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Psycho- und Soziodynamik im Spitzensport

Doktorarbeit / Dissertation 2002 165 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

I N H A L T S A N G A B E

V O R W O R T

1. PROBLEMSTELLUNG
1.1. GLIEDERUNG der ARBEIT
1.2. GESCHICHTE UND ENTWICKLUNG DES TERMINUS „Sport“.

2. INDIVIDUUM und andere soziale Phänomene
2.1. TYPOLOGIE SOZIALER GEBILDE
2.2. EXISTENZFORMEN von GRUPPEN
2.2.1. DIE SPORTGRUPPE
2.3. SYSTEME als soziale Gebilde
2.4. UMWELT versus SYSTEM
2.4.1. STRUKTURELLE KOPPLUNG und das System SPORT

3. INDIVIDUEN im SPITZENSPORT

4. PSYCHODYNAMISCHE GRUNDPROBLEME im SPITZENSPORT
4.1. FUNKTIONSLUST und SPORT
4.2. ANGSTLUST, Philobatismus und SPORT
4.2.1. REGRESSION im Spitzensport
4.3. NARZISSMUS und LEISTUNGSSPORT
4.4. MOTIVATIONALE KONZEPTE: Das Anspruchsniveau im Spitzensport
4.5. AUSWIRKUNGEN des LEISTUNGSSPORTS: UNGLEICHHEIT
4.5.1. STRATEGIEN der UNGLEICHEN
4.5.2. Wahrscheinlichkeit des SCHEITERNS
4.6. ANTIHELDEN: Ein Unfall?

5. DER MENSCH IN MASSEN
5.1. ENTSTEHUNGSBEDINGUNGEN KOLLEKTIVEN VERHALTENS
5.2. KOLLEKTIVES VERHALTEN
5.2.1. NORMORIENTIERTE BEWEGUNGEN
5.2.2. MANIE
5.3. MASSE und ZEIT

6. SPORT und KOMMERZIALISIERUNG
6.1. BERICHTERSTATTUNG – BEKANNTHEITSGRAD - MASSENMEDIEN
6.1.2. REALITÄT und MASSENMEDIEN
6.1.2.1. NACHRICHTEN als Realitätskonstrukt

7. ZUSAMMENFASSUNG

8. LITERATURVERZEICHNIS
8.1 ONLINE-QUELLEN im WWW.
8.2. VERZEICHNIS DER ABBILDUNGEN

VORWORT

Der erste Gedanke, mich mit dem Themenfeld Soziodynamik und Spitzensport zu beschäftigen, kam mir auf einem Selbsterfahrungsseminar (Encounter-Gruppe) im Dezember 1995. Im Zuge meines Studiums der Sportwissenschaften-Prävention/Rekreation hatte ich bereits durch einige Lehrveranstaltungen Erfahrungen im Bereich der Psychologie sammeln können.

Diese Erlebnisse führten mich zu der Erkenntnis, dass die Anwendungsgebiete der Psychologie im Sport viel zahlreicher sind, als es auf den ersten Blick erscheint.

Während des Seminars wurde mir klar, dass nur wenige Bereiche der Psychologie im Sport sinnvoll angewendet werden können.

Die Beschäftigung mit Gruppendynamik hinterließ einen tiefen Eindruck auf mich, und ich beschloss, mögliche Anwendungsgebiete der angewandten Gruppendynamik im Sport zu erkunden. So nutzte ich gleich die Diplomarbeit als erste Gelegenheit und bearbeitete darin das Thema:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

DIE GRUPPE ALS LERN- UND

ERFAHRUNGSSYSTEM :

Die Relevanz soziodynamischer Konzepte (Theorie) für die

Inszenierung von Lern- und Erfahrungsprozessen

im Bereich von Bewegung / Sport.

Die Bearbeitung des Themas bestärkte mich darin, dass das große Potential gruppendynamischer Konzepte im Sport in weiterer Zukunft zum Tragen kommt und zum Nutzen vieler eingesetzt werden kann. Auch in der Zukunft meiner Person wird die Gruppendynamik eine größere Rolle spielen.

Noch während der Bearbeitung der Diplomarbeit kam ich im Zuge der Literatursuche in ersten Kontakt mit dem Institut für Philosophie und Gruppendynamik in Klagenfurt. Dieser Kontakt führte dazu, dass mir die Möglichkeit geboten wurde, dieses Thema im Rahmen einer Dissertation näher bearbeiten zu dürfen.

Die Suche nach Anwendungsgebieten der Gruppendynamik im Sport ließ mich darauf aufmerksam werden, dass sich gerade im Bereich des Leistungssports eine Dynamik im großen Stil verborgen hält. Der Sportler trainiert, investiert weite Teile seines Lebens für den Erfolg und stellt sich endlich mit seinen Leistungen ins Rampenlicht.

Doch plötzlich stehen nicht nur seine Muskeln und Fähigkeiten im Rampenlicht sondern auch seine Persönlichkeit, sein Privatleben und sogar sein Umgang mit der intensiven Beleuchtung wird beleuchtet.

Ein Ereignis dort oder ein kleiner Zufall da, und er wird plötzlich noch bekannter und enteilt in dieser Disziplin seinen Kollegen. Ein neuer Star ist geboren. Ein Liebling der Massen.

Der Versuch einer Begründung für plötzlich zuströmende Sympathien würde wohl auch die Ausnahmeathleten vor einige Rätsel stellen.

Eine Liste von hilfreichen Eigenschaften ließe sich schon erstellen, in dieser würden vielleicht Mut, Fleiß, Talent und viele andere mehr auftauchen, jedoch wäre diese Liste von Zutaten, ohne Mengenangabe und auch ohne Gewähr gegenüber der Vollständigkeit, ein nur ungenaues Rezept.

Moderne Helden haben ihre Vorgänger im Wandel der Zeit abgelöst und ein wachsender Anteil unserer heutigen Idole kommt aus dem Bereich des Spitzensports. So waren es zum großen Teil egoistische Antriebe, die die vorliegende Arbeit entstehen ließen, um meinen, bei dieser Thematik stets hochschnellenden Puls, wenigstens um ein paar Schläge reduzieren zu können.

Eine Erklärung zum Gender-Mainstreaming und eine abschließende Erläuterung zum Hintergrund und zur leichten Verständlichkeit der Interviews soll ungestörte Lektüre ermöglichen:

Alle personenbezogenen Bezeichnungen in dieser Dissertation und den verschriftlichten Interviews gelten gleichermaßen für Personen weiblichen als auch männlichen Geschlechts.

In dieser Arbeit werden neben vielen Quellen aus der Literatur auch Inhalte von Interviews zitiert, die ausschließlich für diese Arbeit aufgenommen und transkribiert wurden. Diese Gespräche wurden nach einem Leitfaden geführt, der die Interviewpartner sowohl mit den Theoriemodellen des Narzissmus und der Funktionslust konfrontierte als auch die Erfahrungen mit den Fans und den Umgang mit Erfolgen und Enttäuschungen erhob.

Die Rolle der Medien und ebenso die Veränderungen im Spitzensport in den letzten Jahrzehnten waren ein weiterer Schwerpunkt der Fragen.

Den Interviewpartnern wurde dabei weitestgehend Freiraum gewährt, um ihre Schwerpunkte vertiefen und detailliert beschreiben zu können.

Bei der Auswahl der Interviewpartner wurde auf eine ausgewogene Mischung von ehemaligen Aktiven (Franz Klammer, Rita Graf), sportlichen Betreuern (Hans Holdhaus, Günther Amesberger) und betreuendem Management (Knut Ogrissek, Toni Schutti) Wert gelegt.

1. PROBLEMSTELLUNG

Die Dissertation soll, meiner Absicht entsprechend, die Dynamik, die zwischen einer Einzelperson (Ausnahmesportler) und einer Gesellschaft entstehen kann, näher beleuchten.

Herausragende Leistungen allein müssen aber nicht immer genügen, um ein Ausnahmesportler zu werden.

Der Sportler wird zu einem großen Teil an seiner Persönlichkeit, Ausstrahlung und seinem Charisma gemessen. Wer nur einen Teil der Anforderungen erfüllt, wird geachtet, respektier aber nicht immer geschätzt. Eine Karriere im Sport wird auch stark mitbestimmt, in welcher Form Leistungen zustande kommen. Tragische Ereignisse, Unfälle, Benachteiligungen oder ein erfolgreiches Comeback heben den Einzelnen von den übrigen erfolgreichen Sportlern ab.

Ein Star wird geboren.

Der eine erhält schnell ein negatives Image.

Dem anderen wird wiederum jeder Fehler verziehen

Die Medien heben empor, lassen fallen, verdammen, und hofieren alles und jeden.

Die Gesellschaft schaut zu, nimmt Teil, favorisiert, missachtet, leidet mit und richtet.

Man findet heute im Spitzensport Gruppen mit einer Aufgabe; nämlich Leistungen zu erbringen, die dann in Siege münden sollen. Der einzelne Leistungssportler wird dabei mit einer Vielzahl von Faktoren beeinflusst. So trainiert er das ganze Jahr über mit den Trainern und seiner Mannschaft oder in Trainingsgemeinschaften. Er erlebt die Konkurrenzsituation zu einigen Teammitgliedern und die Rivalität seines Teams mit anderen Teams. Auch wird er konfrontiert mit Eigenheiten seines Trainers, der Funktionäre und auch mit den Besonderheiten seines Klub- oder Verbandspräsidenten und letztlich mit der Öffentlichkeit als Masse seiner Fans.

Der Umgang mit diesen komplexen Einflüssen stellt auch eine große Herausforderung dar.

Je besser sich der Athlet in seinem Umfeld zurechtfindet, desto eher wird er sich auf seine Kernaufgaben (Leistung–Siege–Erfolg) konzentrieren können. Doch Konzentrationsfähigkeit, die Fähigkeit Druck standzuhalten, Nervenstärke und das richtige Maß an Selbstbewusstsein und Egoismus zu finden, sind Eigenschaften, die man idealerweise schon am Beginn einer Karriere mitbringt.

Ganz zu schweigen von Koordination, Feinmotorik, Konstitution, passenden Hebelverhältnissen und auch einer übergroßen Portion Vertrauen in seine körperlichen Fähigkeiten. Der Athlet erlebt im Laufe seiner Karriere auch einige spezielle Situationen. Es gibt solche Schlüsselmomente von denen sehr viel abhängt.

