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Depressionen im Kindes- und Jugendalter

Studienarbeit 2003 20 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition der Depression

3. Klassifikation der klinischen Störungsbilder

4. Symptomatik
4. 1 Symptomatik der Kindheits- und Jugenddepression
4. 1. 1 Im Säuglingsalter
4. 1. 2 Im Kleinkind- und Vorschulalter
4. 1. 3 Jüngere Schulkinder
4. 1. 4 Bei älteren Kindern und Jugendlichen
4. 2 Das Problem der Komorbidität

5. Ätiologie
5. 1 Risikofaktoren
5. 2 Biologische Erklärungsansätze zur Entstehung von Depressionen
5. 2. 1 Genetik
5. 2. 2 Biochemische (endokrine) Theorien
5. 3 Psychologische Theorien
5. 3. 1 Psychoanalytische Theorie
5. 3. 2 Behaviorale Theorie
5. 3. 3 Kognitive Theorien

6. Therapie
6. 1 Psychotherapie
6. 2 Spieltherapie
6. 3 Andere nichtmedikamentöse Behandlungsmöglichkeiten
6. 4 Medikamentöse Behandlung
6. 5 Stationäre Behandlung

7. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Zur kalten Jahreszeit schlagen die dunklen Tage mit trübem Wetter vielen Menschen auf die Stimmung und verursachen ebenso trübe Gedanken. Bei einigen erhöht sich saisonal die Vulnerabilität für depressive Erkrankungen. Nicht jede veränderte Stimmung ist gleich eine echte Depression, wenn auch die Aussage „gerade depressiv zu sein“ sich als Ausdruck für die Phase eines Stimmungstiefs etabliert hat. Bei Jugendlichen hat der Begriff „Depri- Phase“, für ein momentanes Tief, Fuß gefasst. Grundsätzlich gilt, dass Gefühle wie Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit und Pessimismus zu unserer emotionalen Grundausstattung gehören und ebenso Bestandteil des Lebens, wie Freude oder Zufriedenheit, sind. Besonders in der Pubertät gehören Stimmungsschwankungen zur normalen Entwicklung. Diese Erscheinungen gilt es von der Depression im klinischen Sinne abzugrenzen. Dabei rückt aber auch die Tatsache, dass sowohl Kinder als auch Jugendliche an einer depressiven Störung leiden können, langsam in den Blickpunkt der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Kindheitsdepression ist nicht immer leicht als solche zu erkennen. Insbesondere Kinder drücken ihr persönliches Leid in jeder Altersstufe verschieden aus. Dies äußert sich häufig in somatischen Beschwerden, und die typischen Symptome einer depressiven Störung, auf die ich noch genauer eingehen werde, sind nicht so offensichtlich, wie im Erwachsenenalter. Aufgrund der Abweichungen zur Erwachsenendepression galt die kindliche Affektstörung lange Zeit als entwicklungsspezifische Störung und wurde erst in den letzten Jahren als eigenständiges Krankheitsbild anerkannt.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Frage nach Symptomatik und Ätiologie der Depressionen bei Kindern und Jugendlichen und erklärt, verschiedene Therapieformen unter Einbeziehung aktueller Forschungsarbeiten. Des Weiteren wird auf Chancen und Risiken einer stationären Behandlung eingegangen.

2. Definition der Depression

Der Begriff Depression kommt aus dem lateinischen und bedeutet Niedergeschlagenheit oder Bedrücktheit. Es herrscht allerdings einige Verwirrung um den Begriff, weil er in der Alltagssprache von Laien für momentane Stimmungstiefs verwendet wird. Außerdem existiert keine allgemeingültige Definition für die Diagnose, sondern nur Definitionsversuche. Das Problem liegt darin, dass die Depression keine zu definierende Krankheit ist, sondern ein Krankheitsbild, das sich aus einer Gruppe von Symptomen - dem depressiven Syndrom- zusammensetzt. Daher möchte ich unter dem Punkt der Symptomatik auf einige der mannigfaltigen Merkmale eingehen, die bei einer Depression gehäuft auftreten.

