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Nickel and Dimed - Prekäre Arbeitsverhältnisse im Niedriglohnsektor der heutigen USA

Magisterarbeit 2008 131 Seiten

Amerikanistik - Kultur und Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sozialreform 1996

3. Armut in den USA

4. Investigativer Journalismus

5. Nickel and Dimed
5.1 Titel
5.2 Hintergründe
5.3 Barbara Ehrenreich
5.4 Inhalt und Aufbau des Buchs
5.4.1 Arbeitsstellen
5.5 Thematiken.
5.5.1 Identität
5.5.2 Offenbarung ihrer Recherche
5.5.3 Problembereiche
5.6 Stil und Genre
5.7 Kritische Betrachtung
5.8 Fazit

6. Niedriglohnsektor
6.1 Zusammensetzung der Arbeitnehmerschaft
6.1.1 Frauen im Niedriglohnsektor
6.2 Mindestlohn
6.2.1 Argumente dafür und dagegen
6.2.2 Mindestlohn in den USA
6.3 Qualifikation
6.4 Dienstleistungssektor
6.5 Gesellschaftliche Auswirkungen

7. Verschiedene Perspektiven
7.1 Arbeitnehmer/-innen
7.2 Arbeitgeber/-innen
7.3 Legislative und Judikative
7.4 Wohlfahrtsinstitutionen

8. Gewerkschaften und deren Einfluss

9. Einflussnahme der Literatur

10. Schlussbetrachtung

11. Literaturverzeichnis

12. Anhang

1. Einleitung

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind die reichste Nation der Welt. Sie üben nicht nur weltweit einen starken politischen Einfluss aus, sondern vor allem auch einen wirtschaftlichen. Dieses Land, in dem etwa 300 Millionen[1][2] Menschen leben, wird als Weltmacht bezeichnet und möchte Freiheit und Chancengleichheit symbolisieren.

Der wirtschaftliche Erfolg wird dabei durch Milliardenbetriebe wie Microsoft geebnet. Neben den Topunternehmen an der Wallstreet wird jedoch oft vergessen, die Basis der amerikanischen Wirtschaft zu betrachten, die nicht nur zum allgemeinen wirtschaftlichen Erfolg beiträgt, sondern auf der vor allem auch die Gesellschaft als solches basiert. Hierbei handelt es sich um so genannte niedere Arbeiten, die vor allem im Dienstleistungssektor wie etwa in Restaurants oder Reinigungsfirmen zu finden sind, und die ebenfalls zum Wirtschaftsgeschehen einer Industrienation dazugehören, wobei wirtschaftliche Prosperität die in diesen Bereichen arbeitenden Menschen vergleichsweise wenig beeinflusst.

Diese Menschen arbeiten im unteren Wirtschaftssektor, in dem Bereich, in dem Mindestlöhne eine wichtige Rolle spielen, dem so genannten Niedriglohnsektor. Sie sind die „unsichtbaren“ Bürger/-innen U.S.-Amerikas, die von Touristen ebenso wenig wie von ihren wohlhabenderen Mitbürgern und -bürgerinnen wahrgenommen werden. Trotz allem machen sie einen immer größer werdenden Teil der U.S.-amerikanischen Bevölkerung aus. Von den 300 Millionen Einwohnern der USA lebten im Jahr 2006 36,5 Millionen unterhalb der Armutsgrenze, was eine Armutsrate von 12,3% bedeutet.[3]

Das U.S.-amerikanische Einkommensgefälle wird dabei immer steiler und ähnelt eher dem Brasiliens als dem anderer Industrienationen wie etwa Deutschland oder Japan.[4]

Dies lässt sich auf demographische Änderungen, den florierenden Börsenmarkt, regressive Steuerreformen, unegalitäre Arbeitsmarktdynamiken sowie den Rückgang von Sozialhilfeangeboten zurückführen.[5] Vor allem die Auswirkungen der Sozialreform von 1996 und die mit ihr einhergehenden Probleme des Niedriglohnsektors sollen in dieser Arbeit herausgestellt werden.

Bei Analyse der Armutszahlen wird als potentieller Erklärungsansatz oftmals auf die Arbeitslosenthematik zurückgegriffen. Dies kann bei näherer Betrachtung jedoch verworfen werden, da sich die Arbeitslosenzahlen aktuell auf 7,2 Millionen belaufen, womit die Arbeitslosenquote 4,7%[6] beträgt. Ein weitaus größeres Problem stellen die Arbeitnehmer/-innen im Niedriglohnsektor dar, die so genannten „working poor“, die trotz harter Arbeit an der Armutsgrenze leben und für die die eingangs zitierte Aussage Ralph Waldo Emersons keine Gültigkeit mehr hat.

Diese Gruppe der „working poor“ und ihre problematische Stellung in der U.S.- amerikanischen Gesellschaft möchte ich im Folgenden eingehender behandeln. Dabei werde ich zuerst auf die Sozialreform von 1996 in den USA zu sprechen kommen und im Laufe der Arbeit zudem auf den Niedriglohnsektor im Allgemeinen Bezug nehmen. Mein Fokus liegt auf den Arbeitsbedingungen der „working poor“ im Niedriglohnsektor auf der Basis von Barbara Ehrenreichs Buch Nickel and Dimed, in dem sie den Versuch detailliert darlegt, mit Jobs im Niedriglohnsektor die währenddessen entstehenden Kosten zu decken. Ferner werde ich mich, wie auch Ehrenreich, mit der Frage auseinandersetzen, ob die im Niedriglohnsektor gezahlten Löhne zur Existenzsicherung genügen. Hierbei werde ich mich nicht nur eingehend mit der von Barbara Ehrenreich behandelten Thematik sowie mit ihrer Arbeitsweise und somit dem investigativen Journalismus auseinandersetzen, sondern auch mit literarischen Aspekten von Nickel and Dimed. Davon ausgehend werde ich mich mit der Frage beschäftigen, inwieweit Werke des investigativen Journalismus und darauf aufbauend - ansatzweise - literarische Werke im Allgemeinen möglicherweise Einfluss auf das politische und wirtschaftliche Geschehen eines Landes ausüben können.

2. Sozialreform 1996

Der Grundgedanke zu Nickel and Dimed entsprang aus einem Gespräch zwischen Barbara Ehrenreich und Lewis Lapham, dem Herausgeber der Zeitschrift Harper’s. Beim Essen kamen sie auf die Problematik der allein erziehenden, von Sozialhilfe lebenden Mütter zu sprechen, die sich nach der neuesten Sozialreform wieder in den Arbeitsmarkt eingliedern mussten. Zum besseren Verständnis des Werks ist es daher wesentlich, einen näheren Blick auf die Sozialreform und die daraus resultierenden Sachverhalte zu werfen.

Die Basis der U.S.-amerikanischen liberalen Sozialpolitik liegt hauptsächlich bei Roosevelts New Deal Programm zur Bekämpfung der Auswirkungen der Great Depression.[7] Seitdem gab es jedoch immer wieder Änderungen an den Sozialprogrammen. Vor allem die Sozialreform 1996 unter dem damaligen Präsidenten Bill Clinton hatte weit reichende Folgen. Dieser verkündete bereits 1992 „to end welfare as we know it“[8] als eines seiner Ziele und vertrat die Sozialreform mit den Worten „welfare should be a second chance, not a way of life.“[9] Damit bezog er sich auf die weit verbreitete Ansicht, Sozialhilfe mache abhängig und führe zur Untergrabung typisch U.S.-amerikanischer Werte, wie etwa Selbstständigkeit. Der Republikaner John Mica untermauerte dies mit dem Slogan „Do not feed the alligators.“[10] Er berief sich dabei darauf, dass Touristen deutlich gemacht werden muss, dass das Füttern von Alligatoren zu einer gefährlichen Abhängigkeit dieser führen könnte, und Sozialhilfeempfänger/-innen dementsprechend nicht zu gut behandelt werden dürften, um eine ähnliche Rückwirkung zu vermeiden. Diese Einstellung wurde von einem Großteil der Bevölkerung geteilt. Während bei einer Umfrage nur 14% der Befragten die Kosten als ein Problem der Sozialhilferegelungen vor 1996 ansahen, waren 65% der Meinung, Sozialhilfeempfänger/-innen würden zu einem falschen Lebensstil animiert. 80% befürchteten, das System würde die Leute vom Arbeiten abhalten. 57% dachten, es würde Frauen animieren, mehr Kinder zu bekommen, und 70% äußerten generell die Befürchtung, Sozialhilfeempfänger/-innen würden das System ausnutzen und wären viel zu abhängig von diesem geworden.[11]

Dies beruht vor allem auf sich gewandelten gesellschaftlichen Strukturen. Während in der Anfangszeit der Sozialhilfe 1935 diese noch für Witwen sowie deren Kinder gedacht war, empfingen im Laufe der Zeit geschiedene sowie unverheiratete allein erziehende Frauen zunehmend diese Art der Unterstützung. Die hauptsächlichen Befürchtungen bezüglich Sozialhilfe lagen demnach in einem Zerfall traditioneller Familienwerte sowie einer nicht tragbaren Arbeitsmoral.

