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Kunstmärchen der Romantik in der Sekundarstufe II. Ludwig Tiecks „Der blonde Eckbert“

von Christian Schön (Autor)

Wissenschaftlicher Aufsatz 2004 43 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gattungsunterscheidungen zwischen Volksmärchen, Mythos und Kunstmärchen
2.1 Volksmärchen und Mythos
2.2 Volksmärchen und Kunstmärchen

3. Gegenstandsanalyse: (Früh-) Romantik – Soziologie, Geschichte und Eigenschaften

4. Frühromantik in der Literaturgeschichte

5. Geschichtsschemata der Romantik

6. "Der blonde Eckbert" als typisches Kunstwerk der Frühromantik

7. Auswahl der Texte und Materialien sowie möglicher Stundenverlauf

8. Lernziele

9. Eine Detailstunde: Wie wird literarische Realität geschaffen?
9.1 Didaktische Analyse
9.2. Lernziele
9.3 Methodischer Kommentar
9.4 Ergebnissicherung
9.5 Verlaufsschema

10. Mögliche Gliederung der Unterrichtseinheit

11. Literaturverzeichnis:
Primärliteratur:
Sekundärliteratur

12. Materialien

1. Einleitung

Der folgende fachdidaktisch orientierte Aufsatz beschäftigt sich mit dem Thema, ob und wie Kunstmärchen der Romantik in der gymnasialen Oberstufe behandelt werden können. Diese Forschungsfrage wird am Beispiel des bekannten und relevanten Kunstmärchens von Ludwig Tiecks „Der blonde Eckbert“ behandelt. Dieses Kunstmärchen gehört der Frühromantik an. Dabei zeigt der Aufsatz auf, wie eine Unterrichtseinheit von 9 Stunden das Kunstmärchen gehaltvoll und innovativ in der gymnasialen Oberstufe behandeln könnte, ohne dass dabei der Anspruch auf Wissenschaftlichkeit und inhaltlichen Ertrag verloren geht. Das vertiefende Beispiel einer Einzelstunde legt zusätzlich dezediert dar, wie die Fein- und Detailplanung einer einzelnen Stunde aussahen könnte. Zur gesamten Unterrichtseinheit finden sich neben einer ausführlichen Sach-, fachdidaktischen und methodischen Analyse wertvolle Unterrichtsmaterialien, Verlaufsschema, Tafelanschriebe und Lernziele.

2. Gattungsunterscheidungen zwischen Volksmärchen, Mythos und Kunstmärchen

Kinder suchen beim Heranwachsen Ordnung in ihrem sich kompliziert darstellenden Inneren und Äußeren zu schaffen und ihrem Leben einen Sinn zu geben und diesen "Sinn finden sie im Märchen."[1] Entscheidende Funktion der Märchen ist dabei den Kindern, auf vorbewusster, unbewusster oder bewusster Ebene Botschaften zu vermitteln, welche von unmittelbaren menschlichen Nöten und Konflikten handeln. Auch sollten die Märchen Ernsthaftigkeit im Umgang mit diesen existentiellen Ängsten an den Tag legen und gerade deshalb - oder aber vielleicht auch dennoch - gilt: Die im Märchen auftauchenden erwähnten Problembereiche werden immer einer für das Kind positiv erscheinenden Lösung zugeführt.[2]

Nach Bettelheim kann das Märchen nur deshalb eine so große psychologische Wirkung auf das Kind ausüben, weil es ein Kunstwerk - und eng damit verbunden - Fiktion ist.[3] Fiktion, die erzählt, kann neue Lebensräume und Lebensentwicklungen eröffnen, die sowohl in der psychologischen Verfasstheit als auch im extremeren Fall bei der physischen Tat der Rezipienten reale Auswirkungen besitzen können.

Andere Erzähltextgattungen weisen märchenähnliche Strukturen auf, haben aber nach Bettelheim nicht die gleichen psychologischen Wirkungsmöglichkeiten wie diese. Um diese Hypothese nachvollziehen zu können, soll im folgenden ein kurzer Vergleich zwischen Märchen und Mythos und Märchen und Kunstmärchen angestellt werden.

