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Das ‚Paradox des Wählens’ in der Rational Choice-Theorie - Ist Wählen irrational?

Bachelorarbeit 2008 39 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Grundzüge der Rational Choice-Theorie
2.1 Annahmen
2.2 Anspruch, Möglichkeiten und Beschränkungen

3 Der Wähler in der Rational Choice-Theorie
3.1 Die Grundlagen des Wählens
3.2 Die Bedeutung der Information und deren Kosten
3.3 Modellimmanente Kritik

4 Das ‚Paradox des Wählens’

5 Mögliche Wege aus dem Paradox innerhalb des engen Paradigmas
5.1 Modifikation der Präferenzen
5.2 Relativierung der Kosten
5.3 Überschätzung der Einflusswahrscheinlichkeit
5.4 Minimierung des maximal möglichen Bedauerns

6 Alternative Erklärungsmöglichkeiten der Wahlbeteiligung
6.1 Empirische Evidenz
6.2 Die Theorie des expressiven Wählens

7 Schlussbemerkung

Bibliographie

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Die ‚Minimax-Regret’-Strategie

1 Einleitung

Schon seit geraumer Zeit spielt der Rational Choice-Ansatz in der Politikwissenschaft und der Soziologie1, aber auch in der Philosophie, der Rechtswissenschaft und der Biologie eine wichtige Rolle (Vgl. Nida-Rümelin/ Schmidt 2000: 9). Rational Choice-Theoretiker gehen von einem Menschenbild aus, das rational handelnde und nutzenmaximierende Akteure unterstellt. Sie bedienen sich einer ökonomischen Sichtweise mit dem Anspruch, ein an den ‚Homo oeconomicus’ angelehntes Menschenbild zur Analyse facettenreicher Probleme zu verwenden.

Inzwischen gilt der Rational Choice-Ansatz in der Politischen Wissenschaft als etabliert und akzeptiert, wobei er neben euphorischer Zustimmung aber auch vernichtende Kritik erfahren hat (Vgl. Zimmerling 1994: 19f.). Die breite Akzeptanz dieser Herangehensweise ist nicht zuletzt auf die simplen Annahmen der Theorie zurückzuführen, die eine Anwendung in verschiedensten Problembereichen ermöglichen. Die Rational Choice-Theorie ist bereits zur Erklärung so unterschiedlicher Phänomene wie die Bereitstellung kollektiver Güter (Vgl. Olson 1992), die Bürokratie (Vgl. Downs 1967), die internationale Migration (Vgl. Hill 2002: 59- 62) und die Ehe (Vgl. Becker 1993: 225-281) herangezogen worden.

Obwohl die Wirtschaftswissenschaften schon im 18. Jahrhundert mit der Erklärung politischer Phänomene begannen, findet der Rational Choice-Ansatz in der Politikwissenschaft erst seit den fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts verbreitete Anwendung (Vgl. Green/ Shapiro 1999: 12).

Der Wirtschaftsund Politikwissenschaftler Anthony Downs hat in seinem Werk „Economic Theory of Democracy“ im Jahre 1957 (deutsche Erstausgabe 1968) zum ersten Mal ein umfassendes Modell zur Erklärung des Wählerund Regierungsverhaltens auf Basis der Rational Choice-Theorie vorgelegt, das nach wie vor als grundlegend gilt. Ein zentrales Ergebnis seiner Arbeit ist die Behauptung, dass eine Beteiligung an politischen Wahlen bei einem Kosten- Nutzen-Kalkül des Wählers auch dann irrational sei, wenn der Wähler hinsichtlich des Wahlausgangs nicht indifferent sei. Downs behauptet, dass die Kosten des Wahlganges den Nutzen, den das Individuum aus der Wahlbeteiligung zieht, bei weitem übersteigen, da „der Stimmzettel des Einzelnen nur ein Tropfen in einem Ozean“ (Downs 1968: 238) sei und keinen spürbaren Einfluss auf den Ausgang der Wahl habe. Dieser Befund deckt sich jedoch nicht mit der Realität, da die Wahlbeteiligung in westlichen Demokratien in aller Regel deutlich höher ist als Downs Theorie vermuten lässt.