Jeder Spitzensportler kann Tag und Stunde seiner Entdeckung, seines Aufstieges benennen. Auch bleiben Momente der Enttäuschung und der Niederlage lange gespeichert. Ein solches Spezialereignis stellt auch der erste Kontakt mit den eigenen Fähigkeiten und Talenten dar.

Am Beginn einer Karriere, vor den Jahren harten Trainierens, gibt es einen Zeitraum der persönlichen Erkenntnis, in dieser speziellen Disziplin besonders viel Befriedigung und Interesse zu verspüren. Ist diese Erkenntnis mit einem hohen Grad an Talent bzw. guten körperlichen Voraussetzungen verbunden, so sind die Fundamente für eine erfolgreiche Laufbahn vorhanden.

Charly Kahr, erfolgreicher Trainer des österreichischen Skiteams, war sich zum Beispiel der Bedeutung besonderer Eigenschaften seiner Schützlinge bereits bewusst:

„Gerade bei einem Abfahrer muss man sehr genau zu erkennnen versuchen, mit was für einem Menschen man es zu tun hat. Mir sind die Lausbuben am liebsten, Typen, die etwas anderes machen als nur brav sein, die Dinge tun, die anderen Leuten nicht in den Sinn kämen. Der Abfahrer muss ein außergewöhnlicher Mensch sein sonst würde er nicht hingehen und sich solche Abfahrten hinunterstürzen. Man muss solche Typen geradezu suchen“

(Interview im ORF mit Heinz Prüller, 1977).

Die Phänome und Eigenheiten im Spitzensport können anschaulich gemacht werden und so werden nicht nur die Zugänge und Antriebe der Sportler sondern auch die Faszination für den Beobachter von Spitzensport ins Zentrum gerückt.

Die Bearbeitung der Theorie ist ein Teil, das wissenschaftliche Herangehen an unbearbeitete Fragestellungen im Sport ein anderer und die Auswertung der exklusiv geführten Interviews ein aufschlussreicher Spiegel der Praxis.

Die Verbindungen der drei Themengebiete, nämlich Sport (Zugang zum Sport, Einzelpersonen), Soziologie (Gesellschaft, Institutionen) und Psychologie (Individual- bzw. Massenpsychologie) werden, unter Berücksichtigung der Bedeutung der Medien und der Entwicklungen im Bereich des Sports, aus verschiedensten Blickwinkeln untersucht.

1.1. GLIEDERUNG der ARBEIT

Das Kapitel “Problemstellung” als Einleitung erläutert den persönlichen Zugang zu diesem Thema und beschreibt die Vielfalt von Einflüssen, der eine aussergewöhnliche Sportkarriere ausgesetzt ist.

Um eine bessere Orientierung in der Arbeit zu ermöglichen, werden in einem weiteren Unterkapitel die Inhalte der einzelnen Abschnitte der Arbeit vorgestellt. Anschließend wird der Terminus “Sport” anhand mehrerer Autoren bearbeitet.

In einem, auf die Thematik beschränkten, Überblick wird fortführend der Begriff des Individuums zu anderen sozialen Phänomenen abgegrenzt. Eine Typologie sozialer Gebilde beleuchtet unter anderem auch relevante Ausformungen der Gruppe.

Eine Systemtypologie nach Luhmann klärt verschiedene Ebenen der Zugehörigkeit zu Systemen und geht weiter auf das Verhältnis zwischen System und Umwelt ein.

Ein Beitrag über Individuen als singuläres Phänomen und ihren verschiedenen Ausprägungen als Profisportler stellt einen realen Bezug her und offenbart, wie vielfältig die Bewunderung für erfolgreiche Sportler begründet sein kann.

Ein umfangreiches Kapitel widmet sich der Psychodynamik im Spitzensport und erforscht Antriebe zu sportlicher Betätigung. So wird der Existenz und Auswirkung von Angst- und Funktionslust nachgegangen, die Anfälligkeit erfolgreicher Sportler für narzisstische Störungen untersucht und auch nach regressivem Verhalten geforscht. Körperliche Ungleichheit und ihre Kompensation, sowie die Theorien zum Anspruchsniveau und Scheitern werden auf ihre Bedeutung überprüft. Eine Auseinandersetzung mit Antihelden bildet den Abschluss.

Von der Einzelperson zur Masse spannt sich die Brücke, die in diesem Kapitel geschlagen wird. Was bringt Menschen dazu, in Massen zu handeln, was beeinflusst sie und wie äußert sich kollektives Verhalten, sind hier vorrangige Fragen

Die Beschäftigung mit der Masse und zeitlichen Faktoren rundet dieses Kapitel ab.

In einem weiteren Abschnitt beschäftigt sich der Autor mit der Auswirkung und der derzeitigen Entwicklung der Kommerzialisierung des Sports. Schnell ist die Brücke zu Verbreitungsunternehmen und anderen wirtschaftlichen Nutznießern des Sports geschlagen. Massenmedien und ihre Gesetze, im Besonderen die Realitäts-konstruktion durch Massenmedien, sind zentraler Bestandteil dieses Abschnitts.

In einem letzten Kapitel werden Schlussfolgerungen und Ergebnisse präsentiert.

1.2. GESCHICHTE UND ENTWICKLUNG DES TERMINUS „Sport“.

Der Begriff „Sport“ hat sich aus dem mittellateinischen „disportare (= sich zerstreuen, vergnügen), über das altfranzösische “desport“ und „dèport“ (= Erholung, Zerstreuung oder auch Amüsement, es etablierte sich zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert im europäischen Sprachraum und scheint seit 1828 in französischen Wörterbüchern auf) zum englischen „sport“ entwickelt (vgl. Norden, 1988. S. 26).

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam der Begriff auch in den deutschen Sprachraum.

Sport wird als eine Sammelbezeichnung definiert, die für spielerische Selbstentfaltung und am Leistungsstreben orientierte Formen menschlicher Betätigung, die der körperlichen und geistigen Beweglichkeit dienen und sie weiterentwickeln, steht.

Im weitesten Sinne kann man bei Sport von einem universellen Kultur- und Gesellschaftsphänomen sprechen, das an die Wiege der Menschheit zurückdatiert, in verschiedenen Kulturen sehr unterschiedlich interpretiert wurde oder in anderer als der heutigen Form existierte. (vgl. Schönfelder, 1988. S. 188).

Der Sport mit seinen auch noch heute gültigen Merkmalen des Leistungs-, Konkurrenz-, und somit Wettkampfprinzips entwickelte sich in England ab der Mitte des 18. Jahrhunderts und entspringt, seinen geistigen Wurzeln nach, dem Rationalismus und Liberalismus des Aufklärungsdenkens, was in der zeitlichen und geographischen Entwicklung und in der Identität der Strukturen mit der Industrialisierung zum Ausdruck kommt. (vgl. Bohus, 1986. S. 126).

Die charakteristischen Attribute des Sports sind die Motivation zum sportlichen Handeln, politische und pädagogische Funktionen sowie seine Eigenschaft als Mittel zur Erreichung bestimmter Zielsetzungen durch die verschiedensten ihn tragenden oder tangierenden Personen. In den letzten Jahrzehnten kristallisierte sich eine merkliche Verlagerung zu mehr individualtypischen Funktionen, wie etwa der Selbstverwirklichung oder der Kompensation gesellschaftlich bedingter Defizite, heraus (vgl. Babin, 1995. S. 4-5).

Wir leben in einer erlebnisorientierten Spaßgesellschaft, deren Motto „Fit for fun“ lautet, und die nach einer adäquaten Kommunikationsform verlangt. Sponsoring, Event-Marketing, Werbung, sportl. Modetrends und Sportversicherungen sind Beispiele moderner Erscheinungen, die die Entwicklungen rund um den Bereich Sport dokumentieren.

Sport und Freizeitindustrie boomen und in ihrem Schatten die Medien, die daran partizipieren können.

2. INDIVIDUUM und andere soziale Phänomene

Individualität, ist ein anstrengender Zustand, der uns immer wieder dazu verleitet ihn zu verlassen und uns als Teil zum Beispiel einer Masse (siehe Kapitel 5) aufzulösen.

„Zunächst ist in Rechnung zu stellen, daß wir nicht als Ich auf die Welt kommen, sondern als Bestandteil einer Symbiose, aus der heraus erst „Individuation“ geschieht. Die Symbiose begleitet uns als potentielles Regressionsziel ständig, und dient der Entlastung von der Bürde des Individuum-Seins“. (Krainz, 1997. S. 134)

Der Begriff „Individuum“ (lat. unteilbar) lässt sich daher nur physiologisch konsequent anwenden.

Krainz führt hier als Beispiel einen zweigeteilten Zustand der Psyche an, die sich gleichzeitig vor etwas fürchtet und es doch herbeisehnt und dabei keinen einwandfrei unteilbaren Eindruck erweckt. (vgl. Krainz, 1997. S. 134)

„Oder das Phänomen der Identifikation: Wo bin ich noch ich, und wo schon der mit dem ich mich identifiziere?“ (Krainz, 1997. S. 134)

Der Zustand der Individualität ist somit nichts selbstverständliches.

Krainz findet eine Beschreibung die Individualität als Ziel erscheinen läßt.

„Spricht man also vom Individuum, dann bezieht man sich auf ein fragiles Etwas, das nicht als Substanz gegeben ist, sondern bestenfalls als Programm, als Aufgabe, als Zielsetzung“. (Krainz, 1997. S.135)

So positioniert Le Bon das Individuum als direktes Gegenüber einer Menge oder Masse, das sich durch ein eigenes Wollen von ihr unterscheidet.

„Die Menge hört immer auf den Menschen, der über einen starken Willen verfügt.

Die in der Masse vereinigten Einzelnen verlieren allen Willen und wenden sich instinktiv dem zu, der ihn besitzt.“ (Le Bon, [1911], 1982, S. 84)

Das Individuum des erfolgreichen Spitzensportlers schafft sich ebenfalls seine Individualität in Verfolgung seiner Ziele oder Aufgaben und ist dabei nicht weniger fragil als andere.