3. Klassifikation der klinischen Störungsbilder

Formal diagnostisch werden Depressionen, die zu den affektiven Störungen gehören, wie alle psychiatrischen Krankheitsbilder entweder nach ICD-10 (Internationales Klassifikationssystem psychischer Störungen in 10. Revision) der WHO oder nach DSM- IV (Diagnostisches und Statistisches Manual psychischer Störungen in 4. Revision) der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung klassifiziert. Nach der DSM- IV Klassifikation werden die depressiven Störungen, die auch als unipolare Störungen bezeichnet werden, von den bipolaren Störungen unterschieden. Zu den depressiven Störungen zählen die Major Depression, das gravierende Zustandsbild, und die Dysthymie, die in ihrer Ausprägung weniger intensiv und von kürzerer Dauer ist. Analog dazu klassifiziert der ICD-10 leichte, mittelschwere und schwere Störungen. Beide Klassifikationssysteme setzen das Vorhandensein von fünf Symptomen zur Diagnostizierung einer depressiven Störung über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen voraus. Die Depression kann mehr als ein halbes Jahr andauern. Leidet der Betroffene drei Jahre oder länger an dem Syndrom, wird von einer depressiven Entwicklung gesprochen.

4. Symptomatik

Der Symptomkomplex bezieht sich auf verschiedene Ebenen. Zum Beispiel auf emotionaler Ebene eine traurige, niedergeschlagene Stimmung. Gefühle der Hilflosigkeit herrschen vor. Die Beeinträchtigung der vegetativ- physiologischen Ebene zeichnet sich durch drastische Appetit- und Gewichtsveränderungen und Schlafstörungen mit vermehrtem oder vermindertem Schlaf aus. Das Aktivitätsniveau ist in Richtung auf Lethargie oder Agitiertheit verändert. Auf der motivationalen Ebene liegen außerdem Antriebsschwäche, große Müdigkeit und der Interessensverlust von gewohnten Aktivitäten vor. Konzentrationsschwierigkeiten, wie verlangsamtes Denken und Gedanken der Wertlosigkeit und Schuld bis zu immer wiederkehrenden Suizidgedanken sind Symptome der Beeinträchtigung auf der kognitiven Ebene, die eine Depression diagnostizieren können. Die Unterscheidung von bipolaren und unipolaren Störungen wird erst in den letzten Jahrzehnten vorgenommen. Dabei stellen die bipolaren Störungen einen Wechsel von depressiven und manischen Phasen dar, zeichnen sich aber nicht nur durch die zusätzlichen manischen Episoden aus, sondern ebenso durch eine andere Symptomatik.[1] Da bipolare Störungen bei Kindern eher selten auftreten, soll hier nicht näher darauf eingegangen werden. Affektive Störungen bei Kindern werden nach den Kriterien für Erwachsene beurteilt, unter Berücksichtigung spezifischer Merkmale. Neben Ähnlichkeiten in der Symptomatik der Major Depression bei Kindern und Erwachsenen, können die Depressionen eines Kindes aber auch eine völlig andere Symptomatik aufweisen.[2] Daher ist eine gesonderte Betrachtung der Depressionen bei Kindern und Jugendlichen im Gegensatz zu den Störungen der Erwachsenen notwendig.

4. 1 Symptomatik der Kindheits- und Jugenddepression

Hinsichtlich der Verbreitung leichter und mittelschwerer depressiver Störungen lässt sich sagen, dass 15- 24jährige ein besonders hohes Depressionsrisiko haben; die Erkrankung tritt 1, 7 mal öfter als beispielsweise bei 54jährigen auf. Außerdem ist festzustellen, dass die betroffene Altersklasse immer jünger wird. Laut einer Studie sind diese bei Jungen im Kindesalter häufiger, in der Jugend sind Mädchen doppelt so häufig von einer depressiven Störung betroffen.[3] Für die besondere Vulnerabilität der weiblichen Jugendlichen werden die verschiedensten Ursachen diskutiert. Angefangen bei den weiblichen Sexualhormonen, die für die depressive Neigung verantwortlich sein könnten, bis hin zu einem anderen Bewältigungsverhalten der Mädchen in belastenden Situationen.[4]

