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Zur literarischen Auseinandersetzung mit dem geistigbehinderten Kind

Peter Härtlings "Das war der Hirbel" im Kontext des sozialkritischen Realismus in der Kinder- und Jugendliteratur

Seminararbeit 2003 15 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der neue Realismus in der Kinder- und Jugendliteratur

2. Realität und Außenseiter: Peter Härtling als Vertreter eines neuen sozialkritischen Realismus

3. Die Auseinandersetzung mit dem geistig behinderten Kind: Das war der Hirbel von Peter Härtling
Inhaltsangabe und Inhaltsanalyse
Sprache und Erzählhaltung
Intention und Wirkungspotential

4. Peter Härtling: Anwalt des Kindes

5. Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Forschungsliteratur

1. Der neue Realismus in der Kinder- und Jugendliteratur

[D]ie intensive Beschäftigung mit Literatur ist gesellschaftliche Erinnerungsarbeit. […] In literarischen Texten sprechen Individuen, Autorinnen und Autoren; wie sie sprechen, ist aber nicht nur individuell, sondern über die Sprache und Vielzahl stilistischer und literarischer Traditionen, die sie bewirken, mit der Gesellschaft und Geschichte verbunden.[1]

Diese Arbeit beschäftigt sich mit Kinder- und Jugendliteratur. Und will die „gesellschaftliche Erinnerungsarbeit“ leisten, so betrachtet sie eine entscheidende Wende in der Geschichte der Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland, welche sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit der Jahresmarke 1970 treffend festmachen lässt. Es ist der “Durchbruch“ des sozialkritischen Realismus und mit ihm entsteht ein großer Korpus problemorientierter Prosaliteratur für junge Leser.[2]

Es handelt sich hierbei um Konfliktliteratur, die sich vornehmlich mit Tabuthemen auseinandersetzt: Allgemeine gesellschaftliche Themen werden ebenso enttabuisiert wie konkrete, soziale, individuelle Probleme oder das konfliktträchtige Zusammenleben der Kinder mit ihrer Außenwelt.[3] Eines der vielen Themen, das Einzug in die Kinder- und Jugendliteratur erhält, ist das Thema „Außenseiter“ bzw. „Außenseitertum“.

Diese Hausarbeit stellt den Autor Peter Härtling (geb. 1933) in den Mittelpunkt ihrer Untersuchung um an seinem Beispiel den in dieser Zeit grundlegenden Formen- und Funktionswandel in der Kinder- und Jugendliteratur zu erläutern. In Härtlings Werk Das war der Hirbel wird dieser Wandel konkret am Beispiel der Thematik des „Außenseitertums“ festgemacht.

Methodisch wird so verfahren, dass in einem ersten Schritt Peter Härtling aus dem Kontext des neu entstandenen poetischen Realismus in der Kinder- und Jugendliteratur heraus betrachtet wird. Anschließend wird sein Text Das war der Hirbel auf verschiedene produktions- und wirkungsästhetische Aspekte hin untersucht.

2. Realität und Außenseiter: Peter Härtling als Vertreter eines neuen sozialkritischen Realismus

Spricht man von einer Wende in der Kinder- und Jugendliteratur um das Jahr 1970, so markiert eben dieses Jahr auch einschneidende Ereignisse im Leben von Peter Härtling:

In diesem Jahr erscheint „Und das ist die ganze Familie“, Peter Härtlings erstes Kinderbuch, welches für ihn gleichzeitig einen Neuanfang als Kinder- und Jugendschriftsteller bedeutet, da er bis dahin in diesem Genre noch nicht zu den beachteten Autoren zählt.[4]

Was hat Peter Härtling dazu veranlasst für Kinder und Jugendliche zu schreiben? Zum einen, wie er sagt, seine Kinder selbst. Zum anderen, „Die Bücher, die [s]eine Kinder lasen.“[5] Und erschreckenderweise musste Härtling dort eine „Kinderliteratur [entdecken], die [ihm] völlig fremd war.“[6]

Und diese Entdeckung entwickelte sich zu einer Grundrichtung, die vielen Autoren seinerzeit, zumindest in der Grundrichtung, sehr ähnlich war. Neben Autoren wie U. Wölfel, S. Killian, C. Nöstlinger, später auch H.-G. Noack, G. Mebs und G. Pausewang richtet Peter Härtling sich gegen die vermeintlich kompensatorische „heile- Welt- Kinder- und- Jugendliteratur“ der Nachkriegszeit, bei der Kriterien wie „thematische Schonräume, ästhetische Qualität und pädagogischer Wert“[7] noch im Vordergrund stehen.

