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Oral History und Gedächtnisforschung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 32 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biographieforschung
2.1. Definition
2.2. Vollbiographie und Sozialbiographie
2.3. Nachteile

3. Oral History
3.1. Definition
3.2. Arten von Oral History: Gemeinschaftsstudien
3.3. Arten von Oral History: Biographien
3.4. Arten von Oral History: Familienforschung
3.5. Vorteile
3.6. Nachteil: der Vorteil eines Nachteils
3.7. Weitere Schwierigkeiten

4. Oral History praktisch: Interviews mit einem Zeitzeugen
4.1. Die Stationen des jungen Soldaten Bert S
4.2. Kriegsgefangenschaft in Frankreich
4.3. Übereinstimmungen und Zusammenhänge

5. Die Erinnerung in der Gedächtnisforschung

6. Schluss

7. Literatur

1. Einleitung

Oral History bezeichnet eine Teildisziplin der Geschichtswissenschaft, die etwa seit den 60er Jahren in Deutschland von Historikern angewendet wird. Speziell durch das Erforschen der Alltagsgeschichte von Personengruppen etablierte sich die Oral History als Methode, durch Befragungen von Zeitzeugen an Informationen, Hintergrundwissen und deren persönliche Erfahrung zu gelangen, die in schriftlichen Quellen nicht auszumachen sind. Dass diese Art der Forschung mit einer gewissen Sorgfalt angewendet und ausgewertet muss, versteht sich durch die subjektive Wahrnehmungsprägung der erzählten Erlebnisse und Ereignisse. Doch gerade dies kann zu Erkenntnissen führen, die ‚objektive’ Quellen nicht bieten können: die Meinungen, Stimmungen, Emotionen und auch der Wissensstand bestimmter Personen oder Gruppen lässt sich anhand von Oral History ermitteln.

Diese Arbeit besteht aus drei thematischen Teilen. Zu Beginn sollen die Begriffe Biographieforschung und Oral History erläutert werden. Biographieforschung wird sowohl von Oral History abgetrennt betrachtet werden, da Oral History als Methode innerhalb der Biographieforschung gebraucht werden kann, aber die Biographik ebenso Teil von Oral History sein kann. Im zweiten Teil werden die Ergebnisse von unterschiedlichen Befragungen eines Zeitzeugen zum identischen Thema dargestellt und in einem Überblick verglichen. Durch das praktische Beispiel sollen die im ersten, theoretischen Teil aufgeführten Probleme der Oral History verdeutlicht werden. In einem letzten Abschnitt soll dann eine Zusammenfügung beider Teile mit Hilfe der (psychologischen) Gedächtnisforschung erfolgen, die die Hintergründe der Schwierigkeiten dieser Methode und derer möglichen Erklärungen aufzeigen soll.

2. Biographieforschung

In der Nachkriegszeit löste sich die deutsche Geschichtswissenschaft mehr und mehr vom Individualitätsprinzip der Geschichtsbetrachtung und wandte sich einem strukturgeschichtlichen Ansatz zu. Lange Zeit galt die Biographik als das letzte Erbe des Historismus und war somit nicht als historische Methode anerkannt.1 Die biographische Forschung erlebte während der siebziger Jahre in der Soziologie einen „deutlichen Aufschwung.“2 In der Geschichtswissenschaft distanzierte man sich bis Ende der achtziger Jahre von personenbezogenen Forschungsansätzen. Dies änderte sich vor allem durch die Geschichte der Arbeiterbewegung, da diese mehr und mehr an personenorientierter Forschung interessiert wurde. Man erkannte, dass der Betrachtung des Alltagslebens normaler Personen eine große Bedeutung zukam und bei dem Thema Arbeiterbewegung eine bedeutende Forschungsgrundlage darstellte.

Während man in der Soziologie so genannte ‚Kollektivbiographien’, auch ‚Prospographien’ genannt, erarbeitete und somit Analysen von beispielsweise Sozialstruktur, Schichtgefüge und Mobilitätsprozessen bestimmter Personengruppen entstanden, wurden in der Geschichtswissenschaft Einzelbiographien erstellt. Gudrun Schneider-Nehls differenziert hier zwischen soziologischer und historischer Biographieforschung: zwar könne man anhand von Einzelbiographien auch an Datenanalysen ansetzen, 3 aber seien „Abweichungen eines Individuums von Typisierungen oftmals aus dem Interessenfeld der Forschenden ausgeschlossen“.4 Somit blieben immer Diskontinuitäten.