Diese Diskrepanz zwischen Theorie und Realität ist als ‚Paradox des Wählens’ bekannt geworden. Downs Ansatz und auch seine Schlussfolgerungen sind freilich nicht unwidersprochen geblieben. Diese Arbeit behandelt die Rolle des Wählers in Rational Choice-Modellen und setzt ihren Schwerpunkt auf das ‚Paradox des Wählens’. Mit der Arbeit soll die These belegt werden, dass enge Rational Choice-Modelle ungeeignet sind, die Wahlbeteiligung bei politischen Wahlen zu erklären.

Zum besseren Verständnis des ‚Paradox des Wählens’ werden die Grundzüge der Rational Choice-Theorie im zweiten Kapitel unter Betonung der unstrittigen Annahmen prägnant erläutert und das Ziel des Rational Choice-Ansatzes in einem kritischen Kontext diskutiert. In enger Anlehnung an die Überlegungen von Anthony Downs wird im dritten Kapitel die Rolle des Wählers (bzw. des Wahlberechtigten) in der Rational Choice-Theorie erläutert, wonach Downs Modell kritisch diskutiert wird. Das ‚Paradox des Wählens’ wird danach im vierten Kapitel ausführlich beschrieben. Im fünften Kapitel werden vier mögliche Wege aus dem ‚Paradox des Wählens’ innerhalb des Rational Choice-Paradigmas dargestellt, die nach Ansicht des Autors jedoch keine Auflösung des Wahlparadoxes erlauben. Im sechsten Kapitel wird mit der ‚Theorie des expressiven Wählens’ eine alternative Erklärung für die Wahlbeteiligung behandelt, die nach Ansicht des Verfassers den bisherigen Rational Choice-Ansätzen deutlich überlegen ist. Zuvor werden einige empirische Untersuchungsergebnisse zu den Determinanten für die Wahlbeteiligung knapp vorgestellt. In der Schlussbemerkung werden die Ergebnisse der Arbeit schließlich zusammengefasst und die These verifiziert.

Zur Rational Choice-Theorie im Allgemeinen und zum Thema ‚Paradox des Wählens’ im Besonderen steht eine Vielzahl an Literatur zur Verfügung. Bei der Erstellung dieser Arbeit wurde insbesondere auf Rational Choice-kritische Werke2 zurückgegriffen. Bei der Darstellung der Weiterentwicklungen des Downsschen Modells in Kapitel 5 wurden hauptsächlich Beiträge aus US-amerikanischen Fachzeitschriften verwendet, deren Autoren sich größtenteils als Apologeten der Rational Choice-Theorie verstehen. Zentral für diese Arbeit ist jedoch die „Ökonomische Theorie der Demokratie“ von Anthony Downs.

An anderer Stelle wird mit dem Begriff ‚Wahlparadox’ oder ‚paradox of voting’ die Problematik zyklischer Mehrheiten beschrieben (Vgl. Riker/ Ordeshook 1973: 78-115). In dieser Arbeit wird mit diesem Begriff jedoch ausschließlich das Phänomen bezeichnet, dass Wahlberechtigte trotz eines negativen Kosten-Nutzen-Verhältnisses an politischen Wahlen partizipieren.

2 Grundzüge der Rational Choice-Theorie

„Der Mensch agiert insgesamt mit dem Ziel, in einem von ihm überschauten Zeitraum ein maximales Ausmaß an Wohlbefinden zu erreichen“ (Ramb 1993: 5).

2.1 Annahmen

Die Rational Choice-Theorie stützt sich auf das Menschenbild des ‚Homo oeconomicus’, das den Wirtschaftswissenschaften zur Erklärung elementarer wirtschaftlicher Zusammenhänge dient. Sie ist kein monolithischer Ansatz, sondern hat vielfältige Ausgestaltungen hervorgebracht. Unter dem Etikett ‚Rational Choice’ sind inzwischen viele Ableger entstanden, die Namen wie Public Choice, Social Choice, Spieltheorie und Ökonomische Theorie der Politik tragen. Trotz dieser Vielfalt gibt es jedoch vier Grundannahmen, über die sich die Rational Choice-Theoretiker weitgehend einig sind (Vgl. Green/ Shapiro 1999: 25ff.).

