Lade Inhalt...

Realität, Fiktion und Traum in Günter Grass' "Die Rättin"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Grundlegendes

3. Die Erzählstränge

4. Eine weitere Handlungsebene

5. Zentrale Erzähltechniken

6. Der Aspekt des Traums

7. Zur Frage der Autorschaft

8. Fiktion und Realität

9. Die Rättin als im Entstehen begriffenes Werk

10. Funktionen

11. Zur Gattungsfrage

12. Die pessimistische Grundhaltung in der Rättin

13. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Die Rättin ist ein in vielerlei Hinsicht ungewöhnliches Werk. Daher kann es auch gar nicht in meiner Absicht liegen, alle Besonderheiten und alle denkbaren Interpretationsansätze des Buches aufzuzählen. Statt sich in Detailuntersuchungen zu verzetteln, soll diese Arbeit daher eine Analyse auf der ganz groben Struktur darstellen und so vielleicht eine neue Sichtweise auf das Buch eröffnen.

Nachdem einige grundlegende Besonderheiten des Buches einschließlich der einzelnen Erzählstränge knapp dargelegt wurden, wird eine speziellere Besonderheit der Form unter die Lupe genommen, die fingierte Realität. Diese ist wichtig für das Verständnis des Verhältnisses der Erzählstränge untereinander, das dementsprechend auch erst im Folgenden untersucht werden kann. Dabei spielt die Form des Traums eine bedeutende Rolle. Die Funktionen dieser besonderen Form werden dann unter anderem an der Frage der Autorschaft und der Gattung dargestellt. Schließlich werden die Ergebnisse auf die Interpretation übertragen.

2. Grundlegendes

Bei der Rättin handelt es sich im Prinzip nicht um eine Geschichte, sondern um mehrere, in ihrer Handlung deutlich voneinander abgrenzbare Geschichten, so genannte Erzählstränge. Dies ist an sich noch nichts Ungewöhnliches, das Besondere ist die Art und Weise, auf die die einzelnen Erzählstränge miteinander verknüpft sind. Zwar sind sie zu einem einzigen Werk verbunden, stehen also nicht einfach als Sammlung von Geschichten nebeneinander, aber diese Verknüpfung geschieht auf gänzlich unorthodoxe Weise. So haben die einzelnen Erzählstränge im Prinzip nichts gemeinsam. Die jeweilige Handlung spielt an ganz unterschiedlichen Orten, etwa die Ostsee in Damroka, der Märchenwald im Märchen -Strang, Danzig in der Rättin, sowie eine Reihe unterschiedlicher Orte in der Oskar -Handlung. Auch sind die die Handlung vorantreibenden Protagonisten in jedem einzelnen Strang völlig unterschiedlich.

Stattdessen sind die einzelnen Stränge auf scheinbar absurde, jeder Alltagslogik entbehrende Weise miteinander verbunden, etwa wenn Oskar als angebetete Mumie im Rättin -Strang auftaucht, obwohl er gleichzeitig in seinem eigenen Strang weiterlebt.

Um zu erkennen, wie das genau funktioniert und welche Logik hinter dieser ungewöhnlichen Art der Verknüpfung steckt, müssen erst einige Dinge zum formalen Aufbau, sprich zu den einzelnen Erzählsträngen gesagt werden.

3. Die Erzählstränge

Schon die Frage, welche und wie viele Erzählstränge in der Rättin tatsächlich auftauchen, ist nicht ganz einfach zu klären. Weitgehend eindeutig als eigenständige Stränge erkennbar sind aber die folgenden:

a) Die Rättin, dieser Strang beinhaltet den Dialog zwischen dem Ich-Erzähler und der Rättin, die nur bedingt mit seiner Ratte, die er zu Weihnachten bekommen hat, gleichzusetzen ist.
b) Oskar, die Geschichte um Oskar Matzerath, gleichsam als Fortsetzung der Blechtrommel.
c) Damroka, die Geschichte der Frauen auf dem Forschungsschiff Die neue Ilsebill.
d) Märchenwald, der Erzählstrang um die im Buch auftauchenden Märchenfiguren und ihrem Kampf gegen die Politik.
e) Malskat, die Geschichte um die gleichnamige Person, einen Fälscher gotischer Wandmalereien.

Dies sind mit Sicherheit die Hauptstränge, mögliche andere, wie etwa Hameln, spielen nur eine untergeordnete Rolle, vorausgesetzt, sie besitzen überhaupt den Status eines eigenen Erzählstrangs. Auf diese Diskussion kann und soll hier nicht näher eingegangen werden.