2.1 Volksmärchen und Mythos

Zeitlich geht der Mythos dem Märchen voraus und es ist denkbar, dass Mythos und Märchen einst als "verbundene Gattungen eine Art friedlicher Koexistenz" geführt haben. Der Mythos wird als Versuch früher Kulturstufen gesehen, "Fragen des Ursprungs der Welt ..., ihres Endes ..., der Entstehung der Götter ..., der Menschen ... und bestimmter Naturphänomene ... in Bildern, durch Personifikationen ... oder mehr oder weniger ausgeschmückte Geschehnisfolgen zu erfassen. Der Mythos läßt sich auch als Versuch erklären, Moralisches, Existentielles oder Mystisches in Symbolen zu gestalten."[4] Der Mythos ist also dieser Definition zufolge eine Fiktion, die schon früh in der phylogenetischen (stammesgeschichtlichen) Entwicklung eine Rolle zur Lebenserklärung und -bewältigung gespielt hat. Aus den Mythen heraus wurde versucht, Hilfen zur Deutung von Leben und scheinbar nicht erklärbaren Sachverhalten wie der Existenz des Universums und des Lebens allgemein zu erhalten.

Erzählen an sich erhält damit eine Funktion, Leben zu bewältigen und zu konstituieren. Die Gattungsbezeichnung Märchen tauchte - obwohl die Gattung an sich natürlich schon länger existierte - erstmals im 15. Jahrhundert auf und unter Märchen wird heute eine "phantast., realitätsüberhobene, variable Erzählung, deren Stoff aus mündl. volkstüml. Traditionen stammt"[5] verstanden, welche auf anonymes Erzählgut zurückgeht. Ein Erzähler oder Dichter im eigentlichen Sinne ist nicht auszumachen.

Bei den Märchen stehen im Gegensatz zum Mythos nicht so sehr phylogenetische, sondern ontogenetische (individualgeschichtliche) Aspekte im Vordergrund. Allerdings können von den geglückten Individuationsprozessen mehrere profitieren; oft zumindest zwei, denn die Synthese vom Ich und Du zum Wir ist häufig unabdingbarer Schritt zum Glück, denn das „Ich kann auf einer noch so hohen Ebene leben, ohne das Du lebt es ein einsames Leben. Das sagt uns der glückliche Ausgang der Märchen, in denen der Held mit seiner Lebensgefährtin vereinigt wird."[6] Dieser scheinbare Gegensatz zwischen Märchen und Mythos ist aber kein wirklicher, sondern verdeutlicht eher die strukturelle Nähe der beiden Ebenen im abstrakten Sinne: Phylogenetische Entwicklungen können sich in ontogenetischen Entwicklungen widerspiegeln - und umgekehrt.[7] So meint auch der Stuttgarter Germanist Heinz Schlaffer, dass Gattungsdifferenzen in Bezug auf die mythische Erbschaft zweitrangig sind, denn Ziel und Funktion der Gattungen sei die "Repräsentation von Sinn."[8]

Bei den Mythen liegt die Sinnhaftigkeit in den Erklärungsversuchen von universalen Weltdeutungen, bei den Märchen eher in einer auf das individuelle Verhalten gemünzten Hilfestellung. Schon aus diesen kurzen Skizzierungen ist zu erahnen, warum der Psychologe Bettelheim Märchen gegenüber Mythen für eine "positive Kindesentwicklung" favorisiert: Im Kindesalter ist die individuellere Schiene aufgrund der Egozentriertheit des Kleinkindes am ehesten zu begreifen und zu verarbeiten. Aber auch die unterschiedliche Beschaffenheit der Protagonisten von Märchen und Mythos lassen die Vorzüge des Märchens erkennen: "Die Mythen projizieren eine Idealpersönlichkeit, die auf der Grundlage der Forderungen des Über-Ich handelt, während Märchen eine Ich-Integration schildern, die Spielraum für die angemessene Befriedigung von Es-Wünschen läßt."[9] Mit einfachen Worten ausgedrückt: Der Mythos überfordert aufgrund seiner umfassenden Erklärungsansprüchen und wegen der Strukturiertheit der Protagonisten (als Über-Ich bestimmt) das Kind und seine Vorstellungen. Im Märchen hingegen wird der (meist letztlich positiv verlaufende) Individuationsprozess mit allen dem Kind vertrauten Facetten (Befriedigung der Es-Wünsche) dargestellt. Eine Identifizierungsmöglichkeit des Kindes mit den Märchenhelden ist also im Gegensatz zum Mythos gegeben. Mythen haben daher einen Hang zum Negativen und Pessimismus, Märchen gehen zumeist positiv aus und verbreiten dadurch den für das Kind erforderlichen Optimismus.