Der 1996 verabschiedete Personal Responsibility and Work Opportunity Reconciliation Act (PRWORA) ersetzte das vorherige Programm für gering verdienende Familien[12] mit der gleichzeitigen Umbenennung von „welfare“ in „Temporary Assistance to Needy Families“ und stellte damit den größten Eingriff in die U.S.-amerikanische Sozialpolitik seit den sechziger Jahren dar.

Betroffen von dem PRWORA waren hauptsächlich Familien mit geringem Einkommen. Die Ziele der Reform waren verschiedenster Natur. Sie reichten von der Förderung von Arbeit und wirtschaftlicher Unabhängigkeit ehemaliger Sozialhilfeempfänger/-innen über die Reduktion der Anzahl dieser Bedürftigen bis hin zur Förderung von Eheschließungen. Weiterhin sollte mit dem Gesetz ein flexiblerer Umgang der einzelnen Staaten mit Sozialhilfeprogrammen ermöglicht werden.

Der wesentliche Aspekt war die Neuregelung der Anspruchsdauer auf Sozialhilfe, wonach alle Sozialhilfeberechtigten diese für maximal fünf Jahre während ihrer gesamten Lebensdauer erhalten. Weiterhin ist es unter der so genannten „work-first“ Strategie das Hauptziel, Empfänger/-innen zurück in die Arbeitswelt zu schicken, was wiederum drastische Auswirkungen vor allem auf allein erziehende Frauen hatte, die 90%[13] der erwachsenen Sozialhilfeempfänger ausmachen. Auch wenn sowohl das vorherige Sozialhilfegesetz als auch das neue auf verschiedenste Gruppen ausgerichtet ist, so liegt der Fokus doch jeweils auf allein erziehenden Frauen.[14]

Weitere Regelungen der Sozialreform von 1996 beinhalten das Recht der einzelnen Staaten basierend auf bestimmten Grundregeln jeweils selbst Bedingungen für Sozialhilfeempfang aufzustellen. Das umfasst die Regelungen für Zeitbegrenzung und Arbeitsbedingungen. Darin inbegriffen ist die Pflicht allein erziehender Eltern spätestens nach zweijährigem Sozialhilfeempfang wieder in die Arbeitswelt zurückzukehren, und zwar unabhängig von dem Alter ihrer Kinder. Weiterhin können die Staaten unverheirateten minderjährigen Müttern Beihilfe untersagen.

Ein interessanter Aspekt, dessen Thematik im Laufe dieser Arbeit noch einmal aufgegriffen wird, beinhaltet das Recht der Staaten, Sozialhilfeangelegenheiten an private Wohlfahrtsorganisationen oder religiöse Institutionen weiterzureichen.[15]

Auf den ersten Blick scheint der PROWRA erfolgreich gewesen zu sein. Während sich die Zahl der Sozialhilfeempfänger/-innen 1996 noch auf etwa 12,2 Millionen belief, waren es im Jahr 2001 nur noch 5,3 Millionen, womit die Anzahl der Empfänger/-innen innerhalb von fünf Jahren halbiert wurde und somit an ihrem niedrigsten Punkt seit Beginn der Sozialhilfe angelangt ist.[16] Allerdings wird bei einer reinen Zahlenbetrachtung vergessen, was aus diesen ehemaligen Sozialhilfeempfängern und -empfängerinnen jenseits der Statistiken geworden ist. In einer von Hays[17] aufgeführten Betrachtung des Jahres 2002 waren 40% ehemaliger Sozialhilfeempfänger/-innen arbeitslos. Von den 60%, die einen Arbeitsplatz hatten, lag das Einkommen der Hälfte unterhalb einer sozialadäquaten Vergütung, wonach gerade einmal 30% ehemaliger Sozialhilfeempfänger/-innen es bis zum Jahr 2002 aus der Armut heraus geschafft hatten.

Der PROWRA erweist sich bereits auf den ersten Blick als widersprüchlich, indem er auf der einen Seite „personal responsibility“ fordert, auf der anderen Seite den Betroffenen die verschiedensten Regeln auferlegt und ihnen auf diese Art individuelle Entscheidungsmöglichkeiten vorenthält.

Das wesentliche Problem besteht darin, dass ehemalige Sozialhilfeempfänger/-innen genötigt werden, jeden erdenklichen Job anzunehmen, ungeachtet der Arbeits- bedingungen unter denen dieser dann erfüllt wird. Ein Verlust der Arbeitsstelle wird mit Sanktionen in Form von nicht mehr gezahlter Sozialhilfe über einen gewissen Zeitraum beantwortet. Diese ist besonders für allein erziehende Elternteile schwer zu tragen, da sie oftmals auf jeden Cent angewiesen sind und deshalb eher die schwierigsten Arbeitsbedingungen ertragen würden, als überhaupt kein Einkommen zu erzielen. Unabhängig von den negativen psychischen als auch physischen Auswirkungen auf die Arbeitnehmer/-innen eröffnet sich hier eine große Spannbreite an Verhaltensweisen für Arbeitgeber/-innen, die wissen, wie sehr ihre Angestellten auf den jeweiligen Arbeitsplatz angewiesen sind. Dies betrifft nicht nur die durch die Sozialreform auf den Arbeitsmarkt Gezwungenen, sondern ebenfalls die sonstigen Angestellten, die durch Erstere schnell ersetzt werden könnten.

Für den U.S.-amerikanischen Arbeitsmarkt ergab sich hierdurch nicht nur die Problematik sinkender Reallöhne, sondern auch ein Überangebot an Geringqualifizierten.

Seit der Verabschiedung des PROWRA wurden verschiedenste Untersuchungen über dessen Auswirkungen veröffentlicht. Eine der interessantesten in Bezug darauf ist sicherlich Sharon Hays Flat Broke with Children, in der sie die Förderung von Unabhängigkeit mit einer Verhaltensmodifikation nach Pavlov vergleicht.[18] Das bedeutet, es gibt Belohnungen für richtiges Verhalten und Bestrafungen, beispielsweise in Form von Sanktionen, für Fehlverhalten. Weiterhin stellt sie die Vermutung auf, dass sich die Sozialreform nicht nur auf die Eingliederung von Sozialhilfeempfängern und –empfängerinnen in die Arbeitswelt und somit den Umgang mit diesen Hilfebedürftigen bezieht, sondern auch die in der U.S.-amerikanischen Kultur vorherrschenden Werte widerspiegelt. Dies wird bereits in folgendem Gesetzesziel deutlich: „end the dependence of needy parents on government benefits by promoting job preparation, work, and marriage.”[19] Neben der hauptsächlichen “work-first” Strategie geht es bei dieser Sozialreform gleichfalls um die Förderung von Ehen und die Eingrenzung der Geburtenrate von unehelichen Kindern. Hierbei besitzt die Ansicht „a nation’s laws reflect a nation’s values“[20] durchaus Gültigkeit. Problematisch ist nur die Wertigkeit, nach der die oberste Priorität entweder darauf liegt, allein erziehende Frauen auf dem Arbeitsmarkt zu haben, oder aber ihnen traditionelle Familienwerte zu vermitteln, nach denen ihr Platz zu Hause wäre.

Die Sozialpolitik in den Vereinigten Staaten war schon immer eng mit kulturellen Werten verbunden, was sich zum Beispiel im 19. Jahrhundert durch die Einteilung in „deserving poor“ und „undeserving poor“ abgezeichnet hatte.[21] Mit der Sozialreform von 1996 werden jedoch alle Sozialempfänger/-innen als gleich angesehen, wonach keinerlei Ausnahmeregelungen für spezielle Fälle existieren und gegenwärtig Mütter und ihre Kinder dementsprechend fast gänzlich auf sich allein gestellt sind. Das kann wiederum auch als eine Art der Geschlechtergleichberechtigung gesehen werden.