4. Eine weitere Handlungsebene

Wichtig ist allerdings noch anzumerken, dass es neben diesen Erzählsträngen noch einen weiteren Aspekt gibt, der aufgrund seines geringen Umfanges nicht unbedingt den Status eines eigenen Erzählstrangs hat, der aber im Werk eine ganz besonders wichtige Funktion erfüllt, auf die im weiteren Verlauf noch näher eingegangen wird. Diesen Aspekt könnte man als fingierte Realität bezeichnen. Was mit der Bezeichnung genau gemeint ist, wird noch zu zeigen sein. Bei dem Handlungsstrang[1] handelt es sich um die Szenen, die den Ich-Erzähler zu Hause zeigen, wie gleich in den ersten Sätzen im Buch[2]:

Auf Weihnachten wünschte ich eine Ratte mir, hoffte ich doch auf Reizwörter für ein Gedicht, das von der Erziehung des Menschengeschlechts handelt. Eigentlich wollte ich über die See, meine baltische Pfütze schreiben; aber das Tier gewann. Mein Wunsch wurde erfüllt. Unterm Christbaum überraschte die Ratte mich.

(7)

Knapp drei Seiten lang wird dieser Strang beibehalten, bevor langsam auf den Rättin -Strang hingeführt wird:

Neuerdings träumt sie mir: Schulkram, des Fleisches Ungenügen, was alles der Schlaf unterschiebt, in welche Geschehnisse ich hellwach vermengt werde; meine Tagträume, meine Nachtträume sind ihr abgestecktes Revier. Keine Wirrnis, der sie nicht nacktschwänzig Gestalt gäbe. Überall hat sie Duftmarken gesetzt. Was ich vorschiebe – schranktiefe Lügen und Doppelböden –, sie frißt sich durch. Ihr Nagen ohne Unterlaß, ihr Besserwissen. Nicht mehr ich rede, sie spricht auf mich ein.

Schluß! sagt sie. Euch gab es mal.

(9f)

Diese fingierte Realität kommt im Verlauf des Buches immer wieder zum Vorschein, wenn auch jeweils nur kurz. So wird zum Beispiel erwähnt, dass der Ich-Erzähler Radio hört:

Heute verbreitete sich der Schulfunk über vergangene und gegenwärtige Produktionsmethoden der Landwirtschaft. Hörspielartig war von Brandrodung, dann von der Dreifelderwirtschaft, von Monokulturen, schließlich vom biodynamischen Anbau, von Kompost, Brennesselsud und so weiter die Rede. Still, wie in sich gekehrt, saß sie [d. i. die Weihnachtsratte] in Richtung Radio, die runden Ohren gespitzt, alle Witterhaare auf Habacht gestellt. Sogar >>Der fröhliche Landmann<<, als abschließende Musik, gefiel ihr.

Jetzt schweigt das Dritte Programm. Weder sie noch ich wollen hören, nach welchen Gesichtspunkten die Brüsseler Behörden den Milchfluß dämmen oder neue Fangquoten für den Kabeljau bemessen. Daß, nach Angaben der FAO, pro Weltsekunde dreikommafünf bis vier Kinder verhungern, wissen wir schon.

(352)

In diesen Beispielen wird ersichtlich, dass es sich bei dem Ich-Erzähler um einen Schriftsteller handelt, der sich von seiner Ratte zu seiner literarischen Arbeit inspirieren lässt. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich bei dem Werk des Ich-Erzählers um das tatsächlich vorliegende Buch handeln soll. Zwar spricht er von einem „Gedichtband“, allerdings sind ja auch Gedichte in der Rättin enthalten.

Inhaltlich scheint Die Rättin jedenfalls tatsächlich wie von der Weihnachtsratte sowie den aktuellen Nachrichten im „Dritten Programm“ inspiriert. Der Damroka -Erzählung entspricht zudem eine Postkarte in der fingierten Realität:

Als gäbe es kein Telefon, per Postkarte wurde mir das Einlaufen des Schiffes in den Hafen von Travemünde gemeldet:

>>Brief folgt.<<

Im folgenden Brief steht besorgt viel Liebes: Neben der Wolldecke fürs Doppelbett sei ein Pullover für mich fertig geworden. Weiterhin lese ich: Wie geplant hätte die Schiffsreise ihren Verlauf genommen. Sogar die Küstengewässer der DDR wären ohne besondere Schwierigkeit zu befahren gewesen. Allerdings habe man weder Greifswald noch Peenemünde anlaufen dürfen. >>Zuviel Konservenkost! Abends wurde oft Chormusik a capella gehört.<<

(445)

Viele der phantastischen Aspekte der Haupterzählstränge können also auf ziemlich realistische Gegebenheiten in dieser fingierten Realität zurückgeführt werden.