Die Rational Choice-Theorie geht erstens davon aus, dass Personen rational handeln. Eine Handlung wird dann als rational bezeichnet, wenn sie dem Handelnden am besten geeignet erscheint, ein mit der Handlung intendiertes Ziel zu erreichen. Die Ziele eines Individuums werden von den persönlichen Präferenzen determiniert, aus denen sich die Bedürfnisse des Individuums ableiten lassen. Präferenzen lassen sich als „die relative Bewertung von Handlungsalternativen durch einen Handelnden im Lichte seiner Ziele“ (Tietzel 1988: 39) definieren. Es wird ferner unterstellt, dass die Akteure im betrachteten Zeitraum stabile Präferenzen haben. Individuen in Rational Choice-Modellen handeln also nutzenmaximierend und streben gleichzeitig eine Minimierung der Kosten an. Sie handeln demnach ökonomisch. Eine Aussage darüber, ob die Handlung eines Individuums rational ist oder nicht, lässt sich nur mit Blick auf die Ziele des Individuums treffen. Nur das Mittel zum Zweck kann also Gegenstand einer Bewertung sein, nicht jedoch der Zweck an sich (Vgl. Downs 1968: 5).

Zweitens herrscht Konsens darüber, dass die Präferenzstrukturen der Individuen zumindest zwei Konsistenzbedingungen erfüllen müssen (Vgl. Braun 1999: 33f.). Die erste Bedingung lautet, dass jedes Individuum in der Lage sein muss, seine Präferenzen zueinander in Beziehung zu setzen. Diese Bedingung wird ‚Konnektivität’ oder ‚Verbundenheit’ genannt. Ein Akteur muss demnach imstande sein zu entscheiden, ob ein Bedürfnis dringender, weniger dringend oder genauso dringend ist wie ein anderes. Die zweite Bedingung ist die der Transitivität der Präferenzordnung. Eine Präferenzordnung ist dann transitiv, wenn das Individuum seine Bedürfnisse in eine widerspruchsfreie Reihenfolge bringen kann. Aus der Tatsache, dass das Individuum A gegenüber B und B gegenüber C vorzieht, muss demnach folgen, dass A auch gegenüber C vorgezogen wird (Vgl. Wigger 2006: 121).

Die dritte Grundannahme bezieht sich auf die Risikoneutralität der Akteure bzw. deren Orientierung am erwarteten Nutzen. Ein Akteur ist dann risikoneutral, wenn „die Beurteilung von Strategien ausschließlich vom Erwartungswert abhängt und die Unsicherheit keine Rolle spielt“ (Feess 2000: 776). Ein risikoneutraler Akteur unterscheidet also nicht zwischen einem Spiel, bei dem eine Chance von 100% auf eine Auszahlung von 5€ besteht und einem Spiel, bei dem eine Chance von 50% auf eine Auszahlung von 10€ besteht, da der Erwartungswert beider Spiele 5€ beträgt (Vgl. Green/ Shapiro 1999: 26). Der Nutzen aus einer Handlung wird also unter Berücksichtigung der Eintrittswahrscheinlichkeit des erwünschten Effekts bewertet. Viertens besteht Einigkeit darüber, dass die betrachteten Nutzenmaximierer Individuen und nicht Gruppen von Individuen sind. In einer Theorie, die rationale Akteure unterstellt, können Gruppen schon allein deshalb nicht als Akteure betrachtet werden, da diese keine Präferenzen im eigentlichen Sinne haben. Dies trifft natürlich auch auf die Gesellschaft als Ganzes zu:

„Society […] cannot have preferences in any proper sense of the word “have,“ [sic!] nor indeed can it order the preferences it does not have” (Riker/ Ordeshook 1973: 78). Im Rational Choice-Paradigma handeln Individuen des Weiteren auch wirklich individuell und nicht etwa als Teil einer Gruppe wie z.B. einer Familie. Dennoch ist es das Ziel der Rational Choice- Theorie, kollektive Phänomene als Folge individueller Handlungen zu erklären. Der Rational Choice-Ansatz ist demnach dem methodologischen Individualismus zuzuordnen (Vgl. Schultheiss 1999: 21-23). Schließlich wird im Allgemeinen davon ausgegangen, dass alle beobachteten Akteure identische Präferenzordnungen haben. Obwohl dies nicht direkt aus den Grundannahmen der Rational Choice-Theorie folgt, ergäben sich in der Praxis wohl unüberwindliche Probleme, wenn interpersonell unterschiedliche Präferenzen zugelassen würden (Vgl. Green/ Shapiro 1999: 28).

Green und Shapiro fassen zusammen:

„Rational-Choice-Theoretiker teilen in der Regel eine instrumentelle Auffassung von individueller Rationalität und gehen aufgrund dessen davon aus, dass Menschen ihren Erwartungsnutzen auf formal vorhersagbare Weise maximieren“ (Green/ Shapiro 1999: 28).

Uneinigkeit herrscht hingegen hinsichtlich der Annahmen über die Art der menschlichen Ziele. So vertreten einige Theoretiker in einer engen Auslegung der Rational Choice-Theorie die Ansicht, dass nur egoistische und auf die individuelle Wohlstandsmaximierung abzielende Motive als Präferenzen in Betracht kommen. Sie verwenden also das Menschenbild des ‚Homo oeconomicus’, das in den modernen Wirtschaftswissenschaften angewendet wird. Die Anhänger einer weiten Auslegung der Theorie gehen hingegen davon aus, dass auch andere, z.B. altruistische und wertgebundene, Präferenzen zulässig sind. Es wird auch von der ‚radikalen Version der Rationalität’ und der ‚aufgeklärten Version der Rationalität’ gesprochen (Vgl. Braun 1999: 37f.). Manche Rational Choice-Theoretiker gehen sogar so weit, destruktives und suizidales (also scheinbar irrationales) Verhalten im Rahmen weiter Rational Choice- Modelle erklären zu wollen (Vgl. Lindner-Braun 2008: 245-264). Anthony Downs stellt das Konzept der weiten Rational Choice-Theorie folgendermaßen dar:

„Man kann das „Handeln zum größtmöglichen eigenen Vorteil“ nicht einfach mit Selbstsucht im engen Sinne gleichsetzen, denn selbstlose Menschlichkeit ist oft eine große Wohltat für den, der sie übt“ (Downs 1968: 36).

Diese deutlich realitätsnähere Beschreibung von Rationalität stellt die Wissenschaft jedoch vor die Schwierigkeit, dass beobachtete Handlungsweisen oft nicht mit konkreten Präferenzen in Zusammenhang gebracht werden können.

2.2 Anspruch, Möglichkeiten und Beschränkungen

Die Rational Choice-Theorie hat den Anspruch, universell, also bei jeder Art von Problemstellung, einsetzbar zu sein.3 Die Stärke des Ansatzes besteht nach Ansicht der Rational Choice-Theoretiker darin, dass er eine große Vielzahl menschlicher Verhaltensweisen erfassen kann. So vertritt der Nobelpreis-Träger Gary Becker die Auffassung, dass „der ökonomische Ansatz so umfassend ist, dass er auf alles menschliche Verhalten anwendbar ist“ (Becker 1993: 7).4 Natürlich ist die Vorstellung, eine Theorie mit solch großer Reichweite für alle Probleme innerhalb einer Disziplin und auch interdisziplinär anwenden zu können, bestechend. Die Frage ist allerdings, ob ein Ansatz, der ursprünglich für Marktphänomene entwickelt wurde, auch bei Nicht-Marktphänomenen zielführend ist (Vgl. Braun 1999: 170f.). Rational Choice-Theoretiker beantworten diese Frage im Kontext politischer Entscheidungssituationen mit der Behauptung, dass die Politik sehr wohl eine Marktsituation sei, da die Politiker um ein knappes Gut (nämlich die Wählerstimmen) konkurrierten. Auf der anderen Seite wünschten die Wähler bestimmte politische Maßnahmen, aus denen sie persönliche Vorteile zögen. Nachfrage und Angebot seien also auch hier die entscheidenden Faktoren.