Hays geht in ihren Ausführungen jedoch so weit, dass sie den PRWORA als eine Bestrafungsmethode für unverheiratete beziehungsweise allein erziehende Frauen betrachtet.[22] Nach den neuen Gesetzesregelungen ist es diesen Frauen kaum möglich, sich und ihre Kinder finanziell abzusichern. Dies sollte ihnen aufzeigen, dass sie in anderen Lebensverhältnissen besser situiert sein würden, womit nicht nur das Eingehen von Ehen gefördert, sondern gleichzeitig die Geburtenrate von unehelichen Kindern sowie Scheidungsraten gesenkt werden sollten. Das Gesetz greift weiter in die individuellen Lebensverhältnisse ein, indem es eine Art Geburtenkontrolle derart ausübt, dass während des Sozialhilfeempfangs der Mutter Geborene nicht sozialhilfeberechtigt sind.

Unabhängig von weiteren Neuregelungen der PRWORA liegt ein Hauptaugenmerk dieser Arbeit auf der Problematik der „work-first“ Strategie und der daraus folgenden Fragestellung, ob Arbeit allein wirklich ausreicht, der Armut zu entkommen.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass viel Wert darauf gelegt wird, Sozialhilfeempfänger/-innen zurück in die Arbeitswelt zu bewegen, allerdings das

„Danach“ vernachlässigt wird. Die Millionen Menschen, die hart arbeiten und trotzdem mit ihren Familien am Existenzminimum leben, scheinen in den Hintergrund zu geraten. Aus Sicht der Arbeitnehmer/-innen heißt es, dass Arbeit allein heutzutage nicht mehr bedeuten muss, der Armut zu entkommen. Aus Sicht der Wirtschaft heißt es, mit einem plötzlichen Überangebot an gering qualifizierten Arbeitskräften umgehen zu müssen.[23]

3. Armut in den USA

Arm zu sein bedeutet von Epoche zu Epoche und von Land zu Land etwas anderes. In Indien zum Beispiel leben die ärmsten Menschen mit ihren wenigen Habseligkeiten unter fragwürdigen hygienischen Konditionen auf der Straße, müssen dort ihre Kinder aufwachsen sehen und verbringen oft einen Großteil ihres Lebens, ebenso wie ihre Kinder, mit betteln.

In den USA, der heutigen so genannten Weltmacht und selbsternannten „affluent society“, ist dies ein unvorstellbares Bild. Trotz allem leben auch in diesem Land Millionen von Menschen unterhalb der Armutsgrenze.

Bei einem Bruttoeinkommensvergleich mehrerer Industrienationen befinden sich die Vereinigten Staaten zwar im Durchschnitt, werden jedoch die Nettoeinkommen betrachtet, zeigen sich die USA im Vergleich als das Land mit der höchsten Armuts- rate.[24] Überdies nehmen die USA heutzutage unter allen größeren Industrienationen den Platz des Landes mit dem größten Gefälle zwischen arm und reich ein.[25]

Um diesen Sachverhalt besser zu verstehen, ist es wichtig zu erkennen, was Armut genau bedeutet. Hierbei berufe ich mich auf die von Michael Harrington aufgestellte Definition in seinem einflussreichen Werk The Other America:

There are new definitions in America of what man can achieve, of what a human standard of life should be. Those who suffer levels of life well below those that are possible, even though they live better than medieval knights or Asian peasants, are poor… Poverty should be defined in terms of those who are denied the minimal levels of health, housing, food and education that our present stage of scientific knowledge specifies as necessary for life as it is now lived in the United States.[26]

Armut wird in diesem Zusammenhang am durchschnittlichen Lebensstandard der U.S.- amerikanischen Bevölkerung gemessen. Arm zu sein beruht dementsprechend auf einem Vergleich der Lebensumstände aller Bürger/-innen einer Nation.

In den USA wird Armut außerdem anhand einer festgelegten offiziellen Armutsgrenze gemessen. Diese wurde in den sechziger Jahren im Zuge des „war on poverty“ unter Präsident Lyndon B. Johnson von der Social Security Administration festgelegt. Sie stellt die Grenze dar, ab der sich eine Person die Grundbedürfnisse für ein gesundes Leben finanzieren kann. Menschen, die lediglich über ein Einkommen unterhalb dieser Armutsgrenze verfügen, gelten offiziell als arm. Gemessen wird die Armutsgrenze dabei an dem Teil des Einkommens, welcher in einem Haushalt für Lebensmittel verwendet wird, in der Annahme, dass dies den größten Ausgabenanteil beinhaltet. Arm ist jemand dementsprechend dann, wenn sein oder ihr Nettoeinkommen unterhalb des dreifachen Werts der festgelegten Grundernährung liegt.

Seit der Festlegung der Armutsgrenze ist diese jedoch immer wieder Kritik ausgesetzt, obwohl es bis heute trotz allem keine Änderung gab. Die Kritik[27] bezieht sich beispielsweise darauf, dass unterschiedliche Regionen nicht berücksichtigt werden. Ferner sei die Annahme über finanzielle Ausgaben für Lebensmittel unrealistisch. Dies liegt zum einen an der Nichtbeachtung inflationärer Preissteigerungen, zum anderen an der Ablösung von Lebensmitteln als hauptsächlichen Kostenpunkt vieler Familien durch Mietkosten. Wird demnach davon ausgegangen, dass die festgelegte Armutsgrenze kein hundertprozentiges Abbild der Armutszahlen in den USA wiedergibt, kann daraus geschlossen werden, dass die Zahl der Armen, die laut dem U.S. Census Bureau 2006[28] bei 36,5 Millionen lag, in der Realität noch weitaus höher ist.

Literatur zum Thema Armut in den USA greift vielfach die Thematik „culture of poverty“[29] auf, welche sich darauf bezieht, dass die Armen eine eigene Gruppe in der Gesellschaft bilden und eine eigene Kultur entwickelt haben. Katz beschreibt dieses folgenderweise: „They are different, truly strangers in our midst: Poor people think, feel and act in ways unlike middle-class Americans.”[30] Armut wird hierbei als eine Lebens- weise betrachtet, die in betroffenen Familien von Generation zu Generation weiter- gereicht wird.[31]

Bei dieser Betrachtung sollte nicht vergessen werden, dass diese Theorie von Menschen aus der Mittelklasse stammt. Sie macht es einfacher, Arme stereotypisierend einer Gruppe zuzuordnen, sie somit als unabhängig von der Mehrheit, das heißt den Wohlhabenderen, zu betrachten und sie daher sich selbst zu überlassen. Die soziale Konstruktion dieser Gruppe tritt in den Hintergrund und lässt den Zustand als einen natürlichen Unterschied erscheinen, auf dem sich daraus folgend Stereotypisierung sowie Ungleichheit basieren lassen.[32] Hierbei wird zudem oftmals vergessen, dass Armut heutzutage in Industrienationen nicht mehr auf natürlicher Knappheit beruht, sondern auf politischen sowie wirtschaftlichen Geschehen.

Eines der größten Probleme bezüglich der Thematik Armut in den USA ist die weit verbreitete Einstellung der U.S.-Amerikaner/-innen gegenüber in Armut lebenden Menschen. Durch den in den USA hoch angesehenen Individualismus und das Festhalten an dem Konzept des Amerikanischen Traums, nach dem jede/r mit harter Arbeit erfolgreich sein kann, wird den zur Unterschicht Gehörenden dies oft als selbst- verschuldet zugesprochen. In dem „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ gilt Armut somit als individuelles Scheitern. Der Grundgedanke liegt darin, dass Armut nicht existieren würde, würden sich die betroffenen Menschen nur richtig verhalten. Diese Individualisierung der Armut führt zu einer Schuldverschiebung und liefert die Basis für das Nichteingreifen beziehungsweise das geringe Eingreifen der Politik sowie der Gesellschaft. Auch Katz betont in The Undeserving Poor[33] diese der U.S.- amerikanischen Gesellschaft eigene Tendenz, Armut von einem politischen sowie wirtschaftlichen Produkt zu einem individuellen Verhaltens zu transformieren. Des Weiteren beurteilt eine kapitalistische Kultur Menschen anhand ihrer Fähigkeit, Reichtum zu produzieren.[34] Diejenigen, die dieser Aufgabe nicht erfolgreich nachkommen, werden folglich als weniger wert betrachtet. In der Realität kann diesen Menschen mit Sicherheit jedoch nur folgender Fehler zugesprochen werden: sie wurden bei den falschen Eltern, in der falschen Region oder der falschen ethnischen Gruppe angehörig geboren.[35] Armut ist demnach multidimensional, das heißt sie beruht nicht nur auf Einkommen. Individuelle Entscheidungen bezogen auf finanzielle Verhältnisse spielen selbstverständlich trotzdem eine Rolle, die Basis ist jedoch bereits bei der Herkunft zu finden. Kindern aus finanziell schwachen Familien steht oftmals nur eine geringere Bildung zur Verfügung, sodass bereits am Beginn ihrer Schulzeit spätere Aufstiegsmöglichkeiten eingeschränkt oder zumindest erschwert werden. Auch wenn offiziell von einer diskriminierungsfreien Arbeitswelt ausgegangen wird, so haben es doch Minderheiten häufig nach wie vor schwerer, erfolgreich zu sein. Darüber hinaus zeichnen sich bestimmte Regionen durch sozial schwächere Strukturen aus, was zusätzlich den Menschen aus diesen Regionen das Erlangen finanziellen Wohlstands erschwert.