2.2 Volksmärchen und Kunstmärchen

Entgegen der Ankündigung in der Einführung des Verlags vor dem eigentlichen Buchbeginn von "Kinder brauchen Märchen" grenzt der Autor Bettelheim das Märchen nicht vom Kunstmärchen ab. Dennoch scheint es angebracht zu sein, auch hier einen kurzen Vergleich vorzunehmen.

Der augenfälligste Unterschied zwischen Märchen und Kunstmärchen ist der, dass beim Kunstmärchen ein bestimmter Autor sich für das literarisch produzierte Artefakt in schriftlich fixierter Form verantwortlich zeichnet. Zwar wird bezweifelt, dass dem Kunstmärchen im Gegensatz zum Märchen die Ursprünglichkeit und Echtheit fehlt, dennoch wird konzediert, dass das Kunstmärchen anzeigt: "hier liegt eine Ableitung vor, ein Derivat."[10] Schon alleine durch dieses Eingeständnis verliert das Kunstmärchen gegenüber dem Märchen an Qualität: der universale und archaische Anspruch des Märchens wird entschieden reduziert. Das Kunstmärchen besitzt den Ausführungen des Stuttgarter Germanisten Volker Klotz zufolge den Vorzug, den überkommenen Gebrauchswert der Volksmärchen in einer neuen Zeit hinfällig zu machen und damit auf der inhaltlichen Ebene aktueller und zutreffender zu sein.[11] Erstaunlich ist es dennoch, was er alles unter die überkommenen Gebrauchswerte subsumiert, als da "Initiationsriten, Brautwerbungen, Totenkulte, magische Bräuche des Totemismus, Animismus, Tabuismus, sinnbildliche Enträtselungen unerklärlicher Naturerscheinungen."[12] zu nennen sind. Gerade einige dieser Aspekte sind es aber, die für Bettelheim den eigentlichen Wert der Märchen für Kinder ausmachen.

Durch die Thematisierung der genannten Aspekte in Märchen, wie Initiationsriten, Totenkulte und Tabuismen werden dem heranwachsenden Kind Ängste genommen und Entwicklungsperspektiven und -hilfen aufgezeigt. Das, was Klotz ohne Gebrauchswert in einer modernen Welt sieht, besitzt für Bettelheim einen unschätzbaren Wert für die Kindesentwicklung: "Das Märchen verwendet universelle Symbole, die das Kind je nach dem Stand seiner intellektuellen und seelischen Entwicklung auswählen, sich aneignen oder verwerfen kann. In welcher Entwicklungsphase das Kind sich auch befindet - das Märchen macht implizit klar, wie es über diese Stufe hinausgelangen kann und welches der nächste Schritt auf dem Wege zur Persönlichkeitsintegration sein könnte."[13] Man könnte sagen, dass der sicherlich etwas verkommene Gebrauchswert von Märchen bezüglich der phylogenetischen Entwicklung in der ontogenetischen Entwicklung eines Kindes immer noch eine große Bedeutung besitzt.

3. Gegenstandsanalyse: (Früh-) Romantik – Soziologie, Geschichte und Eigenschaften

Die Epoche der Romantik kann wohl unumstritten als eine der schillerndsten und vielfältigsten der deutschen Literaturgeschichte bezeichnet werden. Gleichzeitig hat wohl kaum eine andere Epoche einen solch elitären Anstrich hinsichtlich ihrer Protagonisten besessen. Die Behandlung der Romantik in der Oberstufe ist durch den Lehrplan vorgeschrieben. "Der blonde Eckbert" ist dabei als ein möglicher - im Unterricht zu behandelnder - Text im Literaturverzeichnis genannt. Im folgenden wird die sogenannte Gegenstands- und Sachanalyse in mehreren Teilschritten vollzogen. Zunächst wird ein kurzer, allgemein-gehaltener Abriss über die Epoche der Romantik geliefert. Gleichzeitig wird die im Unterricht vorgenommene Interpretations- und Vorgehensweise gerechtfertigt und die Interdisziplinarität als ein spezifisches Charakteristikum der romantischen Epoche charakterisiert. Zweitens wird eine über das Unterrichtsgeschehen hinausgehende Analyse erstellt. Abschließend wird die Auswahl der im Unterricht behandelten Texte erläutert und gerechtfertigt, was die zusätzlich zum "Blonden Eckbert" gelesenen und analysierten Texte und Arbeitsblätter meint.