Zunächst erscheint auch die Annahme eines universell gültigen Entscheidungsmusters der Akteure (gleich welcher Art) nicht abwegig, denn warum sollte sich ein Mensch bei Entscheidungen auf dem Markt anderer Entscheidungsstrukturen bedienen als bei politischen Wahlen oder im Privatleben? Er ist ja in jeder Situation derselbe Mensch.

Green und Shapiro halten dagegen, dass es genau dieser Universalismus sei, der dem Erfolg der Rational Choice-Theorie im Weg steht (Vgl. Green/ Shapiro 1999: 35-42). Sie werfen den Vertretern der Rational Choice-Theorie vor, eine Theorie entwickelt und erst daraufhin nach Problemen gesucht zu haben, auf die diese Theorie anwendbar ist. Darauf sei auch das Scheitern von Rational Choice-Modellen an der Realität zurückzuführen. Die Autoren zeigen, dass „der größte Teil der theoretischen Hypothesen von Rational-Choice-Theoretikern nicht empirisch getestet worden“ ist (Vgl. Green/ Shapiro 1999: 16). Empirische Tests der Rational Choice-Modelle seien dann „entweder nach Maßgabe der eigenen Kriterien gescheitert oder haben Aussagen gestützt, die bei genauerer Betrachtung als banal zu bezeichnen sind […]“ (Green/ Shapiro 1999: 16). Eine wissenschaftliche Theorie ist jedoch wertlos, wenn sie einer Überprüfung in der Realität nicht standhält.

Viele Autoren haben ihre Modelle mit nachträglichen Erklärungsversuchen zu retten versucht, die Green und Shapiro als ‚Theoriebildung post hoc’ bezeichnen. Nachdem sich das ursprüngliche Modell als mit der Realität inkompatibel herausgestellt hat, werden nachträglich Faktoren in das Modell eingebaut, um es mit den realen Gegebenheiten in Einklang zu bringen. So ist es (in weiten Rational Choice-Modellen) möglich, den Akteuren je nach Lage verschiedene Präferenzen zu verleihen, welche das in der Realität beobachtete Verhalten erklären (Vgl. Fröchling 1998: 21f.).

Dies ist ein erster Hinweis darauf, dass der universalistische Anspruch der Rational Choice- Theorie möglicherweise nicht haltbar ist. Auch zur Erklärung des ‚Paradox des Wählens’ wurden post hoc-Erklärungen entwickelt, um das Phänomen der Wahlbeteiligung mit den Annahmen der Rational Choice-Theorie in Einklang zu bringen (siehe Kapitel 5.1 bis 5.3). Gelegentlich ziehen sich Rational Choice-Theoretiker aus Problemfeldern zurück, in denen die Theorie nicht funktioniert. Wie Green und Shapiro bemerken ist es aber „ein entscheidender Unterschied, ob man im vorhinein den Anwendungsbereich einer Theorie unter Angabe einschränkender Bedingungen abgrenzt“ (Fröchling 1998: 59) oder ob man den relevanten Bereich im Nachhinein willkürlich einschränkt. Eine solche Vorgehensweise sei nicht mit dem Universalitätsanspruch der Rational Choice-Theorie vereinbar.

Insbesondere in so genannten Niedrigkostensituationen haben Rational Choice-Erklärungen bislang nicht überzeugen können. Gerade solche Niedrigkostensituationen sind es jedoch, die das tägliche Leben bestimmen und für viele soziale Phänomene ausschlaggebend sind. Sicher hat der Ansatz das Potenzial, gewisse politische Phänomene zu erklären. Behauptungen, die aus Rational Choice-Überlegungen abgeleitet werden, müssen jedoch empirisch überprüft werden, damit die Rational Choice-Theorie nicht an Gehalt verliert. Die Anhänger der Rational Choice-Theorie werden sich aber auch eingestehen müssen, dass der Rationalwahl-Ansatz an manchen Stellen grundsätzlich nicht in der Lage ist, das Verhalten der Menschen zu prognostizieren.