Bei näherer Betrachtung dieser Thematik stellt sich die Frage, warum diese Menschen, trotz dem sie in einem der wohlhabendsten Länder der Welt leben und dennoch um ihre Existenz kämpfen müssen, nichts gegen ihre Situation unternehmen und öffentlich um Unterstützung bitten. Auch dies kann mit den der U.S.-amerikanischen Kultur zugrunde liegenden Werten erklärt werden, da die Bedeutung von Selbstverantwortung auch in der Unterschicht tief verankert ist. Vielen fällt es schwer, zuzugeben, arm zu sein, sowie um Hilfe zu bitten, da ihr Stolz ihnen dies verbietet. Weiterhin lässt das Festhalten an dem Horatio Alger Mythos[36] auf eine bessere Zukunft hoffen.

Das hauptsächliche Problem der Armen in den USA liegt nicht bei fehlenden Arbeits- plätzen, sondern bei den zu geringen Löhnen. Spätestens seit der Sozialreform von 1996 und dem schon länger andauernden ständigen Rückgang der Löhne gibt es eine neue Gruppe von Armen, die zudem den am schnellsten wachsenden Teil der U.S.- amerikanischen Arbeitskräfte darstellen: die „working poor“. „By the year 2000 the fastest-growing segment of the American population classified as living beneath the nation’s own meanly constructed poverty line were people and families who were fully employed.”[37] Das U.S. Bureau of Labor Statistics definiert diese Gruppe im Profile ofthe Working Poor[38] vom Jahr 2000 als alle Individuen, die mindestens 27 Wochen im Jahr auf dem Arbeitsmarkt verbringen, deren Einkommen jedoch dessen ungeachtet unterhalb der offiziellen Armutsgrenze liegt. Während dies im Jahr 2000 noch etwa 6,4 Millionen in den USA lebende Menschen betraf, belaufen sich die Zahlen im Jahr 2005 bereits auf etwa 7,7 Millionen. Dabei machen diese Menschen sogar einen Großteil des heutigen Wirtschaftsgeschehens aus. Kellner/-innen, Krankenschwestern, Verkäufer/ -innen - all diese Leute gehören zu den „working poor“. Sie arbeiten im Niedriglohn- sektor und verdienen damit höchstens etwas mehr als den Mindestlohn, was oft nicht einmal ausreicht, um einer Familie den normalen Lebensstandard zu sichern.

Auch wenn die Zahl der Arbeitsplätze vor allem während der florierenden Wirtschaft der neunziger Jahre stetig anstieg, handelte es sich vorwiegend um schlecht bezahlte Jobs im Dienstleistungssektor, wodurch sich die Zahl der „working poor“ dramatisch erhöhte.

Das Economic Policy Institute fand 2001 in einer Studie heraus, dass in den Vereinigten Staaten fast ein Drittel aller arbeitenden Familien mit kleinen Kindern nicht genug verdienen, um grundlegende Dinge wie Essen, Unterkunft, Krankenversicherung und Kinderbetreuung zu bezahlen.[39]

Das Absurde daran ist, dass diese Menschen zwar offiziell über ein höheres Einkommen verfügen, als solche, die weiterhin von Sozialleistungen leben, sie aber grundsätzlich schlechtere Lebensbedingungen haben, da sie durch ihre Arbeit mit zusätzlich erhöhten Ausgaben wie etwa Transportkosten konfrontiert werden.[40]

Die Verschlechterung der Situation Geringqualifizierter lässt sich unter anderem auf den Abbau von Gewerkschaften zurückführen, die eine Basis für gute Löhne im Niedrig- lohnsektor darstellten. Weiterhin stiegen mit wachsender Technologisierung und Änderungen in den Arbeitsprozessen die Erwartungen an Fähigkeiten und Qualifikationen potentieller Arbeitnehmer/-innen auf dem Arbeitsmarkt, die über Lohn- höhe und Erfolg entscheiden. Hierbei ergab sich zunehmend ein Marktungleichgewicht in Bezug auf Angebot und Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften, da sich der Bildungssektor nicht ausreichend schnell an die veränderten Bedingungen anpasste. Mit steigender Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften ging keine Erhöhung des Angebots einher. Im Gegenzug erlebte die Wirtschaft ein wachsendes Angebot gering qualifizierter Arbeitskräfte durch Immigration einerseits, sowie vor allem durch den PRWORA und dessen „work-first“ Strategie andererseits. Letzteres trug sehr zu den zunehmenden Zahlen der „working poor“ bei. Die sinkende Zahl der Sozialhilfe- empfänger/-innen korreliert mit den steigenden Zahlen der „working poor“, da dieses oftmals die Sozialhilfeempfänger/-innen von früher sind.

Überraschend ist, wie schlecht einkommensschwache Bürger/-innen der Vereinigten Staaten im Vergleich zu anderen Industrienationen abschneiden:

America’s bottom-end workers fare worse than their counterparts in other industrialized countries. […] And America’s low-wage workers also have lower standards of living. Other industrialized countries provide health care, child care, and education to their citizenry – Americans must pay for these services out of pocket.[41]

Deshalb gehört es heute auch weitestgehend zur Normalität, dass Arbeitnehmer/-innen im Niedriglohnsektor in den Vereinigten Staaten nicht nur einen, sondern teilweise sogar zwei oder drei Jobs ausführen. Bereits 1996 mussten ca. acht Millionen Einwohner/-innen der USA zwei Jobs bewältigen.[42] Das Paradoxe hieran ist, dass die wohlhabenderen U.S.-Amerikaner/-innen genau auf diese Menschen angewiesen sind. Ohne die vielen Arbeitnehmer/-innen, die an der Wirtschaftsbasis zu einem Lohn unterhalb ihrer Lebenshaltungskosten arbeiten und die durch ihre niedrigen Löhne niedrige Preise fördern und damit Konjunktur schaffen, wäre eine florierende Wirtschaft wie die der USA kaum denkbar.[43]

Widersprüchlich ist dabei, dass sich die Vereinigten Staaten einerseits als ein Land dar- stellen, das auf Chancengleichheit basiert und in dem der Terminus Klassengesellschaft verpönt ist, das sich jedoch andererseits durch ein drastisches Gefälle zwischen arm und reich auszeichnet. Der Amerikanische Traum und somit das Vertrauen darauf, durch harte Arbeit zu Wohlstand zu gelangen, ist folglich kaum realisierbar.

4. Investigativer Journalismus

Barbara Ehrenreich ließ ihr alltägliches Leben hinter sich, um das Leben der Menschen im Niedriglohnsektor eingehender zu betrachten. Dafür schuf sie sich eine teilweise neue Identität, nahm die unterschiedlichsten Jobs in diesem Bereich an und fungierte somit als Undercoverjournalistin. Auch wenn es zur Auswirkung der Sozialreform von 1996 sowie der Problematik der „working poor“ verschiedenste theoretische Studien gibt,[44] stellt Barbara Ehrenreichs Untersuchung den Niedriglohnsektor aus einem gänzlich anderen Blickwinkel dar, nämlich aus einem beschreibenden, die Tatsachen durch eigene Erfahrung wiedergebenden.

Bevor ich mich nun eingehender mit der Undercoverreportage Nickel and Dimed auseinandersetze, möchte ich zuerst diese spezielle Art des Journalismus genauer betrachten, da er die Grundlage für Ehrenreichs Arbeit darstellt. Ehrenreich nimmt damit laut dem politischen Wissenschaftler und Experten zum Thema Sozialhilfe, Frances Fox Piven „her place among such giants of investigative journalism as George Orwell and Jack London“[45] ein. Hierbei wird natürlich Bezug auf verdeckte Ermittlungen generell genommen, jedoch vor allem auf den investigativen Journalismus im Speziellen, wobei der Frage nachgegangen wird, ob eine andere Art der Recherche Barbara Ehrenreich einen ähnlichen Erfolg eingebracht hätte.