Aus einer Übersicht von Hofstätter (1986. S 24) lässt sich ersehen, welche verschiedenen Formen enstehen können, wenn die Einzelperson sich mit ihresgleichen umgibt und so nicht mehr als Individuum trennbar ist.

Neben der „Gruppe“ tauchen hier noch einige andere Formen des menschlichen Miteinander auf. Hofstätter geht bei seiner Übersicht von einem „Mensch im Plural“ aus:

ABBILDUNG 1: „Der Mensch im Plural“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Familie muss hier gesondert behandelt werden, da sie Grundvoraussetzung für die Entstehung sozialer Gebilde ist.

„Der Familie kommt dabei insofern eine Sonderstellung zu, als sie die Keimzelle jeder sozialen Existenz ist.“ (Eberspärcher, 1982. S. 131)

Eine Klasse stellt eine Anzahl von Personen dar, die mindestens eine Gemeinsamkeit aufweisen. So kann zum Beispiel zwischen einem Arbeitnehmerverhältnis als Angestellter oder Arbeiter klassifiziert werden. Auch Gleichaltrige oder Brillenträger können in Klassen zusammengefasst werden.

Eine Klasse kann sich auch zu einem Verband weiterentwickeln. Der österreichische Tennisverband (ÖTV) zum Beispiel stellt die Interessensvertretung aller österreichischen Tennisspieler dar. Um sich von einer Klasse zu einem Verband zu entwickeln, bedarf es also der Zusammenschließung und Organisation seiner Klassenmitglieder. Die Vertretung, die Probleme zu lösen versucht und gemeinsame Interessen nach außen hin zu wahren hat, wird allgemein als Verband bezeichnet

(vgl. Eberspärcher, 1982. S. 132).

Die Begriffe Menge, Masse und Gruppe werden bereits als soziale Gebilde betrachtet und daher im Rahmen der folgenden Typologie vorgestellt.

2.1. TYPOLOGIE SOZIALER GEBILDE

Die Übersicht von Hofstätter (siehe ABBILDUNG 3 „ Der Mensch im Plural“) hat gezeigt, dass die „Gruppe“ nur eines von mehreren sozialen Phänomenen ist.

Schäfers (1994. S 21 -24) ermöglicht mit seiner Typologie eine kurze Orientierung in der Vielzahl sozialer Gebilde. Zu den wichtigsten Existenzformen von sozialen Gebilden neben der „Gruppe“ gehören:

- Menge (Ansammlung; Aggregat): Gesamtheit der Personen, die sich ohne Verabredung und daher in der Regel auch ohne intensivere Kommunikation und Interaktion am gleichen Ort aufhalten. Die beteiligten (versammelten) Personen bleiben zumeist anonym. Die Menge teilt also - zunächst einmal - nur das Kriterium der räumlichen Nähe und des Beieinanderseins. Beispiel: Fahrgäste (Bus), Messebesucher, Kinobesucher, Fussballzuseher (live).
- Masse: Vielschichtiger Begriff zur Kennzeichnung einer dicht gedrängten Menge von Menschen, die sich im Hinblick auf ein sehr reduziertes Ziel verständigt und interagiert.

Dem Begriff „Masse“ haftet etwas Unheimliches, Irrationales oder Unkalkulierbares an. Man genießt vielleicht die Anonymität in der Masse, gleichzeitig wird der Aufenthalt in der Masse unkalkulierbar, da man als Einzelperson auf Geschehnisse in der Masse keinen (oder sehr geringen) Einfluss nehmen kann.

Die „Masse“ kann als eine Weiterentwicklung der „Menge“ verstanden werden.

Beispiel: Auflauf, Massendemonstrationen, Publikum bei Sportgroßveranstaltungen

- Institutionen: Institutionen sind als jene Einrichtungen menschlichen Zusammenlebens zu sehen, in denen gewisse Grundbedürfnisse des Menschen abgesichert werden. Institutionen tragen also bedeutend zur Sicherung (Regulierung) der Sozialisation des Nachwuchses (Familie), der Sexualität (Ehe), des Bedarfs an Gütern (landwirtschaftliche und andere Produkte), des Schutzes vor anderen und dem Fremden (Recht, Justiz), der Weitergabe der Normen und Werte und der Fähigkeiten und des Wissens in einer Kultur und Gesellschaft (Institution der Bildung und Ausbildung) bei.

An dieser Stelle soll noch angemerkt werden, dass der Begriff der Institution auch anders gesehen bzw. analysiert werden kann, da gewisse Begriffe (z.B. die Familie) sowohl einen gruppensoziologischen Zugang haben als auch als Institution betrachtet werden können.

- Organisation: Die Organisation stellt ein Sozialgebilde mit einem hohen Grad an Formalisierung dar. Die Erreichung der Ziele erfolgt stets nach dem Rationalitätsprinzip.

Beispiele: Bürokratie bzw. Verwaltung; Militär; Krankenhaus.

- Assoziation: Die Zusammenfassung mehrerer Organisationen, Gruppen oder Institutionen zu Zweckverbänden. Mitglieder in Assoziationen sind also nicht mehr Einzelpersonen, sondern sie handeln als Vertreter von Verbänden und Gruppen.

Beispiele: Gewerkschaften; Genossenschaften; Verbände; politische Parteien.

- Gesellschaft: Entspricht in der Regel der Gesamtheit der Institutionen, Assoziationen, Organisationen, Gruppen und ihren interdependenten (voneinander abhängigen) Handlungsbeziehungen auf einem bestimmten Territorium (Staat/Nation)

(vgl. Schäfers, 1994. S 21 -24).

Diese Aufzählung und kurze Beschreibung soll zeigen, in welchen sozialen Systemen und Großgebilden Gruppen und somit Individuen vorkommen. Die Begriffserklärung der Menge und Masse zeigt, dass die Definition dieser Begriffe viel zu grob ist, um bereits Gruppenkriterien zu berücksichtigen. So stellen Menge und Masse nur eine Möglichkeit der Gruppenentwicklung dar.

Die übrigen Begriffe, wie Institution, Organisation, Assoziation und Gesellschaft, bestehen bereits aus einer Vielzahl von größeren und kleineren Gruppen. Die Hierarchie dieser Gebilde geht von der Institution aus und setzt sich in immer übergeordneten Stufen bis zur Gesellschaft fort. Diese Erläuterung soll lediglich zur Veranschaulichung dazu dienen, in welchen sozialen Großgebilden Kleingruppen und ihre Einzelindividuen vorkommen.

2.2. EXISTENZFORMEN von GRUPPEN

Dreier-Gruppe (Triade): Simmel widmet sich in zahlreichen Aufsätzen besonders der Bedeutung der Gruppengröße. Sein Lieblingsthema, die Triade, („den besonderen Formungen der Dreizahl“) beschreibt er folgend:

In der Triade steht eine Person immer in einer besonderen Konstellation mit der Dyade (oder Zweierbeziehung). Als Vermittler hält sie die Triade zusammen oder trägt als Schiedsrichter zur Lösung der Konflikte zwischen den anderen Partnern bei.

Als - tertius gaudens - (lachender Dritter) profitiert sie von Zwist und Uneinigkeit zwischen den beiden anderen, indem beide ihre Unterstützung anstreben.

Als Streitstifter (- divide et impera -) ruft sie Zwistigkeiten zwischen den Partnern hervor, um daraus ihren Vorteil zu ziehen; diese Version beeinhaltet zugleich auch immer die Möglichkeit ausgeschlossen zu werden.

(vgl. Simmel, [1908], 1991. S. 182)

Als schönes Beispiel dafür beruft sich Simmel auf die Venezianer, die in der Technik des - divide et impera- wahre Meister gewesen sein sollen.

„Um sich der Güter von Adeligen auf der Terrafirma zu bemächtigen, hatten sie das Mittel, an jüngere oder nicht ebenbürtige Edelleute hohe Titel zu verleihen. Die Entrüstung der Älteren und Vornehmen darüber gab stets Gelegenheiten zu Raufereien und Friedensbrüchen zwischen den Parteien, worauf dann die venezianische Regierung in aller Form rechtens die Güter der Schuldigen konfiszierte“. (Simmel, [1908], 1991. S. 183)

Beispiel: Staat-arme Bürger-reiche Bürger; Drillinge;

Kleingruppen: Eine soziale Gruppe umfasst eine bestimmte Zahl von Mitgliedern

(Gruppenmitglieder), die zur Erreichung eines gemeinsamen Ziels (Gruppenziel) über längere Zeit in einem relativ kontinuierlichen Kommunikations- und Interaktionsprozess stehen und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit (Wir-Gefühl) entwickeln. Zur Erreichung des Gruppenziels und zur Stabilisierung der Gruppenidentität ist ein System gemeinsamer Normen und eine Verteilung der Aufgaben über ein gruppenspezifisches Rollendifferential erforderlich.

Beispiele: Familie; Arbeitsgruppe; Freundesgruppe, Spielgruppe; Sportgruppe (Kapitel. 2.2.1) aber auch Gang; Clique; Bande.

Großgruppen: Claessens verwendet den Begriff der Großgruppe für soziale Formationen der Größenordnung von über fünfundzwanzig bis ungefähr 500 bis 1000 Personen. Er schreibt zwar soziale Gebilde dieser Größenordnung dem Begriff der Großgruppe zu, beklagt jedoch gleichzeitig "das völlige Fehlen soziologischer Begriffe" zur Definition von (so großen) sozialen Gebilden.

Beispiele: Heime, Colleges, Internate, Kleingemeinden.

(vgl. Claessens, 1977. S. 212).

2.2.1. DIE SPORTGRUPPE

Bei Sportgruppen handelt es sich in den meisten Fällen um Kleingruppen, die eine Zahl von 25 Personen (Fussball-, Eishockeyteam, Ski-Nationalteam der Herren oder der Damen) selten überschreitet. Die Zahl der Spieler in einem American-Football-Team ist zwar bedeutend größer, aber dieses ist wiederum in mehrere Untergruppen (Kleingruppen) unterteilt.

Sportgruppen lassen sich von anderen Kleingruppen durch Unterschiede in den Gruppenzielen unterteilen. Scharmann benutzt dazu die Bezeichnungen der “aufgabenorientierten“ und „sozio-emotional orientierten“ Gruppen. Beide Gruppen können als Sportgruppen eingestuft werden.