Wütende, zornige, bisweilen auch aggressive Verhaltensweisen eines Jugendlichen werden von der Umwelt selten als mögliches Erscheinungsbild einer depressiven Störung erkannt. Die Ebenen der Beeinträchtigung können denen der Erwachsenen ähneln. So können depressive Kinder und Jugendliche ebenso wie Erwachsene depressive Stimmungen erleben, an Müdigkeit und der Unfähigkeit Freude zu empfinden und Suizidgedanken leiden. Die Depression kann wie bei Erwachsenen wiederholt auftreten. Es gibt aber auch Unterschiede. Erwachsene hingegen sind häufiger von frühzeitigem Aufwachen und einem Appetits- und Gewichtsverlust betroffen. Der Anteil an Suizidversuchen ist jedoch bei Kindern und Jugendlichen höher. Des Weiteren erleben sie mehr Schuldgefühle als Erwachsene.[5]

Schwierigkeiten bei der Diagnostizierung entstehen auch durch die im Allgemeinen weniger gute Fähigkeit von Kindern über ihre eigenen Gefühlszustände zu berichten. Außerdem zeigen sich die depressiven Symptome je nach Alter unterschiedlich und ich möchte hier eine Unterteilung vornehmen.

4. 1. 1 Im Säuglingsalter

Der Psychoanalytiker Rene Spitz machte bereits in seinen Arbeiten zur Hospitalismusforschung aus den vierziger Jahren auf die sogenannte „anaklitische Depression“ (Anlehnungs- Depression“) aufmerksam. Sie entsteht durch eine länger anhaltende, mangelnde, emotionale Zuwendung, wie es beispielsweise in Heimen vorkommen kann. Wird dem Säugling trotz ausreichend Nahrung der zwischenmenschliche Kontakt entzogen und erfährt er eine sogenannte psychosoziale Deprivation, reagiert er zunächst mit vermehrtem Weinen und protestierendem Schreien. Schließlich setzen Schlafstörungen, Appetitverlust und ein apathisches Rückzugsverhalten mit starrem Gesichtsausdruck ein. Die Säuglinge zeigen auch häufig Jaktationen; sie führen rhythmische Kopf- oder Körperbewegungen aus.[6]

4. 1. 2 Im Kleinkind- und Vorschulalter

Im Kleinkindalter überwiegen psychosomatische Beschwerden. Somatische Merkmale wie Bauch- und Kopfschmerzen werden durch psychische Symptome ergänzt. Sie können sich in Trennungsängsten, Gehemmtheit, Unruhe, Schlafstörungen, oder latenter Traurigkeit, die sich schließlich auch in einem ständig traurigen Gesichtsausdruck widerspiegeln kann, äußern. Die Kinder können auf eine frühere Entwicklungsstufe zurückfallen, was als Regression bezeichnet wird. Sie nässen wieder ein oder „bereits erworbene sprachliche Fähigkeiten oder auch intellektuelle Kompetenzen gehen plötzlich wieder zurück“[7]

4. 1. 3 Jüngere Schulkinder

Neben einem verstärkten Auftreten der körperlichen Symptome, z.B. Übelkeit, Kopf- und Bauchschmerzen, zeigt sich eine deutliche Traurigkeit mit vermehrtem Weinen. Ein depressives Kind kann durch einen deutlichen Interessensverlust, Konzentrationsschwierigkeiten oder Rückzugsverhalten auffallen. Aufgrund zunehmender kognitiver Fähigkeiten ist es zunehmend in der Lage, oftmals überzogene Selbstkritik zu zeigen und erste Schuldgefühle zu entwickeln. Es kann aber ebenso zur psychomotorischen Unruhe (starkem Bewegungsdrang ohne gezielter Aktivität) kommen. Der verhaltensgestörte Eindruck, den dann ein Kind bei seiner Umwelt hinterlässt, wird oft durch Kritik, die bedingt durch ein Nichterkennen einer Depression ist, wiederum verstärkt, wenn sich das Kind in seinem Selbstwertgefühl noch weiter herabgesetzt fühlt.[8]