Da es im Deutschen keinen äquivalenten Begriff gibt und der deutsche Terminus „Enthüllungsjournalismus“ nicht vollständig mit dem hier bedeutsamen an das U.S.- Amerikanische anknüpfenden Begriff des „investigativen Journalismus“ übereinstimmt, wird Letzterer in dieser Arbeit verwendet, dem folgende Definition zu Grunde liegt:

Eine Form des U.S.-Journalismus, bei der durch intensive Recherche bisher unbekannte Sachverhalte von politischer Relevanz öffentlich gemacht werden, die einzelne, Gruppen oder Organisationen verbergen möchten. Ziel des IR [investigativem Reporting[46]] ist es, Missstände aus den Bereichen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft aufzudecken.[47]

Zum besseren Verständnis sollte noch betont werden, dass es sich bei der hier betrachteten Journalismusvariante keinesfalls um eine Form des Sensationsjournalismus handelt, sondern grundsätzlich nur um eine gesellschaftlich sowie politisch engagierte. Die generelle Bedeutung eines Reports stellte Pete Hamill anhand eines altertümlichen Vergleichs folgenderweise dar:

The reporter is the member of the tribe who is sent to the back of the cave to find out what’s there. The report must be accurate. If there’s a rabbit hiding in the darkness it cannot be transformed into a dragon. Bad reporting, after all, could deprive people of shelter and warmth and survival on an arctic night. But if there is, in fact, a dragon lurking in the dark it can’t be described as a rabbit. The survival of the tribe could depend upon that person with the torch.[48]

Auch wenn heutzutage nicht notwendigerweise Leben von journalistischen Recherchen abhängen, kann doch sehr wohl der Erhalt der Demokratie darauf begründet sein. Dies spielt vor allem in den Vereinigten Staaten von Amerika eine bedeutende Rolle, da die vergleichsweise geringen Regelungen seitens der Regierung einzelnen Personen einen recht großen Freiraum für ihr Handeln lassen und somit gleichfalls ein verhältnismäßig großer Freiraum für Korruption besteht. Auf diese Thematik und dem daraus resultierendem Misstrauen lässt sich eine lange Tradition des investigativen Journalismus in den USA zurückführen, den Barbara Ehrenreich selbst als „the old- fashioned kind of journalism“[49] bezeichnet. Das vordergründige Ziel besteht darin, den Unterschied zwischen dem, was das Land verspricht, und dem, was es tatsächlich hervorbringt, aufzudecken.[50] Fokussiert werden Korruption und Ungerechtigkeit, womit dem investigativen Journalismus eine Überwachungsfunktion, die so genannte Watchdog-Funktion zugesprochen wird.[51] Während es dem „normalen“ Journalismus eher darum geht, tägliche Geschehnisse wiederzugeben und auf diese objektiv zu reagieren, setzt der investigative Journalismus es sich zur Aufgabe, verdeckte, un- moralische Fehltritte von sozialem Belang zu enthüllen. Dabei sollte Letzterer mit seiner Kritik und dem damit verbundenen Appell an das Gewissen seiner Leser/-innen zu Reformen anregen und zumindest zu einigen Verbesserungen führen. Investigative Journalisten und Journalistinnen wollen auf politische sowie gesellschaftliche Miss- stände aufmerksam machen und nicht die bestehende Ordnung vollständig umwerfen, womit betont werden soll, dass Reformen und nicht Revolutionen das Ziel sind.

Die gewünschte Zielsetzung soll anhand des „Mobilization Models“ erreicht werden, wonach die Presse der Öffentlichkeit Informationen zukommen lässt, welche die öffentliche Meinung beeinflussen und woraufhin sich die Öffentlichkeit entscheiden kann, was sie möchte. Diese Entscheidung trägt die Presse dann wiederum zurück zu den Verantwortlichen in der Politik.[52]

In The Journalism of Outrage werden der Einfluss des investigativen Journalismus und sein zu veranlassender bedeutungsvoller Kreislauf folgenderweise zusammengefasst:

The folklore that surrounds investigative reporting closely resembles the American ideal of popular democracy. Vigilant journalist bring wrongdoing to public attention. An informed citizenry responds by demanding reforms from their elected representatives. Policy makers respond in turn by taking corrective action.[53]

All dies beruht auf den folgenden drei Annahmen: der investigative Journalismus kann die öffentliche Meinung mobilisieren, die Öffentlichkeit ist nach wie vor die Stütze der U.S.-amerikanischen Demokratie und eine aufgebrachte Öffentlichkeit kann politische Aktionen betreffend der durch investigativen Journalismus angeprangerten Missstände hervorrufen.[54] Wie eine einzige Reportage öffentliche Diskurse über Jahre verändern kann, zeigte als brisantes Beispiel Hershs My Lai Bericht im Jahr 1969 über das Massaker an hunderten Vietnamesen durch einen U.S.-Leutnant.[55]

Geebnet wird das große Ausmaß an investigativen Reportagen in den USA durch das Nichtvorhandensein regulierender Pressegesetze. Dieses ist bereits in der Kolonialzeit bei der Rebellion gegen britische Auflagen und Einschränkungen der Pressefreiheit zu finden. Seit der Unabhängigkeit beziehen sich Journalisten und Journalistinnen in den USA allein auf das erste Amendement der Verfassung:

Congress shall make no law respecting an establishment of religion, or prohibiting the free exercise thereof; or abridging the freedom of speech, or of the press, or the right of the people peaceably to assemble, and to petition the Government for a redress of grievances.[56]

Pressefreiheit beinhaltet das Recht aller Bürger/-innen einer Nation, ihre Meinung in schriftlicher Form sowie jeder anderen Form wiederzugeben, was als Bedingung für eine funktionierende Demokratie angesehen werden kann. Dies wird besonders in den USA betont, wo das Recht der Öffentlichkeit auf Information als besonders wesentlich betrachtet wird. Medien werden hierbei oftmals auch als vierte Staatsgewalt neben der Exekutive, Legislative und Judikative gesehen. Investigative Journalisten und Journalistinnen sind hier in etwa vergleichbar mit Anklägern. Sie bringen Themen von sozialem Belang, die für die gesamte Bevölkerung von Interesse sind, an die Öffentlichkeit und prangern diese an.

Genau das ist es, was auch Barbara Ehrenreich getan hat, indem sie auf die Zustände im Niedriglohnsektor aufmerksam machte. Im Vergleich zu der in der Literatur zum investigativen Reporting immer wieder im Vordergrund stehenden Aufgabe des Enthüllens von etwas Geheimen, setzt sich Ehrenreich mit einem Thema auseinander, das öffentlich zugänglich ist und von niemandem bewusst versteckt wird. Bob Greene Rechnung tragend, der die Aufdeckung eines Geheimnisses als Grundgedanken des investigativen Reportings sieht,[57] würde Nickel and Dimed dementsprechend nicht in diese Kategorie gehören. Ehrenreich folgt bezügliches dieses Aspektes demnach nicht der Tradition, die vor allem von ihren Kollegen beim Watergate-Skandal manifestiert wurde, setzt sich jedoch trotz allem mit einem Aspekt der U.S.-amerikanischen Gesellschaft auseinander, der bei den Wohlhabenderen oftmals in Vergessenheit gerät und kaum ein Thema öffentlicher Diskussion ist. Demzufolge kann Ehrenreich durchaus als investigative Journalistin gesehen werden, da investigativer Journalismus auch allein darauf ausgerichtet sein kann, gesellschaftliche Zustände oder Strukturen institutionellen Verhaltens aufzudecken, die öffentlich zugänglich sind, doch größtenteils ignoriert werden.[58]

Diese Meinung vertritt auch Redelfs, indem er unter anderem betont, dass „strukturelle Ungerechtigkeiten der U.S.-Gesellschaft wie Obdachlosigkeit oder Armut als traditionelle Themen des [investigativen Reportings gelten], ohne dass jedoch immer eine Person oder Institution zu benennen wäre, die die Recherche aktiv behindert.“[59]

Die Bandbreite des investigativen Journalismus ist demzufolge weit gefasst und hängt von der jeweiligen Betrachtungsweise ab. Gemeinsam ist allen jedoch die Entschlossenheit, die Wahrheit bewiesen auf den Tisch zu bringen, methodisch Fakten zu sammeln sowie der Glaube an die zu Veränderungen führenden Leser/-innen.[60]

Um Unglaubwürdigkeit vorzubeugen, müssen vor allem investigative Journalisten und Journalistinnen eine gute Beweisführung haben und sich auf Fakten berufen können, wobei Dokumente, Statistiken und Fotos aber auch das Selbsterleben eine Rolle spielen. Barbara Ehrenreich nimmt zwar in Nickel and Dimed immer wieder Bezug auf statistische Belange, wesentlich sind jedoch ihre Undercoverrecherche und ihre damit hervorgebrachten persönlichen Erlebnisse.