Die meisten Sportgruppen stellen immer eine Mischung von beiden möglichen Orientierungen dar.

Die verschiedenen Orientierungen zeigt Scharmann (1972) anhand seines Modells:

ABBILDUNG 2: „Modell eines Kräftesystems in Kleingruppen“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Je leistungsorientierter zum Beispiel eine Gruppe ist, desto mehr wird die Aufgabenorientierung überwiegen.

Als eine sozio-emotional orientierte Gruppe können Gruppen gelten, die sich vermehrt um den Abbau sozio-emotionaler Spannungen und der Befriedigung sozio-emotionaler Bedürfnisse bemühen. (vgl. Scharmann, 1972. S. 1798)

Ein weiteres Merkmal von Sportgruppen lässt sich noch in einer gesteigerten Intensität des „Wir-Gefühls" beobachten. Gruppen, die besonders exotische Sportarten betreiben, können sich ganz klar von anderen Sportgruppen abgrenzen und erreichen ein stärkeres Zusammengehörigkeitsgefühl.

Mannschaften heben sich bereits automatisch durch das Tragen von einheitlicher Kleidung (Dressen, Trainingsanzüge) inner- und ausserhalb des Spielfeldes von Nicht-Mannschaftsmitgliedern ab.

Dieser Unterschied und das Pflegen einzelner Rituale (gemeinsamer Jubel, Rapids Welle nach einem gewonnenen Spiel, Ehrenrunden, Versammlungen vor dem Eishockeytor vor dem Anpfiff, Parolen und der Kult um Maskottchen) steigern automatisch das „Wir-Gefühl“.

2.3. SYSTEME als soziale Gebilde

Die verschiedenen Typen sozialer Gebilde bereits kurz vorgestellt und auch die Eigenheiten einer Sportgruppe wurden beschrieben.

Die Versuche, zu deuten oder festzulegen, ab welcher Art, deren Häufigkeit oder ab welcher Intensität von Interaktionen von einem sozialen Gebilde gesprochen werden kann, gehen sehr weit in die Geschichte der Soziologie zurück und haben bereits eine Vielzahl von mehr oder weniger brauchbaren Ansätzen hervorgebracht.

Ein erster entscheidender Schritt gelang Luhmann (1975) er reduzierte die Prinzipien von Systembildungen auf drei Ebenen, die später als die

Luhmann´sche Systemtypologie bekannt wurden:

--- auf der Ebene von Interaktion durch Anwesenheit
--- auf der Ebene von Organisationen durch Mitgliedschaft
--- auf der Ebene von Gesellschaft durch kommunikative Erreichbarkeit

(vgl. Luhmann, 1975. S 57).

Luhmann unterscheidet die „Ebene von Interaktion“ von anderen Systemebenen wie Organisation und Gesellschaft dadurch, dass sie unmittelbar an körperliche Präsenz gebunden ist.

Er definiert Interaktion folgend: „.als dasjenige Sozialsystem, das sich zwangsläufig bildet, wenn immer Personen einander begegnen, das heißt wahrnehmen, daß sie einander wahrnehmen und dadurch genötigt sind, ihr Handeln in Rücksicht aufeinander zu wählen“ (Luhmann, 1975. S 142)

Die „Ebene von Organisation“ ist für Luhmann durch die Mitgliedschaft gegeben.

Für ihn muss ein organisiertes Sozialsystem mit zwei verschiedenen Welten umgehen können: seinen Mitgliedern und den Nichtmitgliedern. Organisation bedeutet für ihn, Entscheidungen für Mitglieder zu treffen. Eine Organisation schränkt die Handlungsmöglichkeit der Einzelindividuen ein und diszipliniert seine Mitglieder

(vgl. Kiss 1989. S 137).

Die „Ebene von Gesellschaft“ setzt sich über Interaktionen hinweg und funktioniert für Luhmann auf der Basis der Kommunikation, die nur durch Nicht-Erreichbarkeit und Unverständlichkeit eingeschränkt werden kann.

„Ihr Regulativ übergreift die Grenzen der Interaktionssysteme und macht sich damit unabhängig von deren Grenzbildungs- und Selbstselektionsprinzip. Ihre eigenen Grenzen sind die Grenzen möglicher und sinnvoller Kommunikation, vor allem Grenzen der Erreichbarkeit und Verständlichkeit “ (Luhmann, 1975. S 26).

2.4. UMWELT versus SYSTEM

Eine Gruppe von Gleichgesinnten formiert sich durch den Drang gemeinsames Interesse befriedigen zu wollen. Es gibt also die Möglichkeit, dieser Gruppe anzugehören oder im umgekehrten Falle, nicht Mitglied der Gruppe zu sein. Luhmann’ s Unterteilung sieht bezüglich der Zugehörigkeit ein Entweder-oder vor: „Die Umwelt ist nur ein Negativkorrelat des Systems. Man kann deshalb auch sagen, dass durch Bezug auf und Unbestimmtlassen von Umwelt das System sich selbst totalisiert.

Die Umwelt ist einfach alles andere“ (Luhmann, 1984. S. 249).

Alles was sich nicht als Mitglied dieser Gruppe verhält, kann als die Umwelt dieser Gruppe betrachtet werden, während die Gemeinschaft der Gleichgesinnten, Gleichinteressierten ein System darstellen.

Das System und seine Umwelt sind sehr stark voneinander abhängig. Es wäre müßig, etwas als System zu bezeichnen, wenn nichts anderes existiert, von dem es sich unterscheiden könnte.

Ebenso bräuchte man den Begriff der Umwelt nicht zu definieren, wenn es nichts darin gäbe, das die Umwelt umgeben könnte.

Eine wechselseitige Interdependenz kennzeichnet das System/Umwelt- Verhältnis.

„Aber weder ontologisch noch analytisch ist das System wichtiger als die Umwelt; denn beides ist das, nur im Bezug auf das jeweils andere“ (Luhmann, 1984. S. 244).

Ein System muss lernen sich von seiner Umwelt zu unterscheiden, um überhaupt als System wahrgenommen zu werden. „Sozialen Systemen liegt nicht das Subjekt sondern die Umwelt zu Grunde, und mit Zu Grunde liegen ist dann nur gemeint, dass es Voraussetzungen der Ausdifferenzierung sozialer Systeme (unter anderem: Personen als Bewusstseinsträger) gibt, die nicht mitausdifferenziert werden"

(Luhmann, 1984. S. 244).

So bietet die Umwelt mit ihrer Vielfalt eine Menge an Vergleichsmöglichkeiten, an denen das System sich orientieren, davon lernen und somit reifen kann. Hier zeigt sich die Umwelt als deutlich detaillierter und umfangreicher als bestehende Systeme. Luhmann kam zu der Erkenntnis: „daß die Umwelt immer sehr viel komplexer ist als das System selbst“ (Luhmann, 1984. S. 249).

Das Vorhandensein eines Komplexitätsgefälles zwischen Systemen und deren Umwelt ist für Luhmann eine fixe Tatsache und so ist die Erkenntnis dieses Unterschieds für ein System sehr bedeutend, um mit seiner Umwelt in Beziehung treten zu können.

Um das auf Anhieb zu sehen, braucht man sich nur daran zu erinnern, dass die Gesellschaft lediglich aus Kommunikationen besteht und dass die hochkomplexe Einrichtung einzelner Makromoleküle, einzelner Zellen, einzelner Nervensysteme, einzelner psychischer Systeme zu ihrer Umwelt gehört - mit all den Interdependenzen, die zwischen diesen Systemen auf gleicher und auf artverschiedener Ebene bestehen.

Keine Gesellschaft könnte gegenüber einer solchen Umwelt entsprechende Komplexität oder „requisite variety“ aufbringen. Sie muß deshalb, wie jedes System, in der Lage sein, eigene Komplexitätsunterlegenheit durch überlegene Ordnung ausgleichen“ (Luhmann, 1984. S. 250).

Der Begriff „requisite variety“ kann als die Gesamtheit aller detaillierter Vielfalt, der wir in unserer Umwelt täglich begegnen, verstanden werden.

Ein System, das eine solche Vielfalt vorzuweisen hätte, wäre nicht mehr von seiner Umwelt differenzierbar.

Die Umwelt kann sozusagen großzügiger behandelt werden, kann mehr oder weniger pauschal abgewiesen werden“ (Luhmann, 1984. S. 250).

In dem Zusammenhang des Komplexitätsgefälles zwischen Umwelt und Systemen, kann man sich zum Zweck der Veranschaulichung mit dem Zufallsbegriff behelfen. Als „Zufall“ wird bezeichnet, wenn Einflüsse von der Umwelt auf das System oder umgekehrt wirken, für die keine entsprechenden Vorkehrungen getroffen wurden.

Luhmann (1985) bezieht sich hier auf das System und schreibt: „Kein System kann Zufälle in diesem Sinne vermeiden, denn kein System hat genug Komplexität, um auf alles, was vorkommt, systematisch zu reagieren“ (Luhmann, 1985. S. 251).

Sich der Differenz der Komplexität von Systemen und Umwelt bewusst zu werden, ist für Luhmann sehr entscheidend, da nur darauf basierend die Möglichkeit besteht, in Beziehung zu treten. So kann das System die zu hohe Komplexität der Umwelt in leichter begreifbare Stücke zerteilen und sich um deren Aufarbeitung bemühen.

In weiterer Folge kann das System, durch den Erfahrungsgewinn, auf sich selbst reflektieren.

Das System lernt, sich von seiner Umwelt zu unterscheiden und gelangt so zu gesteigerter Orientierung und letztlich zu einer Identität.

Hier gewinnt das Komplexitätsgefälle die reinste, abstrakteste Form: Identität im Unterschied zu allem anderen ist im Grunde nichts anderes als Bestimmung und Lokalisierung des Komplexitätsgefälles“ (Luhmann, 1984. S. 252).

Bei der näheren Betrachtung der Umwelt wird es, abhängig von Genauigkeit und Intensität der Betrachtung, wahrscheinlich auf andere bestehende Systeme in dieser Umwelt stoßen. Sofern es für ein System bereits möglich ist, ein anderes System als solches wahrzunehmen, kann es auch aus diesem System lernen und sich mit ihm vergleichen. Die Umwelt stellt hier eine Art Mittlerrolle dar. Ein System benutzt seine Umwelt, um ein anderes System in seiner bzw. der Umwelt des anderen Systems zu erfassen. „Es löst damit die primär gegebenen Einheiten seiner Umwelt in Relationen auf “ (Luhmann, 1984. S. 256).