2.1. Definition

Der Begriff der Biographie scheint selbsterklärend zu sein: nach dem griechischen Ursprung bedeutet „bios“ das „Leben“ und „graphein“ „schreiben, zeichnen“. „Lebensbeschreibung“ heißt Biographie also übersetzt, womit das nachträgliche Beschreiben des eigenen oder eines anderen Lebens gemeint ist. Casimir Bumiller zitiert Andreas Gestrich, welcher Gegenstand und Aufgabe der Biographieforschung folgendermaßen definierte: „Der Gegenstand der Biographieforschung ist die Darstellung und Erklärung des äußeren Lebenslaufs und der Selbstinterpretation von Individuen oder Gruppen in ihrem wechselseitigen Zusammenhang und im Kontext der Motive und Wirkungen ihrer Handlungen. Das heißt, Biographieforschung hat es zwar nicht ausschließlich, aber doch zu einem wesentlichen Teil mit der Analyse von Prozessen der Persönlichkeitsentwicklung und Identitätsbildung zu tun. Biographieforschung setzt daher die Reflexion auf die Begriffe von Identität und Persönlichkeit.“5

Das Besondere an der Biographieforschung ist laut Gudrun Schneider-Nehls die Tatsache, dass das Individuum „bei einer vorzunehmenden Verknüpfung verschiedener Perspektiven und Methoden wieder als Handlungsträger“6

betrachtet werde, ohne dabei dessen gleichzeitige gesellschaftliche Eingebundenheit außen vor zu lassen. Somit könne man das Spannungsfeld zwischen individuellen und gesellschaftlich gesteuerten Handeln eines Individuums analysieren und diese Handlungsspielräume näher betrachten. Sie zitiert von Berlepsch: „Selbst der einzelne Lebenslauf bündelt Erfahrungen, Erwartungen und Handlungsmotive einer Generation, spiegelt fremdbestimmte Zwänge von Familie, Stand, Klasse und Gesellschaft wider, bildet in den biographischen Entscheidungen (Karriere, Ehe) zeittypische kommunikative Zusammenhänge ab.“7

Die Biographik sei also niemals nur eine „individualpsychologische Veranstaltung“,8 da sie die Funktionsweisen der Gesellschaft am Individuum untersuche. Durch die Befragung von so unterschiedlichen Gesichtspunkten wie Erziehungsstil durch die Eltern, die jeweiligen erlebten Sozialisierungsstrukturen und –instanzen, Mentalität und Kultur, politische und disziplinierende Strukturen des Lebensumfeldes, den Formen der Integration einer Person in kollektive Verbände und vielen anderen Lebensbereichen sei ein umfassendes Bild machbar. Die Biographik erfordere laut Bumiller eine „gute Darstellung des historischen Raumes und des kulturellen Milieus, in dem die betrachtete Person gelebt hat.“9 Man könne ein Individuum selbst erfassen, aber auch die Gesellschaft, in welcher sich das Individuum befand oder immer noch befindet. Die Biographik sei des Weiteren das „Kernstück einer Strukturgeschichte“,10 denn Menschen als Individuen und in Gesellschaften würden von den Strukturen „gemacht“ und würden diese auch gleichzeitig selbst „machen.“12

In der historischen Biographieforschung lassen sich also soziologische und geschichtswissenschaftliche Analysen miteinander kombinieren; laut Schneider-Nehls würden sich beide Disziplinen sogar „einander hervorragend ergänzen.“12 Die Biographieforschung lässt sich also als interdisziplinäre wissenschaftliche Disziplin charakterisieren, da sie durch eine recht große Methodenvielfalt geprägt ist. Neben der Soziologie und Geschichtswissenschaft profitiert auch die Pädagogik oder Psychologie von ihr.

Innerhalb der Geschichtswissenschaft lässt sich die Betrachtungsweise der Biographieforschung in zwei Richtungen unterscheiden: der historischen Sozialwissenschaft einerseits und der historischen Alltagsgeschichte, wie von Lutz Niethammer seit den 80er Jahren dargestellt, andererseits. Casimir Bumiller unterscheidet innerhalb der Biographik zwei unterschiedliche Konzepte: die „Vollbiographie“ einerseits und die „Kollektiv- (Gruppen-, Sozial-) Biographie“ andererseits.