Ein schwieriger Aspekt, der gerade bei Undercoverrecherchen in den Vordergrund tritt, ist die Frage, inwieweit und vor allem wer über die Arbeit Bescheid wissen darf. Im Falle von Barbara Ehrenreich kennt niemand in ihrer neu gewählten Umgebung ihre wahre Identität, abgesehen von einigen Kolleginnen, denen sie sich am Ende ihrer jeweiligen Versuche offenbart, um deren Reaktion einzufangen.[61] Da Letzteres eine nicht immerzu übliche Vorgehensweise ist, wird im Kapitel 5.5.2 auf diesen Aspekt noch einmal näher eingegangen.

Der Vorteil der undercover gewonnenen Erkenntnisse im Vergleich zu geheim gesammelten liegt darin, dass sie einer öffentlichen sowie demokratischen Kontrolle erheblich zugänglicher sind[62] und sich dementsprechend durch ihre erhöhte Glaub- würdigkeit auszeichnen. Begründet werden kann diese Wahl der Recherchemethode ebenso wie die im wissenschaftlichen Bereich angewandte Methode der teilnehmenden Beobachtung, die dann verwendet wird, wenn davon auszugehen ist, dass durch Interviews erhaltene Informationen nicht ausreichen würden beziehungsweise nicht wirklichkeitsgetreu wären und dass die zu Beobachtenden ihr Verhalten ändern würden, wüssten sie von der Anwesenheit eines Beobachters beziehungsweise einer Beo- bachterin. Auf dieser Grundlage steht das verdeckte Ermitteln als einzige Möglichkeit zur Verfügung, die notwendigen Informationen zu erlangen. Weiterhin sind Kontrollen nur dann wirklich wirksam, wenn sie nicht manipulierbar, das heißt unvorhergesehen oder verdeckt erfolgen.[63]

Diesen Grundlagen war sich Barbara Ehrenreich bei der Wahl ihrer Recherchemethode sicherlich bewusst. Unabhängig von der durch diese Methode realistischeren, unverfälschten Darstellung des Sachverhalts, ist sie zusätzlich aufmerksamkeitsstärker, da die Autorin somit bewiesen hat, dass sogar eine Person mit guten Grundvoraussetzungen in der Arbeitswelt des Niedriglohnsektors kaum überleben kann. Somit lässt sie ihre Leser/-innen der Mittelklasse die Situation realistisch sowie eindrucksvoll miterleben. Diese Eindrucksstärke hätte sie durch eine anderweitige Recherchemethode sicherlich nicht vermittelt.

5. Nickel and Dimed

Für ihr ethnographisches[64] Werk hat Barbara Ehrenreich zwischen 1998 und 2000 insgesamt drei Monate im Niedriglohnsektor verschiedener Städte verbracht und dort die verschiedensten Jobs angenommen, mit dem Ziel, ihre Ausgaben während dieser Zeit allein mit ihrem Verdienst zu kompensieren. Ihr Fokus liegt auf den dort herrschenden Arbeitsbedingungen, womit sie einen oftmals übersehenen Bereich der U.S.-amerikanischen Gesellschaft anspricht.

Während ihrer Recherche ging es für die Journalistin im Wesentlichen darum, zum einen einen Job zu bekommen, was am Ende des letzten Jahrhunderts mit der damaligen wirtschaftlichen Konjunktur keine große Schwierigkeit darstellte. Zum anderen lag die Aufgabe darin, diesen Job zu behalten, so gut wie möglich zu erledigen und nebenbei eine preiswerte, akzeptable Unterkunft zu bekommen. Diese Aspekte erwiesen sich bereits als etwas komplizierter, wenn nicht sogar unmöglich, und das, obwohl Ehrenreich die Orte ihrer Jobsuche mit Bedacht auf ihre Durchführbarkeit aussuchte.

Für einen investigativen Report, wie den hier betrachteten, beschreibt Protess[65] vier verschiedene Stadien, auf die im Laufe dieser Arbeit bezüglich Nickel and Dimed immer wieder zurückgegriffen wird. Bei der anfänglichen Entstehung der Geschichte erfährt der Journalist beziehungsweise die Journalistin von einem interessanten Thema, das er/sie eingehender beleuchten möchte. Die Basis ist bei Barbara Ehrenreich, wie in Kapitel 2 erwähnt, bei der Sozialreform von 1996 zu finden. Der nächste Schritt beinhaltet die Investigation, die bei Ehrenreich aus ihrem Undercovereinsatz im Niedriglohnsektor besteht, woraufhin sie im dritten Schritt ihre Ergebnisse in einer in den Medien zu verwendenden Form aufbereitete. Abschließend geht es im letzten Schritt um die Auswirkung des Reports; ein Aspekt, der am Ende dieser Arbeit wieder aufgegriffen wird.

Im Folgenden werden nun der zweite und dritte Schritt näher betrachtet, das heißt Barbara Ehrenreichs Undercoverreportage und ihre dabei gesammelten Erfahrungen, die sie in Nickel and Dimed wiedergibt.

5.1 Titel

Bei der näheren Betrachtung des Titels, der bei der hier verwendeten Auflage vollständig Nickel and Dimed – Undercover in Low-wage USA heißt, geht es im Folgenden um den Teil „Nickel and Dimed“.[66]

Bei diesem Begriff handelt es sich zum einen um ein Adjektiv, welches als Slangwort die Bedeutung „gering bezahlt“ hat oder aber auch informell für „von geringer Bedeutung“ stehen kann. Beides liegt darauf begründet, dass es sich sowohl bei „nickel“ als auch bei „dime“ um U.S.-amerikanische Geldeinheiten handelt. Ein „nickel“ ist eine fünf Cent Münze und ein „dime“ eine zehn Cent Münze, beides demnach sehr kleine Beträge.

Wird „nickel and dimed“ als transitives Verb gesehen, bedeutet es wiederum informell

„durch geringe Kosten arm machen“, das heißt jemanden durch das Anhäufen vieler geringer Ausgaben in finanzielle Nöte zu bringen. Weiterhin bedeutet es aber auch „jemanden durch Kleinigkeiten zu schikanieren“.

Als Titel für Ehrenreichs Undercoverreportage lässt sich „nickel and dimed“ am ein- fachsten mit „gering bezahlt“ erklären. Die übrigen Definitionen sind jedoch ebenfalls nicht unpassend. Der Arbeitnehmerschaft im Niedriglohnsektor wird oftmals keine große Bedeutung zugesprochen, weiterhin werden sie häufig von ihren Vorgesetzten schikaniert. Auch entstehen ihnen viele verschiedene Kosten, die sich, auch wenn es sich vorerst um geringe Beträge handelt, anhäufen. Die Ausgaben können unerwartet hoch werden, so wie die Autorin selbst sagt: „At this level of finances, nothing wrong is ever quite small enough.“[67] Dies bedeutet ferner, dass bereits geringe finanzielle Veränderungen, wie zum Beispiel eine minimale Mietsteigerung, drastische Auswirkungen auf diesen Personenkreis haben können.

5.2 Hintergründe

Auch wenn Barbara Ehrenreich bereits mit der negativen Antwort auf ihre Frage, ob sie allein auf der Basis eines Niedriglohnjobs ihre Lebenshaltungskosten würde finanzieren können, ihre Recherche beginnt, versucht sie es nichtsdestotrotz und bedient sich dabei der Methode eines wissenschaftlichen Experiments.[68] Darin untersucht sie nicht nur, inwieweit sie sich selbst mit Mindestlöhnen im Niedriglohnsektor finanziell durchbringen kann, sondern betrachtet auch die Arbeits- und Lebensbedingungen der „working poor“ sowie deren Umgang mit eben diesen. Dabei stellt sie die Leitsprüche der Sozialreform von 1996 wie „any job is a good job“[69] oder „work is always better than welfare“[70] in Frage.

