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Das Mysterium der Person Sarah in John Fowles -The French Lieutenant's Woman-

Hausarbeit (Hauptseminar) 2000 24 Seiten

Anglistik - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: The French Lieutenant’s Woman - ein feministischer Roman?

2. Die Beschreibung Sarahs
2.1. Sarah als moderne und zeitlose Frau
2.2. Sarah als Sexualwesen
2.3. Sarah als Hexe

3. Sarahs Bedeutung
3.1. Sarahs Bedeutung für die Lymer Gesellschaft
3.2. Sarahs Bedeutung für Charles

4. Die Person Sarah in Bezug auf Ende 2 und Ende

5. Schlußbemerkung

Bibliographie

1. Einleitung: The French Lieutenant’s Woman- ein feministischer Roman?

Sarah ist in John Fowles The French Lieutenant’s Woman wohl die Figur, die die verschiedenartigsten Interpretationen zuläßt. Ihr Charakter bleibt weitgehend im Dunkeln und über ihre Intentionen kann der Leser nur spekulieren. Die Ambiguität der Konzeption der Person Sarah kann ohne Zweifel darauf zurückgeführt werden, daß der Text weitgehend darauf verzichtet, dem Leser Sarahs „ point of view“ zu vermitteln. Im Grunde ist Sarah nur durch Außenperspektiven dargestellt. Nach Magali C. Michael sind es „Charles‘, „the male narrator’s and Fowles‘ voice“[1], die Sarah dem Leser präsentieren; allesamt männliche Perspektiven. So finden wir dementsprechend in der Sekundärliteratur kontroverse Interpretationsansätze, die sich nach Magali Michael in zwei Grundkategorien aufteilen lassen. Die einen betrachten den Roman als einen feministischen, die anderen stellen an den Roman keinen solchen Anspruch[2]. Für die Rezeption als einen feministischen Roman sprechen die Bezüge auf historische Figuren und Ereignisse, die im Zusammenhang mit der Emanzipation stehen: „Mrs. Carloine Norton as ‚an ardent feminist‘ writer, ‚Florence Nightingale‘, ‚John Stuart Mill‘ and his argument that ‚now was the time to give woman equal rights at the ballot box,‘ the date of ‚March 30th, 1867‘ as marking ‚the beginning of feminine emancipation in England‘, the publication of ‚Mill’s Subjection of Woman‘, and the founding of ‚Girton College‘.“[3] Auch läßt sich eine allmähliche Entwicklung Sarahs feststellen, in der sie ihr eigenes feministisches Bewußtsein entwickelt. Weiterhin könnte Charles‘ Sichtweise eine Interpretation des Romans als einen feministischen stützen. Charles sieht in Sarah „an independence of spirit“ und „a determination to be what she was“, am Ende des Romans erkennt er, daß sie „a new self-knowledge and self-posession“ gewonnen hat. Jedoch ist Charles unfähig, aus seiner einseitigen männlichen Perspektive herauszutreten. M.C. Michael stellt, meiner Meinung nach sehr berechtigt fest, daß die Tatsache, daß Sarah letztendlich nur eine Projektion männlicher Darstellung bleibt, im Gegensatz zu einem feministischen Thema stehe. Dadurch daß Sarah keinen eigenen Standpunkt im Roman hat, stellt sie keine eigenständige Person mit eigenen Rechten dar. Byrds Behauptung, „Fowles provides sufficient information about Sarah’s personality traits, values, and experiences for one to understand her character and history by the time one has finished reading the novel“[4], ist für M. C. Michael symptomatisch für „a naive reading“. Auch ich halte die These Byrds für sehr gewagt. Sicherlich ist es richtig, daß der Leser bewußt dazu geführt wird, über Sarahs Charakter nachzudenken und ihre Motivation zu interpretieren. Hierbei darf aber nicht außer acht gelassen werden, daß es sich immer um eine spekulative Interpretation handeln wird. Letztlich wird Sarah immer das Mysterium bleiben, das sie von Anfang an darstellt. Diese Tatsache kommt vor allem durch das Unwissen des Erzählers selber zustande. Er betont, daß die Darstellung Sarahs nur auf einem externen und eingeschränkten Blickwinkel beruht: „I report then, only the outward facts“. Noch deutlicher als im ständigen Gebrauch von Wörter wie „perhaps“, „as if“ und „it was hard to say“ wird diese Tatsache, als sich der Autor, der sich an dieser Stellen von der Erzählerperspektive zu lösen scheint, selber die Frage stellt: „Who is Sarah? Out of what shadows does she come?“[5]. Auf diese Frage antwortet er, nun ganz klar vom Standpunkt des Autors berichtend, im Kapitel 13 mit: „I do not know.“[6]. Er gibt vor, die in seinem eigenen Gehirn entstandene Figur Sarah selber nicht zu verstehen: „Modern women like Sarah exist, and I have never understood them.“[7] Zudem ist die Darstellung Sarahs durch einen im 20.Jahrhundert lebenden männlichen Autor von daher fragwürdig, daß, so M. C. Michael, seine Perspektive auf doppelte Weise distanziert ist: „by time and by gender-specific ideology“[8] Auch die Verläßlichkeit von Charles‘ Sichtweise ist fragwürdig. Seine Subjektivität der Darstellung wird in der Liebesszene eindeutig entlarvt. Ausdrücklich wird hier berichtet: „He felt her flinch with pain as the bandaged foot fell from the stool.“[9] Später jedoch ist er erstaunt, daß der verstauchte Knöchel gar nicht existiert. Der Leser bleibt hier also gefangen in der Sichtweise Charles‘. M. C. Michael bezeichnet Sarah als ein „object functioning for men.“[10] und stellt die These auf, daß die Darstellung Sarahs durch „male myths“ bestimmt sei. Eingeführt wird Sarah als „figure from myth“, „the other figure“ und „Tragedy“. Auch im Verlauf des Roman wird Sarah diese Vergleiche mit Symbolen, Enigmata und Mythenfiguren nicht los. Ihre Darstellung ist also unauflösbar verstrickt in eine dominante maskuline Ideologie. Ganz zurecht stellt M.C. Michael die Frage, ob diese Art der Darstellung nun eine glaubhafte Kritik an der männlichen Perspektive, wie Woodcock es behauptet, darstellen kann. Und hier liegt auch der Kritikpunkt Michaels an John Fowles. „Fowles wants to represent the development of [...] a feminist consciousness and yet he does not give Sarah a voice.“[11] Da nun der Roman weder „...a place of woman’s voice“[12] erlaubt, noch die Entlarvung männlicher Mythen und Ideologien anbietet, kommt sie zu dem Ergebnis: „...Fowles‘ The French Lieutenant’s Woman falls short of being a feminist novel.“[13]