In einer Zeit, in der sich die gesellschaftlich-politische Lage sowohl durch inner- als auch außerpolitische Ereignisses zuspitzte (zu erwähnen seien vor allem die Demonstrationen beim Besuch des Schahs in Berlin, der Tod des Studenten Ohnesorge, der Vietnamkrieg, Maos Kulturrevolution), konnten und wollte die Autorinnen und Autoren sich nicht mit einer derart gestalteten „Beschönigungsliteratur“ zufrieden geben. „Mit einem Schlag galt alles, was an Kinder- und Jugendbüchern vorhanden war, als Fluchtliteratur, ohne Blick auf die Wirklichkeit der Kinder.“[8]

So rief Peter Härtling dem Festpublikum bei der Verleihung des Deutschen Jugendbuchpreises in Bayreuth 1969 zu:

Es gibt eine Literatur für Kinder, deren Verlogenheit kränkend ist. Die Welt wird verschönert, verkleinert, bekommt Wohnstubengröße. In ihr geschieht nichts Unzuträgliches und wenn, dann springt immer ein Held aus der Ecke, das Kind zu schützen. Man kann Kinder nicht schützen. So nicht.[9]

Und gegen Ende heißt es: „Die Literatur der Kinder ist auch die Wirklichkeit der Kinder.“[10]

Und dieser Satz ist gleichzeitig auch neues Programm, ein neues Konzept der Kinder- und Jugendliteratur: Das Konzept eines geradezu radikalen Realismus, „der sich nicht mehr darauf einlassen wollte, ‚Kinder zu schützen’, der ihnen aber die Wahrheit mitzuteilen versprach.“[11]

In dem Anspruch, Kindern und Jugendlichen ihre eigene Wirklichkeit vor Augen zu halten, ist auch ein neues Kinderbild enthalten: Der junge Leser wird als selbständiger, kritikfähiger Mitbürger begriffen, der ernsthaften Anteil an der Erwachsenenwelt hat.[12] „Die Position ist deutlich: eine literarische Mündigkeitserklärung der Jugend.“[13]

Neben aktuellen Problemen der gesellschaftlichen Realität werden auch soziale und politische Konflikte der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit aufgegriffen und stets so verarbeitet, dass sie für Kinder und Jugendliche sowohl alterstypisch als auch realistisch nachvollziehbar sind. Themen wie Scheidung, Arbeitslosigkeit, Dritte Welt, Krieg (vor allem Zweiter Weltkrieg) – um nur einige zu nennen – kommen in diesen kinderliterarischen Werken zur Sprache.[14]

[...]


[1] Jeßing, Benedikt/ Köhnen, Ralph: Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft. Stuttgart/Weimar: J. M. Metzler 2003, S. IX.

[2] vgl. Rosebrock, Cornelia, Kinder- und Jugendliteratur. In: Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Bd.4. Tübingen: Niemeyer 1998, S. 947. (weiter zitiert als Rosebrock: KJL).

[3] vgl. Maier, Karl Ernst: Jugendliteratur. Formen/ Inhalte/ pädagogische Bedeutung. Bad Heilbronn: Klinkhard 1993, S. 205. (weiter zitiert als Maier: Jugendliteratur).

[4] Vgl. Doderer, Klaus: Literarische Jugendkultur. Kulturelle und gesellschaftliche Aspekte der Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland. Weinheim/ München: Juventa 1992, S. 52f. (weiter zitiert als Doderer: Literarische Jugendkultur).

[5] Siblewski, Klaus: Peter Härtling im Gespräch. Frankfurt am Main: Luchterhand 1990, S. 192. (weiter zitiert als Siblewski: Peter Härtling im Gespräch).

[6] ebd.

[7] Rosebrock: KJL, S. 947.

[8] Kaminski, Winfried: Einführung in die Kinder- und Jugendliteratur- Literarische Phantasie und gesellschaftliche Wirklichkeit. Weinheim/ München: Juventa 1998, S. 40. (weiter zitiert als Kaminski: Einführung in die KJL).

[9] Härtling, Peter: Die Wirklichkeit der Kinder. Rede anlässlich der Verleihung des Deutschen Jugendbuchpreises in Bayreuth 1969. Zitiert nach Doderer: Literarische Jugendkultur, S. 122.

[10] ebd.

[11] ebd., S. 123.

[12] ebd., S. 54.

[13] ebd., S. 93.

[14] vgl. Kurpjuhn, Jutta: Außenseiter in der Kinderliteratur. Darstellungsvarianten und Wirkungsaspekte moderner Prosa für die junge Generation. Frankfurt am Main/ New York: Lang 2000, S. 5. (weiter zitiert als Kurpjuhn: Außenseiter in der Kinderliteratur).

Details

Seiten
15
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783640180929
ISBN (Buch)
9783640181025
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v116200
Institution / Hochschule
Universität Trier – Universität
Note
1,3
Schlagworte
Auseinandersetzung Kind Kinder- Jugendbuchliteratur

Autor

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