Bevor sie jedoch ihre Recherche im Niedriglohnsektor beginnt, setzt sie für sich selbst einige Grundregeln[71] fest, an die sie sich während des gesamten Zeitraums halten will. Demnach muss sie den bestbezahlten Job annehmen, den sie bekommen kann, und ihr Bestes geben, diesen zu behalten. Weiterhin muss sie die preiswerteste Unterkunft nehmen, die sie finden kann. Ihr „altes Leben“ muss sie vollständig hinter sich lassen und darf sich vor allem nie auf irgendetwas berufen beziehungsweise irgendetwas anwenden, was sie in ihrem bisherigen Leben gelernt hat. Auch wenn sie jeweils über ein Startkapital verfügt, will sie im Laufe ihres Experiments jedoch nur von ihren Einkünften leben, in der Hoffnung, dass diese theoretisch außerdem für die nächste Monatsmiete reichen.

Während sie ihren Namen auch während ihres Experiments beibehielt, änderte sie in Nickel and Dimed zum Schutz der Personen die Namen aller auftauchenden Charaktere sowie teilweise die Namen der Unternehmen, bei denen sie arbeitete, und die Namen der Motels, in denen sie übernachtete.

Unabhängig von den Hintergründen zu Barbara Ehrenreichs Recherche über die andere Seite des Kapitalismus ist es zum besseren Verständnis ihres Erfahrungsberichts notwendig, die damals geltenden wirtschaftlichen Hintergründe zumindest kurz aufzugreifen.

Durch die Sozialreform von 1996, die bereits in Kapitel 2 eingehend dargestellt wurde, sah sich der U.S.-amerikanische Arbeitsmarkt unzähligen gering qualifizierten, neuen Arbeitskräften gegenüber. Die Arbeitslosenzahlen blieben jedoch weiterhin niedrig, da es durch den wirtschaftlichen Aufschwung keinen Mangel an Arbeitsplätzen gab. Dies galt nicht nur für Jobs im Niedriglohnsektor, sondern auch in anderen wirtschaftlichen Bereichen. Vor allem die Internetbranche zeichnete sich durch große Prosperität aus. Während des Wirtschaftsbooms der neunziger Jahre wuchsen insbesondere große Unter- nehmen rasant, deren dominierende Rolle den Wettbewerb für mittelständische sowie kleine Unternehmen zunehmend schwieriger machte. Seit Beginn dieses Jahrhunderts stagnierte die U.S.-amerikanische Wirtschaft jedoch zunehmend und befindet sich mittlerweile in der Rezession.

5.3 Barbara Ehrenreich

Undercover in den Niedriglohnsektor zu gehen, um die dort gesammelten Erfahrungen schriftlich niederzulegen, ist etwas, dass sicherlich mehrere Menschen durchführen könnten. Nun stellt sich jedoch die Frage, ob auch jemand anderes diese Erfahrungen so erfolgreich und aufrüttelnd hätte vermarkten können, wie Barbara Ehrenreich – zum damaligen Zeitpunkt bereits in den Fünfzigern - dies getan hat.

Ehrenreich hat hierbei nicht nur eine ihr eigene Art, Sachverhalte zu betrachten und mit diesen umzugehen, sondern vor allem einen sehr eigenen Schreibstil, der wohl maßgeblich für den Erfolg ihres Buches verantwortlich ist und auf den im Kapitel 5.6 noch einmal ausführlich eingegangen wird.

Was sie jedoch laut ihrer eigenen Aussage von anderen unterscheidet, ist, dass sie die Jobs tatsächlich ausgeführt hat, worauf sie aufgrund der harten, körperlich anstrengenden Arbeit besonders stolz ist.[72]

Das Wesentliche bei Barbara Ehrenreich, das auch weit reichend zu ihrem Erfolg beigetragen hat, ist, dass sie neben einem starken Durchhaltevermögen und somit einer gewissen Beharrlichkeit keinerlei Berührungsängste zu haben scheint, und in jedem ihrer gewählten Jobs offen auf ihre Kollegen und Kolleginnen und Vorgesetzen zugegangen ist. In ihrer Undercoverreportage tritt sie als selbstsichere Frau auf, die jedoch auch zu Reizbarkeit neigt sowie zu unüberlegten, spontanen Äußerungen.[73]

Letzteres zeigt die Journalistin vor allem dann, wenn in ihrer Umgebung ihres Erachtens nach Unverständliches passiert. Hierin werden Ehrenreichs politische sowie gesellschaftliche Betrachtungsweisen deutlich. Die Erzählung in der Ich-Form bewirkt eine gewisse Plausibilität und unterstreicht zudem den Wahrheitsgehalt der Reportage, betont jedoch ebenfalls die Subjektivität. Ehrenreich ist sich dabei ihrer nichtvorhandenen journalistischen Objektivität sehr wohl bewusst,[74] was zum einen auf ihrer persönlichen Verwicklung in ihre Recherche beruht, zum anderen jedoch auch auf ihrer als Sozialkritikerin eindeutigen politischen Einstellung.

Da es sich bei Nickel and Dimed um einen Erlebnisbericht handelt, in dem Barbara Ehrenreich die zentrale Akteurin ist, soll im Folgenden ein kurzer Blick auf ihren Lebenslauf geworfen werden.[75] Die 1941 geborene Soziologin und Journalistin hat einen Ph. D.[76] in Biologie. Ihr politischer Aktivismus steht für sie jedoch im Vordergrund, weshalb sie sich vorwiegend auf ihre Karriere als freie Journalistin konzentriert. Bevor sie zu ihrer Undercoverrecherche zu Nickel and Dimed aufbrach, konzentrierte sie sich vorwiegend auf Essays sowie Kolumnen. Die Durchführung einer Reportage war demnach etwas gänzlich Neues für sie. Neben dem Verfassen politischer Essays trat sie auch bereits früher als Sozialkritikerin auf. Sie schrieb viel über Klassentrennung, patriarchale Traditionen sowie Wirtschaft. Die Bandbreite der von ihr behandelten Themen ist weit reichend und beinhaltet beispielsweise neben feministischen Themenbereichen[77] außerdem die Geschichte des Krieges[78] oder auch die Angst der Männer vor emotionaler Bindung.[79]

Für die in Nickel and Dimed aufgegriffene Thematik ist es weiterhin interessant zu wissen, dass die Autorin selbst einer Arbeiterfamilie entstammt. Ihr Vater schaffte es jedoch, sich von einem Minenarbeiter hochzuarbeiten und seiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen.

Neben Autorin und Erzählerin ist Ehrenreich weiterhin die Protagonistin in Nickel and Dimed, wobei sie der einzige runde Charakter ist und auch der einzige, der in allen Kapiteln auftaucht. In der auf ihrem Bildungshintergrund basierenden Betrachtungsweise ihre Recherche als wissenschaftliches Experiment fungiert Ehrenreich als Versuchssubjekt. Auf diese Weise ist eine objektive Distanz theoretisch leichter einzuhalten, die sie während ihres Versuchs jedoch immer wieder verliert und in dessen Verlauf sie selbst anfängt sich zu verändern.[80] Bei dem vorzeitigen Abbruch ihrer Recherche in Florida muss sie sich eingestehen, dass ihr wissenschaftlicher Anspruch in den Hintergrund geraten ist, und ihr Versuch zu einem Test ihrer selbst geworden war.[81] Nichtsdestotrotz verinnerlicht sie die Tugenden des traditionsreichen U.S.-amerikanischen investigativen Journalismus wie Neugierde sowie Akribie in der Recherche. Darüber hinaus zeichnet sich Nickel and Dimed durch die dazugehörige Anschaulichkeit, Direktheit sowie Lesbarkeit aus.

Ehrenreich hat als Sozialkritikerin und Schriftstellerin klare Wertvorstellungen, die sie im Laufe des Buches immer wieder verdeutlicht. Sie prangert die Ungerechtigkeit der Gesellschaft vorwiegend gegenüber der Unterschicht sowie gegenüber Frauen an und macht vor allem ihre ideologisch basierte Empörung über die U.S.-amerikanische Klassengesellschaft deutlich.

5.4 Inhalt und Aufbau des Buchs

Nickel and Dimed besteht aus fünf Teilen, von denen drei Barbara Ehrenreichs Erfahrungen während ihrer Recherche wiedergeben; die anderen beiden Teile spielen jeweils in Ehrenreichs „richtigem Leben“.

Die Struktur des Berichts ist sehr geradlinig, da jeder ihrer Versuche genau ein Kapitel einnimmt. Somit stellt ihr jeweils einmonatiger Aufenthalt im Niedriglohnsektor verschiedener Städte je eine eigene Geschichte dar. Dies betont die Abgrenzung der einzelnen Bereiche, die jeweils grundlegend verschieden sind und unterschiedliche Welten abzubilden scheinen. Damit einhergehend wird der Unterschied zu Barbara Ehrenreichs „realem Leben“ hervorgehoben.