In den folgenden Kapiteln möchte ich nun versuchen, die Person Sarah näher zu ergründen. Natürlich kann dabei ihre einseitig männliche Darstellung nie aus dem Auge verloren werden. Wie ihr Charakter nun wirklich konzipiert ist, ob sie die femme fatal oder femme fragile des Romans ist, treibende Kraft oder Opfer, wird aufgrund dieser Problematik wohl nicht eindeutig zu lösen sein. Bei der Interpretation möchte ich nun vor allem das Augenmerk auf drei Punkte richten. Diese Punkte sind die Beschreibung Sarahs, ihre Bedeutung und ihre Persönlichkeit in Bezug auf die beiden möglichen Enden 2 und 3.

2. Die Beschreibung Sarahs

Wie schon in der Einleitung hervorgehoben, ist die Charakterkonzeption der Figur Sarah eine schillernde und vielschichtige und vom Autor als unerklärbar angelegt. Stefan Horlacher wirft die Frage auf, ob Sarahs Unerklärbarkeit und innere Zerrissenheit nicht primär das Produkt der auf verschiedenen Textebenen widerstreitenden und gegenläufigen Frauenbilder darstelle[14]. Unbezweifelt ist wohl, daß der Autor diese Ambiguität gezielt einsetzt und vielschichtige Deutungen geradezu provoziert. In den folgenden Unterkapiteln möchte ich nun auf drei unterschiedliche Frauenbilder, denen die Figur Sarah jeweils in einem gewissen Maße entspricht, eingehen. Dies sind Sarah als „New Woman“, als Sexualwesen und als Hexe. Mit der Beschränkung auf diese drei ausgewählten Frauenbilder möchte ich in keinster Weise den Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Die Anwendung von weiteren wäre sicherlich denkbar, jedoch halte ich die vorliegenden drei für sehr deutlich und am Text belegbar, somit am wenigsten spekulativ.