4. Frühromantik in der Literaturgeschichte

In der Literaturgeschichte wird die Epoche der Romantik in zwei Teile unterteilt. Dabei handelt es sich um die sogenannte Frühromantik sowie die Hoch- bzw. Spätromantik. Ludwig Tieck ist dabei einer der wenigen Schriftsteller, der beiden Zeitabschnitten der Epoche zugerechnet werden kann. Im Spätwerk Tiecks finden sich sogar eindeutige Merkmale, die der Epoche des Realismus zugeschlagen werden können.

Einen kompakten aber guten Überblick über die Etymologie des Wortes Romantik und die vielfache Verwendungsweise gibt Gerhard Schulz.[14] Im folgenden interessiert die Verwendungsweise des Begriffes Romantik als Epochenetikett der zugehörigen literarischen Bewegung in Deutschland. Allerdings wäre eine alleinige Fokussierung auf die literarische Romantik fatal, denn gerade die romantische Bewegung in ihrer universalistischen Gesamtausrichtung und ihrer unabdinglichen Tendenz zum Absoluten ist als ein die verschiedensten Wissenschafts- und Kunstrichtungen integrierender Ansatz zu verstehen. Besonders deutlich zeigt sich dies daran, dass in der Romantik der Kunst allgemein Lösungskompetenzen zugeschrieben wurden, die man anderen Disziplinen (wissenschaftlicher Provenienz, hier vornehmlich der Philosophie) nicht mehr zutraute. Somit gewann die Kunst einen unglaublich hohen funktionalen Stellenwert.

Bis zur Aufklärung galt immer noch Platons Diktum, dass die Kunst auf Grund ihres fehlenden Wahrheitsgehalts nicht mit wissenschaftlicher Erkenntnis gleichgesetzt werden kann. Zur Zeit der Romantik meinte man dagegen zu erkennen, dass die Philosophie als wissenschaftliche Disziplin die Suche nach der Wahrheit und damit dem Absoluten nicht zu leisten in der Lage ist. Dies soll nun durch das Surrogat der Kunst geleistet werden. Kunst wird somit kognitiver Charakter zugeschrieben. Allerdings wird die Kunst durch ihr Leistungsvermögen, uns das (aktuell) Unendliche darzustellen bzw. es allegorisch zur Anschauung zu bringen, zu mehr als zum bloßen Surrogat: Sie wird die Krönung der Philosophie schlechthin. Die Gründe für den so skizzierten Paradigmenwechsel werden in der Veranstaltung untersucht. Zur Zeit der Frühromantik wurde ein Einheitsgrund von Natur und Vernunft angenommen, weshalb sich eine Parallelität auf unterschiedlichen Ebenen zwischen der objektiven Weltschöpfung des Ichs (Einbildungskraft) und artifiziellem Kunstschaffen als Wahrheitsinszenierung durch die Produktivkraft der transzendentalen Subjektivität findet. Wahrheit wurde somit nicht mehr als möglichst genaue Reproduktion der Realität angesehen, sondern als eine Modellierung des Absoluten. Daraus resultierte eine im Kontrast zur Klassik a-mimetische und damit poietisch ausgerichtete Verfahrensweise der romantischen Kunst. Da Wahrheit als Absolutes nicht durch noch so angestrengte Reflexion im Kunstwerk ausgedrückt werden kann, ist es unmöglich dieses Absolute direkt darzustellen, weshalb die Allegorie, Ironie und Form des Fragments einen besonderen Stellenwert besitzen. Insofern wird nicht nur die Wortkunst unausdeutbar. Zusätzlich tragen sogenannte anthropologische Konzeptionen dieser Kunstauffassung Rechnung. Die Beschaffenheit des modernen Menschen ist diesen zufolge durch Verworrenheit, Inkonsequenz und Charakterlosigkeit gekennzeichnet, weil es im permanenten Werden kein Zentrum gibt, um welches sich konstante Eigenschaften kristallisieren können.

Die die literarische Romantik umfassende Zeitspanne wird mit 1798-1835[15] angegeben. Als Variante zu dieser Angabe finden sich Datierungen von +/- 5 Jahren.[16] Einigkeit herrscht hingegen hinsichtlich einer Unterteilung der Romantik in zwei unterschiedliche, zeitlich einander nachfolgende, Strömungen. Es handelt es sich dabei um die Frühromantik (um 1798 vornehmlich in Jena), zu deren prominentesten Vertretern Wackenroder, Tieck, Hardenberg (Novalis) und die Gebrüder Schlegel zu rechnen sind. Die auf 1805 bzw. 1808/09 datierte Hochromantik umfasste vor allem v. Arnim, Brentano und Eichendorff.[17]