Die Autorin selbst vergleicht ihre Undercoverrecherche immer wieder mit einem Experiment, was sich im Aufbau ihres Buches widerspiegelt. Zu Beginn stellt sie eine Vermutung auf beziehungsweise entwirft eine Fragestellung und legt fest, wie und wodurch sie diese beantworten möchte. Daraufhin führt sie das Experiment aus, um es am Ende zu bewerten.

[...]


[1] Ralph Waldo Emerson, “Self-Reliance.” in The Norton Anthology of American Literature. Ed. Nina Baym. shorter 6th ed. (New York: Norton, 2003) 542.

[2] Die in dieser Arbeit angegebenen Zahlen stammen vorwiegend aus offiziellen Statistiken des Bureau of Labor Statistics der USA sowie dem U.S. Census Bureau und sind größtenteils im Anhang wiederzufinden.

[3] Im Jahr 2000 lag die Armutsrate noch bei 11,3%. s. U.S. Census Bureau (2006): Poverty: 2006 Highlights. (Internet.)

[4] vgl. Nelson Lichtenstein, State of the union: a century of American labor. (Princeton: Princeton University Press, 2002) 14.

[5] vgl. Jonas Pontusson, Inequality and prosperity: social Europe vs. liberal America. (Ithaca: Cornell University Press, 2005) 39.

[6] s. U.S. Bureau of Labor Statistics. “Employment Situation Summary.” (Internet.)

[7] für nähere Informationen vgl. Blanche D. Coll, Safety Net: Welfare and Social Security, 1929-1979.(New Brunswick: Rutgers University Press, 1995.)

[8] Philip Nicholson, Labor’s story in the United States. (Philadelphia: Temple University Press, 2004) 317f.

[9] Brendon O’Connor, A political history of the American welfare system: when ideas have consequences. (Lanham: Rowman & Littlefield Publishers, Inc., 2004) 57.

[10] Christopher Howard, The welfare state nobody knows: debunking myths about U.S. social policy. (Princeton: Princeton University Press, 2007) 57f.

[11] vgl. Sharon Hays, Flat broke with children: women in the age of welfare reform. (New York: Oxford University Press, 2003) 11.

[12] für nähere Informationen zu diesem Programm (Aid to Families with Dependent Children) s. Coll.

[13] vgl. Howard, 39.

[14] vgl. Robert A. Moffitt und Michele Ver Ploeg, Evaluating welfare reform in an era of transition: panel on data and methods for measuring the effects of changes in social welfare programs. (Washington, DC: National Academy Press, 2001) 37.

[15] vgl. O’Connor, 230f.

[16] vgl. Joel F. Handler, “US welfare reform: the big experiment.” Governing work and welfare in a new economy: European and American experiments. Ed. Jonathan Zeitlin und David M. Trubek. (New York: Oxford University Press, 2003: 215-239) 215.

[17] vgl. Hays, 50.

[18] vgl. Dan Zuberi, Differences that matter: social policy and the working poor in the United States and Canada. (Ithaca: Cornell University Press, 2006) 15.

[19] Hays, 4.

[20] ebd., 9.

[21] vgl. Hays, 13. und Michael B. Katz, The undeserving poor: from the war on poverty to the war on welfare. (New York: Pantheon Books, 1989) 5.

[22] vgl. Hays, 17f.

[23] Für genaue Zahlen vgl. Tabellen im Anhang.

[24] vgl. Pontusson, 156. s. ebenfalls A-16 im Anhang.

[25] vgl. Hays, 121.

[26] Michael Harrington, The other America: poverty in the United States. (New York: Touchstone, 1997) xiii.

[27] vgl. Stephanie Luce, Fighting for a living wage. (Ithaca: Cornell University Press, 2004) 48.

[28] s. U.S. Census Bureau (2006): Poverty: 2006 Highlights. (Internet.)

[29] vgl. z.B. Harrington, Hays sowie Katz

[30] Katz, 6f.

[31] vgl. ebd., 17.

[32] vgl. Katz, 6.

[33] vgl. ebd., 237f.

[34] vgl. ebd., 7.

[35] vgl. Harrington, 15.

[36] Horatio Algers im 19. Jahrhundert erschienende Romane beinhalteten hauptsächlich „vom Tellerwäscher zum Millionär“ Geschichten, womit er die Grundlage für dieses Ideal der U.S.-amerikanischen Gesellschaft legte.

[37] Nicholson, xii.

[38] s. U.S. Bureau of Labor Statistics, “A Profile of the Working Poor, 2000.“ (Internet.)

[39] vgl. Elizabeth Lalasz, „Trapped by low wages.” (Internet: 2001.)

[40] vgl. Zuberi, 14.

[41] Beth Shulman, The betrayal of work: how low-wage jobs fail 30 million Americans and their families. (New York: The New Press, 2003) 26.

[42] vgl. Nicholson, 319.

[43] vgl. u. a. David K. Shipler, The working poor: invisible in America. (New York: Alfred A. Knopf, 2005) 292.

[44] vgl. z.B. Moffitt u. Ver Ploeg

[45] s. Frances Fox Piven, “Barbara Ehrenreich – Reviews.” (Internet.)

[46] Zur Erleichterung des Begriffsverständnisses werden in dieser Arbeit „investigativer Journalismus“ sowie „investigatives Reporting“ als äquivalent betrachtet.

[47] Manfred Redelfs, Investigative Reporting in den USA: Strukturen eines Journalismus der Machtkontrolle. (Opladen: Westdeutscher Verlag, 1996) 32.

[48] Bruce Shapiro, Shaking the foundations: 200 years of investigative journalism in America. (New York: Thunder’s Mouth Press / Nation Books, 2003) vii.

[49] Barbara Ehrenreich, Nickel and Dimed – Undercover in Low-wage USA. 2001. (London: Granta Books, 2002) 1.

[50] vgl. Shapiro, vii.

[51] vgl. z.B. Johannes Ludwig, Investigativer Journalismus: Recherchestrategien – Quellen – Informanten. (Konstanz: UVK Verlagsges., 2002) 9.

[52] vgl. David Protess et al., The journalism of outrage: investigative reporting and agenda building in America. (New York: The Guilford Press, 1991) 15.

[53] ebd., 3.

[54] vgl. ebd., 17.

[55] für weitere Informationen vgl. Oliver Kendrick, The My Lai massacre in American history and memory. (Manchester: Manchester Univ. Press, 2006.)

[56] „The Constitution of the United States and The Declaration of Independence.“ 19th ed. (Washington, DC: U.S. Government Printing Office, 1997.) 21.

[57] vgl. Shapiro, xv.

[58] vgl. Shapiro, xv.

[59] Redelfs, 35.

[60] vgl. Shapiro, xv.

[61] vgl. Ehrenreich, 118f und 189f.

[62] vgl. Ludwig, 169.

[63] vgl. Ludwig, 173f.

[64] Ethnographie bedeutet „beschreibende Völkerkunde“ und basiert auf teilnehmender Beobachtung bei einem Feldversuch.

[65] vgl. Protess et al., 63.

[66] s. msn. encarta dictionary. (Internet.)

[67] Ehrenreich (2002), 147.

[68] vgl. z.B. Ehrenreich (2002), 3.

[69] Hays, 54.

[70] ebd. 54.

[71] vgl. Ehrenreich (2002), 4.

[72] s. Robert Birnbaum, „Barbara Ehrenreich – author of Nickel and Dimed talks with Robert Birnbaum.“ (Internet: 2001.)

[73] vgl. z.B. Ehrenreich (2002), 167.

[74] vgl. Ehrenreich (2002), 41.

[75] s. Ehrenreich, “About Barbara.” (Internet.)

[76] Der Ph. D. (lateinisch: Philosophiae Doctor) entspricht im anglo-amerikanischen Studiensystem dem Doktorgrad.

[77] s. z.B. For her own good: two centuries of the experts’ advice to women (1978)

[78] s. Blood Rites: origins and history of the passions of war (1991)

[79] s. The Hearts of Men: American dreams and the flight from commitment (1987)

[80] Für nähere Informationen vgl. Kapitel 5.5.1.

[81] vgl. Ehrenreich (2002), 48.

Details

Seiten
131
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640176267
ISBN (Buch)
9783640176380
Dateigröße
2.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v115884
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Schlagworte
Nickel Dimed Prekäre Arbeitsverhältnisse Niedriglohnsektor

Autor

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Titel: Nickel and Dimed - Prekäre Arbeitsverhältnisse im Niedriglohnsektor der heutigen USA