4. 1. 4 Bei älteren Kindern und Jugendlichen

Mit zunehmendem Alter ähnelt sich die Symptomatik der Depression Erwachsener. Vermehrtes Grübeln über sich und die Umwelt stehen im Vordergrund. Es herrschen Sinnlosigkeitsgefühle, Minderwertigkeitsgefühle und die Tendenz sich zu isolieren vor. Dazu gehören auch Ängste, Konzentrationsprobleme und Teilnahmslosigkeit. Die Stimmung ist weiterhin besonders niedergedrückt und pessimistisch. Es treten „im Vergleich zum Kindesalter deutlich dysfunktionale Denkmuster hervor“[9], bei denen eine pessimistische Einstellung gegenüber sich selbst, den eigenen Fähigkeiten, dem eigenen Aussehen und der persönlichen Zukunft entwickelt wird.

Hinzu kommen Suizidgedanken und Suizidversuche. Neben den psychischen Symptomen kann es auch zu somatischen Symptomen, wie Kopfschmerzen kommen. Bei Mädchen treten häufig Essstörungen wie Anorexie oder Bulimie auf. Einige leiden an Schlafstörungen, die sich sowohl in vermindertem Schlaf mit Früherwachen, Einschlaf- und Durchschlafstörungen oder einem vermehrten Schlafbedürfnis zeigen können. Häufig ist ein Substanzmissbrauch festzustellen, indem der depressive Jugendliche verstärkt zu Nikotin, Alkohol und Drogen greift. Auch jugendlicher Vandalismus, Aggressivität, überhaupt dissoziale Auffälligkeiten können Ausdruck einer Depression eines Jugendlichen sein.

4. 2 Das Problem der Komorbidität

Unter Komorbidität wird das gleichzeitige Auftreten von mindestens zwei Störungen verstanden. Essstörungen oder Drogen- und Alkoholkonsum, die im Rahmen einer Depression auftreten, können nicht nur Folge, sondern auch Ursache einer Depression sein. Die Diagnose einer Depression wird durch das häufige gemeinsame Auftreten mit anderen Störungen wie Angststörungen, Verhaltensstörungen oder dem Aufmerksamkeitsdefizitssyndrom erschwert. Häufig wird die dahinterliegende Depression von auffälligeren Problemen verdeckt. „Liegt eine Komorbidität mit anderen Störungen vor, ist die Depression schwerer ausgeprägt, und die Genesung dauert länger.“[10]

[...]


[1] Vgl. Davison, Gerald C. u. John M. Neale; Klinische Psychologie; Weinheim 1996 (4); S. 254ff.

[2] Vgl. Davison, Gerald C. u. John M. Neale; Klinische Psychologie; Weinheim 1996 (4); S. 513

[3] Vgl. Ihle, Wolfgang u. Günter Esser; Epidemiologie psychischer Störungen im Kindes- und Jugendalter in: Psychologische Rundschau; 53 (4) 2002; S. 159

[4] Vgl. Nieder, Anja u. Inge Seiffge- Krenke; Psychosoziale Determination depressiver Symptome im Jugendalter: Ein Vergleich der Geschlechter in: Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie 50 (5) 2001; S. 343

[5] Vgl. Davison, Gerald C. u. John M. Neale; Klinische Psychologie; Weinheim 2002 (6); S. 337

[6] Vgl. Nevermann, Christiane u. Hannelore Reicher; Depressionen im Kindes- und Jugendalter; München 2001; S. 39

[7] Nevermann, Christiane u. Hannelore Reicher; Depressionen im Kindes- und Jugendalter; München 2001; S. 41

[8] Vgl. Nevermann, Christiane u. Hannelore Reicher; Depressionen im Kindes- und Jugendalter; München 2001; S. 41ff.

[9] Nevermann, Christiane u. Hannelore Reicher; Depressionen im Kindes- und Jugendalter; München 2001; S. 43

[10] Davison, Gerald C. u. John M. Neale; Klinische Psychologie; Weinheim 2002 (6); S. 338

Details

Seiten
20
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638177061
Dateigröße
714 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v11589
Institution / Hochschule
Hochschule München – FB Sozialpädagogik
Note
1
Schlagworte
depressionen kindes- jugendalter

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