Kein historisches Ereignis symbolisiert die große Teile Europas umfassenden gesellschaftlichen Veränderungen - nämlich den Übergang des Feudalismus zur Bürgertumsherrschaft - besser als die Französische Revolution. Allerdings war die Macht des Bürgertums in Deutschland vor allem wegen der Fragmentierung in über dreihundert souveräne Staaten beschnitten, da die (in England und Frankreich bereits seit längerem gegebene nationale Einheit) als relevante(r) Entwicklungsbedingung und -faktor wirtschaftlichen Potentials angesehen wird. Diese Konstellation zeitigte zwar für das Heilige Römische Reich Deutscher Nationen fatale gesellschaftliche Konsequenzen, die aber durch enorme Entwicklungspotentiale in Kunst und Wissenschaft kompensiert werden konnten: "Dem Bürgertum, das auch in Deutschland immer mehr Bedeutung gewann und dem Adel selbstbewußter entgegentrat, fehlte daher die wirtschaftliche Macht, politische Veränderungen zu erzwingen. Statt dessen baute der progressive Teil dieses Bürgertums auf die Macht der Moral, auf Philosophie und Literatur."[18] Bezüglich der Akzeptanz der gerade angerissenen sozialen (und nicht wissenschaftlichen bzw. künstlerischen) Gegebenheiten kann man ein Distinktionsmerkmal zwischen der "klassischen" und "romantischen" (Künstler-) Generation festmachen, denn während "Goethe und Schiller, die Klassiker, die Position der Aufklärung unter dem Druck der Verhältnisse am Ausgang des Jahrhunderts mit der feudalen Gesellschaftsordnung zu versöhnen suchten, kennzeichnet es die Romantiker, daß sie diese Versöhnung ablehnten."[19] Trotz der vordergründigen Niederlage des Bürgertums dürfen die von diesem in ihrer Entwicklungsphase initiierten gesellschaftsverändernden Tendenzen nicht unterschlagen werden, obwohl sie in der (literarischen) Epoche der Romantik noch nicht völlig zum Tragen kamen bzw. in ihren Auswirkungen noch nicht allzu stark zu spüren waren. Dabei handelt es sich um die Technisierung der Lebensverhältnisse der Menschen und den Übergang von merkantilistischer zu kapitalistischer Wirtschaftsweise.[20] Die literarische Richtung des Realismus schien eher diesen sozialgeschichtlichen Gegebenheiten zu entsprechen.[21] Man kann auch davon ausgehen, dass die Romantiker wie Eichendorff die eben genannten Komponenten ganz bewusst in ihrer Dichtung ausklammerten, die Dichtungen also im wahren Sinne des Wortes als fiktionalisierte Wunschvorstellungen bzw. Utopien als Erhaltung des status quo post zu verstehen sind.

[...]


[1] Bettelheim, B., Kinder brauchen Märchen, S. 11

[2] Ebd., S. 12 und 17

[3] Ebd., S. 19

[4] Metzler Literatur Lexikon, S. 316

[5] Ebd., S. 292

[6] Bettelheim, B., Kinder brauchen Märchen, S. 325

[7] Vgl. dazu ähnlich: Jacobi, J., Die Psychologie von C. G. Jung, S. 42

[8] Schlaffer, H., Poesie und Wissen, S. 111

[9] Bettelheim, B., Kinder brauchen Märchen, S. 51

[10] Klotz, V., Das europäische Kunstmärchen, S. 7 f.

[11] Ebd., S. 22

[12] Ebd., S. 22

[13] Bettelheim, B., Kinder brauchen Märchen, S. 150

[14] Vgl. Schulz, G., Romantik, S. 10-13

[15] Frenzel, H.A. und E., Daten deutscher Dichtung, Band 1, S. 249

[16] Vgl. z.B. Peter, K., Romantik, in: Bahr, E., (Hrsg.), Geschichte der deutschen Literatur, Band 2, S. 345

[17] Metzler Literatur Lexikon, S. 398

[18] Peter, K., Romantik, in: Bahr, E., (Hrsg.), Geschichte der deutschen Literatur, Band 2, S. 349 f.

[19] Ebd., S. 346 f.

[20] Schulz, G., Romantik, S. 22 ff.

[21] Metzler Literatur Lexikon, S. 398

Details

Seiten
43
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640171361
ISBN (Buch)
9783640173150
Dateigröße
576 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v115887
Note
Schlagworte
Kunstmärchen Romantik Sekundarstufe

Autor

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    Christian Schön (Autor)

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