So können Systeme sich gegenseitig erkennen und einordnen. Die Gesichtspunkte der Einordnung sind wiederum vielfältig und sind zum Beispiel: gleich oder anders, gut oder böse, freundlich oder feindlich, nachteilig oder vorteilhaft. Leistungssportler verschiedener Sportarten vergleichen die Systematik ihrer Sportart mit den Systemen der anderen Sportarten und finden dabei Parallelen oder Unterschiede. Anhand der folgenden Übersicht soll gezeigt werden, worin sich der Ausnahmeathlet in seiner Position von der restlichen Gesellschaft (Umwelt) unterscheidet.

ABBILDUNG 3: „Spitzensportler in der Gesellschaft“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.4.1. STRUKTURELLE KOPPLUNG und das System SPORT

Die Systemtheorie benutzt den Unterschied von Umwelt und System als orientierenden Unterschied, der gleich einer Brille, dem Systemtheoretiker hilft, die Realität zu beobachten.

Beide Seiten der Differenz bedingen einander gleichzeitig.

Die Selbstreferenz, das Reflektieren des Sytems auf sich selbst, in Verbindung mit Geschlossenheit, Binnenorientierung, eigener Dynamik und Nichtpenetrierbarkeit von außen steht nur scheinbar in Widerspruch zum System-Umwelt-Konzept.

Bette beschreibt die Bedeutung für den Umgang mit Umwelten oder anderen Systemen so:

„Es ist vielmehr eine wichtige Präzisierung und Ergänzung. Die Frage, wie ein solch geschlossener Bereich Beziehungen zu seiner Umwelt entwickelt, bleibt offen und läßt sich durch diese theoretische Wendung vielmehr trennschärfer beantworten.

Das Stichwort heißt strukturelle Kopplung, und nicht etwa Umweltanpassung“.

(Bette, 1999. S. 31)

Beginnen wir beim Individuum, so stellen hier Sozialsysteme bereits wichtige Anforderungen an die Handlungsfähigkeit des Menschen. Man muss erst lernen, angemessen wirtschaftlich, politisch, schulisch oder auch sportlich handeln zu können.

„Dies erfordert allerdings eine Approximationsarbeit im Sinne einer Passung individuellen Handelns an die Abstraktheit und Überindividualität systemischer Logiken.“ (Bette, 1999. S. 33)

Systeme bleiben natürlich auch nicht für sich alleine stehen, sondern werden in Zusammhang mit ihren umliegenden Systemen betrachtet.

„Eine System-Umwelt-Theorie analysiert ein in der Realität vorkommendes Funktionsfeld wie den Sport nicht isoliert, sondern in Zusammenhang seiner Relationen nach außen.

Die von diesem körper- und personenorientierten Bereich ausgeprägten Strukturen und Prozesse laufen nicht, obwohl durch Selbstbezüglichkeiten stark geprägt, unabhängig von den Strukturen und Prozessen in anderen Bereichen ab.

Das äußere Erscheinungsbild, das der organisierte Sport zeigt, die Strukturen, über die er verfügt, und die Vorgänge, die ihn prägen, lassen sich nicht ohne Rekurs auf seine Umwelten verstehen.

Sie haben in seine Entwicklung und Systemgeschichte unterstützend, blockierend oder neutralisierend eingegriffen (Beispiel: Ökonomisierung, Politisierung oder Verwissenschaftlichung des Sports). (Bette, 1999. S. 34)

Als fortgeschrittene Selbstreferenz gelingt es dem System nun einen eigenständigen Code zu entwickeln, der Kommunikationszusammenhänge strukturieren kann.

Bette liefert hier klassische Beispiele:

„Evolutionär erfolgreich waren in dieser Hinsicht das Rechtssystem mit seinem Code von Recht/Unrecht, die Wirtschaft mit ihrer Präferenzregel für Haben/Nichthaben, die Politik mit ihrem Dualschema mächtig/unterlegen bzw. Regierung/Opposition, die Wissenschaft mit ihrer Primärorientierung für Wahrheit und Unwahrheit und die Familie mit ihrem Liebescode.“ (Bette, 1999. S. 36)

Auch das System des Sports operiert unter einem binären Code von Sieg und Niederlage bzw. von überlegener/unterlegener Leistung.

Bette beschreibt dessen Wertigkeit für das System Sport.

„Die sportliche Leitorientierung von Sieg und Niederlage stimuliert und stützt somit Handlungsmotive und generalisiert und legitimiert sie. Wer sein Handeln an codegestützen Regeln ausrichtet, ist von weiteren Erklärungen entlastet. Auf einem Sportplatz muß der einzelne nicht erklären, warum er in einem Wettkampf um die Bahn läuft“. (Bette, 1999. S. 37)

Dort, wo es erwünscht ist, penetrieren sich Systeme gegenseitig, um anderswo verschlossen zu bleiben und eine Durchdringung zu verhindern.

Bette bezeichnet dies zum einen als exklusorische Tätigkeit, die dazu dient in Ruhe im eigenen System für eine hohe Komplexität zu sorgen und zum anderen als inklusorische Aktivität, die im modernen Spitzensport bei der Talentsuche und bei der Darstellung der tollen Leistungen auftritt. (vgl.Bette, 1999. S. 37)

Auch Umwelteinflüsse, die zum Beispiel als Interventionsversuch von Systemen der Wissenschaft oder der Politik auf das System Sport einwirken, werden durch das Nadelöhr sportspezifischer Strukturen und Prozesse geschleust und entweder abgewehrt oder aufgesogen.

„Manche Umweltinterventionen werden erwartet und nicht abgewehrt, sind sogar besonders erwünscht (Beispiele: Sponsorenbeziehungen, die Geld in die Programmstruktur des Sports hineinbringen; die Einbeziehung intersubjektiver Wahrheit infolge einer anwendungsbezogenen wissenschaftlichen Forschung zur Steigerung sportlicher Leistung)“. (Bette, 1999. S. 40)

So existieren rund um das System Sport eine Vielzahl anderer Systeme, die in struktureller Kopplung manchmal mehr und manchmal weniger beeinflussen oder beeinflusst werden und dabei bereits Beispiele wie Sportbischöfe und Sportminister, Kommerzialisierung des Sports (siehe Kapitel 6), Doping, Mentaltraining, Lebensstilmedizin und das „Bosman“- Urteil hervorgebracht haben.

Die folgende Grafik zeigt die verschiedenen Systeme mit denen das System Sport in struktureller Kopplung kommuniziert.

ABBILDUNG 4: „Strukturelle Kopplung“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3. INDIVIDUEN im SPITZENSPORT

Auch in den Systemlandschaften des Sports ist es für die einzelne Person nicht einfach, ein unverwechselbares, unteilbares Individuum zu werden und auch weiter- hin zu bleiben.

Doch gelingt es immer wieder einzelnen sehr eindrucksvoll, das System Sport stellt geeignete Bühnen und genügend Aufmerksamkeit zur Verfügung, nicht nur für den Moment des Triumphs sondern auch nachhaltig ihre Individualität in den Köpfen der sie umgebenden Umwelt zu verankern.

Krainz stellt die Frage nach der Beeinflussbarkeit von Systemen und liefert gleich die erste Antwort, dass nämlich eine Veränderung in einem System im traditionellen Verständnis durch einen Input an Informationen ausgelöst werden würde.

(vgl. Krainz, 1997. S. 131)

In dem Verhältnis zwischen Umwelt und System ortet er vereinfacht auch nur das Verhältnis zwischen System und System.

„Da auch die Umwelt eines Systems aus Systemen besteht, geht es in strategischer Perspektive um das Verhältnis zwischen zwei Systemen; dem das beeinflussen will, und dem das beeinflußt werden soll“ (Krainz, 1997. S. 131).

Niklas Luhmann bezeichnet diese Beeinflussung als Penetration, die erkennbar wird

„wenn ein System die eigene Komplexität ... zum Aufbau eines anderen Systems zur Verfügung stellt (Luhmann, 1984. S. 290)

Krainz ordnet hier das Individuum ein und zeigt die Wechselwirkung zwischen dem Individuum und seiner Umwelt auf.

„Individuen sind bei Luhmann nicht einfach Teile von Systemen, sondern Umwelt derselben, bzw. selbst Systeme; das Verhältnis von Individuum (psychisches System) und sozialem System ist „interpenetrant“, eines ist des anderen Umwelt“.

(Krainz, 1997. S. 131.)

Will ein Individuum ein System beeinflussen, Fans in Scharen auf sich ziehen oder vereinfacht nicht nur durch Platzierungen erfolgreich sein sondern auch in einem professionellen, beruflichen Sinne erfolgreich sein, so muss es seine Umwelt auf sich aufmerksam machen, ja wirkungsvoll beeinflussen.

Ähnlich einem lebenslangen Wahlkampf muss der Sportler mit Leistungen und seiner Individualität auffällig sein und so Überzeugungsarbeit bei den Systemen von Massen und kleineren sozialen Gebilden leisten, zu denen er in Verhältnis steht.

Krainz beschreibt hier anhand einem Beispiel, worin die Schwierigkeiten vergangener und die Unsicherheiten heutiger Zeiten begründet sind.

„Was aber gemeint ist, wird an einem alten Missionsproblem deutlich: Den Heiden die frohe Botschaft zu überbringen hat oft genug

a) wenig Erfolg gehabt oder
b) für die Heiden nicht allzu froh geendet.

Es setzte sich daher mit der Zeit ein – heute würde man sagen alternatives – Konzept durch, nämlich daß der Christ durch das Beispiel wirkt.

Man muß mit den Leuten leben, dann werden sie schon, mit der Zeit.“

„Allgemeiner gesagt: damit in einem System Änderungen erfolgen, muß in seiner Umgebung ein Reizklima hergestellt werden. Damit geht aber einher, daß die Planbarkeit von Veränderungen eigentlich nicht gegeben ist, zumindest mit ansteigender Komplexität abnimmt.“ (Krainz, 1997. S. 131).