2.1. Sarah als moderne und zeitlose Frau

Mit der Konzeption der Figur Sarah wird eine Frau entworfen, die konträr zur typischen ihrer Zeit steht. In all ihren Eigenschaften und in ihrer Biographie paßt sie nicht in die viktorianische Gesellschaft. Ihre Erziehung stellt sie zwischen die sozialen Schichten: „Her father had forced her out of her own class, but could not raise her to the next.“[15] Sie ist ohne Mutter aufgewachsen, und ihr Vater stirbt in einer psychiatrischen Anstalt als sie gerade seit einem Jahr ihr eigenes Geld verdient. All diese Umstände geben ihr eine Haltlosigkeit und gleichzeitig eine gewisse Unabhängigkeit. Im Kapitel 9 wird ihr sozialer Hintergrund „the second curse of her life“[16] genannt. Der erste „curse“ ist ihre „profundity of insight.“[17] Der Erzähler beschreibt Sarah als intelligent auf eine ganz besondere Weise, sie besitzt die Fähigkeit „...to classify other people’s worth: to understand them, in the fullest sense of that word.“[18] Dieses Vermögen wird als „in the least analytical or problemsolving“ beschrieben. Interessanterweise wird der Leser wenige Zeilen später mit folgender Metapher konfrontiert: „...she was born with a computer in her heart.“ Ist ein Computer nicht in erster Linie „analytical“ und „problemsolving“? Zudem rechtfertigt sich der Erzähler selber, daß er den Computer im Zusammenhang mit Sarahs Herz und nicht mit ihrem „mind“ nennt. „I say heart since the values she computed belong more there than in the mind“. So finden wir also schon am Anfang des Buches in der ersten Beschreibung Sarahs durch den Erzähler eine offensichtliche Ambiguität. Darüber hinaus wird Sarah durch die Metapher des Computers in Zusammenhang mit unser heutigen modernen Welt gerückt. Im Kapitel 14 wird noch einmal auf diese Metapher Bezug genommen: „That computer in her heart had long before assessed Mrs Tranter and stored the sesultant tape.“[19] Im Verlauf des Romans finden sich noch zahlreiche Bezüge, in denen Sarah ausdrücklich als ein zeitloses oder modernes Wesen beschrieben wird. So liest sie Mrs. Poulteney aus der Bibel vor, als könne sie den zeitlichen Abstand ohne weiters überbrücken. „...she spoke directly of the suffering of Christ, ..., as if there was no time in history.“[20] Sarah und Charles treffen sich auf den Undercliffs und der Erzähler merkt an: „...the whole Victorian Age was lost.“[21] Für Charles ist sie bei ihrem zweiten Treffen „a figure in a dream, both standing still and yet always receding.“[22] Sie ist es, die durch ihre Unkonventionalität Charles aus seiner konventionellen Lebensführung und damit aus seiner Zeit herauszieht: „Where are your pretensions now, those eyes and gently curving lips seemed to say; where is your birth, your science, your etiquette, your social order?“[23] Durch Sarah lernt Charles, ein gewisses Gefühl der Zeitlosigkeit zu erleben, so hört er im Gesang des Zaunkönigs „the heart of all life“[24], und als Charles Sarah im Kapitel 31 in seine Arme schließt und sie küßt, bemerkt der Erzähler: „What lay behind them did not matter. The moment overcame the age.“[25] Auch später bei ihrem Wiedertreffen in London, hat Charles das Gefühl, daß sie weder den Gesetzen der Zeit noch denen des Raumes unterworfen ist.

This electric and bohemain apparition evoked two immediate responses in Charles; one was that instead of looking two years older, she looked two years younger; and the other, that in some incomprehensible way he had not returned to England but done a round voyage back to America.[26]

In ihrem Ausehen und Auftreten steht sie im Gegensatz zur traditionellen viktorianischen Frau. Ihre Haut ist ganz im Gegensatz zur Mode der damaligen Zeit braun und rötlich, und ihr Haar trägt sie „without the then indispensable gloss of feminine hair-oil“[27]. Ebenfalls entgegengesetzt der Mode sind ihre Augenbrauen „strong, or at least unusually dark, almost the colour of her hair, which made them seem strong, and gave her a faintly tomboyish air on occasion.“[28] Ihre gesamte Erscheinung ist also unbeeinflußt von der Mode der damaligen Zeit und der Erzähler bemerkt: „She seemed totally indifferent to fashion“[29] Bei ihrem Wiedersehen in London trägt Sarah „the uniform of the New Woman“. In Amerika vielleicht in Mode ist diese Art der Kleidung ungewöhnlich in England, „...flagrantly rejecting all formal contemporary notions of female fashion.“[30] Mehr als einmal finden sich Hinweise darauf, wie außergewöhnlich sich Sarah für die viktorianische Zeit benimmt. Charles ist erstaunt, daß sie ihm ernsthaft zu widersprechen wagt und sich so intellektuell auf eine Stufe mit ihm zu stellen versucht, denn „ [a] woman did not contradict a man’s opinion...“[31] Als sie gemeinsam über die Undercliffs wandern, geht sie voran, ein durchaus atypisches und unkonventionelles Verhalten; „...a lady would have mounted behind him, not ahead of him.“[32] Hand in Hand mit dieser Unkonventionalität geht die Darstellung Sarahs als Sexualwesen, worauf ich nun im nächsten Unterkapitel eingehen möchte.

[...]


[1] M.C. Michael, 1985, S.225

[2] Ibid, S.225

[3] Ibid, S. 226

[4] zit. nach M.C. Michael, 1985, S.228

[5] FLW., S.96

[6] FLW, S. 97

[7] FLW, S.97

[8] M.C. Michael, 1985, S. 230

[9] FLW, S. 336

[10] M.C. Michael, 1985, S. 230

[11] Ibid, S.233

[12] Ibid, S. 235

[13] Ibid, S. 235

[14] S. Horlacher, 1998, S. 128

[15] FLW, S.58

[16] FLW, S. 57

[17] FLW, S.57

[18] FLW,S.57

[19] FLW,S.103

[20] FLW,S.62

[21] FLW,S.75

[22] FLW,S.89

[23] FLW,S.181

[24] FLW,S.234

[25] FLW,S.243

[26] FLW,S.424

[27] FLW,S.74

[28] FLW,S.118

[29] FLW,S.164

[30] FLW,S.423

[31] FLW,S.140

[32] FLW,S.162

Details

Seiten
24
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638177252
Dateigröße
593 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v11610
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Englisches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
Historischer Roman Metahistorischer Roman John Fowles French Lieutenant s Woman Frauenfiguren Frauenbilder Hexe moderne Frau Weiblichkeit

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