2.2. Vollbiographie und Sozialbiographie

Die Vollbiographie sei eine Lebensbeschreibung, die die ‚innere Biographie’ einer Person mitberücksichtigt, das heißt: ihre Sozialisation, Selbstreflexion, Mentalität und Identität analysiert und somit ein sozialisationstheoretisches, psychologisches und psychoanalytisches Spektrum abdeckt. Eine Vollbiographie ist aber nur dann möglich, wenn Quellenmaterial im ausreichenden Umfang vorhanden ist. Dabei sollte es sich nicht nur um persönliche Quellen wie Selbstzeugnisse oder private Dokumente handeln, sondern auch um Quellen wie beispielsweise Urkunden, Kriminalprotokolle oder behördliche Unterlagen. Im besten Falle ist die Person noch nicht verstorben und es gelingt mit Hilfe der Methode der Oral History, eine noch umfassendere Biographie durch gezielte Befragungen zu entstehen zu lassen. Die Vollbiographie ist somit stärker psychologisch und psychoanalytisch geprägt.

Die Sozialbiographie ist nach Bumillers Definition dazu nicht imstande. Sie kann lediglich die Lebenswelt einer Person auf dem „Umweg der Untersuchung seiner Verankerung in einem Kollektiv hinreichend ermitteln.“13 Dies gelingt durch soziologische und sozialgeschichtliche Ansätze und immer dann, wenn das Quellenmaterial zu einer Person oder einer Gruppe nicht in umfassender Form vorliegt.

In beiden Konzepten finden sich Strukturgeschichte und Lebenswelt, Individuum und Gesellschaft wider. Es gilt, diese nicht strikt voneinander getrennt zu betrachten, sondern die Zusammenhänge und die Zwischenbeziehungen zwischen ihnen aufzuzeigen. Der Erfolg von Biographik hängt davon ab, ob es gelingt herauszuarbeiten, wie Individuen und Gruppen in ihrem Selbstverständnis und ihren Handlungen die vorgefundenen Strukturen aufgreifen und ob sie diese handelnd reproduzieren oder gar verändern.

2.3. Nachteile

Die zentrale Problematik der Biographik liegt in der ‚Unzuverlässigkeit’ von Erinnerungen. Die Frage, die sich stellt, ist: entspricht die Erinnerung in dem gegenwärtigen Moment wirklich den tatsächlichen historischen Gegebenheiten? Die Erinnerungen seien „unvollständig, perspektivisch verzerrt, subjektiv gefärbt und zum größten Teil geschichtsfern.“14

[...]


1 Vgl. Bumiller, Casimir: Zur Biographik der „kleinen Leute“, in: Wilbertz, Gisela und Scheffler, Jürgen (Hrsg.): Biographieforschung und Stadtgeschichte. Lemgo in der Spätphase der Hexenverfolgung, Bielefeld 2000, S. 29.

2 Schneider-Nehls, Gudrun: Grenzgänger in Deutschland. Untersuchung einer

intellektuellen Verhaltensmöglichkeit in unserem Jahrhundert. Eine biographische Studie dreier Generationsgestalten der Jahrgänge 1895-1926: Arnolt Bronnen - Eberhard Koebel - Erich Loest, Potsdam 1997, S.61.

3 + 4 „Denn Individuelles und typisches sind eng miteinander verflochten. Selbst der einzelne Lebenslauf bündelt Erfahrungen, Erwartungen und Handlungsmotive einer Generation…“, in: dies., S. 62.

5 Zitiert nach Bumiller, S.32.

6 + 7 Schneider-Nehls, S. 63.

7 Bumiller, S. 31.

8 Bumiller, S. 32.

9 Gert Zang: Die unaufhaltsame Annäherung an das Einzelne. Reflexionen über den theoretischen und praktischen Nutzen der Regional- und Alltagsgeschichte, Konstanz 1995, S.62.

10 Bumiller, S. 43.

11 Schneider-Nehls, S. 68.

12 Bumiller, S. 36.

13 Bumiller, S. 32.

14 Fuchs-Heinritz, Werner: Biographische Forschung. Eine Einführung in Praxis und Methoden, Wiesbaden 20002, S. 80.

Details

Seiten
32
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640176496
ISBN (Buch)
9783640176458
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v116097
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Historisches Institut: Sozial- und Wirtschaftsgeschichte
Note
1,3
Schlagworte
Oral History Gedächtnisforschung Aufbau West Neubeginn Vertreibung Wirtschaftswunder

Autor

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Titel: Oral History und Gedächtnisforschung