Ich möchte nun in weiterer Folge an Beispielen von erfolgreichen Individuen im Sport und an den Aussagen der Interviewpartner zeigen, welche Art der Überzeugungsarbeit zu welchen Konsequenzen geführt hat.

Eine erste Auffälligkeit bei den Nachforschungen ergab sich darin, dass gerade im Sport Individualität und gesteigerter Bekanntheitsgrad mit einem Konzept der „One-man-Show“ zusammenfällt.

Die meisten Sportgrößen sind entweder zeitgleich mit ihrem Aufstieg aus Teams ausgetreten oder durch ihren Austritt erfolgreich geworden.

Als Einzelkämpfer scheint so die Tendenz einer Generalisierung zu fallen und das Individuum kann sich aus einem Korsett eines Teams oder einer Mannschaft befreien.

An Beispielen mangelt es nicht, die sich von Maier, Goldberger, Muster, Mader, Widhölzl, Graf, Schett bis Lauda zahlreich finden lassen.

Holdhaus bestätigt diesen Trend.

„Die Tendenz setzt sich fort, dass immer mehr Topsportler aus einem sehr kleinen Umfeld entstehen. Die schaffen sich ihr eigenes Umfeld“. (IP 6, 2002. S. 9).

Für Rita Graf gehört das Einzelkämpfertum zur Erfolgsstory:

„In Österreich sind das alles Einzelkämpfer.

Ich sehe das sind Menschen mit einem ganz großen Selbstbewusstsein und mit einem hohen Selbstwertgefühl.

Wenn wir die Großen hernehmen, betrifft das alle.

Maier ist nie mit der Mannschaft, der ist immer allein.

Von Muster bis Lauda sind sie alle Einzelkämpfer.

Dem Goldberger haben sie den Federer weggebissen und jetzt kann er nicht mehr.

Man kommt nur als Einzelkämpfer in den Einzelsportarten weiter“. (IP 1, 2002. S. 5)

Amesberger beschreibt seine Erfahrungen mit diesem Trend sehr ausführlich.

„Sie befinden sich alle nicht im Mainstream und arbeiten alle mit irgendeiner Form von Exzentrizität und sind alle irgendwo ausgestiegen.

Muster ist aus der Südstadt ausgestiegen, Maier ist ein Quereinsteiger, Girardelli ist aus dem ÖSV ausgestiegen und Steffi Graf ist irgendwie im zweiten Anlauf zum Erfolg gekommen. Für den Goldberger stimmt das nicht, der ist so ein intern Gewachsener, aber da kommt die Krise dann eben erst später.

Bei einer Analyse, die zum Inhalt hatte herauszufinden, wer durch was zu guten Leistungen kommt, wurde festgestellt, dass es sich immer um kleine Zellen handelt, wo sowohl sehr viel Engagement und Fanatismus da ist.

Irgend ein Trainer oder eine Person steht da dahinter, die glaubt: „Wir schaffen das mit der Person!“ Das ist überall zu finden.

Das findet sich auch bei der Steffi Graf mit der Mutter, beim Muster mit dem Leitgeb und beim Hermann Maier mit dem Heini Bergmüller. Es gibt fast immer so eine total positiv besetzte Beziehung. Der Trainer glaubt ganz fest an die Kompetenz des Schützlings“. (IP 4, 2002. S. 7)

Knut Ogrissek sieht in dem Einzelkämpfertum noch eine zusätzliche Ursache für die Anerkennung der Masse, wenn er die Frage beantwortet, wo denn die Popularität von Maier begründet ist

„Auch die unglaubliche Karriere, die er durchlaufen hat und die Tatsache, dass er sich wirklich alles selbst erarbeit hat, sind daran beteiligt.“ (IP 2, 2002. S. 4)

Bleiben wir bei Hermann Maier.

Fast ganz Österreich sorgt sich seit dem Motorradunfall im Sommer 2001 um die Gesundheit und Zukunft von Hermann Maier.

Rudas macht sich darüber Gedanken, wie es dazu kam.

Die Menschen hätten ihm viel Gefühl entgegengebracht, nun sei "ein Heldenbild zerbrochen", erklärte Dr. Stephan Rudas, der Leiter des Institutes für psychosoziale Forschung in Wien.

Rudas ist sich sicher, dass jeder Schritt der Genesung und Rehabilitation aus ehrlicher Anteilnahme der Bevölkerung überwacht werde.

Die Liste der österreichischen Spitzensportler, die mindestens einmal schwer verunglückt sind und überlebten, ist lang. Es finden sich Namen wie Niki Lauda, Gerhard Berger, Thomas Muster und Karl Wendlinger. Von einem Fluch zu sprechen sei aber falsch, so Rudas.

"Wenn Sportler einen Unfall haben, sind sie nicht anonym, wir erfahren es einfach genauer" (Rudas, 2001, S. 1)

"Die Menschen bringen Spitzensportlern viel Gefühl entgegen", so Rudas. Es sei die seltene Kombination aus Begabung, Trainingsfleiß und eisernem Willen, dass diese Gruppe "zu Recht" bewundert werde. Maier nehme im Herzen Vieler einen großen Platz ein, deshalb auch die persönliche Betroffenheit:

"Ein Mensch, der mir sehr nahe steht, ist verletzt“ (Rudas, 2001. S.1)

Bei diesen positiven Helden entstehe der Wunsch der Unverwundbarkeit, erklärte der Psychiater. Diese Sehnsucht nach unverwundbaren Helden gebe es schon seit Menschengedenken.

Nun sei es den Fans aber klar geworden, dass auch der "Unverwundbare verwundbar ist". Für viele Menschen sei dies ein Grund, darüber nachzudenken, "wie gefährlich ist das Leben?"

Spitzensportler hätten gelernt, mit der Gefahr umzugehen. Rudas: "Sie haben zu Recht das Gefühl der besseren Kontrolle über die Gefahr, sind aber nicht unverwundbar."

Plötzlich, auch ohne eigenes Verschulden, könnten sie vom Helden zum Opfer werden.

Durch die Kraft, die sie, wie etwa Thomas Muster, in die Rehabilitation legen, könnten sie ein Vorbild für die vielen anonymen Verletzten und dauernd Geschädigten werden.

"Maier hat unwiderruflich seinen Platz in den Herzen der Österreicher, unabhängig, ob er wieder Rennen fährt, oder nicht", so Rudas.

Es zeichne Maier wie auch andere Spitzensportler aus, dass sie ihren Weg unabhängig von allen Einflüssen gegangen sind. Dadurch, und durch ihre Leistungen, hätten sie "ewigen" Ruhm erlangt . "Wer diese Schwelle einmal überschreitet, dessen Ruhm ist nicht mehr in Gefahr", so Rudas.

Andere müssten sich erst mühevoll in diese Höhen hinaufdienen.

(vgl. Rudas, 2001. S.3)

Ich möchte an dieser Stelle mit einer kurzen Zusammenfassung der Maier´schen Karriere für ausreichendes Verständnis sorgen.

Der bis dahin unbekannte Maier katapultierte sich 1997 wie aus dem Nichts in die Weltspitze der Skiläufer und dominierte diese Sportart seither wie niemand zuvor.

Der späte Einstieg in den Skiweltcup, Maier war bei seinem ersten Weltcupeinsatz bereits 24 Jahre alt, und seine konstant guten Leistungen stellte die Skiszene total auf den Kopf.

Sein erster Spitzname „der Außerirdische“ spielte auf seinen plötzlichen Aufstieg gleich einer Invasion an. Seinem unwiderstehlich kraftvollen Fahrstil, mit dem er seine Gegner demoralisierte, konnte keiner seiner Konkurrenten etwas entgegensetzen und so war sein Sonderstatus unumstritten. Doch das war nicht immer so.

Nur wenige Monate vor seinem Weltcupdebut verdiente sich der Salzburger, seiner Hoffnungen Rennläufer zu werden längst beraubt, noch sein Geld als Polier im Baugewerbe.

Der Schüler Maier wechselte nach der Volksschule als hoffnungsvolles Talent in die Skihandelsschule in Schladming. Mit dem Wechsel nach Schladming begannen für Maier statt Lernjahre Leidensjahre, die ihn letztlich zum Abbruch der Schullaufbahn zwangen.

Eine Wachstumsstörung an den Knien weitete sich zum Oosgod Schlatter’schen Syndrom aus. Diese Erkrankung wird als Folge zu starker Belastungen während der Wachstumsphase interpretiert und äußert sich mit starken Schmerzen an den Ansätzen der Oberschenkelmuskulatur am Schienbein.

Maier musste lange Zeit pausieren und flog nach und nach aus der Schule und auch aus allen ÖSV-Kadern.

Mit Ende der Pubertät verschwanden auch die Beschwerden wieder und Maier betätigte sich als kaderloser Rennläufer. Mittlerweile zu alt geworden, wollte man ihn beim ÖSV nicht mehr so recht, und so beschloss Maier, sich ein zweites Standbein in Form einer Maurerlehre zu schaffen.

Einige Jahre später erkämpfte sich Maier, in einem Anfall von neuem Rennfieber, bei einem Weltcup-Riesenslalom in seiner Heimatgemeinde Flachau einen Startplatz als Vorläufer.

Diese letzte Chance sollte das Kapitel Maier erledigen, so waren sich die Verantwortlichen beim ÖSV einig. Das Kapitel Maier erledigte sich auch, jedoch zu dessen Gunsten, denn die Zeit, die er in beiden Läufen erzielte, hätte den 12. Rang bedeutet und so konnte man ihn nicht mehr übergehen. Von da an war Maier im Europacup unterwegs und ein Jahr später bereits Mitglied im A-Kader bzw. der österreichischen Nationalmannschaft.

Zu der Zeit, als Maier Aufnahme in das österreichische Nationalteam fand, herrschte in dem Kollektiv der Skination bereits ein brutaler Konkurrenzkampf.

Zu viele Sieganwärter rangelten um die wenigen Startplätze. Dabei hatten die Trainer in den Jahren zuvor den Kader weiter reduziert und anstatt 31 Spezialisten nur noch 22 A-Kaderläufer nominiert.

Die besten 22 Skiläufer Österreichs blieben im Nationalteam und trieben den Leistungsdruck in ungeahnte Höhen. In jedem Trainingslauf war volles Risiko angesagt, um nur ja nicht vom Niveau abzufallen und eine Chance auf einen Startplatz zu verspielen.