3 Der Wähler in der Rational Choice-Theorie

„Jeder Bürger in unserem Modell stimmt für die Partei, von der er glaubt, dass sie ihm während der kommenden Wahlperiode ein höheres Nutzeneinkommen liefern wird als irgendeine andere Partei“ (Downs 1968: 37).

3.1 Die Grundlagen des Wählens

Anthony Downs hat in seinem Werk „Ökonomische Theorie der Demokratie“ auf Basis der in Kapitel 2.1 erläuterten Grundannahmen ein Modell des rationalen Wählers entwickelt. Um tautologische Erkenntnisse zu vermeiden, geht Downs von einer instrumentellen Auffassung des Wählens aus und spezifiziert dementsprechend die Absichten der Wähler beim Wahlgang:

„Die politische Funktion von Wahlen in einer Demokratie ist, so nehmen wir an, das Auswählen einer Regierung“ (Downs 1968: 7). Dabei gilt das Axiom, dass jeder Bürger der Partei seine Stimme gibt, aus deren Wahlsieg er den größten Vorteil ziehen würde. Ein Verhalten, das bei einer Stimmabgabe von dieser Annahme abweicht, wird also als irrational aufgefasst. Dies würde für einen Ehemann gelten, der, um einen Ehekrach zu vermeiden, die von seiner Frau präferierte Partei wählt. Obwohl er aus seiner persönlichen Sicht durchaus rational handelt, fasst er die Wahl nicht als Instrument zur Auswahl der Regierung sondern zur Rettung des häuslichen Friedens auf und verhält sich im Rahmen des Modells irrational. Downs wendet in seinem Modell demnach eine enge Auslegung der Rational Choice-Theorie an, in der die Akteure ihren Wohlstand maximieren.

Als Vorteil wird jede Leistung aus staatlicher Tätigkeit angesehen, die das Nutzenniveau des Wählers erhöht. Dazu zählen unmittelbare Leistungen wie Geldtransfers und soziale Dienste, aber auch nur mittelbar spürbare Leistungen wie die Landesverteidigung und die Tätigkeit der Kartellbehörde (Vgl. Downs 1968: 35). Der Wähler trifft seine Wahlentscheidung anhand seines persönlichen Parteidifferenzials, das im Folgenden als (N) bezeichnet wird. Dabei wird das Nutzeneinkommen aus der Regierungstätigkeit (UA) in der aktuellen Wahlperiode (t) mit dem Nutzeneinkommen verglichen, das aus der Regierungstätigkeit der derzeitigen Oppositionspartei entsprungen wäre: E(UB). Hier steht (E) für den hypothetischen Erwartungswert. Das gegenwärtige Parteipotenzial des Wählers, also die „Differenz zwischen dem Nutzeneinkommen, das er im Zeitraum t tatsächlich erreicht hat, und dem, das er erhalten hätte, wenn die Opposition an der Macht gewesen wäre“ (Downs 1968: 39), kann mit folgendem Ausdruck dargestellt werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1 Er wird sogar als einziges echtes Paradigma in der Soziologie bezeichnet (Vgl. Hill 2002: 73).

2 Wie z.B. Green/ Shapiro (1999), Mensch (1999) und Braun (1999).

3 Manche Theoretiker schränken sich in diesem Punkt ein und vertreten einen Standpunkt, den man als ‚partiellen’ oder ‚segmentierten’ Universalismus bezeichnet. Es reicht an dieser Stelle aber zu wissen, dass bei Rational Choice-Theoretikern im Allgemeinen ein starker Hang zum Universalismus besteht.

4 Hinsichtlich der Angemessenheit der Rationalitätsannahme, die hier nicht weiter vertieft werden soll, vgl. (Esser 1999: 230ff.)

Details

Seiten
39
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640176632
ISBN (Buch)
9783640176731
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v116034
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Institut für Politische Wissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Wählen Paradox des Wählens Rational Choice Anthony Downs Paradox of Voting

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