Roehm sieht hier einen sechsten Erzählstrang (80). Dem stimme ich nicht zu, erstens wegen des geringen Raumes, den die fingierte Realität im Buch einnimmt, und zweitens weil dieser Teil eine gänzlich andere Funktion hat als die anderen Stränge, wie sich noch zeigen wird.

5. Zentrale Erzähltechniken

Wie oben bereits erwähnt, sind die fünf Haupterzählstränge der Rättin inhaltlich ganz klar voneinander unterscheidbar. Auf der formalen Ebene ist die Trennung jedoch vielfach schwierig, zum Teil sogar unmöglich.

Die Einteilung des Buches in 12 Kapitel hat nichts mit den Erzählsträngen zu tun, wie schon ein Blick auf die zusammenfassende Überschrift zum ersten Kapitel zeigt:

DAS ERSTE KAPITEL, in dem ein Wunsch in Erfüllung geht, in Noahs Arche kein Platz für Ratten ist, vom Menschen nur Müll bleibt, ein Schiff oft seinen Namen wechselt, die Saurier aussterben, ein alter Bekannter auftritt, eine Postkarte einlädt, nach Polen zu reisen, der aufrechte Gang geübt wird und mächtig Stricknadeln klappern.

(7)

Allein diese Zusammenfassung gibt schon Hinweise auf vier der fünf Erzählstränge, nämlich die Rättin – Noahs Arche, der aufrechte Gang –, Märchenwald – Müll –, Damroka – das Schiff, Stricken – und Oskar – ein alter Bekannter, die Postkarte. Der in Erfüllung gehende Wunsch bezieht sich natürlich auf die keinem der Haupterzählstränge direkt zuzuordnende fingierte Realität. Einzig der Malskat -Strang findet hier also keine Erwähnung, er taucht im ersten Kapitel auch noch nicht auf. Es wird also immer wieder zwischen den einzelnen Strängen hin- und hergesprungen, sie werden parallelgeführt.

Hinzu kommt, dass die Protagonisten der einzelnen Stränge dazu neigen, sich in die jeweils anderen Stränge einzumischen, dies gilt vor allem für die Rättin und Oskar Matzerath. Dieser ist Videoproduzent und greift als solcher in die Stränge Märchenwald und Malskat ein. Der Ich-Erzähler schreibt sie als Drehbücher in seinem Auftrag und muss dementsprechend auch seine Änderungswünsche berücksichtigen, wie dieses Beispiel aus dem Märchenwald -Strang zeigt:

Abermals beginnen die Hände des Mädchens mit sich Stein Papier Schere zu spielen. Der wachküssende Prinz küßt wie von Sinnen die Puppe. Rotkäppchens Großmutter liest dem Wolf Wörter aus vergangener Zeit vor. Alle hoffen, daß dieses Märchen ein gutes Ende nehmen möge.

>>Einspruch! Ich sehe schwarz für den Film. Das Gefälle dieser Geschichte<<, ruft er, >>ist zu katastrophal. Was soll diese unmotivierte Toleranz! Niemals darf man die Grimmbrüder einfach so laufenlassen.<<

(359f)

Einzig ein Element, der Große Knall, also der Weltuntergang durch den Atomkrieg, verbindet zumindest drei der fünf Erzählstränge direkt in der Handlung, nämlich die Rättin, Damroka und Oskar. Für den Rättin -Strang ist der Große Knall der Ausgangspunkt, er ist die Voraussetzung für die post- und die neohumane Zeit, die ja Hauptgegenstand dieses Erzählstranges sind. Der Damroka -Strang wird durch den Weltuntergang beendet, die fünf Frauen finden im Feuersturm ihr Ende:

Doch kaum haben die Frauen begriffen, daß ihnen auf dieser Welt kein Ort ist, es sei denn, sie ließen Abscheu nicht zu, [...] sondern zögen stumm und festlich [...] zu den Ratten, [...] da zerreißen nahbei und entfernt Blitze den Himmel. Nie gesehenes Licht. Sie sind geblendet. Hitze haucht sie verzehrend an. Sie vergehen. Wo ich hindeute, suche, ist nichts mehr.

(314)

[...]


[1] Die Bezeichnung Handlungss trang ist hier in Ermangelung eines besseren Terminus gewählt, es sei aber noch einmal darauf hingewiesen, dass es sich hier nicht unbedingt um einen Erzählstrang im Sinne einer im Prinzip eigenständigen Geschichte, sondern lediglich um einen kleineren Handlungsstrang handelt.

[2] Zitate aus der Rättin beziehen sich im Folgenden immer auf die dtv-Ausgabe von 1998.

Details

Seiten
18
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640174027
ISBN (Buch)
9783640174225
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v115875
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,7
Schlagworte
Realität Fiktion Traum Günter Grass Rättin Ausgewählte Romane

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Realität, Fiktion und Traum in Günter Grass' "Die Rättin"