Diese Reduktion der Teammitglieder war von Margreiter & Co. zugunsten der Allrounder und auf Kosten der Spezialisten durchgesetzt worden, um ein konkretes Ziel zu verfolgen: Österreich wollte 28 Jahre nach Karl Schranz endlich wieder einen Weltcup-Gesamtsieger hervorbringen.

Werner Margreiter, Cheftrainer der Herren im ÖSV, begründete sein Vorgehen so: „Nachdem ich also die Bäume ausgemistet hatte, konnten die anderen besser wachsen.

Wenn ich von 20 Läufern zehn aussortiere, dann weiß ich, dass ich vermutlich auch einen potentiellen Weltcupsieger zu früh ausgemustert habe. Doch ich weiß auch, dass unter den zehn verbliebenen Läufern zumindest ein Weltcupsieger steckt, und der hat jetzt weit bessere Voraussetzungen.“ (Smejkal, 1998. S. 64)

Im Zuge einer nachträglichen Betrachtung ergibt sich folgende paradoxe Überlegung: Wäre Hermann Maier am Beginn dieser Entwicklung Mitglied eines ÖSV-Kaders gewesen, er wäre eher ausgemistet als gefördert worden. So entwickelte Maier seinen Stil und den Großteil seiner Fähigkeiten als unabhängiger Privatfahrer, um 1995 als Hoffnungsträger wieder Aufnahme im ÖSV-Programm zu finden.

Hermann Maier bestätigte die in ihn gesetzten Hoffnungen und gewann in eindrucksvoller Manier, mit 10 Einzelsiegen in der Saison 1997/98, 28 Jahre nach dem Erfolg von Karl Schranz 1970 den Gesamtweltcup für Österreich. Der Vorsprung auf seinen nächsten Konkurrenten betrug am Ende mehr als 500 Punkte.

Die Dominanz Maiers lässt sich jedoch nur schwer in Zahlen ausdrücken. Das Starterfeld war mit Spitzenfahrern gefüllt, die größte Konkurrenz kam aus dem eigenen Lande, doch auch viele Läufer aus anderen Nationen wurden als mögliche Favoriten für den Gesamtweltcup gehandelt.

Maier brachte zusätzlich jedoch einige herausragende Fähigkeiten mit, mit deren Hilfe er seine Konkurrenten regelrecht einschüchtern konnte.

Sein Siegeswille bzw. sein Ehrgeiz übertrafen das übliche Maß und brachten ihm bald den Spitznamen „Monster“ ein. Maiers Gesichtsausdruck am Start zeigte eine Entschlossenheit, die den Zuseher selbst vor dem Bildschirm erschaudern ließ.

Auch in den Disziplinen Fitness und Athletik setzte der Flachauer neue Maßstäbe. Denn auf den oben angedeuteten entschlossenen Gesichtsausdruck im Starthaus folgte ein Katapultstart, der alle anderen explosiven Starts als „zaghaft“ erscheinen ließ.

Seine konditionelle Überlegenheit kam aber auch im Finish mancher Rennen stark zum Tragen, da Maier länger als andere eine kräfteraubende Linie halten und bis ins Ziel auf Angriff fahren konnte. So war es ihm möglich, auf gewisse Situationen zu reagieren. Manchmal musste er für ein Spitzenresultat nicht so gut fahren, legte jemand jedoch einen sehr guten Lauf vor, dann reagierte Maier darauf und konnte fahren, wie von einem anderen Stern.

In dieser Zeit gab es Rennen, nach denen Maier in den Analysen ausgeklammert wurde und nur mehr die Ränge zwei und höher näher betrachtet wurden. Die Bezeichnungen „Außerirdischer“ und „Monster“ dokumentieren die Entrücktheit Maier’scher Leistungen.

Die Olympiade in Nagano 1998 stellte die Krönung dieser einzigartigen Saison dar. Maier wurde in den Disziplinen Abfahrt, Super-G und Riesenslalom als Topfavorit gehandelt. Mit zwei Siegen im Riesenslalom und Super-G wurde er seiner Favoritenrolle mehr als gerecht.

Der Doppel-Olympiasieg war aber nur das glückliche Ende der atemberaubenden Ereignisse rund um die Person Hermann Maier bei diesen Spielen.

Vorher stand in Hakuba der Abfahrtslauf auf dem Programm mit einem Maier am Start, der seinen Heißhunger auf Medaillen schon im ersten Bewerb stillen wollte. Zur Hälfte der Strecke wurde dieses Wollen dadurch beendet, dass Maier durch zu hohes Risiko, in Führung liegend, von der Strecke flog. War er bis zu diesem Zeitpunkt bereits ein bekannter Skiläufer, so bedeutete dieser Sturz eine plötzliche Vervielfachung seines Bekanntheitsgrades.

Es schien als würden ihm seine Kraft und Dynamik zum Verhängnis zu werden, denn wie aus dem Nichts hob er von der Piste ab, um viel zu hoch und viel zu weit dahinzusegeln und bis zum Stillstand noch drei Fangzäune zu durchschlagen.

So unglaublich der Sturz war, umso mehr verwunderte der glimpfliche Ausgang: Maier stand auf winkte.

Dieses Verhalten resultiert aus einem Abfahrtssturz bei seiner ersten Weltcup-Abfahrt in Chamonix: „Zwei Dinge habe ich bei diesem Sturz gelernt: Erstens, dass ich in Zukunft schnell aufstehen werde. Denn meine Eltern und die Petra waren ziemlich erschrocken und besorgt, als ich da so wie ein Frosch im Zaun lag und verschnaufte.

An das erinnerte ich mich später in Nagano: Nach meinem Abfahrtssturz stand ich sofort auf und winkte, damit sich daheim niemand ängstigt.“ (Smejkal, 1998. S. 61)

Der spätere Doppel-Olympiasieger erinnerte sich an seinen Abflug so: „Aber aus einem für mich in diesem Augenblick nicht nachvollziehbarem Grund blieb ich in der Luft. Ich segelte weiter, und selbst jetzt dachte ich weniger an Sturz als an das nächste Tor. `Das gibt es nicht`, schoss es mir durch den Kopf, `jetzt fliegst du am Tor vorbei.` In meiner Gedankenwelt war kein Platz für einen Sturz oder ähnliches. Im Endeffekt flog ich dann nicht nur am Tor vorbei.“ (Smejkal, 1998. S. 127)

ABBILDUNG 5:

„Sturz in Nagano“.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dieser Sturz und die zwei Siege am dritten und vierten Tag nach dem Sturz brachten ihm den Spitznamen „Herminator“ ein. In Anlehnung an Maiers Bekanntschaft mit Terminator-Darsteller Arnold Schwarzenegger entstand ein letzter Name, der die Eigenschaften des Filmvorbildes einem Menschen zuschrieb: Der „Herminator“ war unzerstörbar und daher unbesiegbar.

Holdhaus ergänzt seine Empfindung für die Person Maier.

„Maier steht wiederum für spektakuläres Skifahren. Auch der berühmte Sturz von Nagano hat dazu beigetragen.“ (IP 6, 2002. S. 9)

Ogrissek kann die Popularität seines Schützlings umfangreich begründen.

„Er ist so spät eingestiegen und doch noch so weit gekommen.

Ein wichtiger Punkt ist seine Persönlichkeit.

Die Ecken und Kanten, die er hat und dass er sagt, was er sich denkt.

Das macht ihn sympathisch. Zudem ist er noch irrsinnig schlagfertig, wobei ihn da noch viele unterschätzen.“ (IP 2, 2002. S. 4)

„Auch als Sportler habe ich immer Leute bewundert, die konsequent arbeiten. Da ist es egal, ob das ein Thomas Muster, Ivan Lendl oder Lance Armstrong oder Hermann Maier ist. Das zeichnet die großen Champions aus“. (IP 2, 2002. S. 7)

Hermann Maiers Überzeugungsarbeit an der Masse seiner Bewunderer lässt sich so auf die Eckpfeiler, Durchsetzungsvermögen, Konsequenz, Selbstvertrauen und Kraft zusammenfassen.

Amesberger beschreibt, was die Mehrzahl denkt:

„Hermann Maier steht hier sicherlich als Beispiel für die Brachial-Lösung.

Ein Österreicher, der sich wirklich hineinhaut und der sich wirklich traut.

Der strahlt Selbstvertrauen, Kraft und Einfachheit aus“. (IP 4, 2002. S. 8)

Als Gegenbeispiel möchte ich weiters auf die Karriere von Thomas Muster eingehen, der eine sehr erfolgreiche Karriere im Tennissport hinter sich hat.

Im Gegensatz zu Maier begründete sich seine Popularität eher auf dem Respekt vor seiner Arbeitsleistung denn auf Sympathie.

Muster legte auch keinen gesteigerten Wert darauf beliebt zu sein.

„Muster ist das Vorbild für Arbeit: „Ein Österreicher kann durch harte und fleißige Arbeit was gewinnen und erreichen.“ (IP 4, 2002. S. 5)

Auch hier möchte ich mit einer kurzen sportlichen Biographie für leichtere Nachvollziehbarkeit sorgen.

Thomas Muster versetzte mit Willen und Glauben an sich selbst alle Berge der Welt. Dem Steirer wurde immer wieder mäßiges Tennistalent konstatiert, doch Muster belehrte seine Kritiker mit Erfolgen am Fließband.

Sein Einsatz und sein bedingungsloser Wille zum Erfolg bescherten ihm jahrelange Präsenz unter den Top-Ten der Tennisweltrangliste. Die Krönung seiner Karriere bedeutete, entgegen aller Prognosen, für mehr als insgesamt zwei Monate an der Spitze der Tenniswelt zu stehen.

Zum ersten und einzigen Mal trug die Nr. 1 der Tenniswelt einen österreichischen Namen. Auch Musters Weg zur Spitze wurde von vielen Emotionen begleitet. 1989 wurde er tragisches Opfer eines betrunkenen Autofahrers, der ihn am Vorabend des Finalspiels vom Turnier in Key Biscane schwer verletzte.

