hilfswissenschaften, Bd. 683, Frankfurt am Main 1995, S. 46.

[20] Ebd., S. 47.

[21] Geiss, Imanuel: Geschichte griffbereit, S. 922.

[22] Sturm, Reinhard: Kampf um die Republik, S. 27.

[23] Vgl. Otto, Dr. Frank: Weimarer Republik 1919-1933, S. 21.

[24] Vgl. Gessner, Dieter: Die Weimarer Republik, S. 15.

[25] Vgl. ebd.

[26] Vgl. Sturm, Reinhard: Kampf um die Republik, S. 27.

[27] Vgl. Schwabe, Klaus (Hrsg.): Die Ruhrkrise 1923. Wendepunkt der internationalen Beziehungen nach dem Ersten Weltkrieg, In: Kluxen, Kurt (Hrsg.): Sammlung Schöningh zur Geschichte und Gegenwart, Paderborn 1985, S. 5.

[28] Vgl. Sturm, Reinhard: Kampf um die Republik, S. 27.

[29] Ebd.

[30] Rademacher, Cay: Hitlerputsch, S. 56.

[31] Vgl. Otto, Dr. Frank: Weimarer Republik 1919-1933, S. 21.

Details

Seiten
25
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640177806
ISBN (Buch)
9783640177844
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v116235
Institution / Hochschule
Universität Karlsruhe (TH) – Institut für Geschichte
Note
2,0
Schlagworte
1923 Krisenjahr Weimarer Republik Herbst 1923

Autor

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