Muster, der im Vorfeld in Höchstform gespielt hatte und gerade in die ersten Zehn der Weltrangliste aufgestiegen war, startete ein mühevolles Comeback. Der Steirer war nicht der Typ eines Sportlers, dem die Sympathien leicht zuflogen. Zu verbissen, zu ehrgeizig, ja manchmal furchteinflößend konnte er am Court wirken.

Die Zähigkeit und Konsequenz, mit der er den erlittenen Kreuzbandriss überwand und seine Schwächen zu Stärken verwandelte, verlangte jedem Sportbegeisterten jedoch ein hohes Maß an Respekt und Bewunderung ab. Muster arbeitete mit höchster Professionalität an der Verbesserung seiner Fähigkeiten und nahm somit eine Vorbildrolle ein, die noch kein Sportler in diesem kleinen Land innehatte.

Als direkte Folge entwickelte sich ein regelrechter Tennisboom, der viele einheimische Spieler ermutigte, ebenfalls internationale Karrieren anzustreben. Seine körperliche Fitness, als Folge seiner Willenskraft und Konsequenz, gepaart mit seinen spielerischen Qualitäten ließen ihn in seiner besten Zeit auf Sand als unbesiegbar gelten.

Der Spitzname „Sandplatzkönig“ entstand in der Zeit, als Muster von Turniersieg zu Turniersieg (Grand-Slam Sieger in Paris 1995) eilte. Das Vorbild Muster motivierte auch seine Kollegen und so gelangen den Österreichern im Davis-Cup (Nationen-Wertung) grandiose Erfolge.

In der Zeit dieses Erfolgsruns wurden Tennisgroßmächte wie die USA, Deutschland, Spanien und Australien besiegt und Österreich schien nur aus Tennisfans zu bestehen.

Muster stand für harte Arbeit, die nicht spektakulär war, aber beeindruckte und als sie dann einmal ausblieb, auch schnell in Vergessenheit geriet.

„Ja, der Muster ist eigentlich sehr schnell weg gewesen.

Er war die Nr. 1 und dann war der Erfolg weg und es sind sehr schnell negative Meldungen gekommen.

Er hat nicht das große Talent und auch nicht das totale Charisma und er läßt auch manchmal ausrichten, dass ihn eh alle gern haben können.

Er ist nicht emotional sondern immer distanziert.

In dem Moment, in dem er seine Arbeitsleistung nicht mehr bringt, hat er nichts mehr an Ausstrahlung“. (IP 4, 2002. S. 5)

Ein Beispiel für jemanden, der durch Emotion und Gefühle überzeugte, findet sich bei Hans Krankl, der als einer der wenigen Mannschaftssportler eine aussergewöhnliche Karriere durchlief.

Hans Krankl wurde in Wien auf der legendären „Pfarrwiese“ mit dem Leder vertraut und startete von dort aus, so nachahmbar, nachvollziehbar, ohne finanzielle oder anderweitige Privilegien eine einzigartige Fußballkarriere, die ihn über die Vereine Simmering, WAC zu seinem Stammklub RAPID brachte. Er blieb beim letztgenannten Klub über 20 Jahre und wurde so etwas wie ein Statussymbol für die Grün-Weißen.

Der „Sonnenkönig“ aus dem 14. Bezirk Wiens erweiterte den markigen Spruch von „Sonnenkönig“ Ludwig dem XIV und konnte mit Recht behaupten:

„Rapid, das bin ich!.“ (Prüller, 1987. S. 33)

Bei zeitweiligen Absenzen von „seinem“ Klub musste das Unlogische durch Begründungen ertragbar gemacht werden: „Abnormal ist ja auch, dass ich nicht bei Rapid bin – als Spieler, Trainer, Zeugwart, Schuhputzer oder Präsident. Aber meine Zeit dort kommt noch. Nichts wird mich von Rapid abhalten.

Alles nur eine Frage der Zeit. Mein Comeback bei Rapid ist nicht aufzuhalten“.

(Prüller, 1987. S. 33)

Mit siebzehn Jahren stand er erstmals in der Kampfmannschaft von Rapid, wurde aber wegen zu vieler stürmender Legionäre doch noch an den WAC verliehen.

Dieses Leihengagement fand in dem ersten Match aber auch gleich ein abruptes Ende, denn Krankl schoss acht Tore beim 9: 2 Sieg und spielte ab sofort wieder in der Rapid-Kampfmannschaft weiter. Sein schneller Aufstieg setzte sich mit dem Eintritt in die Nationalmannschaft 1973 fort und gipfelte bei der WM 1978, wo Krankl hauptverantwortlich für den unvergessenen Sieg gegen den „großen Bruder“ Deutschland zeichnete. Seine zwei Tore zum 3: 2 Sieg von Cordoba machten nicht nur Edi Finger "narrisch" sondern ließen auch den damals reichsten Klub der Welt, den FC Barcelona, auf den Wiener aufmerksam werden.

Sein Wechsel in die Fußballhauptstadt der damaligen Zeit eröffnet ein neues, völlig unerwartetes Erfolgskapitel in der Lebensgeschichte Krankls und in der Klubgeschichte Barcelonas.

Krankl schoss in seinem ersten Spiel seine fünf schönsten Tore und lebte ab diesem Zeitpunkt beim Klub und bei den Fans in gottesähnlicher Verehrung.

Er erzielte in seiner Zeit bei Barcelona den bis heute ungebrochenen spanischen Torrekord und erobert mit Barcelona - erstmals in der Klubgeschichte - den Europapokal.

Von der Pfarrwiese bis Barcelona zeichnete Krankl für unvergessliche Fussball-Momente verantwortlich und so steht sein Name in Kombination mit „Cordoba 1978“ für den Automatismus der vor Stolz schwellenden österreichischen Brust.

„Krankl ist auch eine spannende Variante, denn er steht für die Emotion im Sport.

Das ist auch jetzt als Teamchef so geblieben“. (IP 4, 2002. S. 6)

Die Masse seiner Fans erlag seinem Instinkt und seiner Emotionalität beim Stürmen und Tore schiessen. Krankl war am Fußballfeld ein Garant für die Adrenalinausschüttung der Zuseher.

Abschließend möchte ich noch anhand von Franz Klammer eine Karriere betrachten, die neben einer ausgewogenen Mischung aus den vorangegangenen Eigenschaften vor allem auf seine Natürlichkeit und die damit verbundene Sympathie zurückzuführen ist.

Klammer versucht sich selbst zu erklären:

„Den Leuten hat die Art und Weise, wie ich Ski gefahren bin, sehr gut gefallen.

Dann der Umstand, dass ich angeblich nie nach Ausreden („Okay, du hast immer gesagt, wie die Situation ist!“) gesucht habe.

Das, was ich gesagt habe, ist immer sympathisch angekommen und das macht dann die Geschichte rund“. (IP 3, 2002. S. 1)

Der „Kaiser“ der Ski-Nation, der Begriff „Franz Klammer“ steht für Lausbubenstreiche, lockere Lebenseinstellung, markige Sprüche im Dialekt, volles Risiko und Erfolge auf Bestellung. Auch er zog es vor, für drei Saisonen zu pausieren, um dann noch einmal den Abfahrtsweltcup (1978) und auch den Klassiker auf der Streif in Kitzbühel (1984) zu gewinnen.

Sein Stil Abfahrten zu bezwingen faszinierte, seine bodenständige, lausbübische Art ließ ihm Sympathien zufliegen und seine Fähigkeit, hohem Erwartungsdruck standzuhalten, bewirkten seinen Sonderstatus.

Pünktlich zur größten Sportveranstaltung der österreichischen Geschichte - den Olympischen Winterspielen in Innsbruck 1976 - wurde Klammer als Favorit für den Abfahrtstitel gehandelt. Die Konkurrenz war stark wie nie zuvor und auch der Druck auf Klammer schien unmenschlich.

Die Abfahrt ging in die Sportgeschichte ein, denn Klammer startete von allen Favoriten als Letzter und handelte sich gleich einen Rückstand ein.

Er schaffte es, völlig außer Kontrolle, alle restlichen Tore regulär zu passieren und wandelte den Rückstand in einen Sieg um, der alle bisherigen Normen österreichischer Sportbegeisterung sprengte.

Nicht nur Österreich lag seinem „Kaiser“ zu Füßen, auch international kannte seine Beliebtheit keine Grenzen. Eine US-Fluglinie flog jahrelang mit der Aufzeichnung der Olympiaabfahrt im Bordkino.

Der Fernsehsender ABC (USA) lud zur großen Sportlerparty mit Klammer: „Ich war zur großen ABC-Party in Los Angeles eingeladen. ABC zeigt alle Sportsensationen der letzten Jahre , von überall 10-15 Sekunden - aber meine Olympiaabfahrt von 1976 von Start bis Ziel. Und danach haben mich alle Leute angeredet: ‘It`s still the most exciting run I`ve ever seen’ - immer noch das aufregendste Rennen. Obwohl es schon elf Jahre her ist.“ (Prüller, 1987. S.121)

Knut Ogrissek zieht Klammer auch sofort als Vergleich her, wenn er die Frage beantwortet, was aus der Popularität von Maier bei dessen Karriereende werden könnte.

„Wenn jetzt plötzlich aus wäre, würde er mit Sicherheit berühmt bleiben.

Es würde wahrscheinlich ähnlich werden, wie beim Franz Klammer, der ja auch 25 Jahre nach seinem Olympiasieg noch immer überall angesprochen wird“.

(IP 2, 2002. S. 6)

Holdhaus antwortet spontan auf die Frage, welche Eigenschaften es denn zu beschreiben gibt: „Klammer steht für Natürlichkeit“. (IP 6, 2002. S. 9)

Günther Amesberger fasst zusammen, indem er das Phänomen des Individuums Klammer gegen andere Ausnahmesportler abgrenzt.

„Der Goldberger und der Klammer stehen sicherlich für den Archetypus „einfaches, ehrliches Kind vom Land“, das sich durch phantastische Leistungen nach oben gebracht hat. Der Klammer ist dabei sowieso die High-Endvariante, an die der Maier kaum herankommt.“ (IP 4, 2002. S. 6)

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Details

Seiten
165
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783640177288
ISBN (Buch)
9783640177301
Dateigröße
1.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v115891
Institution / Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt
Note
1
Schlagworte
Psycho- Soziodynamik Spitzensport

Autor

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Titel: Psycho- und Soziodynamik im Spitzensport